Heldenberichte - Erik Neutsch - E-Book

Heldenberichte E-Book

Erik Neutsch

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Beschreibung

Seine bisherigen Erzählungen und seine kurze Prosa —- darunter die Zyklen ,,Die anderen und ich“ und „Bitterfelder Geschichten“ — fasst Erik Neutsch in diesem Band zusammen. Sie alle ergeben die Vielfalt im Heldenbild des Autors, die jede Kanonisierung eines abstrakten schematischen Heldenbegriffes ausschließt. Arbeiter sind es vor allem, die Neutsch in den Mittelpunkt seiner Geschichten rückt, oder Vertreter solcher Schichten, die mit der Arbeiterklasse gehen. Eine illustre Palette von Heldengestalten bietet sich dem Leser dar: große und kleine, historische wie zeitgenössische, durchschnittliche wie außergewöhnliche. Neben Werktätigen, die vorbildliche Produktionstaten vollbringen, neben Intellektuellen und Bauern steht der NVA-Pilot, der eine Stadt vor der Katastrophe rettet und dabei, wie er selbst memoriert, bei „seiner Arbeit verunglückt“. LESEPROBE: »Ich möchte gern ein paar Reißzwecken.« David Rübsamen zog dienstbeflissen ein Schubfach auf . »Die besten und die billigsten Sorten, mein Herr...« »Ich suche recht starke Reißzwecken. Solche, die sich nicht gleich verbiegen.« Der Fremde musterte die Auslage. David Rübsamen trippelte wiederum zum Schrank, öffnete eine andere Lade und bot deren Inhalt an. »Ich rate Ihnen, nehmen Sie Reißnägel. Die dringen in jedes Holz ein und sind klopffest.« Der Mann betastete sie mit den Fingern. »Was kostet das Stück?« »Zwanzig Reichspfennig das Schock.« David Rübsamen legte wieder die Handflächen auf die Tischplatte. »Nein, kein Schock. Ein halbes Dutzend genügt.« »Bitte sehr, mein Herr.« David Rübsamen wickelte die Reißnägel sorgfältig in Seidenpapier, bevor er sie in eine Tüte tat, und überreichte sie dann seinem Kunden. »Zwei Reichspfennig macht es dann, Herr.« Der Mann nahm das Päckchen, legte, als zähle er sie vor, zwei einzelne Pfennigmünzen auf den Glasteller mit Pelikan-Reklame, dankte und ging. David Rübsamen kam zu spät, um ihm vor dem Hinaustreten noch die Tür zu öffnen. Er verstaute die Schubkästen wieder an Ort und Stelle. Als er jedoch zufällig davon aufsah, bemerkte er, wie sich der Mann, dessen Gesicht ihm nicht unbekannt gewesen war, draußen an der Tür zu schaffen machte. Kaum aber entdeckt, entfernte sich der Fremde. David Rübsamen lief verwundert zur Tür, um nachzuschauen. Die Glöckchen bimmelten wieder melodisch. Am Holz des Rahmens hing von außen ein Pappschild. Mit sechs blinkenden Reißnägeln war es akkurat an der Tür befestigt. Auf dem Schild stand in fetten schwarzen Lettern: JUDE.

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Impressum

Erik Neutsch

Heldenberichte

Erzählungen und kurze Prosa

ISBN 978-3-86394-064-5 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien erstmals 1976 im Verlag Tribüne Berlin.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Auf Wunsch des Autors wurde nicht auf neue Rechtschreibung umgestellt.

© 2014 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Die anderen und ich

Die anderen und ich

Jukker. Soll das Jukker sein? Nach zwanzig Jahren bekäme man wieder was zu Gesicht von ihm, ein J. U. K. wie damals in einer Zeitung. Wir nannten ihn daraufhin Jukker. Oder Jucker. Ich habe das Wort nie geschrieben gesehen, bis zu diesem Augenblick jedenfalls nicht, da ich es selbst niederschreibe. J.U.K. Jürgen Ulrich Kauffmann.

