Der Löwe des Pharaos - Selma Nemo - E-Book

Der Löwe des Pharaos E-Book

Selma Nemo

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Beschreibung

Dies ist der 5. Teil der Pharaonen-Familiensaga von Selma Nemo. Pharao Navakam sieht sich mit einem großen Problem konfrontiert: Seine Schatzkammer wurde ausgeraubt – ein einmaliger Vorgang in der Geschichte Ägyptens. Wenige Monate später überfallen Wüstenkrieger die Oase Nagta. In beide Ereignisse ist seine älteste Tochter Merinde verwickelt, denn sie besitzt die Gabe, Dinge vorauszusehen. Unter dramatischen Umständen bekommt sie einen kleinen Löwen geschenkt, der sich besonders zum Pharao und später zu dessen Enkel Remhab hingezogen fühlt. Es gibt kein anderes Tier, das im Palast so großen Eindruck machen könnte, wenn fremde Würdenträger erscheinen. Remhab, der Thronfolger, tritt als junger Mann eine gefährliche Reise ins Innere Afrikas an. Er erlebt Liebesglück, muss aber auch großes Leid ertragen. Zurück im Königspalast bereitet ihm ausgerechnet sein Großvater Navakam eine böse Überraschung. Remhab soll eine Entscheidung treffen, bei der er sich von vornherein als Verlierer fühlt. Um erst einmal Abstand zu gewinnen, geht er erneut auf Reisen. Allmählich gerät sein Leben wieder in ruhigere Bahnen, doch dann überfallen Sklavenjäger das Nildelta. Jetzt zeigt sich der wahre Wert des Löwen.

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Seitenzahl: 616

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Der Löwe des Pharaos

Selma Nemo

Historischer Roman

Dies ist der 5. Teil der Pharaonen-Familiensaga von Selma Nemo.

Pharao Navakam sieht sich mit einem großen Problem konfrontiert: Seine Schatzkammer wurde ausgeraubt – ein einmaliger Vorgang in der Geschichte Ägyptens. Wenige Monate später überfallen Wüstenkrieger die Oase Nagta. In beide Ereignisse ist seine älteste Tochter Merinde verwickelt, denn sie besitzt die Gabe, Dinge vorauszusehen. Unter dramatischen Umständen bekommt sie einen kleinen Löwen geschenkt, der sich besonders zum Pharao und später zu dessen Enkel Remhab hingezogen fühlt. Es gibt kein anderes Tier, das im Palast so großen Eindruck machen könnte, wenn fremde Würdenträger erscheinen.

Remhab, der Thronfolger, tritt als junger Mann eine gefährliche Reise ins Innere Afrikas an. Er erlebt Liebesglück, muss aber auch großes Leid ertragen. Zurück im Königspalast bereitet ihm ausgerechnet sein Großvater Navakam eine böse Überraschung. Remhab soll eine Entscheidung treffen, bei der er sich von vornherein als Verlierer fühlt. Um erst einmal Abstand zu gewinnen, geht er erneut auf Reisen. Allmählich gerät sein Leben wieder in ruhigere Bahnen, doch dann überfallen Sklavenjäger das Nildelta. Jetzt zeigt sich der wahre Wert des Löwen.

Copyright © 2025 by Selma Nemo

c/o AutorenServices.de

Birkenallee 24

36037 Fulda

Lektorat: Christine Spindler

Cover: Ria Raven, www.riaraven.de

Verwendete Grafiken: @shutterstock: 2697967189, 2417097853, Naomi Marcin 601704728-4, KDdesign_photo_video 2039545907-3

All rights reserved.

No part of this book may be reproduced in any form or by any electronic or mechanical means, including information storage and retrieval systems, without written permission from the author, except for the use of brief quotations in a book review.

Formatiert mit Vellum

Inhalt

Vorwort

Erster Teil

Die Prinzessin

Amek

Die Gabe

Die Pektorale

Der Einstand

Der Ehrenkodex

Der Diebstahl

Die Verhöre

Die Entlassung

Der Hoffnungsträger

Der Verräter

Wiedergeboren

Die Brautwerbung

Die Unterstützer

Achmin

Der Wendepunkt

Thu

Der Tempel des Seth

Die Schuld

Der blinde Fischer

Der alte Palast

Vollendete Tatsachen

Der Schrein

Intef und Hathfertiti

Die Parallele

Schlechte Nachrichten

Aufbruch nach Westen

Das Anwesen im Delta

Die Oase Nagta

Der Sandsturm

Ungleicher Kampf

Die Nachhut

Die Höhlen

Herold Mefres

Die Entdeckung

Das gebrochene Herz

Sagedi

Hündin Isis

Der Speertanz

Der alte Fürst

Besuch aus der Hauptstadt

Die Suche

Die Befreiung

Mit den Waffen einer Frau

Tani

Der Glückliche

Die Flucht

Ungutes Wiedersehen

Merus Vorschlag

Heimkehr

Das Fest

Die Belohnung

Gesunder Menschenverstand

Ein einziger Schlag

Remhab

Die Schatzhüterinnen

Zurück im Delta

Zweiter Teil

Das Haus des Todes

Die Strafe

Sannas Seelenheil

Ein schicksalsträchtiger Tag

Auf Reisen

Eine rätselhafte Nachricht

Auf unbequemen Pfaden

Rukeke

Jerli

Der Seherpriester

Der zweite Besuch

Merinde

Der Talisman

Schwärzer als die Nacht

Das Gold

Drei Frauen

Der Jagdausflug

Die Totenwache

Zemute

Abschied und Aufbruch

Der Vertrag

Astnefert

Der Liebesbrief

Das Ehrenwort

Die Zeremonie

Navakam

Auf nach Norden

Nesptah

Qebt

Die Überraschung

Die Beichte

Niva

Königliches Blut

Emschu

Die Zwillingsschwestern

Das Haus des Lebens

Das Haus neben der Werft

Die Malschule

Der wahre Grund

Der kleine Tempel

Das vergangene Leben

Molo

Nopher

Die Sphinx

Der Überfall

Meret

Amenardis

Das Langschiff

Alte Briefe

Zeittafel

Informationen über das alte Ägypten

Danksagung

Selma Nemo

Vorwort

Dieser Roman schließt zeitlich gesehen an die ersten vier Folgen der Pharaonen-Saga an, deren Titel lauten:

»Die Keltin und der Pharao«

»Die Kinder des Pharaos«

»Der Enkel des Pharaos«

»Der wiedergeborene Pharao«

Jeder Roman ist so konzipiert, dass man nicht unbedingt die anderen Teile gelesen haben muss. Doch zur besseren Orientierung stelle ich kurz die wichtigsten Personen und Ereignisse der Saga vor. Pharao Nehesi und seine keltische Frau Keena haben vier Söhne und eine Tochter, Madain. Sie besucht mit ihrem ältesten Bruder Dedumose die Heimat ihrer Mutter und wird dort von einem Nordmann schwanger. Zurück in Ägypten bringt sie Sohn Jasen zur Welt.

Jahre später nach dem Tod von Nehesi und Keena wird Dedumose zum Pharao ernannt. Er verscherzt es sich jedoch mit den Priestern, weil er seine Eltern nach keltischem Brauch im Palastgarten bestatten lässt und nicht – wie es die ägyptische Tradition erfordert – auf der anderen Seite des Nils in einer unterirdischen Grabanlage. Die Priester hetzen das Volk auf. Dedumose bleibt nichts anderes übrig, als abzudanken und den Thron seinem jüngsten Bruder Intef zu überlassen.

Intefs Gemahlin bringt zwei Söhne zur Welt. Sie sterben tragischerweise in jungen Jahren, der Erstgeborene bei einem nächtlichen Wagenrennen, der Jüngere an einem Fieber. Daraufhin wird Jasens Sohn Navakam zum Nachfolger von Intef ernannt. An dieser Stelle endet Teil vier der Saga. In der Geschichte der Pharaonenfamilie vergehen vierzehn Jahre, bis »Der Löwe des Pharaos« beginnt.

Ich muss gestehen, dass der fünfte Teil eigentlich »Die Schatzkammer des Pharaos« heißen sollte, so wurde es im Nachwort von Teil vier angekündigt. Meine verehrten Leserinnen und Leser werden im Lauf dieser Lektüre feststellen, wieso es zu den unterschiedlichen Titeln kam. Ich wünsche ihnen jetzt, dass sie sich erneut vom alten Ägypten verzaubern lassen können.

Erster Teil

Die Prinzessin

Seit drei Generationen, angefangen bei Pharao Nehesi und seiner Frau, der Keltin Keena, waren in der königlichen Familie fast nur Söhne geboren worden. Das änderte sich erst mit der Herrschaft von Pharao Navakam. Seine Große Königliche Gemahlin Amenardis schenkte ihm als erstes Kind eine Tochter. Sie gaben ihr den Namen Merinde.

Das Herrscherpaar war entzückt, denn die weibliche Linie galt als wesentlicher Bestandteil pharaonischer Macht. Schon als kleines Mädchen entsprach Merinde dem ägyptischen Ideal, war feingliedrig und besaß ein schmales Gesicht mit großen dunklen Augen und langen Wimpern. Auffällig waren ihre blonden Haare, die in Locken bis auf die Schultern fielen. Es war das erste Mal, dass diese Pracht an ein Mädchen vererbt worden war. Davor hatte es nur männliche Blondschöpfe gegeben: Navakam und dessen Vater Jasen.

Merinde konnte schon früh sprechen, war wissbegierig und an allem interessiert, was um sie herum geschah. Vom fünften Lebensjahr an erhielt sie Unterricht bei einem Lehrer. Er brachte ihr Lesen, Schreiben, Rechnen und Götterkunde bei. Am liebsten mochte sie den Geschichtsunterricht, beginnend mit den ersten Pharaonen, die über Ägypten geherrscht hatten.

