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Als einziges Kind einer Großfamilie, lebt Margot inmitten sieben Erwachsener. Alle geben ihr Bestes, damit aus dem Kind "etwas Rechtes" werden soll. Die besonderen Lebensbedingungen eines Einzelkind-Daseins in der Nachkriegszeit werden bereichert durch dörflich-katholische Einflüsse mit Prüderie und Grobheit. Die Bessere-Leute-Fantasien der Erwachsenen und der eingewurzelte, gesellschaftliche Hintergrund eines Dorflebens an der Mosel, fordern das Mädchen, besondere Leistungen zu erbringen. Befreiung aus Isolation und Missverständnissen bringt in vielen Fällen ein gleichaltriger Bub aus der Nachbarschaft. In ihrer Ernsthaftigkeit und mit ähnlichen Bedürfnissen, das Leben verstehen zu lernen, finden die Kinder aneinander Halt.
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Seitenzahl: 286
Veröffentlichungsjahr: 2015
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Vorwort
Biblische Gesetze
Das Thanischten-Haus
Wingertsarbeit
Erziehung
Erste Reise
Waschtag
Zweite Reise
Nachbarschaft
Thanischten
Der Ernst des Lebens
Bräuche
Fachleute und Helfer
Verbindungsstück
Hausschlachtung
Einkaufsmöglichkeiten
Auf dem Berg
Traubenlese
Umwälzungen
Oben und unten
Betrachtungen
Auf dem Sofa
Kommunionfeier
Das Kind
Pflichten und Nöte
Kleiner Umzug
Politik
Religions- und Schulunterricht
Noch im Oberdorf
Geschäftsleute
Neuerungen
Die Brücke
Letzte Weihen
Näher am Fluss
Bekanntschaft
Wiederholungen und Neuigkeiten
Sprachlosigkeiten und Erklärungen
Wege der Selbstständigkeit
Die neue Schule
Reise nach Italien
Flugtag
Das Lernen hört nicht auf
Familienangelegenheiten
Überforderung
Es bröckelt
Geschäfte
Zu guter Letzt
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2015 novum Verlag
ISBN Printausgabe: 978-3-99048-098-4
ISBN e-book: 978-3-99048-099-1
Lektorat: Dr. phil. Ursula Schneider
Umschlagfotos: Margot Bauer, Designprintck | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Vorwort
Am Waldrand.
Das Kind
steht nicht,
geht nicht,
sitzt bloß.
Hilflos.
Über die Wiese
geht
kindlos
die Mutter.
Über die Wiese
geht
haltlos
der Schrei.
Mutter geht.
Kind schreit.
Mutterlos,
endlos.
Trostlos.
Als ich drei Jahre alt war, kannte ich diesen Traum bereits seit Langem. Ich träumte ihn immer wieder. Er war schrecklich. Ich war klein in diesem Traum und noch unfähig, meine Beine zu gebrauchen. Zurückgelassen, konnte ich lange nicht aufhören zu schreien. Ich schrie im Traum. Ich schrie, wenn ich erwachte. Ich schrie noch lange, nachdem ich aufgewacht war und jemand mich in den Armen hielt und versuchte, mich zu beruhigen. Irgendwann blieb er aus, der Traum. Vergessen habe ich ihn nie.
Biblische Gesetze
Neues Testament:
Kolosser, Kapitel 3, Vers 18
„Ihr Frauen seid den Männern untertan, wie es sich schickt im Herrn.“
Alle nahmen sie ernst, die Bibel, die Mannsleute von der Mosel. Sogar sinnreiche Erweiterungen erfuhren die biblischen Lehren darüber hinaus. Vermutlich steht’s sogar auch irgendwo geschrieben, dass ein Mann niemals auf die Worte seiner Frau hören soll. Zumindest war das genau so ein stets gern und zuverlässig befolgtes Gebot der gottesfürchtigen Moselkerls, sogar bei denen, deren Füße selten den Weg in die Kirche fanden.
Was vielleicht nirgendwo geschrieben steht, aber dennoch als außerordentlich wirksames Gesetz moselauf und moselab – vielleicht auch anderswo? – gnadenlose Gültigkeit erlangte, war, dass die männlichen Mitbürger von Jugend auf Trinkfestigkeit zu trainieren hatten. Zumindest dann, wenn sie irgendwann von echten Männern als echte Männer anerkannt sein wollten.
Das Thanischten-Haus
Häuser hatten Namen. Häuser vererbten ihren Namen.
Sie hießen nach dem Bauherrn, der sie einst errichten ließ und darin das künftige Geschlecht begründete. Das Haus übertrug seinen Namen auf alle nachfolgenden Generationen, ungeachtet der Tatsache, unter welchen Geschlechternamen diese im Taufbuch geführt wurden. Auch nach einem Handwerk, das in einem Hause ausgeübt wurde, nach seiner Situation im Gelände, nach seinem Platz in der Gemeinschaft mit anderen Menschen oder Bauten des Ortes oder auch nach einer Begebenheit, welche sich in einem Hause zugetragen hatte, konnten Häuser benamt sein. Namenlose Häuser waren im Ort unbekannt oder so neu, dass sie sich noch keinen Namen verdient hatten.
Schiffbasten hießen die Leute aus dem Hause, nach dessen Gründervater mit dem Namen Sebastian die Wohnstatt getauft war. Sebastian war ein Mann, der damit Geld verdiente, dass er, gemeinsam mit anderen starken Kerlen, auf dem Leinpfad an langen Tauen (manchmal auch mit Unterstützung von Pferden) Schiffe die Mosel aufwärtszog (treidelte). Die Leute, die in dieses Haus hineingeboren wurden, trugen über ihr zeitliches Dasein hinaus den Namen Schiffbasten als den im Dorf gebräuchlichen Nachnamen. Diese individuellen Übernamen waren auch hinsichtlich der Unterscheidung verschiedener Familien hilfreich, die in vielen Fällen den gleichen amtlichen Nachnamen trugen.
