Der Flüchtling - Kasim Mujagic - E-Book

Der Flüchtling E-Book

Kasim Mujagic

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Beschreibung

Das Buch ist basiert auf wahren Lebenserfahrungen des Autors. Dieser Roman ist eine schmerzvolle Geschichte des Verrats der jugolavischen Idee der BRÜDERLICHKEIT UND EINHEIT und eine schöne Geschichte der Entdeckung das Liebe in Herzen der Menschen immer noch existiert. Ein respektierter Gymnasiumlehrer, wird in ein Konzentrationslager geworfen. Es ist das Jahr 1994, das Ende des 20. Jahrhunderts, und Konzentrationslager sind keine Geschichte des Zweiten Weltkriegs, wie die Welt sich gedacht hat. Durch reines Glück entkommt der Protagonist dem Lager und versteckt sich von Serbischen Aggressor im Wald, bevor er beschließt das Gefährlichste zu tun und aus dem Land zu fliehen. Er kommt nach Kroatien und kann endlich frei laufen. Die Schrecken des Krieges haben ihn jedoch immer noch vorsichtig und verängstigt, dass etwas im Schatten lauert. Die Schrecken des Krieges trennten ihn von seiner Frau und seinem neugeborenen Kind, die sich unerwartet in der Sicherheit einer humanitären Organisation befanden. Er trifft sich wieder mit seiner Frau und seinem Kind und bald darauf begeben sie sich als Flüchtlinge nach Deutschland. Kasim und seine Frau, Muslime, werden von der deutschen evangelischen Kirche in Syrau eingeladen, bei ihnen zu leben. Die kleine Familie findet in Deutschland etwas, von dem sie geglaubt haben, dass sie es in ihrer Heimat hatten, aber der Krieg hat ihnen das Gegenteil bewiesen.

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Seitenzahl: 264

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der Flüchtling

TitelseiteWidmungVorwortKapitel IKapitel IIKapitel IIIKapitel IVKapitel VKapitel VIKapitel VIIKapitel VIIIKapitel IXKapitel XKapitel XIUnter dem Schutz der KircheKapitel XIIKapitel XIIIKapitel XIVKapitel XVKapitel XVIKapitel XVIIKapitel XVIIIKapitel XIXKapitel XXKapitel XXIKapitel XXIIImpressum

Kasim Mujagić 

Der FlüchtlingAus dem Bosnischen übersetzt vonKerima  Mujagić

Widmung

Als Dankeschön an die Freunde in Syrau, die uns in schwerster Zeit geholfen haben.  

Vorwort

Ich lebte in der aufrichtigen Überzeugung,  dass der Krieg eine Geschichte der Vergangenheit ist. Ich glaubte, dass dies für mich, meine Generation und Generationen nach mir gilt, und nicht einmal durch Zufall passieren kann.

Schon gar kein  Krieg aus Hass, von einen zum anderen.

Sogar afrikanische Stämme haben  Speer und Pfeil weggeworfen, den Krieg als Mittel der Kommunikation abgelehnt und  Dialog und Respekt  anderen gegenüber akzeptiert.

Auch der berühmte Französische Astrologe Michel de Nostradame  hätte sich nicht den "Luxus" erlaubt,  den Krieg voraus zu sagen, vor allem nicht in Jugoslawien.

Ein Krieg am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts?

Im „Herzen“ Europas!?

Ein Krieg in Jugoslawien, dem Land des Sozialismus, das  sein sozialpolitisches System ein halbes Jahrhundert auf dem berühmten aber falschen Slogan von „Brüderlichkeit und Einheit“ gegründet hat, und die Gleichheit aller Völker und Nationalitäten, die in Jugoslawien leben, versprach!!!

„Brüderlichkeit und Einheit“ das war das Schlagwort, das nur die naiven Muslime gern angenommen haben, welches ihnen aber später das Leben kosten sollte.

Die damalige Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien, mit seiner JNA[1], war einigen Quellen zufolge die viertstärkste Militärmacht in Europa.

Ein halbes Jahrhundert lang nahmen alle Völker Jugoslawiens an der Konstruktion des sozialistischen Systems durch verschiedene Formen der Bewaffnung, Ausrüstung und Modernisierung der jugoslawischen „nationalen“ Armee als Garant für alle Völker, vor möglichen ausländischen Aggressoren teil.

Durch Bildungsprogramme, sowohl in Mittelschulen und Fakultäten, später durch Rekrutierung in verschiedenen Reserven, militärischen Korps und im territorialen Verteidigungssystem, studierte man  Ver-teidigungsstrategien, jedoch in einem falschgeschaffenen Klima, in dem  immer jemand aus dem Westen oder aus dem Osten  Jugoslawien bedrohte.

Es war nur eine Frage der Zeit?!

Allerdings geschah dann etwas, was sich kein Jugoslawe hätte vorstellen können.

Ausser den Serben.

Die so genannte JNA verwandelte sich in eine  brutale Aggressionsarmee gegen alle nicht - serbischen Volksgruppen, und gegen alles, was nicht serbisch war!

Besonders im Fokus standen die ehemaligen jugo-slawischen Nationen, in erster Linie Bosniaken und der Staat Bosnien und Herzegowina. Serben und die JNA, richteten mehr Schaden an als alle früheren,  feindlichen Horden und Armeen im Laufe der Geschichte. 

Unter der roten Fahne „Hammer und Sichel“ der JNA geschahen noch nie zuvor erlebte Grausamkeiten, Morde, Massaker, Abchlachtungen, systematische Vergewaltigung. Lager zur Folterung und Tötung wurden errichtet. Alles, was nicht serbisch war, wurde zerstört und verbrannt. Grausamkeiten, die man  seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr in Europa gesehen hat.

Und das alles in der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien!

In einer Gemeinschaft, in der alle Nationen und Nationalitäten „gleich“ sind?