Ihre sieben Cousins kamen jeden Nachmittag, um sie zum Spielen abzuholen. Sie hatten auf einem ebenen Platz ein kleines Loch gegraben und setzten sich in einem großen Kreis drum herum. Jedes Kind versuchte, mit einer Glasmurmel das Loch zu treffen. Siegreich war der, dem es am häufigsten gelang. Die Cousins merkten schon bald, dass Merinde empfindsam war. Es machte ihr nichts aus zu verlieren. Sie konnte es nur nicht leiden, wenn sich die anderen um eine besonders schöne Murmel stritten. Der Gewinner durfte von jedem anderen Teilnehmer eine aussuchen und das führte zu heftigen Auseinandersetzungen. Merinde gab immer, ohne zu murren, die gewünschte Murmel her.

Als es eines Tages zu einer wilden Rauferei kam, beschloss sie, lieber allein zu spielen. Damit die anderen sie in Ruhe ließen, verzog sie sich in den hinteren Garten. Zum Palastgebiet, das von einer hohen Mauer umgeben war, gehörten drei Gärten. Der vordere, der an der Uferstraße des Nils lag, wurde am sorgfältigsten gepflegt. Hinter dem zweiflügeligen Eingangstor begann ein Laubengang aus Weinranken, zu dessen Seiten prächtige Blumenbeete gediehen. Im mittleren Garten, in dem auch der Palast samt Nebengebäuden stand, hielt sich für gewöhnlich die königliche Familie auf.

Der hintere Garten war der größte und gliederte sich in zwei Teile. Links vom Hauptweg stand das Quartier der Leibwächter und etwas zurückgesetzt waren die Unterkünfte für Diener und Sklaven errichtet worden. Es gab ein Areal mit prächtigen Sykomoren und Akazien, das den Hofdamen zum Flanieren diente. Rechts des Hauptwegs war vor ein paar Jahren ein umzäuntes Areal für Wüstenfüchse, Antilopen und Giraffen angelegt worden. Außerdem gab es eine verhältnismäßig große Fläche, auf der die Gärtner verschiedene Gemüsesorten und Salat anbauten. Dorthin zog sich Merinde zurück. Das übliche Spiel allein zu spielen, hätte jedoch kaum Sinn ergeben. Sie überlegte daher, was sie stattdessen mit den schönen Glasmurmeln machen könnte, von denen jede eine andere Farbe besaß.

Als sie eines Tages Männer beobachtete, die neben der Schiffsanlegestelle des Palasts arbeiteten, kam ihr eine wunderbare Idee. Drei Monate zuvor hatte die alljährliche Nilschwemme stattgefunden. Nachdem das Wasser abgeflossen war, blieb Schlamm übrig, in den die Bauern Getreide aussäten. Das weiche Material diente aber auch zur Herstellung von Ziegeln. Man musste es nur mit kleingehacktem Stroh vermischen, in rechteckige Formen gießen und in der Sonne steinhart werden lassen.

Merinde beauftragte zwei Sklaven, Nilschlamm zu besorgen, der nicht mehr allzu feucht war, und formte ein drei Ellen hohes Gebilde, das Ähnlichkeit mit einer Pyramide besaß, aber keine Ecken, sondern runde Formen aufwies. Es war eine schweißtreibende und schmutzige Arbeit, doch die Prinzessin machte unverdrossen weiter. Als sie mit ihrem Werk zufrieden war, fuhr sie mit zwei Fingern in Schlangenlinien von der Spitze bis zum Boden hinunter. Andächtig betrachtete sie das Ergebnis und ließ sich anschließend im Badehaus der Frauen von ihrer Leibdienerin Udja waschen und neu einkleiden. Dabei musste sie sich anhören, dass es sich für ein Mädchen nicht geziemte, im Dreck zu spielen. Sie nahm es mit stoischer Miene zur Kenntnis.

Es dauerte ein paar Tage, bis die Konstruktion getrocknet war und sie die erste Murmel von oben hinunter rollen lassen konnte. Was für ein Vergnügen! Sie fand heraus, dass die Murmeln je nach Größe und Gewicht unterschiedlich lang brauchten, ehe sie unten ankamen, und konnte sich stundenlang damit beschäftigen.

Doch eines Morgens musste sie zu ihrem größten Kummer feststellen, dass die Bahn zerstört worden war. Zuerst dachte sie, dass es Paviane gewesen sein könnten, die gelegentlich über die Palastmauer kletterten, um Granatäpfel zu stibitzen und allerhand Unfug zu treiben. Die Affen galten als heilig, weil sie frühmorgens auf den Tempeldächern saßen, als wollten sie die Ersten sein, die Sonnengott Re begrüßten. Es wäre also nie in Frage gekommen, sie mit Stockschlägen zu vertreiben.

Inmitten des Zerstörungswerks entdeckte Merinde jedoch Sandalenabdrücke mit einem eigenartigen Wellenmuster. Sie ließ sich von einem Diener Papyrus, Tinte und Schreibfeder bringen, zeichnete das Muster ab und zeigte es dem Schuhmacher, der regelmäßig vorbeikam, um den Palast zu beliefern. Er erklärte, dass Djeser, Merindes ältester Cousin, seit Jahren solche Sohlen trug. Es musste ihn wohl gefuchst haben, dass sich ausgerechnet ein Mädchen etwas derart Geniales wie eine Murmelbahn ausgedacht hatte.

Wie sollte sie darauf reagieren? Natürlich hätte sie als Tochter des Pharaos dafür sorgen können, dass Djeser bestraft wurde. Doch sie fürchtete sich vor seiner Rache, die womöglich noch heimtückischer ausfiel als die Zerstörung der Bahn. Nach einigem Grübeln kam ihr der Gedanke, ihren Vater um einen Leibwächter zu bitten. Normalerweise wurde sie von einem Kindermädchen begleitet, wenn sie allein im Garten spielte. Ein Leibwächter hingegen würde durch seine pure Gegenwart eine abschreckende Wirkung erzielen.

Sie suchte Navakam in seinem Arbeitszimmer auf. Er gab ihr mit einem Wink zu verstehen, dass sie warten müsse, bis er seinem Schreiber einen Brief zu Ende diktiert hatte. Sein schmales Gesicht mit den schönen dunklen Augen wirkte ernst. Da er hinter seinem Schreibtisch saß, konnte Merinde nur den Oberkörper sehen, der wie üblich in der warmen Jahreszeit unbekleidet war. Er trug lediglich einen breiten Halskragen aus blauen und roten Edelsteinperlen, der bis zu den Schultern reichte. In der Mitte des Kragens funkelte ein goldenes Lebenszeichen. Nachdem sein Schreiber den Raum verlassen hatte, schenkte Navakam seiner Tochter ein zärtliches Lächeln und erkundigte sich nach dem Grund ihres Besuchs.

»Wie du weißt, lieber Vater, halte ich mich gern im hinteren Garten auf. Mir wäre wohler, wenn mir dort ein Leibwächter zur Verfügung stünde«, erklärte sie.

Nach kurzem Nachdenken stimmte er zu: »Du hast recht. Ich hörte, dass sich immer öfter Paviane dort herumtreiben. Sie könnten dir gefährlich werden. Ich bitte den Hauptmann, einen Wächter für dich auszuwählen.«

Am nächsten Tag wurde ihr Nezem zugeteilt, ein Grauhaariger, der schon seit Jahren in Diensten der Königsfamilie stand. Sie zeigte ihm die zerstörte Murmelbahn, ohne zu erwähnen, dass sie wusste, wer der Täter war. Nezem ermunterte sie, eine neue Bahn zu bauen, und half, das entsprechende Material heranzuschaffen. Doch bedauerlicherweise empfand er seine neue Position als Degradierung. Stundenlang tatenlos herumzustehen, während sie mit ihren Murmeln spielte, war nicht nach seinem Geschmack. Bei so einem Schützling würde er sich nie mit einer Heldentat auszeichnen können. Merinde spürte seine Abneigung und litt darunter.

Da beschloss sie, sich mehr mit ihren jüngeren Schwestern, den Zwillingen Tani und Sunit, zu beschäftigen. Die beiden ähnelten Merinde vom Gesicht her, besaßen jedoch schwarze Haare. Jetzt hatte Leibwächter Nezem noch weniger zu tun, weil sie sich meistens im Haus aufhielt oder auf der Terrasse des Gebäudes, in dem sie mit ihren Eltern wohnte. Früher war es üblich gewesen, dass Frauen und Männer getrennt untergebracht wurden. Pharao Nehesi und seine Gattin Keena hatten mit dieser Tradition gebrochen und ein abseits gelegenes Gartenhaus bezogen. Ihre Nachkommen taten dasselbe, so dass der ehemalige Frauentrakt, der im rechten Winkel an den Männertrakt anschloss, nur noch von Merindes Tante Nihotep und drei älteren Damen bewohnt wurde. Im Männertrakt hatte man die Cousins untergebracht, die das achte Lebensjahr erreicht hatten.

Merinde liebte das großzügig gestaltete Kinderzimmer ihrer Schwestern, das neben ihrem eigenen lag. Es besaß zwei Betten, die mit bunten Kissen ausgestattet waren, zwei mit Schnitzereien verzierte Kleiderkommoden, einen niedrigen Tisch und jede Menge Sitzpolster, aus denen man Höhlen bauen konnte. Am liebsten spielten die Zwillinge mit Puppen. Merinde bevorzugte Tierfiguren aus Holz oder Elfenbein.

Eine Woche nach ihrem vierzehnten Geburtstag hörte sie zufälligerweise, wie sich Leibwächter Nezem beim Hauptmann beschwerte. Er würde die Prinzessin zwar gernhaben, aber früher habe er einem ihrer Onkel gedient. Das wäre aus seiner Sicht die bessere Aufgabe. Er konnte mit ihm wunderbare Reisen auf dem Nil unternehmen, zwei Mal sogar ins Ausland.