Solange sie Bürger derselben Ortschaft waren, wurde den dem Namensgeber nachfolgenden Familienmitgliedern bei räumlicher Veränderung zur besseren Unterscheidung von den am ursprünglichen Platze Verbliebenen eine Eigentümlichkeit des neuen Zuhauses beigefügt. Sie hießen dann vielleicht Oberschiffbasten, wenn sie etwa im Oberdorf, oder Stooadschiffbasten, wenn sie am Gestade, dem Moselufer, Wohnung genommen hatten.
Zur Kenntlichmachung der Individuen waren damals, als den Leuten weder orthopädische noch kosmetische Korrekturmöglichkeiten zur Verfügung standen, auch die physiognomischen Eigentümlichkeiten einer Persönlichkeit von Nutzen. Ja, sogar hygienische Besonderheiten – wie beispielsweise Rotznasen – dienten der das Leben überdauernden Identifizierung der Mitbürger.
Das Bruchsteinhaus aus Moselschiefer mit den Fenstereinfassungen aus rotem Sandstein und seinen hohen Räumen lag an der Hauptstraße im Oberdorf. Es war von Wildem Wein überwachsen, der bereits das hohe Dach erklommen hatte und der, wenn er blühte, nach Honig duftete und eine Menge winziger, gelblicher Blütenreste abwarf. Darauf stürzten sich die Ameisen, welche an seinen Wurzelstöcken, links und rechts der ausgetretenen Sandsteinstufen, ihre Nester hatten. Eifrig trugen sie davon Häufchen zusammen, wenn die Sonne schien, während andere, wahrscheinlich die Ameisen-Hebammen, sich damit beschäftigten, die blassen Puppen ihrer Königin hin und her zu schaffen.
Die zweiflügelige Pforte, welche man über die Treppe erreichte, war ein Stück ins Hausinnere versetzt und verschlossen. Wenn die Sonne diesen kleinen Platz erwärmte, duftete das dunkle Eichenholz säuerlich und ein wenig bitter. Eiserne Löwenköpfe schmückten die Türklinken. Das Kind aus diesem Hause hatte die Gewohnheit, an allem zu riechen, und Gerüche prägten sich ihm unauslöschlich ein. Sonnenerwärmtes Eisen roch anders als kaltes. Es roch ein wenig wie Blut.
Zwischen großen Hortensienbüschen, die links und rechts der Treppe in großen Kübeln gediehen, nahmen gerne Personen Aufstellung, die fotografiert werden wollten, wenn sie für eine Hochzeit oder eine Kindstaufe geschmückt waren oder weil man ein Abschiedsfoto machen musste. Hortensien riechen grün, egal, ob sie rosa, weiß oder blau blühen.
Zwei Oberlichte über dem Haupteingang waren aus grünem Glas und wurden von traubenbehangenen Weinreben umrankt, die aus Holz geschnitzt waren. Dahinter dämmerte der breite Flur und der raumhohe Spiegel starrte angsterregend hinein. Nie konnte man sicher sein, wer im Düster aus ihm herausschauen würde, wenn man daran vorbeikam.
„Hinter dem Spiegel steckt der Teufel“, sagten die Großen und meinten damit alle Spiegel. Aber gerade dieser riesige Spiegel schien die ihm gemäße Herberge zu sein.
Licht fand hinter den mächtigen Mauern des Hauses wenig Raum. Es wurde gefürchtet, denn es verfügte über Kräfte, die hier unerwünscht waren. Es machte die Gardinen morsch, es bleichte die Tapeten und Möbelpolster aus. Wenn Sonnenlicht schräg durch eine Fensterscheibe fiel, war die Lichtflut von – sonst unsichtbarem Leben – erfüllt. In ihm wogten Myriaden feinster Partikelchen. So einen einsamen Lichtstrahl im sonst abgedunkelten Raum suchten die Fliegen gerne auf, um darin mit dem Staub zusammen ihren Sonnentanz zu feiern. Um solch unliebsame Erscheinungen zu bannen, gab es im oberen Stockwerk an der Innenseite der Fenster tapetenkaschierte Klappläden, mit denen man diesem Unfug Einhalt gebieten konnte.
Im Parterre befand sich das gute Zimmer, welches immer an Weihnachten und einmal im Februar, wenn Kirmes war, geheizt wurde. Das übrige Jahr blieb es, mit Ausnahme von Jubiläen und anderen Familienfesten, versperrt. Natürlich waren hier bis auf jene feierlichen Ausnahmen die Jalousien heruntergelassen. Der besondere Geruch dieser Stube blieb auf diese Weise wunderbar konserviert. Er entströmte der geschlossenen Gesellschaft der guten Sachen, die hier versammelt waren.
Das Sofa, im erdfarbenen, groß geblümten Plüsch, dominierte die übrigen Düfte. Aus ihm dünstete der in ihm gefangenen Staub, der sich mischte mit den Gerüchen, welche vom Besessenwerden durch Gesäße zweier Generationen herrührte. Anders roch das honigfarbene Eichenholz des Zylinderbureaus. Ein imposanter Schreibtisch, der von einem Rollladen im Radius eines Viertelzylinders verschlossen war. Öffnete man ihn, was während der Aufenthalte in diesem Raum regelmäßig geschah, weil sich das Fotoalbum darin befand, roch es nach Papier und anderen geheimnisvollen Dingen, wie zum Beispiel das Stempelkissen eines war. Der große, runde Tisch mit der weit herabhängenden Fransendecke, unter dem das Kind sich gerne aufhielt, wenn in der Stube etwas los war, roch äußerlich ähnlich wie das Vertiko aus Nussbaum, das ein Meisterstück war vom Schreiner Karl. Wenn jedoch die Türen dieses Prunkstücks sich auftaten, entließ es ein ganz eigenes Aroma! Das musste von den Schätzen herrühren, die darin verwahrt wurden, das gute Geschirr, gehäkelte Spitzendeckchen, eine Schachtel mit Feldpostbriefen, die Treveris-Gläser und alt gewordene Weihnachtsplätzchen in einer schmucklosen, hohen Blechdose.
