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Der Fabrikant Erwin Junker erzählt, wie er sich vom kleinen Bub eines beschaulichen Schwarzwalddorfes zum Unternehmer von Weltrang entwickelt hat. Wie er es durchgesetzt hat, eine Mechanikerlehre machen zu dürfen, anstatt ins elterliche Sägewerk einzutreten. Wie er sich durch 80 Erfindungen, auf die er das Patent hält, Weltgeltung erwarb. Wie er aus einem Kleinbetrieb für Schleifmaschinen, den er 1962 gründete, eine Weltfirma entwickelte, deren Hauptsitz heute immer noch sein Heimatdorf Nordrach im Schwarzwald ist. Was ihm auf diesem Weg begegnete, gleicht streckenweise einem Wirtschaftskrimi. Neider, die ihn denunzieren, Konkurrenten, die auf seinem eigenen Firmengelände mit der Pistole auf ihn losgehen, Behörden, die sich auf seine Kosten profilieren und ihn damit fast in den Ruin treiben. Aber es gibt auch die andere Seite: Mitarbeiter, mit denen er sich treu verbunden weiß, bewegende Begegnungen mit Menschen anderer Kulturen - und nicht zuletzt eine Frau, bei der er endlich doch sein Glück fand. Das Zeugnis eines Mannes, der im Beruf wie im Privatleben alle Höhen und Tiefen erlebt hat und der sich dabei das wichtigste bewahrt hat: Seinen unerschütterlichen Optimismus.
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2019
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VORWORT
LEBENSGESCHICHTE
NACHWORT
CHRONOLOGIE
BILDTAFELN
PRODUKTIONSSTANDORTE DER JUNKER GRUPPE
Wenn ich heute in meinem Büro aus dem Fenster blicke, dann schaue ich auf einen Hang, der sich in den Jahrzehnten kaum verändert hat. Noch immer fährt ein Bauer mehrmals im Jahr über das Feld und bestellt den Acker. Noch immer färbt sich die Wiese mit den Jahreszeiten: im Frühjahr ist sie saftig grün, im Sommer sonnengebleicht, im Herbst braun und im Winter schneebedeckt weiß. Noch immer beginnt ein Stück oberhalb des Feldes der dunkle Nadelwald. Noch immer kenne ich den Eigentümer der Wiese persönlich, wie ich fast jeden Bürger meines Heimatdorfes persönlich kenne. Und noch immer steht gegenüber dem Feld diesseits eines kleinen Baches eine kleine Mühle.
Es war diese kleine Mühle, in der ich 1962 im Alter von 32 Jahren mit dem Aufbau des heute international erfolgreichen Maschinenbau-Unternehmens begann, das meinen Namen trägt. Heute wird die Mühle umrahmt von den großen Hallen und dem Verwaltungsgebäude des Unternehmens. Im vierten Stock dieses Verwaltungsgebäudes sitze ich nun hinter meinem Schreibtisch und blicke aus dem Fenster auf die Wiese gegenüber. Die Wiese, sie erscheint mir wie ein idyllischer Trugschluss – scheint sie doch zu sagen, dass noch alles genau so wäre wie damals.
Dabei hat sich seit meiner Jugend so vieles verändert, fast alles, und dabei habe doch vor allem auch ich selbst mich verändert. Ich bin längst nicht mehr der kleine neugierige und naive Bub, für den damals schon ein Ausflug in die Dorfmitte ein Ereignis bedeutete. Sondern heute bin ich reich an Erfahrungen und gezeichnet von einem Leben, das mich viele Wege hat beschreiten lassen, gute wie auch schlechte.
Von diesen Wegen und von meinem Leben möchte ich in diesem Buch erzählen.
Meine Unternehmerkarriere stellt sich mir im Rückblick wie eine Art Krimi dar. Ein Krimi mit gutem Ausgang allerdings, denn meine Firma – die sich noch immer zu 100 Prozent in meinem Besitz befindet, schuldenfrei und mit hohem Eigenkapital versehen ist – beschäftigt heute rund 1.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Meine Visitenkarte mit dem Titel »Fabrikant« ist in unserer Gesellschaft selten geworden und wird von jedem jungen Ingenieur gerne genommen.