Merinde wunderte sich. Es keimte aber auch Hoffnung auf. Vielleicht würde sie bald von Nezem befreit werden. Die beiden Männer merkten nicht, dass sie alles durchs offene Fenster mitbekommen hatte, und setzten ihr Gespräch unbefangen fort.

»Warum fühlst du dich nicht geehrt, die Prinzessin beschützen zu dürfen?«, tadelte der Hauptmann.

»Für die Königsfamilie mag es zutreffen, dass die Geburt eines Mädchens eine große Sache ist. Aber ich denke anders.«

Der Hauptmann stöhnte unwillig: »Du bist nur für die Nachmittage zuständig, da Merinde vormittags unterrichtet wird. Das ist doch nicht zu viel verlangt! Wie soll ich es seiner Majestät gegenüber begründen, dass du ihr nicht mehr zur Seite stehen willst? Sie ist sein Augenstern.«

»Sie ist wirklich entzückend. Das Beste wäre, wenn sie von sich aus einen anderen Leibwächter bevorzugen würde, vielleicht jemanden, der jünger ist als ich.«

»Dann muss ich wohl diesen Neuen verpflichten, der sich gestern vorgestellt hat. Er heißt Amek und ist erst siebzehn Jahre alt.«

»Das passt doch wunderbar!«, grinste Nezem. »Vielleicht hat er Lust, ihr zuzuschauen, wie sie die Puppen ihrer Schwestern mit Brei füttert.«

Die beiden entfernten sich lachend und Merinde beschloss herauszufinden, wer dieser Amek war. Sie schlich zum Quartier der Leibwächter und ging hinter einem Maulbeerbaum in der Nähe des Eingangs in Deckung. Sie musste lange warten, bis ein junger Mann heraustrat, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Er besaß die typische Statur eines Soldaten, war groß und breitschultrig. Seine schwarzen Haare waren kurz geschnitten, die Augen schimmerten dunkelbraun. Seine Wangenknochen traten leicht hervor und am Kinn hatte er eine Narbe. Ein breites Lächeln spielte um seine Mundwinkel, als er den Blick über den schönen Garten schweifen ließ, ohne Merinde zu entdecken, die hinter den weit ausladenden Zweigen gut versteckt war. Er trug die Kleidung der Leibwächter: eine wattierte Schutzweste in den königlichen Farben Weiß und Gold, einen weißen Hüftrock und eng geschnürte Sandalen.

Während sie ihn betrachtete, geschah etwas Eigenartiges mit ihr. Es war, als könnte dieser Mann ihr Herz berühren. Sie spürte seine Gegenwart so deutlich, als würde er direkt vor ihr stehen, dabei lagen mindestens zwanzig Schritte zwischen ihnen. Was geschieht mit mir?, fragte sie sich erschrocken. Vorsichtig trat sie den Rückzug an. In ihrem Zimmer dachte sie lange über den Neuen nach, fand aber keine Erklärung für den Aufruhr in ihrem Inneren.

Amek

Er staunte nicht schlecht, als ihm angekündigt wurde, dass er sich im Verwaltungsgebäude einzufinden habe, wo ihn Pharao Navakam höchstpersönlich empfangen würde. Rasch eilte er, vom Hauptmann begleitet, in die angegebene Richtung, nahm sich nicht die Zeit, die Gebäude, die er unterwegs sah, näher in Augenschein zu nehmen und ihre Eleganz zu bewundern. Am Ende eines langen Flurs wurde ihnen eine prächtige mit Ornamenten verzierte Tür geöffnet. Amek trat voller Ehrfurcht ein. Der Raum wurde von hohen Fenstern beherrscht, zwischen denen Regale standen, deren Fächer mit einer Vielzahl Papyrusrollen gefüllt waren.

Navakam saß hinter einem Schreibtisch aus Zedernholz. Zur Rechten des Pharaos hatte ein Mann Platz genommen, der ebenfalls blond, aber wesentlich älter war. Amek und der Hauptmann verneigten sich tief vor den beiden und warteten darauf, angesprochen zu werden.

»Ich habe drei Töchter, auf die ich sehr stolz bin«, begann der Pharao. »Merinde, die älteste, wünscht sich einen neuen Leibwächter. Warum glaubst du, Amek, dass du der geeignete Kandidat sein könntest?«

Der Angesprochene wurde blass. Mit einer derart unverblümten Frage hatte er nicht gerechnet. Doch dann räusperte er sich und erklärte vorsichtig nach Worten suchend: »Majestät, ich danke dir, dass ich vor dir erscheinen darf. Es wäre mir eine große Ehre, deiner Tochter dienen zu dürfen. Ich habe eine kleine Schwester, die ich von Herzen liebe. Daher glaube ich, dass ich mit einem Mädchen angemessen umgehen kann. Mir ist bewusst, dass ich behutsam sein muss. Vielleicht denkst du, dass ich noch zu jung und unerfahren bin. Aber ich habe eine gute Ausbildung genossen und kann dir das Empfehlungsschreiben meines Waffenmeisters vorlegen.«

Navakam gab mit einem Wink zu verstehen, dass er ihm das Schreiben aushändigen solle, überflog es kurz und reichte es an den Mann zu seiner Rechten weiter, der es sorgfältig studierte.

In diesem Augenblick entscheidet sich mein Schicksal, begriff Amek.

Nachdem der Ältere zu Ende gelesen hatte, hob er den Kopf und behauptete: »Du kommst mir irgendwie bekannt vor, Amek, so als hätte ich dich schon mal gesehen. Kann das sein?«

»Bedaure, hoher Herr«, erwiderte der Angesprochene, »ich würde mich zweifellos an dich erinnern.«

»Gut, dann geh jetzt in dein Quartier. Du bekommst unsere Entscheidung morgen mitgeteilt.«

Amek fühlte sich wie betäubt, als er den Raum verließ, und folgte dem Hauptmann mit schweren Schritten. Draußen erkundigte er sich, wer der ältere Mann war, und erfuhr, dass es sich um Jasen handelte, den Vater von Navakam, der selbst nie den Titel Pharao verliehen bekommen hatte. Navakams Vorgänger hieß Intef, war sein Onkel, und hatte auf das höchste Amt verzichtet, als er krank geworden war.

Den Rest des Tages verbrachte Amek im Wohngebäude der Leibwächter, einem schlichten, zweckmäßigen Bau. Alle fünfundvierzig Männer waren darin untergebracht, außerdem gab es einige leerstehende Räume für Besucher. Einen davon durfte Amek benutzen. Er lag im Erdgeschoss mit Blick nach Westen und war mit einem Bett, einem Tisch, zwei Korbsesseln und einer Kleiderkommode ausgestattet.

Ihm stand nicht der Sinn danach, sich mit den anderen Leibwächtern zu unterhalten. Die Behauptung Jasens, dass er ihn kennen würde, hatte ihn so sehr verstört, dass er in Ruhe nachdenken wollte. Leider gab es ein dunkles Familiengeheimnis, das er unbedingt wahren wollte, vor allem, da es im Augenblick um eine aussichtsreiche Position am Königshof ging. Sehe ich meinem Onkel Anchmahor tatsächlich ähnlich?, sorgte er sich. Er hat großes Unglück über uns gebracht, indem er zum Verräter wurde. Ich habe ihn nie kennengelernt, er starb, bevor ich geboren wurde.

Um nicht ganz und gar in Trübsinn zu verfallen, rief er sich seine kleine Schwester Mutnofret ins Gedächtnis, ihr hübsches Kindergesicht, ihre leuchtenden Augen und ihre zwitschernde Stimme. Falls es etwas gibt, was seine Majestät veranlasst, mich einzustellen, dann die Tatsache, dass es Mutnofret gibt. Dieser Gedanke tröstete ihn.

Zu seiner größten Freude wurde ihm am anderen Morgen mitgeteilt, dass er die Stelle bekommen würde, allerdings erst einmal zur Probe. Der Hauptmann schlug einen ernsten Ton an und forderte: »Behandle Merinde so höflich und respektvoll, als wäre sie bereits erwachsen! Sprich sie mit ›Prinzessin‹ oder ›kleine Herrin‹ an. Sie wird ab nächsten Monat den Palast in deiner Begleitung verlassen dürfen, um beispielsweise einen Tempel zu besuchen, eine Fahrt auf dem Nil zu machen oder sich im Händlerviertel von Waset umzusehen. Bis dahin wird sie sich nur hier oder an der Anlegestelle der königlichen Flotte aufhalten dürfen. Außerdem darf sie ihre Großeltern Jasen und Sansu besuchen, die neben der königlichen Werft wohnen.«

Der Hauptmann legte eine kleine Pause ein und fuhr eine Spur schärfer fort: »Versteig dich niemals darin, dich in die Tochter des Pharaos zu verlieben! Das könnte böse enden. Falls sie dich ausgesprochen freundlich behandelt, dann verhalte dich ebenso. Aber noch einmal: Sei auf Distanz bedacht! Lege jetzt deine rechte Hand auf dein Herz und schwöre, dass du dich an meine Worte halten wirst.«

Amek tat wie geheißen und zum ersten Mal wurde ihm bewusst, wie verantwortungsvoll die Aufgabe in Wirklichkeit war. Alles, was er in seiner Ausbildung über die Handhabung von Lanze, Schwert und Dolch gelernt hatte, war nur das Handwerk, das ihm eine Arbeit als Leibwächter ermöglichen würde. Darüber hinaus gab es etwas genauso Wichtiges auf einer höheren Ebene. Er würde, wenn es gut lief, zu einem engen Vertrauten der Prinzessin werden. Er würde Fingerspitzengefühl im Umgang mit ihr beweisen müssen, anders als bei seiner kleinen Schwester, die er gern neckte. Da seufzte er innerlich und betete, dass die Prinzessin nicht genau den Aspekt verkörperte, den man jungen Adligen nachsagte – eingebildet und hochnäsig zu sein.

