Der Freiheit geopfert - Bei Bei Ling - E-Book

Der Freiheit geopfert E-Book

Bei Bei Ling

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Beschreibung

**Die einzige Biografie des Friedensnobelpreisträgers - von seinem alten Freund Bei Ling** Der Schrifsteller Liu Xiaobo steht seit mehr als zwei Jahrzehnten für den gewaltfreien Kampf chinesischer Intellektueller gegen die Unterdrückung des Volkes und für mehr Menschenrechte in China. Seinen Einsatz für mehr geistige und gesellschaftliche Unabhängigkeit in der Volksrepublik hat Liu Xiaobo mit seiner Freiheit bezahlt. Er sitzt in einem Gefängnis, 500 Kilometer von seinem Zuhause in Peking entfernt. Der chinesische Dissident und Präsident des PEN-Clubs unabhängiger Schriftsteller in China wurde zu elf Jahren Haft verurteilt: Der Vorwurf: Untergrabung der Staatsgewalt. Am 10. Dezember 2010 erhält der Kämpfer für Menschenrechte den Friedensnobelpreis. Sein langjähriger Freund, der Schriftsteller und Dissident Bei Ling, gründete mit Liu Xiaobo zusammen den PEN-Club in China. Auch er wurde von den chinesischen Sicherheitsbehörden verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Bei Ling wurde freigelassen, weil sich namhafte Schriftstellerkollegen wie Günther Grass oder Susan Sontag für ihn einsetzen. Jetzt schreibt er die ganz persönliche Biografie von Liu Xiaobo, seinem Freund und Wegbegleiter.

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Seitenzahl: 386

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Bei Ling

DER FREIHEIT GEOPFERT

Die Biografie des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo

Übersetzung aus dem Chinesischen von Martin Winter, Yin Yan und Günther Klotz

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:[email protected]

© 2011 by riva Verlag, ein Imprint der FinanzBuch Verlag GmbH, München, Nymphenburger Straße 86 D-80636 München Tel.: 089 651285-0 Fax: 089 652096

Table of Contents
Cover
Titel
Impressum
VORWORT
1 DIE ERSTE ZIGARETTE
2 DER »KLEINE ROTGARDIST« UND DER ALTE MANN
3 AUF DEM LAND UND UNFREI
4 EIN EIGENER KOPF
5 DAS SCHWARZE PFERD
6 GEGEN DIE GROSSEN DENKER
7 DAS »LIU-XIAOBO-PHÄNOMEN«
8 MARX, ENGELS, LENIN UND EINE EHE
9 EINE REISE IN DEN WESTEN
10 DER ABSCHIED VON NEW YORK
11 HIMMLISCHER FRIEDEN
12 DER HUNGERSTREIK DER »VIER EHRENMÄNNER«
13 EINE ARMEE GEGEN DAS EIGENE VOLK
14 EHRENMÄNNER UNTER SICH
15 DAS MORGENGRAUEN
16 AUF DER FLUCHT
17 DAS ENDE DER FREIHEIT
18 IN DER HAND DES STAATES
19 EIN GESTÄNDNIS
20 DAS SCHLECHTE GEWISSEN
21 MINUTENSCHNELL INS ARBEITSLAGER
22 DIE SCHLECHTEN INS KRÖPFCHEN
23 EINE HOCHZEIT IN UNFREIHEIT
24 DIE »MÜTTER DES TIAN’ANMEN-PLATZES«
25 DER KAMPF UM DIE WAHRHEITEN
26 DER UNABHÄNGIGE CHINESISCHE PEN-CLUB
27 DIE CHARTA 08
28 DIE SCHLINGE ZIEHT SICH ZU
29 EINE GROSSE LIEBE
30 DIE UNTERGRABUNG DER STAATSMACHT
31 DER FRIEDENSNOBELPREIS FÜR EINEN GEFANGENEN
32 DAS LEBEN ZWEIER LIEBENDEN
EPILOG
DANKSAGUNG
BIOGRAFISCHE DATEN ZU LIU XIAOBO
WICHTIGE WERKE
QUELLENVERZEICHNIS
BÜCHER:
ESSAYS UND AUFSÄTZE VON UND ÜBER LIU XIAOBO:
WEITERE MEDIENBERICHTE:
WEITERE ESSAYS UND AUFSÄTZE VON UND IM ZUSAMMENHANG MIT LIU XIAOBO:
WEITERE INTERNETQUELLEN:

VORWORT

Ich versuche ihn mit möglichst neutralen Worten zu beschreiben, denn er ist allzu sehr ein Mensch aus Fleisch und Blut. Ein resoluter Mensch, ein Mann der Tat, der zugleich auch ganz intensiv ins Denken versinkt. Manche kommen ins Gefängnis und hinterlassen draußen vor allem ihre Taten und Meinungen, während ihr Aussehen und ihre Persönlichkeit immer verschwommener werden. Aber er, ein Mensch mit solch starken Meinungen, hinterlässt bei uns draußen vor allem seinen Charakter, seine Geschichten, seinen Geist und bei mir eine Art von schweigender Frustration, wenn ich mich an entspannte Momente erinnere und dann gar nicht mehr entspannt bin.

So schilderte ich vor 21 Jahren in meinem Essay »Keine andere Wahl – Liu Xiaobo vor und nach 1989« den jungen Xiaobo.

Er ist mein alter Freund – wir waren einmal Tag und Nacht beisammen und haben über alles gesprochen. Er ist auch mein Kollege im Unabhängigen chinesischen PEN-Club und wir sind immer sehr offen miteinander umgegangen. Leider aber haben wir uns wegen starker Meinungsverschiedenheiten über manche Dinge und Menschen auch immer weiter voneinander entfernt.

Der heutige Liu Xiaobo ist von seinem intellektuellen Wissen her geformt, aber auch aus seiner Wildheit und seinem Ehrgeiz. Er ist ein komplizierter Mensch mit heftigen inneren Konflikten zwischen hehrer Sehnsucht und weltlichem Verlangen. Dieses Buch zeichnet seinen Lebenslauf nach, von seinen Jugendjahren bis zu seiner heutigen Situation im Gefängnis. Es ist ein Porträt im Halbprofil, nicht von vorne und auch nicht normgerecht.

Für Liu Xiaobo ist der Nobelpreis zugleich ein Lorbeerkranz und eine Dornenkrone. Alle seine vergangenen, aber auch seine künftigen Worte und Taten werden in aller Welt sowohl vergrößert betrachtet als auch mikroskopisch genau untersucht.

Liu Xiaobo ist ein Gefangener des Staates. Indem ihn die Welt kennenlernt und seine Karriere als Andersdenkender begreift, seine Leiden und seine geistige Entwicklung erkennt, wird sie auch das heutige China begreifen.

1

DIE ERSTE ZIGARETTE

Wenn Liu Xiaobo an seine frühe Kindheit zurückdenkt und davon erzählt, dann beginnt er immer so: »Unter Mao Zedongs Herrschaft, von 1950 bis 1970, war die Gesellschaft nach strengen Machtverhältnissen eingeteilt. Nicht nur das Einkommen war nach hierarchischen Prinzipien geordnet, sondern auch die Verpflegung mit Lebensmitteln, wie verschiedenen Mehl- und Reissorten, Hirse, Mais und anderen Getreidearten, war schichtspezifisch geregelt. Die Privilegierten und hohen Funktionäre sowie deren Familien bekamen das feinste Mehl, die anderen erhielten nur gröberes Mehl und geringwertige Waren. Mehl und Reis machten etwa dreißig Prozent der Gesamtversorgung mit Getreide aus. Alles war rationiert, selbst für lebensnotwendige Güter wie Kleidung, Stoffe und andere Waren gab es Bezugsscheine. Wohnungszuteilung, Schulbesuch und Krankenversorgung unterlagen ebensolchen Regelungen. Das galt für alle Städte in China, für die ländlichen Bezirke war das anders.«

Am 28. Dezember 1955 wurde Liu Xiaobo in der Stadt Changchun in der nordchinesischen Provinz Jilin als Kind eines Akademikerpaares geboren. Sein Vater lehrte als Professor an der Fakultät für chinesische Sprache und Literatur der Pädagogischen Universität Nordostchina. Ende der 80er-Jahre wechselte er an die Heeresuniversität in Dalian, wo er sich mit der Familie niederließ.

