Die Keltin und der Pharao - Selma Nemo - E-Book

Die Keltin und der Pharao E-Book

Selma Nemo

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Beschreibung

Der junge Pharao Nehesi soll seine Schwester heiraten, so wurde es ihm von Geburt an bestimmt. Aber sein Herz sagt ihm schon früh, dass sie die Falsche ist. Eines Tages führt ihn eine mysteriöse Weissagung zu der schönen Sklavin und Kriegerin Keena. Sie wurde aus den Nordländern nach Ägypten verschleppt. Er verliebt sich unsterblich in sie, doch sie steht wegen Mordes vor Gericht. Als Nehesi sie freispricht, macht er sich einen mächtigen Mann zum Feind, seinen Wesir. Keenas und Nehesis Liebe muss sich immer wieder beweisen, gegen gefährliche Intrigen im Palast und die Verführungen einer fremdländische Prinzessin. Als schließlich Krieg droht, wird die Kämpferin in Keena geweckt: Sie will an der Seite ihres Pharaos kämpfen. Wird ihre Liebe diesen Krieg überdauern? Dies ist der erste Teil der Pharaonen-Familiensaga von Selma Nemo.

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Seitenzahl: 571

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Die Keltin und der Pharao

Selma Nemo

Historischer Roman

Der junge Pharao Nehesi soll seine Schwester heiraten, so wurde es ihm von Geburt an bestimmt. Aber sein Herz sagt ihm schon früh, dass sie die Falsche ist. Eines Tages führt ihn eine mysteriöse Weissagung zu der schönen Sklavin und Kriegerin Keena. Sie wurde aus den Nordländern nach Ägypten verschleppt. Er verliebt sich unsterblich in sie, doch sie steht wegen Mordes vor Gericht. Als Nehesi sie freispricht, macht er sich einen mächtigen Mann zum Feind, seinen Wesir. Keenas und Nehesis Liebe muss sich immer wieder beweisen, gegen gefährliche Intrigen im Palast und die Verführungen einer fremdländische Prinzessin. Als schließlich Krieg droht, wird die Kämpferin in Keena geweckt: Sie will an der Seite ihres Pharaos kämpfen. Wird ihre Liebe diesen Krieg überdauern?

Dies ist der erste Teil der Pharaonen-Familiensaga von Selma Nemo. Der zweite Teil trägt den Titel »Die Kinder des Pharaos«. Weitere Infos am Ende des Buches.

Copyright © 2023 by Selma Nemo

c/o autorenglück.de

Franz-Mehring-Str. 15

01237 Dresden

Lektorat: Susanne Rauchhaus

Cover: Ria Raven, www.riaraven.de

Verwendete Grafiken: @shutterstock: 2238710283 Peter116, 534604372 Abdoabdalla, 157227299 Fedor Selivanov, 2257942641 Jade ThaiCatwalk, 512503348 faestock, 1734081989 Philip Majevsky

All rights reserved.

No part of this book may be reproduced in any form or by any electronic or mechanical means, including information storage and retrieval systems, without written permission from the author, except for the use of brief quotations in a book review.

Erstellt mit Vellum

Inhalt

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Nachwort

Danksagung

Selma Nemo

Die Kinder des Pharaos

1

Die Priester hatten sich draußen wie jeden Morgen vor seinem Schlafzimmer versammelt und pünktlich zum Sonnenaufgang eine Hymne zu seinen Ehren gesungen. Sein Großvater, der ebenfalls Pharao gewesen war, hatte ihm einmal schmunzelnd versichert, dass es auf der ganzen Welt keine schönere Methode gab, geweckt zu werden.

Sein Leibdiener war hereingehuscht, hatte sich verbeugt und die üblichen Worte zur Begrüßung gemurmelt. Er hatte ihn ins Badehaus begleitet, rasiert und gewaschen. Er hatte ihn mit duftendem Öl eingerieben und ihm einen knielangen weißen Leinenstoff um die Hüften gelegt, der von einem breiten, mit Edelsteinen verzierten Gürtel gehalten wurde.

Zum Schluss hielt er ihm einen silbernen Spiegel hin, und spätestens da hätte Pharao Nehesi doch eigentlich merken müssen, dass sein Leben keine drei Stunden später aus den Fugen geraten würde. Aber er hatte sein Gesicht mit derselben Gleichgültigkeit gemustert wie immer – den schmalen Kopf, die kurzen, schwarzen Haare, die großen leicht schräg stehenden Augen, die hohen Wangenknochen, die schmale Nase, bei der man von vorn nicht sah, dass sie leicht gebogen war, den sinnlichen Mund und das Kinn, an dem an hohen Festtagen ein langer, geflochtener, goldener Bart befestigt wurde. Er erinnerte sich noch, dass sein Leibdiener gefragt hatte, ob er Schmuck anlegen wolle, und hatte eine goldene Kette mit Lebensschleifen gewählt. Zum Schluss streifte er ihm Sandalen über.

Er hatte allein gefrühstückt, froh darüber, dass seine Großmutter noch schlief und ihm somit Vorträge über unzuverlässige Dienstboten erspart blieben. Dann hatte er sich ganz in Ruhe im Arbeitszimmer die zuletzt eingetroffenen Briefe von seinem Schreiber Ani vorlesen lassen, ein paar Antworten diktiert und seufzend zur Kenntnis genommen, dass er am Abend beim Bürgermeister essen würde, der ihn vor zwei Wochen eingeladen hatte.

Dann war er hinaus in den weitläufigen Garten getreten, hatte lächelnd die Spatzen beobachtet, die in einer hohen Akazie krakeelten. Er sah Tauben in den Sykomoren sitzen, atmete den zarten Duft der Lotosblüten, die auf dem Teich schaukelten und überlegte gerade, wie er noch ein wenig Zeit totschlagen könnte, bis er sich mit seinem Freund Takelo auf dem Exerzierplatz treffen würde, um mit ihm Pfeile auf Zielscheiben zu schießen. Er sah an der Sonnenuhr auf der Hauswand, dass es noch zu früh war. Doch was würde es schaden, wenn er als Erster dort eintraf?

Seine zehn Leibwächter, ganz in die königlichen Farben Weiß und Gold gekleidet und mit Lanzen und Schwertern ausgestattet, warteten bereits im Hintergrund auf sein Kommando. Aber er zögerte noch, denn er hörte aus dem großen Empfangssaal das helle Lachen einer Frau, ohne anfangs zu wissen, wer das war.

Später in vielen schlaflosen Nächten erinnerte er sich, dass er geglaubt hatte, jene Frau könne unmöglich seine Schwester Sitamun gewesen sein, denn die schlief für gewöhnlich noch viel länger als seine Großmutter. Andererseits – welche Frau wagte es einfach so den Empfangssaal zu betreten? Als er dann auch noch eine Männerstimme hörte und meinte, dass das nur sein Freund Takelo sein könne, wunderte er sich, was der so früh hier zu suchen hatte. Wollte er ihn abholen, damit sie schon auf dem Weg zum Exerzierplatz über den neuen Streitwagen reden konnten, den die Waffenhandwerker nach seinen Plänen angefertigt hatten?

Jetzt aber stutzte er, denn die beiden Stimmen schwiegen abrupt. Dies war der einzige Moment, in dem ihm etwas nicht geheuer vorkam. Später erinnerte er sich, dass er an diesem Tag viel früher mit dem Beantworten der Briefe fertig geworden war als sonst. Aber immer noch gelassen betrat er den herrlichen großen Empfangssaal mit dem rötlich schimmernden Marmorboden und den vielen blau und gold bemalten Säulen. Die Estrade am Kopfende, auf der er zu sitzen pflegte, lag noch im Schatten, während durch die vorderen Fenster bereits Morgenlicht flutete.

Der Saal war leer, also durchquerte er ihn, kam in den Gang, der zum kleinen Empfangssaal und zu einem Vorraum für Besucher führte, und in einer Ecke dieses Ganges entdeckte er sie – und sein Herz blieb stehen.

Die Frau, die er in zwei Monaten heiraten wollte, seine Schwester Sitamun, hatte ihre Arme um Takelos Nacken geschlungen und küsste ihn leidenschaftlich.

Im Nachhinein erinnerte er sich, dass er die beiden angeschrien hatte. Aber was genau er gebrüllt hatte, wusste er später nicht mehr. Es war ein ganzer Schwall von Befehlen, darunter dem, dass Takelo verschwinden solle. Jedenfalls war der plötzlich fort und Sitamun zischte: »Hast du wirklich keine Ahnung gehabt?«

Jede Nacht stellte er sich fortan diese Frage: Hatte er gewusst, dass die beiden sich liebten?

Hatte er es wenigstens geahnt?

Nein, nicht im mindesten.

Doch von diesem schicksalhaften Tag an stand alles in Frage. Welche Ziele hatte er nach diesem Verrat? Was für ein Pharao wollte er sein? So ausgleichend und in sich ruhend wie sein Großvater? Das erschien ihm in der jetzigen Situation aussichtslos. So kriegslüstern wie sein berühmter Vater? Das schon eher mit all der Wut im Bauch, die er gerade verspürte. Jedenfalls nicht so unfähig und schon längst vergessen wie sein Onkel, der als Letzter vor ihm Pharao gewesen war.