Glücklicherweise war das genaue Gegenteil der Fall. Als er Merinde vorgestellt wurde, fühlte er sich vom ersten Augenblick an wie verzaubert. Sie war ein ernstes Kind und besaß Tiefgang. An ihrem schlichten weißen Leinenkleid, das bis zu den Knien reichte, konnte er erkennen, dass ihr Äußerlichkeiten nicht besonders wichtig waren. Das Erste, was sie zu ihm sagte, bezog sich auf die Narbe an seinem Kinn. »Ich hoffe, dass du dir keine weiteren Verletzungen einhandelst.«

»Kleine Herrin, ein Leibwächter muss auf so etwas gefasst sein«, erwiderte er mit einem breiten Lächeln.

Sie schaute ihn nachdenklich an und erklärte: »Das weiß ich. Ich möchte nur nicht, dass du wegen mir zu Schaden kommst.«

Was für eine merkwürdigeAussage für eine Vierzehnjährige!, wunderte er sich, war aber gleichzeitig erfreut, weil sie um sein Wohl besorgt zu sein schien.

Sie führte ihn in den hinteren Garten zum Tiergehege. Er hatte noch nie Giraffen gesehen und staunte über ihre Größe. Merinde hatte sich vom Tierpfleger einen Korb mit Fenchel und Salat geben lassen. Die beiden Giraffen kamen sofort an den Zaun und vertilgten die Gaben mit Genuss. Amek ging das Herz auf. Was ich hier am ersten Tag erlebe, muss ich meiner Mutter und meiner kleinen Schwester schreiben!, beschloss er.

Als sich die Giraffen wieder in den Schatten der Palmen verzogen, zeigte ihm Merinde die Murmelbahn.

»Ich würde gern sehen, wie sie funktioniert«, bat er.

Die Prinzessin öffnete einen kleinen Stoffbeutel, setzte eine blaue Murmel auf den Startpunkt und ließ sie hinunterrollen. Amek reagierte begeistert und fragte, ob er sich am Spiel beteiligen dürfe. Als sie lächelte, sah er zum ersten Mal die Grübchen in ihren Wangen. Sie holte sämtliche Murmeln heraus und ließ ihn die Hälfte auswählen. Er nahm nur solche, von denen er annahm, dass sie nicht zu den wertvollsten gehörten.

Sie spielten, bis es Zeit fürs Abendessen wurde. Auf dem Weg zum Haus bat Amek: »Darf ich dir einen Vorschlag unterbreiten, wie die Bahn vielleicht noch raffinierter gestaltet werden könnte, kleine Herrin?«

»Natürlich, sprich!«

»Wir könnten sie erweitern und ein paar Tunnel anlegen, durch die die Murmeln hindurchrollen müssen.«

Merinde strahlte übers ganze Gesicht. »Ich danke dir! Genauso machen wir es!«

* * *

Es gab aber auch Nachmittage, an denen nicht gespielt wurde und Merinde lediglich die Begleitung Ameks benötigte, zum Beispiel, wenn sie ihre Tante Nihotep besuchte, die im Frauenflügel drei schön eingerichtete Räume bewohnte. Amek wurde es gestattet, im Vorraum zu warten. Das Wohnzimmer schloss direkt an und es gab keine Verbindungstür, so dass er alles mitbekam, was sein Schützling und Nihotep zu besprechen hatten. Schon bald gewann er den Eindruck, dass sich die beiden innig verbunden fühlten.

Erstaunt registrierte er, wie Nihotep Kritik an Merindes Mutter übte: »Meine liebe Schwester Amenardis nimmt ihre Pflichten als Herrscherin zu ernst und kümmert sich zu wenig um dich und die Zwillinge. Manchmal glaube ich, dass ihr die Malschule wichtiger ist.«

Die Prinzessin nahm ihre Mutter in Schutz. »Früher durften nur Männer die Wände des Palasts bemalen. Ist es nicht wunderbar, dass es dank meiner Mutter jetzt auch Frauen gestattet ist?«

»Dann soll sie es dir beibringen, damit ihr wenigstens eine Stunde pro Tag zusammen sein könnt.«

»Das hat sie versucht, aber sie sagt, dass meine Talente woanders liegen.«

Das war aufschlussreich für Amek und er merkte sich die Worte. Der zweite regelmäßige Besuch, den Merinde absolvierte, galt dem früheren Pharao Intef, der ein Stück entfernt im alten Palast seinen Lebensabend verbrachte. Zu diesem Zweck mussten sie am Ende des Anwesens durch ein zweiflügeliges vergoldetes Tor gehen, hinter dem sich ein weiterer großer Garten erstreckte, der von einer hohen Mauer umgeben war.

Intef hatte viele Jahre geherrscht und Navakam zum Mitregenten ernannt, als seine beiden Söhne in jungen Jahren gestorben waren. Aber dann zog er sich eine Krankheit zu, die durch Fiebermücken verursacht wurde und für die es keine Heilung, nur Linderung gab. Seine geliebte Gemahlin Hathfertiti war ebenfalls erkrankt und konnte ihre Tage nur noch im Bett verbringen.

Mit zum schlechten Gesundheitszustand Intefs beigetragen hatte der plötzliche Tod seines älteren Bruders Dedumose, der vor einem Jahr mit seiner Frau Madain in einem Sandsturm ums Leben gekommen war. Dedumose hatte nur wenige Monate als Pharao geherrscht. Dann war es beinah zu einem Bürgerkrieg gekommen und um das Land wieder zu befrieden, hatte er abgedankt. Daraufhin beruhigte sich die Lage.

Merinde gehörte jetzt zu den wenigen, deren Besuch Intef herbeisehnte. Obwohl sein Augenlicht durch die Krankheit stark beeinträchtigt war, behauptete er jedes Mal, wenn er ihre Schritte hörte: »Es wird heller, wenn du den Raum betrittst.«

Amek blieb im Hintergrund stehen, während sich die Prinzessin zu Intef ans Fenster setzte. Der frühere Herrscher besaß ein schmales Gesicht und weiße, schulterlange Haare. Man merkte ihm an, dass er einst ein imposanter Mann gewesen war. Es sprach für ihn, dass er schon zu Lebzeiten auf den Pharaonentitel verzichtet hatte, weil er sich selbst nicht mehr in der Lage sah, Ägypten angemessen zu regieren.

Vor langer Zeit hatte die gesamte königliche Familie im alten Palast gewohnt, aktuell traf das nur noch auf Intef und dessen Gemahlin Hathfertiti zu, die sich hier zur Ruhe gesetzt hatten. Natürlich stand ihnen eine ausreichende Anzahl von Bediensteten und Leibwächtern zur Verfügung. Die hatten sich im Südflügel eingerichtet. Der Rest des alten Palasts war baufällig und stand leer bis auf den separaten Thronsaal, der nach wie vor für Festlichkeiten genutzt wurde.

Merinde las Intef aus den Papyrusrollen vor, die er zu diesem Zweck kommen ließ, und die fast alle von dessen Jugend handelten. Am liebsten mochte er die Geschichte, wie es ihm als Siebzehnjährigem gelungen war, bei einem Jagdausflug einen Löwen zu erlegen. Merdindes Stimme zitterte jedes Mal, wenn sie die gefährliche Szene vorlas, die damals Intefs Schreiber notiert hatte.

Zum nachmittäglichen Ritual gehörte auch, dass sie sich Naschwerk schmecken ließ. Dabei saß sie so dicht neben dem alten Herrn, dass er ihr über die Locken streicheln konnte. Amek langweilte sich nie in diesen Stunden, obwohl er nur Zuschauer war. Er fand es interessant, die beiden zu beobachten. Genauso ging es ihm, wenn Merinde mit ihren Zwillingsschwestern spielte. Er dankte den Göttern jeden Tag, dass ihn das Schicksal an den Königshof geführt hatte zu diesem besonderen Mädchen, dem es gleich am ersten Tag gelungen war, sein Herz zu erobern.

Dem Hauptmann musste er regelmäßig Bericht erstatten und als jener erfuhr, dass die Besuche beim ehemaligen Pharao Intef immer häufiger wurden, hakte er nach: »Dann hast du sicher schon gemerkt, dass es im alten Palast spukt!«

Amek lachte verblüfft: »Nein, habe ich nicht.«

Der Hauptmann setzte eine geheimnisvolle Miene auf und erklärte, dass es vor Urzeiten einen Mord im Ostflügel gegeben habe, in dem hauptsächlich Frauen untergebracht worden waren. Zwei von ihnen hatten um die Zuneigung des damaligen Pharaos gewetteifert und wurden von einem Zauberer aufgestachelt. Eines Nachts stieß eine der Frauen die andere vom Flachdach, so dass ihre Konkurrentin zu Tode stürzte. Es kam zu einem Prozess, bei dem die Machenschaften des Zauberers aufgedeckt wurden. Er und die Mörderin wurden verurteilt und hingerichtet.

Das war aber nicht das Ende der Geschichte. Pentawer, der Sohn des Zauberers, strebte nach Rache. Es gelang ihm, Oberhofmeister des Pharaos zu werden. Er erschuf magische Uschebtis, Figuren aus Holz, die normalerweise vornehmen Ägyptern mit ins Grab gegeben wurden, damit sie ihnen im Jenseits als Sklaven dienten. Doch diese speziellen Uschebtis konnten zum Leben erweckt werden und sollten die königliche Familie auslöschen. Es war Navakams Vater Jasen zu verdanken, dass es nicht zur Katastrophe kam. Er hatte mit einem mannshohen Lebenszeichen das böse Treiben verhindern können. Solch ein Zeichen, Ankh genannt, war der einzige Gegenstand, der den verwerflichen Plan zunichtemachen konnte.

Amek war beeindruckt, als er das hörte, und glaubte zu verstehen, wieso ihm der alte Palast düster vorkam. Allerdings schien Merinde nicht dasselbe zu empfinden. Sie war immer voller Vorfreude, wenn es galt, Intef zu besuchen.