Und während den Muslimen (Bosniaken) und anderen Nationen in Jugoslawien „Staub in die Augen“ geworfen wurde, über  drohende Aggression aus dem Westen gegen die jugoslawische, sozialistische Ordnung, plante die JNA bereits die ganze Zeit, zusammen mit Serbo-Tschetniks  die "innere" Aggression!

Es ist selten in der Geschichte so etwas zu finden, was die Nationalarmee, seinem Volk angetan hat: Solch brutale Aggression, wie die von der JNA, zusammen mit den Serben, an  den unschuldigen, nicht - serbischen Menschen, vor allem Bosniaken ( Muslime).

Und dann  die Konzentrationslager!

Mörder, Grausamkeiten, Folter und Vergewaltigung.

Neue Dachau, Treblinka, Mauthausen, Auschwitz. . .

In Europa am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts!

Die Lager - Bilder des Grauens im „Herzen Europas“.

Noch trauriger war, dass das demokratische Europa über die Lager wusste, die die Serben eröffnet hatten. Ja, sie wussten, wo die bosniakischen Zivilen gefoltert, brutal getötet, beispiellos gedemütigt wurden und das ohne ersichtlichen Grund.

Über das alles hat das „demokratische“ Europa geschwiegen!

Es ist bedauerlich, dass wir alle Menschen sind.

Und dann Verfolgung!

Ein Rückruf.

UNICEF, der Fond der Vereinten Nationen für Kinder und  Flüchtlinge, hat im Jahr 2015, einen Rekord von 65,3 Mio. Menschen bekannt gegeben, der jedoch auf der ganzen Welt verdrängt wird.

Jeder 113. Mensch auf dem Planeten ist jetzt ein Flüchtling!?

Einundfünfzig Prozent der Flüchtlinge auf der Welt sind Kinder. Viele dieser Kinder sind von ihren Eltern getrennt worden und mussten allein  in das Unbekannte und Unsichere gehen.

Jede Minute werden in der Welt  24 Menschen vertrieben!

Schrecklich!

Das erste Konzentrationslager wurde im dritten kubanischen Unabhängigkeitskrieg (1895-1898) errichtet, als der spanische Militärgouverneur Valeriano Weyler die Zwangsevakuierung der Landwirte und ihrer Familien anordnete, aus der Gegend wo die kubanischen Rebellen gewirkt haben.

Aufgrund der schlechten Bedingungen und Übervöl-kerung starben Tausende von Gefangenen.

Die Briten nutzten die Konzentrationslager während des Burenkrieges, in dem die Boer Frauen und Kinder in 31 Lagern in ganz Südafrika (1899 bis 1902) eingesperrt haben.

Aufgrund der schlechten Lebensbedingungen in den Lagern  und Unterernährung sind mehr als 28.000 Frauen

und Kinder gestorben.

Jeder normale Mensch, wäre er ein Engländer, ein Franzose, ein Deutscher, ein Amerikaner, Türke, Russe, sollte sich selbst fragen; Wie würde ich mich fühlen, wenn aus heiterem Himmel, meine Nachbarn, gestrige Freunde, Arbeitskollegen,Klassen - oder Spielkamera-den aus der Kindheit mich brutal mißhandeln,töten, foltern, vergewaltigen ...?

All dies nur wegen des Namens !!!

Oder wenn ein Student seinen Professor verhaftet, wie es der Fall mit dem Autor dieses Buches war?

Und dann passiert es jemandem, Tausende von Kilometer entfernt von Ihnen, den du in deinem Leben noch nie gesehen oder kennegelernt hast, streckt seine Hand der Freundschaft  aus,  bietet Schutz gemeinsam mit dir sein Haus zu teilen, teilt seinen  Tisch für das Abendessen, und  sympathisiert mit dir ohne Interesse und Nutzen. 

Es ist schwer, die Tränen in den Augen von Freunden zu sehen, die dich wegen deines Schicksals bemitleiden.

Es wird Leser geben, die ohne  Begeisterung den zweiten Teil des Buches lesen werden davon bin ich überzeugt,  "Unter dem Schutz der Kirche"!

Denn  sie werden nicht  glauben, dass es heute, in einer Welt, wie sie ist, so menschliche und gute Menschen gibt.

Doch was in dem Buch geschrieben ist, ist nur ein Teil der Liebe und Gastfreundschaft unserer Freunde, die uns akzeptierten, als wir es am schwierigsten gehabt haben.

Alle haben uns mit ihren Fähigkeiten geholfen.

Allerdings ist der größte Reichtum die erworbene Freundschaft, die noch immer dauert und bis zum Ende des Lebens dauern wird.

Das Buch, das Sie gerade  in ihrer Hand halten, ist eine Art von Geschichtsschreibung einer verrückten Zeit, mit vielen Funktionen von novellistischen Schreiben. Es wurde als eine historiographische Chronik geschrieben, strukturiert wie ein Roman, so dass die Aufmerksamkeit des Lesers angelockt wird, und es interessanter und lesbarer ist.

Daher hat jedes Detail in diesem Buch die Kraft der authentischen Ereignisse, so dass der Leser den Eindruck hat, als ob er auch die Versuchungen mit erlebt von Hundertausenden von Gefangenen und Flüchtlingen aus Bosnien und Herzegowina auf dem Weg voller Unsicherheit.

Auf dem Weg von Leben oder Tod!

                             Kasim Mujagić

[1] JNA - Jugoslawischen Volksarmee

Kapitel I

      Schwere Tage tropften einfältig hinter ein ander.

Und ebenso die Nächte.

Im Lager, zwischen den Häftlingen, stand steinkalte Angst.

Zusammengepresste Körper, Knochen an Knochen und immer überprüfend ob der auf der linken und rechten Seite noch am Leben ist.

In der Totenstille kündigt sich  der Schlüssel im Schloss der nachträglich eingebauten Türe an..

Dann Stille.

Man hört das Klappern und die Auswahl der richtigen Schlüssel.

