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Am 19. Oktober 2013 wurde Raoul Weil, einer der ganz Großen des weltweiten Private Banking, um 1 Uhr 30 in einer filmreifen Szene in seinem Hotelzimmer in Bologna verhaftet und aufs nahe Polizeikommissariat abgeführt. Die Vorgeschichte zu diesem Krimi: 2007 war die Schweizer Bank, für die Raoul Weil arbeitete, von der US-Justiz der Beihilfe zur Steuerhinterziehung bezichtigt worden. Kurze Zeit später wurde einer von Weils 63000 Mitarbeitern in den USA festgenommen. Dieser ging mit der amerikanischen Justiz einen Deal ein und erhielt dafür Straffreiheit. Ende 2008 wurde Raoul Weil dann von den amerikanischen Behörden wegen Verschwörung zum Zweck des Steuerbetrugs angeklagt und fast fünf Jahre später in Bologna verhaftet. Was folgte, hätte ihn, wären da nicht seine Frau Susanne und seine treuen Freunde gewesen, zerbrechen lassen können: 56 Tage Untersuchungshaft in einem Hochsicherheitsgefängnis in Italien, Auslieferung nach Amerika, erneute Inhaftierung, gefolgt von zehn Monaten striktem Hausarrest mit Fußfessel in New Jersey. Und schließlich ein dreiwöchiger, nervenzerreißender Prozess in Fort Lauderdale. Am 3. November 2014 wurde Raoul Weil von den zwölf Geschworenen in Rekordzeit freigesprochen. Einstimmig. In seinem packenden Buch erzählt Raoul Weil von Enttäuschungen und Ängsten, vor allem aber auch von Hoffnung, und macht klar, dass das Aufwachen aus einem Albtraum nur dann gelingen kann, wenn man im Sturm des Lebens nicht alleingelassen wird.
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Seitenzahl: 419
Veröffentlichungsjahr: 2015
Am 19. Oktober 2013 wurde Raoul Weil, einer der ganz Großen des weltweiten Private Banking, um 1 Uhr 30 in einer filmreifen Szene in seinem Hotelzimmer in Bologna verhaftet und aufs nahe Polizeikommissariat abgeführt. Die Vorgeschichte zu diesem Krimi: 2007 war die Schweizer Bank, für die Raoul Weil arbeitete, von der US-Justiz der Beihilfe zur Steuerhinterziehung bezichtigt worden. Kurze Zeit später wurde einer von Weils 63 000 Mitarbeitern in den USA festgenommen. Dieser ging mit der amerikanischen Justiz einen Deal ein und erhielt dafür Straffreiheit. Ende 2008 wurde Raoul Weil dann von den amerikanischen Behörden wegen Verschwörung zum Zweck des Steuerbetrugs angeklagt und fast fünf Jahre später in Bologna verhaftet. Was folgte, hätte ihn, wären da nicht seine Frau Susanne und seine treuen Freunde gewesen, zerbrechen lassen können: 56 Tage Untersuchungshaft in einem Hochsicherheitsgefängnis in Italien, Auslieferung nach Amerika, erneute Inhaftierung, gefolgt von zehn Monaten striktem Hausarrest mit Fußfessel in New Jersey. Und schließlich ein dreiwöchiger, nervenzerreißender Prozess in Fort Lauderdale. Am 3. November 2014 wurde Raoul Weil von den zwölf Geschworenen in Rekordzeit freigesprochen. Einstimmig. In seinem packenden Buch erzählt Raoul Weil von Enttäuschungen und Ängsten, vor allem aber auch von Hoffnung, und macht klar, dass das Aufwachen aus einem Albtraum nur dann gelingen kann, wenn man im Sturm des Lebens nicht alleingelassen wird.
Raoul Weil, geb. 1959, studierte an der Universität Basel Volkswirtschaft und begann danach eine steile Bankerkarriere. Während Jahren war er erst in New York, dann in Hong Kong, später in Singapur tätig und leitete schließlich in Zürich das weltweit größte Private Banking. Doch der Steuerstreit, der 2008 zwischen den USA und der Schweiz voll entbrannte, wurde für den passionierten Globetrotter zum brutalen Karriereknick. Die US-Steuerbehörde IRS nahm ihn als Faustpfand und missbrauchte ihn im weltweiten Kampf gegen Steuerhinterziehung als Sündenbock. Im Jahr 2008 wurde Raoul Weil von der US-Justiz der Verschwörung zum Zweck des Steuerbetrugs angeklagt, 2013 in Bologna verhaftet, 2014 im amerikanischen Fort Lauderdale vor Gericht gestellt und – einstimmig freigesprochen. Heute arbeitet er als Berater für Finanzinstitute und ist als Referent unterwegs. Raoul Weil ist verheiratet und lebt in Zürich.
Sebastian Bräuer, »NZZ am Sonntag«
Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© 2015 Wörterseh Verlag, Gockhausen
Lektorat: Reto Winteler, Wetzikon, und Andrea Leuthold, Zürich Juristisches Lektorat: Dr. Georg Gremmelspacher, Rechtsanwalt, Basel Korrektorat: Andrea Leuthold, Zürich, und Brigitte Matern, Konstanz Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina, Holzkirchen Foto Cover: Raoul Weil in den Büros von Freshfields Bruckhaus Deringer, Oktober 2014; Daniela Reinsch, New York Fotos: Dokument, das die Geschworenen nach 45-minütiger Beratung Richter James I. Cohn übergaben, und ein Bild der Fußfessel, die Raoul Weil während fast elf Monaten tragen musste Layout, Satz und herstellerische Betreuung: Beate Simson, Pfaffenhofen a. d. Roth Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm
Print ISBN 978-3-03763-062-4 E-Book ISBN 978-3-03763-585-8
www.woerterseh.ch
Für Susanne, meine Mutter und meinen im April 2015 verstorbenen Vater.
Dieses Buch ist ein Erlebnisbericht, der sich auf wahre Begebenheiten stützt und in dem die Geschehnisse ausschließlich aus der subjektiven Sicht des Autors dargestellt werden. Angaben zum Gerichtsprozess und rechtlich relevante Inhalte basieren auf öffentlich zugänglichen Quellen. Die Verhöre und Kreuzverhöre während der Verhandlung in Amerika sind nicht wortwörtlich wiedergegeben, Raoul Weil fasste sie sinngemäß nach bestem Wissen und Gewissen zusammen – ohne Falschaussagen von Zeugen gegen ihn zu widerlegen. Die effektiven Dialoge sind im über mehrere tausend Seiten dicken Gerichtsprotokoll dokumentiert und für jedermann einsehbar.
Um die Privatsphäre von natürlichen und juristischen Personen zu schützen sowie dem Bankgeheimnis Rechnung zu tragen, wurde – auch im Sinne des Persönlichkeitsschutzes – ein großer Teil der Namen geändert.
PROLOG
Erinnerungen an Bhutan
Eintritt in die Galera
Übertritt in die permanente Abteilung
Über den Wolken …
Hausarrest und Aktenlawine in New Jersey
In der Höhle des Löwen
EPILOG
DANK
GLOSSAR
Seit je besteht zwischen dem Schweizer Bürger und seinem Staat ein Vertrauensverhältnis. Das schweizerische Verrechnungssteuersystem und das Bankgeheimnis waren während Generationen Ausdruck dieses liberalen Denkens. Für den Großteil der Schweizer und Schweizerinnen ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sie ihre Steuererklärungen korrekt ausfüllen, pünktlich einreichen und die Rechnung gewissenhaft bezahlen.
Andere Staaten pflegen ein eher von Misstrauen geprägtes Verhältnis zu ihren Bürgern und erwarten beispielsweise von ihren eigenen Banken, dass sie als verlängerter Arm der Steuerbehörden agieren.
Was in Sachen Schweizer Bankgeheimnis immer wieder gern vergessen geht: Es schützt nicht nur die Privatsphäre jedes Einzelnen, es hat auch während Jahrzehnten politisch verfolgten Menschen wertvolle Dienste geleistet. In den letzten Jahrzehnten wurde es – richtigerweise, wie ich finde –, etwa durch den »Geldwäscherei- und Insiderartikel«, stufenweise eingeschränkt. Die USA mit dem »Qualified Intermediary Agreement«, und später die OECD, zwangen die Schweizer schließlich zu einem politischen Gesinnungswandel, der zur Aufgabe des Bankgeheimnisses – mindestens für Ausländer – führen wird.