Seit seiner Geburt vor zwanzig Jahren lebte er in diesem kleinen Palast in Waset, der derzeitigen Hauptstadt Ägyptens. Nur einmal hatte er einen längeren Zeitraum weit weg in einer Oase verbracht. Dieses eine Jahr hatte er nur noch in nebelhafter Erinnerung. Damals war er zwölf gewesen und seine Eltern hatten ihn, seine Schwester Sitamun und seinen kleinen Neffen Moks fortgeschickt, weil eine Seuche ausgebrochen war, die so viele Todesopfer forderte, dass die Einwohnerzahl Ägyptens halbiert wurde.

Als er zurückkehrte, waren seine Eltern und die des Neffen tot. Nur sein Onkel, seine Großmutter väterlicherseits, zwei Cousinen von ihr und die Tochter einer der Cousinen hatten die Krankheit überlebt. Nachdem auch der Onkel starb, wurde Nehesi mit vierzehn Jahren zum Pharao gekrönt. Dieses Erlebnis, dass eine große, starke Sippe um ein Haar völlig ausgelöscht worden wäre, hatte ihn geprägt.

Als er nun Nacht für Nacht sein Gehirn nach einem Hinweis auf das Treiben von Sitamun und Takelo durchforschte, fiel ihm urplötzlich ein Streit mit seinem Vater wieder ein. Nehesi trug damals noch die Kinderlocke auf dem ansonsten kahl geschorenen Schädel. Da befahl ihn sein Vater eines Tages zu sich und erklärte: »Wenn deine Schwester Sitamun mit sechzehn Jahren volljährig ist, wirst du sie heiraten.«

Eigentlich war das eine ganz normale Ankündigung und seine eigene Volljährigkeit noch in weiter Ferne. Doch Nehesi war damals ein eisiger Schreck in die Glieder gefahren und er hatte zu stammeln begonnen: »Aber Vater! Sitamun ist nicht die Richtige!«

Jener verstand ihn falsch und wies ihn zurecht: »In den adligen Familien unseres Landes ist es üblich, dass Bruder und Schwester heiraten. Das weißt du doch! Unser göttliches Blut soll rein bleiben. Sei stolz darauf, dass du Teil dieser besonderen Familie bist und eines Tages mein Erbe antreten wirst.«

Nehesi war damals ganz betäubt davongeschlichen und hatte immer wieder nur den einen Satz denken können: Aber Sitamun ist nicht die Richtige …

Es war kaum vorstellbar, dass er das als Kind hatte wissen können. Aber vielleicht war das der einzige Hinweis, den es gab, und er hatte ihn all die Jahre ignoriert.

Wenn er jetzt sein Herz erforschte, wog der Verrat seines Freundes Takelo beinahe noch schwerer. Auch ihn kannte er seit Kindertagen. Takelo war damals sogar mit in die Oase geschickt worden, damit Nehesi nicht auf seinen Spielgefährten verzichten musste. Takelo war der Sohn des inzwischen verstorbenen Oberhofmeisters und hatte schon in jungen Jahren angefangen, lesen und schreiben zu lernen, damit er eines Tages seine Nachfolge antreten konnte.

Er und Nehesi waren nach der Rückkehr aus der Oase beinahe täglich im Nil geschwommen, hatten geangelt und Enten mit Wurfstöcken erlegt. Später waren sie mit Streitwagen in die Wüste gefahren, um Jagd auf Antilopen zu machen. Sie hatten sich schon in jungen Jahren auf dem Exerzierplatz im Bogenschießen geübt, gelernt Schwert und Lanze zu handhaben und hatten sich mit Begeisterung dem Ringkampf gewidmet. Nehesi war all die Zeit über sicher gewesen, dass Takelo sein Leben für ihn opfern würde.

Doch in Wirklichkeit hatte er hinter seinem Rücken angefangen, Sitamun zu verführen. Oder war es umgekehrt gewesen und sie hatte die Initiative ergriffen? So unverschämt wie sie gekontert hatte, war das durchaus denkbar. Jetzt quälte ihn nicht nur die Erinnerung an den leidenschaftlichen Kuss, sondern auch noch die Unschlüssigkeit, wie er die beiden bestrafen sollte. Sein Vater hätte an seiner Stelle nicht lange gefackelt, Sitamun in einen Tempel verbannt und Takelo hinrichten lassen.

Nach langem Grübeln fiel ihm zumindest eine Lösung für Takelo ein. Er könnte ihn in irgendeine namenlose Wüstenprovinz strafversetzen, wo ihn die Sonne verbrennen würde. Denn er hat mich schamlos hintergangen! Aber was mache ich mit Sitamun? Ich habe ihr nie gesagt, dass ich sie als Kind für die Falsche hielt. Was empfindet sie für mich? Hat sie meine Zweifel gespürt und sich deswegen einem anderen zugewandt? Ist mir denn gar nicht aufgefallen, dass sie bei den Hochzeitsvorbereitungen überhaupt nicht aufgeregt war, wie es eine Braut normalerweise sein sollte? Hätte ich sie jemals von ganzem Herzen lieben können oder immer nur ihre Schönheit angebetet? Ich wollte sie haben, aber das Wichtigste hätte gefehlt …

Das Mindeste wäre, Sitamun noch einmal zur Rede zu stellen. Doch ihm grauste vor den Details, die sie preisgeben könnte und die sein Denken vergiften würden. Geschwätzig wie sie war, würde sie ihm lauter Sachen an den Kopf werfen, die er gar nicht wissen wollte. Außerdem würde sie schon allein deshalb auftrumpfen, wenn sie die Möglichkeit erhielt, ihre Sicht der Dinge zu schildern.

Verdammt, warum war es so viel schwerer auf den Fehler einer Frau zu reagieren als auf den eines Mannes?

Seine Schwester war eine einzigartige Schönheit, was sogar von der meist schlecht gelaunten Großmutter und den beiden verkniffenen alten Tanten zugegeben wurde. Ihr katzenhaft träger Blick ging einem durch und durch. Das hatte sie hochmütig werden lassen. Man merkte es daran, wie sie ihre Dienerinnen herumscheuchte, und an der Art, wie sie lachte. Nehesi war bis jetzt wie alle anderen vernarrt in ihre Schönheit gewesen und ertappte sich oft dabei, dass er sie anstarrte. Seitdem sie dreizehn war, fantasierte er von ihr, stellte sich vor, wie es sein würde, sie nackt zu sehen, ihre Brüste zu streicheln und in sie einzudringen.

Aber seit dem Vorfall mit dem Kuss hörte er andauernd die Stimme aus Kindertagen, die leider vollkommen recht gehabt hatte. Gab es denn irgendjemanden, der ihm einen Rat geben könnte? Ja, natürlich! Zwei Männer, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: Mentiu, der Hohepriester des Amun, einer der wichtigsten und angesehensten Männer Wasets. Und ein alter Haussklave namens Cenna, der schon seinem Großvater gedient hatte und jetzt nicht mehr zu arbeiten brauchte, sondern in einem kleinen Haus am Ende des Gartens seinen Lebensabend verbrachte. So lange Nehesi denken konnte, hatte es ihn magisch zu dem großen, hageren Mann hingezogen und er hatte eifrig den Geschichten des Alten gelauscht, die sich zum größten Teil um das Leben des Großvaters rankten.

Da beschloss er, zuerst mit Mentiu zu reden. Einigermaßen getröstet von der Aussicht, dass es jemanden gab, dem er sein Herz ausschütten konnte, schlief er ein. Als diesmal die Morgenhymne erklang, wachte er mit dem Gefühl auf, dass er heute wortwörtlich Licht ins Dunkel bringen würde. Später, als er fertig angekleidet das Badehaus verließ und seine Leibwächter rechts und links vom Weg Spalier standen, machte er eine eigenartige Erfahrung. Es kam ihm vor, als sähe er den Palast und den Garten plötzlich mit anderen Augen. Das Gefühl, dass sich etwas Grundlegendes entscheidend geändert hatte, ließ ihn so empfinden.

Die beiden Gebäudeteile, der Männer- und der Frauenflügel, die im rechten Winkel aufeinanderstießen, waren ihm bis jetzt immer so vorgekommen, als existierten sie seit Ewigkeiten. Das stimmte natürlich nicht. Sein Urgroßvater hatte in einem weitaus größeren und luxuriöseren Palast gelebt, dessen Ruinen man ein Stück landeinwärts sah. Aber dann waren schlechte Zeiten angebrochen und die Familie war in ein bescheideneres Anwesen umgezogen.

Mit einem neuen kühlen Blick musterte er jetzt den Gebäudeteil mit den Empfangssälen, die Dienstbotenunterkünfte weiter hinten, die hohe Mauer, die das gesamte Anwesen umgab, den weitläufigen Garten mit seinen Akazien, Palmen und Sykomoren und die beiden Teiche. Am Ufer des größeren nahm er häufig sein Mittagessen ein.

Begleitet von seinen Leibwächtern, ritt er jetzt durch das Tor, dessen Flügel weit geöffnet waren, und schlug den Weg nach Südosten ein, Richtung Amun-Tempel. Der Nil glitzerte rechter Hand im ersten Morgenlicht so stark, dass es blendete. Er vernahm den Flügelschlag eines Reihers über sich und hörte ein paar Frösche quaken. Das erfüllte ihn mit Frieden. Der Nil war ewig, gleichgültig was die Menschen an seinem Ufer trieben.

Mentiu, der Hohepriester des Tempels, war fünfundvierzig Jahre alt. An seinem Gesicht erkannte man den Beruf, den er ausübte. Er wirkte meistens in sich gekehrt, aber sobald man das Wort an ihn richtete, lächelte er auf eine ganz besondere Weise, die Vertrauen einflößte. Nehesi hatte dadurch das Gefühl, einem väterlichen Freund zu begegnen, einem, der ihn hoffentlich nie verraten würde.