Liu Xiaobos Vater hatte zwar eine angesehene Position und war auch Parteimitglied, aber gedämpftes Brot aus gutem, reinem Weizenmehl gab es nur zum Frühlingsfest. Sonst wurden immer geringwertige Beimischungen hinzugefügt, um das Mehl zu strecken. Da die Lebensmittel rationiert waren, muss-ten auch grobe Sorten verwendet werden. Nur einmal in der Woche gab es Speisen aus Weizenmehl oder Reis.

Xiaobo war der dritte von fünf Brüdern. Der älteste Bruder, Liu Xiaoguang, arbeitete in Dalian in einer Wohnsiedlung für pensionierte Militärangehörige. Der zweite, Liu Xiaohui, war als Wissenschaftler im Museum der Provinz Jilin tätig. Der vierte Sohn, Liu Xiaoxuan, ist Professor im Institut für Materialien und Energie an der Technischen Universität Guangdong. Der jüngste Bruder, Xiaodong, starb 1997 in einer Polizeistation an einem Herzinfarkt. Er war verhaftet worden, nachdem ein paar Ungereimtheiten in den merkwürdigen Geschäften, die er betrieb, aufgefallen waren. Ein unseliges Thema, über das Liu Xiaobo nicht gerne sprechen mag.

In der Mao-Zeit herrschte große Armut im ganzen Land. Alle Lebensmittel wurden ausschließlich durch das staatliche Versorgungssystem rationiert und verteilt. Daher spielte Geld eigentlich gar keine so große Rolle. Viel wichtiger war es, Einfluss auf die Verteilung wichtiger Güter zu haben. Die individuelle Zuteilung hing offiziell nur von der Arbeitsleistung ab – in Wirklichkeit aber entschieden Macht und Einfluss. Weil die Position innerhalb der Rangordnung in diesem hierarchischen Macht- und Verwaltungssystem die tatsächliche Lage jeder Familie bestimmte, bildete sich dadurch bald eine neue Schicht von Privilegierten.

Schon während der »revolutionären« Yan’an-Zeit, lange vor der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949, waren diese Strukturen entstanden. Damals befand sich dort, in der Provinz Shaanxi, nach dem Ende des »Langen Marsches« die politische und militärische Basis der Kommunistischen Partei. Es gab in Yan’an Gemeinschaftsküchen für die einfachen Leute, Küchen für mittlere Kader und es gab das Essen für die wenigen ganz hohen Funktionäre. Bei der Kleidung unterschied man zwischen Produkten aus feinstem Stoff, aus mittelgrobem und einfachstem Material.

Liu Xiaobo ärgerte sich sehr, dass sein Vater in der Küche der Privilegierten speiste, während er und die Brüder in die Gemeinschaftsküche gehen mussten. Außerdem störte ihn das niedrige Niveau des Unterrichts in der Schule. Wegen der ständigen Unterforderung konnte er nicht ruhig auf seinem Stuhl sitzen. Einmal kletterte er auf das Fensterbrett, nur um Aufmerksamkeit zu erlangen. Der Lehrer ignorierte ihn völlig, worüber er sich dann noch mehr ärgerte.

Später, als er mit anderen Mittelschülern aufs Land geschickt wurde, war er wieder unzufrieden, diesmal mit dem Partei-sekretär des Dorfes. Erst gegen Ende der Kulturrevolution konnten Schüler, deren Eltern über gute Beziehungen verfügten, bereits vorzeitig in die Städte zurückkehren, um beispielsweise in einer Fabrik zu arbeiten. Die anderen mussten bleiben – sie hatten offenbar keine derartigen Beziehungen oder waren durch zu geringen Einsatz aufgefallen. Man erzählt sich, Liu Xiaobo sei eines Tages in das Büro des Parteisekretärs gegangen. Es ging um das Formular für die Rückkehr in die Stadt. In der einen Hand habe er ein blitzendes Küchenmesser, in der anderen eine silbrig glänzende Uhr gehalten. Der Sekretär habe die Uhr genommen und ihm das Formular gegeben. So sei er wieder in die Stadt zurückgekommen.