Meine persönliche Erkenntnis aus dem Erlebnis dieser Umbruchperiode ist, dass man sich nicht auf Verträge – auch nicht auf Staatsverträge – verlassen sollte. Großmächte haben die unangenehme Eigenheit, klare Abmachungen später einseitig zu ihren Gunsten auszulegen. Sogenannte befreundete Nationen zeigen auf einmal ihre unfreundlichere Seite. Das Recht des Stärkeren kann einen deshalb jederzeit vor unliebsame Sachzwänge stellen.
Ab 2018 wird die Schweiz zu einem automatischen Informationsaustausch in Steuersachen übergehen. Ob dieser den OECD-Staaten ein besseres wirtschaftliches Umfeld mit ausgeglicheneren Staatshaushalten bescheren wird, soll die Zukunft weisen.
Als Bürger erfüllte ich immer meine Pflicht. Und auch als Manager versuchte ich, dies nach bestem Wissen und Gewissen zu tun. Der Job eines Top-Managers lässt sich ganz gut mit jenem eines Bullenreiters beim Rodeo vergleichen. Jeder Cowboy klammert sich krampfhaft am Strick fest und versucht, den Bullen, auf dem er sitzt, so gut wie möglich zu bändigen. Dabei weiß jeder, dass der Abwurf nur eine Frage der Zeit ist. Auch ich habe das – rückblickend betrachtet – eigentlich immer gewusst. Aber ich verdrängte dieses Wissen erfolgreich. Wie sonst hätte ich Tag für Tag mein Bestes geben können? Und ja, mein Fall war tief. Sehr tief. Die harte Landung im Staub presste mir die Luft aus den Lungen, und sämtliche Knochen im Leib schienen zu zersplittern. Die langsam verheilenden Wunden werden mich wohl für den Rest meines Lebens wetterfühlig sein lassen. Aber ich habe gekämpft. Gekämpft gegen ein von ambitionierten und politisch motivierten Staatsanwälten beherrschtes US-Rechtssystem, aber auch gegen ein Umfeld, dem es völlig egal war, dass ich eiskalt in den Boden getrampelt werden sollte. Die Art und Weise, wie mir ehemalige Weggefährten, von denen ich bei einigen dachte, es seien Freunde, den Schwarzen Peter zuschoben, erschütterte mein Vertrauen zu den Menschen in seinen Grundfesten; es half mir aber auch, meine wahren Freunde zu erkennen. Und das ist eine der positiven Seiten, die ich meiner Geschichte abgewinnen kann. Es gibt noch andere.
Die erlebte Zäsur hat mir die eigene Endlichkeit vor Augen geführt, den Moment kostbarer werden lassen und mich dazu gebracht, meine Prioritäten neu zu setzen. So steht meine Beziehung zu meiner Familie und meinen Freunden heute über allem. Und so sind es auch die einfachen Dinge im Leben, die mich heute Glück erleben lassen.
Raoul Weil, im September 2015
Toc! Toc! Toc! Nachts um halb zwei klopfte es heftig an unsere Zimmertür im »I Portici Hotel« in Bologna. Toc! Toc! Toc! »Aprite la porta! Per favore.«
So beginnen Kriminalromane. Das hier ist einer. Meiner.
Aber lassen Sie mich, bevor wir auf die Ereignisse eingehen, die in jener Nacht vom 18. auf den 19. Oktober 2013 in Bologna eskalierten, zwei, drei Worte zu meiner Person sagen.
Also, wer bin ich? Ich heiße Raoul Weil und dies seit 1959. Ich bin mit Susanne Lerch verheiratet. Dies seit 1996. Wir haben keine Kinder.
Susanne ist Übersetzerin, arbeitete bei der Fifa und war später Personalchefin der Logistikdivision jener Schweizer Bank, bei der auch ich gearbeitet habe und wo wir uns kennen gelernt haben. Susanne ist mein Fels in der Brandung.
Zu mir spontan noch das Folgende: Ich wuchs als Einzelkind in einer ganz normalen, durchschnittlichen Schweizer Familie in Basel auf. Meine Mutter war Hausfrau, mein Vater Architekt bei der Großmetzgerei Bell. Ich besuchte das Gymnasium und studierte schließlich an der Uni Basel Volks- und Betriebswirtschaft. Was gibt es noch zu sagen? Ich war Fourier bei den Flieger- und Flabtruppen der Schweizer Armee und habe (als ehemaliger Flabkanonier) einen leichten Hörschaden. Susanne meint, dass ich das, was ich hören will, eins a hören würde. Sie behauptet übrigens auch, dass ich ein schlechter Autofahrer sei. Und weil sie recht hat, lasse ich ihr gern den Vortritt.
Bis vor kurzem war ich Banker. 2008 trug ich bei der Old Swiss Bank (OSB) die Verantwortung für 63 000 Mitarbeitende. Bald werde ich in einem Hochsicherheitsgefängnis in Bologna sitzen. In einer Dreierzelle. Unschuldig, wie das Geschworenengericht in Fort Lauderdale, mehr als ein Jahr nach meiner Verhaftung, am 3. November 2014 urteilen wird. Einstimmig.
Ich bin gesellig und liebe angeregte Gespräche in angenehmer Gesellschaft. Ich bereiste rund neunzig Länder und interessiere mich für zeitgenössische chinesische Kunst und für moderne Architektur. Vielleicht hätte ich gescheiter Architekt werden sollen, dann wäre mir wohl einiges erspart geblieben. Ich verschlinge Bücher, in deutscher und englischer Sprache, und spiele regelmäßig Bridge. Allerdings lediglich auf Plauschniveau. Während unserer Zeit in New York besuchten wir Jazzklubs und Broadway-Shows, sahen uns Ballettinszenierungen und Opern an. Dennoch muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich relativ unmusikalisch bin. Klassische Musik höre ich lediglich am Sonntag. Zum Frühstück. Das hat dann so etwas Beruhigendes. Aufgewachsen bin ich mit der Musik von Deep Purple, Supertramp, David Bowie, The Clash und den Stranglers. Rock ’n’ Roll und Punk. Vielleicht kommt mein Hörschaden auch ein bisschen von den Rolling Stones. »You Can’t Always Get What You Want«.
Ich bin ein liberaler Mensch. Sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich. Ich schätze unsere direkte Demokratie. Aber politisch aktiv bin ich nicht. Ich esse und trinke gern, bin aber weder ein Weinconnaisseur noch ein Gourmet. Ich bin kein eigentlicher Hobbykoch, stehe jedoch am Wochenende ganz gern am Herd.
Bis zwanzig fuhr ich hobbymäßig Skirennen. Heute gehe ich es auf dem Schnee langsamer an, am liebsten in den Bündner Bergen. Daneben jogge und wandere ich. Wann immer möglich mit Susanne und unserem Hund Madhu, einem Irish Soft Coated Wheaten Terrier. Wie so ein Irish Soft Coated Wheaten Terrier aussieht? Schwierig zu beschreiben. Stellen Sie sich einfach etwas sehr Sympathisches, Mittelgroßes mit hellem, flauschigem Fell und freundlichen Knopfaugen vor. Madhu bedeutet im altindischen Sanskrit »Honig« und bezieht sich auf die Farbe seines Fells.
Als junger Erwachsener spielte ich Handball. In der ersten und zweiten Liga. Und eher bescheiden Tennis. Von außen beurteilt man mich als teamfähig, integer, zuverlässig und fokussiert, als schlagfertig, humorvoll und intelligent, aber auch als etwas gutgläubig. Susanne meint, es fehle mir zuweilen an Sensibilität. Ich bin ein Zahlenmensch.
Früher war ich eher scheu. Und noch heute bin ich keiner, der in großer Gesellschaft aufsteht und ruft: »Hört mal her, ich habe da eine absolut wahnsinnige Story erlebt.« Angesichts der Tatsache, dass ich meine Geschichte nun öffentlich mache, klingt das wie ein Widerspruch, und es drängt sich die Frage nach dem Warum auf.
