Der Friede im Osten. Zweites Buch - Erik Neutsch - E-Book

Der Friede im Osten. Zweites Buch E-Book

Erik Neutsch

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Beschreibung

So begegnen wir ihnen wieder: Frank Lutter ist Student der Journalistik, Achim Steinhauer studiert Biologie in Leipzig. Beide - jeder auf seine Art - haben nicht geringe Konflikte, Fragen, Zweifel zu bewältigen auf dem Weg durch das Studium. Sie durchleben den stürmischen, ereignisvollen, problemreichen „Frühling mit Gewalt" der Jahre 1951 bis 1953 und werden mit brisanten weltanschaulichen, wissenschaftlichen Auseinandersetzungen und entscheidenden politischen Ereignissen konfrontiert. Was ist Objektivismus in der Wissenschaft in dieser Zeit? Ist Widerruf legitim? Ein Plan wird vorfristig erfüllt: Wo liegen die Grenzen zwischen Taktik und Betrug? Wir begegnen auch Münz, dem Genossen und Freund, der mittlerweile Chefredakteur einer Parteizeitung geworden ist, und Erich Höllsfahrt, der als Arbeiter an einer schwierigen Phase des Aufbaus einer neuen Industrie teilnimmt. Und neue Gestalten kommen ins Bild, wie der faszinierende Biologieprofessor Beesendahl. In den Kämpfen und Konflikten gilt es, Standpunkte zu erwerben, zu prüfen und zu behaupten. Und nicht wenige Episoden des turbulenten Studentenalltags zeigen sich auch in ihrer heiteren Dimension. Das bewegende und packende Buch erschien erstmals 1978 im Mitteldeutschen Verlag Halle – Leipzig. INHALT: Teil I: Besteigung einer Stadt Teil II: Fast ein Fall Epilog: Im Garten

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Impressum

Erik Neutsch

Der Friede im Osten. Zweites Buch

Frühling mit Gewalt

ISBN 978-3-86394-398-1 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien erstmals 1978 bei Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Auf Wunsch des Autors wurde nicht auf neue Rechtschreibung umgestellt.

© 2013 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Vorspann

Zeuch in die Mitternacht, in das entlegne Land, das mancher tadelt mehr, als daß ihm ist bekannt! Tu, was dir noch vergünnt der Frühling deiner Jahre! Laß sagen, was man will! Erfahre du das Wahre!

Paul Fleming (1634 in einem Gedicht auf Nishni Nowgorod)

Teil I: Besteigung einer Stadt

Dran, dran, dran, dyeweyl das feuer hayß ist. Lasset euer schwerth nit kalt werden, lasset nit vorlehmen! Schmidet pinckepancke auf den anbossen Nymroths, werfet ihne den thorm zu bodem! Es ist nit mugelich, weyl sie leben, das ir der menschlichen forcht soltet lehr werden.

Thomas Müntzer (1521 in Mühlhausen an den Allstedter Bund)

ERSTES KAPITEL

Der Winter 1951 war von ungewöhnlicher Milde, trübe und regnerisch. Über Leipzig wälzten sich dichte und schmierige Nebel, gesättigt von den Abgasen und dem Ruß der alten, doch wieder intakten und angestrengt produzierenden Fabriken. Erst Ende Februar lüfteten Winde die Stadt, durchkämmten das Tal und bliesen den stickigen Dunst aus den Straßen. Es kam zu Kälteeinbrüchen und Schneefällen, aber auch bald, wie wir noch sehen werden, zu Katastrophen an den Flüssen der Ebene, als dann im März um so heftiger Tauwetter einsetzte.

Vorerst jedoch, an einem letzten und dunklen Januarabend, erwartete Frank Lutter mit wachsender Unruhe Achim Steinhauer. Er versuchte sich auf eine Begegnung vorzubereiten, wie sie so ungleich zwischen beiden wohl niemals zustande gekommen war. Oder doch? Aber wenn, war es schon lange her.

Frank gehörte einer Kommission zur Überprüfung von Parteimitgliedern an und saß nun aus diesem Anlaß im Kabinett des Zoologischen Instituts, das etwas abseits von dem mächtigen Komplex der Universitätskliniken auch heute noch in der häßlichen Talstraße liegt. Außer ihm befanden sich noch drei Männer im Raum, ein Propagandist aus der Kreisleitung der SED, der den Vorsitz führte, ein Schmied aus einem Werk des Schwermaschinenbaus und, als Vertreter der hiesigen Grundorganisation, ein medizinischer Assistent. Man hatte sich kurzfristig hier einquartiert, und so merkte man dem Kabinett deutlich die Improvisation an. Die Vitrinen mit den Auslagen präparierter Schmetterlinge und ausgestopfter, in den Farben längst verblaßter Vogelbälge waren zur Seite gerückt. Ein mit rotem Fahnentuch bedeckter Tisch stand statt ihrer in der Mitte, davor ein Stuhl. Und vor allem wie ein Fremdkörper wirkte, eingezwängt an der stuckverzierten Wand zwischen hohen Bücherschränken mit dicken, vergilbten Sammelbänden, das bekannte, ebenfalls von rotem Stoff umrahmte Bild Ernst Thälmanns mit der Mütze der Schauerleute.

Seit über zwei Stunden bereits, wußte Frank, wartete Achim darauf, eingelassen zu werden. Nachdem er wie all seine Vorgänger viel zu früh vor die Kommission bestellt worden war, konnte er freilich nicht ahnen, daß er auch ihn, seinen Freund, hier traf. Der Assistent hatte Achim gebeten, sich zu gedulden. Von Mal zu Mal verzögerten sich die Gespräche. Auch heute würden sie wieder bis in die Nacht hinein dauern. Soeben hatte sich ein Professor verabschiedet, Beesendahl mit Namen. Jugoslawische Kriegsgefangenschaft. Korrespondenz mit gewissen Biologen aus Übersee. Diffuser Kaderfleck also, und überdies hatte er auch noch mit ungewöhnlichem Starrsinn, bebender Stimme zuletzt auf seinen Entdeckungen im Vogelauge bestanden. Schwalben, Laubsänger, Störche und Kraniche ... Das Orientierungsvermögen der Zugvögel sei angeboren, genetisch bedingt. Wie jedoch, fragte ihn daraufhin der Propagandist, erklärst du dir dann, Genosse, den Widerspruch, in dem sich deine Behauptung zu den neusten Erkenntnissen über die Umwelteinflüsse befindet? Der Disput wollte kein Ende nehmen. Zwar schwieg wie stets beim schwierigen Teil der Schmied von Unruh & Liebig, und der Assistent duckte sich über das Protokoll und tat, als sei er vollauf mit Schönschrift beschäftigt, aber er, Frank, konnte doch die Verhandlung dem Vorsitzenden nicht allein überlassen. Er sammelte Munition. Und da er erst kürzlich im Unterricht von der Theorie des Amerikaners Morgan gehört hatte, obgleich er sie so absurd und verderblich gar nicht gefunden, hingegen die von Malthus schon eher - schoß er sie dem Professor mitsamt dem großgeschützigen Satz auf die Brust: Sie sind ein Morganist.

Der Vorsitzende bedankte sich jetzt dafür, nicht ohne einen grimmigen Seitenhieb auf den Mediziner, wobei er mit seinen Bildern beim Thema blieb: Ein schönes Kuckucksei hat uns deine Grundorganisation mit dir ins Nest gelegt. Kuschst wohl vor Titeln, was, wie das Kaninchen vor der Schlange? Merke dir, vor der Partei ist jeder gleich. Dann schob er Frank noch einmal den Fragebogen Achims über den Tisch.

Doch er kannte ja seinen Freund, kannte ihn besser, als der gründlichste Lebenslauf in einem Fragebogen ihn hätte beschreiben können. Er gab das Papier weiter, musterte nur für Sekunden das Paßbild, das obenan mit einer Büroklammer befestigt war. Den Kragen wie üblich offen, trug Achim das karierte Hemd, das sie beide erst neulich in einem Laden der Innenstadt gekauft und für das er ihm sogar ein paar Punkte von seiner Kleiderkarte geliehen hatte. Sein Freund, schmal im Gesicht, lächelte leicht. Doch die Augen, ihr ernster und beinahe trauriger Blick, paßten wiederum nicht zu diesem Lächeln.

Achim wirkte - wie sollte er es bezeichnen? - immer noch wie benommen. Seit seiner Ankunft in Leipzig, immatrikuliert an der Zweiten Philosophischen, der späteren Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät, schlich er umher »wie die Kuh beim Donnern, wie der Ochse vorm Schlachtfest«. Solche Vergleiche zog Heiner Murgalla, Franks Zimmergenosse und Tischnachbar in der ABF vom ersten Tag ihres Studiums an, was an der alphabetischen Reihenfolge ihrer Namen lag. Sie gaben sich alle Mühe, den proletarischen Zuwachs aus Graubrücken aufzumuntern. Auch die Bude hatten sie ihm, ihrer eigenen gegenüber, in Schönefeld besorgt. Schien die Sonne, brauchten sie nur einen Spiegel aus dem Fenster zu halten und ihm durch die inzwischen kahlen Tomatenstauden in den Blumenkästen seiner Wirtsleute ins Zimmer zu leuchten. Ein Pfiff. Hallo! Gehst du mit ins Stadion! Chemie gegen Stahl Thale ... Sonntags zum Fußball. Danach besuchten sie irgendeine Kaschemme im Ostviertel vor dem Hauptbahnhof oder das Antifa-Haus und feierten entweder den Sieg oder schwemmten den Ärger über die Niederlage ihrer Favoriten, Rose, Krause, Fröhlich und Co., hinweg. Doch wenn Achim sich schon mal aufraffte, mit einem Mädchen zu tanzen, kehrte er stets enttäuscht bis zum nächsten Sonntag zurück. Eines Tages erwischten sie ihn. Abends wurde er merkwürdig still. Was bedrückt dich bloß, Alter? Los, raus mit der Sprache. Hörst du uns überhaupt zu? Damals, sagte er, als Ulrike noch in der Klinik lag, hatten wir ausgemacht, immer um acht, komme, was wolle, ganz fest aneinander zu denken. Ich tu's, und vielleicht tut sie dasselbe. Ach, muß Liebe schön sein, trällerte Murgalla, der Bauernlümmel.

Doch jetzt wartete Achim nebenan. Der Mediziner kratzte mit Dokumententinte die ersten Eintragungen ins Protokoll. Der Schmied rang raschelnd, was von der schartigen Haut seiner Hände herrührte, mit dem Papier. Ungeschickt hielt er den Fragebogen wie ein Buch, so daß ihm die losen Blätter mehrmals davonzusegeln drohten und er sie fortwährend ordnen mußte.