Nachdem die Riten vollzogen worden waren, die darin bestanden, dem auf einem Thron sitzenden goldenen Gott mit Opfergaben von Wein, Blumen und Früchten zu huldigen, ließ sich Nehesi in die Privatgemächer des Priesters führen und begann ohne Umschweife zu erzählen, was am Vortag geschehen war.

Mentiu musterte ihn voller Anteilnahme und erkundigte sich leise: »Bis jetzt hast du noch nichts unternommen, Majestät?«

»Nein. Ich konnte nicht«, seufzte der junge Pharao resigniert.

Mentiu nahm sich Zeit zum Nachdenken und meinte bedachtsam: »Wenn ich dir einen Rat geben darf, dann den: Trachte in erster Linie danach, was dir selbst gut tut. Rache zu üben ist ein zweischneidiges Schwert. Zweifellos musst du die beiden bestrafen. Aber tu es auf eine Weise, die zeigt, dass du souverän mit der Situation umgehen kannst.«

»Genauso habe ich es mir vorgestellt, aber ich weiß nicht, wie ich es machen soll.«

»Du hast erzählt, dass du Sitamun nicht heiraten wolltest, weil du als Kind glaubtest, dass sie nicht die Richtige ist. Vertraue auf diese Stimme. Ein Kind erkennt oft besser die Wahrheit, als es ein Erwachsener vermag. Sei erleichtert darüber, dass du sie nicht heiraten musst. Wie sieht es denn mit der Cousine aus, die in deinem Haus lebt? Käme sie für dich als Ehefrau in Frage?«

»Setpenre?« Nehesi stieß ein düsteres Lachen aus.

Der Hohepriester, dessen Titel Erster Prophet Amuns lautete, hatte gerüchteweise mehr als einmal gehört, dass Setpenre bei allen Intrigen, die Nehesis Großmutter ausheckte, kräftig mitmischte und fragte jetzt: »Bist du einverstanden, wenn wir den Seherpriester bitten, für dich in die Zukunft zu schauen?«

Auf die Idee war Nehesi noch gar nicht gekommen und stimmte sofort zu. Nachdem er heimgekehrt war, suchte er den alten Sklaven Cenna auf. Er fand ihn vor seinem Häuschen zufrieden in der Sonne sitzend. Auch ihm erzählte er ohne Umschweife, was sich zugetragen hatte, und der Alte schaute ihn voller Mitgefühl an. »Das hast du nicht verdient«, murmelte er. »Dein Leben sollte glücklich verlaufen, nachdem du als Kind so sehr gelitten hast.«

Nehesi seufzte. Der Kummer vor vielen Jahren spielte schon lange keine Rolle mehr. Nachdem er den ersten Schock über den Tod so vieler Angehöriger überwunden hatte, erkannte er schon bald die Privilegien, die er nutzen durfte. Als Pharao besaß er unendlich viel Macht, die ihm eine starke Ausstrahlung verlieh. Die Ägypter glaubten, dass er göttlichen Ursprungs sei, und er glaubte dasselbe, denn er spürte etwas Ewiges und Unvergängliches, wenn er zu Amun betete. Er konnte fühlen, dass er mit dem Gott verbunden war.

Leise stellte Cenna eine heikle Frage: »Darf ich offen reden, Majestät?«

»Natürlich. Deswegen bin ich zu dir gekommen.«

»Ich kenne deine Schwester genau wie dich von Geburt an. Ihr ist viel an äußerer Pracht gelegen. Takelo kann ihr das nicht bieten. Möglicherweise ist es aus ihrer Sicht nichts weiter als eine Liebelei. Wenn sie genauer darüber nachdenken würde, was nicht gerade ihre Stärke ist – entschuldige bitte, wenn ich das so unverblümt sage –, müsste sie erkennen, dass Takelo kein Mann ist, der ihr das Leben garantieren kann, das sie gern führen möchte. Letztendlich wäre es eine Strafe, wenn man den beiden eine Heirat erlauben würde …«

Jetzt huschte ein Lächeln über Nehesis Gesicht. Ihm gefiel der Gedanke, dass er Sitamun mit ihren eigenen Waffen schlagen könnte.

Wohlüberlegt fuhr Cenna fort: »Möglicherweise musst du dich von der Vorstellung verabschieden, dass es unter allen Umständen eine Blutsverwandte von dir sein muss, die dir bestimmt ist. Dein Großvater hat mir einmal erzählt, dass einige seiner Vorfahren mit anderen Frauen glücklich geworden sind. Ich weiß noch, dass ich damals dachte, dass ich mir diese Worte unbedingt merken muss. Jetzt weiß ich warum.«

Nehesi fiel auf, dass der Alte gar nicht erst auf Setpenre zu sprechen gekommen war. Da bedankte er sich, schlug den Weg zu seinem Arbeitszimmer ein und widmete sich erst einmal seinen Tagespflichten.

Er wunderte sich, warum ihm seine Großmutter, die sonst recht scharfsinnig war, noch nichts angemerkt hatte, weder seinen inneren Aufruhr gestern noch jetzt seine geplante Rache. Wenn sie wüsste, dass Sitamun als Ehefrau für ihn nicht mehr in Frage käme, würde sie zu ganz großer Form auflaufen und ihm flammende Vorträge darüber halten, was zu tun wäre. Sie lag ihm ohnehin seit langem in den Ohren wegen seines Altersunterschieds zu Sitamun. »Du musst dir schon vor deiner Hochzeit Konkubinen nehmen und Kinder zeugen«, lautete einer ihrer Ratschläge, woraufhin er jedes Mal konterte: »Hast du vergessen, wie es dir mit Großvaters Nebenfrauen ergangen ist? So etwas würde ich der Frau, die ich liebe, nie antun!«

 Als er jetzt mit ihr zu Mittag aß, erfuhr er, warum sie vollkommen arglos war. Sie war mit einem anderen Problem beschäftigt. »Wenn ich nicht so große Schmerzen in den Gelenken hätte, müsste ich wieder einmal nach Qebt reisen«, begann sie.

Er musterte sie überrascht. Sie war eine kleine Person, durch das Alter und Schmerzen gebeugt, aber trotzdem unter allen Umständen immer bemüht, möglichst würdevoll aufzutreten. Sie besaß ein Gesicht voller Falten, was durch die starke Schminke, die sie bevorzugte, noch unterstrichen wurde.

Nach Qebt zu fahren, einem kleinen Ort nördlich der Hauptstadt am rechten Nilufer gelegen, würde bedeuten, dass sie ihre Verwandten besuchen wollte. Aber über die sprach sie immer nur abfällig als „niedrigen Adel“. Sich selbst hielt sie für etwas Besseres, weil es ihr als junger Frau gelungen war, das Herz von Nehesis Großvater zu erobern, der keine Schwester hatte. Sie, Nihotep, war seine Cousine zweiten Grades.

»Was willst du in Qebt?«, murmelte er, bevor er ein Stück Antilopenbraten auf eine Gabel spießte.

Nihotep zögerte mit ihrer Antwort. Bedachtsam wählte sie von der silbernen Platte, auf der Lauchgemüse, gebratene Zwiebelringe, Ziegenkäse und Datteln in einem hübschen Muster arrangiert waren, einen Löffel gedünsteten Fenchel, weil sie den am besten kauen konnte. Dann hob sie ihren Becher, der mit Bier gefüllt war, das man mit Minze gewürzt hatte, und nahm einen kräftigen Schluck. »Ich sollte den Isis-Priestern auf die Finger schauen!«, verkündete sie. »Mir ist zu Ohren gekommen, dass sie ihren Tempel nicht mehr gut in Schuss halten. Unterm Dach nisten Tauben und du kannst dir denken, wie dort der Fußboden aussieht.«

Beim Stichwort Isis war sein Herz sofort einer der mächtigsten Göttinnen Ägyptens zugeflogen. Er liebte sie, das Sinnbild für Gattenliebe und Treue, seit Kindertagen. Und eines der wenigen Dinge, die er mit seiner Großmutter Nihotep teilte, war die Verehrung für Isis.

Doch irgendwann wurde es ihm zu viel mit ihrem Genörgel über den Tempel in Qebt und er erklärte: »Ich werde dich jetzt allein lassen. Ich habe schon lange vor, wieder einmal angeln zu gehen.«

»Warum tust du das? Du darfst doch gar keinen Fisch essen!«

Er mochte es nicht, wenn sie ihn belehrte, und konterte: »Daran musst du mich nicht erinnern!« Pharao zu sein, war ein Privileg, besaß aber auch Nachteile. Um Hapi, den Gott des Nils, nicht zu verärgern, durfte er seit seiner Krönung keinen Fisch mehr essen. Das Leben von ganz Ägypten hing vom Nil ab. Einmal im Jahr kam es zu einer Überschwemmung, die ein ganzes Stück ins Landesinnere hineinfloss. Die ablaufenden Wassermassen hinterließen ein paar Wochen später so viel fruchtbaren Schlick, dass man das beste Getreide der Welt säen und reiche Ernte einfahren konnte.

Doch Hapi war launisch. Es hatte in der Vergangenheit immer wieder in unregelmäßigen Abständen schreckliche Hungerjahre gegeben, weil die Flut zu karg ausfiel. Deswegen durfte kein Pharao dem Gott etwas wegnehmen. Nehesi, der leidenschaftlich gern angelte, musste daher alle gefangenen Fische sofort wieder ins Wasser werfen.