Es ist ganz einfach: Das Schreiben hielt mich im Knast über Wasser. Mit jeder geschriebenen Seite konnte ich Ballast abwerfen und die Geschehnisse verarbeiten. Im Englischen heißt es: »Turn the page!« Ich habe beim Schreiben viele Seiten gewendet und wurde dabei – im wahrsten Sinn des Wortes – leichter. Zu Beginn schrieb ich einzig und allein für mich. Als Therapie. Irgendwann entstand der Wunsch, meine Aufzeichnungen jenen Menschen zum Lesen zu geben, die sich im Sturm nie von uns ab-, sondern im Gegenteil noch mehr zugewandt haben. Ja, und als das fertige Manuskript dann vor mir lag, motivierte mich mein Studienfreund Tobi, die Geschichte als Buch zu veröffentlichen. Nicht zuletzt auch, um jene Facetten zu schildern, die in der öffentlichen Berichterstattung auf der Strecke blieben. Allora.
Freitag, 18. Oktober 2013 Eigentlich begann alles ganz entspannt. Nach acht unbeschwerten Tagen in Rom kamen Susanne und ich am frühen Nachmittag im Hotel I Portici in Bologna an. Das Viersternehaus befindet sich im Herzen des historischen Zentrums von Bologna, nur fünf Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Es bietet einen spannenden Mix aus ganz alt und ganz neu. Manche Zimmer sind auf den Park gerichtet, und von anderen blickt man auf die Via Indipendenza. Indipendenza. Unabhängigkeit. Was für ein großes Versprechen.
Nach dem Einchecken schlenderten Susanne und ich noch ein bisschen durch die Altstadt, besichtigten die gewaltige Basilica San Petronio, die beiden schiefen Türme Asinelli und Garisenda und genossen die letzten Strahlen der Herbstsonne im Kaffeehaus Zanarini bei Cappuccino und Mandelkuchen. Auf Empfehlung einer Bekannten reservierten wir im Ristorante Pappagallo einen Tisch für den Abend. Leo, der Inhaber, empfing uns mit Prosecco und Parmaschinken, und wir genossen die weltweit oft kopierte, aber unerreichte, ursprüngliche Küche der Emilia Romagna. Bei Kerzenschein. Was wir noch nicht wussten: Es sollte unser letztes gemeinsames Essen für eine lange Zeit sein.
Samstag, 19. Oktober, 1 Uhr 30 Toc! Toc! Toc!
Susanne rief schlaftrunken und leicht verärgert: »Hey, hallo, Sie sind an der falschen Tür! Suchen Sie Ihr eigenes Zimmer!«
Abermals klopfte es. »Aufmachen! Polizei!«
Keine Sekunde später wurde die Tür aufgesperrt, und zwei Polizisten standen in unserem Zimmer.
Entsetzt sprangen wir aus dem Bett, umschlangen uns und versuchten uns so gegenseitig zu beschützen. Susanne trug ein kurzes, rosafarbenes Nachthemd, was den einen der Carabinieri ein bisschen zu genieren schien. Den Blick zum Parkettboden gesenkt, fragte er mich nicht unfreundlich, aber bestimmt: »Sind Sie Signor Weil Raoul?«
»Sì.« Ich stand in Boxershorts da.
»Ziehen Sie sich bitte an und kommen Sie mit. Sie müssen uns einige Fragen beantworten.«
Obwohl überrumpelt vom ungebetenen nächtlichen Besuch, wusste ich sofort, warum die Polizisten in unserem Hotelzimmer standen. Fast auf den Tag genau vor fünf Jahren war ich von den USA im Zuge des Steuerstreites zwischen Amerika und der Schweiz angeklagt worden. Jetzt würde das nächste und hoffentlich letzte Kapitel geschrieben werden.
Mechanisch, mit den Gedanken überall und nirgends, schlüpfte ich in meine Hose, streifte mir ein Hemd über, steckte mein Handy und das Portemonnaie ein, küsste Susanne – »Mach dir keine Sorgen, auf bald!« – und verließ wortlos und entschlossenen Schrittes das Zimmer.
Die zwei Carabinieri machten beim Nachtportier kurz halt und bedankten sich für seine Meldung an die Polizei.
»Keine Ursache, das war doch selbstverständlich. Ich habe die Warnung im Reservationssystem gesehen und nur meine Pflicht getan.«
Dann gings los: Zum allerersten Mal in meinem Leben wurde ich in einen Streifenwagen verfrachtet und an einen mir unbekannten Ort gefahren. Es sollte nicht das letzte Mal sein. Nichts gegen eine Ausfahrt in einem hellblauen Alfa Romeo 159 – aber morgens um zwei Uhr und mit zwei Polizisten im Schlepptau gehört so ein Ereignis nicht zu den zehn wichtigsten Dingen, die man als Mann in seinem Leben gemacht haben muss. Vor allem dann nicht, wenn man nicht vorn sitzen darf.
Auf dem Polizeikommissariat, einem trutzigen, düsteren Palazzo, der auch schon bessere Tage gesehen hatte, durchlief ich ein Prozedere, wie ich es bisher nur aus Krimiklassikern kannte: Ein bierbäuchiger Beamter mit Dreitagebart nahm mir erst mein Handy und meine Fingerabdrücke ab und erfasste dann Größe, Augenfarbe und so weiter. Gleichgültig schoss er danach ein unvorteilhaftes Polizeifoto. Ein junger, eleganter und überraschend zuvorkommender Polizist führte mich daraufhin in sein Office. Ich nahm auf einem wackeligen Stuhl Platz und musterte das Büro. Hohe Decken und vergilbte Wände, die seit Jahrzehnten keinen Anstrich mehr gesehen hatten. Verstaubte Möbel und Berge von Akten. Spinnweben in den Ecken. Und in der Luft ein Hauch von Schimmelpilz. Und »Acqua di Giò« von Giorgio Armani. Laut Werbung verfallen »Männer jeden Alters diesem Duft, der an Sommer, Sonne, Strand und Meer erinnert«. Alles in allem war das Büro eine graue Beamtenstube, wie man sie sich für einen Mafiafilm nicht besser wünschen könnte. Und doch war eine gewisse Klasse zu spüren. Nicht nur in Italien machen Kleider Leute. Aber besonders dort. Selbst ein einfacher Carabiniere im Nachtdienst stellt in seiner maßgeschneiderten dunkelblauen Uniform mit weißem Brust- und Ledergurt und der imposanten Mütze mit lackiertem schwarzen Schild mehr dar als ein Schweizer General bei einem Staatsempfang.
Der geschniegelte Beamte redete in melodiösem Italienisch auf mich ein: »Wissen Sie, weshalb Sie hier sind?«
»Nein, nicht wirklich«, antwortete ich vorsichtig auf Englisch.
»Sie werden in den Vereinigten Staaten wegen Verschwörung zum Zweck des Steuerbetrugs* gesucht. Falls Sie der Auslieferung zustimmen wollen, unterschreiben Sie bitte hier.«
Meine Italienischkenntnisse beschränkten sich bisher auf das Bestellen eines Cappuccinos, einer Pizza oder eines Bieres, aber Worte wie »cospirazione«, »evasione fiscale« und »estradizione« passten in etwa zu dem, was ich erwartet hatte.
»Es tut mir sehr leid, aber ich spreche kein Italienisch. Und deshalb unterschreibe ich auch keine Dokumente – und schon gar keine auf Italienisch. Ich möchte zuerst meinen Anwalt sprechen.«
Damit war unsere Konversation vorerst beendet, und der Armani-Carabiniere führte mich in eine große, karge Aufnahmezelle. Unser Zimmer im »I Portici Hotel Bologna« sah anders aus. Durch eine riesige Glasscheibe beobachteten mich die diensthabenden Polizisten wie einen exotischen Fisch im Aquarium. Das Licht der nackten Neonröhren leuchtete grell und hart. Auf einer langen Bank lag ein Stapel abgewetzter Wolldecken, die nach Fußschweiß und erkaltetem Zigarettenrauch stanken. Ich breitete eine aus, legte mich hin und zog mir meine Steppjacke übers Gesicht. Draußen auf dem Korridor grölte ein aufgebrachter Besoffener. Er fluchte wie ein Rohrspatz und trommelte mit den Fäusten gegen eine Wand. Mir hämmerten die Ereignisse der letzten Stunden durch den Kopf. Wie mag es Susanne ergehen? Was wird die Zukunft bringen? Werde ich aus diesem Schlamassel jemals wieder rauskommen? Was wird mit meiner Familie geschehen? Fragen über Fragen. Erst nach Stunden fiel ich erschöpft in einen kurzen, erstaunlicherweise aber tiefen Schlaf.