Frank hatte Achim gegenüber zwar angedeutet, daß auch er einer Kommission angehörte, nicht aber verraten, welcher. Wie nun würde es sein empfindlicher Freund aufnehmen, wenn er ihm hier begegnete? Der nächste Augenblick mußte es zeigen. Disziplin, mein Lieber, Vertrauenssache. Ich bin nicht gewählt worden, weil ich ein Schwätzer bin. Aber hätte er dann nicht auch konsequent sein und sagen müssen: Nein, Genossen, schickt mich woandershin, nicht zur Phil II, denn mit dem da, Steinhauer, bin ich verbrüdert, verkumpelt und fast verschwägert gewesen. Cliquenwirtschaft, eine Hand wäscht die andere, und gerade das will die Partei mit der Überprüfung ihrer Mitglieder verhindern ... Wir hatten es einmal sogar selber gefordert, Achim und ich. Münz, macht endlich Schluß mit den Karrieristen. Da erzählte uns Matti eine Geschichte, daß er das Wundermittel nicht kenne, wonach fünftausend satt würden von fünf Broten und zwei Fischen. Und andererseits? Doch andererseits war Achim ihm noch eine Antwort schuldig. Kommunismus und Geld. Erinnerst du dich? So leicht wie damals läßt du mich nicht wieder sitzen. Die Entwicklung der Menschheit. Eine Wendeltreppe, von wegen ... Damals steckten wir noch in den Kinderschuhen. Hier aber wird nach Gründen gefragt. Der Krieg in Korea und das Ostbüro der SPD. Es zeugt von unserer Stärke, daß wir schon jetzt, verleumdet und befehdet und erst knapp fünf Jahre nach der Vereinigung, unsere Reihen säubern können. Also, du wirst von mir hören. Ich werde dich fragen: Warum tratest du in die Partei ein?

Der Vorsitzende stand auf und zog sich den Mantel an. »Verdammt kalt hier inzwischen, ja?« Dieses gehobene, am Schluß mancher Sätze mit einem Fragezeichen versehene Ja war in Mode gekommen. »Gibt es noch Unklarheiten, Genossen?«

Der Schmied legte erlöst den Fragebogen beiseite und schüttelte seinen nur mit spärlichem Grauhaar bedeckten Schadet.

Frank sagte: »Daß wir befreundet sind, Genossen, hab ich euch gestern schon mitgeteilt.« Er wollte es wenigstens noch einmal erwähnt haben.

Der Assistent ging zur Tür, und Frank beugte sich unwillkürlich vornüber, stützte die Ellenbogen auf und sein Kinn auf die Fäuste und sah ihm angespannt nach.

Mit nicht weniger Anspannung betrat Achim Steinhauer den Raum. Exaltiert, wie wir ihn kennen, in seiner bekannten Sucht nach Übertreibungen sagte er später: Bis zum Bersten wie auf Bögen gezogen, spürte ich jede Faser meines Fleisches ... Was wir jedoch verstehen, ist: Bei seinem Gemüt, das ihn auch als erwachsenen Mann nicht verließ, fühlte er sich einerseits wie erlöst nach dem Aufruf, andererseits aber war seine Erregung jetzt spontaner als zuvor und legte sich mit dumpfem Druck in seine Magengrube. Hier würde entschieden, ob er weiterhin würdig war, der Partei anzugehören. Schon war von den ersten Fällen die Rede, Ausschlüssen, Streichungen. Zwar hatte er noch die Kandidatenzeit zu bestehen, vielleicht aber machte es das noch viel schlimmer. Denn wenn sie ihn fragten, wie, wann und wo hatte er sich bewährt?

Sein Blick fiel sofort auf Frank. Es verschlug ihm - um es mit einem Klischee, wie er sagen würde, zu sagen - den Atem. Und plötzlich zuckte mein Zwerchfell. Ich hätte lachen, laut auflachen können und war, nach der Zerreißprobe vorher, wie erschlafft.

»Was ist, Genosse? Nur herein in die gute Stube. Ist dir nicht gut?«

Nein. Seine Stimmung in diesem Moment konnte nur er beschreiben. Nur flüchtig nahm er wahr, daß das Kabinett im Kontrast zu dem Fahnenrot noch muffiger wirkte als sonst. An der Wand hing ein Thälmann-Porträt. Von der Decke verstreute die Kugellampe aus Milchglas ein fahles Licht. Gewiß, da saßen ja auch noch andere hinter dem roten Tuch, aber Frank, trotz der Andeutungen neulich, hatte er hier nicht vermutet. Wieso kam er hierher? Warum hatte er ihn nicht wenigstens vorbereitet?

Mechanisch folgte er der Aufforderung, Platz zu nehmen, setzte sich auf den freien Stuhl vor dem Tisch, ohne Frank aus den Augen zu lassen. Der jedoch, zur Feier des Tages im Blauhemd wie er, streifte sich durch die blonden Haare und sah an ihm vorbei, tat, als sei es das Natürlichste der Welt, daß sie sich hier gegenübersaßen, oder, als kenne er ihn gar nicht. Hast du ein schlechtes Gewissen? Achims Enttäuschung steigerte sich. Er entsann sich: So fremd ist er mir plötzlich wieder wie damals, als er mir nach dem Kampf an der Panzersperre in Zivil gegenüberstand.

Frank hingegen wußte immer noch nicht, wie er sich nun verhalten sollte. Seinen Freund mit Hallo zu begrüßen, als seien sie auf dem Fußballplatz oder in der Kneipe, das ging doch wohl nicht. Also nahm er die Ellenbogen vom Tisch, sein Kinn von den Fäusten, lehnte sich weit zurück, blickte auf Thälmann, wünschte, daß der seine breiten Schauermannsschultern bewegte, die staubigen Bücherschränke beiseite rückte und Luft schaffte, und harrte der Dinge, die unzweifelhaft kommen würden. Dafür würde der Vorsitzende sorgen. Doch der Anfang schien ja bereits überstanden. Achim, der seine Gefühle nie verbergen konnte, trug die Situation offenbar - trotz der ersten Verwirrung, ihn hier als Mitglied der Kommission zu sehen - mit Fassung. Nun bleib vernünftig, Alter, dreh nicht durch. Wenn du anfängst zu stottern, hau ich dich raus. Und das nützt dir mehr als irgendein vorlautes Wort von gestern.

»So«, sagte der Mann im Mantel, »wollen wir mal ... Genosse Steinhauer, ja?«

Achim nickte. Wer denn sonst, wenn nicht er. Sein stiller Protest hielt an. Er hatte gedacht: DIE PARTEI. Doch jetzt war sie weniger fern, weniger Institution, saß da mit bekanntem, vertrautem Gesicht, Lutter, und, wie ihm schien, recht gelangweilt. Wenn ich davon, Genossen, auch nur geahnt hätte! Statt dessen habt ihr mich draußen zwei Stunden warten, schmoren, frieren lassen. Die Heizung wurde inzwischen abgestellt, und ich immerzu im Blauhemd, wie in den Versammlungen eingebläut, auf dem Sprung jederzeit, vor euch wie vor ein Gottesgericht zu treten und verhört zu werden. Das ist nicht anders als beim Abitur, Chemie, als mich Blase aus Rache noch reinlegte. Nur, statt mit Heinemann damals, der Theologie studiert, mit einem pickligen Burschen im Vorzimmer, von dem ich bisher nicht wußte, daß er mit mir in derselben Partei ist. Und dann kam Professor Beesendahl. Während seiner Vorlesungen, die Entdeckungen im Vogelauge, kann man die berühmte Stecknadel zu Boden fallen hören. Er griff nach Mantel und Hut, so verwirrt offenbar, daß er nicht einmal meinen Gruß erwiderte. Was habt ihr mit ihm gemacht? Und was habt ihr mit mir vor?

Es waren die harmlosesten Fragebogenfragen, die nun folgten, so daß Achim sie beantworten konnte, ohne darüber nachzudenken. Name, Herkunft, Vater und Mutter, Verwandtschaft im Westen, Geburtstag.

»Da steht noch was aus«, sagte dann aber der Mann mit dem schütteren Haar, und seine Stimme klang wie geröstet. Er bezog sich auf ein paar Sätze in Achims Lebenslauf. »Verhaftet, schreibst du. Werwolf und die Freunde.«

»Richtig. Wie schätzt du die Sache denn heute ein, heute - Moment mal - nach sechs Jahren?«

Damit hatte er rechnen müssen. Sie würden ihn wohl auf dem Sterbebett noch danach fragen und es von seiner Antwort abhängig machen, ob er in den kommunistischen Himmel käme.

»Ganz einfach. Ich erhielt einen Entlassungsschein. Hab ihn im Portemonnaie. Unschuldig ... Unschuldig eingesperrt.«

Frank sah zum ersten Mal in Achims Gesicht. Hoffentlich verrennt er sich nicht, dachte er.

»Unschuldig? Nana ...« Der Mann im Mantel, der Vorsitzende offenbar, ihm direkt am Tisch gegenüber, verkroch sich noch tiefer in den wärmenden Stoff. Schon wenn er ihn ansah, hatte Achim das Gefühl zu frieren. »Willst du etwa behaupten, die SMAD habe sich bei deiner Verhaftung geirrt?«

»Wäre ich sonst Kandidat der Partei geworden?«

Er zog aus seiner Gesäßtasche das Portemonnaie, holte daraus den schon leicht lädierten Schein hervor und legte ihn mitten auf das rote Fahnentuch. Der Bürgermeister als Ortspolizeibehörde, Graubrücken, 24. September 1946, Unterschrift Georg Zinker. Wir bescheinigen hierdurch Herrn und so weiter, daß er in der Zeit vom bis zum soundsovielten inhaftiert war. Eine strafbare Handlung konnte nicht nachgewiesen werden. Politische Bedenken gegen St. bestehen nicht ... Den Text kannte er auswendig.

»Na schön. Doch was heißt das schon. Wie du selber darüber denkst, wollen wir wissen.«

Wieder hatte der Mann mit dem dünnen Grauhaar gefragt. Er hatte grobe, mit Hornhautflecken bedeckte Hände wie Funke, der Nachbar.