Der Leser wird auf den folgenden Seiten selbst sehen, dass ich mit vielen Neidern zu hadern hatte. Doch dazu später.
Lange bevor ich auch nur davon zu träumen wagte, einmal ein erfolgreicher Unternehmer zu sein, habe ich vor Jahrzehnten meine erfinderische Begabung an einem Bach in der Nähe des Sägewerks meiner Eltern entdeckt. Meine erste Tüftelei war keine Schularbeit, kein nachgemachter Versuch aus dem Lehrbuch, sondern eine praktische Notwendigkeit. Ich besaß als kleiner Bub ein Grammophon, dessen Antrieb aber defekt war. Und in den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts war es für einen Jungen aus einem Schwarzwalddorf unmöglich, die nötigen Ersatzteile zu besorgen. Um Musik hören zu können, musste ich die Schallplatte deshalb mit den Fingern drehen.
Ich begann, mir Gedanken über eine mechanische Antriebsmöglichkeit des Grammophons zu machen. Am Ende dieser Überlegungen hatte ich schließlich eine Turbine gebaut, die mein Grammophon allein mit Wasserkraft betrieb. Bis heute denke ich glücklich daran zurück, wie ich vor Jahrzehnten am Bach saß und Musik hörte – es war mein erstes und vielleicht bis heute größtes Erfolgserlebnis. Und schon diese erste Erfindung erscheint mir charakteristisch für mein Leben: Mir ging es nie darum, reich zu werden oder gar berühmt. Ganz im Gegenteil, ich war stets bescheiden und tüftelte in erster Linie, um meine eigene Neugier zu befriedigen.
Am 15. April 1930 war ich dort geboren worden, wo andere Menschen Urlaub machen: in der kleinen Schwarzwaldgemeinde Nordrach.
Das Dorf zählt heute knapp 2.000 Einwohner und liegt ohne Bahnanschluss recht abgeschieden vom Rest der Welt. Die Luft in diesem Ort ist so rein, dass die Gemeinde mit dem Prädikat »Luftkurort« für sich wirbt und sich einen Ruf als »badisches Davos«, als Wander- und Naturparadies errungen hat. Meine eigene Welt war in der Kindheit noch beschränkter und noch abgeschiedener, als es dem Besucher meines Heimatortes heute erscheinen wird. Mein Elternhaus steht mehrere Kilometer von der Dorfmitte entfernt im Ortsteil Kolonie,1 wo meine Eltern Zäzilia und Ludwig Junker eines der größten von damals insgesamt elf örtlichen Sägewerken betrieben. Ich war das zweite Kind und der älteste Sohn in einer Familie mit fünf Kindern.
Die damaligen Lebensbedingungen sind von den heutigen natürlich sehr verschieden; heute erscheint mir vieles unverzichtbar, wovon ich als Kind nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Kaum ein deutscher Jugendlicher kann sich heute zum Beispiel noch vorstellen, was es heißt, in einem Dorf zu leben, in dem es keine öffentliche Stromversorgung gibt. Wir hatten – als sehr fortschrittliches Dorf! – damals vier mit Wasserkraft betriebene Energiekraftwerke im Ort, von denen das erste bereits vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Betrieb genommen wurde. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kam eine solche Errungenschaft in einer kleinen Gemeinde wie unserer einer Sensation gleich. Allerdings war die Leistung des Kraftwerks recht schwach. Es wurden nur 150 Volt Gleichstrom geliefert, die oft von einer einzigen Landwirtschaftsmaschine aufgebraucht wurden. Wenn ein Bauer in einigen Kilometern Entfernung sein Korn drosch, konnten wir zu Hause kein Licht mehr anschalten.
Doch meine Familie war ein gutes Zuhause. Vor allem zu meiner Mutter hatte ich eine starke Bindung, und ich bewundere sie bis heute. Sie arbeitete Tag für Tag mehr als 16 Stunden, kochte und wusch nicht nur für die ganze Familie, sondern auch für die zehn Arbeiter im Sägewerk. Daneben half sie täglich im Betrieb aus. Obwohl meine Mutter also sehr wenig Zeit hatte, brachte sie doch viel Kraft und Geduld für uns Kinder auf. Ich bin ihr heute sehr dankbar für die vielen Eigenschaften, die sie mir vererbt hat, für die vielen wichtigen Dinge, die ich von ihr lernen konnte und vor allem für ihre Liebe, die ich so viele Jahre lang tief gespürt habe.