* * *

Mit Spannung erwartete er am nächsten Morgen den Orakelspruch des Seherpriesters. Er wusste, dass jener, nachdem er einen Tag lang gefastet und eine Nacht nicht geschlafen hatte, in einer Schale mit Wasser, auf die kostbares Öl getröpfelt worden war, die Zukunft voraussehen konnte. Würdevoll verkündete Mentiu jetzt dessen Spruch. »Blut vergeht. Seele besteht.«

Nehesi benötigte keine Auslegung. Die wenigen Worte waren eindeutig. Er würde keine Bluts- sondern eine Seelenverwandte heiraten. Als Rat wurde ihm außerdem mitgegeben: »Achte auf deine Träume, vor allem auf die, die sich wiederholen.«

Er eilte zurück in den Palast, gönnte sich im kleinen Empfangssaal eine Ruhepause, sammelte seine Gedanken und befahl seinem Oberhofmeister, Takelo holen zu lassen. Nehesi wusste, dass jener die letzten Tage in seinem Elternhaus in Waset verbracht und sich wohl zu Tode geängstigt hatte, welche Strafe auf ihn zukommen würde.

Eine halbe Stunde später betrat Takelo den Saal und verbeugte sich tief vor Nehesi, der auf der Empore Platz genommen hatte. Im Gegensatz zum großen Empfangssaal gab es hier keinen Thron, sondern nur einen vergleichsweise schlichten Stuhl aus Holz mit geschnitzten Löwentatzen als Armstützen.

Nehesi musterte seinen Freund schweigend. Takelo war furchtbar blass, hatte vermutlich kaum geschlafen und an der Art wie er die Hände aufeinander presste, erkannte man seine Anspannung. Auch getraute er sich nicht, seinem Pharao in die Augen zu schauen, was ihm normalerweise keine Probleme bereitet hätte. Nehesi ließ ihn schmoren, und erst als er sah, dass sich Angstschweiß auf seiner Stirn und Oberlippe bildete, sagte er ein einziges Wort. »Warum?«

Takelo hatte sich natürlich schon längst zurechtgelegt, was er antworten wollte und Nehesi musste ihm zugutehalten, dass er nicht mit Ausflüchten oder gar Lügen begann. »Majestät, ich habe dich hintergangen und bereue dies aus tiefstem Herzen.« Seine Stimme zitterte. So tapfer wie nur irgend möglich fuhr er fort: »Was ich getan habe, war unverzeihlich. Ich habe dein Vertrauen missbraucht. Bestrafe mich!«

Wieder wartete Nehesi eine Weile. Er ergötzte sich nicht am Leid seines Freundes, den er von jetzt an nie mehr als solchen bezeichnen würde. Er wollte nur, dass jedes einzelne Wort eine große Bedeutung erhielt und ihnen beiden für immer im Gedächtnis blieb.

»Liebst du sie?«, fragte er leise.

»Ja!«, rief Takelo voller Leidenschaft.

Nehesi merkte es am Funkeln seiner Augen, dass er die Wahrheit sprach, dass er von Sitamun besessen war und einfach nicht anders konnte, als sie zu vergöttern. Es musste ihn schon vorher viel Herzeleid gekostet haben, dem Freund so etwas anzutun. Aber er kam nicht gegen seine Liebe an. Er war gleichermaßen zu beneiden und zu bedauern.

»Gut«, murmelte Nehesi. Dann gab er seinem Oberhofmeister Raneb, der als einziger Zeuge dieses Gesprächs mit bemüht kontrollierter Miene im Hintergrund gewartet hatte, den Befehl: »Hol meine Schwester. Sie hat augenblicklich hier zu erscheinen, gleichgültig, was sie gerade tut.«

»Ja, Majestät.«

Kaum hörte man die Tür hinter ihm ins Schloss fallen, fing Takelo an zu schlottern. Er versuchte mit aller Gewalt dagegen anzukommen, aber sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Nehesi erfasste, dass es die Sorge um Sitamun war, die ihn derart zusammenbrechen ließ, und da überkam ihn zum ersten Mal ein Hauch von Mitleid.

»Reiß dich zusammen!«, knurrte er. »Willst du, dass sie dich so sieht?«

Das wirkte! Takelo nahm augenblicklich Haltung an, so als wäre er auf dem Exerzierplatz und hätte einen Befehl erhalten.

Gleich darauf geleitete Raneb die Prinzessin in den Saal. Anscheinend war Sitamun bei keiner wichtigen Tätigkeit gestört worden. Sie hatte genügend Zeit gehabt, ein erlesenes, wadenlanges Leinenkleid anzuziehen, das mit seiner intensiven roten Farbe ihr schönes Gesicht zum Leuchten brachte. Ihre Augen waren mit kräftigen schwarzen Lidstrichen geschminkt, die Lippen im selben Rot wie das Kleid. Sie trug edelsteinbesetzte Sandalen, was für den Vormittag eigentlich zu protzig war, außerdem eine Kette aus Lapislazuli und mehrere goldene Armreifen und Ringe.

Sie reckte ihr Kinn und versuchte, sich mit Nehesi auf Augenhöhe zu messen. Takelo warf sie nur einen kurzen Seitenblick zu, in dem weder Liebe noch Angst zu erkennen war. Sie war klug genug, um zu wissen, dass im Augenblick nur das zählte, was zwischen ihr und ihrem Bruder geschah. Da sie nicht unaufgefordert das Wort an ihn richten durfte, herrschte kurze Zeit ungutes Schweigen.

Schließlich begann Nehesi so ruhig, wie es ihm unter den außergewöhnlichen Umständen möglich war, mit einer Ankündigung, die die Anwesenden gewaltig zusammenzucken ließ. »Sitamun und Takelo, ihr geht heute Nachmittag in den Tempel und lasst euch trauen. Der oberste Priester ist informiert. Er erlaubt euch aber nur eine verkürzte Zeremonie. Ihr könnt zwanzig Personen einladen. Ich werde nicht dabei sein. Ich will keinen von euch beiden wiedersehen. Sitamun, du hast das Recht verwirkt, hier im Palast zu leben. Es wird finanziell für dich gesorgt. Die Details erfährst du in ein paar Tagen. Geht jetzt!« Die letzten beiden Worte hatte er mit so viel Zorn und Verachtung ausgesprochen, dass sie bis draußen in den Garten zu hören waren.

Sitamun hatte ihm voller Entsetzen zugehört. Ihr Mund öffnete und schloss sich mehrmals, ohne dass sie etwas sagen konnte. Sie schwankte und Takelo musste sie stützen wie eine, die urplötzlich schwer erkrankt ist. Auf dem Weg zur Tür drehte sie sich noch einmal zu Nehesi um. Er funkelte sie derart wütend an, dass sie den Blick senken musste.

Takelo schwirrte der Kopf. Sitamun zu heiraten – das hatte er nicht einmal zu träumen gewagt. Aber er erfasste auch sofort, dass sie die Verbannung aus dem Palast schwerer treffen würde als alles andere, was das Schicksal sonst noch für sie bereithalten mochte. Und er ahnte, dass sie ihm schon bald die Schuld an ihrem Niedergang geben würde, was ihre Ehe zwangsläufig in eine Hölle verwandeln musste.

Oberhofmeister Raneb aber dachte, als sich der erste Schock gelegt hatte: Verdammt, was war das? So habe ich seine Majestät noch nie erlebt. Wie kann es sein, dass sich ein Mann innerhalb weniger Tage derart verändert? Mir schwant Böses für die Zukunft, denn unser Pharao wird nie mehr so leicht zu lenken sein, wie seine Großmutter und ich all die Jahre über geglaubt haben. Und dann kam ihm einGedanke, der noch viel schwerer wog: Er wird niemandem mehr vertrauen, denn er ist gleich zweifach verraten worden!

2

Dass Sitamun mit Takelo verheiratet worden war, hatte natürlich nicht nur im Palast, sondern in ganz Waset die Runde gemacht und alle erschüttert. Großmutter Nihotep bestellte Nehesi augenblicklich zu sich. Doch er gehorchte ihr nicht und besaß sogar die Frechheit, sie auf den morgigen Tag zu vertrösten. Das hatte er noch nie getan, und weil es sie gleichermaßen erschreckte und erboste, ließ sie Oberhofmeister Raneb kommen. Der berichtete ihr wortwörtlich alles, was er im kleinen Empfangssaal gehört hatte.

»Und wo ist meine Enkelin jetzt?«, schrie sie.