Was Amek gar nicht mochte, waren die Besuche bei Merindes Großeltern Jasen und Sansu. Diese hatten von Dedumose eine Schiffswerft geerbt, die auf halbem Weg zwischen dem Palast und der Hauptstadt Waset lag, und neben der Werkstatt in einem zweistöckigen Haus Quartier bezogen. Amek war immer froh, wenn er gar nicht hereingebeten wurde, sondern draußen vorm Haus auf die Prinzessin warten sollte. Er fürchtete stets, dass ihm Jasen andernfalls sein dunkles Familiengeheimnis entlocken könnte.

Am meisten liebte er es, Merinde abends durchs Fenster zu beobachten, wenn sie mit ihrer vielköpfigen Familie im kleinen Empfangssaal speiste. Er brauchte deswegen kein schlechtes Gewissen zu haben. Auch andere Leibwächter fanden sich ein und stellten sich draußen so auf, dass sie ihre Schützlinge im Blick behalten konnten. Es lag einfach eine große Faszination darin, wie diese Familie, die seit vielen Jahren Ägypten regierte, etwas so Alltägliches tat, wie zusammen zu sitzen, zu lachen und sich Delikatessen munden zu lassen, die wunderbar angerichtet auf silbernen Tellern serviert wurden.

Amek traf immer als einer der Ersten vorm kleinen Empfangssaal ein, wenn sich noch niemand drinnen aufhielt. Dann konnte er in Ruhe die Decke bewundern, die mit einem Sternenhimmel bemalt war, und den Fußboden aus rosafarbenem Marmor. Die niedrigen Tische wurden jeden Tag mit frischen Blüten dekoriert und drum herum lagen bequeme Sitzkissen. In den Wintermonaten wurden honigfarbene Alabasterlampen entzündet, die dem Raum einen warmen Schimmer und eine besondere Atmosphäre verliehen.

Das Schönste war jedoch, Merinde zu beobachten, wenn sie hereinkam und leichtfüßig durch die Tischreihen ging. Tagsüber trug sie immer nur einfache Hemdkleider, am Abend welche, die raffinierter geschnitten waren. Er sah sie rote, hellgrüne oder sonnengelbe Kleider tragen, die mit Goldfäden bestickt waren. Außerdem legte sie Schmuck an, schöne Halsketten, Ohrringe und Armbänder.

Im Frühling feierte Amek seinen achtzehnten Geburtstag. Er hatte geplant, am Abend drei Leibwächter einzuladen, mit denen er sich angefreundet hatte. Doch am Spätnachmittag zog ein schweres Gewitter auf. Von einem Augenblick auf den anderen prasselte heftiger Regen herunter, während Blitze am Horizont zuckten, gefolgt von Donnergetöse. Amek eilte zusammen mit ein paar Kollegen zum nahegelegenen Materialschuppen, um Bretter zu holen, mit denen die Fenster gesichert werden konnten.

Plötzlich sah er aus den Augenwinkeln eine kleine Gestalt über den Rasen rennen und unter einem Baum Schutz suchen. Da drehte er um und entdeckte Merinde. Sie war nass bis auf die Haut. »Was machst du hier draußen bei diesem Wetter?«, rief er verblüfft.

»Ich wollte dir einen Kuchen bringen, aber schau, was draus geworden ist!«, klagte sie.

»Komm erst mal mit in mein Quartier.«

Dort angekommen, stellte er fest, dass das Gebäck kaum mehr als Geburtstagskuchen zu erkennen war, trotzdem nahm er es mit Humor. »Herzlichen Dank, kleine Herrin. Das Stück in der Mitte sieht wunderbar aus und als Nachtisch bleiben jede Menge Krümel.«

Zum Glück konnte sie schon wieder lachen. Sie blieb bis der Regen nachließ, dann brachte er sie zum Haus ihrer Eltern.

Die Gabe

Eines Tages zeigte sich bei Merinde eine Eigenschaft, die niemand sonst in der Verwandtschaft besaß. Es begann recht harmlos. Sie sollte ihrer Mutter Amenardis Modell sitzen. Die Große Königliche Gemahlin war eine schöne zierliche Frau. Mit wenigen Tintenstrichen hatte sie soeben die Szene festgehalten, wie Merinde mit ihren Zwillingsschwestern spielte, da trat Oberhofmeisterin Scherit ein und fragte, ob es der Königin recht wäre, wenn zum Abendessen Entenbraten serviert werden würde. Amenardis war mit zunehmendem Alter heikel geworden, was die Auswahl der Speisen betraf, stimmte dem Vorschlag jedoch nach einigem Hin und Her zu. Da meldete sich Merinde und behauptete: »Es wird keinen Entenbraten geben.«

»Warum glaubst du das?«, wunderte sich ihre Mutter.

»Weil wir keine kranken Tiere essen.«

Amenardis und Scherit lachten verblüfft. Die Große Königliche Gemahlin tat das Ganze schon bald als Fantasiegespinst einer Jugendlichen ab, und auch Amek, der alles mit angehört hatte, dachte dasselbe. Doch Oberhofmeisterin Scherit beschloss, Vorsicht walten zu lassen. Als die Köche mit ihren Vorbereitungen für das Abendessen begannen, ging sie zu ihnen und fand sie in heller Aufregung. Die Innereien der Enten, die herausgenommen worden waren, verströmten einen unangenehmen Geruch.

Die Köche fragten Scherit, ob sie als Hauptgang stattdessen gegrillten Nilbarsch, Gerstenknödel und Salat anbieten dürften, und sie machte sich sofort auf den Weg zur Großen Königlichen Gemahlin.

Amenardis saß vor ihrem Kosmetiktisch. Die Augen waren bereits mit Kajal geschminkt und die Haare zu einer Hochfrisur aufgesteckt. Es fehlten nur noch Lippenstift und Parfüm. Die Oberhofmeisterin wartete, bis alles getan war, und schilderte dann das Malheur mit den Enten.

»Meine Tochter hatte also recht!«, wunderte sich Amenardis.

»Sie ist ein außergewöhnliches Kind«, schmeichelte Scherit.

»Dann sag ihr bitte, dass sie zur Belohnung bei uns sitzen darf.«

Eine halbe Stunde später betrat Merinde den kleinen Empfangssaal. Was für eine Ehre, zum ersten Mal mit den älteren Verwandten auf der Empore speisen zu dürfen, während ihre Cousins unterhalb Platz nehmen mussten. Sie wurde an den Tisch ihrer Tante Nihotep gebeten, die stets als eine der Ersten eintraf. Je höher ein Familienmitglied in der Rangfolge stand, umso später erschien es zum Abendessen. Merindes Eltern waren stets die Letzten.

»Wie kommt es, Tochter, dass du schon längst vor den Köchen über die Ungenießbarkeit der Enten Bescheid wusstest?«, erkundigte sich ihr Vater, als die Vorspeise gereicht wurde.

Verlegen erwiderte sie: »Das kann ich nicht erklären, Vater. Ich hörte das Wort Entenbraten und musste an Krankheit denken.«

In den nächsten Monaten stellte sich heraus, dass in der Tat nur ein einziges Wort genügte, um Merinde eine Prophezeiung zu entlocken. Bei einem ihrer Cousins war es das Wort Rechenaufgabe. Da hatte sie vorhergesagt, dass er am nächsten Tag von seinem Lehrer beim Schummeln ertappt werden würde. Er ärgerte sich, als genau das passierte.

Immer mehr Vorfälle ereigneten sich und jedes Mal trat das ein, was Merinde prophezeit hatte. Da brachten ihre Eltern sie in den Amun-Tempel und stellten sie dem Seherpriester vor. Auch er konnte die Zukunft vorhersagen, allerdings bei viel wichtigeren Ereignissen. Wenn eine Hungersnot, ein Krieg oder eine Seuche drohte, wurde er konsultiert. Dann träufelte er heiliges Öl auf eine Schale, die mit Wasser gefüllt war, betete zu den Göttern und teilte am anderen Tag seine Vorhersage mit.

Er unterhielt sich lange mit Merinde und gab zu, dass sie – ohne eine Ausbildung im Hellsehen erlangt zu haben – wohl ein naturgegebenes Talent besaß. Da es sich bis jetzt aber nur um harmlose Angelegenheiten handelte, bei denen sich ihre Gabe zeigte, beruhigte er das Königspaar und meinte: »Es kann sein, dass sich das Ganze von selbst erledigt. Kinder können manchmal erstaunliche Dinge zustande bringen, doch wenn sie an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehen, verflüchtigt sich das wieder.« Er zögerte, dann fügte er hinzu: »Ich empfehle, eure Tochter in den Tempel der Sachmet zu schicken. Das könnte für ihre Zukunft nützlich sein.«

Sie folgten seinem Rat und brachten Merinde am nächsten Tag dorthin. Das Mädchen bestaunte die Statue der Göttin mit dem Kopf einer Löwin und dem Körper einer Frau. Deren erster Priester nahm Merinde unter seine Fittiche und erklärte, dass die Göttin den Beinamen »die Zauberreiche« tragen würde. Das würde den Rat des Seherpriesters erklären, denn Prophezeiungen, auch wenn sie noch so banal wären, erinnerten an Zauberei. Doch genau wie sein Kollege meinte er, dass man lieber noch abwarten solle, wie sich Merindes Talent von selbst entwickeln würde.

Das Königspaar reagierte erleichtert. Zwar würde es eine große Ehre bedeuten, wenn ihre älteste Tochter eine Ausbildung im Tempel erhielt. Doch war das wirklich der Lebensweg, der zu ihrem Wesen passte? Tempeldienst beinhaltete eine Menge Pflichten. Vielleicht würde sie lieber heiraten und Kinder bekommen. Es wurde daher lediglich vereinbart, dass sie künftig einmal pro Woche im Tempel erscheinen und an den Andachten teilnehmen sollte.