Sie bellen wie tollwütige Hunde.

Der Wächter flucht auf “unsere extremische Mutter“.

Die schwere, verrostete Metalltür stöhnt und heult unter der Last des eigenen Gewichtes.

Die Häftlinge flüstern leise ihre Gebete, so wie sie sie können und wissen.

Sie trösten sich mit der Hoffnung, dass das Alles eines Tages Vergangenheit sein wird.

Eines Tages wird es vorbei sein, aber wie?

Die dritte Tür tut sich auf, eine Holztür.

Darin ein kleines Loch, das als Spion dient.

Einer von dem Häftlingen schaut immer und be-richtet den Anderen über die Situation auf dem Flur.

Ein Eingang, drei Türen.

Das gibt es im schlimmsten Gefängnis nicht.

Im Al Catraz!

Abgestandene, schmierige und übelriechende Zellen-luft, wird wie von einer Klinge durch die Flurluft, in zwei asymetrische Teile auseinander geschnitten.

In der zum Ersticken, überfüllten Halle liegen lebende Leichen.

Häftlinge.

Hundert.

Die Halle hat den Grundriss wie der Buchstabe „L“.

Es ist eine dunkle Beton - Katakombe.

Ganz oben ein kleines Fenster, das jetzt ungeschickt zugenagelt ist.

Häftlinge bestraft man auch mit Frischluftmangel.

Ursprünglich war diese Halle für Geflügel gebaut.

Legebatterie und Masthähnchen, die schnell gemästet und dann geschlachtet wurden.

Männliche „Kücken“, haben die „Experten“ ausgewählt und dann am selben Platz mit Plastiktüten erstickt.             

In dem selben Raum, Luftmangel, großer Gestank von der Konzentration menschlicher Exkremente, vierundzwanzig Stunden  Dunkelheit fiel auf die zer-brechlichen Schultern den Häftlinge.

Sie keuchen, sie  kämpfen um jedes Sauerstoffatom.

Die Hühner hatten zumindest eine Lüftung.

Linierte „Leichen“ sind „Extreme“, „Mudschahe-ddin“[1] und ersticken in bleischwerer abgestandener Luft.

Wie „Sardinen in der Büchse“ systematisch sortiert, auf nacktem Beton.

Das Strohlager hat sich vor langer Zeit in Staub und Pulver verwandelt, was  zusätzlich erstickt.

Dazu haben auch die starken Raucher beigetragen.

Ćage,[2] Zigarettenpapier besteht aus Zementsäcken.

Eine Zigarette, mit Zementgeschmack, und stinkenden Rauch „spaziert“ von Mund zum Mund.

Der schwarze Rauch erschwert das Atmen in der Zelle zusätzlich.

Für Raucher und Nichtraucher.

Längst gibt es keine Original  Zigarette mehr.

Eine Zigarettenpackung ist so viel wert wie die  beste Kuh.

Eine Zigarette, wie eine Milliarde dinare.

Kein Fehler, 1 Milliarde dinaren.

Eine Zigarette für einen Tragkorb voll Geld!

Im Lager ist sie mehr wert als Gold.

Das Nationale Währungssystem in Bosnien ist zusammen gebrochen. Im Belgrad drucken sie Banknoten, auf gewöhnlichem Papier, mit Myriaden Nummern daraufgeschrieben!

Toilettenpapier ist mehr wert!

Vom „täglichen Spaziergang“ bringen die Häftlinge illegal  Gras mit. Jedes größere Blatt wird getrocknet und dann leidenschaftlich geraucht. Mein „Mitbewohner“, Hamo, mit welchem ich eine Holzpalette teile, ist schon seit Tagen taub.

Seine Zunge ist geschwollen von den „Zigaretten“ und niemand kann seine Worte verstehen.

Er spricht unzusammenhängend, und dann weiter mit den Händen und Füßen. Sein Mund ist zu eng für die Zunge, die sich jetzt in einen Knoten verwandelt hat.

Wie ein aufgeschäumtes Brötchen.

Aber wenn er mit der Zigarette an die „Reihe“ kommt, die durch die Zelle „kreist“, wirft er sie sich doch irgendwie in den  Mund.

Eher wollen sie nur mit Mimik  kommunizieren als den Tabak loszulassen.

 Wir zwei haben das seltene Glück, eine  Schlaf zu besitzen, in Form einer „bequemen“ Holzpalette.

 Im Lager sind wir die, die am längsten hier sind.

Hamo ist  älter als ich.

Andere schlafen auf dem Beton oder ihrem Mantel wenn sie einen haben.

Als der Ex-Zellenmitbewohner nicht vom Graben zurück gekommen ist, hat mir Hamo eine Hälfte der Palette angeboten.

Ich habe es ihm nicht vergessen.

Jedoch, der der am längsten im Lager war und auch der Älteste, war der zweiundachtzigjährige Jusuf.

Angeklagt, ein zu sein.

Blind!

Und Scharfschütze?!

Seine unverzeihliche Sünde war es, dass er alle seine fünf Söhne zur Bosnischen Armee geschickt hat.

Und trotzdem blieb er stolz.

Die Wächter haben ihn wie wild halb tot geprügelt. Und ihn dann, zur Strafe, am Leben gelassen. Er blieb fest. Treu zu seinen Heimatland, Volk und Gott.

Senil und hirnllos sitzt er jetzt in der Ecke, im Dunkel, und mit Nadeln aus Holz strickt er blind wollene

Socken, die er nie bis zu Ende bringen wird.

Periodisch hört man ihn, immer die selbe Parole sagen: „Lang lebe Alija[3], lang lebe Bosnien!“

Wenn er mit singen müde wird, dann wickelt er für Stunden umsonst Tabak ins Papier, positioniert ein Stück runden Kolben im Mund und bläst mit Begeisterung den Rauch aus.

~

Meine beiden Brüder sind auch im Lager.