Zwei weinrot bezogene Polstersessel waren Gesellschafter des Rauchtisches. Der hieß so, weil sich auf einem runden Häkeldeckchen ein Aschenbecher, eine Kerze und ein Streichholzschachtelhalter versammelt hielten. Das Haus benötigte jedoch keinen solchen. Er war reiner Luxus, denn geraucht wurde überall. Darüber hing dort an der Wand ein Regulator, den jedes Mal, bevor die Stube in Betrieb genommen wurde, der Köbes eigenhändig und mit Bedacht aufzog, wobei er die Anzahl der Glockenschläge mit der Ziffer, auf welche der kleine Zeiger wies, in Übereinstimmung zu bringen hatte. Viele Male ertönte dann der Gong, bis alle Stunden durchgezählt und mit dem gegenwärtigen Augenblick im Einklang waren. Alle Feierlichkeiten im Hause wurden auf diese Weise eingeläutet. Im schmalen Holzrähmchen hing dort an der Wand eine ausgeblichene Schwarz-Weiß-Fotografie, das Bild einer alten Frau. Das sei die Uroma, hatte man dem Kind gesagt, weshalb es lange Zeit annahm, die alte Frau darauf mit dem Strickzeug in den knorpeligen Händen, welche sich im Schoß ihrer gestreiften Schürze niedergelassen hatten, werde so geheißen, weil sie gerade unter der Uhr ihren Platz hatte. Die Uroma war in das Frühmesser-Haus geboren worden. Das hatte ihr von der Untermosel eingewanderter Vater von der Gemeinde erworben. Frühmesser-Haus hieß es, weil dort die pensionierten Dorfgeistlichen einwohnten, die auf ihre alten Tage die überschaubare Aufgabe innehatten, sonntags die Frühmesse zu lesen. Die Ur-Trina soll, kurze Zeit nachdem das Kind auf die Welt gekommen war, verstorben sein. Sie war die Mutter von Trina und ihren drei Geschwistern. Die Trina-Tochter, Trina war die Großmutter des Kindes, dessen Mutter Trinschi hieß, demnach die kleine Trina war. Gelegentlich hörte das Mädchen die Erwachsenen darüber reden, was die Uroma doch für ein guter Mensch gewesen sei, weshalb es oft, beim Anblick ihres Bildes, ein bisschen traurig wurde darüber, dass sie nicht mehr da war. Und dann versuchte es, sich auszumalen, wie es wäre, wenn sie dort in einem der weinroten Sessel sitzen würde, und wie die Schürze riechen würde, die es sich dabei in den Farben Blau und Weiß erträumte. Als das Kind eines Tages erfuhr, dass ein Gebet, welches bei einem bösen Gewitter aufzusagen war, von ihr stamme und das „Den Schaffer lass’ schaffen, den Schlafer lass’ schlafen, den Esser schlag tot“ lautete, wurde die alte Frau auf dem Foto ihm aufs Neue missverständlich.
Im Verlaufe seiner Kinderjahre musste es sich immer wieder Gedanken darüber machen, auf welche Weise diese beiden überlieferten Mitteilungen miteinander in ein plausibles Verhältnis zu bringen seien. Solcherart oder andere sich widersprechende Mitteilungen oder Beobachtungen häuften sich mit der Zeit.
Im Erdgeschoss gab es noch zwei weitere verriegelte Türen. Hinter einer befand sich das „Dunkelzimmer“. Da blieben – weil seit dem Bombenfall die zerborstenen Fensterscheiben noch nicht ersetzt worden waren – die Rollläden lange Zeit heruntergelassen. Diese Tür tat sich gelegentlich auf, um irgendein nichtsnutzig gewordenes Stück hindurchzulassen, welches sich dann zu dem dort bereits ansässig gewordenen Plunder gesellte. Die andere Tür führte in die ehemalige Schmiede, die an der Außenwand, über den Hof des Hauses, noch einen weiteren Zugang besaß.
Eine gefährlich blank polierte, dunkle Eichentreppe stieg in den ersten Stock hinauf. Oben gab es ein Bad und eine Toilette mit Wasserspülung, eine Neuerung, die der Anton eingeführt hatte als verspäteter Einstand in das schwiegerelterliche Haus. Pakete mit Steinzeugfliesen lagen herum während der Zeit, als die nötigen Zubauten in der ehemals geräumigen Diele erstellt wurden. Erst zusammengefügt erklärten sich die Ornamente, die das Kind darauf zu entziffern versucht hatte. Eine Schlinge im Eck des einzelnen Quadrats fand sich mit den Ecken anderer Platten zu einer Art Blüte zusammen. Schiefergrau, Lehm und Rost waren die Farben.
Der Köbes vermisste das abhandengekommene Häuschen neben dem Schweinestall mit dem ausgeschnittenen Herz in der rohen Brettertür. Noch viele Jahre konnte man hören, wie er nachts, an den Schlafzimmern vorbei, das Klosett mit Wasserspülung links liegen ließ und hinunter hinters Haus tappte. Dort, an dem Platz, wo einmal neben dem Misthaufen der Abtritt gewesen war, hatte er frische Luft um die Nase, während er mit dem Urinstrahl auf den eisernen Rost am Boden zielte, unter dem er die Jauchegrube wusste. Je nachdem, wie der Mond sich dabei zeigte, konnte er dann am nächsten Tag Vorhersagen über das zu erwartende Wetter machen.