Frank sagte: »Ich kann es euch besser erklären als er ...«

Halt die Schnauze! Achim unterbrach ihn sofort, wenn auch weniger impulsiv: »Nein, nein, laß mich reden. Mein Gott ...« Zwar spürte er, daß Frank ihm helfen wollte, war auch, obwohl ohne Grund, wie er zugeben mußte, überrascht davon, aber was seine eigenen Angelegenheiten betraf, so hatte er noch keinem darin zu kramen gestattet.

Er hatte in seinem Lebenslauf nichts verschwiegen, also würde er es auch hier nicht tun. »Mein Gott ...«

Der Vorsitzende verzog wie bei einem Zahnschmerz das Gesicht.

»Ich versetze mich in die Lage der sowjetischen Genossen. Ich hätte an ihrer Stelle, nach solch einem Krieg, nicht anders gehandelt. Kurz zuvor war in Graubrücken der erste rote Bürgermeister von Werwölfen ermordet worden. Und unsere Köpfe waren noch wirr. Prien und Mölders und der ganze faschistische Germanenquatsch, als spielten wir Winnetou und Old Shatterhand. Wie sollten da nicht auch solche wie wir verdächtig sein? Doch ihr seht ja, es ist gut gegangen. Wir haben es hinter uns.«

»Hinter uns? Der Bolschewistenhaß ist noch immer eine Geißel der Menschheit«, sagte der Vorsitzende. »Ich weiß nicht, ob deine Antwort schon klassenmäßig ist.«

Wieso denn nicht? Er war weder Adenauer noch Stinnes. Er haßte die Russen nicht. Er hatte den Stillen Don und die Junge Garde gelesen und wollte selber ein Bolschewik sein. Alles, was er anderes sagen würde, wäre eine Lüge.

»Doch«, sagte der Mann mit der rauhen Stimme. »Sie ist es. Klassenmäßig. Für mich jedenfalls.«

Mit Erstaunen bemerkte Frank, daß der Schmied zum ersten Mal während der Überprüfungen seit zwei Tagen die eigentliche Diskussion eröffnet hatte und sie an diesem Punkte nun auch ziemlich energisch beschloß. Also saß er hier doch nicht nur als Attrappe für soziale Prozente.

»Sag mal«, fuhr der Schmied dann fort, »du zitterst ja?«

»Mir ist kalt«, entgegnete Achim. »Die Heizung war vor zwei Stunden schon bloß noch lauwarm.«

»Stimmt«, sagte der Vorsitzende. »Bei aller Hemdsärmeligkeit, die Gesundheit geht vor. Hol dir wenigstens deine Jacke. Und wenn du zurückkommst, spar dir fürs nächste den lieben Gott. Der hilft dir hier nicht.«

War das eine Aussicht! Aber klang es denn nicht schon viel freundlicher? Der Vorsitzende lachte sogar. Ungläubig starrte Achim ihn an. Frank zwinkerte ihm zu. Wenn er sich wenigstens jetzt mit einem Wort ihm gegenüber hätte verständlich machen können! Er sah dem Gespräch fortan mit größter Gelassenheit entgegen. Sein Freund hatte sich gut geschlagen bisher. Er war aufgetaut, wurde von den anderen akzeptiert und hatte sogar einem solchen, immerzu nach Lücken in den Antworten suchenden Mann wie dem Propagandisten einen Witz abgerungen. Zugleich bedeutete das: Er, Frank, brauchte weniger Rücksicht zu nehmen, stellte er seine Fragen.

Achim stand auf, seine Jacke zu holen. Er blickte auf seine Uhr, den endlich erfüllten Traum aus Edelstahl und mit Leuchtziffern, zusammen mit fünf in karminrotes Leder gebundenen Heine-Bänden von seinem ersten Stipendium gekauft. Einhundertundzwölf Mark, da waren gerade noch achtzehn für die Fahrt mit dem Zug nach Graubrücken geblieben. Den Rest des Monats hatte er bei Brot und Marmelade, von Frank und Murgalla geborgt, und den Eiern aus Mutters Hühnerstall verbringen müssen. Er würde sein Lebtag nie mehr Marmelade essen.

Es war halb acht. Ins Capitol, um sich den Film »Der Rat der Götter« noch einmal anzusehen, käme er auch nicht mehr. Der Picklige empfing ihn mit einem verschüchterten, fragenden Blick. Zu sprechen wagte er nicht. Schon geschafft? Achim schüttelte den Kopf. Es fing wohl erst richtig an. Hinter der Tür in seinem Rücken vernahm er undeutliches Stimmengemurmel.

Doch der Schmied nutzte nur die Pause, um sich zu rechtfertigen. »In der Theorie, Genossen, kenne ich mich nicht aus. Aber wenn einer ehrlich ist, das spür ich, und auch das gehört zu uns: unbedingte Ehrlichkeit. Ja, kommt es denn darauf an, ob einer nur Marx oder Stalin herbeten kann?«

»Da bin ich freilich ein bißchen anderer Ansicht als du, Gustav«, widersprach ihm der Vorsitzende. »Das möchte schon sein, daß ich die Klassiker nicht mit Renegaten wie Kautsky und Bernstein verwechsele.«

Offenbar war er mit Leib und Seele Propagandist und ließ daher keine Gelegenheit aus, die sich zu einem Vortrag anbot. Frank glaubte zu wissen, was folgen würde. Das Gothaer Programm, Zwei Taktiken, die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung von den Anfängen bis zur Gegenwart im Drei-Minuten-Kursus.

Diesmal jedoch irrte er sich. Der Vorsitzende, übrigens ein Mann, der nach der Schlacht vor Moskau von den Hitlertruppen desertiert war, holte zu einer längeren Rede aus. Sie säßen hier nicht zum Zeitvertreib, und nähmen sie ihren Auftrag ernst, so hieße das, jeden einzelnen Genossen auf Herz und Nieren zu prüfen. Es gehe um die Partei neuen Typus. Nur mit ihr, mit marxistisch-leninistisch geschulten und sich dessen bewußten Kadern in ihren Reihen sei auf Dauer die antifaschistisch-demokratische Umwälzung im Lande zu sichern. Was denn sonst? »Da müssen wir uns freimachen, Gustav, von Karrieristen und solchen Elementen, die uns mit dem Mitgliedsbuch in der Tasche wie mit einer Bombe im Koffer von innen her aufrollen wollen. Gibt es diese Gefahr oder gibt es sie nicht? Klar? Klar! Gewiß, nicht jedem können wir hinter die Stirn gucken. Soeben dem Professor zum Beispiel ... Aber Verbindungen zu amerikanischen Wissenschaftlern, noch dazu, wenn sie von Anno dazumal stammen, was niemand mehr nach dem Krieg beurteilen kann, stimmen mich mißtrauisch. Doch das ist nicht meine, nicht unsere Schuld. Nicht wir wollen die USA vom Erdboden tilgen, sondern sie uns. Klar? Klar! Siehe Korea ...«

Achim war bereits eingetreten, in einem Lumberjack aus gelbem Cord, wie auch sein Freund ihn über der Stuhllehne zu hängen hatte, und hörte noch die letzten Worte.

Frank hingegen gab dem Vorsitzenden zwar recht, doch würde er, was Achim betraf, viel konkreter sein. Im Detail liegt der Teufel - oder der liebe Gott. Er würde ihn nach der Begründung fragen, mit Sicherheit, auch nach der theoretischen, warum denn nun er in die Partei gegangen war. Die umgekehrte Situation von damals rumorte ihm noch im Magen. Er würde nur Gleiches mit Gleichem vergelten.

Doch während er noch überlegte, sprach sofort der Mediziner. Es schien, als wolle er diesmal, nach dem Tadel, den er wegen seines Schweigens in der Debatte mit dem Professor hatte einstecken müssen, nicht zu kurz kommen. Steil setzte er sich auf, drückte sein Rückgrat, das er meistens, auch beim Gehen gekrümmt hielt, gerade und legte demonstrativ den lachsroten Federhalter neben das Protokollbuch. Achim dachte noch: Sehen ja scheußlich aus, diese Beißfarben, Lachsrot auf Fahnenrot.

»Gestatten Sie bitte, Genosse ...«

»Du ... Wir bleiben beim parteilichen Du«, zügelte ihn der Vorsitzende.

Kornheim, Assistent in einem der oberen Semester, den Achim, wenn auch nur flüchtig, von gemeinsamen Versammlungen kannte, sank in seine Bückhaltung zurück, wölbte wieder katzenartig den Rücken. »Gestatte also, Genosse, daß ich Sie ... daß ich dich auf deinem Fachgebiet konsultiere. Ihr Biologen seid nicht eben die aktivsten in unserer Grundorganisation.«

Das stimmte. Doch saß Kornheim nicht selber im Glashaus und warf mit Steinen? Wer war schon aktiv in diesem, bereits rein äußerlich wie eine Festung wirkenden Teil der Universität, dem Mathematischen, Zoologischen und Geologischen Institut, der Anatomie und dem Chemischen Labor, auf dem Berg der Kliniken? Die Mediziner nicht besser als die Biologen. Volkswahlen im Oktober, Agitationseinsätze, da waren er und Professor Beesendahl so ziemlich allein durch die verfallenen, schmutzstarrenden Hinterhöfe von Johannisthal gestiegen und nicht selten nur an Säufer und ausgediente Nutten geraten. Und auch die Bildung der Seminargruppen, vom Parteitag gefordert, stieß überall an der Phil II und der Medfak auf den Widerstand der Studenten.

»Das hat natürlich seine zutiefst ideologischen Wurzeln.«

Wovon redete Kornheim? Ach so ...

»Was zum Beispiel sagst du zu Professoren, die, wie wir erfahren konnten, am Wahltag nicht etwa als erstes ihre Stimme abgaben, sondern ihren Dackel ausführten, ins Rosenholz? Oder was sagst du dazu, wenn sich einer statt fortschrittlicher Zeitungen Wellensittiche hält?«

Ungewollt stieß Frank einen Seufzer aus, ein langgedehntes, wie ein Urlaut klingendes Oooch. Das ist doch lächerlich, dachte er. Und Achim nahm es nicht anders, plötzlich ritt ihn der Schalk.

»Hm. Das mit dem Hundetier gleicht zweifellos einer Provokation. Aber: Wellensittiche?«

»Ja. Wellensittiche!«

»Teufel noch eins. Warum denn nicht Wellensittiche?«

»Aha! Du findest es also nicht kleinbürgerlich, dem Bilde eines erneuerten, antifaschistisch-demokratischen Lehrkörpers abträglich?«

»Ganz im Gegenteil. Nein. Meine Mutter, sieh mal, hat zu Hause zwei Katzen und ein Dutzend Hühner. Die einen gegen die Mäuse, die anderen für die Pfanne. Was soll daran kleinbürgerlich sein? Ich meine, es ist im besten Sinne sogar proletarisch. Denn es geht dabei um eine der Kernfragen der sozialen Revolution, um die Sicherung des materiellen Existenzminimums, Wohnung, Kleidung, Essen, ums tägliche Brot, wie es im Vaterunser schon heißt, ums Sattwerden der bislang von der herrschenden Klasse mit Hunger gepeinigten Menschheit.« Uff.