Die Pektorale

Nachdem Merindes Gabe bekannt geworden war, behandelte Amek sie mit noch größerer Ehrfurcht. Doch der Seherpriester schien recht zu behalten, je älter sie wurde, desto mehr veränderte sie sich. Das traf nicht nur auf ihr Wesen zu, sondern vor allem auf ihr Äußeres. Sie mauserte sich zu einer wunderschönen jungen Frau. Man sah jetzt, wie sich ihr Körper streckte und an den richtigen Stellen rundete. Ihre Brüste, die unterm Kleid zu erkennen waren, lösten bei Amek eine starke Beunruhigung aus. Er musste sich zusammenreißen, um den Blick ausschließlich auf ihr Gesicht zu richten. Dabei stellte er fest, dass auch andere ihre beginnende erotische Ausstrahlung wahrgenommen hatten, vorneweg ihre Cousins, die sie jetzt mit unverhohlenem Interesse musterten.

Amek war bewusst, dass Merinde in Zukunft eine wichtige Rolle in der Hierarchie einnehmen würde. Ihr zukünftiger Ehemann könnte eines Tages Pharao werden, und natürlich wetteiferten die Cousins in dem Bemühen, ihr zu gefallen. Vor allem Djeser, der sich jahrelang als Raufbold hervorgetan und ihr böse Streiche gespielt hatte, buhlte nun um ihre Aufmerksamkeit. Amek war erleichtert, als er merkte, dass sie nicht auf dessen Bemühungen einging. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis Navakam beschließen würde, seine älteste Tochter mit einem geeigneten Kandidaten zu verloben. Spätestens wenn sie mit sechzehn Jahren volljährig wurde, konnte das geschehen.

Vorerst war der Pharao jedoch mit einer anderen Aufgabe beschäftigt. Ein Teil der Gebäude, die zum Palast gehörten, war schon alt und musste dringend renoviert werden. Er ließ Baumeister Kamutef kommen, einen kleinen gedrungenen Mann, und nahm sich viel Zeit, ihn überall herumzuführen und auf Mängel aufmerksam zu machen. Erstaunt stellte der Baumeister fest, dass der Grundriss des alten Palasts vollkommen anders angelegt war als der des neuen. Da hakte er nach, ob im alten Palast ebenfalls Renovierungsarbeiten geplant wären.

»Das hat noch Zeit«, erwiderte Navakam. »Kümmere dich erst einmal um die neuen Gebäude. Aber notiere schon mal die größten Mängel des alten Palasts.«

Eine Woche später rückte ein Bautrupp an, der mit einem der Gartenhäuser begann. Von da an hörte man von morgens bis abends, wie mit Hammer, Meißel und Säge gearbeitet wurde. Die Ruhe, die zuvor auf dem Gelände geherrscht hatte, war dahin und man sah die Bewohner mit verärgerten Mienen herumlaufen. Navakam fühlte sich immer häufiger genötigt, seine Verwandten um Geduld zu bitten. Schließlich waren die Renovierungsarbeiten dringend nötig.

Einige regten sich trotzdem so sehr auf, dass der Pharao vorschlug, sie sollten in den alten Palast ziehen. Dort würde man die störenden Geräusche nicht wahrnehmen. Und obwohl Merinde zu denjenigen gehörte, die sich nicht beschwerten, brachte man auch ihre Sachen hinüber. Die Begründung lautete, dass es Intef und Hathfertiti immer schlechter ging und dass sie Aufmunterung dringender denn je benötigten. Der Einfachheit halber sollte Amek ebenfalls umsiedeln und bekam ein Zimmer im Ostflügel zugewiesen.

Er fühlte sich nicht wohl, als er es bezog. War dies der Raum, den einst die Dame bewohnt hatte, die umgebracht worden war? In den Nächten glaubte er, eine Frau weinen zu hören. Aber da ihn der Hauptmann gewarnt hatte, dass es hier spuken würde, ertrug er es, denn das Wichtigste war, in Merindes Nähe zu bleiben. Sie wurde nach wie vor von ihrem Lehrer unterrichtet, was fünf Stunden in Anspruch nahm. Amek verbrachte die Vormittage unter Aufsicht des Hauptmanns, übte sich im Schwertkampf und beim Lanzenwerfen. Weil das anstrengend war, dauerten seine Übungseinheiten nur drei Stunden. Über die restliche Zeit konnte er frei verfügen. Er nutzte sie, um sich im alten Palast umzuschauen.

Anfangs kam ihm das Gebäude wie ein Irrgarten vor. Die einzige Orientierung bot das Sonnenlicht. Je nachdem, in welchem Gebäudeteil er sich befand, schien es aus einer anderen Richtung durch die Fenster. Natürlich wagte er es nicht, dort auf Erkundung zu gehen, wo Intef, Hathfertiti und die anderen älteren Herrschaften einquartiert worden waren. Den weitaus größeren Rest erforschte er systematisch. Von den Wandmalereien waren einige verblasst, was er bedauerte, denn sie schilderten die wechselhafte Geschichte der Königsfamilie, all die Jubiläen, Hochzeiten, Geburten und Trauerfälle.

Doch in einem kleinen Empfangszimmer entdeckte er eine Bilderfolge, die vor nicht allzu langer Zeit gemalt worden war. Sie stellte Merindes Ururgroßeltern Nehesi und Keena dar. Noch heute sprach man im ganzen Land voller Ehrfurcht über das Königspaar. Ihr Tod, genauer gesagt ihre Beisetzung im Palastgarten – nicht wie sonst üblich am anderen Ufer des Nils – hatte eine Staatskrise ausgelöst.

Eines Tages, als sich Amek schon bestens im alten Palast auskannte, fand er eine Grundrisszeichnung in einer ehemaligen Schreibstube. Er nahm sie mit, da sie anscheinend von niemandem vermisst wurde.

Auffällig war, dass Intef inzwischen andere Papyrusrollen verlangte, aus denen ihm Merinde vorlesen sollte. Früher war es um Notizen gegangen, die von seiner Jugend handelten. Jetzt bat er, man möge ihm Briefe holen. Es ging um Anfragen, die vor langer Zeit aus ganz Ägypten an ihn, den Pharao, gestellt worden waren, und um die dazugehörigen Antworten, von denen Kopien erstellt worden waren, die im Archiv aufbewahrt wurden.

Interessiert spitzte Amek die Ohren, während Merinde mit ihrer schönen Stimme vortrug, wie raffiniert sich ein Fürst aus dem Delta Privilegien zu ergaunern versuchte und wie besonnen, aber auch unmissverständlich die Antwort damals gelautet hatte. Amek kam es so vor, als könne Intef durch den damaligen Vorgang noch einmal Energie aus seiner früheren Entschlusskraft ziehen. Er merkte es an dessen hochkonzentriertem Gesichtsausdruck.

Am Ende einer solchen Vorlesestunde griff Intef eines Tages nach dem Pektoral, das auf seiner Brust ruhte, betastete es und verlangte von Merinde zu wissen: »Liebes Kind, welchen Gott stellt dieses Schmuckstück dar?«

Es war bekannt, dass er sich jeden Tag ein anderes Pektoral geben ließ, weil er alle Götter Ägyptens ehren wollte, nicht nur die wichtigsten.

»Das ist Isis, Majestät«, erwiderte sie gehorsam.

Da erschien ein breites Lächeln auf seinem Gesicht und er rief an einen Diener gewandt, der ebenso wie Amek neben der Tür stand und auf Befehle wartete: »Hol mir die Pektorale von Hathor, Maat, Waset und Sachmet.«

Das fand Amek merkwürdig. Welcher Grund mochte dahinterstecken, dass Intef gerade diese Göttinnen genannt hatte? Hathor war die Göttin der Liebe, Maat die Göttin der Wahrheit und Gerechtigkeit. Waset wurde mit einer Kriegskeule und Pfeil und Bogen dargestellt. Nach ihr war die Hauptstadt des Reichs benannt. Löwengöttin Sachmet war ähnlich kriegerisch wie Waset.

Nachdem der Befehl erteilt worden war, lag Anspannung in der Luft. Ein Hauch von Intefs einstiger Macht war zu spüren und Amek erschauerte unwillkürlich. Schließlich tauchte der Diener wieder auf. Er hatte die Kostbarkeiten auf einem flachen roten Kissen nebeneinanderliegend ausgebreitet in der Reihenfolge, die Intef genannt hatte. Jedes Schmuckstück war aus Gold gefertigt. Die Augen, Kronen und Utensilien der Göttinnen bestanden aus verschiedenen Edelsteinen, darunter Rubine, Türkise, Karneole und Lapislazuli.

»Welche Göttin steht deinem Herzen am nächsten, liebes Kind?«, erkundigte sich Intef.

»Das ist Maat, Majestät«, antwortete sie, ohne zu zögern.

»Genau diese Antwort habe ich erwartet«, lächelte er und dann tat er etwas Außergewöhnliches. Er bat den Diener, ihr das Pektoral der Maat umzulegen.

Amek sah, wie sie errötete, und in dem Augenblick verliebte er sich vollends in sie. Es war ihm schon seit Monaten bewusst, wie sehr er sich zu ihr hingezogen fühlte, aber jetzt war es um ihn geschehen. Er merkte es an seinem heftig klopfenden Herzen.