Nach dem Aufwachen fühlte ich mich durchgewalkt wie nach einer durchzechten Nacht. Gerädert. Orientierungslos. Wo war ich? Mir schoss für einen kurzen Moment durch den Kopf, dass Susanne und ich für den heutigen Abend Karten für eine Opernaufführung im Teatro Comunale di Bologna hatten. Ironischerweise für Verdis »Nabucco«. Jene Oper, welche für ihren großartigen Gefangenenchor berühmt ist. Na bravo!
Irgendwann bekam ich einen Espresso im Plastikbecher. Er vermochte die pochenden Kopfschmerzen zumindest etwas zu lindern. Dann meldete sich die Natur.
»Carabiniere, toiletta! Prego?«, rief ich. Oder hieß das »gabinetto«? Egal.
»Hier entlang, Signore.«
»Grazie.«
»Nein, nicht hier, das ist die Sitztoilette für uns Beamte. Benutzen Sie bitte die Latrine da drüben!«
Anfängerfehler: Ich hatte die schöne Diensttoilette mit der Insassentoilette verwechselt.
Da stand ich nun. Die Toilette war funktional einwandfrei und absolut pflegeleicht, keine Frage. Ein gekachelter Abort mit zwei Podesten für die Füße und einem Loch. Aber was mich störte: Der Polizist überwachte mich beim Pinkeln. Sicherheitshalber. Für ihn Routine. Für mich eine hochnotpeinliche Situation.
Als ich in der Aufnahmezelle zurück war, streckte mir der Armani-Carabiniere mein Handy entgegen. Er wolle, sagte er, meine Frau über meinen Verbleib informieren. Ob aus Mitleid oder von Gesetzes wegen ist mir bis heute nicht ganz klar. Mit meinem vierstelligen Code entsperrte ich das Gerät, tippte Susannes Nummer ein und übergab es ihm wieder. Nachdem er meiner Frau ein paar Kontrollfragen gestellt hatte, um sicherzugehen, dass auch tatsächlich sie am anderen Ende war, schilderte er ihr »die aktuelle Situation«. Der Carabiniere schien ganz offensichtlich ein anständiger Mensch zu sein, denn er überreichte mir das Handy, damit nun auch ich noch ein paar Worte mit meiner Frau wechseln konnte.
Just in dem Moment, als ich auf sein Handzeichen hin das kurze Gespräch beendet hatte, entstand auf dem Korridor draußen ein Tumult. Aufgebrachte Stimmen, Schreie und der Lärm herumfliegender Einrichtungsgegenstände. Es schien sich um eine gröbere Auseinandersetzung zu handeln, weshalb der Kollege draußen den Carabiniere in meiner Zelle zu Hilfe rief. Quasi im Hechtsprung stürzte sich der ins Getümmel und vergaß dabei völlig, mein Handy wieder an sich zu nehmen. Das Telefon unter der Decke versteckt, tippte ich hastig und mit zitternden Fingern eine SMS an Susanne: »Anwalt. Love.«
Die Antwort kam postwendend: »Bin bereits im Anwaltsbüro.«
»Merci! CH-Konsulat! Love!«
»Anwälte arbeiten auf Hochtouren. Konsulat informiert. Love U 2.«
»Danke. Anwalt. Dringend!«
Dann bemerkte der Carabiniere seinen Fehler, und er unterbrach die Verbindung zu meiner Frau.
Zu meiner großen Erleichterung tauchte bereits sieben Minuten später Luca auf, mein von Susanne eiligst rekrutierter Anwalt aus Bologna. Ich unterschrieb sofort die nötigen Vollmachten, um ihn für meine Vertretung vor Gericht zu mandatieren. Und nachdem er gegangen war, tat ich das, was in nächster Zukunft meine Hauptbeschäftigung werden sollte: Ich wartete.
Um die Mittagszeit kam es zu einer weiteren bemerkenswerten Premiere in meinem Leben: Ein Carabiniere bat mich, die Hände vor meinen Bauch zu halten, und legte mir, ritsch-ratsch-klick, Handschellen an und informierte mich, dass es nun ins Gefängnis an die Via del Gomito 2 gehe. Das Gefühl von kaltem Stahl an den Handgelenken werde ich nie vergessen.
Zwei Polizisten führten mich nach draußen, platzierten mich auf einer Blechbank im Fond eines Streifenwagens und stiegen ein. Zu meiner Überraschung war ich nicht der einzige Fahrgast. Neben mir saß, ebenfalls in Handschellen, ein verlauster Mittdreißiger, der mit seinen schwarz geränderten Restfingernägeln eine abbröckelnde weiße Aufschrift von seiner Lederjacke pulte. Kaum hatten wir uns begrüßt, bretterte der Polizei-Diesel davon und pflügte sich mit Blaulicht und gellender Sirene durch den Mittagsverkehr.
»Ich bin Raoul«, versuchte ich ein Gespräch zu eröffnen.
»Franco.«
»Weswegen haben sie dich verhaftet?«, wollte ich wissen.
»Nur eine Kleinigkeit. Die kennen mich eben und behalten mich im Auge. Ich bin vor kurzem nach dreizehn Jahren Knast entlassen worden.«
Wo zum Teufel bin ich hier bloß gelandet? Dreizehn Jahre! Dreizehn Jahre kriegt man ja nicht fürs Schwarzfahren mit dem Bus der Bologneser Linie 25 aufgebrummt. Auch nicht für Zechprellerei, einen Handtaschendiebstahl oder das Klauen einer Butangasflasche für den Gartengrill.
* Im Folgenden Verschwörung zum Steuerbetrug genannt.
1999 unternahmen Susanne und ich eine Reise in das damals noch wenig erschlossene Himalaja-Königreich Bhutan, das Land, das dem Bruttosozialglück seiner Bevölkerung auch heute noch mehr Bedeutung zumisst als seinem Bruttosozialprodukt. Wir machten ausgedehnte Wanderungen bis tief hinein in Täler, deren Dörfer weder Elektrizität noch fließend heißes Wasser kannten, erlebten beängstigende Fahrten auf höllisch abfallenden Passstraßen in über 3500 Metern Höhe und begegneten überall Bauern, Mönchen und Heerscharen von breit lachenden Kindern. Sie alle waren materiell zwar wenig gesegnet, mit sich und der Welt aber vollkommen zufrieden. Die Spiritualität und Mystik dieses kleinen Landes zog uns von der ersten Sekunde an in ihren Bann.
Unweit der Hauptstadt Thimphu wollten wir zwei abgelegene Dzongs, buddhistische Klosterburgen, besuchen. Der Aufstieg zum ersten Dzong erwies sich als sehr beschwerlich. Es nieselte. Der Pfad war abschüssig und rutschig. Susanne entschied sich daher, nicht zur zweiten Klosterfestung mitzukommen, und so machte ich mich mit Namgay Wangchuck, unserem lokalen Begleiter, ohne sie auf den Weg. Nach einem erneut sehr anstrengenden Aufstieg erreichten wir auf 2931 Metern über Meer das Kloster Tango, das im 13. Jahrhundert vom Lama Gyalwa Lhanampa gegründet wurde und heute die höchstgelegene Klosterschule Bhutans beherbergt.
Ein Mönch begrüßte uns mit einem freundlichen »Tashi deleg«, was so viel bedeutet wie: »Möge es euch wohlergehen.« Namgay stellte mir den Mann als einen seiner zahlreichen Cousins vor. Ich musste schmunzeln; die in Bhutan praktizierte Vielmännerei bringt es mit sich, dass die Verwandtschaft sehr weit verzweigt ist und man offenbar noch in den entlegensten Winkeln auf Familienmitglieder trifft.
»Ihr habt großes Glück«, sagte der Cousin, »unser religiöser Führer, der Rinpoche ist hier! Ich werde schauen, ob ich euch nach Beendigung seiner Meditation eine Audienz organisieren kann.« Namgay war ganz ergriffen. Rinpoche bedeutet wörtlich übersetzt »außerordentlich Kostbarer« und bezeichnet insbesondere einen reinkarnierten Lama.