Mein Vater dagegen kannte nur eines: die Arbeit, bei der auch wir Kinder immer mit eingespannt wurden. Sobald meine Geschwister und ich körperlich in der Lage waren, auch nur eine Kleinigkeit zu tun, hatte mein Vater Aufgaben für uns zu erledigen: die Mädchen in der hauseigenen Landwirtschaft, die Buben im Sägewerk. Seit ich denken kann, habe ich gearbeitet. Wenn ich mittags von der Schule nach Hause kam, dann war schon beschlossen, wo unsere Hilfe am Nötigsten war, und nach dem Mittagessen ging es sofort ans Schaffen – an Schulaufgaben war nicht zu denken. Lernen konnten wir nur abends, und so fielen wir jeden Abend todmüde ins Bett, um uns am Morgen in aller Frühe wieder auf den Weg zur Schule zu machen.
Weil das Nordrachtal sich über mehr als zehn Kilometer Länge erstreckt, gab es trotz der geringen Einwohnerzahl zwei Schulen im Ort, denn Verkehrsverbindungen gab es damals so gut wie gar keine und den Schülern aus dem Hintertal wäre es unmöglich gewesen, täglich in die Dorfschule zu kommen. Ich besuchte deshalb die Schule im Ortsteil Kolonie. Doch auch der Weg dorthin war beschwerlich. Jeden Tag musste ich eine Stunde lang zu Fuß gehen, zu jeder Jahreszeit, bei jeder Witterung. Wir hatten damals in der kleinen Kolonie-Schule nur einen einzigen Lehrer für alle Schulklassen. Er stammte aus Steinach, einer rund 30 Kilometer entfernten Ortschaft, wo er am Wochenende mit seiner Familie wohnte. Jeden Montagmorgen kam er auf dem Fahrrad zu uns ins Nordracher Hintertal und wohnte dann unter der Woche im Schulhaus.
Ein richtiger Lehrer war der Mann nicht. Ich habe ihn vielmehr als unfähigen Rentner in Erinnerung, der uns Kindern nichts wirklich beibringen konnte. Wobei, vielleicht tue ich ihm Unrecht: Der alte Mann musste vormittags die Klassen 5, 6, 7 und 8 unterrichten, nachmittags folgten die Klassen 1, 2, 3 und 4. Dies wäre auch für einen jungen Lehrer kaum machbar gewesen. Wir waren in meiner Klasse immerhin 16 Schüler, damit war das kleine Klassenzimmer auch schon vollständig belegt. Weil aber vier Klassen gleichzeitig von einem Lehrer unterrichtet wurden, wurden so viele weitere Bänke in das kleine Zimmer gestellt, bis alle 60 Schüler darin Platz hatten. Es waren unmögliche Zustände.
Für unseren Lehrer bestand das Hauptziel des Unterrichts darin, den unfähigsten Schülern wenigstens ein Minimum beizubringen. Das mag grundsätzlich eine gute Herangehensweise sein, doch ich habe dadurch einen beträchtlichen Schaden davongetragen. Als talentiertes Kind wurde ich vollkommen vernachlässigt und vom Lehrer nie gefördert. Damals fand ich diesen Zustand natürlich nicht weiter schlimm, denn ich wusste noch nichts von den Herausforderungen meines späteren Lebens. Ich freute mich auch, wenn im tiefen Winter kein Holz zum Heizen vorhanden war und wir schulfrei bekamen. Eine Ungeheuerlichkeit, finde ich heute. In Nordrach mag es früher an vielem gemangelt haben, aber Holz gab es in unserem Schwarzwalddorf immer mehr als genug. Dass die Schule oft kalt blieb, war die Verantwortung des Bürgermeisters, der immer nur mit seiner SA-Uniform und in seinen braunen Stiefeln herumstolzierte. Wegen seiner Unfähigkeit und weil immer wieder Soldaten in unserem Klassenzimmer einquartiert wurden, fiel der Unterricht zweibis dreimal pro Jahr für mindestens eine Woche aus. Als Bub beklagte ich mich nie darüber, sondern ich freute mich, sowie sich wohl noch heute jedes Kind freut, wenn die Schule ausfällt.