»Dieser Schmuck gehört jetzt dir«, fuhr Intef fort, »Die anderen Pektorale, auch das von Isis, bekommst du nach meinem Tod.«

Verlegen stammelte Merinde: »Aber Majestät, sie sind doch viel zu kostbar!«

Er setzte eine strenge Miene auf und tadelte: »Zweifle nie an meinen Befehlen! Mir wäre sogar am liebsten, du würdest alle Pektorale gleich mitnehmen. Doch Oberhofmeisterin Scherit hat angekündigt, dass sämtliche Schmuckstücke demnächst in die Schatzkammer gebracht werden müssen, um sie zu wiegen und ihren Wert zu bestimmen. Das geschieht einmal im Jahr.« Nachdenklich hielt er inne, dann fuhr er mit lebhafter Stimme fort: »Bist du schon mal in der Schatzkammer gewesen, liebes Kind?«

»Nein, Majestät.«

»Dann liefere die Pektorale morgen dort ab. Du bist alt genug, um dir einen Eindruck von unserem Reichtum zu verschaffen. Aber lass dir jetzt schon gesagt sein, dass das viele Gold und die Edelsteine in der Hauptsache dazu dienen, Ägyptens Macht zu sichern. Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Wenn zu wenig Getreide geerntet wird, müssen wir welches aus dem Ausland kaufen. All die wunderbaren Bauwerke, die wir für die Götter errichten, kosten Geld, und dasselbe gilt leider auch für Kriege. Häng dein Herz also nie an Gold oder Diamanten.«

»Das tu ich nicht, Majestät«, versprach sie mit ernster Stimme. »Alles, was lebendig ist, besitzt viel mehr Bedeutung. Ohne Pflanzen und Tiere müssten wir verhungern. Außerdem sind alle, ob Mensch oder Tier, von der Sonne, der Luft, dem Wasser und der Erde abhängig.«

Intef schmunzelte anerkennend und Amek dachte: Es ist eine Freude, ihr zuzuhören. Sie weiß genau, auf was es ankommt.

Der Einstand

Am anderen Tag durfte Amek die Prinzessin begleiten, als sie die Pektorale abholte. Er hätte nie gedacht, dass es ihm erlaubt sein würde, die Schatzkammer zu betreten. Sie war Bestandteil des neuen Palasts und viel größer, als er erwartet hatte. Der Schatzmeister öffnete die Tür. Sie war mit verschiedenen Schlössern gesichert und jedes einzelne benötigte einen eigenen Schlüssel. Dann leuchtete er mit einer Fackel hinein. An den Wänden gab es schmale Luftschlitze unterhalb der Decke, durch die ein wenig Sonnenlicht hereindrang.

Amek verfolgte mit angehaltenem Atem, wie der Schatzmeister vorausging an unzähligen Truhen vorbei, die alle geschlossen waren. Behutsam öffnete er eine, deren Deckel mit besonders schönen Intarsien aus Elfenbein verziert war. Amek fühlte sich regelrecht geblendet durch den Goldglanz, der im Fackelschein geheimnisvoll schimmerte. Wie viele Pektorale mochten da wohl drin liegen? Er schätzte mehr als hundert. Andächtig legte Merinde das Kissen mit den Schmuckstücken obendrauf und verharrte eine Weile stumm, als würde sie beten.

Auf dem Weg zurück sah Amek das riesige Ankh an der Wand lehnen, von dem ihm der Hauptmann erzählt hatte und mit dessen Hilfe Jasen eine Katastrophe abwenden konnte. Er bekam Gänsehaut und sinnierte ergriffen: Hier steht ein bedeutendes Zeugnis ägyptischer Geschichte und ich darf es sehen. Was würde meine Mutter dazu sagen? Ich muss ihr unbedingt schreiben.

Eines Morgens überraschte ihn sein Vorgesetzter mit der Nachricht, dass er die sechsmonatige Probezeit erfolgreich bestanden hatte. »Dir ist klar, dass die anderen jetzt einen Einstand von dir erwarten?«, ergänzte er.

»Was bedeutet das?«

»Dass du so viel Wein und Bier spendieren musst, wie sie gerade noch vertragen können, ohne sich am anderen Tag krank zu melden«, grinste der Hauptmann.

Da wird einiges von meinen Ersparnissen draufgehen, sorgte sich Amek. Aber natürlich wäre es nie in Frage gekommen, sich darum zu drücken. Zu seinem größten Erstaunen nahmen auch ein paar Dienerinnen an dem Fest teil und sogar eine ehemalige Leibwächterin. Mit ihr hatte es eine seltsame Bewandtnis.

Vor einigen Jahren hatte es vier Leibwächterinnen im Palast gegeben, alle blond oder rothaarig. Sie stammten aus den Nordländern und waren nach Waset gekommen, um Jasens Frau Sansu zu dienen, die Keltin war. Drei heirateten schon bald ägyptische Männer und bekamen Kinder. Nur Gwen blieb ledig. Sie arbeitete bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahr und schied dann vom Pharao hoch geehrt aus dem Dienst aus. Zum Schluss hatte sie Merindes Tante Nihotep gedient. Zu ihr hielt sie nach wie vor Kontakt und besuchte sie im Frauenflügel. Beide waren unverheiratet und kinderlos. Am Ende ihrer Dienstzeit erhielt Gwen ein kleines Haus am Nil.

Als Merinde hörte, dass Frauen an Ameks Fest teilnehmen würden, bat sie, ebenfalls eingeladen zu werden, was er von Herzen gern tat. Es war das erste Mal, dass er Gwen zu Gesicht bekam, und er konnte gar nicht anders, als ihre seltsame Frisur zu bestaunen. Mit Hilfe von nassem Kalk formte sie ihre kurzen blonden Haare zu Stacheln, so dass sie wie eine Zackenkrone um ihren Kopf herumstanden.

Verwundert beobachtete Amek, wie sehr Merinde die Nordfrau anhimmelte und wie liebevoll jene mit der Prinzessin umging. Wenn Gwen noch jünger wäre, hätte ich keine Chance gehabt, Merindes Leibwächter zu werden, begriff er.

Zu seinem Einstand gehörte auch, dass nach dem Essen Musiker erschienen und jene Lieder spielten, die einst Keena, die Gemahlin von Pharao Nehesi, bei Hof eingeführt hatte. An diesem Abend begann eine wilde Tanzerei, die ihresgleichen suchte. Amek konnte nicht fassen, mit was für schnellen Schritten Gwen herumwirbelte, und noch viel unglaublicher war, dass Merinde jeden einzelnen dieser komplizierten Tänze beherrschte. Die Dienerinnen beobachteten das Ganze hingerissen und die Mutigsten schlossen sich irgendwann an. Von den Männern beteiligte sich kein Einziger, aber sie klatschten den Rhythmus begeistert mit.

Ameks Herz floss über. Er konnte den Blick nicht von seinem Schützling wenden. Endlich verlangsamten die Musiker das Tempo und da sah er seine Chance gekommen. Er eilte zu seiner kleinen Herrin und wiegte sich mit ihr im Takt eines ägyptischen Liebeslieds. Sie schaute mit blitzenden Augen zu ihm auf und lachte: »Was für ein wunderbarer Abend! Du solltest öfter Einstand feiern.«

Er roch den zarten Duft ihres Parfüms, spürte ihren vom Tanz erhitzten Körper und flüsterte ihr süße Schmeicheleien ins Ohr, die sie zum Kichern brachten. Einmal sah er aus den Augenwinkeln die finstere Miene des Hauptmanns, beschloss jedoch, alles zu ignorieren, was diese magische Nacht verdorben hätte.

Am anderen Morgen wurde er prompt von seinem Vorgesetzten ermahnt: »Dieses eine Mal lasse ich es dir durchgehen, dass du keine Distanz zur Prinzessin gewahrt hast. Bei einem Fest kommt man sich nun mal näher. Aber sei gewarnt, beim nächsten Mal wird es Konsequenzen geben!«

Der Ehrenkodex

Einen Monat später starben zuerst Hathfertiti, dann kurz darauf Intef. Der Königshof versank in lähmende Trauer. Pharao Navakam war regelrecht vernichtet vor Schmerz. Er hatte Intef viel zu verdanken und bis zum Schluss von seinen Ratschlägen profitiert. Die beiden Leichname wurden ans andere Nilufer ins Haus des Todes gebracht und würden dort in einer siebzigtägigen Prozedur einbalsamiert werden. Anschließend würde die Beisetzung in einer unterirdischen Grabanlage erfolgen. Das einzig Gute aus Sicht der Palastbewohner war, dass die Bauarbeiten vorübergehend eingestellt wurden. Während der Trauerzeit sollte Stille herrschen.

Als Merinde vom Tod des ehemaligen Herrschers erfuhr, stellte Amek verwundert fest, dass sie keine einzige Träne vergoss. Sie wurde nur furchtbar blass und ihr Gesichtsausdruck versteinerte. Er versuchte, sie zu trösten, doch sie reagierte nicht. Am Nachmittag unternahm er einen erneuten Anlauf und schlug vor: »Soll ich heute Abend zu dir kommen, damit wir uns gemeinsam an Intef erinnern? Ich habe ihn nicht so lange gekannt wie du, aber trotzdem schätzen gelernt.«

Sie schaute ihn mit ihren schönen großen Augen an und murmelte: »Wenn es dir recht ist, komme ich zu dir. Es fällt mir schwer, meine weinenden Eltern zu ertragen.«

Als sie nach dem Abendessen in seinem Quartier auftauchte und sah, dass er eine Kerze entzündet und ihr Lieblingsnaschwerk besorgt hatte, brachen bei ihr alle Dämme. Sie fing so schrecklich an zu weinen, dass ihm himmelangst wurde. Da nahm er sie in seine Arme und hielt sie fest, bis der Tränenstrom allmählich versiegte.

Danach war sie so erschöpft, dass sie im Sitzen einschlief. Er deckte sie liebevoll zu und bewachte ihren Schlaf. Eine Stunde später sah er draußen Oberhofmeisterin Scherit durch den Garten gehen. Es war bekannt, dass sie gern einen letzten Kontrollgang machte. Sie wurde seit Jahrzehnten von der Königsfamilie für ihre Tüchtigkeit geschätzt und erledigte trotz ihres hohen Alters immer noch alle Aufgaben tadellos. Doch die Bediensteten fürchteten sie.