Eine halbe Stunde später führte uns der Cousin in einen niedrigen Raum. Durch ein kleines, talseitig in die dicke Mauer eingelassenes Fenster drang ein magerer Strahl gedämpften Lichtes. Ansonsten lag der Raum in mystischem Halbdunkel. Die Luft fühlte sich irgendwie dicht und elektrisch geladen an. Ich spürte die Präsenz einer für mich unbeschreiblichen Kraft. Auf einem kleinen Podest saß ein etwa siebenjähriger Junge im roten Mönchsgewand im Lotossitz und musterte uns aufmerksam durch seine dicken Brillengläser. Sein wacher, intelligenter Blick ging mir durch Mark und Bein.
Neben dem Knaben stand ein älterer Mönch, offensichtlich sein Lehrer, der uns das Kind als den Yangsi Rinpoche, die Reinkarnation des berühmten spirituellen Lehrers Dilgo Khyentse Rinpoche, vorstellte. Vom kleinen Rinpoche ging eine Ausstrahlung aus, die mich nicht einen Moment lang daran zweifeln ließ, vor einem auserwählten Menschen zu stehen. Namgay warf sich mit ausgestreckten Armen in der bekannten, tiefste Ehrerbietung bezeugenden, rituellen Verbeugung vor dem Rinpoche auf den Boden.
Dessen Aura berührte auch mich. Ich ließ mich auf die Knie nieder, senkte meinen Kopf und hörte, wie er etwas zu mir sagte, was sein Lehrer sogleich ins Englische übersetzte: »Woher kommst du?«
»Ich komme aus der Schweiz.«
»Was machst du hier?«
»Meine Frau und ich sind in den Ferien und erkunden das wunderschöne Land Bhutan.«
»Dann will ich euch beiden meinen Segen mit auf den Weg geben. Nimm dieses geweihte Briefchen als mein Geschenk an. Es soll dir und deiner Frau, solltet ihr in eine unüberwindbar scheinende Situation geraten, Kraft verleihen und euch beschützen.«
Nachdem wir uns abermals verneigt hatten, wurden wir von seinem Lehrer mit einer gebieterischen Geste verabschiedet. Und im selben Moment wurde aus dem Rinpoche ein ganz gewöhnlicher kleiner Junge im Hier und Jetzt, der nichts anderes mehr wollte, als nach draußen zu stürmen und Fußball zu spielen.
Das geheimnisvolle gelbe Briefchen, dessen Inhalt wir bis heute nicht kennen, fand in unserem Haushalt in einer bunten Pappmaschee-Dose aus Kaschmir einen sicheren Platz. Es sollte uns in einer schwierigen Phase unseres Lebens den Glauben schenken, dass alles gut kommen wird.
Zurück in den Alfa Romeo 159 der Bologneser Polizei. Dank Blaulicht und Sirene erreichten wir die Via del Gomito 2 bereits nach zehn Minuten. Die Zufahrt zur Strafanstalt von Bologna, der Casa Circondariale, war auf der ganzen Breite mit einer bestimmt sieben Meter hohen Mauer gesichert. Das Gefängnis besteht aus verschiedenen Häusern auf einer rund 500 auf 500 Meter großen Fläche. Dass es den Namen »La Dozza« trägt, erfuhr ich erst sehr viel später. Die Häftlinge nannten es schlicht und einfach »galera«. Zuchthaus.
Die Galera ist in verschiedene Sektionen unterteilt. Ich lernte zwei davon kennen. Die erste wurde »infermerìa« genannt, was so viel heißt wie Krankenstation. In der Infermeria werden die neuen Gefangenen nach zwei, drei Tagen entweder wieder entlassen oder so lange behalten, bis klar ist, dass sie an keiner ansteckenden Krankheit leiden; insbesondere nicht an Tuberkulose.
Bei mir sollte das Warten auf die negativen Testergebnisse geschlagene 14 Tage dauern, danach würde ich zu den Untersuchungshäftlingen in die permanente Sektion verlegt werden, wo ich weitere 42 Tage verbringen würde. Total ergab das 56 Tage italienischen Knast, etwas, was ich nun wirklich nicht einmal meinem ärgsten Feind wünsche.
Die beiden Polizisten führten Franco und mich in so was Ähnliches wie ein Pförtnerhaus, wo sie uns die Handschellen abnahmen und einem abgeklärten, blondhaarigen Beamten, Mitte vierzig, mein Handy übergaben. Es steckte in einem verschweißten Plastikbeutel. Er nahm es entgegen, schaute mich müde, aber nicht unfreundlich an und sagte dann emotionslos: »Zieh die Kleider aus und leg sie auf die Theke. Die Unterhose kannst du anbehalten. Ich muss dich absuchen.«
Wir waren also per Du.
»Auch die Socken?«, fragte ich meinen neuen Freund. »Der Boden ist kalt.«
»Ja, auch die Socken. Stell dich da auf die Decke.«
Als er seine Pflicht getan hatte, sagte er: »Nun kannst du Hosen, Socken, Unterhemd, Pullover und die Schuhe wieder anziehen. Der Gürtel, die Schnürsenkel, das Jackett, deine Uhr, der Geldbeutel und dein Ehering kommen, genau wie dein Handy, in einen Plastiksack, den ich versiegle. Den Inhalt des Geldbeutels werde ich auf deinem Conto corrente, deinem Gefängniskonto, verbuchen. Mit den 230,50 Euro kannst du später Lebensmittel und Toilettenartikel beziehen.«
Ich nickte.
»Warum bist du hier in Bologna?«
»Ich bin, das heißt, ich war mit meiner Frau im Urlaub und wurde im Hotel verhaftet.«
»Im Urlaub?«
»Im Urlaub.«
»So, jetzt musst du die Inventarliste unterschreiben. Hier.« Der Beamte kritzelte mit dem Zeigefinger ein imaginäres Kreuzchen an die betreffende Stelle: »Hier, da, rechts unten. Und dann hoffen wir doch, dass du nur einen kurzen Aufenthalt in unserem Albergo speciale verbringen wirst.«
Kurz ist bekanntlich ein sehr relativer Begriff. Und im Moment deutete nichts darauf hin, dass seine und meine Hoffnung in Erfüllung gehen könnte. Jetzt war erst mal sitzen und warten angesagt. Die Stunden fühlten sich wie Tage an. Ich konnte meine Bartstoppeln wachsen hören.
Nach einem abermaligen Erfassen meiner Fingerabdrücke erwartete mich beim Arzt die schnellste medizinische Untersuchung, die ich je erlebt hatte. Immerhin wurde ich jetzt mit Sie angesprochen.
»Ziehen Sie Ihr T-Shirt aus. Haben Sie Atemprobleme, hohen Blutdruck?«
»Nein.«
»Nehmen Sie irgendwelche Drogen?«
»Nein.«
»Dann bitte einmal tief einatmen – jetzt husten.«
Ich tat, wie mir geheißen, und wurde abgehört.
»Geben Sie mir Ihren rechten Arm.«
Nun wurde noch rasch Blut abgezapft, und das wars dann auch schon. Der Turbo-Arzt erklärte die medizinische Eintrittsuntersuchung für erledigt. Das Ganze hatte keine fünf Minuten gedauert. Vermutlich wollte er nach Hause.
Nun führte mich, es war inzwischen früher Abend geworden, ein weiterer Aufseher durch endlose Gänge und unzählige elektronisch verriegelte Sicherheitsschleusen, bis die vergitterte, stählerne Tür meiner neuen Bleibe schwer hinter mir ins Schloss fiel.
Die Dreierzelle, die gerade mal 4,5 auf 2,5 Meter maß, war wie folgt ausgestattet: ein zweistöckiges Etagenbett, eine Einzelpritsche, drei Wandschränke, ein Tischchen mit zwei Hockern. Weiter gab es eine mit einer dünnen Sperrholztür abgetrennte Toilette, ein Lavabo mit fließend kaltem Wasser, ein vergittertes Fenster mit Sicht auf einen kargen Innenhof. Es wurde zusätzlich mit einem feinmaschigen Netz aus Stahldraht gesichert. Und über der Zellentür – hinter einer Plexiglasscheibe – befand sich das Herzstück, der Fernseher. Zwischen den Betten und all den Möbeln blieb kaum Luft – die besten Voraussetzungen, um klaustrophobisch zu werden.