Ob Arno, der vor meinem Fenster den Kalk mischt und karrt, weiß, ahnt, sich Gedanken darüber machen würde, wenn er wüßte, wer, besser: was Jukker ist? Worin das Problem bei Jukker besteht? Natürlich nicht. Neulich fragte er mich, ob ich mir denken könne, warum er säuft. Nein. Saufen ist dumm, sagte ich, wiederholte die Sprüche Sonjas, Saufen macht immer dümmer. Geh lieber schwimmen oder wenigstens angeln. Leb gesund. Isch will meine Frau loschwerden, sagte er. Gründe gibt’s. Die anderen treiben ihn mit lauten Zurufen an. Du hast den Kalk nicht richtig gemischt. Eine Plempe. Du hast wieder zuviel gesoffen. Deshalb ist uns die Mauer abgesackt. Nun flucht er.

Also: Jukker. Sie waren alle von uns umgetauft worden. Der Direktor hieß Kater, der Lateinlehrer Piccard, der Mathematiklehrer Metze. Oder war das sein richtiger Name? Er verschwand als erster, kurz nach unserem Abitur, aber das störte mich nicht, er hatte ohnehin nur Zahlen im Kopfe gehabt, andauernd die Preise verglichen, ich nahm es zur Kenntnis wie den selbstverständlichen Wechsel von Tag und Nacht. Eines Tages kam Jukker in die Toilette für Jungen, sah uns rauchen, klappte den Deckel eines silbernen Etuis mit mächtigem Monogramm darauf auf, J. U. K., stellte sich hinzu, rauchte und sagte: Warum versteckt ihr euch hier? Machen wir FDJ-Versammlung, machen wir einen Beschluß über das Rauchen, dafür oder dagegen. Wir beschlossen, über die Gegenstimmen unserer paar blassen Mädchen hinweg, in Zukunft ab elfte Klasse auf dem Schulhof zu rauchen, uns nicht mehr ins Pissoir zu verkriechen, eine Zigarette soll nach der Denkarbeit eine Erholung sein. Die Stadt hatte zwar ihr Gesprächsthema, das soll nun die neue Erziehung sein, sagten die Leute, die kurz vor dem Zaun auf die Straßenbahn warteten, aber wir gingen seitdem für Jukker durchs Feuer, diejenigen jedenfalls, denen zum ersten Mal gelungen war, einen FDJ-Beschluß zur Verhaltensnorm an dem altehrwürdigen Gymnasium zu machen. Die Wände schienen zu wackeln.

In einer der nächsten Stunden sagte ich ihm: Das ist doch ganz egal, wie die Wirklichkeit ist, wie der Flieder zum Beispiel blüht. Lila ist sowieso keine Farbe. Wenn ich ihn male, mal ich ihn blau, himmelblau, und den Himmel dahinter, steht mir der Sinn danach, grün. Kunst kommt von innen heraus, nicht von außen. Er lachte sich halbkrank, ging vor den Bänken auf und ab, die wir in seinem Unterricht stets zu einem Halbkreis formierten, und hielt uns einen Vortrag über Erkenntnistheorie. Es war das erste Mal, daß ich darüber etwas erfuhr, Marx und Engels, Hegel und Kant und wieso das ein dialektischer Umschlag von einer alten Qualität in eine neue sei, wenn das Wasser bei hundert Grad Celsius zu verdampfen beginnt. Ich sagte es später dem Physiklehrer, machte mich trotz der warnenden Rippenstöße von Hans-Helmut Kassbaum, Sonjas Bruder, zum Sprecher Jukkers, stritt mich, erhielt daraufhin eine Vier, denn der Physiklehrer sah meine Aufklärungsattacke nicht ein und antwortete: Quatsch, das ist Physik, und unterlassen Sie gefälligst Ihre politischen Extratouren, wenigstens in der schönen Natur exakter Wissenschaften.