Kornheim war daraufhin so verdattert, daß er den Mund zwar öffnete, aber keine Entgegnung herausbrachte, und ihn erst wieder schloß, als der Schmied, mit Verspätung, kollernd zu lachen begann. Frank, der Achims Manöver durchschaute, kniff weiß die Lippen zusammen, um nicht ebenfalls laut herauszuplatzen, verschluckte sich an der angestauten Luft und hustete. Der Vorsitzende schließlich drehte seinen Hals aus dem Mantelkragen, sah erstaunt rundum, und man merkte ihm an, daß er in höchster Bedrängnis war, wie er die Situation retten und dem Gespräch wieder den nötigen Ernst verleihen sollte.

»Ich warne dich, Steinhauer. Mach aus dem revolutionären Programm der Arbeiterklasse keine Zirkusnummer.«

Frank keuchte: »Aber das ist doch Unsinn. Auf eine dußlige Frage gehört eine dußlige Antwort.«

Jetzt endlich schickte ihm Achim das Augenzwinkern von vorhin zurück, bedankte sich bei ihm für die Unterstützung. Also sind wir uns wieder einig, mein Freund. Nicht einmal der Zorn zählte noch, den er anfangs gegen ihn empfunden hatte.

»Und du, Genosse Lutter, hältst gefälligst das Maul. Gleiche Brüder - gleiche Kappen. Diese neumodischen Samtjacken da! Fehlen nur noch Kreppschuhe und Ringelsocken ... Du wie er. Seid ihr denn Zwillinge und wollt uns verschaukeln?«

»Wenn es dich nicht stört: Wir haben auch die gleichen Blauhemden an.«

»Ruhe!«

Frank sollte es nicht auf die Spitze treiben. Er schwieg. Aber innerlich freute er sich doch, daß Achim, wie seine Antwort bewies, offenbar immer sicherer wurde. Wenn er dagegen an den Tag dachte, durch die Hühner der Mutter Hanna daran erinnert, wie sein Freund in Leipzig eingetroffen war! Er und Murgalla standen an der Sperre des Hauptbahnhofs, um ihn abzuholen. Endlich tauchte er auf, inmitten dichter Menschenknäuel, die der Zug aus Magdeburg ausspie. Unsicher, beinahe scheu, heftig gegen das Gedränge ankämpfend, blickte er nach ihnen aus. In der einen Hand trug er einen Koffer, der sich in nichts mit seinen blitzblanken Beschlägen von dem Gepäck der anderen Reisenden abhob. Messegästen zumeist, die sich an diesem Septembersonntag ebenfalls hier einfanden. Aber in der anderen Hand! Darin hielt er ein verbeultes Etwas mit der knalligen Aufschrift: Margarine, fest oder doch eben nur beinahe fest mit zerfaserten Bindfäden umwickelt. Durch die Pappwände sufzte eine undefinierbare, gallertartige Flüssigkeit.

»Laß dich umarmen. - Doch was ist denn das?«

»Ein halbes Schock Eier.« Achim lächelte schmal.

Frank hingegen setzte sein bestes Gelächter auf und hatte sofort die spöttischen Gesichter aller fein gekleideten Damen und Herren auf seiner Seite.

Ein Grund wieder für Heiner Murgalla, sich über ihn krebsrot zu ärgern. Das aufgewallte Blut spannte seine Adern bis hinauf zur Stirn. »Du hältst wohl jeden für einen Dorftrampel, wie, der nicht so ausgekocht ist wie du.«

Einen Versöhnungstrunk mußte er daraufhin schon zahlen. Im Wartesaal fanden sie einen freien Tisch. Nach der dritten Lage jedoch, noch im Übermut nach der Begrüßung und natürlich auch mit der Absicht, Achim zu imponieren und ihm zu zeigen, was sein künftiges Studentendasein eigentlich wert sei, verfiel er wieder auf eine seiner Verrücktheiten. Er schlug eine Wette vor. Wem es gelänge, sagte er, unbemerkt aus der Gaststätte einen Stuhl zu klauen und ihn durch die Bahnhofshallen bis auf den Vorplatz zu tragen, der sollte bis zum nächsten Stipendium vom Freibier der anderen leben.

Achim schielte verlegen auf den Karton mit Eiern, der auf dem Parkett schon in einer Pfütze stand. Murgallas Augen leuchteten, aber einen Versuch wagte auch er nicht. Frank tat es selbst. Doch kaum mit dem Stuhl an die Schwingtür nach draußen gelangt, wurde er eingefangen. Ein Volkspolizist brachte ihn auf die Wache. Noch bis zu der Versammlung, in der es um seine Wahl in die Überprüfungskommission ging, hing ihm dieser Streich an. Man forderte eine gründliche Selbstkritik von ihm. Mißbrauch des Volkseigentums, Irreführung der Staatsmacht, das kriegte er hin. Es rettete ihn aber nur, daß er bei seinen Dozenten wegen seiner überdurchschnittlichen Leistungen auch überdurchschnittliches Ansehen genoß. Manche behandelten ihn längst wie ihresgleichen. Der Lutter ist ein Genie, und Genies waren zu keiner Zeit vom trockenen Pflichtpensum der Lehranstalten ausgelastet.

Indessen hatte sich der Vorsitzende wieder gefaßt. »Bleiben wir bei der Biologie. Unser Genosse Kornheim liegt gar nicht so schief, wenn er das Verhalten einiger Professoren auf ideologische Schwankungen zurückführt. Obgleich: Die Wellensittiche sind wohl wirklich kein treffendes Beispiel. Mir scheint es eher darum zu gehen, ob einer die reichen Erfahrungen der Sowjetwissenschaft in den Wind schlägt und in die Fußstapfen reaktionärer Philosophien tritt oder nicht. Bestimmen sozusagen göttliche, unabänderliche Erbanlagen die Eigenschaften eines Individuums oder nicht doch, wie Lyssenko beweist, die Umweltbedingungen. Was ist denn nach deiner Meinung, Genosse Steinhauer, das Entscheidende?«

Wenn er so schon fragte: Lyssenkos Ansicht, wessen denn sonst. Achim hatte davon gehört, in einer der ersten Vorlesungen, nebenhin. Und wenn er sich recht entsann, war in diesem Zusammenhang auch der Name Mitschurin genannt worden. Saftige Tomaten in Sibirien, anders als in den Blumenkästen vor seinem Fenster damals im Herbst, und wunderhübsche Äpfel in der Wüste. Er stammelte eine Antwort und spürte selbst, daß sie nur leerer Laut war und Luft.

»Ach, ihr jungen Genossen ... Euch fällt's in den Schoß. Unbedingt eine Hochschule muß es sein. Vater Staat macht es ja möglich. Doch wenn es drauf ankommt, wißt ihr nicht einmal, warum ihr studiert.«

Natürlich wußte es Achim. Protest. Denn es hätte auch etwas anderes sein können. Der Firlefanz im Belvedere zum Beispiel, das Nachplappern klassischer Meinungen in Versen, Etüden ein Leben lang. Aber das war es nicht. War Biologie. Forschung eines Tages. Nützliches tun. Und auch Frank lehnte sich auf, nach dem Zusammenprall von vorhin allerdings nur im stillen. Er fand die Worte wieder einmal von oben herab und anmaßend, seinem Freunde gegenüber ungerecht, da auch er dessen Gründe zu kennen glaubte: Ulrike, die Abtreibung, Schimmelpilze.

Er ahnte schon, was jetzt folgen würde, diesmal ein Zehn-Minuten-Vortrag mindestens über die Lage in der Biologie, referiert nach dem jüngst erschienenen Protokoll über eine entsprechende Tagung in der Sowjetunion. Er irrte sich nicht und hörte kaum hin.

»Ob ein Kerbtier nun acht Beine hat oder nur sechs«, schloß der Vorsitzende, »was macht das? Der ideologische Kern dagegen ist es, um den sich alles dreht. Das Wer-wen. Die Klassenfrage letztendlich, hier wie überall, auch in der Naturwissenschaft, also auch in ihrer biologischen Disziplin, und dort heißt sie: Mitschurin oder Mendel und Morgan.«

Achim hingegen sah sich zum ersten Mal von einer derartigen Logik umstellt. Er erschrak. War sein Widerstand denn noch richtig? So spröde es auch geklungen hatte, die Schlußfolgerung gefiel ihm, war irgendwie schlank und kräftig, führte alles auf einen Punkt zurück, und so verstanden hatte er sein Studium wirklich noch nicht.

Frank nahm ihn in Schutz. »Das alles kann er nicht wissen. Nicht im ersten Semester und schon gar nicht bei den Professoren, wie wir soeben feststellen mußten, Genosse ...« Zum ersten Mal nannte er auch den Namen des Vorsitzenden, doch Achim, in die Enge getrieben und dennoch froh über eine neue Erkenntnis, überhörte ihn. Er sah dem Mann ins Gesicht, entdeckte die tiefen, wie Narben eingekerbten Falten um Nase und Mundwinkel darin, das gar nicht abstoßende Lächeln jetzt auf den Lippen und gestand sich ein, daß er es war, der sich korrigieren mußte.

»Einleuchtend, ja.«

Irgendwie war die Atmosphäre freier geworden, gelockerter.

»Und dir, Genosse Steinhauer, kann man nur raten, dir schleunigst besagtes Protokoll zu besorgen. Es ist eins der bedeutendsten Standardwerke der jüngsten Zeit. Oder kennst du es?«

»Nein.«

»Na, dann wird es ja höchste Eisenbahn. - Sind wir damit am Ende?«

Der Vorsitzende wirkte müde. Er rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über die Lider. Und Achim fühlte sich angesteckt, abgekämpft und seltsam ruhig. Es war überstanden, wenngleich: So wie in der letzten Viertelstunde hatte er sich selten blamiert. Ein Biologiestudent, von Lyssenko jedoch keinen blassen Schimmer. Gewiß erwartete man jetzt seine Selbstverpflichtung. Er würde sich nach dem genauen Titel des Buches erkundigen und es zu seiner Lektüre machen.