Ein langer Gang verband jetzt die Zimmer dieser Ebene mit der Treppe und die hohe Christusfigur, die in einer Nische auf der großen Kommode ihren Platz hatte und zu deren Füßen links und rechts zwei gegengleiche „Schlafende Johannes“ ausharrten, darbte seither im Finstern. Bis auf Fronleichnam. Dann wurde der Herr Jesus, der mit zwei Fingern seiner rechten Hand auf sein brennendes Herz deutete, welches er außen auf dem weißen Hemd trug, zusammen mit den Johannes-Zwillingen gewaschen und unten in der Nische vor dem Portal aufgebaut. Von dort aus konnten sie auf die Girlanden schauen, die von allen Familien des Dorfes am Vortag geknüpft worden waren und die Prozessionswege säumten. Oder, wenn es so weit war, die vorbeiziehende Prozession betrachten, zwischen dunkelroten Pfingstrosen hervor, die trotz aller Pracht bitter grün rochen, und Lupinen, die sich in ihrem samtig bitteren Duft immer nach der Form der Vase verbogen, in der sie steckten.
Das Kind, dem eine besondere Neigung zum Beobachten und ein heftiges Verlangen nach Verstehen eigen waren, nutzte diese Gelegenheit, des Herrn Jesu Antlitz zu studieren, wenn es ihm nun, einmal im Jahr, von Angesicht zu Angesicht begegnen konnte. Da fühlte es sich eigentümlich getröstet, dass unser Herr – trotz des nackten Herzens außen, so ungeschützt auf dem langen Hemd, und allem, was ihm sonst schon widerfahren war – so nachsichtig guckte, während die beiden Johannesse einfach alles verschliefen.
Langeweile war dem Kinde fremd. Immer gab es Ungereimtes zu reimen, planvoll Scheinendes nach wahrer Bedeutung zu durchsuchen, Fragmente aufzulesen, Lückenhaftes zu ergänzen und mit dem bisher Verstandenen sinnvoll zu verbinden. Zwei Onkel, eine Tante, Oma und Opa, Mutter und Vater waren schon für sich allein schwer verständlich. Erst recht im Zusammenleben unter diesem einen Dach gaben sie ausreichend Anlass zu Forschungen.
Bis auf den Vater und Trina schafften alle Mitglieder des Hauses gemeinsam auf den Feldern, in Garten und Stall und in den Weinbergen. Von Trina, der Oma des Kindes, die von ihm, wie von allen Übrigen im Hause, Mama genannt wurde, stammte die Auffassung, zu den besseren Leuten zu gehören. Vielleicht wurde deshalb allein ihr niemals richtige Arbeit zugemutet. Sie wurde wie eine Prinzessin gehalten, stand, durch wohlgeplättete Trägerschürzen vor Schmutz und schlechtem Ansehen geschützt, ihrem Hausstand vor und führte ein bisschen Regie in der Küche. Ihr war es vorbehalten, aus dem köstlichen Rahm, der die Woche über gesammelt wurde, eigenhändig die Butter zu bereiten. Natürlich war die Qualität dieser Butter der anderer Bauern weit überlegen. Der Buttertag war auch der Tag, an dem Trina nach dem Buttern aus einer Schublade im Küchenschrank den Packen Tageszeitungen der vergangenen Woche hervorzog. Den legte sie vor sich hin auf den Küchentisch, setzte sich dazu und begann damit, ihn mithilfe des großen Bratenwenders zu zerteilen. Erst wurden die Zeitungen, die ja bereits zur Hälfte zusammengefaltet übereinanderlagen, mit der Metallklinge dem Kniff entlang zertrennt. Dann wurden die Zeitungshälften erneut gefaltet und die Spalterei schritt fort, bis alle Blätter einen netten Papierstapel in handlicher Größe bildeten. Mit diesem wurde dann der Emaillebehälter mit der Aufschrift „Zwiebeln“ in der Toilette aufgefüllt. Danach setzte Trina einen frisch gefüllten Wasserkessel auf den Kohleherd und sich selbst auf einen Stuhl daneben, die Kaffeemühle zwischen die Knie geklemmt. Vielversprechend quietschte die Kurbel und der Duft von frisch gemahlenen Kaffeebohnen zog durch die Küche. Bald klopfte es an der Tür, denn es war Mittwoch. Buttern, Klopapier zurechtmachen und der Besuch von Trinas Schwester Lena aus dem Nachbarhaus bedeuteten, dass die Hälfte der Arbeitswoche erreicht war.