Da saß ich nun da mit dickem Kopf, Physik war nicht mein Paradefach, ich benötigte darin dringend eine Aufbesserung meiner Zensuren, ärgerte mich über den Reinfall und sann nach über Jukker, wohl nicht anders als jetzt, allerdings damals ohne den Abstand von zwanzig Jahren und auch nicht vor einem Fenster, durch das der Flieder duftet, der himmelblaue natürlich. Ich starre auf dieses J. U. K., denk mir mein Teil und höre die Maurer fluchen, Hannes und Arno, Erich und Paul, die eine fünfzöllige Wand, die gestern eingestürzt ist, wieder aufzubauen versuchen, diesmal jedoch im Zehnerzoll. Sieh mal, sagt Erich, im Keller die Schwalben.

Soeben war Kassbaum bei mir. Er warf mir die Zeitung vom letzten Sonnabend, in der eine Reportage von mir veröffentlicht ist, auf den Tisch und sprach — Kassbaum spricht immer —, sprach: Drei Telefonanrufe, sechs Briefe, alles Proteste, einer sogar eigenhändig von deinem Helden darunter... Von ihm ? Glaub ich dir nicht. Zeig her. Hab ihn leider vergessen. Und wennschon. War denn vonnöten, daß du von Stepan schreibst, er habe dem Donnergott auf die Hände treten wollen? Vonnöten? Laß deine Stilallüren. Auf die Hände, Menschenskind, in den Hintern vielleicht, ja, aber nicht auf die Hände, auf die Arbeitssymbole... Ich sah ihn entmutigt oder so ähnlich an; wehrte mich: Die Handarbeit wird nach und nach abgeschafft. Er lächelte überlegen: Das wird ohnehin nicht gedruckt. Nicht gedruckt? Ja. Und dann legte er noch die andere Zeitung hinzu, die mit dem J. U. K. auf einer der Innenseiten, und sagte: Hier, ich hab dir was mitgebracht. Erinnerst du dich noch an Jukker? Lies mal. Das ist aus ihm geworden. Jukker interessiert mich jetzt einen Dreck, Helmut. Fest steht jedenfalls, Stepan wollte dem Mann nicht nur auf die Hände treten. Er hat’s getan, begreifst du, er tat es. Versetz dich doch mal in seine Lage. Kassbaum schüttelte den Kopf, hob die Augen zur Decke, stöhnte. Unverbesserlich. Deine Sturheit. Der Flieder ist himmelblau, wenn du es willst.

Reiner Stepan ist sozusagen der Held der Reportage, einer, den man einen Schrittmacher nennen könnte, Parteimitglied, Hundertschaftskommandeur, Meister inzwischen, ein Kerl wie ein Kleiderschrank. So steht’s in der Zeitung vom Sonnabend, geschrieben von mir, auch mit dem Klischee am Ende, das ich natürlich ändern werde, bevor meine Reportage in den Druck geht, streichen, einfach weglassen, streichen, und dann steht darin noch: Als sich der Donnergott vor ihm hinkniete, ihm mit ein paar Handgriffen zeigte, wie man die doppelte Menge Stahlplatten in derselben Zeit, die man früher zum Schweißen brauchte, mit dem neuartigen Stoff kleben konnte, schoß Stepan das Blut unter die Haut, und er dachte im ersten Augenblick: Tritt zu, tritt ihm auf die Hände, er vermiest dir dein Ansehen bei sämtlichen Schweißern.

Das war doch schöngefärbt, so schön wie Jukker die Welt gefärbt hatte, die Welt, die nun nicht mehr die seine ist.

Paul, hör ich von draußen, sagt: Mal sehn, wer wohl früher fertig ist, Hannes, die Schwalben mit ihrem Nest oder wir. Und Hannes beschimpft wieder Arno: Deine ewige Sauferei, ich hau dir die Flaschen ins Kreuz, wenn du uns wieder die Mischung verdirbst.

Ich weiß, daß die Schwalben vorgestern im Keller zu bauen begonnen haben. Ich sah ihre roten Kehlen, ihre steilen Flüge, das Flattern und Schnäbeln, die Kopula. Und dann stürzten sie sich von den hohen Bäumen herab auf die Erde und sammelten Stroh ein. Ich schlich ihnen nach. Die ersten Halme klebten bereits an der Wand. Doch wo sie die Nacht verbringen, sagte ich Sonja, weiß ich nicht.