Ihr Patriotismus hat sie ins Lager gebracht.

Zusammen sind sie in der angrenzenden Zelle. Wir sehen uns sogar während den täglichen Spaziergänge nicht.

„Die Hausregeln“ erlauben es nicht.

Manchmal erkenne ich beim Rundgang ihre Schuhe.

Und das genügt mir.

Sie sind am Leben!

Mich werden sie härter ansehen. Seit Sieben Tagen laufe ich in einem „Paar“ Schuhe. Zwei  Rechte. Beide fallen auseinander. Einmal waren das Schuhe. Keiner davon  ist meiner.

Der Eine ist zwei Nummern größer als der andere. Dieser eine „klappert“ der andere erzeugt mir blutige Blasen. 

Obwohl ich meine Sportschuhe gesehen hab, sage ich nichts zu jemandem, damit ich beim nächsten   Diebstahl  nicht als Haupttäter beschuldigt werde. 

Ich warte auf meine Gelegenheit.

Ein anderer trägt  zwei Linke Schuhe, und ich weiß, dass er  still bleibt.

Inhaftierte ziehen ihre Schuhe ungern aus, aber müssen es gelegentlich. Der Fuß braucht auch Luft, sonst bricht er auf wie ein Fladenbrot.

Die „Wanderung“ fing im Kreis des eingestellten Bereichs an.

Jeden Tag dauert sie kürzer. Am Anfang war es eine Stunde, jetzt sind es nur noch dreißig Minuten.

Einer geht nach dem anderen, mit den Händen auf dem Rücken, der Blick nach unten und mit striktem Verbot den Kopf nach links oder nach rechts zu drehen. So umkreisen wir die Lager-Piste. Während dem Spaziergang ist ein Gespräch verboten, sowie irgen-welcher Kontakt mit einem anderen Häftling.

Insbesondere mit Insassen aus einer anderen Zelle.

Vor Publikum sprechen, Einwände oder jeder Versuch, ein Gespräch mit der Wache anzufangen, wird auf der Stelle bestraft.

Den Kopf aufzuheben ist auch streng verboten.

Die Strafe für den kleinsten „Fehler“, jede Ungehorsamkeit, ist drei Tage Spaziergang - Verbot  .

Dies ist für den Lagerinsassen schlimmer als drei Tage ohne Brot zu sein.

Wiederholte „Fehler“ bedeuten Einzelzelle.

Während der Wanderung sollte man nicht stocken.

Erst im Lager habe ich die Worte meines verstorbenen Vaters verstanden:

-Die Sonne ist ein Geschenk von Gott!

Was für ein Geschenk! Dachte ich dann.

„Wunderschön“ ist das Gefühl, mit den Händen auf dem Rücken zu spazieren, während die warmen Strahlen (wie das Melem) ihre Wärme auf die feuchten Rücken der Gefangenen ausschütten.

Und noch frei zu sein?

Nur die Sonne ist nicht gegen uns gewendet!

Ich kann nicht einmal denken, wann wird, oder wird die Zeit überhaupt kommen, dass ich mit meinem Lieblingsbuch in der Hand, im Stuhl zurückgelehnt,  die Vorteile der Sonne genieße.

Beim Pfiff der Pfeife, werden wir in einem Moment alle in Zweierreihe ausgerichtet.

Wieder vierundzwanzig Stunden in der grabdunklen Zelle.

Für ein paar Tage sehe ich meine Brüder nicht, obwohl uns nur eine Betonwand trennt.

Am meistens verbringen sie ihre Zeit an der Verteilungslinie beim Schützengraben graben.

Nach dem Kampf „Mann gegen Mann“, "Brust an Brust", ist das  Gefährlichste die Grabung  zwischen zwei Feuer-Linien. Es ist eine Gelegenheit für die Wachen uns in den Rücken zu schießen ohne sich dafür verantworten zu müssen.

Die offizielle Erklärung lautet: „Er wurde von einer verirrten Geschoßkugel getötet?!“

Während dem fäkalen Abwurf hat mir „der Diensthabende“ von den benachbarten  Zellen gesagt, das mein Bruder nach dem Verhör, brutal von den  Wachen geschlagen wurde und drei Rippen brachen.

Sie ließen ihn nicht zum Arzt.

Nach zwei Wochen sah ich ihn wieder, heimlich aus dem Augenwinkel, beim „Spaziergang“.

Hässlich krumm und nach vorne gebeugt. Ohne medizinische  Hilfe sind  die  Rippen  nicht  richtig zusa-

mmengewachsen.

Ich weiß was es bedeutet, Schutzgräben zu graben!

Nur Gott hat mir geholfen meinen Kopf auf den Schultern wieder zurück ins Lager zu bringen.

Schutzgräben gräbt man spät in der Nacht, wenn der Insasse am besten für die Keulung geeignet ist.

Von vorne oder von hinten.

Ein offenes und ungeschütztes Ziel.

Jetzt grabe ich nicht mehr!?

Zumindest für den Moment.

Immer, wenn ich „an die Reihe“ kam, um die Gräben zu graben, sprang Hasan freiwillig für mich ein.

-Warum machst du das? - fragte ich ihn bei einer Gelegenheit.

-Mir werden sie nichts tun!

-Wieso!? - fragte ich überrascht.

Denn auch  er wurde  als „Mudschaheddin“ festgehalten.

-Ich bin Analphabet. Ein Niemand und nichts. Harmlos. Solche wie mich haben sie, wann immer sie wollen und wie sie wollen.

„Der Adler fängt keine Fliegen,“ - sagt ein weises Sprichwort.

-Du bist gelehrt. Du hast viel Wissen. Du hast im kleinen Finger mehr als ich in meinem ganzen Kopf. Du hast ein Papier dafür, dass  du schlau bist. Ich hab gar nichts. Meine ganze Wissenschaft ist der Zeigefinger und die Tinte. Ein Bleistift war nie in meiner Hand. Ich bin blind mit den Augen!