»Eine Frage hätte ich noch«, sagte Frank. »Schieß los. Aber mach's kurz.«

Da war es gesagt und Achim sofort gereizt. Wie ein großes, flackerndes Fragezeichen stand es plötzlich im Raum, wurde größer und größer, je länger er schwieg, die Kommission bedrohte ihn wieder. Aber warum? War es denn nicht die allernatürlichste Frage der Welt? Er starrte Frank Lutter an, ein wenig ungläubig noch, daß ausgerechnet er sie gestellt hatte, begriff jedoch im selben Augenblick, was ihn daran so störte. Die anderen hätten ihn fragen sollen, nicht aber er, Frank. Und schon lag es ihm bitter und scharf auf der Zunge: Normal, ohne Tamtam, folgerichtig ...

Doch traf es das denn? Er zögerte mit seiner Antwort.

Keins dieser Wörter, heute wie damals, konnte erklären, was er empfand und empfunden hatte. Normal? Ist es die Norm, Kommunist zu sein, in diesem Land, in dieser Welt? Ohne Tamtam ... Gut, es war lautlos geschehen. Niemand hatte sein Herz trommeln hören, als er vor der Gruppe gestanden und sie gefragt worden war, ob sie ihn aufnehmen wolle. Diese Sekunden, bis auch der letzte die Hand gehoben hatte, würde er nie vergessen. Er hatte gebangt, die Nacht zuvor kaum schlafen können. Und danach erst fühlte er sich befreit, frei in einer freien Gemeinschaft. Und folgerichtig? Es klang, als könne man selbst nichts hinzutun, als käme man aus dem Nichts ans Leben, vom Leben wieder zum Tod oder doch nur wie von einem Tag in den anderen. Nein. Die Folge hätte auch sein können, er säße jetzt statt in Leipzig in Hamburg, statt in Hörsälen auf einem Rinnstein wie damals oder mit schwarzen Ärmelschonern und weißem Hemd hinter dem Schalter einer Sparkasse, er, mit seiner Begabung für Zahlen und Mathematik! Mein Gott - und hoffentlich hörte der Vorsitzende nicht seinen Stoßseufzer - er hätte den falschesten Weg gehen können, wenn er nur ein paar Jahre älter und nicht in Graubrücken, sondern in irgendeinem noch heute kapitalistischen Kaff aufgewachsen wäre, wenn er, wenn .. . Ihn nicht die Partei schon erzogen hätte, hier wie dort, nicht unter ihrer Führung das Bildungsprivileg gebrochen worden wäre, das allerdings nur hier ...

»Warum bist du, Achim, Kandidat der Partei geworden?«

Nein, ich tue dir den Gefallen nicht. Ich wiederhole dich nicht. Ich bin mit deiner Frage genauso wenig einverstanden wie mit deiner Antwort damals.

Er sagte: »Ich kann es so kurz nicht fassen. Ich kann mit drei Worten nicht mein Leben erklären.«

»Aber einen bestimmten, einen einzigen Grund, der alles andere in den Schatten stellt, muß es doch geben?« Der Vorsitzende, schien ihm, hatte seine Müdigkeit überwunden und setzte sich straff und mit derselben Strenge wieder wie am Anfang hin.

»Was wollt ihr denn hören? Korea-Krieg? Stalins Geburtstag? Die Gründung der Republik? Eins wie das andere ist mir zu oberflächlich, zu - äußerlich. Ich würde lügen. Nicht einmal unser Statut reicht aus, um es auszudrücken. Es ist mehr, viel, viel mehr.«

Frank seufzte in sich hinein. Nun bereute er seine Frage. Wer hätte denn aber auch ahnen können, daß Achim sich nicht einmal darauf etwas Knappes und Zündendes hatte einfallen lassen.

»Soso«, sagte der Vorsitzende und winkte ab. »Es ist zwar bedauerlich, daß du uns nichts Besseres anbieten kannst, aber wenn es dein letztes Wort ist - bitte. Von dem Ergebnis hier wirst du demnächst erfahren.«

Achim war entlassen.

Vom Institut bis zur Innenstadt, vorbei am Grassimuseum und über den Karl-Marx-Platz, damals noch ohne die Neubauten der Oper, der Hauptpost und der Hotels, braucht man zu Fuß zehn Minuten. Achim nahm fast täglich diesen Weg, sobald er von Schönefeld mit der Straßenbahn kam, am Hauptbahnhof ausstieg oder von dort wieder zurückfuhr. Jedes Gebäude kannte er hier inzwischen, jeden Stein, das Hochhaus mit der Franz-Mehring-Buchhandlung im Parterre und den beiden, viertelstündlich an einer mächtigen Glocke die Zeit anschlagenden Zyklopen auf dem Dach, das Antiquariat und das Blumengeschäft Hanisch, die Hinterhöfe und die lange nicht mehr renovierten Kneipen in den Gassen und schließlich die Grimmaische Straße mit ihren kleinen Läden zu beiden Seiten, den Winkeln, Kolonnaden und Passagen.

Er war zu erregt, um schon sein Zimmer aufzusuchen und sich wie üblich, kehrte er nicht allzu spät heim, das Geschwätz seiner Wirtsleute anzuhören, eines Rentnerehepaars, wovon sie fast unentwegt in der Küche herumquirlte, trotz der mageren Lebensmittelzuteilungen fortwährend buk, sott, in Kochtöpfen rührte und er ihr, Knaster rauchend, von einem Stuhl aus gemächlich dabei zusah. Die Luft war feucht, sein Atem ging weiß, er zog seinen Schal straffer und knöpfte den Mantel bis obenhin zu. Auf dem Pflaster spiegelten sich matt die Lichter der Gaslaternen und vereinzelter schwach erleuchteter Schaufenster. Auerbachs Keller war geschlossen, die Stufen, die zu ihm hinabführten, lagen im Dunkel. Irgendwo in eine Ecke gedrückt, umarmte sich ein Liebespaar. Sie hatte hübsche Beine, konnte er erkennen, und stellte sich hoch auf die Schuhspitzen. Doch sonst begegnete er kaum einem Menschen, und manchmal vernahm er als einzigen Laut nur den Widerhall seiner eigenen Schritte.

Ohne Ziel hatte er nach dem Gespräch das Institut verlassen, jetzt aber, wohl noch im Unterbewußtsein, daß er den Film ein zweites Mal hatte sehen wollen, fand er sich plötzlich dem Capitol gegenüber. An dessen Eingangsfront prangte, von einer Kette bunter Glühbirnen umrahmt, ein riesiges Plakat. Der Rat der Götter. Achim blickte auf seine Uhr. Die Spätvorstellung lief noch. Gedämpft scholl aus dem Kinosaal Lärm, dann Musik. Vielleicht das Finale. Die Explosion. Arbeiter und Forscher in einer gemeinsamen Demonstration gegen die Aufrüstung, und Willy A. Kleinau zerbiß sich vor Wut die Zähne auf einem Kaugummi. Wie so vieles in dieser Zeit, Romane, Schauspiele und Gedichte, hatte auch dieser Film ihm, wie er sich ausdrückte, einen Spalt mehr die Jalousien vor den Augen geöffnet. Die Verschwörung der Konzerne oder: Wie verdient man als Amerikaner am Sprit deutscher Bombenflugzeuge, wie verlebt man gewinnbringend den letzten und bereitet den nächsten Krieg vor. Von manch einem hatte er gehört, daß er nach dem Besuch des Films die Partei um einen Aufnahmeantrag gebeten hatte. Nein, dazu wäre er niemals imstande gewesen. Trotz aller Verehrung der Künste, Scholochows und Fadejews, von Bechers Roman in Versen, der ersten Nationalpreisträger. Sein Gefühl war tiefer. Aber sie hatten ihm nicht geglaubt. Sie wollten etwas Einmaliges, Unwiederholbares und er hatte gedacht: Mein Entschluß, in die Partei einzutreten, war das Einmalige, Unwiederholbare.

Warum? Und wie sooft fielen ihm nachträglich erst seine Antworten ein.

Er wollte nicht in den Trubel kommen, wenn das Capitol die Zuschauer entließ, und zerriß seine Karte. Die schöne, formklare, doch oberseits vom Nebel verhüllte Renaissancefassade des Alten Rathauses tauchte auf. Wie stets war er durch sie auch wieder daran erinnert, daß die Vergangenheit einmal Riesen gebraucht und sich Riesen geschaffen hatte. In Gedanken verharrte er vor dem Goethedenkmal auf dem Naschmarkt. Rokoko. Da regierten schon wieder die Zwerge.

Die Geschichte war es ... Ach, viel zu weit ausgeholt, viel zu pathetisch. Oder nicht? Die deutsche Geschichte. Müntzer, Goethe, Marx und Engels, Heine ... Und Thälmann und Liebknecht und Pieck? Er hatte sich noch gewundert, daß in dem Kabinett ihn nicht Stalin, in voller Uniform des Generalissimus wie auf dem Porträt in seinem Zimmer, sondern der Hamburger Schauermann angeblickt hatte. Ja, auch die russischen Revolutionäre hatten es ihm gegeben, auch die Franzosen. Der erste Mensch vielleicht, der nicht länger geknechtet sein wollte. Der erste Sklave, der seinen Herrn erschlug und dafür ans Kreuz genagelt wurde. Die griechischen Freiheitskämpfer und die Griechen, die Troja belagerten. Manolis Glezos wie Odysseus. Die schwarze Haut Amerikas. Die Koreaner, die Vietnamesen, die Soldaten des Langen Marsches ... Er wollte nicht anders sein als alle, die er für seine Brüder hielt. Er haßte Krupp, Sellier und Bellot, die IG Farben, den RAT DER GÖTTER, die Statthalter Roms in Asien wie den Statthalter Hitlers in Thüringen. Als mein Vater todkrank in Bad Berka lag, hatte Sauckel alle Tuberkelverseuchten ausmerzen, wie schon die Juden mit Spritzen und Gaskammern ausrotten wollen als seien sie Ratten, als seien sie Ungeziefer. Mein Bruder Lothar, schreibt die Mutter, ist nicht auf dem Schlachtfeld gefallen. Nach Neujahr war ein Mann bei ihr, der von seinem Tod berichtete. Sie haben ihn abgeknallt, als er sich weigerte, ein französisches Bauernhaus anzuzünden.

In seiner Manteltasche fand er noch eine Zigarette. Unter einem Portal in der Ritterstraße suchte er Schutz und steckte sie an. Hier hatte man ihn immatrikuliert. Das Licht der Streichholzflamme flackerte über den Schaukasten, behängt mit Nachrichten über den laufenden Studienbetrieb.