Die Küche ist der Lebensraum des Hauses. Das wissen auch alle Fliegen. Sogar den Winter überlebten einige dort. Hoch oben an der Zimmerdecke hatten sie es dann weder mit dem Putzen der Flügel noch den ihnen sonst eigenen Geschäften besonders eilig. Im Sommer bevölkerte eine große Fliegenbande die Küchendecke und war dort wichtig unterwegs. Geschäftig eilten sie hier und da hin, stürzten sich in die Luft darunter und landeten durch die Kraft eines kleinen Purzelbaums wieder mit den Füßen an der Decke. Das Kind sah ihnen gerne zu und versuchte oft, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn es selbst dort oben an der Küchendecke herumspazieren könnte. Es dachte öfter darüber nach, ob die Fliegen eigentlich wussten, wo oben und unten ist. In jedem Sommer gab es einen Tag, an dem zu viele Fliegen in der Milch schwammen, die auf dem Kohleherd in einem großen Topf erhitzt werden musste, damit sie länger süß blieb. An diesem Tag besuchte Trina ihre Schwester, die nebenan wohnte und einen kleinen Laden hatte, wo die wichtigsten Dinge eines ländlichen Haushalts erworben werden konnten. Dort tranken die Schwestern in der Küche einen Kaffee. Die schmalen, dunklen Holzdielen dort wurden samstags immer mit Magermilch aufgewischt. Ein spezieller, säuerlicher Geruch hielt sich die ganze Woche über bis zur nächsten Anwendung. Trina kam dann mit drei Fliegenfängern zurück. Mit einem schmatzenden Geräusch entwickelten sich honigfarbene, glänzende Schillerlocken, wenn man die Fliegenfalle an einem roten Bändchen aus der kleinen Hülse zog. Sie rochen süßlich mit einem tückischen, ein wenig bitteren Duft im Hintergrund. Die reinlichen Tiere, die sich immerfort die Flügel putzten und auf dem fadendünnen, kurzen Hals das winzige Köpfchen, das hauptsächlich aus zwei rotbraun schimmernden Augen und einem kleinen Rüssel bestand, der ein- und ausgefahren werden konnte und an seinem Ende einen wunderbar beweglichen, kleinen Teller hatte, widerstanden dem Duft nicht lange. Margot konnte sie dann in Ruhe anschauen auf ihrer Schillerlocke, direkt neben der Lampe überm Tisch. Da klebten sie, rücklings auf den zarten Flügeln oder andersrum, und wenn die Vorderfüßchen noch nicht angeklebt waren, nutzten sie die erzwungene Rast, um damit umso beharrlicher ihre großen Augen zu putzen. Bald konnte das Kind beobachten, dass der Fliegenfänger von Tag zu Tag mehr Fliegen festnahm, während die Zahl der unerwünschten Insekten an der Küchendecke von Tag zu Tag gleich blieb. Von der Küche aus erreichte man über die Scheune den Stall, wo die Fliegengesellschaft – abgesehen von den nach ihnen schlagenden Schwanzwedeln der Tiere – nicht weiter verfolgt wurde.
Die Küche lag im hinteren Teil des Erdgeschosses und hatte über dem Schüttstein ein Fenster, das hoch oben, unter der Decke, geblümter Voile bewölkte. Alles hier wurde seit einiger Zeit von einem breiten Balkon verdüstert, der im Zusammenhang mit dem Einbau des Badezimmers und der Toilette mit Wasserspülung im Obergeschoss erstellt worden war und zum Lüften der Betten, zum Wäscheaufhängen und Teppichklopfen genutzt wurde.
„Trinschi!“
„Triiiinschiii!“
So wurde Katharina, die Mutter des Kindes, gerufen. Dieser Ruf hallte oft durch das große Haus, in dem das Margotchen heranwuchs.
Wurde einmal „Kathriiin!“ gerufen, bezeugten der herrische Tonfall und die am Ende des Namens sich dann scharf zuspitzenden vielen kleinen „iiiis“ die Stufe höchster Ungeduld eines die Dienste Katharinas gerade dringend benötigenden Familienmitgliedes. Margot, der Name für das Kind im Hause, war eine Notlösung. Eigentlich hätte das Mädchen nach seiner Patin Marga heißen sollen. Jedoch unter Berücksichtigung dessen, dass zu der Verwirrung mit den beiden Katharinas im Hause nun auch noch weitere Verwechslungen zwischen den verschiedenen Personen Marga und Marga hinzukommen könnten, hatte man sich im Hause für eine Marga-Variante entschieden und für das neue Familienmitglied den Namen Margot gewählt. Wenngleich der taufende Gemeindepfarrer dagegen schärfstens protestierte. Er könne das Kind keinesfalls auf diesen Namen taufen, weil bisher keine Heilige dieses Namens existiere, gab er zu bedenken, erklärte sich aber dann doch dazu bereit, als der Vorname Barbara – so hieß die Mutter des Vaters – dem Kinde als zweiter Name hinzugegeben wurde. Eine heilige Barbara war ihm Gott sei Dank bekannt. So wurde das Kind kurz nach seiner Geburt – dank einer ausgeliehenen Schutzpatronin – zum katholischen Vollmitglied des Thanischten-Hauses.
Trinschi hatte eine Tendenz zum Rundlichen. Sie hatte in ihrem ehelichen Schlafzimmer gerade die Betten gemacht und drückt jetzt die weiß lackierte Schiebetür ins Schloss. Das Kind an ihrer Hand zieht sie fort, quer durch den Raum. Sie lässt sich von der Kleinen führen. Sie lächelt. Seit das Kind sprechen konnte – und sie ist stolz darauf, dass dieses Kind bereits im Alter von dreizehn Monaten damit begonnen hatte und alle Worte, welche es so begierig, beinahe eilig, sich zu eigen machte, vollkommen richtig aussprach –, war dieser Weg zum Nussbaumbuffet der nicht bewohnten Wohnküche zur morgendlichen Zeremonie geworden. Margotchen wird hochgehoben, sodass die Kleine die beiden Fotos sehen kann, die dort nebeneinander zwischen zwei Glasscheiben im Schlitz eines rechteckigen, hölzernen Fußes klemmen. „Wer ist das?“, fragt Katharina, das tägliche kleine Spiel eröffnend. „Mein Brüderchen“, antwortet das Kind und betrachtet wie immer eingehend die beiden Szenen mit einem warmen Gefühl von Freude und Liebe. Was sie sieht, ist ein kleines Kind in einem flauschigen, kurzen Angora-Wollhöschen. Margot liebt dieses Kind auf dem Bild, das dort von Katharina an seinen beiden hoch erhobenen Händchen geführt wird. Die Abbildung daneben zeigt dasselbe Kind, als es noch ein wenig kleiner war, auf dem Arm des Onkels, der ausgezehrt aussieht und mit einer Armeeuniform bekleidet ist. Das ist auch mein Brüderchen, denkt Margot und deutet mit dem Finger auf das Foto, wobei ihre Augen dort allein das Kind sehen.