»Im Haus von Takelos Mutter, Majestät.«

»Und warum ist sie nicht zu mir gekommen?«

»Sie hat mit niemandem geredet und niemanden zur Hochzeit eingeladen, nicht einmal Takelos Mutter. Die ist auch aus allen Wolken gefallen, als sie es erfuhr.«

Mit übermenschlicher Anstrengung zwang sich Nihotep, logisch zu denken. Sie rang ihre knochigen Hände. Dann warf sie Raneb einen scharfen Blick zu und forderte: »Sag mir die Wahrheit. Ist mein Enkel übergeschnappt?«

Sorgfältig wägte er seine Antwort. »Nein, Hoheit, das glaube ich nicht. Er hat wohlüberlegt gehandelt. Er hätte noch viel schlimmere Strafen verhängen können, wie du weißt. Aber dass er sich so etwas Perfides ausgedacht hat, gibt mir ehrlich gesagt doch zu denken.«

»Es ist ein Skandal«, zeterte Nihotep. »So etwas ist noch nie in der Geschichte Ägyptens geschehen – ein Pharao zwingt seine Schwester, einen Bürgerlichen zu heiraten. Wie sehr muss er sie hassen, um ihr so etwas anzutun?«

»Verzeih mir bitte, Hoheit. Aber das war kein Hass. Er hat sich genau überlegt, wie er sie am besten bestrafen kann. Du kennst Sitamun. Es ist hart für sie, wenn sie nicht mehr im Palast leben darf.«

»Das ist es ja!«, schrie sie mit sich überschlagender Stimme. »Er zerstört seine Schwester. Er vernichtet heiliges Blut.«

Raneb senkte den Kopf und schwieg. Nihotep hatte anscheinend gar nicht begriffen, wie raffiniert ihr Enkel zu Werke gegangen war. Er hatte nichts weiter getan, als Sitamun den von ihr selbst eingeschlagenen Weg zu Ende gehen zu lassen. Wenn er, Raneb, ganz ehrlich war, dann imponierte ihm diese Vorgehensweise mehr als alles andere, was er bis jetzt in den Diensten seines Pharaos erlebt hatte. Aber er fürchtete sich auch davor, was Nehesi als Nächstes in den Sinn kommen könnte. Der Zwanzigjährige hatte einen gewaltigen Schritt in seiner Entwicklung genommen. Wenn er sich weiter so rasant veränderte, dann mussten seine Untergebenen darauf gefasst sein, dass er noch viel mehr auf den Kopf stellen würde.

* * *

Seine Cousine Setpenre passte ihn ab, als er am nächsten Tag sein Arbeitszimmer verließ. Sie war siebzehn Jahre alt und besaß ein hübsches, herzförmiges Gesicht mit großen, dunklen Augen. Seit jeher verwandte sie viel Zeit auf die Pflege ihrer langen, schwarzen Haare und dachte sich kunstvolle Frisuren aus. Heute waren sie hochgebunden und mit zarten, gelben Blüten geschmückt, passend zu ihrem wadenlangen, gelben Kleid.

Er setzte ein bemühtes Lächeln auf, als sie plötzlich vor ihm stand, und meinte: »Ein herrlicher Morgen, nicht wahr?«

Sie legte all ihren Liebreiz in den Klang ihrer ein wenig zu hohen Stimme. »In der Tat, Majestät. Ich entnehme deinen Worten, dass es dir gut geht und dass du Muße hast, dich an der Schönheit unseres Gartens zu erfreuen. Wie wäre es mit einer kleinen Bootsfahrt?«

Alle Achtung, dachte er verblüfft, sie verschwendet keine Zeit. Nachdenklich musterte er sie. Er wusste sofort, was sie wollte und war geneigt, sie mit einer Ausrede abzuspeisen. Aber das wäre unwürdig gewesen. Also antwortete er: »Zwei Stunden hätte ich Zeit. Dann trifft ein Botschafter aus Kreta ein.«

»Das reicht für einen Ausflug!«, lachte sie kokett.

Nehesi mochte es nicht, wie sie sich seit Jahren bei seiner Großmutter einschmeichelte. Doch sie besaß auch gute Eigenschaften, hatte ihn bis jetzt noch nie bedrängt, sondern respektvoll behandelt. Als nahe Angehörige war sie nicht verpflichtet, ihn mit Majestät anzusprechen, tat es aber trotzdem. Jetzt gab er seinen Leibwächtern einen Wink und die setzten sich in Bewegung Richtung Haupttor. Durch einen Diener ließ er seinem Oberhofmeister ausrichten, dass er rechtzeitig zum Besuch des Botschafters zurückkehren würde.

Als er kurz darauf mit Setpenre in einem kleinen Boot saß, griff er zu den Rudern und manövrierte geschickt in die Mitte des Nils, sodass die Strömung sie voranbrachte. Ein größeres Boot mit seinen Leibwächtern folgte. Setpenre streckte ihr Gesicht der Sonne entgegen und schien mit allen Fasern zu genießen, was Nehesi ein amüsiertes Lächeln entlockte. Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, wie anders ein Frauenleben aussah als sein eigenes. Er wusste, dass sich seine Cousine nie allein außerhalb der Palastmauern bewegen durfte. Fand sie das bedrückend oder akzeptierte sie es als etwas Selbstverständliches? Womit vertrieb sie sich die Zeit, wenn sie sich nicht gerade neue Frisuren ausdachte? Hatte sie einen heimlichen Geliebten so wie Sitamun? Sie war schon längst im heiratsfähigen Alter. Doch seit der Geschichte mit der Seuche war es schwer geworden, einen angemessenen Kandidaten für eine junge Frau aus königlichem Geblüt zu finden.

Aber all diese Fragen wälzte er nur theoretisch und hütete sich wohlweislich, sie offen auszusprechen. Setpenre ihrerseits blieb bei unverfänglichen Themen, was er ihr hoch anrechnete. Langsam begann er sogar zu glauben, dass er sich in ihr getäuscht haben könnte. Die Nähe zur intriganten Großmutter war vielleicht nur deswegen entstanden, weil es zu wenige Frauen im Palast gab. Frauen liebten es, sich mit Freundinnen auszutauschen. Setpenre und Sitamun hatten oft miteinander getuschelt. Nach dem Rausschmiss Sitamuns war das nicht mehr möglich.

Er wunderte sich über sich selbst, warum ihm solche Dinge im Kopf herumspukten. Seit der Sache mit seiner Schwester nahm er alles viel intensiver und kritischer wahr, konnte andererseits aber auch tiefer empfinden, in Setpenres Fall sogar Mitleid.

Flüchtig überlegte er, ob es nicht doch möglich wäre, in ihr die Seelenverwandte zu entdecken, nach der er sich verzehrte. Aber sein Herz sagte Nein. Trotzdem dachte er weiter über sie nach. Wie viel schöner könnte ihr Leben verlaufen, wenn sie nicht im Palast eingesperrt wäre – oder wenn häufiger Besuch käme, mit dem man sich bei abendlichen Festgelagen unterhalten konnte. Wie wäre es also, wenn er den Botschafter aus Kreta nicht nur zu einem kurzen Mittagessen empfangen würde, sondern zu einem Abendbankett, bei dem sämtliche Frauen des Hauses und sein einziger männlicher Verwandter, der vierzehnjährige Moks, anwesend wären? Es käme auf einen Versuch an. »Was hältst du von einem Abendessen mit dem Botschafter aus Kreta?«

Sie lachte begeistert: »Das wäre wunderbar, Majestät.« Ihre Augen begannen zu glitzern und ihre Stimme nahm einen verführerischen Unterton an. »Für diesen Vorschlag hast du eine Belohnung verdient.«

Ehe er es sich versah, ging sie vor ihm auf die Knie, umfasste seine Hüften und küsste ihn auf den Mund. Er zuckte erschrocken zurück. »Bist du verrückt? Niemand darf mich unaufgefordert anfassen, geschweige denn küssen!«

Er merkte, dass er sie mit seiner Abweisung verletzt hatte, aber da war es schon zu spät. Der Ausflug war jetzt verdorben. Warnend schüttelte er den Kopf, griff nach den Rudern und wendete das Boot. Setpenre warf ihm nur noch finstere Blicke zu und schwieg den Rest der Fahrt.

* * *

In den nächsten Tagen ließ seine Großmutter nichts unversucht, um ihn wieder zur Vernunft zu bringen. Sie schaltete sogar den Wesir des Südens ein. Es gab zwei Wesire in Ägypten, einen in Waset, mit dem Nehesi fast täglich zu tun hatte, und einen im Norden, den er, wenn er ehrlich war, viel zu selten besuchte oder zu sich bat. Da das Land seit Beendigung der Seuche in Frieden lebte und die Nilüberschwemmungen seit Jahren üppig ausfielen, erlaubte sich Nehesi diese Nachlässigkeit, wusste aber im Grunde seines Herzens, dass es falsch war. Vielleicht würde er ja jetzt, da er ohnehin alles anders handhabte, auch in diesem Punkt mehr Format zeigen und dem Wesir des Nordens genauer auf die Finger schauen.

Im Augenblick hatte er es aber erst einmal mit dem Wesir des Südens zu tun, einem verträglichen und freundlichen Mann, der bis jetzt in all den Jahren immer ein gutes Händchen bewiesen hatte, wenn doch einmal Probleme auftauchten.