Nur, am Ende mussten wir Schüler die hohe Rechnung für die Versäumnisse bezahlen. Nach acht Jahren verließ ich die Volksschule im Frühsommer 1944 mit einem Wissen, über das heute ein Schüler schon im vierten Schuljahr verfügt. Ich hatte mir am Ende meiner Schullaufbahn gerade einmal die allernötigste Bildung angeeignet – das Niveau, mit dem man nichts weiter als nur die Grundlagen für eine weiterführende Schule erworben hat. Hinzu kam, dass es in meinem Elternhaus keine Regale voller Wissen gab, keinen Duden und keine Sachbücher oder Romane, sondern allenfalls eine zerlesene Bibel.
Auf dem Land waren Zeiten und Menschen damals anders: Meine Eltern betrieben sehr erfolgreich ein Sägewerk, waren also auch ohne akademische Bildung sehr befähigte und kluge Menschen. Es gelang ihnen, den Betrieb sicher durch die zweimalige Geldentwertung 1923 und 1948 zu manövrieren. Mein Vater hatte schon als 17-Jähriger im Ersten Weltkrieg gedient und daher keinerlei Möglichkeit besessen, sich schulische Bildung anzueignen in der Art, wie wir sie heute kennen. Und auch bei mir selbst sollte noch einige Zeit vergehen, ehe ich den Ernst des Lebens wirklich begriff und wusste, welche Bürde die fehlende Schulbildung für mich bedeutete.
Drei Jahre nach meiner Geburt kam Adolf Hitler in Berlin an die Macht, und als ich gerade in die dritte Klasse ging, brach im September 1939 mit dem Überfall Deutschlands auf Polen der Zweite Weltkrieg aus. Es war die dunkle Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland, und gerne würde ich berichten, dass mein kleines Schwarzwalddorf Nordrach auch in dieser Zeit eine idyllische Gegend abseits der großen Politik gewesen wäre. Doch selbst hier standen sonntags nach dem Gottesdienst 100 Mann stramm auf dem Kirchplatz: die örtliche SA.
Es gab die NS-Frauenschar, den Bund Deutscher Mädel und die Hitlerjugend. Unser Bürgermeister Ludwig Spitzmüller (dessen Sohn Kurt später Karriere als Bundespolitiker machen sollte und es bei den Freien Demokraten bis zum Parlamentarischen Geschäftsführer brachte) war ein bis ins Mark überzeugter Nationalsozialist. Es gab in der Gemeinde sogar ein Schulungszentrum, in dem Hitlerjungen ausgebildet und gedrillt wurden. Außerdem wurde ein 1905 von Baronin Rothschild gegründetes Sanatorium für jüdische weibliche Lungenkranke im Ort enteignet, und man richtete in dem Gebäude unweit der Kirche ein sogenanntes Lebensbornheim ein, in dem die blonden Frauen deutscher Soldaten Nachwuchs für das Reich zur Welt brachten. Auch mein Vater konnte sich dem Zugriff der Nazis nicht ganz entziehen. Er wollte als Sägewerksbesitzer Geschäfte machen, und das war damals nicht ohne eine zumindest heuchlerische Nähe zum Nationalsozialismus möglich.
Ich bin stolz darauf, dass mein Vater seine Ehre und sein Rückgrat auch in diesen Jahren behalten hat. Während des Kriegs arbeiteten zwei polnische Kriegsgefangene in unserem Sägewerk, die wir wie ganz normale Arbeiter behandelten. Eines Abends kam Bürgermeister Spitzmüller während unseres Abendessens zur Küchentür hereingestürmt und rief wütend: »Wie kann es sein, dass die Ausländer mit der Familie zusammen essen?« Mein Vater blieb ruhig und antwortete: »Die beiden arbeiten mit uns und essen mit uns, egal ob dir das gefällt oder nicht.« Kaum war der Bürgermeister wieder verschwunden, setzte sich mein Vater sofort ans Telefon und rief einen Bauern an, von dem er wusste, dass bei ihm ebenfalls polnische Gefangene arbeiteten. Er wollte den Nachbarn warnen und ihm Bescheid geben, dass der Bürgermeister wohl bald auch bei ihm auftauchen und sich beschweren würde.