Auch Jukker ist für mich ein Problem. Wir, Kassbaum und ich und die anderen, hatten dergleichen, einen wie ihn, noch nicht erlebt. Der alte Geschichtslehrer war abgelöst worden, ein Jahr vor unserem Abitur, und ihm folgte Jukker. Lehrbücher hatten wir keine, die alten waren eingestampft worden, die neuen noch nicht gedruckt. Jukker legte Broschüren mit roten Umschlägen auf den Tisch, dazu einen Packen Zettel mit Daten und Stichpunkten und später, als er regelmäßig unter dem Zeichen J. U. K. in der Zeitung veröffentlichte, auch seine Artikel, »Lehrbriefe über dialektischen und historischen Materialismus«. Nun los, ihr Analphabeten, was den Marxismus betrifft, nun studiert mal. Das Kommunistische Manifest, aus seiner Privatbibliothek, ging von Hand zu Hand. Manche lasen es nur, um sich nicht die Zensur zu verderben, wir jedoch nicht, Kassbaum nicht, ich nicht. Wir drei, Jukker und er und ich, bildeten bald die engere Leitung, das Triumvirat der FDJ an der Schule, ließen uns wählen, keinen anderen, Jukker schaffte auch das, im Kollegium, bei den Schülern. Er redete, ließ andere reden, redete wieder, niemand war ihm gewachsen. Dank seiner Geschicklichkeit waren wir ein gut funktionierendes Parlament. Er ließ sogar abstimmen, wußte aber genau, glaube ich heute, wann er es wagen konnte, denn nie vereinigte er so viele Stimmen gegen sich, als nötig gewesen wären, einen Vorschlag oder gar einen Beschluß, den er durchsetzen wollte, zu verhindern. Anschließend nahm er uns beide dann in die Lehre und erklärte: Es gehe um die Frage Wer — wen? auch an unserer Penne, und wir lassen uns nicht die Macht nehmen von Leuten, die unwissend sind, die nicht einmal die exakte Wissenschaft vom Klassenkampf in Deutschland begriffen haben. Wer — wen? Seit Thomas Müntzer. Auch das leuchtete uns ein. Engels’ Bauernkrieg zählte inzwischen ebenfalls zu unserer Lektüre. Das Buch steht noch in meinem Schrank, das Eigentum Jukkers, ich hab es ihm nie zurückgegeben.

So wurden wir klüger. Zeitiger schon als Männer wie Stepan. Das verdanke ich Jukker.

Stepan muß noch reichlich unwissend gewesen sein, als er dem Donnergott auf die Hände trat, ja, das ist die Wahrheit, er hat es nicht nur gedacht, er hat es getan, er trat, und ich habe es nur verschwiegen, hab es zurückgenommen, versimpelt in dies: Schoß Stepan das Blut unter die Haut, und er dachte im ersten Augenblick: Tritt zu. Und warum nahm ich’s zurück? Hatte ich schon einkalkuliert: Es wird nicht gedruckt? Als Stepan das dachte, nein, als er es tat, schrieben wir noch das Jahr neunzehnhundertundsechzig. Da kam der Donnergott auf ihn zu, ein Parteiinstrukteur, den sie genauso umgetauft hatten wie wir damals unsere Lehrer. Es war im Walzwerk, wo Stepan heute Meister ist, Hundertschaftskommandeur, doch das spielt keine Rolle — nicht: welche Funktion hat einer, sondern: was für ein Mensch ist der Mensch—, wo Stepan heute die Stahlplatten nicht mehr schweißt, sondern klebt, Stepan, ein Kerl wie ein Kleiderschrank.