„So“, sagt die Mutter und stellt die Kleine wieder auf die Füße, „jetzt gehn wir in Opa sein Zimmer.“ Sie klärt die Kleine noch lange nicht darüber auf, dass sie es selbst ist, die sie auf diesen Fotos sieht. Das Spiel gefällt ihr zu gut. Weniger gut fanden die Brüder von dem Trinschi, dass ihr Kind die Phase des Brabbelns einer Babysprache einfach übersprungen hatte. So mühten sich diese beiden, die Sprache der Kleinen nach ihren Onkelbedürfnissen zu verdrehen, indem sie skurrile sprachliche Schöpfungen kreierten. Das Kind ließ sich jedoch von ihrem Kauderwelsch nicht aufs Glatteis führen, obgleich das ziemlich lustig war.
Ein Kokosläufer quert eine von zwei Fenstern erhellte, breite Treppenhalle und führt an der Nische vorbei mit der weiß lackierten Kommode, welche die hohe Christusfigur trägt und die beiden gegengleichen „Schlafenden Johannes“. Die ruhten, an einen Felsblock gelehnt, dort das ganze Jahr über. Alle drei harren dort dem alljährlichen großen Bad in der geräumigen Küche unten entgegen, ehe sie vor dem Portal in der gleichen Formation aufgebaut werden, welche sie auf der Kommode eingenommen hatten. Dann war Fronleichnam, der Feiertag, an dem es regelmäßig gegen Ende der Prozession ein Gewitter mit einem tüchtigen Regenguss gab, der die mit der Brennschere gelockten Engelchen in nasse, glattsträhnige, kleine Mädchen bekehrte und manches selbst Geschneiderte und Gestärkte und auch die gelb-weißen Flaggen an den Hausgiebeln in sich zusammenfallen ließ. Gut, dass der Priester mit der Monstranz durch einen goldbestickten Brokathimmel geschützt war. Die vier Träger des Himmels, der von ihnen mithilfe langer Stangen an seinen vier Ecken hochgehalten wurde, kamen bei so einem Wolkenbruch natürlich nicht so gut weg. Weil jedoch in der katholischen Kirche das Martyrium einige Bedeutung hatte, ertrugen die – natürlich für das Himmeltragen extra ausgesuchten, besonders frommen – Männer den Regenguss mit der entsprechenden Würde und konnten sich das erduldete Begossenwerden sicherlich dereinst an der Himmelspforte gutschreiben lassen.
Trinschi geht voraus. Das Kind begleitet die Mutter auf ihrer täglichen Runde durchs Haus, welche zunächst durch die Schlafzimmer führt. Margot rennt über den langen Kokosläufer, der auf den glänzend gebohnerten, dunkelbraunen Fußbodendielen immer ein wenig hin und her rutscht. Links steht eine Tür offen. Hohe Betten sind mit weinroten Steppdecken, weißen Plumeaus und riesigen Paradekissen bedeckt. Hier wohnen Gäste des Hauses oder die Herbstmädchen, wie die Traubenleserinnen genannt werden. Das Kind wartet bei der Kommode, hält sich mit den Händchen am Rand der weiß lackierten Holzplatte und berührt mit den Lippen die glatte, gerundete Kante. Sie riecht den Lack, das alte Fichtenholz darunter, die Schnüre, Seile, Gummiringe und das Packpapier in den Schubladen, das in Steintöpfen eingemachte Butterfett darunter, hinter den beiden Türen. Als sie sich erinnert, dass die linke Tür mit einem Schnappverschluss festgestellt ist, hat sie den Geruch des Metalls in der Nase. Von unten betrachtet sie eine Weile stumm die brennende, dornenumrankte Verletzung der hohen Gestalt in der Mitte.
Im Schlafzimmer der Großeltern hat die Mutter inzwischen, um sie auszulüften, die Bettdecken, Kissen und Leintücher über mehrere Stühle verteilt und auf den Bettrosten die dreiteiligen Kapokmatratzen aufgestellt. Alle Fenster sind geöffnet und lassen mit dem kühlen Morgen das Lied des Amselhahns herein, der auf dem Giebel des Hauses gegenüber seine Warte hat. Trinschi wischt die Marmorplatte der Kommode ab, reinigt Haarbürste und Kamm ihrer Mutter und ordnet sie auf dem Waschtisch, legt frische Handtücher auf. Dann trägt sie die große Keramikschüssel hinaus, um das gebrauchte Waschwasser in die Badewanne zu leeren. Danach stellt sie die Schale wieder auf der Marmorplatte ab und eine mit frischem Wasser gefüllte Kanne für die abendliche Toilette dort hinein. Dünne Teppiche werden aus dem Fenster geschüttelt. Als sie noch einmal hinausgeht und mit einem Mopp zurückkommt, bittet sie die Kleine, die Betten zu verlassen, auf denen diese den Purzelbaum geübt hatte. Während die Frau die Betten macht, darf das Kind den dezent duftenden Inhalt des Kleiderschrankes betrachten. Das zu weiterer festlicher Verwendung schwarz gefärbte Hochzeitskleid der Großmutter mit einer langen Reihe kleiner Knöpfchen im Rücken, die vom hohen Kragenbündchen bis weit über die Taille hinab dicht aufeinanderfolgen, ist ebenso würdig wie abweisend. Davon, die zwei großen Broschen zu studieren, auf deren vielfach verschlungenen, falschgoldenen Drähten reichlich bunte, runde und tropfenförmige künstliche Perlen aufgefädelt sind, kann das Kind nie genug kriegen. Zusammen mit einem geheimnisvollen Päckchen hübsch verschnürter Briefe, einigen Litzen und auf Pappkärtchen gewickelter Häkelspitze liegen sie in einer Schublade. Eine echt goldene Brosche putzt das Revers eines dunkelblauen Jackenkleides heraus und ist zierlich geformt wie ein Stern. Sie ist mit stecknadelkopfgroßen echten Perlen und zwei ebenso winzigen Rubinen besetzt. Zum Schatz der Großmutter gehört noch eine weitere Brosche. Die wird werktags getragen, mitten auf der Brust, genau da, wo der Herr Jesus sein brennendes, dornenumkränztes Herz herzeigt. Nachher, wenn alle Schlafzimmer hergerichtet sein würden und Margot mit ihrer Mutter hinuntergeht, wird sie auf dem Schoß der Großmutter die Möwe betrachten, die auf dem silbergefassten Porzellan über das Wasser fliegt. Trinschi zählte für die Mama Herztropfen in einen Kaffeelöffel und für das Kind die täglichen Baldriantropfen auf ein Stückchen Zucker. Am Kohlenherd stand Trina und rührte die Milchsuppe. Eine Hand hat sie hinten auf den Rücken gelegt, dort, wo er ein wenig nach vorne abgeknickt war und immer schmerzte.