Ich selbst wurde wie jeder deutsche Junge zwangsläufig Mitglied der Hitlerjugend. Begeistert habe ich mich dafür aber nie. Zum einen war ich immer ein skeptischer Mensch, der nicht sofort blind dem Ruf eines anderen folgte. Zum anderen aber – und das dürfte hier der schwerwiegendere Grund sein – war ich an irgendwelchen Sportwettbewerben nie interessiert. Und bei der Hitlerjugend drehte sich nun einmal alles um Sport, deshalb drückte ich mich so gut es nur ging.
Meine Welt war eine andere. Ich habe ja schon erzählt, wie ich als Bub den Turbinenantrieb für mein Grammophon gebaut hatte. Und im schweren Kriegsjahr 1942 hatte ich mir eine neue Idee in den Kopf gesetzt, die mir viel öfter den Schlaf raubte als Krieg und Nazis das konnten: Ich wollte ein Perpetuum mobile bauen. Die Wissenschaft wusste schon damals, dass ein Perpetuum mobile – eine Konstruktion, die, einmal in Bewegung gesetzt, ewig in Bewegung bleiben sollte – aus physikalischen Gründen nicht existieren kann. Ich allerdings lebte fernab der Universitäten, hatte keine erfahrenen Lehrer und keine Bücher, in denen ich mir das nötige theoretische Wissen über Mechanik hätte aneignen können. Und so saß ich stundenlang im Bienenhaus meines Großvaters und jagte tüftelnd meinem Wunschtraum nach. Ich könnte noch heute aufzeigen, welche Konstruktion ich mir damals zusammengebaut hatte. Und ich weiß auch noch genau, wie erstaunt ich jedes Mal war, wenn dieses Ding immer wieder stehenblieb.
Doch diese Geschichte war leider keine typische für meine Erlebnisse in den Kriegsjahren. Es sind andere Erinnerungen und Bilder, die sich aus jenen Tagen in mein Gedächtnis eingruben. Ich denke zum Beispiel noch oft daran zurück, wie Albert Bildstein, der vor dem Krieg im Sägewerk meiner Eltern angestellt gewesen war, nach Nordrach heimkehrte. Im Russlandfeldzug waren ihm die Zehen abgefroren, die daraufhin hatten amputiert werden müssen. Man schickte ihn zurück in die Heimat, und er kam zurück in unser Dorf und zum Anwesen meiner Eltern. Oft erzählte er mir von seinen Kriegserlebnissen, zum Beispiel davon, wie die Soldaten von Jagdbombern mit Bordkanonen beschossen wurden und wie mancher Kamerad im ersten Schockzustand nach einem solchen Angriff gar nicht bemerkte, dass ihm die Füße abgeschossen worden waren.
Diese Erzählung hatte ich im Kopf, als ich eines Tages mit Albert zusammen einen Baum auf dem Grundstück meiner Eltern fällen sollte und sich plötzlich mit lautem Krach Jagdflieger über uns näherten. Gerade in den letzten Kriegsjahren flogen über Nordrach – das Dorf liegt nur rund 50 Kilometer von der französischen Grenze entfernt – am laufenden Band Jagdflieger. Die Schützen schossen auf alles, was sich am Boden bewegte. Albert rief mir zu: »Erwin, renn schnell, da drüben ist ein Graben!« Ich rannte um mein Leben, und Albert warf sich neben mich. Die Jäger beschossen uns; eine Bordgranate schlug keine zwei Meter neben uns in den Boden ein. Als die Flieger sich entfernten, fasste ich an meine Füße um mich zu vergewissern, ob ich sie noch hatte. Die dauernde Angst um meine Füße, war ein Trauma meiner Jugendzeit, das ich nie werde vergessen können.