-Aber. . .

-Ich weiß was du sagen willst. Aber ich weiss auch, die Gelehrten sind der Kopf der Nation. Die Augen und Ohren der Menschen. Sie bevorzugen einen intelligenten Kopf mehr, als ein 'volles Pannier' so wie meine. Ohne den gesunden Menschenverstand ist die Nation kopflos!

Mein „kluger Kopf“, wie er sagt, hat seine unerwartete Geste nicht verstanden.

-Lass mich dir sagen, früher hätte ich manchmal gern deinen Kopf gehabt, mindestens drei Tage lang. Aber jetzt würde ich ihn nicht haben wollen, auch wenn du ihn mir schenken würdest. Es ist nicht immer gut, klug zu sein! Es kommt eine vergiftete Zeit, eine bösartige Zeit, wenn der Verstand sich gegen den Menschen richtet. Genau wie ein wütender Hund. Der größte Hassum[4] und Feind! Nun, wärst du nicht so klug, würdest du nicht hier sein.

-Und du?

-Ich bin nur eine gewöhnliche Zahl. Niemand. Du ragst hervor. Dein Verstand. Intelligente Menschen lesen auch wo kein Buchstabe steht. Sie (die die das Lager führen) wissen es auch.

Die Einsätze sind zu groß.

Der Kopf.

Egal, voll oder leer.

Klug oder unwissend.

~

Während des Tages, als 40 Grad vom Himmel auf ein Betondachlager strahlt, verwandelt sich die abgestandene Luft in der Zelle in einen heißen stinkenden Dampf. Es ist wie eine Fatamorgana, die die Gefangenen zu Halluzinationen und insgesamt zur  Austrocknung treibt.

Das dunkle Höllenloch mit über hundert Menschen sieht wie ein Massengrab von Lebenden aus.

Es war nicht ausgelüftet worden, es könnte nicht ausgelüftet werden. Im Gegenteil, als ob jeden Tag neue heiße Luft hinein gepumpt würde und der ganze Weltgestank. Es ist schwer, in einem „hermetisch“ geschlossenen Bereich zu atmen. Die Menschen haben das Bewusstsein verloren um dann wieder zum Leben erweckt zu werden.

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte garant-iert:

„Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und persönliche Sicherheit!“

Wie  schön steht es auf dem Papier.

Wie undankbar ist der Mensch und weiß nicht Gottes Segen der frischen Luft und des Sauerstoffs zu schätzen.

Ich habe nie darüber nach gedacht.

An was man sich alles  erinnert  in der Not.

Die Insassen lagen fast auf einander. Wie das System der ungeschickt aufgereihten Sardinen. Der Insasse konnte sich nur dann  in die andere Richtung dre-hen,  wenn sie sich alle zur gleichen Zeit in derselben Reihe  drehten.

Was oft unmöglich war.

Das Problem war,  die Atmung und die frische Luft. Der Geruch von Ammoniak hat sich mit dem Geruch von menschlichen Körpern gemischt. Die Luft war warm, trocken und stickig.

Der leere Behälter von Wasser, und eine elektrische Glühbirne,   waren  die  ganze  bestehende  Wasser - und

Elektroinstallation.

In der Mitte der Zelle, Gitter und Wellen, Abmessung von 20x20 cm.

„Waschbecken und Trinken“ für die Häftlinge.

Rund um den leeren Kanister ist es immer voll. Viele haben nicht  mit anderen mitgefühlt und hätten sich am liebsten den ganzen Kanister in den Mund geschoben.

Daher ist am „Wasser“ immer Zank und Streit!

Und manchmal auch eine Schlägerei!

Durst hat keine Augen!

Und keine Ohren!

Wasser ist nur zum trinken!

Waschen ist verboten, so haben es die Insassen beschlossen, weil es auch  nicht genug zu trinken gibt!

In der allgemeinen Masse wurde der halbe Kanister versehentlich verschüttet.

Das interessiert die Wachen nicht.

Täglich-zwei Kanister auf hunderte durstige Münder.

Einer, der noch nie in der Lage war, zu spüren, was Durst ist, ohne eine Chance ihn zu löschen, was einen Tropfen Wasser bedeutet, wenn es kein Wasser gibt, weiß nicht, was der wahre Horror ist. Schlägerei, Verhöre, Hunger, Gräben ausgraben, Mangel an Schlaf, ist nichts im Vergleich mit dem Durst

Manchmal rufen die Insassen auch die Wachen, ihnen wenigstens ein Glas Wasser zu geben, um einen Mann vor dem Tod zu retten. Sie beantworten wiederum die Nachfrage, in dem sie ein tschetnisches Lied singen:

„Überall auf der Wache, von General Draža . . .“

Gerade genug, das der Häftling stirbt.

Dann  wird  die  Feuchtigkeit   an  der  Wand   auch

praktisch!

Wenn es nicht zu spät ist .

Einige Gefangene haben in eine Plastikflasche „uriniert“ und es für „Gott bewahre“ gehütet.

Auf dem schmalen Grat, von der Ecke  bis zur Tür, leuchtet eine Lampe von 60 Watt.

Zu klein, um die Katakombe auf dem ganzen Buchstaben „L“ zu beleuchten.

Wegen der „Strafen“ ist sie  meistens ausgeschaltet.

Sie ist die einzige „Sonne“, die gelegentlich in der Zelle scheint.

Wenn der Wächter  guten Willens ist!?

Die Glühbirne darf ohne Befehl der Wachen  nicht angeschaltet oder ausgeschaltet werden.

Außer in Notsituationen.

Um elf Uhr in der Nacht zeigt sich, durch die Zellentür  der Ellenbogen der Wache im Dienst, der  das dreimal wiederholt und das Licht aus und an macht.

Das ist ein Zeichen von Schlaf und absoluter Stille.