Seine Grundschulzeit fiel in die Periode der Kulturrevolution. Diese Zeit war geprägt durch die Zerstörungskraft dieser Bewegung sowie durch den Drang der Menschen, andere zu quälen und zu denunzieren, um sich zu schützen und sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Er war noch ein Kind, hatte aber wie alle anderen bereits seine »Zielscheiben«, gegen die er vorgehen und die er bekämpfen konnte. Das waren die Lehrer und das waren die Eltern. Um zu zeigen, wie groß er schon war, fing er in dieser Zeit an zu rauchen.

Da sein Vater Professor an der Pädagogischen Universität Nordostchina war, konnte Liu Xiaobo die angegliederte Grundschule besuchen. Sie galt als die beste in der ganzen Stadt, weswegen auch die Kinder der hohen Funktionäre dort eingeschult wurden. Nach Ausbruch der Kulturrevolution im Jahr 1966 wurde jedoch – wie überall – jeglicher Unterricht eingestellt. Xiaobo war damals als Elfjähriger in der 4. Klasse. In diesem Alter konnte er noch kein Rotgardist werden und sich auch nicht mit aller Kraft an den Aktionen der »Großen Proletarischen Kulturrevolution« beteiligen. Er durfte nur vom Hintergrund aus zuschauen, wie Debatten, Kampfsitzungen und gewalttätige Auseinandersetzungen verfeindeter Gruppen abliefen. Er sah, wie Wandzeitungen angeheftet und Gebäude und Kunstwerke zerstört wurden. Aber er konnte nicht wie die Rotgardisten im ganzen Land herumreisen.

Sein ältester Bruder besuchte zu jener Zeit schon die 10. Klasse des Gymnasiums und durfte an allen Aktionen teilnehmen – einmal war es ihm sogar erlaubt, mit dem Zug nach Peking zu fahren. Xiaobo bettelte, ihn doch mitzunehmen. Er wurde aber nicht ernst genommen und zurückgewiesen. Xiaobo erinnert sich: »Dass ich nicht früher geboren wurde, nicht reif genug war und diese aufregende Zeit daher verpasste, hat mich sehr geärgert. Auch wenn man als Kind nicht voll akzeptiert ist, hat man doch schon eine Menge mitbekommen und wird auch durch relativ kleine Ereignisse ins Gesamtgeschehen hineingezogen.«

Seit dem Ausbruch der Kulturrevolution waren die Erwachsenen nur noch mit dieser Bewegung beschäftigt und mussten ihre Kinder ganz sich selbst überlassen. Diese Kinder wurden auch als »Generation ohne Eltern« bezeichnet. Die guten Schüler wurden zu »Kleinen Rotgardisten«, die schlechten erlebten eine freie, zwanglose Zeit ohne Einmischung der Erwachsenen. Auch wenn kein geregelter Unterricht abgehalten wurde, sollten sich die Kinder in der Schule aufhalten. Es war damals aber üblich, dass Grundschüler und Mittelschüler die Schule schwänzten und sich aus Langeweile prügelten. Rauchen war große Mode. Da die Eltern keine Zeit hatten, spielte Xiaobo den ganzen Tag mit seinem Bruder Xiaoxuan. Er konnte sich ohne Zwänge entwickeln und konnte in seiner selbst erfundenen Welt versinken. Für ihn bestand die Kulturrevolution zuerst einmal aus Neugier, Anreiz, Aufregung, aus Barbarei und Grausamkeit, aber auch aus Freiheit. Er hatte aus Neugier mit dem Rauchen angefangen. Das war zugleich Risiko und Rebellion. Aus Neugier war aber schon bald eine Sucht geworden.