Im Frühjahr 1944 wurde ich von der Hitlerjugend zum Bau von Schützengräben eingezogen. Man brachte mich mit den anderen Hitlerjungen zunächst nach Hofweier bei Offenburg, wo wir Schützengräben und Panzersperren bauen mussten. Später wurden wir nach Achern verlegt, wo wir in der schlossähnlichen Anlage Illenau untergebracht wurden. Jahrzehntelang waren dort in einer renommierten Anstalt Geisteskrankheiten behandelt worden, die Patienten waren zumeist Adelige gewesen, die aus ganz Europa nach Achern kamen. Unter Hitler aber wurden alle psychisch Kranken verschleppt und getötet.
Ich erinnere mich noch ganz genau, wie wir erst mit dem Zug nach Achern fuhren und dann in die Illenau marschierten. Fast alle Häuser an der Acherner Hauptstraße waren zerbombt und zerstört – für uns junge Burschen aus Nordrach ein schwerer und bleibender Eindruck. Nachts schliefen wir 14-Jährigen in einem riesigen Saal der Illenau auf Strohmatten. Tagsüber war es unsere Aufgabe, Schützengräben auf der Strecke Richtung Sasbachwalden zu bauen. Schon morgens, während wir zur Arbeit marschierten, flogen täglich die Bomber über unseren Köpfen. Und wir wussten nur zu gut, dass ihre Bordwaffen uns erfassen konnten. Mindestens fünfmal täglich flüchteten wir in den Wald und legten uns auf die Erde, wenn die Tiefflieger kamen.
Wenn ich heute im Auto von Achern nach Sasbachwalden fahre, denke ich immer noch jedes Mal an dieses »Abenteuer«, das wir als junge Burschen erlebten. Und jedes Mal spüre ich die Furcht in mir wieder aufsteigen, mit der ich damals Tag und Nacht lebte. Es war die Angst ums nackte Überleben.
Das Kriegsende 1945 hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. Ich könnte immer noch aus dem Gedächtnis aufzeichnen, wie die ganze Familie mit einem französischen Offizier in der Küche hockte und Apfelmost 2 trank. Alle waren dabei und saßen zusammen um den großen Tisch: meine Großmutter, mein Vater, meine Mutter und wir Kinder. Ich war damals zu jung, um voll und ganz zu verstehen, was vor sich ging. Ja, ich weiß nicht einmal mehr, wie meine Eltern, die keine Fremdsprachen beherrschten, mit dem Franzosen überhaupt kommunizieren konnten; vielleicht sprach er Deutsch. Aber ich habe nicht vergessen, dass der Offizier dem angebotenen Most zunächst nicht traute – er ließ zunächst meinen Vater aus dem Glas trinken, bevor er es selbst an die Lippen führte.
Meine Eltern waren stets sehr gastfreundliche Menschen, die einen Fremden in ihrem Haus willkommen hießen. Diese Gastfreundschaft hat sich häufig ausbezahlt, vor allem aber an diesem Tag, als die Franzosen kamen. Denn der hohe Besuch in der Küche verschonte unser Haus vor Plünderungen und womöglich sogar Vergewaltigungen: Mancher französische Soldat kam in unser Haus, doch sobald er den Offizier am Küchentisch erblickte, grüßte jeder von ihnen nur kurz und verschwand wieder ins Freie.
Für Kinder wie mich war das Datum der Befreiung ein sehr beeindruckender und bemerkenswerter Tag. Wir hatten die Truppen der deutschen Kriegsgegner seit Wochen erwartet, bis sie schließlich den Berg herabkamen. Das Erste, was ich von ihnen sah, war, dass sie Hühner einfingen und mit bloßen Händen töteten – indem sie ihnen den Kopf abrissen. Die meisten Soldaten, die in unsere Gemeinde kamen, waren muslimische Marokkaner. Sie hatten eine dunkle Hautfarbe und manche Gewohnheit, die uns damals absurd erschien. Ich hatte noch nie zuvor Menschen anderer Herkunft gesehen, und ich blickte die Marokkaner mit großen, neugierigen Augen an.