Lässig auf ihren Betten hockend, gelangweilt an ihren selbst gedrehten Zigaretten ziehend und in die Kiste glotzend, begrüßten mich meine beiden Zellengenossen mit einem ironischen »Willkommen in der Galera«. Unfreundlich schienen sie nicht zu sein. Aber eine längere Zeit mit ihnen zu verbringen, also zum Beispiel Weihnachten und Neujahr, das wollte ich mir dann doch nicht vorstellen.
»Wer bist du?«, wollte der ältere der beiden nun wissen.
»Ich heiße Raoul.«
»Und warum bist du hier?«
Nun, das war eine lange Geschichte, die ich ihm nicht bereits bei der ersten Begegnung erzählen wollte. Also winkte ich müde ab.
Die lange Geschichte beginnt mit meinem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Basel. 1984, also mit 25 Jahren, trat ich, nach einer längeren Russland- und Asienreise, meine erste Stelle an. In der Informatik einer Großbank in Basel. Neun Jahre später, 1993, übernahm ich für sie die Leitung der Vermögensverwaltung Nordamerika und zog nach New York, wo Susanne und ich 1996 heirateten. 1997 übersiedelten wir nach Hong Kong und später nach Singapur. Dort leitete ich für die nach einer Fusion neu entstandene OSB das asiatische Private Banking. Im Jahr 2000 rief mich die OSB zurück nach Zürich und setzte mich auf das viel größere Geschäft mit Europa, dem Mittleren Osten und Afrika an. Im Juli 2002 wurde ich zum Leiter des Internationalen Vermögensverwaltungsgeschäfts befördert und übernahm damit auch das grenzüberschreitende US-Business. Ja, und damit war der Grundstein für meine Geschichte gelegt. Doch dazu später.
Nun bot mir der Jüngere eine Zigarette an. Ich schlug sie dankend aus und fragte, wie sie hießen und woher sie kamen. Der Jüngere hieß Florim und kam aus Rumänien, der Ältere stellte sich mit Giulio vor und war Italiener. Mehr wollten auch sie nicht erzählen. Sie wiesen mir meine Pritsche zu, das untere Etagenbett, und konzentrierten sich wieder auf die langbeinigen, spärlich mit Paillettenbikinis bekleideten jungen Frauen, die durch eines der vielen männerfreundlichen TV-Programme stöckelten. Ich legte mich hin und schloss die Augen. Mamma mia, was machte ich hier! Kurz darauf wurde mein erstes Knastmenü in die Zelle gereicht. Spaghetti bolognese. Bei Spaghetti kann man nicht viel falsch machen, müsste man meinen. Doch. Kann man. Vielleicht schmeckte das Essen aber auch bloß deshalb nicht, weil die Umstände niederschmetternd waren. Wahrscheinlich hätte man mir auch ein Kalbs-Cordon-bleu oder ein Bergkäse-Fondue servieren können, ich hätte lustlos drin rumgestochert.
Nach dem Essen legte ich mich wieder hin und versuchte einzuschlafen, da schüttelten mich meine beiden Zellengenossen plötzlich wild gestikulierend wach. Ich öffnete die Augen und blickte in ein mir wohlbekanntes Gesicht. In meines. Im Fernsehen. In den Nachrichten. Das Foto aus dem OSB-Geschäftsbericht von 2006, das mit der bordeauxroten Krawatte, war nicht mein Lieblingsbild, dennoch sollte ich es in den nächsten Wochen noch einige Male über den Bildschirm flimmern sehen, was mich in der Infermeria und später in der permanenten Abteilung zu einer Art VIP machte.
Um 22 Uhr war Lichterlöschen.
In den kommenden Tagen lernte ich die schier unerträgliche, totale Langeweile der Infermeria kennen. Infermeria, das heißt: keine Bücher, kein Schreibzeug, keine Zeitung, nichts. Und absolut nichts zu tun. Die einzige Ablenkung boten zwei Hofgänge pro Tag, ein Damespiel, das irgendeiner mal aus verschiedenfarbigen Schraubverschlüssen von PET-Flaschen gebastelt und in der Zelle liegen gelassen hatte, und als Höhepunkt die katastrophal schlechten italienischen TV-Formate. Wann unser Fernseher lief und was wir schauten, das wurde – völlig demokratisch – von meinen beiden Zellengenossen Giulio und Florim mit absolutem Mehr entschieden. Leider deckte sich der Geschmack der beiden Herren nicht im Ansatz mit meinem. Aber wenigstens verschafften sie mir ab und zu ein wenig Heimatgefühl, dann zum Beispiel, wenn sie Canale 5 einschalteten. Dort moderierte Michelle Hunziker, die knackigste Schweizerin seit der James-Bond-Blondine Ursula Andress, zusammen mit zwei eher älteren Herren die läppische Satireshow »Striscia la notizia«. Die Krönung der italienischen Fernsehniederungen!
In all den Stunden, die wir in der Zelle saßen und irgendwie versuchten, uns auf diesem sehr engen Raum nicht auf die Nerven zu gehen, verständigten wir uns mehr schlecht als recht. Mit meinen wenigen Brocken Italienisch. Vor allem aber mit allerlei Handzeichen. Themen wie die Eurokrise oder die damaligen Bürgerproteste in der Türkei standen definitiv nicht auf der Agenda.
Während der täglichen Hofgänge (der erste von 9 bis 11.25 Uhr, der zweite von 13.30 bis 15.25 Uhr) schlurfte ich in meinen losen Hush Puppies und mit hängendem Hosenboden eher lustlos über den Sandboden. Die Schnürsenkel und den Gürtel hatte ich ja wegen Erhängungsgefahr abgeben müssen, und anfänglich fehlten mir die Ersatzkleider, um es meinen Mitgefangenen gleichzutun und das eigene T-Shirt in Streifen zu reißen, um damit Ersatzschuhbändel und Hosenhalter zu drehen. Es dauerte aber nicht lange, dann wusste auch ich den Blick auf den freien Himmel und den hautnahen Kontakt mit der Witterung zu schätzen. Frische Bologneser Luft! Doch es gab noch einen weiteren Grund, der mir das gerade mal 25 auf 25 Meter große Areal bald schon zu einem sehr wertvollen Ort machte: Ich traf dort auf Algerier, Tunesier und Marokkaner, mit denen ich mich in meinem schlechten Schulfranzösisch austauschen konnte.
Im Hof ergaben sich immer wieder spannende Begegnungen. Die mit Mustafa, einem 27-jährigen Drogendealer aus Marokko, ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben. Er erzählte mir, dass er nach dem Abitur, das er in Casablanca absolviert hatte, jahrelang in der Nähe von Avignon während sieben Tagen die Woche Früchte gepflückt habe. Für 650 Euro pro Monat!
»Meine Arbeitsbewilligung ist jeweils auf sechs Monate beschränkt gewesen. Danach musste ich für die Reise zurück nach Marokko einen ganzen Monatslohn einsetzen.« Er machte eine Pause, schaute auf den Boden, dann wieder mich an. »Irgendwann suchte ich nach lukrativeren Einkünften und begann mit kleineren Einbrüchen.«
»Keine gute Entscheidung.«
»Das erste Mal haben sie mich in Genf geschnappt und in den Knast gesteckt. Dort ließ es sich bestens überwintern. Das Essen war gut, ich hatte ein Dach über dem Kopf, eine geheizte Zelle und konnte erst noch Taschengeld verdienen – und zwar mehr als beim Pflücken von Pfirsichen und Aprikosen!«
»Und dann?«
Er lächelte müde. »Dann habe ich in Italien zu dealen begonnen. Das ist im Nachhinein sicher ein Fehlentscheid gewesen. Wobei schon auch eine gehörige Portion Pech mit im Spiel war, dass ich erwischt worden bin.«
Pech hatte auch Samir, der junge Tunesier, der mich eines Tages im Hof ansprach. Er saß in der Infermeria fest, weil er – sehr dummerweise, wie er selbst konstatierte – auf seiner Bahnreise von Salzburg nach Bologna einen Joint geraucht hatte.