Einer seiner Klassenkameraden war der Sohn eines Generalmajors. Er hatte den Spitznamen Dapang, der »Dicke«, und wurde mit dem Auto zur Schule gebracht und wieder abgeholt – so wie heute die Kinder der Reichen. Dapang war sehr großmütig und brachte häufig leckere Bonbons mit. Er verteilte sie an seine Mitschüler und lud sie zu Eis, Kuchen oder kandierten Früchten ein. Eigentlich war er der Frechste in der Klasse, da sein Vater aber ein hoher Offizier war, durfte er jeden Unfug treiben. Beim Rauchen war er auch immer dabei. Er klaute die Zigaretten zu Hause und verteilte sie großzügig auf dem Pausenhof. Einmal brachte er welche der ausländischen Marke »555« in einer Metalldose mit. Ansonsten wurden nur die erstklassigen inländischen »Päonien« geraucht.

Zum 30. Jahrestag der Kulturrevolution schrieb Xiaobo einen Artikel mit der Überschrift »Mit elf Jahren habe ich das Rauchen angefangen«. Darin schrieb er:

An der Marke der Zigaretten, die ein Mitschüler rauchte, konnte man die Stellung der Eltern ablesen. Wer »Preiswert« rauchte, wurde gemieden. Schon damals war die chinesische Gesellschaft in Schichten gegliedert, die man an der Aufschrift auf den Zigarettenschachteln leicht erkennen konnte. Das prägte die Kinder, die daraus ihre Wertmaßstäbe ableiteten. Die besonders guten Zigaretten waren nicht frei käuflich, sie waren den Privilegierten vorbehalten. Aus diesem Grund entstand ein regelrechter Schwarzmarkt. Da an solcher Ware großer Mangel herrschte und diese Marken als Statussymbol galten, betrugen die Preise auf dem Schwarzmarkt ein Vielfaches des normalen Entgelts. Die Kinder wollten natürlich angeben und taten alles, um an das Geld für diesen Genuss zu kommen.

Im Jahr 1966 beschloss die Schule, die Xiaobo besuchte, den Unterricht einzustellen und sich ganz der Revolution zu widmen. Am Nachmittag des Tages, an dem das umgesetzt wurde, verließ Xiaobos Lehrer deprimiert und verzweifelt das Klassenzimmer. Dapang sprang auf den Tisch, nahm eine Schachtel Zigaretten der Marke »Päonie« aus der Tasche, schwenkte sie herausfordernd in der Hand und fragte: »Wer traut sich zu rauchen? Die hab ich von meinem Vater geklaut. Ich lade euch alle ein.«

Die meisten nahmen den »Dicken« gar nicht wahr, packten ihre Sachen und gingen einfach nach Hause. Zurück blieben nur die frechsten Schüler und zu denen gehörte natürlich auch Xiaobo. Dapang verteilte großspurig die Zigaretten und gab Feuer. Xiaobo hatte am Anfang etwas Angst, nahm vorsichtig einen Zug, spürte aber außer einem Hustenreiz keinen besonderen Spaß. Dapang blickte auf seine Kumpane hinab und sagte: »Ich zeig euch mal, wie man das macht.« Er demonstrierte, wie man eine Zigarette richtig halten, den Rauch einziehen und ausstoßen müsse und sogar, wie man Rauchringe erzeugen konnte. Er machte das prima, die Ringe stiegen bis an die Decke. Die Jungs waren alle begeistert. Xiaobo unterdrückte seinen Husten und versuchte, das nachzumachen.

Seitdem rauchte man in der Clique – auf der Toilette, in einer Gebäudeecke, auf der Straße oder auch draußen im Freien. Xiaobo lernte, wie man beim Inhalieren den gesamten Rauch verschlucken konnte, wie man sogar verschiedene Ringe blasen und eine Zigarette bis zum allerletzten Ende genießen konnte. Er hatte natürlich auch gelernt, wie man wegen des Kaufs von Zigaretten lügt, für andere Dinge erhaltenes Geld dafür abzweigt und Zigaretten beim Vater stiehlt. Er und Dapang wurden aber irgendwann von ihren Mitschülern verraten. Xiaobo musste Selbstkritik üben – Dapang wurde natürlich verschont.

Die Eltern von Xiaobo waren über die Raucherei ihres Sohnes entsetzt und empört. Sie sahen darin den Anfang vom Ende. Sollte ihr Sohn etwa auf die schiefe Bahn geraten? Dass der Vater selbst rauchte, war das gute Recht eines Erwachsenen, für Kinder und Jugendliche jedoch kam das überhaupt nicht in Frage. Es war ein flegelhaftes Verhalten, das verboten werden musste.