Warum war er in die Partei gegangen?

Nicht sie holte mich. Ich holte sie mir.

Er müßte mit Frank darüber sprechen. Seine Unruhe wuchs. Als er sich von der Kommission verabschiedet hatte, war ihm nicht klar gewesen, ob sie ihn noch für würdig befanden oder nicht. Von dem Ergebnis hier wirst du demnächst erfahren. Warum machten sie ein Geheimnis daraus? Frank mußte es wissen. Wenigstens einen Wink sollte er ihm geben. Er würde es spüren an seinem Blick, dem Druck seiner Hand, wie es um ihn stand.

Nun entschloß er sich doch, die Straßenbahn zu nehmen. Obwohl nur wenige Plätze besetzt waren, blieb er auf dem Perron. Hier war er allein. Er preßte die Stirn gegen die Scheibe und starrte in die Nacht hinaus. Zirkus Aeros, die Lichtreklame war gelöscht.

Ich bin gekommen, weil ich euch brauche. Die Welt muß verändert werden, ich will sie verändern. Ich will zu den Marxisten gehören, weil ich weiß, daß nur sie den Weg kennen und das Programm, die Menschheit aus ihrem jahrtausendelangen Elend zu befreien. Waren nicht das die Sätze, die er der Kommission hätte sagen müssen?

Und ich bin bereit, mich der Disziplin zu beugen. Ich mache sie zu meiner eigenen. Denn euer Kampf ist auch mein Kampf, euer Ziel auch mein Ziel.

Eine Welt ohne Klassen, eine Welt, in der sich am Blut und am Schweiß der anderen niemand mehr bereichert. In der die Hautfarbe des einen nicht weniger gilt als die des anderen. In der das Verdienst zählt, nicht der Verdienst. Ehrlichkeit und Charakterstärke. Mut statt Heuchelei. Eine Welt, in der die Überheblichkeit, das Sicherheben über den anderen genauso verachtet wird wie die Unterwürfigkeit. In der man ohne Gefahr die Wahrheit aussprechen kann wie den Zweifel. Eine Welt, in der man die Krankheiten bekämpft und nicht die Völker. In der ein Held ist, der Menschen rettet, nicht der, der sie tötet. Eine Welt, in der sich wohnen läßt, billig, und nicht mit der Angst vor dem nächsten Tag. In der die Bedingungen herrschen, daß jeder sein Leben selber gestalten kann. Ohne Zwang, doch auch ohne Ruhepause. In der sich der Mensch ausruhen kann nach der Arbeit. Eine Welt, in der auf allen Gewässern Segelboote kreuzen statt Kanonenschiffe. In der am Himmel die Sonne nur vom Vogelzug verdunkelt wird und nicht vom Brandrauch der Bomben. In der die Liebenden sich selbst gehören und nicht den Verhältnissen und was sich sonst noch alles Gutes über den Menschen sagen läßt. Wir haben ein Floß bestiegen zu zweit, doch es zerbrach. Nun treiben wir durch die Zeit auf zwei Scherben Ungemach ... Es war lange her, daß er versucht hatte, Gedichte zu schreiben. Die Zeilen kamen ihm noch, aber seit er Ulrike verloren hatte, brachte er sie nicht mehr ans Ende.

An der Tür im dritten Stock des Mietshauses mußte er mehrmals das vereinbarte Klingelzeichen geben, ehe sich drinnen etwas rührte. Heiner Murgalla öffnete ihm, verschlafen und wütend, die dunklen Locken standen ihm wirr vom Kopf.

»Entschuldige ... Aber ich dachte, Frank ist es, und er hat wieder den Schlüssel vergessen.«

Heiner gähnte und riß dabei den Mund auf, daß seine eckigen Kiefer knackten. Er solle nur ruhig hereinkommen, ein paar Butterbrote sind schnell geschmiert.

»Ach, du bepackst sie ja doch nur mit Marmelade.«

»Nein. Ehrenwort.«

Achim hatte nur Frank sprechen wollen, und da er ihn nicht antraf, verabschiedete er sich und ging hinüber in die Zittauer Straße. Schon im Korridor merkte er, daß auch seine Wirtsleute schliefen. Vorsichtig tastete er sich in sein Zimmer und schaltete das Licht erst an, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte. Das Bett war frisch bezogen, doch er spürte noch immer keine Müdigkeit. Vielleicht sollte er doch wieder seinen Versen nachgehen? Auf der grünen Filzunterlage des altmodischen Sekretärs lag aufgeschlagen eine seiner Nachschriftenkladden. Lieber aber setzte er sich an den gewöhnlichen Eßtisch, wenn er zu arbeiten hatte. Der hatte gedrechselte Beine mit Querstreben und paßte irgendwie ebenfalls in das zusammengestückelte Mobiliar. Jedesmal, bevor er schrieb, mußte er erst die Filetdecke abnehmen. Muttel Hätzsche, seine Wirtin, sah sie ihn so, machte ihm dann stets Vorhaltungen, nicht sehr böse freilich, aber auf sächsisch. Doch ihm fiel in dieser stillen Nacht nichts ein, keine Zeile, kein Wort. Das ging ihm seit langem so, und er grübelte. Der Kleiderschrank in der Ecke ächzte wieder. Von Anfang an hatte er den Verdacht gehabt, daß in ihm die Holzwürmer steckten. Der Kachelofen war längst ausgekühlt. Und auch das Licht von dem dreiarmigen, rosa Stoffschirme tragenden Leuchter an der Decke wärmte ihn nicht. Es wirkte vor dem Hintergrund der tiefblauen Tapeten mit Silbermustern und Silberleisten ringsum kahl und frostig.

Und plötzlich faßte er einen Entschluß. An diesem Tag würde über seine Zukunft entschieden. Er mußte niederschreiben, was er fühlte, was er dachte, mit Worten sich wieder selbst zu verständigen suchen. Er nahm die Kladde und richtete sie ein für ein Tagebuch.

MITTWOCH - 24 JANUAR 1951

Anfang des Krieges, in der Mittelschule, hatten wir einmal für zehn Pfennig ein braunes Diarium kaufen müssen. Auf dem Pappeinband waren Adler und Hakenkreuz eingeprägt und darunter: Kriegstagebuch. Ich hatte mir vorgenommen, täglich den Wehrmachtsbericht darin einzutragen. Neben die erste Seite hatte ich aus einer Zeitung die Karte von England geklebt. Doch ich hielt es nicht lange durch. Daß man noch immer daran erinnert wird!

Hier geht es um etwas anderes. Hier geht es um mich.

Könnte das vielleicht ein Motto sein? Becher sagt: Man müßte die Menschen anhalten, ein Tagebuch zu führen. Mit einem Tagebuch läßt sich besser leben, das Leben übersichtlicher gestalten ... Auf andere Art so große Hoffnung. Ich finde, das müßte man auf den Einband drucken.

Den »Rat der Götter« muß ich mir unbedingt noch einmal ansehen. So tief beeindruckt war ich. Vor allem beeindruckt von dem - beeindruckten Publikum. Immer wieder Beifall mitten im Film. Rufe wie: Nazischweine, Ami go home. Das habe ich noch nie erlebt. Nach der Vorstellung dann, vor dem Capitol, parkte ein Chromschlitten mit amerikanischen Offizieren. Ein merkwürdiges Gefühl überkam mich. Verachtung, doch ein wenig auch Furcht.

Zum Thema Vererbung, Genetik.

Warum waren die Mendelschen Gesetze vierzig Jahre lang in Vergessenheit geraten? Zufall? Lag es nur daran, daß sie fast unbemerkt in einer ziemlich obskuren Zeitschrift veröffentlicht worden waren? Nein. Nicht unwesentlich, scheint mir, waren dafür folgende Gründe: 1860 - als der Pater in Brünn die Gesetzmäßigkeiten der Aufspaltung erkannte - herrschte das Bürgertum noch als relativ fortschrittliche Klasse. Auf seinem Banner trug es die Losung: Entwicklung. Also paßten ihm die »Erbsengesetze«, die nach seiner Ansicht die Entwicklung hemmten, nicht in den Kram. Ganz anders dagegen nahm es Darwins »Entstehung der Arten« auf. Das Werk erschien ja ebenfalls in dieser Zeit. 1900 dann - voneinander unabhängige, gleichzeitige Wiederentdeckung der Mendelschen Gesetze durch Correns, de Vries und Tschermak. Da befand sich bereits der reaktionäre Imperialismus auf der Höhe seiner Macht. Ihm wiederum erschienen die Entwicklungstheorien feindlich, schädlich seinem Fortbestand. Also zog er die Mendelschen Gesetze vor und begann zugleich einen Feldzug zur Verfälschung des Darwinismus.

Man sollte mal eine Arbeit darüber schreiben, einen Artikel vielleicht für die Leipziger Volkszeitung. Zuvor aber muß ich mir den »Stenographischen Bericht über die Tagung der Lenin-Akademie der Agrarwissenschaften in der UdSSR« beschaffen. Die Redakteure würden mich ja sonst für einen Botanisiertrommelbiologen halten. Ein scheußliches Wort, scheußlich wie eben die damit bezeichnete Spezies.

Was ist, wenn sie mich aus der Partei ausschließen?

Ich glaube, das würde ich nicht überstehen. Mir wäre, als würde mir mein Zuhause genommen, mein Leben, alles.

Heute kann ich es mit ruhigem Gewissen, mit klaren Gedanken sagen: Als mich Ulrike verließ, gab nur die Partei mir Halt. Das Kollektiv der Gleichgesinnten, der Kampf, die neuen Aufgaben. Das Revolutionäre steht immer höher als das Eigene. Oder sollte das Eigene nicht besser zugleich auch das Revolutionäre sein?

Wo und wie mag Ulrike heute wohl leben? Ob sie noch an mich denkt? Wenn ich an sie denke, ergreift mich eine tiefe Trauer. Sie quält sich durch meine Brust. Ich spür's. Ich könnte heulen.

Aber es ist vorbei. Ich muß mich endlich zwingen, nicht mehr an sie zu denken. Ich muß sie herausreißen aus meinem Gedächtnis. Vielleicht schreibe ich ein andermal nieder, was ich für sie empfand.

In der nächsten Woche ist Medizinerball. Ich werde mir eine Geliebte suchen. Wie das klingt! Wie aus dem vorigen Jahrhundert. Da gibt es eine, die ist blond wie Ulrike. Dann würde auch aufhören, daß ich mich manchen Abend selbst befriedige ...