»Majestät«, begann jener, »Ägypten hat im Lauf der Jahrhunderte schon mehrere Hauptstädte gehabt, je nachdem welche Herrscherfamilie über einen längeren Zeitraum regierte. Wie du weißt mögen wir es, dass es hier in Waset geruhsamer zugeht als in den anderen Städten. Aber ich muss dir leider berichten, dass es seit ein paar Tagen unruhig geworden ist.«

Nehesi, der sofort wusste, auf was das Ganze hinauslief, wollte sich am liebsten dumm stellen, um den Mann zu zwingen, etwas auszusprechen, was ihm offensichtlich unangenehm war. Dann aber seufzte er und gab zu: »Es hängt mit meiner Schwester zusammen, habe ich recht?«

Der Wesir lächelte erleichtert: »Ja, Majestät.«

»Definiere genauer, was du mit „unruhig“ meinst.«

»Deine Person ist unantastbar, Majestät. Niemand würde jemals in Frage stellen, was du tust oder anordnest. Aber es hat die Leute erschüttert, dass eine Prinzessin – wie soll ich sagen – so plötzlich alles verliert.«

»Es gab zwingende Gründe. Sie hat kein Recht mehr auf Privilegien.«

Der Wesir dachte lange nach und bekannte schließlich: »Es gibt seit Tagen kein anderes Gesprächsthema mehr und es wird wild spekuliert, was als Nächstes geschehen könnte.«

Nehesi musterte ihn erstaunt. »Wenn meine Person unantastbar ist und wenn meine Taten und Beschlüsse von niemandem in Frage gestellt werden können, was nützt es dann zu spekulieren?«

»Du hast recht, Majestät. Ich hielt es lediglich für meine Pflicht, dich zu informieren. Entschuldige bitte, dass ich dich behelligt habe.«

Nehesi verzichtete darauf, seine Großmutter zu erwähnen, die zweifellos dahinter steckte, und knurrte: »Überlege dir das nächste Mal genauer, ob du mich wegen so einer Lappalie aufsuchst. Du kannst gehen.«

* * *

Nihotep geriet immer mehr in Rage über die Unvernunft ihres Enkels und griff zum allerletzten Mittel. Sie ließ Moks kommen, einen schmächtigen Jungen, der damals zwar die Seuche überlebt hatte, seitdem aber sein rechtes Bein nicht mehr richtig bewegen konnte und hinkte. Das hatte ihn jedoch nicht missmutig werden lassen. Er war ein stilles kluges Kind mit einem Lächeln, das einem zu Herzen ging. Sämtliche Frauen im Haus bemühten sich, ihn zu verwöhnen. Aber er hatte eine Möglichkeit gefunden, wie er sich ihnen entziehen konnte, indem er sich voll und ganz dem Schulunterricht widmete und alles aufsaugte, was man ihm beibringen konnte. Wie bereits Nehesi in früheren Jahren besaß auch er einen eigenen Lehrer, der auf dem Palastgelände eine kleine Unterkunft bezogen hatte und Tag und Nacht für seinen Schützling erreichbar war.

Jetzt am Abend hatte Moks frei und ließ bei Nehesi anfragen, ob er ihn sprechen dürfe. Er wurde sofort hereingebeten und der Pharao begrüßte ihn auf eine Weise, die dem Jungen ein glückliches Lachen entlockte.

»Mein einziger männlicher Verwandter! Komm in meine Arme!«

Moks empfand es als unfassbar große Ehre, vom mächtigsten Mann Ägyptens derart empfangen zu werden, schluckte schwer, was seinen Kehlkopf hüpfen ließ und sprudelte los: »Deine Großmutter schickt mich. Ich soll dich ausspionieren.«

Nehesi brach in schallendes Gelächter aus und Moks lachte frohen Herzens mit. Beide hatten sich schon so manchen Trick ausgedacht, wie sie sich die Übermacht der Frauen möglichst oft vom Leib halten konnten. »Na dann wollen wir mal überlegen, was du ihr antworten kannst«, grinste Nehesi, »aber vorher spielen wir eine Runde.«

Während der Pharao das Senet-Spiel holte, das in einem Nebenraum aufbewahrt wurde, schaute sich Moks in seinem Empfangszimmer um. Von allen Gemächern im Männerflügel war es das größte und schönste. Es besaß Fenster zum Garten hinaus, die abends mit Binsenmatten verdunkelt wurden. Der Fußboden bestand aus Zedernholz. In seiner Mitte stand ein großer Tisch mit vier schön geschnitzten Stühlen und grünen Kissen. An der Stirnseite war ein kleiner Amun-Schrein in der Wand eingelassen, dessen Türen verschlossen waren. Neben dem Eingang standen drei Kommoden mit goldenen Verzierungen. Kleine darauf abgestellte Alabasterlampen waren angezündet worden und verliehen dem Raum einen honigfarbenen Schimmer. Nebenan lag das Schlafzimmer des Pharaos, das ähnlich erlesen eingerichtet war, und dahinter gab es noch einen weiteren Raum, von dem Moks nicht genau wusste, wozu er diente.

Nehesi ließ jetzt Granatapfelwein, Sesam- und Honigkuchen kommen. Dann bauten sie gemeinsam das Spielbrett auf einem kleinen Tisch in der Ecke auf, zogen zwei Stühle heran und begannen zu würfeln. Moks hatte die Spulen als Spielsteine gewählt, sodass Nehesi die Kegel nahm. Konzentriert spielten sie eine Runde nach der anderen, wobei es mit dem Gewinnen immer hin und her ging. Verloren hatte stets jener, dessen Spielsteine auf das Feld der schwarzen Fluten gedrängt worden waren.

Irgendwann begann Moks zu gähnen. Da besann sich Nehesi auf den Grund seines Besuchs und erklärte: »Sag meiner Großmutter, dass Sitamun von vornherein nicht die Richtige für mich war. Das habe ich in einer Vision gesehen und Mentiu hat es bestätigt. Damit wird sie sich abfinden, denn wenn der Hohepriester derselben Meinung ist wie ich, hat sie keine Chance, mich von etwas anderem zu überzeugen. Hast du alles verstanden?«

»Ja.«

»Hast du noch Fragen?«

»Liebst du Sitamun nicht mehr?«

»Nein.«

»Gut. Dann erlaube mir bitte, schlafen zu gehen.«

Als er fort war, dachte Nehesi verblüfft: Er ist erst vierzehn, aber er antwortet wie ein Mann. Mit wenigen Worten ist alles gesagt.

3

Das Wichtigste, was er nach dem Rauswurf Sitamuns tat, war natürlich, den Rat Mentius zu beherzigen, sich mit seinen Träumen zu beschäftigen. Nach ein paar Wochen stellte er jedoch enttäuscht fest, dass nichts dabei herauskam, was ihm einen Hinweis auf die ersehnte Seelenverwandte gegeben hätte. Er träumte, wenn überhaupt, nur kurz und wirr und zermarterte sich anschließend den Kopf, ohne jemals eine Eingebung zu haben. Ehrlich gesagt schlief er auch furchtbar schlecht in jener Zeit. Natürlich geisterte ihm immer noch der Verrat von Sitamun und Takelo im Kopf herum, wobei er den des Freundes inzwischen als den Unverzeihlicheren betrachtete. Wie hatte er ihm so etwas antun können? Er vermisste ihn und ihre morgendlichen Treffen auf dem Exerzierplatz. Jetzt musste er sich mit einem seiner Leibwächter abmühen, um in Form zu bleiben.

Doch dann zu Frühlingsbeginn geschah etwas Seltsames. Er hörte nachts eine leise Frauenstimme. Beim ersten Mal dachte er, dass es eine Dienerin wäre, die draußen unter seinem Schlafzimmerfester vorbei ging, wobei er sich wunderte, denn die Worte waren zwar deutlich zu verstehen, jedoch mit einem fremdländischen Akzent ausgesprochen, den er nicht einordnen konnte.

»Such mich! Hilf mir!«

In der nächsten Nacht geschah dasselbe. In der übernächsten legte er sich auf die Lauer, wartete unterm Sternenhimmel auf sie, sah sie aber nicht, hörte sie nur. Sie sprach immer nur ein Mal pro Nacht, jedes Mal zur selben Zeit, und immer nur diese vier Worte. Es gruselte ihn vor ihrer Stimme, aber sie faszinierte ihn auch. Er fragte die beiden Leibwächter, die nachts vor seiner Tür standen, ob sie etwas gehört hätten. Sie verneinten. Er überlegte, wann er Mentiu davon erzählen sollte. Dass er es ihm sagen würde, war unstrittig, aber sollte er noch warten, bis er mehr Informationen bekam?

Irgendwann hielt er es nicht mehr aus und wandte sich an den Hohepriester. Der war überhaupt nicht verwundert, sondern im Gegenteil beeindruckt.

»Aber wo finde ich sie, die meine Hilfe braucht?«, rief Nehesi. »Das ist ja wohl, als würde ich ein einziges Sandkorn in der Wüste suchen!«

Mentiu schaute ihn auf merkwürdige Weise an und antwortete: »Majestät, dir wurde ein Geschenk gemacht, indem du ihre Stimme hören durftest. Jetzt musst du alles tun, damit du sie auch sehen kannst.«

Wie soll das gehen? wollte er fragen, schluckte die Worte aber hinunter. Wenn es wirklich stimmte, dass die Frau, die ihm bestimmt war, es geschafft hatte, mit ihm Kontakt aufzunehmen, dann musste er sich jetzt auf Spurensuche begeben, die – so ahnte er – nichts mit logischem Denken zu tun hatte, aber ganz viel mit Intuition.

Mentiu entfernte sich taktvoll und ließ ihn allein. Sie hatten das Gespräch im Vorraum des Allerheiligsten geführt und der junge Pharao betrat es jetzt barfuß. Er kniete sich vor das außergewöhnlich große Standbild des Gottes, der in menschlicher Gestalt ganz und gar vergoldet auf seinem Thron saß, die Hände flach auf die Knie gelegt und mit einem Lächeln um die Mundwinkel, das einmalig war auf der Welt – rätselhaft und trotzdem tröstlich. Nehesis Blick wanderte zur Krone des Gottes, die mit zwei hohen Federn bestückt war und dann hinunter zu seinen Zehen, wo er lange verharrte.

Es hat angefangen, dachte er plötzlich erschüttert. Sie, nach der ich mich verzehre, existiert wirklich! Mentiu hat recht – jetzt bin ich gefragt. Ich muss alles tun, um sie zu finden!