»Ich wollte meinen vierzehnjährigen Bruder, der hier in Bologna zur Schule geht, besuchen, und jetzt drohen mir vier Monate Knast.«
»Vier Monate? Wegen einem Joint? Das ist aber heftig!«
»Ja, nein«, sagte er in relativ gutem Deutsch, »nicht wegen dem Joint. Aber wegen dem Joint hat mich die Polizei halt routinemäßig abgecheckt und ist dann auf eine noch hängige Geschichte aus dem Jahr 2008 gestoßen. Ein kleiner Diebstahl. Nichts Großes. Und jetzt das! Vier Monate! Das ist eine Katastrophe. Ich habe in Salzburg einen Job als Pizzaiolo. Und eine Frau, die im siebten Monat schwanger ist. Das Kind wird zur Welt kommen, und ich hocke im Knast. Großartig! Es ist einfach Scheiße! Kannst du mir helfen, meiner Frau, sie ist Österreicherin, einen Brief zu schreiben? Ich mache in Deutsch noch zu viele Fehler.«
»Klar!«
»Ich werde auch bald Österreicher sein, mein Einbürgerungsantrag läuft.«
Seine Geschichte berührte mich.
Bei einem unserer Gespräche fiel mir im Hintergrund einer von Samirs afrikanischen Landsleuten auf, der an seinen Unterarmen unzählige weiße Narben und eine offensichtlich frisch vernähte Wunde hatte. Der dunkelhäutige Mann ging unentwegt kopfschüttelnd und in kleinen Schritten nervös auf und ab.
»Samir, weißt du, was mit diesem verwirrten Tunesier los ist?«
»Verwirrt? Er ist verrückt. Schau dir doch nur seinen irren Blick an! Total durchgeknallt. Würde mich nicht wundern, wenn der für fünfzehn Jahre aus dem Verkehr gezogen wird. Ich habe gehört, dass seine Frau auch sitzt. Hier in der Frauenabteilung!«
»Was haben die beiden denn verbockt?«
»Sie hat eine junge Italienerin entführt, diese in einer Garage festgehalten, misshandelt und Geld erpresst.«
»Und er?«
»Er hat die Geisel dann vergewaltigt. Zusammen mit seinen vier Kollegen.«
Den italienischen Mitinsassen passte das gar nicht, dass ich mich des Öfteren mit den Nordafrikanern unterhielt. Sie schauten mit größter Verachtung auf die Araber herab.
»Svizzero, weshalb redest du mit diesen Schwächlingen? Eh? Die können nichts. Die haben null Mumm in den Knochen. Die halten den Knast im Kopf nicht aus. Die Psychos verstümmeln sich dauernd mit ihren Rasierklingen. Che cazzo! Erst gestern hat wieder einer der Krankenschwester gedroht, dass er sich die Arme aufschlitzen werde. Aber weißt du was? Anna, la brava, ließ sich nicht beeindrucken. Die sagte ihm arschkalt: ›Nur zu, du Idiot, schneide dich ruhig auf, ich flicke dich dann halt einfach wieder zusammen.‹ «
Für die italienischen Gefangenen standen die Araber zuunterst in der Galera-Hierarchie. In den folgenden Wochen sollte ich die anderen Stufen aus nächster Nähe kennen lernen.
An der Spitze der Pyramide thronten, ganz selbstverständlich, die Italiener. Ihrem Rechtsverständnis und ihrer Tradition folgend, spezialisierten sie sich gezielt auf Vergehen, die von der Justiz und der Kirche vergleichsweise milde abgestraft wurden. Prostitution passte nur bedingt ins moralische Selbstverständnis der gläubigen Katholiken. Hingegen bestanden beim »honorigen« bewaffneten Banküberfall, dem Knacken von Geldautomaten, aber auch beim organisierten Drogenhandel weniger Bedenken.
Auf der zweitobersten Stufe standen die Albaner, die »skrupellosen Neuankömmlinge« in der europäischen Verbrecherszene, wie mir meine Mithäftlinge immer wieder versicherten. Sie seien allesamt Dealer, Zuhälter, gnadenlose Auftragskiller und Schläger.
Die Rumänen stellten die dritte große Gruppe. Sie machten Italien, so wurde mir gesagt, als Meisterdiebe, Zuhälter und Waffenschieber unsicher. Aus dem Drogenhandel hielten sie sich wohlweislich heraus, weil sie wussten, mit welch drakonischen Strafen sie bei einer Auslieferung in ihr Heimatland zu rechnen hatten.
Zwei drahtige Chinesen, drei Schwarzafrikaner und ich, der nicht tätowierte, grauhaarige, harmlose »Svizzero«, bildeten eine eigene, vor allem aber völlig irrelevante Randgruppe.
Als Folge der zahlreichen, rassistisch begründeten Schlägereien hatte, auch das erfuhr ich schon bald, die Gefängnisdirektion eine separate permanente arabische Sektion eingerichtet.
Mittwoch, 23. Oktober 2013 Am fünften Tag nach meiner Verhaftung wurde die Langeweile auf der Infermeria unterbrochen. Die Polizei war von Gesetzes wegen verpflichtet, mich innert 96 Stunden nach der Einlieferung einem Richter vorzuführen, um die Verhaftung formell zu bestätigen. Wäre diese Frist ohne Anhörung verstrichen, hätte man mich laufen lassen müssen.
Zusammen mit einem ziemlich wilden Haufen ungepflegter, mit Tattoos übersäter Mitgefangenen, die ebenfalls alle zur Anhörung mussten, wartete ich darauf, dass man uns vor dem Verlassen des Gefängnisses abtastete, die Fingerabdrücke kontrollierte und Handschellen anlegte. Danach verfrachteten uns die Wärter in einen Gefangenentransporter von der Größe eines Reisebusses. Der Innenraum war in Käfige unterteilt. Ich musste mich in einen der engeren Einzelkäfige auf der linken Seite des Busses zwängen. Durch das vergitterte Fenster konnte ich Teile der Straßenszenerie Bolognas an mir vorbeiziehen sehen. Vergeblich versuchte ich, den Blick auf eine öffentliche Uhr zu erhaschen, denn seit mir meine eigene abgenommen worden war, hatte ich mein Zeitgefühl völlig verloren.
Im Gericht sperrte man mich in einer riesigen Abstellhalle in eine drei auf vier Meter große Glaskabine. Rastlos tigerte ich darin hin und her und vertrieb mir so die Zeit bis zur Gerichtsverhandlung. Ich stand unter Starkstrom, denn Luca, mein italienischer Anwalt, wollte das Gericht davon überzeugen, dass bei mir keine Fluchtgefahr bestünde und man mich statt im Gefängnis problemlos auch im Hausarrest und mit einer GPS-Fußfessel überwachen könnte. Die Hoffnung auf diese Chance machte mich halb wahnsinnig.
Was ich nicht wusste, war, dass Susanne draußen auf dem Korridor, keine fünfzig Meter von mir entfernt, auch auf und ab ging und mindestens so nervös und hilflos wie ich auf meinen Gerichtstermin wartete.
Auf dem Weg zum Gerichtssaal eskortierten mich zwei freundliche, glatt rasierte und makellos uniformierte Carabinieri.
Das Glücksgefühl, das mich überkam, als ich Susanne am Ende des Korridors auf mich warten sah, lässt sich nicht beschreiben. Als wir auf ihrer Höhe ankamen, stürzte sie auf mich zu und umarmte mich. Was für ein Bild muss ich für sie abgegeben haben: In Handschellen, seit vier Tagen nicht geduscht, unrasiert, mit ungeputzten Zähnen, ungewaschenen Haaren und immer noch in denselben, mittlerweile miefenden Kleidern, in denen man mich aus dem Hotelzimmer abgeführt und in denen ich auch die Nächte verbracht hatte. Seit ich verhaftet worden war, fühlte ich mich wie vom Erdboden verschluckt und von allen vergessen, jetzt ging – mindestens für einen kurzen Moment – die Sonne auf. Susanne war meine einzige Stütze und Hoffnung in dieser fürchterlichen Situation.
»Halte durch! Wir werden das zusammen überstehen«, flüsterte sie mir ins Ohr.
Dann zog mich einer der Carabinieri am Ellbogen auch schon unwirsch weiter und bugsierte mich in ein Gerichtsbüro.