Marga war nach dem Morgenkaffee geradewegs in den Stall gegangen. Das Vieh war aufgestanden, als sie die Tür aufmachte. In die Küche drangen jetzt Geräusche von Scharren im Stroh und die beruhigenden Worte der jungen Frau. „Haaaaaa!“, tönte es. Schwerfällig nach dem langen Herumliegen hoben die großen Tiere ihre Hufe. Einen nach dem anderen setzten sie dumpf ab. „Rrrrrummm!“, hörte man das nächste Kommando. Marga stemmte ihre Schulter seitlich an das Hinterteil der Kuh und schob. Fladen klatschten. Ketten klirrten. Marga liebte die vier Braunen. Sie mochte ihre Körperwärme, ihren süßlichen, mutterhaften Geruch. Erst musste ausgemistet werden. Dann balancierte Köbes eine mit Grünfutter hoch beladene Schubkarre herein. Das hatte er früh um sechs Uhr geschnitten und verteilte es nun in den Raufen. „Wir brauchen bald einen Radioapparat“, sagte er vor sich hin. „Der Bast hat schon einen. Wer weiß, wo unsere Jungen grad sind!?“ Die Tiere standen ruhig und fraßen. Die Ketten klirrten jetzt leiser, von den schwer mahlenden Kiefern der Tiere bewegt, die das frische Gras aus den Raufen rupften. Nun konnte Marga den Kühen das Fell putzen und frisches Stroh einstreuen. Dann setzte sich Marga auf den Schemel, den blau gesprenkelten Emailleeimer zwischen ihre festen Knie geklemmt, und drückte Schläfe, Nase und die linke Wange an den festen, warmen Bauch des Tieres. Der Strahl der Milch trommelte auf den Grund des Eimers. Rasch wurde aus dem Trommeln ein scharfes Zischen, als der Eimer sich füllte. Langsam vermengte sich der aufsteigende Duft der schäumenden, warmen Milch mit dem Dunst des Kuhleibes. Für Marga gab es nichts Friedvolleres auf der Welt. Sie schloss die Augen und sprach mit dem Tier.
Es war Freitag. Das war der Wochentag, an dem der Köbes, wenn’s zu Tisch ging, immer mehr als weniger schlecht gelaunt war. Denn heute würde er kein Fleisch auf dem Teller finden. An den von der Kirche verordneten Fasten- und Abstinenztagen orientierte sich das würdevolle Küchenleben einer gut katholischen Ehefrau, wie sie auch bei speziellen anderen religiösen Verfügungen, Askese und Selbstbezähmung betreffend, standhaft zu sein hatte. Hierfür das nötige Verständnis aufzubringen, wollte dem Köbes auch nie so recht gelingen.
Wingertsarbeit
Von seiner Mutter und deren Schwester wurde das kleine Kind auf einem Leiterwagen, zwischen dem Arbeitsgerät sitzend, oft mitgenommen in den Wingert (Weinberg), wo sie die Frauenarbeit taten, schneiden oder binden. Da fühlte es sich anfangs sehr verlassen, wenn es am von Schiefer durchwachsenen Boden auf einer alten Jacke abgesetzt wurde. Da konnte es hören, wie die Stimmen sich langsam mit den Frauen entfernten, bis beide irgendwann bergauf zwischen den Rebstöcken ganz verschwunden waren. Manchmal konnte man sie dort oben auch singen hören. Später unterhielt sich das Kind damit, sich zwischen den Wurzeln der Weinstöcke kleine Welten auszudenken und daran zu bauen, mit kleineren Schieferstückchen, die überall herumlagen, auf größeren Schieferplatten zu kritzeln, winzige, umhereilende, knallrote Spinnen zu beobachten oder in die Mundharmonika zu pusten. Vogelmiere mit den kleinen, weißen Sternchen, die an vielen Stellen wuchs, wo noch nicht gejätet worden war, liebte sie. Die roch nach nichts, aber sie kitzelte zart an der Nase und schmeckte schön grün.