Als meine Eltern erfuhren, dass ich heimlich rauchte, benutzten sie nicht die üblichen aufgeblähten Argumente des Klassenkampfes. Sie reagierten einfach und grob, schimpften und schlugen mich. Mein Vater hatte immer recht. Was er sagte, das galt. Er unterhielt sich nie mit uns, er fragte nie nach unserem Befinden, seine Erziehungsmethode kannte nur die erhobene Stimme oder die erhobene Hand. Er war ein Monster für mich. Ich hass-te ihn und wünschte, er sei nicht mein Vater.

Für Xiaobo war das Schlimmste, dass die Eltern unaufhörlich fragten, woher er die Zigaretten hatte. Wenn sie mit seiner Antwort nicht zufrieden waren, ging die Fragerei weiter. Sie erpressten und zwangen ihn geradezu, bis er schließlich die Wahrheit sagte. Er konnte sich später noch genau erinnern, wie er einmal von seiner Mutter beim Rauchen ertappt wurde. Sie roch an seiner Kleidung und fand in seinem Feder-etui ein Stück einer Zigarette. »Ich werde niemals vergessen, wie wütend meine Mutter damals war. Sie fragte mich mit strenger Mine und ernsten Worten. Als ich nicht antwortete, ergriff sie einen Besen und schlug auf mich ein. Auch nach mehreren Schlägen antwortete ich nicht. Sie nahm daraufhin die eiserne Ascheschaufel und wollte damit auf mich losgehen. Ich war entsetzt vor Angst, stieß sie mit meinem Kopf auf den Boden und rannte aus der Wohnung.«

Es war damals Winter und Xiaobo wusste, dass seine Reaktion ein großer Fehler gewesen war. Wenn er nach Hause ginge, würde man ihn schwer bestrafen. Es war dunkel, es war kalt, und er konnte die Kälte nicht mehr ertragen. Um sich zu verstecken und vor der Kälte zu schützen, schlich er in einen Keller, in dem Gemüse aufbewahrt wurde. Seine Mutter sagte ihm später, dass sie und der Vater ihn in dem Keller gefunden hätten – er habe unter einem Heusack als Decke und auf einem Chinakohl als Kopfkissen wie ein Hund zusammengerollt geschlafen. Seitdem wurden nach seiner Rückkehr aus der Schule jedes Mal die Taschen nach Zigaretten durchsucht und er musste den Mund öffnen, damit die Mutter seinen Atem prüfen konnte. Er putzte sich als Gegenmethode daher entweder die Zähne oder aß ein Stück Knoblauch. Die Zigaretten versteckte er woanders.

2

DER KLEINE ROTGARDIST UND DER ALTE MANN

Der Vorsitzende Mao Zedong fasste einmal den Marxismus in einem kurzen Satz zusammen: »Meuterei ist gerechtfertigt.« Weiter sagte er: »Revolution ist keine Dinnerparty. Revolution bedeutet nicht, einen Aufsatz zu schreiben oder ein Bild zu malen. Revolution kann nicht maßvoll, gesittet, höflich, zurückhaltend und großherzig sein. Revolution ist ein Aufstand mit Klassenkampf und Gewalt.« Das sind die Worte aus der Mao-Bibel, die jeder Chinese im Alter von 45 bis 60 Jahren heute noch vorwärts und rückwärts auswendig hersagen kann.

Alle »Kleinen Rotgardisten« stürmen gemeinsam vor.

Sie verurteilen Revisionisten und Konterrevolutionäre

als Rinderteufel und Schlangengeister.

Solche Liedtexte waren in Xiaobos Generation sehr bekannt. Kaum ein Chinese konnte sich dem Geist dieser Zeit entziehen. Xiaobo beneidete seine älteren Brüder, die bereits richtige Rotgardisten waren, denn seine Möglichkeiten waren eingeschränkt und er konnte nicht selbst rebellieren. Ihm blieb nur die Nachahmung der anderen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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