Ameks Tür stand offen wie häufig in warmen Nächten. Da trat Scherit neugierig ein, sah die schlafende Merinde, setzte sofort eine strenge Miene auf und tadelte: »Wieso ist die Prinzessin bei dir, Amek?«

»Wir haben um den verstorbenen Pharao getrauert und am Ende war sie so erschöpft, dass sie einschlief.«

»Es schickt sich nicht, dass sie die Nacht bei dir verbringt. Ich werde dein ungebührliches Verhalten dem Hauptmann melden.«

Sie machte auf dem Absatz kehrt und verschwand im Dunkeln. Amek bekam es mit der Angst zu tun. Fieberhaft überlegte er, wie er das Unvermeidliche verhindern könnte. Das Beste wäre wohl, die Prinzessin sofort in ihr Elternhaus zu bringen.

Nachdem er sie hinüber begleitet hatte, konnte er die ganze Nacht kein Auge schließen. Als der Hauptmann im Morgengrauen auftauchte, schlug Ameks Herz zum Zerspringen. »Du hast mein Vertrauen zum wiederholten Mal missbraucht!«, zischte sein Vorgesetzter und legte eine quälend lange Pause ein, ehe er fortfuhr, diesmal mit gemäßigter Stimme: »Ein allerletztes Mal lasse ich Gnade vor Recht ergehen, weil ich weiß, dass dich die Prinzessin schätzt. Aber du trittst sofort einen zweiwöchigen Urlaub an. Fahr zu deiner Familie und denk darüber nach, was es bedeutet, als Leibwächter gegen einen Ehrenkodex verstoßen zu haben.«

»Ich danke dir, Hauptmann! Darf ich mich vorher von Merinde verabschieden?«, flehte Amek.

»Meinetwegen. Aber gleich danach verschwindest du.«

Es tat ihm in der Seele weh, in ihre verweinten Augen zu schauen. Da er kaum Zeit gehabt hatte, sich auf das Gespräch mit ihr vorzubereiten, erwähnte er nur den Urlaub, der jedem Leibwächter zustehen würde und sagte nichts zu dem Grund, warum er ihn so plötzlich antrat. »Ich werde jeden Tag an dich denken, kleine Herrin, und hoffen, dass es dir gut geht«, endete er.

Sie starrte ihn sprachlos an. Da verneigte er sich und machte auf dem Absatz kehrt, bevor alles noch schlimmer wurde. Rasch packte er seine wenigen Sachen und ging an Bord des erstbesten Schiffs, das Richtung Norden fuhr.

Er hatte keinen Blick für die schöne Landschaft zu beiden Ufern. Auch vermied er es, sich mit den anderen Passagieren zu unterhalten, bekam nur mit, dass es sich um zwei Kaufleute und drei Verwaltungsbeamte handelte. Die nächsten Tage vergingen für ihn wie in einem Nebel. Er gestand sich ein, dass er Merinde von ganzem Herzen liebte. Sie war sein Lebensinhalt. Doch er hatte sie in einer Situation verlassen müssen, in der sie dringend seine Hilfe gebraucht hätte. Davon abgesehen würde es ihm nie gelingen, sie zu erobern. Da nahm er sich vor, seine Illusionen zu begraben, was im Urlaub sicher eher gelang, als wenn er die Prinzessin täglich vor Augen hatte.

Endlich in seiner Heimatstadt Achmin angekommen, tat es ihm gut, Mutter und Schwester in die Arme zu schließen. Ihre überschäumende Wiedersehensfreude zu erleben, war Balsam für seine Seele. Die beiden wohnten seit dem Tod seines Vaters in einem bescheidenen Haus im Ortskern. Amek hatte regelmäßig Briefe geschickt, musste jetzt aber unzählige Fragen beantworten, während seine Mutter mit der Zubereitung seines Lieblingsessens beschäftigt war – Rinderbraten mit scharfer Soße, Fladenbrot und Lauchgemüse. Dass es im Palast Probleme gegeben hatte, erwähnte er nicht, nur den Tod Intefs und seiner Gemahlin. Diese traurige Nachricht hatte sich bereits bis hierher herumgesprochen.

Am dritten Tag besuchte er den Waffenmeister, bei dem er in die Lehre gegangen war. Jener konnte ihm anscheinend an der Nasenspitze ablesen, dass es Schwierigkeiten gegeben hatte, denn er behauptete: »Es ist wohl doch nicht alles so rosig, wie du geglaubt hast.«

Jetzt musste Amek erneut von Merinde berichten. Diesmal schilderte er den Ehrenkodex und dass er dagegen verstoßen hatte. Der Waffenmeister bot an: »Wenn es hart auf hart kommt, und man dich entlässt, kann ich dir eine Stelle in der Kaserne besorgen.«

In Achmin waren genau wie in den anderen größeren Städten Soldaten des Pharaos stationiert. Zwar hatte es schon seit Jahren keinen Krieg mehr gegeben, aber es war nur eine Frage der Zeit, wann sich die Feinde Ägyptens erneut rühren würden. Im Osten waren es die Zahi, Hethiter und Babylonier, im Süden die Kuschiten und im Westen die wilden Wüstenbewohner, die zu Hunderten aus den Tiefen der Sahara angestürmt kamen. Nur aus dem Norden, wo der Nil ins Meer mündete, war am wenigsten mit Überfällen zu rechnen, abgesehen von Seeräubern, die gelegentlich einen Vorstoß wagten. Die zahlreichen Inseln trieben lieber Handel mit Ägypten, als Krieg zu führen.

Amek bedankte sich für die Worte des Waffenmeisters. Es beruhigte ihn, dass es eine Alternative zum Leben am Königshof gab. Aber um nichts in der Welt hätte er die Arbeit dort freiwillig aufgegeben. Nachdem er sich verabschiedet hatte, ging er an dem Palast vorbei, der einst seinen Vorfahren gehört hatte und in dem jetzt ein entfernter Verwandter residierte, der sich den Niedergang von Ameks Familie zunutze machen konnte. Der Verrat Anchmahors war der Auslöser dafür gewesen.

Immer wenn er hier vorbeikam, wurde ihm weh ums Herz. Zum Glück hatte sein Vater seiner Mutter genug Waren zum Verkauf hinterlassen, so dass sie einigermaßen über die Runden kam. Er war Elfenbeinschnitzer gewesen. Seine Erzeugnisse waren bei den Wohlhabenden heiß begehrt und erzielten gute Preise. Der ganze Keller stand noch voll mit Schnitzereien.

In den nächsten Tagen verspürte Amek eine zunehmende Unruhe. Etwas nagte tief in seinem Inneren. Anfangs leugnete er vor sich selbst, dass es sein Geschlechtstrieb war, der befriedigt werden wollte. Am Ende gab er sich geschlagen und suchte ein Freudenhaus auf. Es war das erste Mal, dass er das tat. Im Palast hatte er keusch gelebt, weil er Merinde begehrte und sich nicht vorstellen konnte, jemals mit einer anderen zusammen zu sein. Aber jetzt war er weit weg und die Hoffnung, die Prinzessin für sich zu gewinnen, würde ohnehin nur ein Wunschtraum bleiben.

Da er als Neukunde galt, wurden ihm sämtliche Frauen vorgestellt. Der Besitzer des Hauses ließ sie in einer Reihe nebeneinander Aufstellung nehmen. Amek fühlte sich beklommen, als er die Riege inspizierte. Er wählte die Liebesdienerin, die am wenigstens Ähnlichkeit mit Merinde besaß. Sie war schätzungsweise fünfundzwanzig Jahre alt, besaß eine üppige Figur und eine angenehme Stimme.

Sie führte ihn in einen Raum, der von einem großen Bett beherrscht wurde. Die Binsenmatten, die zum Verdunkeln der Fenster dienten, waren heruntergezogen worden. Eine einzige Alabasterlampe spendete notdürftig Licht. Er bekam einen Becher Wein ausgehändigt und während er daran nippte, löste die Frau die Riemen seiner Sandalen. Augenblicklich packte ihn eine große Erregung.

Er hatte bis jetzt kaum Erfahrung mit Frauen sammeln können und merkte selbst, dass er sich ungeschickt anstellte. Die Liebesdienerin schien sich mit jungen Männern auszukennen, die viel zu schnell zum Samenerguss kamen. Sie brachte ihn mit kundigen Händen dazu, einen zweiten Anlauf zu wagen. Als es vorbei war, fühlte er sich erschöpft und wäre am liebsten eingeschlafen. Aber das ließ sie nicht zu, sondern schickte ihn fort.

In der zweiten Urlaubswoche ging er wieder zum Waffenmeister und begann zu trainieren. Er wollte sich in Bestform zeigen, wenn er nach Waset zurückkehrte. An seinem letzten Abend planten Mutter und Schwester ein Abschiedsfest. Zwar ließ er sich das ausgezeichnete Essen schmecken, das sie den ganzen Tag über zubereitet hatten, doch dann log er, dass er sich mit einem Freund treffen wolle und erst spät in der Nacht zurückkehren würde. Als er ihre enttäuschten Gesichter sah, bekam er ein schlechtes Gewissen. Doch sein Drang, die Liebesdienerin ein letztes Mal aufzusuchen, war größer.

Der Diebstahl

Er war verkatert, als er an Bord ging, und konnte zwei Tage lang nichts essen, nur Unmengen Wasser trinken. Schließlich riss er sich zusammen und warf einen kritischen Blick in den Spiegel. Er fand, dass er immer noch blass aussah. Aber er rasierte sich sorgfältig und zog frische Kleidung an. Als ein paar markante Berge am Ostufer auftauchten, stieg seine Vorfreude. Gleich würde der Kapitän an drei kleinen Inseln vorbei steuern und kurz darauf würde linkerhand der Anlegesteg des Palasts in Sichtweite kommen. Seit dem frühen Morgen wehte ein frischer Nordwind, der jetzt am Nachmittag immer noch anhielt. Für eine Schiffsreise flussaufwärts war das optimal. Bei Windflaute hätte die Mannschaft in die Ruder greifen müssen.