Das Kriegsende war für meine Familie wie auch für die meisten anderen in unserem Dorf eine echte Befreiung. Mein Vater, der wie viele Deutsche in den ersten Kriegsjahren noch zu Hitler und dem deutschen Krieg gestanden hatte, war seit dem Scheitern in Stalingrad entschieden der Meinung gewesen, dass nichts mehr zu gewinnen war und das Weiterführen des Krieges nur Not und Leid für die Deutschen bedeutete. Ähnlich dachten die meisten unserer Nachbarn – das Kriegsende wurde in Nordrach mit großer Freude aufgenommen. Endlich gab es keinen Alarm und keine Sirenen mehr, endlich konnte jeder wieder seiner Arbeit nachgehen. So wich die große Angst vor dem Sterben der großen Anstrengung, das Zerstörte wieder aufzubauen und das Verlorene wieder zurückzugewinnen.
Die ersten Jahre nach dem Krieg waren aber beileibe keine leichte Zeit. Erneut stand harte Arbeit auf dem Plan, und die Aufgaben zu meistern, war noch um ein Vielfaches schwerer als vor dem Krieg. In der Landwirtschaft und im Sägewerk fehlten wichtige Arbeitskräfte, denn Nordrach hatte zahlreiche Vermisste und Verwundete zu verzeichnen. Außerdem gab es zunächst keine harte Währung, in der die Geschäfte hätten abgewickelt werden können. Auf dem Land entwickelte sich ein Tauschhandel, und auch uns blieb nichts anderes übrig als Holz gegen Lebensmittel einzutauschen.
Auch sonst änderte sich vieles. Die Franzosen verhafteten den Nordracher Bürgermeister Ludwig Spitzmüller wegen seiner nationalsozialistischen Überzeugungen und bestimmten einen unbescholtenen Bürger zum neuen Oberhaupt der Gemeinde. Viel zu sagen hatte der allerdings nicht: Alle wichtigen Entscheidungen wurden von der französischen Kommandantur in der nahegelegenen Kleinstadt Zell am Harmersbach getroffen. Dort war ein Zeller Mädchen als Verwalterin angestellt – und diese junge Frau wurde stets umlagert, da nur sie über Kenntnisse darüber verfügte, welche Gedankenspiele es in der Kommandantur gab und welche Entscheidungen anstanden oder welche Entwicklungen für die nahe Zukunft wahrscheinlich waren.
In einer Lungenheilanstalt unweit meines Elternhauses wurden nach dem Krieg lungenkranke Franzosen behandelt, und im ehemaligen Rothschild-Sanatorium im Ortskern richteten Amerikaner ein Hospital ein. Die Amerikaner waren uns viel lieber als die Franzosen. Denn während sich die Franzosen häufig in Kneipenschlägereien verwickelten, bei denen sie stets ungeschoren davonkamen, erwiesen sich die Amerikaner als unbescholtene Männer. Unter ihnen waren auch einige Farbige, die sich einen Spaß daraus machten, im kleinen Bach (der genau wie der Ort, den er durchfließt, Nordrach heißt) auf Forellen zu schießen. Durch den enormen Wasserdruck trieben nach jedem Schuss vier oder fünf Fische tot an der Wasseroberfläche, die wir Kinder mit nach Hause nehmen durften.
Für meinen Vater war der Erhalt des Sägewerks natürlich die dringlichste Aufgabe nach dem Krieg, und es war ausgemachte Sache, dass ich als ältester Sohn den Betrieb übernehmen sollte. Zwar hatte ich schon damals wenig Interesse am Holzgeschäft, und in meinem Kopf setzte sich mehr und mehr die Gewissheit durch, dass ich nichts anderes als Mechaniker werden wollte. Doch das war in der ersten chaotischen Zeit nach dem Krieg keine Option. Denn im Sägewerk gab es jede Menge Arbeit und keine Leute, die sie erledigen konnten. Viele Männer waren im Krieg gefallen, andere waren in Gefangenschaft – und die osteuropäischen Ausländer, die in den Kriegsjahren bei uns gearbeitet hatten, kehrten in ihre Heimatländer zurück.