In der Ecke unter der Glühbirne ist eine improvisierte Toilette. Besser gesagt ein großes Holzgehäuse/Schkafe[5], mit einen Holzdeckel abgedeckt, in dem die Insassen während des Tages und der Nacht ihre Notdurft verrichten.

Sowohl die kleine als auch die große Notdurft.

Ab Mitternacht, läuft der Topf vom Urin über, den der Boden aufsaugt und zusätzlich den bereits unerträglichen Gestank verstärkt.

Der Geruch von Urin - Säure und Ammoniak beißt in den Augen und  Nasenlöchern.

Besonders  in  der  Nacht war es schwer, den Weg zu

finden  und zur „Toilette“ durchzubrechen. Man musste auf halbe Leichen treten, fremde Köpfe, Bäuche, Arme, Beine, Brust . . .

Wenn ein Verlezter schrie, weil man auf eine frische Wunde trat, meldete sich sofort die Wache mit einem Schläger an der Tür.

Manche, die es nicht mehr aushielten, verrichteten ihre Notdurft bereits  während des „infamen“ Durchbruchs zur Schkafe, insbesondere solche, die erst kurze Zeit im Konzentrationslager waren und deren Organismus noch nicht auf der Stufe der Dehydrierung war.

An der Spitze der Holzwannen waren zwei Laufflächen, nachträglich für die Füße eingebaut und eine Halke[6], die an die Wand geschraubt war, um sich daran festzuhalten.

Wenn der Insasse „auf die Toilette geht“, klettert er auf das Fass wie ein Huhn das kein Ei legen kann, und hilflos stundenlang hockt.

Rumpelt und furzt vergebens.

Fehlalarm des leeren Magens und Darmes!

Jeder „Furz“ stinkt, als ob ein Tank von Ammoniak verschüttet wird.

Die Erwachten klagen, und drohen dass sie seinen Kopf in dem Fass untertauchen werden.

Einige schütteln wieder ihren Gestank aus, als ob sie alle Karkassen der Welt gegessen hätten.

 Aber nicht nur Gestank und Urin sind ein Problem?!

Flöhe glitschen auf allen Seiten.

Glitschen Tausende, Hunderttausende.

Niemand kennt ihre Zahl.

Sie kriechen hinein in Hosen, Ärmel, Augenbrauen, Ohren, Nase. Schläfrige offene Münder spucken sie angeekelt  oder husten sie gewaltsam aus.

In  Staub und Stroh kriechen Wanzen, die ich in  30 Jahren noch nicht gesehen habe.

Von irgendwoher kommen Fliegen. Tagsüber ganze Schwärme von Fliegen. Sie stoßen herab auf die frischen Wunden der Gefangenen. Nachts gab es keine.

Die ersten, sowie die zweiten und dritten, bissen widerlich und heimtückisch.

Es ist der fünfundzwanzigste Tag das ich mich nicht rasieret habe.

Ich habe es vergessen, dass ich zuvor auch Zähne putzte.

Das ist ein unvorstellbarer Luxus, wenn ein Tropfen Wasser Gold wert ist.

Der Bart glich einem kochenden  Ameisenhaufen von Flöhen.

Stank wie ein alter beschissener Hundeschwanz.

Die hartnäckigsten waren die in den Ohren und Augenbrauen.

Sie donnerten im Ohr wie ein Panzerwagen.

Am Kopf eine verkrustete Wunde, aus der die Fliegen, genau wie bei einem Wasserloch das geschwächte Blut trinken.

Ich beobachtete einen Insassen der (die Fliegen), aus Wut knusperte, und diejenigen die geschwollen und blutig waren, knackten zwischen seinen Zähnen.

Um sich zu  rächen?!

Vielleicht dachte er, dass er sie so auslöschen wird?

Beängstigend.

Fliegen  kann  er  nichts tun. Sie sind viel zu viel und

zu   schnell für seine langsamen Bewegungen.

Auf die Krätzmilbe achtet niemand mehr.

Wenn es juckt,  tut es nicht weh.

Ich weiß nicht, wann ich mein Gesicht zuletzt gewaschen habe. Sowas gibt es nicht in der Zelle.

Es ist verboten!

Ich träumte eine Nacht von einem Brunnen.

Und Wasser.

Viel Wasser.

Ich wasche mich mit vollen Händen.

Das Wasser spritzt in zahllosen perlenden Tropfen.

Am Ende  nehme ich Abdest[7].

Ich kann das Wasser als  Gottes Segen fühlen und in Dankbarkeit falle ich auf der Sedždu[8].

Auch  im Lager vergesse ich nicht meinen Schöpfer.

Ich danke Ihm, weil ich weiß, es könnte schlimmer sein!

„Der Tod ist nicht das Schlimmste was einen Mann passieren kann“ - sprach Platon weise.

Vor dem Schlafengehen, ich bete Ischaa[9] und andere Gebete, die ich im Verlauf des Tages verpasst habe.

Sitzend, verdeckt durch die Dunkelheit, mit unmerklichen Bewegungen.

Manchmal liegend.

Die Gebete sind im Lager auf den Tod verboten.

Mein Gebet ist mir der einzig gebliebene Trost.

Kontakt mit Gott.

Unterstützung und Hoffnung.

Nur Er, kann mir in dieser aussichtslosen Situation helfen.

Ohne Gebet, hört die Kommunikation mit dem Allmächtigen auf, und man verliert jede Möglichkeit, den Kopf zu bewahren!

Ich bin schmutzig und unrein bis an den Hals.

Die Notwendigkeit ändert das Gesetz!

Ich benutze ein Segen Tayammum[10].

Von der Flussbettreinigung habe ich einen schönen, sauberen Stein, in der Größe  einer Kartoffel mit gebracht.

Ich riskierte es, und schaffte es ihn in die Zelle zu bringen.

Wegen der Unmöglichkeit des Zugangs,  ersetzt er  mir das Wasser.