Doch ist eine solche Metapher bereits ein Klischee? Und geht es denn nur um eine Metapher? Neulich erhielt ich Besuch von der anderen Seite, und der Kollege, nicht ohne zuvor zu beteuern, daß er uns mag und daß er ein Linker sei, sagte, unsere Bücher läsen sich zwar ganz gut, steckten leider jedoch voller Klischees. Also: Was ist ein Klischee? Der Satz, die Wortstellung oder das Wort? Muß ich die Genitivreihe erfinden oder den Blickwinkel eines Zwerges oder den interpunktionslosen Absatz, wenn ich nicht als hausbacken oder gar konventionell gelten will? Soll ich beim Schreiben dem Leben zuwiderhandeln? Soll ich dem Menschen gar die Perspektive entziehen, die ihm unsre Gesellschaft bietet? Muß ich mich unverständlich machen, um besser verstanden zu werden? Doch von wem? Wer von wem? Es gibt Leute, die entwerfen zwar jedes Jahr eine neue Mode, Literatur zu tragen, aber mit jedem neumodischen Kram beschreiben sie immer dasselbe, das, was man seit hundert Jahren schon kennt, die Vereinsamung des Menschen, die Undurchschaubarkeit der Gesellschaft, in der sie leben, das Klischee. Wir dagegen halten uns lieber an die bewährten Traditionen, machen — vielleicht — den Satz wie von alters her, aber zeigen, daß die Welt nun erst recht durchschaubar geworden und veränderbar ist. Wer also steckt im Klischee? Wenn die Geschichte vom Menschen, die ihn zum Schöpfer seiner selbst werden läßt, ein Klischee sein soll, dann steckt unsere wirklichst voller Klischees.

Stepan hat es mir selbst erzählt. Ich kann nicht glauben, daß er nun dagegen protestiert haben soll: Schoß ihm das Blut unter die Haut, und er dachte im ersten Augenblick... Nein. Ich traue meinem Freund Kassbaum nicht. Den Brief vergessen, von wegen. Er ist von der Sorte, die Dinge erfinden, wenn die Dinge nicht ausreichen. Stepan hat es mir selbst erzählt. Ich trat zu, als ich die flinken Hände des Donnergotts unter mir sah, er mit dem chemischen Zeug zu kleben anfing, die doppelte Menge schaffte, als wir bisher mit unseren Schweißbrennern. Ich muß wohl gedacht haben: Er versaut dir die Normen, die Lohntüte.

Was liegt dazwischen? Was liegt zwischen dem Jukker von damals und dem Jukker von heute? Er ist gewiß nicht der einzige, der mir nach zwanzig Jahren so, völlig verändert, J. U.K. in einer Zeitung, die von drüben stammt, die uns nichts angeht, begegnet ist. Ich möchte nicht aus der Schule plaudern. Helmut Kassbaum, Klassenkamerad, Chefredakteur heute, würde sagen: Das wird ohnehin nicht gedruckt.

Trotzdem. Der Flieder ist himmelblau, wenn ich es will. Einer, der mich damals nicht weniger als Jukker beeinflußt hat, war M. O., der Dichter M. O. Seine Verse kannten wir auswendig, und wenn uns, anders als Jukker, die Argumente ausgingen, zitierten wir sie und hatten wenigstens ein schönes Pathos auf unserer Seite. Erst in diesen Tagen machte ich seine persönliche Bekanntschaft. Ich wollte ihm sagen, wie sehr er uns damals geholfen hat, daß ich auch ihm ein Stückchen meines Weiterkommens verdanke. Doch eh ich zu Wort kam, meditierte er: Sehen Sie, lieber Genosse, die Welt wird mich später einmal zwischen A. und N. einstufen. Das ist meine poetische Leistung. Heute jedoch? Ich bin allein. E. und H. und B., all die Großen der Weltliteratur, meine Freunde, sind von mir gegangen. Pause. Ich atmete tief. Und merken Sie sich: Sollten Sie sich in freien Rhythmen versuchen, dann erst, nachdem Sie den fünffüßigen Jambus erprobt und den Hexameter durchexerziert haben. Leute, die unbedarft freie Rhythmen schreiben, erscheinen mir höchst verdächtig. Das war doch die Sprache meines Lateinlehrers aus Jukkers Zeit. Vor der Strenge Homers und der Reinheit Vergils — er übersetzte die beiden von Kindheit an, ohne Erfolg — verblaßt alles, was danach kommt. M. O. jedoch ist erst knapp über fünfzig. Äußerlich wirkt er sogar noch jünger, trägt vornehmlich gedämpftes Blau, das Haar sorgfältig gescheitelt, wirkt jünger sogar als Arno, der nicht einmal vierzig ist, nie rasiert, dem tiefe Falten um Mund und Nase stehen, kaum noch Zähne im Oberkiefer, und der jetzt seinen Brigadier anzischt: Isch mach misch davon, mach misch davon, war nischt besoffen, du hascht blosch den Druck nischt bereschnet gegen die Mauer. Hannes schweigt, und Paul spuckt sich den Kalkstaub von der Zunge und sagt: Die Vögel sind schneller, verdammt. Und warum sind beide, der Dichter und der Hucker, mit ihrem Leben bereits am Ende?