Er schloss die Augen und versuchte, sich seine Seele vorzustellen. Das war ihm bereits als Kind geglückt und er erinnerte sich, wie er seinen Lehrer damals verblüfft hatte, indem er ihm ganz genau beschrieb, was er nachts im dunklen Zimmer wahrgenommen hatte. »Meine Seele weht wie ein fadendünner Rauch aus meinem Mund und sammelt sich unter der Zimmerdecke. Dort hängt sie wie eine kleine weiße Wolke. Dabei reißt der Faden aus meinem Mund nie ab. Er bewegt sich mit meinem Atem.«

Plötzlich fühlte er deutlich, dass er auf der richtigen Spur war. Meine Seele und ihre Seele haben zueinander gefunden. Jetzt muss ich nur noch herausbekommen, wo sie lebt. Ich darf nicht verzagen, weil es in Ägypten Hunderttausende von Frauen gibt, sondern muss ganz anders denken: Der erste und wichtigste Schritt ist getan – genau genommen sind sogar schon zwei Schritte erfolgt. Er lachte verblüfft bei diesem Gedanken. Ich brauche Sitamun nicht zu heiraten – das war die Voraussetzung dafür, eine andere, nämlich die Richtige zu finden. Und sie, meine Seelenschwester spricht zu mir Nacht für Nacht. Das ist wirklich ein Geschenk – genau wie Mentiu gesagt hat.

Die nächsten Tage verbrachte er in einer Art Euphorie. Noch nie hatte ihn etwas, was er entdeckt hatte, so sehr gefreut. Sein Gott half ihm. Zu seinen Füßen war ihm die richtige Idee gekommen. Es würde nichtschwer sein, seine Liebste zu finden, sondern einfach, denn sein Weg zu ihr hatte bereits begonnen. Er musste ihm nur konsequent folgen.

Es dauerte noch eine weitere Woche, bis er wusste, welche Himmelsrichtung anzusteuern war. Als neulich der Wesir des Südens bei ihm gewesen war, hatte er an den Wesir des Nordens denken müssen. Also auf nach Norden! Es wurde höchste Zeit, dass er sich in Daschlut wieder einmal blicken ließ. Nicht umsonst hieß Ägypten das Reich der zwei Länder, denn irgendwann vor Urzeiten waren beide noch getrennt gewesen. Aber jetzt waren Unter- und Oberägypten vereint und er als Pharao hatte die Pflicht, sich um beide Landesteile zu kümmern.

Seine Großmutter reagierte erfreut, als er sie von seinem Plan in Kenntnis setzte, denn sie glaubte, dass er in Qebt Station machen und die dortigen Isis-Priester ermahnen würde. Er konnte es kaum erwarten, bis es endlich losging. Jeder Tag, den die Reisevorbereitungen in Anspruch nahmen, schmerzte ihn rein körperlich.

Eine Woche lang aß er nichts und verbrachte Stunden im Heiligtum seines Gottes. Er verzichtete auf Wein und Bier und befand sich jetzt in einem Zustand, als wären ihm Flügel gewachsen und er müsse nicht auf der Königsbarke reisen, sondern könne wie ein Falke nach Norden fliegen.

Am Tag seiner Abreise versammelte sich der gesamte Hofstaat am Anlegesteg, um ihn zu verabschieden, alle feierlich gekleidet, so wie es einem Pharao gebührte. Voller Stolz ließ er seine Blicke über die königliche Barke gleiten, die mit einer Schlafkabine ausgestattet war. Selbstverständlich würden ihn seine Leibwächter begleiten, die auf dem Rückweg flussaufwärts in die Ruder greifen müssten, außerdem sein Leibdiener, sein Schreiber Ani und sein Herold. Letzterer würde überall dort, wo sie am Ufer anlegten, den dort versammelten Menschen die Aufforderung zurufen, sich vor dem Herrscher der zwei Länder zu verbeugen und ihm ja nicht in die Augen zu schauen. Er würde lautstark all die Titel des Pharaos verkünden und davon gab es viele.

Zum Schluss blieb sein Blick auf der weißgoldenen Standarte hängen, die am Bug befestigt worden war und zum Segel, ebenfalls in den beiden königlichen Farben. Er sah, dass die letzten Proviantkisten an Bord getragen wurden und da sein Leibdiener äußerst gewissenhaft war, wusste er, dass auch nicht die winzigste Kleinigkeit fehlte.

Zwei Tage zuvor hatte er einen Kurier nach Daschlut geschickt, der sein Kommen ankündigen sollte. Eigentlich hätte er Simontu, den Wesir des Nordens, schon viel früher informieren sollen, damit er ausreichend Zeit hatte, sich auf den Besuch vorzubereiten. Aber irgendwie bereitete es ihm Vergnügen, den Mann, der sich ziemlich selbstherrlich gebärdete, in Aufregung zu versetzen. Ganz abgesehen von dessen Haushalt. Der würde jetzt aufgescheucht herumschwirren wie ein Bienenvolk vor einem Wespenangriff.

Inzwischen näherte sich Hohepriester Mentiu, um ihm vor der Reise seinen Segen zu erteilen. Fanfarenklänge erschollen und Nehesi eilte über die Laufplanke, begleitet von Saper, einem hochbeinigen Windhund mit hellem Fell und bernsteinfarbenen Augen. Die vielen Abschiedsworte und guten Wünsche der Familie hatte er gleich wieder vergessen und auch den bedeutungsschwangeren Blick Setpenres, die sich vermutlich sehnlichst gewünscht hatte, ihn zu begleiten.

Was für eine Wohltat, als sich die Barke endlich vom Ufer löste, der Kapitän Kommandos rief, sich das Segel knatternd entfaltete und ein überwältigender Duft von Freiheit Nehesis Lungen füllte. Er hätte jauchzen können vor Glück. Auf dem Nil zu reisen, hatte ihm schon immer Freude bereitet, obwohl es in der Vergangenheit meistens nur kurze Ausflüge gewesen waren.

Ein einziges Mal schaute er zurück, sah seine Familie winken, erwiderte den Gruß und wandte sich dann nach Norden. Während der mehrtägigen Fahrt, die nachts unterbrochen wurde, indem die Barke am Ufer anlegte, spürte er, wie sich eine wunderbare Ruhe in seinem Inneren breit machte. All die Sorgen und Schwierigkeiten der letzten Wochen lösten sich in Luft auf. Er war ihnen nicht mehr ausgeliefert, denn er besaß die Macht und den Willen, sein Schicksal zu ändern. Er betete jeden Morgen und Abend zu Amun vor seinem kleinen Reiseschrein. Jetzt sang er selbst die Morgenhymne und spürte dabei, wie die Bootsmannschaft und seine Leibwächter ganz ergriffen waren, dass sie so etwas miterleben durften. Dieses wunderbare Lied, das an- und abschwoll, mit seinen ganz einfachen Worten aber einer Melodie, die jedem unter die Haut ging, weil sie an etwas anknüpfte, was es seit Ewigkeiten gab.

Nicht ein einziges Mal dachte er unterwegs, dass er in irgendeinem Ort rechts oder links des Nils länger verweilen sollte als unbedingt nötig, um frisches Wasser und neuen Proviant an Bord zu nehmen. Im Gegenteil, schon bald überkam ihn eine neue Unruhe, das Gefühl, dass er sich beeilen müsse. Das „Such mich! Hilf mir!“ wurde dringlicher.

Endlich erreichten sie Daschlut und wurden mit allem Pomp empfangen, der einem Herrscher gebührte. Nehesi hatte Simontu zum letzten Mal vor zehn Monaten gesehen, als jener ihn besucht hatte. Er war ein untersetzter Mann, hatte eine erstaunlich helle Haut, so als wären unter seinen Vorfahren Nordländer gewesen und graue Augen. Seine Stimme war tief und volltönend wie die eines Mannes, der es gewöhnt ist, Befehle zu erteilen. Er war in das typische Gewand eines Wesirs gekleidet, das bis zum Boden reichte und im Nacken mit einem Band gehalten wurde.

Simontu begrüßte Nehesi mit allem nötigen Respekt, aber nicht allzu unterwürfig. Er stellte ihm seine Familie vor, eine hübsche Frau, zwei nicht minder hübsche Töchter im Alter von zehn und zwölf und zwei Söhne, die schon erwachsen waren. Fürsorglich geleitete er Nehesi in seinen Palast, der beinahe genauso groß war wie das Anwesen des Pharaos, aber völlig anders im Grundriss, nämlich nicht aus verschiedenen Gebäudeteilen bestehend, sondern nur aus einem einzigen Komplex. Ein umfangreicher Garten breitete sich ringsherum aus und auch hier gab es einen Teich.

Natürlich verging Simontu schier vor lauter Neugier, was genau den Pharao so plötzlich zu ihm geführt haben könnte. Aber er war klug genug, keine einzige Frage zu stellen, sondern wartete ab. Nehesi beobachtete amüsiert wie sein Windhund überall im Garten herumschnüffelte, stets aber wieder zu ihm zurückkehrte, um seinen schmalen Kopf an sein Knie zu schmiegen. Die erste Mahlzeit nahmen sie unter Sonnensegeln am Ufer des Teichs ein und Simontu ließ alles auffahren, was man sich an ägyptischen Delikatessen vorstellen konnte, angefangen von Datteln über Ziegenkäse, Melonen, Gänsebraten bis zu Gebäck mit Nusskruste. Auch gab es reichlich Wein und Bier, und da Nehesi an Bord nur Wasser getrunken hatte, ließ er sich jetzt das mit Granatapfelsaft gemischte Bier schmecken.