Ein Tagebuch soll ehrlich sein. Man sollte es schreiben, als läse es niemals ein anderer. Man muß sich innerlich ganz ausziehen können darin, völlig nackt in ihm dastehen. Auch seine Schwächen zeigen, all die verdammten Zweifel und Widersprüche. Denn in diesem Buch tut man niemandem weh außer sich selbst.

Mal sehn, wie es weitergeht. Jetzt bin ich zum Umfallen müde.

ZWEITES KAPITEL

Im September, nur einen Tag später als Achim Steinhauer, hatte auch Erich Höllsfahrt den Zug nach Süden genommen, war aber schon nach der vierten Station hinter Graubrücken ausgestiegen und den Rest des Weges bis zur Baustelle in Grizehne gelaufen, das heißt, eine Baustelle sollte es damals erst werden. Als er ankam, packten die Landvermesser gerade ihre rot und weiß gestreiften Markierungspfähle und Theodolite ein, ernteten noch die Bauern ihre letzten Gurken und Zwiebeln vom Feld und tuschelte der Wirt aus dem Gasthaus Mägdesprung am Ostufer der Saale seinen Gästen ins Ohr, daß hier nun ein russisches Panzerwerk entstehe, und zwar eins, das die berüchtigten T 34 produziere.

Erich spürte noch lange Lust, es dem schmierigen Kneiper in die Bierlachen auf seiner Theke zu schreiben: NSW - Niederschachtofenwerk Neu-Grizehne, HDF - Halt die Fresse, von wegen: russische Panzer. Er und seine Freunde hatten sich schon im Frühjahr nach hier verpflichtet, noch bevor an den Litfaßsäulen, Bahnhöfen, Arbeitsämtern und sonstigen öffentlichen Gebäuden im ganzen Land die Werbeplakate ausgehängt waren. Die Republik ruft euch. Werdet Eisenwerker, Schmelzer, Gichter ... Ein Bursche im Schutzhelm lächelte sehr optimistisch von allen Wänden, und vielleicht war sogar ihm inzwischen das Lachen vergangen. Eines Tages jedoch, auch wenn es jetzt, nach dem Winter, noch immer nicht danach aussah, würde trotzdem auf dem Gelände in der Schleife des Flusses Stahl fließen. Das Land hatte keine andere Wahl, keine andere Möglichkeit, als sich selbst damit zu versorgen. Mit dem Brennstoff, der ihm zur Verfügung stand, Braunkohle statt Steinkohle. Mit dem minderwertigen Erz aus dem Harz und auch, eigens dafür konstruiert, aus der Not sozusagen eine Tugend gemacht, in Niederschachtöfen statt in Hochöfen. Von letzteren hatte es nach dem Kriege nur noch ganze vier, genauer: vier ganze östlich der Demarkationslinie gegeben, und auch die stammten aus dem vorigen Jahrhundert. Die Stahlproduktion des ehemaligen deutschen Reiches hatte im Überfluß stets an Rhein und Ruhr stattgefunden.

Inzwischen stand bereits eine Barackensiedlung. Dreihundert Mann kampierten darin, und fast noch einmal so viele brachten Busse und Züge täglich aus den umliegenden Städten und Dörfern. Es war ein zusammengewürfelter Haufe, neben Einheimischen Thüringer, Sachsen und Umsiedler aus den früheren Ostgebieten. Die wenigsten kamen vom Fach, sie waren Handwerksgesellen, Bäcker, Friseure, Schneider, die meisten einst Landarbeiter. Doch es gab gutes Geld zu verdienen, mehr als sonst irgendwo in der brotlosen Zeit, und um Baugruben auszuheben, brauchte man keinen Meisterbrief. Tag und Nacht ratterten Kettenfahrzeuge, Kräne, Bagger. Nach dem strengen Frost und den Schneegestöbern der letzten Wochen hofften die Bauleute nun auf freundliches Wetter.

Aber über Grizehne mit seiner gegenüber am Westufer liegenden Schloßruine verdüsterte sich wieder der Himmel. Schwarze Wolken zogen auf. Erste Gewitter entluden sich. Unter den Schienensträngen der Werkbahn rutschte der Boden. An zwei Abenden hintereinander entgleisten Güterzüge, die schon das Roteisenerz für die Halden trugen.

Aufbauleiter Fritz Diepold rief am nächsten Morgen die Parteigruppe zusammen. Ein Dutzend Männer - mehr waren sie nicht - drängte sich in sein Büro, das noch nach frischer Leimfarbe und Kiefernholz roch. Neben ihm saß Horst Kupfer, Parteiinstrukteur für die Baustelle. Und obwohl dem Aussehen nach der eine das genaue Gegenteil des anderen war, Diepold massig, die Kinnladen verlängert, mit vorstehenden Schneidezähnen wie bei einem Hasen, Kupfer dagegen schmal, mit den feingeschnittenen Gesichtszügen der Südländer und immer umhersuchenden braunen Augen, hieß es von beiden, sie seien wie Brüder, unzertrennlich, ein eingespieltes Gespann, das mit dem Aufbau des Niederschachtofenwerkes nicht zum ersten Mal eine Aufgabe gemeinsam zu lösen hatte. Seit der Parteiüberprüfung wußte man auch, was die beiden noch zusätzlich verband: Während der Nazizeit hatte der eine im Zuchthaus Waldheim gesessen, der andere im Konzentrationslager Sachsenhausen.

Auf dem Schreibtisch vor Diepolds Bauch lagen zwei mächtige Eisenkeile.

»Denkt nicht, das sind meine Briefbeschwerer«, sagte er, nachdem er gewartet hatte, bis auch Karl Funke, der Maurer, lärmend in einem Hustenanfall seinen Platz vor dem Fenster mit Grünpflanzen einnahm.

»Diese Wummer hat der Werkschutz gefunden, aus dem Dreck geklaubt heute früh, eingeklemmt zwischen den Weichen. Und nun sag mir mal einer, wie der Spinat auf den Kronleuchter kommt.«

Erregtes Stimmengewirr füllte sofort den Raum, schwoll an. Ein Wort wurde immer zorniger und lauter: »Sabotage«.

»Ja, so ist es, Genossen.« Horst Kupfer, gegen seine Gewohnheit unrasiert an diesem Morgen, zitterte die mit blauschwarzen Bartstoppeln bedeckte Oberlippe. »Vor einem Jahr haben sie uns noch verspottet. Die wollen aus Rasenstein und Holzfeuern Eisen machen. Heute aber, nachdem jeder sieht, daß wir es ernst meinen, schicken sie uns ihre fünfte Kolonne. Nicht der Regen, nicht das Schotterbett unter den Gleisen, das angeblich nichts taugt, weil wir es mit Analphabeten zu tun hätten ... Nein. Die ganz gewöhnlichen Agenten des ganz gewöhnlichen Klassenfeinds sind es, die die beiden Havarien verursacht haben.«

»Wir müssen die Wachen verstärken«, sagte Fritz Diepold, »in den Nächten und an den Wochenenden. Geht in die Brigaden und sucht Freiwillige.«

»Wie stellt ihr euch das denn vor«, murrte ein Buchhalter, der in einem Nachbardorf wohnte. »Tagsüber schon zehn Stunden und mehr auf den Beinen. Nichts Richtiges zu kauen. Und nicht einmal heiße Getränke ...«

Karl Funke zündete sich eine Pfeife an und verfiel sofort wieder in seinen rasselnden Husten.

»Menschenskind«, schnaubte daraufhin Diepold, »willst du dich und uns allesamt hier gleich mit ruinieren?« Die Klage des Buchhalters stimmte. Als Aufbauleiter hörte er sie täglich. Und da er sie nicht entkräften konnte, selbst die Werkküche keine Kohlen zum Heizen hatte, entlud er seinen Zorn darüber auf Karl Funke.

Der aber sagte, indem er seine Sätze wie zur Betonung jedesmal mit einem heftigen Keuchen zerhackte: »Paß mal auf, Fritz, daß ich den Rotz hab und bald auch die Schwindsucht ...« Ihn würgte der Husten. »... liegt nicht an meinem Tabak, sondern daran, du hast es ja gehört ... Wir frieren uns hier zu Tode ... Doch dem da ...« Er deutete mit dem Pfeifenstiel auf den Buchhalter. »... will ich mal stecken, was Sache is ... Hat den Stall voll Hühner und füttert zwei Schweine zu Hause ...«

»Machst du doch genauso.«

»Ja. Aber ich beschwere mich nich über die Versorgung hier. Die Wachen verstärken, jawoll ...« Ein Krampf rüttelte ihn. »Wir beide sind dabei, der Fuchs und ich.«

Funke hatte Erich bei seinem Spitznamen genannt, und Kupfer fragte: »Bist du damit einverstanden, Genosse Höllsfahrt?«

»Natürlich. Nur - ich weiß nicht ...« Er war überrascht, als Funke so selbstverständlich über ihn verfügte, und fuhr sich verlegen durch die rotblonden Haare.

»Was denn? Willst du etwa kneifen? Wie dieser Sesselfurzer?«

»Nanana!« Diepold klopfte mit seiner schweren Faust auf den Schreibtisch.

Erich aber hatte nun nicht mehr den Mut, die wahren Gründe für sein Zögern zu nennen. Ausgerechnet an diesem Wochenende! Er war mit Achim verabredet, und ihm gäbe es wieder Gelegenheit, bei der Mutter Hanna auch Halka zu treffen. Sollte er darüber sprechen jetzt? Die wird doch man grade erst fünfzehn, würde Funke ihm antworten, der sie als Nachbar kannte. »Gut, ich mache mit«, sagte er. »Doch ohne Gefahr ist es nicht. Wir müßten Waffen haben.«

»Wo denkst du hin! Knallkörper!« Fritz Diepold erklärte, wer im Lande berechtigt sei, Waffen zu tragen. Er jedenfalls und Erich Höllsfahrt seien es nicht. »Ein strammer Knüppel für jeden genügt. Wir haben ja noch den Werkschutz. Aber die Spielwarengeschäfte in Graubrücken kannst du mal abklappern. Nach Trillerpfeifen. Wir rüsten damit die Streifen aus.«

»Ein lustiger Krieg wird das«, ulkte Erich. »Nicht zum Totschießen, sondern zum Totlachen.«

Man verteilte noch einige Aufträge, einigte sich über dieses und jenes und ging dann auseinander.