Jukker hat fatale Sätze in die Zeitung geschrieben. Ich habe ihn einst für so intelligent gehalten, daß ich bei der Lektüre seines Artikels nur annehmen kann, er schrieb sie wider besseres Wissen. Ostexperte, Klassenkampfspezialist, einer — wie einleitend annotiert —, der genau Bescheid weiß. Damals sagte er uns: Das wichtigste ist, daß jeder bereit ist, aus seinem Leben etwas zu machen. Du, Kassbaum, wirst Journalist, du bist schon heute schnoddrig wie eine Lokalspitze, bist auch rhetorisch nicht unbegabt, und du — damit meinte er mich —, wenn ich dir raten darf, werde Lehrer. Lehrer? Ja. Du fragst zuviel, und du mußt endlich das Antworten lernen. Das war für mich, weiß Gott, keine erhebende Aussicht, aber in meinem Vertrauen zu Jukker wäre ich seinem Rate beinahe gefolgt.

Hans-Helmut Kassbaum nun sagte: Stell dir vor, ich hab ihn auch daran erinnert. Mir ging es wie dir. Jukker ist schuld, daß ich mich heute mit deinen Reportagen herumschlagen muß. Als ich das J. U. K. in der Zeitung fand, bin ich sofort in die Redaktion. Ich wollte nicht abfahren, ohne mit Jukker gesprochen zu haben. Ich hatte Glück, ich erwischte ihn, als er gerade aus seinem Wagen stieg.

Ein nazibrauner Porsche, und ich kann nur beten, daß wir hierzulande nicht gar so gedankenlos sind und diese Modefarbe von drüben übernehmen...

Du wolltest von deiner Begegnung mit Jukker erzählen.

Bin doch dabei. Hast du denn keinen Sinn für Details?

Also: nazibrauner Porsche.

Ich ihm nach, bis in den zehnten Stock, sprach ihn an auf dem Korridor, alles Glas, herrlicher Rundblick über den Main...

Bitte, nur solche Details, die die Aussage nicht verdunkeln.

Scheißkunst. Ich erzählte ihm deine Geschichte.

Meine?

Frag nicht so doof.

Wie hört sich denn die an?

Enorm einfach. Da gab es doch mal am Gymnasium in S., Sie wissen, wo Sie einst unterrichteten, einen Schüler mit Namen...

Weiter!

Sie rieten ihm, Lehrer zu werden. Er saß mit Ihnen in derselben FDJ-Schulleitung, oder wie das da drüben heißt. Plötzlich, oder auch nicht plötzlich, lernte dieser Zögling von Ihnen ein Mädchen kennen.

Was? Das hast du ihm ebenfalls unter die Nase gerieben? Die ganze Geschichte mit deiner Schwester? Sei froh, daß sie gerade unterwegs ist. Sie würde dich ohrfeigen.