Die Parzellen lagen oft weit auseinander. Das Kind ist inzwischen vier Jahre alt. Der Tag ist sonnig. Die Frauen tun die Frauenarbeit und singen sich den Berg hinauf. Das Kind spielt an einer der vielen Bruchsteinmauern, die den steilen Hang an vielen Stellen queren, vier schmale, hohe Stufen unterhalb des Weinbergs, in dem die Schwestern seit einer Weile verschwunden sind. Im Winkel oberhalb der Stelle, wo der Weg bald entlang einer höheren Trockenmauer über Treppenstufen steil abwärtsführt, liegen neben einer abgebrannten Feuerstelle die alten Lodenjacken, die restlichen Butterbrote und der Viez. Mittag ist vorbei. Das Kind hat Durst. Viez schmeckte ihr nicht. „Wenn man Durst hat, braucht man nur auf die Mosel zu schauen, dann geht er weg“, hatte Trinschi einmal gesagt. Leider gehörte diese Aussage zu den Bekundungen der zweifelhafteren Art. Margot hatte das bereits ohne Erfolg mehrfach versucht. Das Kind geht zu dem Häufchen Habe im Winkel, sucht ziellos darin herum, schüttelt die Steingutflasche, beriecht das nur noch kleine Butterbrotpaket. Ohne darüber nachzudenken, erinnert sie sich, dass Butterbrote draußen immer besser riechen als im Hause. Margot hat keinen Hunger, aber der Duft lockt den Speichel. Sie schluckt und legt das Brot im knittrigen Pergament zurück. Noch einmal schluckt sie. Als sie zu ihrem Platz zurückgeht, ist der Durst verschwunden. Das musste sie unbedingt dem Opa sagen!
Sie beobachtet eine Eidechse. Diese Tiere konnten wie die Fliegen an den Wänden hochlaufen, waren aber schwerer zu verstehen. Die Fliegen im Hause fanden immer zu essen und zu trinken, wenn sie nicht gerade an der Schillerlocke hängen mussten. Aber wo tranken die Eidechsen? An diesem Berg gab es weit und breit keine Quelle. Für so eine kleine Echse war der Weg hinunter zum Fluss zu weit. Sie würde den Opa fragen müssen, ob einer Eidechse die Regentropfen genügten. Margot geht zurück zum Kleiderhaufen und sucht in den Jackentaschen nach ihrer Mundharmonika. Ein paar Frauen kommen wortlos den steilen, schmalen Weg herauf, über der Schulter Jutesäcke mit sich tragend und in der Hand Arbeitsgerät. Margot nimmt die Mundharmonika von den Lippen und grüßt artig. Zwei Lieder gingen vorhin im Kopf spazieren. „Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh?“ Immer wieder probierte sie das auf dem kleinen Instrument. Jetzt beginnt sie von Neuem. Es klingt immer ganz schön bis zu der Stelle „… der Schuster hat Leder, keine Leisten dazu“, da wollten und wollen die richtigen Töne sich nicht einstellen, obwohl sie es noch und noch versucht hatte. Als die Leute vorbei sind, studiert sie aufmerksam die Doppelreihe quadratischer Öffnungen und bläst die ersten Töne von „Suse, liebe Suse …“ aus der Harmonika heraus bis dahin, wo es falsch tönt. Diesmal will sie ganz genau nachsehen, wo der falsche Ton sitzt. Sie findet ihn nicht. Dann bläst sie links und rechts davon und horcht auf den Klang, denn sie will unbedingt den zum Lied passenden Ton treffen, damit sie das Lied fertigkriegt.
Was sie findet, nachdem sie an der heiklen Stelle des Instrumentes alles erforscht hat, ist, dass beim Bau der Mundharmonika hier leider ein paar Töne vergessen worden waren, die sie jetzt gut hätte brauchen können. Nun wendet sie sich dem anderen Lied zu. Sie freut sich an den harmonischen Klängen. Es klingt fast ganz so, wie sie es haben wollte. Fast. Erst ganz am Schluss, erst bei dem dritten „Fahria hoh“ fehlt jedoch auch hier der passende Ton. Margot denkt nicht darüber nach, ob sie eben gerade gelernt hat, Mundharmonika zu spielen. Margot spielt Mundharmonika. Von Mundharmonikas, bei denen man mithilfe eines kleinen Schiebers Halbtöne hervorrufen konnte, wusste sie noch nichts.
Hoch am steilen Hang auf dem Pfad zum letzten Flurstück, welches die drei heute noch aufsuchen werden, hüpft das Kind Mutter und Tante voraus. Wenn sie gerade nicht hüpft, spielt sie ihr Lied. Dann kommt wie von selbst das nächste und alles, was sie singen konnte, brachte sie plötzlich auf dem kleinen Instrument hervor, ausgenommen die leider nicht vorhandenen Töne. Die Freude des Kindes übertönt diesen Missstand.
Die Mundharmonikaklänge bedrängen die Unterhaltung der Schwestern, bis diese in freudiger Bestürzung ein Lied erkennen und in einer Art Jubel einander zuschreien, was das Kind da könne, bis sie nahe daran sind, ihr vierjähriges Mädchen mit Mozart zu verwechseln, der – genau wie das Margotschi – ja auch mit vier Jahren musizieren konnte. Ja, ein Wunderkind hätte ihnen gut zur Familie gestanden. Um die Tatsache nämlich, dass das Kind etwa um die gleiche Zeit – es war vor dem samstäglichen Bad – auf einmal selbstständig die Geheimnisse des Bindens der Schnürsenkel enträtselte, wurde von den Erwachsenen gleichfalls ziemlich viel Wind gemacht. „Margotschi macht“, „Margotschi kann“, sagte der Köbes dann gerne. Und das Kind ließ es sich gerne gefallen.
Erziehung
Trinschi und Ton, Marga, Trina und, nachdem sie aus Gefangenschaft zurück waren, die beiden Onkel Herbert und Paul und auch der Köbes, alle mühten sich, jeder nach seinen Möglichkeiten, das Thanischten-Kind auf das Leben vorzubereiten. Während sie sich untereinander gewöhnlich auf Moselfränkisch unterhielten, sprachen sie mit ihrem Kind nur Hochdeutsch. Ja, das Kind sollte so erzogen werden, wie es für bessere Leute passend war.