Meine beiden Zellengenossen hatten mich ausdrücklich vor Richterinnen und Staatsanwältinnen gewarnt: Die »puttane« müssten immer beweisen, dass sie nicht zu nachsichtig seien und mindestens so hart in ihren Urteilssprüchen wie ihre männlichen Kollegen.
Bingo, nun saß ich tatsächlich einer Richterin und einer Staatsanwältin gegenüber. Volltreffer! Luca zeigte mir den Auslieferungsantrag der Amerikaner und das Rechtsgutachten betreffend meine Auslieferung.
Gemäß seiner Einschätzung hätte ich die Auslieferung um mehrere Monate verzögern können, denn nach juristischer Definition muss eine Verschwörung in Italien aus mindestens drei namentlich genannten Verschwörern bestehen. Die Amerikaner nannten im Auslieferungsantrag aber keine konkreten Namen, sondern lediglich »eine Gruppe von 17 000 Steuerhinterziehern«.
Das amerikanische Department of Justice, kurz DoJ, kümmerte sich wenig um Lucas Einschätzung. Im Gegenteil. Im Auslieferungsantrag an das italienische Justizdepartement stand klipp und klar und ohne jeglichen Respekt vor den italienischen Behörden: »Mr. Weil konspirierte mit Steuerbetrügern und schädigte die US-Regierung um 200 Millionen US-Dollar. Er war ein leitender Angestellter mit beträchtlichen finanziellen Mitteln, und es besteht eine große Fluchtgefahr. Da der italienischen Justiz die meisten Gefangenen aus dem Hausarrest entweichen, verlangen wir, dass Mr. Weil bis zur Auslieferung im Gefängnis verwahrt bleibt.«
Meine Hoffnung auf Hausarrest zerplatzte wie eine Seifenblase. Plopp!
Die Staatsanwältin, die ebenfalls auf der Gefängnisverwahrung insistierte, doppelte nach: »Signor Weil hat eine gewisse ›Kultur‹, und wir müssen davon ausgehen, dass er fliehen und sich als Wiederholungstäter herausstellen wird. Die Amerikaner schreiben in ihrem Auslieferungsantrag, dass Signor Weil mindestens fünf verschiedene Pässe besitzt und unter Verwendung verschiedener Geburtsdaten und Namen reist.«
Fünf Pässe mit verschiedenen Namen und Geburtsdaten?
Als Susanne wieder in Zürich war, fand sie in meinen privaten Unterlagen die Lösung für die haarsträubenden Unterstellungen: Seit meinem achtzehnten Geburtstag hatte ich alle meine abgelaufenen Pässe aufbewahrt. Zusammen mit dem aktuellen waren es fünf. Alle lauteten sie auf Raoul Weil, geboren am 13. November 1959. Auch die Seriennummern stimmten mit den vermeintlich »falschen Pässen« überein. Die Vorwürfe waren völlig aus der Luft gegriffen. Schummeln auf Amerikanisch?
Nun fragte mich die Richterin, ob ich einer unwiderruflichen Auslieferung an die Amerikaner zustimmen würde.
»Nein. Sie müssen verstehen, dass ich einer Auslieferung – wenn überhaupt – erst nach einer Konsultation mit meinem amerikanischen Anwalt zustimmen kann. Er sollte bald in Bologna eintreffen.«
Die Richterin, zu meinem Unglück eine ehemalige Staatsanwältin, die sich, gemäß Luca, noch immer nicht von ihrer früheren Rolle als bissiger Anklägerin hatte lösen können, fällte daraufhin das Urteil: »Das Gericht entscheidet, dass Signor Weil weiterhin in Haft verwahrt bleibt. Sollte eine GPS-Fußfessel organisiert werden können, deren Funktionstüchtigkeit die Polizei in Bologna bestätigt, ist das Gericht bereit, Hausarrest in Betracht zu ziehen.«
Luca setzte sich in den kommenden Wochen nach Leibeskräften dafür ein, das in Italien noch wenig etablierte Konzept der »GPS-Fußfessel« für mich in die Praxis umzusetzen. Letztlich brachten Gespräche auf höchster Telekommunikationsebene in Rom den gewünschten Erfolg, und die Polizei in Bologna stimmte, wie von der Richterin gefordert, der Überwachung per GPS-Fußfessel im Hausarrest zu, worauf Luca sofort eine geeignete Wohnung ausfindig machte.
Vermutlich unter dem Druck der Amerikaner intervenierte jetzt aber die Staatsanwältin bei der Richterin. Sie reklamierte, dass sie, eben die Richterin, gar nicht die alleinige Kompetenz besitze, einen Hausarrest mit GPS-Fußfessel auszusprechen, worauf diese kalte Füße bekam und einen neuen Gerichtstermin für ein »Dreiertribunal« festsetzte. Mit anderen Worten: Die Richterin wälzte die Verantwortung für ein Ja oder ein Nein auf mehrere Kollegen ab. Bis man Luca und mir diesen neuen Termin kommunizierte, sollte es dauern.
Als ich wieder zurück in der Infermeria war, hatte man Giulio in ein anderes Gefängnis verlegt, und Leo, ein 32-jähriger Albaner von gedrungener, muskulöser und dennoch sehr gepflegter Erscheinung, im »Giorgio Armani«-Freizeitlook, nahm seinen Platz ein. Leo war ein ausgebuffter Kokaindealer und stellte sich mir als Stammgast an der Via del Gomito 2 vor. Als solcher kannte er sich natürlich bestens aus und brachte von zu Hause auch gleich die eigene Bettwäsche mit. Er hatte seine Heimat im zarten Alter von siebzehn Jahren verlassen, sein Glück zuerst in Griechenland und später in Frankreich, dann in Belgien und nun in Italien gesucht. Zu meinem Erstaunen sprach er fünf Sprachen mehr oder weniger fließend. Wir unterhielten uns in Englisch, und ich fragte ihn, ob er selber auch irgendwelche Drogen nehme.
»Nein, wo denkst du hin«, antwortete er, »für mich sind die Drogen einfach nur ein lukratives Geschäft. Der Konsum von Drogen ist ein Zeichen von Schwäche. Ich trinke weder Alkohol noch Kaffee. Meine Frau und ich sind sehr gesundheitsbewusst und achten darauf, dass wir und unsere Tochter uns absolut bio und fleischarm ernähren. Ich lasse mich mein Äußeres etwas kosten, sieh mal meine Tätowierung, die ist doch hochprofessionell und nicht so stümperhaft selbst gestochen wie die der gescheiterten Existenzen hier drinnen.« Daraufhin knöpfte er sein Hemd auf und zeigte mir einen Feuer speienden Drachen. Dessen Kopf zierte Leos Brust, der lange Körper des Tieres reichte bis über seine Schultern und der lange Schwanz bis zu seinem Unterarm. »2000 Euro hat dieses Kunstwerk gekostet. 2000 Euro! Ein gepflegtes Auftreten ist einfach wichtig in meinem Geschäft. In meiner Liga ist Seriosität das A und O. Schau her, ich habe doch hier diese Geheimratsecken. Zurzeit stelle ich meine Haare noch mit Gel igelmäßig auf, das lenkt ein bisschen von den großen Geheimratsecken ab. Aber ich werde vermutlich irgendwann die 4000 Euro in die Hand nehmen, die eine professionelle Haartransplantation kostet. Sieht doch einfach besser aus, Haare auf dem Kopf, das musst du zugeben!« Dabei zeigte er auf meinen vollen, grauen Haarschopf.
»Ist eine Perücke, hat mich ein Vermögen gekostet«, scherzte ich, und wir mussten beide herzhaft lachen.
»Aber sag, Leo, weshalb haben sie dich denn eingebuchtet?«
»Eine kleine, uralte Geschichte, muss dich nicht interessieren. Mein Anwalt ist der Meinung, dass er die Sache mit dem Richter bald arrangieren kann. Der hat mir in einer anderen Angelegenheit schon einmal Hausarrest gewährt.« Und grinsend fügte er hinzu: »Ich besitze eine Eigentumswohnung, bin verheiratet und kann mir problemlos eine Arbeitsbestätigung in meiner eigenen Kleiderboutique ausstellen. Die können gar nicht anders als mich in Hausarrest entlassen.«
Hausarrest! Ob der mir je vergönnt werden würde?