Halt doch mal den Mund. Ich weiß allein, wie es damals um Sonja bestellt war. Ich sagte dir: Wenn du sie nun nicht heiratest, kriegst du’s mit mir zu tun. Ich breche dir sämtliche Knochen, Casanova.

War ich nicht, bin ich nicht. Liebe nur sie.

Dein Glück. Aber jetzt geht es ja nicht um Sonja, sondern um Jukker.

Hast du denn keinen Sinn für Details?

Wirklich. Du hättest besser Lehrer werden sollen als... Na, als eben das da. Er wies auf die Zeitung vom Sonnabend.

Na gut. Er stand also vor dem Fenster, durch das man den Main sieht. Erinnern Sie sich? Das Mädchen erwartete von ihm ein Kind. Und die Direktion wollte ihn daraufhin von der Schule schmeißen. Nur Ihnen hat er es zu verdanken, daß er sein Abitur machen durfte. Sie haben sich für ihn eingesetzt, haben so lange geredet, bis Ihnen das gesamte Lehrerkollegium zu Füßen lag, das heißt. Sie sind wohl damals zur kommunistischen Kreisleitung gegangen oder zur Vopo oder was weiß ich, wohin, und haben Verstärkung geholt. Da wurde Jukker zum ersten Male konkret.

Was denn! Hatte er die ganze Zeit geschwiegen?

Nein. Natürlich nicht. Aber er gab sich mächtig gelassen. Musterte mich von oben bis unten. Er stellte auch hin und wieder Zwischenfragen, so daß ich mich dauernd unterbrechen mußte. Verfassungsschutz? APO? Thadden? Repklub? Und einmal sagte er: Woher Sie auch kommen, Sie amüsieren mich. Erzählen Sie weiter.

Aha. Aber dann wurde er konkret.

Ja, bei deiner Geschichte..Ich entsinne mich dunkel, sagte er. Doch woher wissen Sie das? Ich entgegnete: Er hat mir geschrieben. Weiß der Teufel, wie, aber er bekam Ihr J. U. K. zu Gesicht und hat sich bei mir nach Ihnen erkundigt. Also doch APO? fragte er.

War er mißtrauisch?

Keine Spur. Eher neugierig. Eher belustigt. Ich bin ein entfernter Verwandter von ihm, sagte ich. Er hat mir geschrieben, daß Sie ihm wie selten einer geholfen hätten. Er wundere sich zwar über die Artikel, die Sie neuerdings veröffentlichen, die von früher seien besser gewesen, aber immerhin, er läßt Sie grüßen.

Na na. Ihn grüßen? Geht das nicht ein bißchen zu weit?

Danke, sagte er. War mir wirklich ein Vergnügen.

Weiter nichts?

Du kannst dir denken, daß ich vor allem darüber enttäuscht war, daß er mich nicht wiedererkannte. Als er sich verabschieden und in sein Zimmer gehen wollte, sagte ich noch schnell: Jukker.

Tut mir leid, mein Herr, antwortete er. Ich hab zu arbeiten. Und das alles liegt so lange zurück. Amüsant die Vergangenheit.

Das Mädchen, sagte ich, hieß Sonja und war die Schwester von einem gewissen Kassbaum oder so ähnlich.

Und er?

Nichts. Absolut nichts. Er hat mich nicht erkannt. Das ist alles.

Und nun diese fatalen Sätze in einer Zeitung von drüben. Ostexperte. Klassenkampfspezialist. Dazu ein bißchen Exhibitionist. Seht mal her, ich war sogar in Ulbrichts Partei. Die Leute kriegen das Gruseln. Dazu noch ein Schuß Narzißmus. Ich gehörte zum Auswahlkader, stand kurz vor meiner Abberufung nach Pankow, was natürlich alles ein Quatsch ist. Und trotzdem: Er wird seine Leser haben. Und trotzdem: Jukker ist ein Problem. Für meinen Schwager seit dessen Erlebnis in Frankfurt am Main wohl nicht mehr, aber für mich. Mag er auch heute Artikel schreiben, unter J. U. K. wie früher, gegen den Klassenkampf, gegen die Volksmassen, die Geschichte machen, gegen den Marxismus und alles, was er uns damals lehrte, mich machte er zum ersten Mal mit dem Marxismus bekannt. Und das haftet, das ist haftengeblieben bis auf den heutigen Tag. Für wie lange muß ich Jukker dafür verpflichtet sein?