Der Alkohol löste seine Zunge und er ging auf den Plauderton Simontus ein, schilderte das Wohlergehen seiner Familie, ohne seine Schwester Sitamun auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Zweifellos waren die Neuigkeiten über deren Schicksal auch bis hierher gedrungen. Doch Simontu besaß so viel Takt, ihn nicht darauf anzusprechen. Das Mittagessen ging beinahe nahtlos ins Abendessen über, das der Wesir eigentlich in seinem prächtigen Empfangssaal geplant hatte. Doch Nehesi beharrte darauf, dass es hier im Garten doch gemütlich wäre und so wurden hier die Tische neu gedeckt. Das machte es jetzt für die Tänzerinnen schwierig, die der Wesir extra für den Besucher engagiert hatte, und Nehesi grinste über ihre etwas unbeholfenen Schritte auf dem holprigen Rasen, der keineswegs so gut gepflegt war wie sein eigener in Waset.

Irgendwie verging die Zeit wie im Flug. Es wurde dunkel, die ersten Sterne begannen zu funkeln und Nehesi ließ den Oberkörper zurückfallen auf die weichen Polster. Sein Hund kuschelte sich an seine Seite und begann schon bald zu schnarchen.

Fledermäuse flogen zwischen den Bäumen hin und her, Frösche quakten am Ufer des Teichs und Zikaden zirpten unaufhörlich. Eigentlich hätte Nehesi jetzt ganz entspannt sein können, doch die Frage, ob er hier in Daschlut seine Seelenschwester wirklich zum ersten Mal sehen würde, trieb ihn um. Eine starke Unruhe erfüllte ihn erneut und irgendwann ertrug er das Geplauder des Wesirs nicht mehr und verabschiedete sich.

Man hatte ihm schon vorher sein Gästezimmer gezeigt, das mit allem Luxus ausgestattet war, den Simontu aufbieten konnte. Jetzt ließ er sich aufs Bett sinken und starrte an die Decke. Fackellicht huschte von draußen herein und ließ alles unwirklich erscheinen.

Plötzlich hörte er seinen Hund knurren und spürte einen frischen Luftzug. Und als er zur Tür schaute, war diese offen, und eine nur spärlich bekleidete Frau trat ein. Er setzte sich ruckartig auf und starrte sie an. Saper begann jetzt zu bellen und die Frau zuckte erschrocken zurück. Ist es die, die ich suche?, dachte Nehesi voller Vorfreude. An ihrer Stimme würde er sie erkennen.

»Sag etwas!«, stieß er hervor.

Erstaunt riss sie die Augen auf. Sie war schön, keine Frage, besaß volle Brüste und eine schmale Taille. Ihr knielanges Kleid war beinahe durchsichtig. »Bitte, Majestät, ruf deinen Hund zurück. Er macht mir Angst«, erwiderte sie furchtsam.

Enttäuscht erkannte er, dass ihre Stimme vollkommen anders klang als die, nach der er sich sehnte, und das brannte jetzt wie Gift in seinem Herzen. »Ist das alles, was du zu sagen hast?«, krächzte er.

Verwirrt schüttelte sie den Kopf. »Magst du dich nicht an mir ergötzen?«

Die Erkenntnis, dass Simontu sie geschickt hatte, damit sie ihm Hurendienste anbot, traf ihn wie eine Ohrfeige. Er hätte es schon viel eher merken müssen, denn seine Leibwächter hatten die Frau durchgelassen. Er würde sie bestrafen müssen. Sie hatten einem Befehl Simontus gehorcht, ohne ihn, ihren Pharao zu fragen, ob er nächtlichen Besuch haben wollte.

»Ich will dich nicht!«, stieß er hervor. »Geh weg und sag deinem Herrn, dass er einen Fehler gemacht hat!«

Gedemütigt senkte sie den Kopf und verschwand.

Sofort rief er nach seinen Leibwächtern und stauchte sie zusammen. Sie schworen, dass so etwas nie wieder vorkommen würde. Das stimmte ihn ein wenig milder, denn ihm fiel ein, dass er sie bis jetzt nur auf ganz wenige Reisen mitgenommen hatte und dass sie folglich noch nie in solch eine Situation geraten waren. Aber jetzt war ihm der Aufenthalt in diesem Zimmer verleidet. Er ließ seinen Leibdiener kommen und befahl: »Erkundige dich bei Simontus Oberhofmeister, ob es für mich eine Möglichkeit gibt, auf dem Dach zu schlafen.«

Bei sich zu Hause in Waset schlief er in den warmen Monaten oft auf dem flachen Dach. Kurz hatte er erwogen, zu seiner Barke zurückzukehren, aber das hätte den Wesir gekränkt und er brauchte ihn ja noch, um seine Seelenschwester zu finden.

Kurze Zeit später kehrte sein Leibdiener mit der Nachricht zurück, dass alles seinem Wunsch entsprechend bereit wäre und dass er auf dem Dach selbstverständlich ganz allein und in Ruhe schlafen könne. Simontu würde sich vielmals entschuldigen für das Missverständnis und dies am anderen Tag auch persönlich tun.

Nehesi brummelte übellaunig, schnappte seinen Hund und trug ihn die steile Treppe hoch. Dort war in der Tat in Windeseile alles für ihn vorbereitet worden. Sogar Wein und Bier und ein paar Kleinigkeiten zu essen hatte man hergebracht. Müde ließ er sich auf die Polster sinken, konnte aber trotzdem nicht schlafen. Sonst freute er sich immer am Gefunkel der Sterne, und tiefgehende Gedanken über die Schönheit der Welt gaben ihm Frieden. Aber das „Hilf mir!“ wurde immer drängender. Als ihm bewusst wurde, dass er das „Such mich!“ gar nicht mehr vernahm, überkam ihn der überwältigende Drang aufzuspringen und jetzt sofort mitten in der Nacht den Palast des Wesirs und notfalls ganz Daschlut zu durchstöbern. Aber das war natürlich Unsinn. Er musste warten, bis die Sonne aufging.

Von Stunde zu Stunde fühlte er sich elender. Es kam ihm so vor, als würde ihn eine Krankheit befallen, für die es keine Heilung gab. Er sprang auf, ging auf dem Dach hin und her, begleitet von seinem Hund, der ihn voller Sorge musterte und nicht wusste, was mit seinem Herrn geschehen war.

Endlich nahm das Dunkelblau der Nacht im Osten einen hauchzarten Türkisschimmer an. Da beruhigte er sich, kniete nieder und begann, als der erste Sonnenstrahl über den Horizont zuckte, die Morgenhymne zu singen. Erst danach merkte er, dass ihm kalt geworden war. Er holte eine Decke und schlang sie sich um die Schultern.

Offensichtlich war Order ergangen, ihn ja nicht zu stören. Er sah im ersten Morgenlicht Sklaven und Diener mit gesenkten Köpfen aus ihren Unterkünften huschen und den Palast betreten. Irgendwann tauchte sein Leibdiener auf, aber er scheuchte ihn wieder fort. Er wollte noch so lange wie möglich hier oben bleiben, von wo er einen ausgezeichneten Blick auf das Anwesen und ganz Daschlut hatte. Vielleicht würde er ja auf die Art etwas erfahren, was ihm unten entgehen könnte.

Als der Duft von frisch gebackenem Brot nach oben wehte, bereute er seinen Eigensinn, war aber zu stolz, jetzt doch nach Frühstück zu verlangen. Er musste pinkeln und benutzte einen Eimer am östlichen Rand des Dachs, der wohl zu diesem Zweck bereitgestellt worden war. Er war gerade damit fertig und ordnete seine Kleidung, als er hörte, wie die Eingangstore des Anwesens geöffnet wurden. Sie lagen Richtung Westen und neugierig wandte er sich dieser Dachseite zu, natürlich ein paar Schritte von der Kante entfernt.

Er hörte leise Kommandos, das Klirren von Waffen, und plötzlich sah er einzelne Gestalten hintereinander gehend zwischen den Bäumen auftauchen. In ihrer Mitte blitzte etwas golden und als er es genauer in Augenschein nahm, dachte er wirklich und wahrhaftig, dass dort ein Himmelswesen ging. Das konnte kein Mensch sein, so strahlend schön mit einem schwebenden Gang, als hätte es Flügel. Sein Herz begann heftig zu schlagen und ganz kurz war ihm, als müsse er in die Knie sinken. Ein paar dichtbelaubte Bäume verdeckten jetzt seine Sicht, und als der erste Wächter in der Gruppe wieder auftauchte, hielt Nehesi vor lauter Anspannung die Luft an.

Ein weiterer Wächter folgte, dann kam SIE – die Überirdische und Goldene.

Das ist sie! Das ist sie! Das ist sie! jubelte sein Herz, und es hätte nicht viel gefehlt und er hätte einen Schrei puren Glücks ausgestoßen, aber er beherrschte sich mühsam und starrte hinunter. Sie war genauso groß wie die Wächter und ihr gesamtes Wesen umfloss ein Leuchten, wie er es noch nie gesehen hatte.

Sein Hund hatte sich neben ihm flach auf den Bauch gelegt und begann zu winseln. Auch er hatte die Augen auf die goldene Erscheinung gerichtet, geradezu hypnotisiert.