Gegen die Baracken hämmerte der Wind. Regen peitschte den Männern ins Gesicht, als sie ins Freie traten. Sie zogen die Schutzhelme tiefer in die Stirn. In Funkes Pfeife verlosch quackernd die Glut, er klopfte ihren fast faustgroßen Kopf in der hohlen Hand aus und steckte sie mit einem Fluch in die Wattejacke. Schweigend stapfte Erich neben ihm her. Bei jedem Schritt saugten sich ihre Gummistiefel in die aufgeweichte Erde. Wie der riesige, erstarrte Leib eines Tieres lag die Lokomotive des entgleisten Zuges noch halb auf der Seite. Die Kippwagen hinter ihr hielten sie noch, steckten aber ebenfalls im Morast. Manche Wannen hatten sich aus den Halterungen gelöst und das geladene Erz verschüttet.

Karl Funke blieb stehen, beschirmte mit der Hand seine Augen und blinzelte hinüber. Erich ahnte, was er dachte. Kein Termin wurde gehalten, vom ersten Spatenstich an, und zwei volle Tage würden sie wiederum brauchen, um den Schaden zu beheben. An ihre eigentliche Arbeit aber, den Bau der Fundamente vom Ofen I und die Montage der Kranbahn kämen sie nicht. Auch er blickte sich um. Hinter dem Regenvorhang gegen die Saaledeiche reparierten noch Gleiskolonnen die geborstenen Schwellen und Schienen der Havarie vom Vorabend. Und was würde morgen sein, übermorgen oder schon heute nacht? Flach und offen wie ein Tisch dehnte sich weit nach Süden das Gelände und war nur im Osten und Westen von nahen Dämmen begrenzt, die der Schleife des Flusses folgten. Das war kein Schutz. Und nicht einmal ein Zaun ringsum hätte in dieser entlegenen Feldmark den Feinden den Zutritt verwehren können. Was würden seine Jungen sagen, wenn er ihnen die Nachricht brachte, daß sie nachts auch noch Wache schieben sollten? Ansässig in Graubrücken, besaßen sie hier nicht einmal eine Unterkunft. Schon die Barackenbewohner litten darunter, daß es noch immer zu wenig Waschanlagen und Toiletten gab. In der provisorisch eingerichteten Werkstatt standen zwar Öfen, doch es fehlte die Kohle. Selbst bei den feinmechanischen Arbeiten behielten sie ihre Handschuhe an. Jeder war froh, kam er abends nach Hause, wenn er sich ausstrecken und schlafen konnte.

»Na denn, Fuchs«, sagte Funke, als sich ihre Wege nun trennten und sie sich verabschiedeten. »Übrigens, hab dich vorhin durchschaut. Willst mal wieder bei der Nachbarin oben turteln, was?«

Er lachte und hustete. Und Erich vernahm noch lange, nachdem ihn der strähnende Regen verschluckt hatte, sein Geächz und Geröchel.

Also auf Posten ziehen. Aber mit Trillerpfeifen ist wirklich kein Krieg zu gewinnen, Jungs. Wir müssen uns etwas Handfestes einfallen lassen, Bauklammern, Schraubenschlüssel und Messer. In der Parteigruppe vorhin hatte er sofort an die Pistole gedacht, die sein Vater damals zu seinem persönlichen Schutz von Saslonow, dem Stadtkommandanten, erhalten hatte. Wilhelm Höllsfahrt aber hatte sie nie getragen, er verabscheute die Gewalt.

Erich riß jetzt die Tür des Wellblechschuppens auf. Die Männer aus seiner Brigade sahen ihn an. Sie warteten auf ein Wort von ihm, und er mußte sich sammeln. Vielleicht, hatte er gedacht, würde sein Vater noch leben, wenn er zur Pistole gegriffen hätte.

Kam Achim zu Besuch, befand sich die Mutter schon tagelang vorher in heller Erregung. Sie wischte und putzte, sparte ihre Fleischmarken auf, obwohl sie im Keller gewiß auch noch Hausgeschlachtetes in Büchsen und Gläsern hatte, und die Nachbarn und Frau Borsky, die mit ihrer Tochter noch immer die beiden oberen Schrägzimmer bewohnte, merkten es dann an dem Duft aus ihrer Küche. Sie backte Kuchen, und war Achim endlich daheim, brodelte bald aus dem Waschhaus weißer Wrasen, denn als einziges Gepäck, außer einem Buch vielleicht, brachte er stets einen Koffer voll schmutziger Wäsche mit.

Anfangs war er öfter gekommen. Jetzt aber hatte sie ihn seit den Weihnachtsferien nicht mehr gesehen. Ungeduldig band sie ihr Kopftuch um, lief hinaus in den Regen und stellte sich unter die kahle, vom Wind gerüttelte Kastanie am hinteren Gartenzaun, von wo sie die Bahnlinie nach Leipzig, bis sie fern in der aufziehenden Dämmerung verschwand, überblicken konnte. Gewöhnlich traf er freitagabends in Felgen ein, doch nicht selten hatten die Züge Verspätung. Sie machte sich wieder Sorgen. Wer weiß, was er so treibt in der großen und fremden Stadt. Die Versuchungen dort sind mächtiger als die Tugenden, und das letzte Jahr hatte ihn hart getroffen. Sie sah noch deutlich den Tag vor sich, die Nacht, in der sie um ihn gebangt und er sich, hilflos wie als kleiner Junge wieder, an sie gelehnt, schreien gewollt, aber es nicht vermocht hatte. Nur ein dumpfes Gurgeln war in seiner Brust gewesen und hatte seinen Körper durchzittert. Danach hatte sie oft beobachtet, wie er teilnahmslos dagesessen und still vor sich hingebrütet hatte. Erst im Sommer, nach einer Reise mit seinen Freunden, Elbe und Saale hinauf, war wieder Leben in ihn gekommen. Was für schlechte Menschen es aber auch gibt, daß sie der Jugend nicht lassen, was ihres ist ... So in Gedanken, gewahrte sie die Lichtschnur des fahrenden Zuges erst, als er schon nahe war und die Lokomotive einen schrillen, langgezogenen Pfiff ausstieß.

Achim fand sie dann völlig durchfroren auf der dunklen, morastigen Straße vor dem Haus. Er umarmte und küßte sie flüchtig, spürte Feuchtigkeit auf ihren Wangen, wußte aber nicht, ob sie vom Regen oder von Tränen herrührte. Er machte ihr Vorwürfe, daß sie nicht in der warmen Stube auf ihn gewartet hatte. Du holst dir noch den Tod meinetwegen in deiner albernen Angst. Warum denn bloß immer und wofür? Wir leben doch friedlich ... Seine Worte klangen zu barsch, und schon bereute er sie, als er im Lampenschein ihre verschwommenen Augen sah. Noch einmal drückte er sie an sich und sagte: »Schon gut. Laß es gut sein. Nun bin ich ja wieder zu Hause.«

Kaum hatte er sich gesetzt, trug sie zu essen auf, Bratkartoffeln mit geräuchertem Speck und Zwiebeln, heißgehalten und nachgebräunt in der Grude. Der Geruch stieg ihm in die Nase und beschleunigte seinen Appetit. Hunger besaß er ohnehin. Und während er zulangte, randvoll seinen Teller schüttete, sie ihm aber mehr zuschaute, als daß sie selbst etwas nahm, erfuhr er sämtliche Neuigkeiten aus der Siedlung. Beglückt über seine Anwesenheit schwatzte sie in einem fort.

Leider legten die Hühner immer noch nicht. Sonst hätte sie ihm auch ein paar Eier in die Pfanne geschlagen. Woran das bloß liege in diesem Jahr. Bestimmt am Futter. Sie kriegten eben zu wenig Korn, und das Grüne sei auch noch nicht aufgegangen. Funke übrigens habe denselben Drasch, und der sei doch in der Partei, Tag und Nacht unterwegs jetzt, und rackere sich reineweg ab für Grizehne. Wenn Robert das noch erlebt hätte, solch schönes Geld und auch, daß sein Sohn studiert. Früher gab's das doch gar nicht. Wer da schon genug hatte, der bekam immer noch was dazu, im Guten wie im Argen, ob Reichtum oder Armut. Mit dem Konsum aber, der Arbeitersache, gehe es wirklich nicht voran. Die alte Verkäuferin habe gekündigt, und mit der neuen, Lisbeth, halte sie nun den halben Tag Maulaffen feil. Man brauche eben bessere Räume und vor allem einen gepflasterten Weg bis zum Geschäft. Solange sie denken kann, seit sie hierhergezogen, versinken die Siedler jedes Frühjahr im Schlamm. Wenn bloß die Deiche der Elbe halten. Neunzehnhundertunddreißig, als sie ihn unter dem Herzen getragen, da sei das Hochwasser sogar in die Keller gelaufen. Der Kaufmann Wonnigkeit ziehe die Kunden neuerdings mit Fisch an, Karpfen lebendig und Sardinen in Öl. Weiß der Kuckuck, woher er den Fisch hat. Früher mußte man fahren bis an die Nordsee. Onkel Rudi arbeitet jetzt wieder bei den Radiatoren. Da hat sich dein Vater die Staublunge geholt. Von Wonnigkeit wird gemunkelt, er soll mit den Russen was haben, besorgt ihnen Schnaps für den Fisch. Fragst du Funke, macht er einen großen Bogen darum. Gestern übrigens hat er noch spät ans Fenster geklopft und von Erich Höllsfahrt was ausgerichtet. Er kann sich nicht mit dir treffen. Sie finde sich da nicht durch. Der Himmel, hat Funke gemuckert, der Himmel und auch die Erde. Aber es sind doch wohl immer Himmel und Erde, wo der Mensch sich dran klammert. Vom einen kommt er, und ins andere will er ...

»Mutter«, sagte er, »liebe Mutter, es gibt keinen Gott.«

»Natürlich nicht, Junge. Doch was hat das denn damit zu tun? In die Kirche bringen mich keine zehn Pferde. Damals, du im Gefängnis und ich allein, war es was anderes. Aber ein bißchen Glauben kann wohl nicht schaden. Dann wäre der eine nicht mehr des anderen Teufel, und es gäb weniger Elend auf der Welt.«

Was sollte ihr Achim darauf entgegnen? Den Marxismus erklären und Oparins »Entstehung des Lebens«? Er legte Messer und Gabel beiseite, wischte sich mit dem Handrücken das Fett von den Lippen und sagte: »Ach, du bist wirklich eine gute Köchin. Nach dem Fraß in der Mensa täglich. Die wissen dort nicht einmal, wie man das ausspricht: Bratkartoffeln und Speck.«