So war ich im Sägewerk oft ganz allein, nur nachmittags halfen mir meine jüngeren Brüder, wenn sie aus der Schule zurückkehrten. Die schweren Baumstämme zu bewegen war eine regelrechte Schinderei. Doch obwohl die Arbeit hart war, gab es doch auch wertvolle Momente für mich. Zum Beispiel konnte ich oft Reparaturarbeiten an den Sägewerksmaschinen übernehmen und mich dabei als Tüftler probieren. Und ganz nebenbei lernte ich bei den Tätigkeiten auf dem Sägewerk – durch praktische Erfahrung, nicht aus Büchern –, dass die Erde sich dreht und es eine Anziehungskraft gibt. Davon hatte ich in der Schule nie ein Wort gehört. Ich begann, auf meinen Vater einzureden, er möge mir doch bei der Suche nach einer Lehrstelle behilflich sein. Doch er blieb zunächst stur, und es kostete mich eine Menge Überzeugungskraft, ihn zwei Jahre später schlussendlich von meinem Berufswunsch zu überzeugen.
Zu Hilfe kam mir dabei, dass mein zwei Jahre jüngerer Bruder Ludwig, als er 1946 die Volksschule abschloss, großes Interesse an der Holzwirtschaft und damit am Sägewerk entwickelte. So gab es für meinen Vater trotz meines Unwillens die Möglichkeit, das Unternehmen an einen der Söhne weiterzugeben und die Familientradition zu erhalten. Der Betrieb war schon im 19. Jahrhundert von meinem aus Bad Peterstal stammenden Urgroßvater Michael gegründet worden – zunächst noch mit einem Teilhaber, der von meinem Großvater Ludwig aber wenige Jahre später ausbezahlt worden war.
Mein Vater hatte das Sägewerk 1934 übernommen und in der dritten Generation geführt. Der Betrieb war für ihn der Mittelpunkt seines Lebens, und er führte die Geschäfte sehr gewissenhaft. Ich erinnere mich daran, dass er mit seinem Geld stets sehr gut haushielt. Wenn ich ihn Jahre später, als ich schon ein erfolgreicher Unternehmer war, zum Essen einlud, dann wählte er auf der Speisekarte stets preisgünstige Gerichte – und wenn ich für ihn ein teureres Mahl bestellte, dann konnte ihm das gute Essen einfach nicht schmecken, da es ihm so vorkam, als würde er hart verdientes Geld einfach verschwenden.
Mein Bruder Ludwig übernahm das Sägewerk schließlich 1974 und führte es mehr als zwei Jahrzehnte lang im Sinne meines Vaters weiter. Vor einigen Jahren übergab er den Betrieb an seinen ältesten Sohn, meinen Neffen Dieter, der das Sägewerk mit neuen Ideen und Visionen in das 21. Jahrhundert geführt hat. Noch ist es zu früh zu sagen, ob auch er in Zukunft Erfolg haben wird. Aber ich denke, dass auch in ihm die Veranlagungen stecken, die meine Familie über die Jahre stark gemacht haben: die Geschäftstüchtigkeit meines Vaters Ludwig und der Erfindungsreichtum meiner Mutter Zäzilia.
Denn ich bin überzeugt davon, dass ich meine Fähigkeit zum Umdenken und zum Erdenken neuer Anwendungen und Verfahren von mütterlicher Seite geerbt habe. Meine Mutter stammt vom heutigen Bächlehof auf den Schottenhöfen, einem ebenso hoch- wie abgelegenen Ortsteil meines Heimatdorfes. Ihre Familie kam ursprünglich aus Fischerbach im Kinzigtal, wo sie eine Reihe von unkonventionellen Tüftlern hervorgebracht hatte. Ein Cousin meiner Mutter beispielsweise, der Haslacher Alfred Prinzbach, beriet meine Heimatgemeinde in der Nachkriegszeit in richtungsweisenden Energiefragen. Er schlug unter anderem vor, den im Dorf benötigten Strom von einem großen Elektrizitätswerk einzukaufen, anstatt weiterhin auf die örtlichen Stromquellen mit geringer Leistung zu setzen. Und Prinzbachs Sohn konzipierte ein Wasserkraftwerk, das er sich patentieren ließ und das bis heute am Haslacher Ortsausgang in Richtung Hausach zu sehen ist.