[1] Mudschaheddin, (ar.) – Der der auf Gottes Weg kämpft

[2] Ćage - Zigarettenpapier

[3] Alija Izetbegović – erste Präsidnet von Unabhängiche und Souveräne Republik Bosnien und Herzegowina  

[4] Hassum, (ar.) – Feind, Gegner

[5] Schkafe, (lat.) – Holzgeschhier mit zwei Ohren zum tragen

[6] Halka, (tür.) – Legel, Fassreif aus Eisen

[7] Abdest (pers.-tur.) - rituelles Waschen und Reinigung vor dem Gebet die man durchführen musst

[8] Sedžda (tür.) - Ein integraler Bestandteil des Gebets, fallen auf seinem Gesicht und Stirn und Nase den Boden berühren

[9] Isha, (ar.) - In der Nacht, das fünfte in Folge Gebet für Muslimen

[10] Tayammum, (ar.) - Art der Reinigung in Abwesenheit von Wasser für den Gebet zu durchzuführen.

Kapitel II

Hier fragt niemand nach der Zeit,  wie spät es ist. Es kam alles hinunter in die Nacht und ein Stück des Tages, was wir beim Mittags Spaziergang fühlten.

Gut, dass niemand einen Spiegel hatte, so wusste er nicht wie viel seiner persönlichen Beschreibung  sich geändert hatte. Niemand sah, wie deformiert und schandfleckig er war. Es gab keinen Lagerhäftling ohne blaue Flecken oder Einschnitte im Gesicht. Geschwollene obere oder untere Lippen, blaue oder geschlossene Augen. Eine blutige Nase aus welcher geronnenes Blut guckte.

Nur einen „Gefangenen“ sah ich mit sauberen Gesicht und tadellos rasiert. Dies war ein verkleideter Polizist, der mich vor dem Lager, ohne ersichtlichen Grund auf der Straße festgenommen hatte und in einer verlassenen Garage einschloss. Am dritten Tag nach meiner Ankunft im Lager, erkannte ich ihn während des Spazierganges  wieder.

Mit nichts  habe ich es mir anmerken lassen, dass ich ihn erkannt habe.

Ich gab mich naiv und tat als ob ich nichts bemerkte.

Er war eingesetzt als Provokateur und Spion.

Oder dass er mich beobachtet?

Von  der  „Drei“,  die Zelle, die mit unserer parallelwar, hörte sich Kinderweinen.  „Drei“ ist eine Zelle für Frauen.

Weibliche „Extremisten“!

Es gibt da eine Frau mit einem Kind das zwei Monate alt ist.

Aufgrund der schlechten Ernährung, hat die Mutter keine Milch um es zu füttern.

Letzte Nacht drohte die Wache ihn mit seinen eigenen Händen zu ersticken.

Wenn er sein Geweine wieder hörte.

Nachts hört man die Schreie der Frauen, die sie zu Vergewaltigung bringen.

* * *

Das Nachtgebet, hat mich mehr als alle Beruhigungsmittel gerstärkt.

Lange in der Nacht habe ich zu Gott gebetet.

Von  den „Menschen“ war ich enttäuscht!

Auf meiner linken Seite in Staub und Stroh, auf dem er einen langen Mantel ausgebreitet hatte, ständig mit der Kappe  auf Kopf und Augen aufgeladen, lag Ibrahim. Er besaß ein Kaffeehaus, das zu Beginn des Krieges die Tschetniks[1] geplündert und dann verbrannt haben.

Er hatte alles.

Und „Vogel“ Milch.

Er hatte nur nicht die „weißen Bienen“.

Über  Nacht verlor er alles!

Und auch  seine Frau.

Sie verließ ihn in der härtesten Not, und ging nach Belgrad.

Ihn sperrte man ins Lager.

Sie hätte ihn retten können, wenn sie es wollte.

Sie nahm die Kinder, welche sie nie als „seine“ betrachtete .

Er kann leicht ohne Leben bleiben, wie auch andere, die sich in dieser stinkenden und stickigen „Höhle“ wieder gefunden haben.

Die ganze Zeit, Tag und Nacht, sitzt er stumm.

Ohne ein einziges Wort.

Während der Prügelei würde er keinen Ton von sich geben, im Gegensatz zu den anderen, die schrieen, als ob sie lebendig gehäutet würden.

Er konnte nicht glauben, was seine Serben „Brüder“ ihm angetan  haben!

Das dies gerade ihm geschieht.

Er konnte nicht  verstehen, dass sie die gleichen waren, die er mehrere hundert Mal gefüttert und getränkt hatte, ohne einen  Dinar zu verlangen, mit denen er die Morgendämmerung betrunken begrüßte, bei welchen er Pate war, und die ihn nun über Nacht arm gemacht haben.

Er briet ihnen Schweine vor seinem Haus, „Extreme“ fluchte er auf seine balische[2] Mutter, er hat sich mit ihnen betrunken, Tschetnische Lieder gesungen, so hatte er damit gerechnet  seinen Reichtum und seine eigene Haut zu bewahren.

Er brachte ihnen erschrockene Kellnerinen, und hatte kein   Ahnung,   dass    die  „Kumpels“  Tschetniks,  ihre Augen auf seine Frau und seine Tochter geworfen haben.

Und auf seinen Reichtum.

Nicht Geld, das er nicht mehr hat, würde ihm helfen!

Nun ist die Gilde - der Kopf!

Ich habe nicht  gehört, dass er für die Dauer im Lager mehr als drei Worte sprach.

Wir kannten einander gerade genug, um den Gruß  auszutauschen.

Meistens mit Kopfnicken.

Er schwebte in den Wolken, auf den haram[3] erworbenen Geld.

Sie brachten ihn über Nacht auf den Boden.

Seine „Brüder“ Tschetniks.

Diejenigen, die er „Mästet“  für seinen Kopf!

Dessen ist er sich  bewusst.

Aber zu spät.

Daher ist es für ihn härter als für mich.

Er nannte mich leise mit meinem Namen und seine Hand berührte mein Knie.

-Ich werde mich umbringen!

Er sah gerade überzeugend aus.

Ich habe ihn „verstanden“.

Für Selbstmord hatte er tausend Gründe mehr als ich.

Oder jeder andere Insasse in der Zelle.

-Ich kann nicht mehr so!

Das war keine Panik, oder unbedachte Äußerung,  sondern  eine lange Zeit vorbereitete und durchdachte Entscheidung.

-Was redest du?

-Weißt du, sie werden mich töten - er flüsterte - die erste Gelegenheit,  und es wird mich nicht mehr geben. Ich werde ihnen solche Zufriedenheit nicht leisten.

Aber wie?

Im Lager ist es sicherlich nicht machbar.

Vielleicht könnte er ein Stück Seil oder Draht finden, sich zu erhängen, aber wann. Zu keiner Zeit konnte er allein gelassen werden.

-Und wen würden sie nicht? - fragte ich.

-Wie war ich . . . naiv  . . . und diese Demütigung . . . dass . . . dass  . . .  Ich kann nicht  . . . kann nicht mehr . . . aushalten.

Als ich in dieser „Hölle“ angekommen bin, war er noch stark gebaut.

Ein Felsen.

Das Lager fraß ihn auf!

Etwas Muskeln und ausgetrocknete Haut machten ihn zu einem lebenden Skelett.

Es blieb nur ein grobknochiger, klitzekleiner Kopf, große durchsichtige Ohren und große Augen.

Häufige Prügel bis an den Tod, und zur  psychischen Erschöpfung pressten aus ihm den letzten Tropfen   Lebenswillen  heraus. 

Seine „Brüder“ Tschetniks nahmen sich, jahrelang seine großzügige Güte.

Und Naivität!

Sein Geld  haben sie mehr als ihr eigenes verbraucht.

-Du bist nicht allein. Wir alle sitzen in dem selben Boot. Alles ist in Gottes „Händen“ - ich versuchte  ihn zu beruhigen.

-Ich habe keine andere Lösung.

Er schien geistig zerrüttet.

-Tod  ist  nicht die Lösung! Weisheit ist am Leben zu bleiben. Die Toten werden schnell vergessen.

Er bleibt still. Ich wusste  dass er mich Nachts beobachtet, während ich bete.

-Ich bin Atheist - er sprach wieder - ich glaube nicht an Gott  . . . Erst jetzt sehe ich, wie viel ich verloren habe . . . Wie schandfleckig ich bin! Aber jetzt ist es zu spät.

-Bei Gott verlierst du nie! Es ist nie zu spät.

Abgesehen von seiner kleinen rauen Stimme, fühlte ich den muffigen Geruch aus dem trockenen Mund.

Leise flüsterte er:

- Ich vertraute dem Mann . . . Meinem . . . Feind! Nie Gott . . . Ich habe  nie .  . .  zu  Ihm . . . gebetet! . . . Ich hasste Gott! Ich verfluchte und beleidigte Ihn!

-Wir Sind alle Gottes Sklaven  – tröstete ich ihn - Er wird niemanden vergessen.

-Erst jetzt sehe ich in welchen Irrtum ich war!

-Hier lebt man zum Trotz. Der Feind wäre am glücklichsten, wenn wir uns alle selbst ermorderten! Die Religion erlaubt das nicht. Das Leben ist ein Geschenk Gottes.

Alles wird vorübergehen. Jeder Krieg kommt zu einem Ende.

Einer von den Insassen hat im Schlaf geschrien.

-Halt die Klappe, Bande! - Schrie die Wache aus dem Flur und schlug auf das Gitter.

-Der Morgen ist klüger als der Abend - sagte ich, und bedeckte mich mit dem stinkenden Mantel.

Drei Türen gibt es in der Zelle. Jede  stöhnte und knarrte auf ihre eigene Art und Weise, und öffnete sich plötzlich, Neonlicht schneidet wie eine Klinge die schwere Dunkelheit und bricht an der Wand unterhalb des vernieteten Fensters.

Der Wächter hat aus Versehen einen Häftling aus „der Zwei“ in unsere Zelle gestoßen, mit gebrochenen  Kieferknochen.

Von seinen offenen Mund, den er nicht schließen konnte, tropften Blut, Sabber und Speichel.

* * *

Ich erinnere mich nicht welcher Tag es ist.

Dienstag?

Bin mir nicht sicher.

Das Licht in der Zelle ist schon lange aus.

Ich konnte nicht einschlafen, obwohl ich den ganzen Tag hart gearbeitet habe.

Wir haben das Flussbett saubergemacht und waren alle bis zu den Hüften nass.

Ein Häftling hat Erde gegessen. Er meinte es erinnert ihn an Halve (bosnische Süßspeise).

Ich habe versucht zu denken aber es hat nicht funktioniert. Nicht mal ein Gedanke konnte mir einfallen.

Im Kopf nur Schlamm so wie im Flußbett.

Ich bin wach.

Ich höre Schritte auf dem Flur wie sich die  der Tür unserer Zelle nähern.

Mein Instinkt und kudret Uhr[4]!

Die Tür jammert.

Das Licht wird nicht eingeschaltet  und er ist nicht laut, wie üblich.

-Extremist!

Dann rief er mich mit Namen.

-Komm Raus!

Der Korridor ist von beiden Seiten mit Eisenstangen „bestückt“.

Auf dem Weg aus der Tür, nahm ich die Haltung „Ruhe“ (militärische Haltung wen man still steht).

Mit dem  Kopf nach unten.

Ich wartete auf den Befehl.

Er befahl mir,  ihm  zu folgen.

Ich wusste nicht, was er vorhatte. In diesen Situationen, begannen die Schläge sofort auf dem Flur.

Er brachte mich zur Tür auf der linkisch kyrilisch geschrieben    stand:     

I c л e дник! (Zivil-Polizei).