Nach dem Fußtritt auf Donnergotts Hände wurde Stepan als Brigadier abgelöst. So einen, der unsere Genossen schindet, können wir nicht gebrauchen. Er knirschte mit den Zähnen. Ich kratze die Kurve. Für zwanzig Pfennig auf’n anderen Erdteil. Na, bitte. Drüben machen sie wieder eine Nazipartei auf. Vielleicht suchen sie da noch einen strammen SA-Mann. Die Antwort genügte. Stepan kochte vor Wut, und ein wenig begann er schon, sich zu schämen. Zwei Wochen später nahm er heimlich ein paar geklebte Stahlplatten mit nach Hause und legte sie in eine Wanne mit Wasser. Nichts geschah. Er traktierte sie mit Hammer und Meißel. Er tauchte sie nochmals in Wasser, goß Schwefelsäure hinzu, hämmerte wieder an ihnen herum. Nichts geschah. Schließlich trug er sie von zu Hause zurück in den Betrieb, schob sie in einen Schmelzofen, ließ sie glühen, zog sie wieder heraus. Nichts. Oder doch. Eine Entdeckung. Eine ganz schmale Naht war da, die von der Hitze unversehrt geblieben war, die nur schwarz in der Weißglut aussah. Sofort fragte er nach dem Donnergott. Der war schon nicht mehr im Walzwerk, Stepan machte ihn ausfindig. Er legte ihm seinen Schweißbrenner auf den Schreibtisch und sagte: Da, den schenke ich dir, und wenn du willst, gravier ich dir auch noch’n Autogramm auf diese mittelalterliche Kanone. Der Donnergott sagte: Nimm das Ding wieder mit. Soll ich es mir übers Sofa hängen? Nein. In zwei Jahren komm wieder. Und dann schenk mir eine Abschrift von deinem Meisterbrief.

Das alles hatte ich niedergeschrieben, stand in der Zeitung vom Sonnabend. Aber seine Bedeutung war nur noch halb soviel wert durch diese Zurücknahme: Er dachte...Und nun war für Kassbaum sogar das noch zuviel. Ich muß es Sonja erzählen. Wenn sie erfährt, was aus Jukker geworden ist... Ihre Eltern hatten sie damals gefeuert. Wir beide krochen für eine Woche bei Jukker unter. Dann schickte der Vater, ein Preuße in allen Belangen, einen Unterhändler, seinen Sohn. Kassbaum kam und sprach: Schönen Gruß von Mutti und Vati, du bist begnadigt und kannst wieder bei uns wohnen. Nur diesen grünen Jungen da — grinsend zeigte er dabei auf mich — sollst du gefälligst lassen, wo der Pfeffer wächst. Sonja schickte ihn zurück. Ebenfalls schöne Grüße. Der grüne Junge da gehört seit fünf Monaten zur Familie. Wiederum kam Kassbaum. Unser Alter hält dich zwar für liebestoll, ist aber einverstanden. Doch wenn der da zur Familie gehören soll, muß er uns für den nächsten Winter wenigstens das Holz hacken. Das Holzhacken nahm daraufhin kein Ende, meine Schwiegereltern, glaube ich, heizen damit noch heute.

Beim zehnten Kubikmeter fotografierte mich Sonja. Das Bild existiert noch. Meine erwachsene Tochter beguckt es sich manchmal ungläubig: Was? So schlank warst du mal? Willst du nicht wieder Holz hacken? Dich vorlautes Wesen, sage ich, das nicht abwarten konnte, bis wir verheiratet waren, hab ich verdammt abschwitzen müssen. Nie wieder. Und nun laß mir gefälligst meinen Bauch.

Erst viel später erfuhr ich, daß Jukker während der Woche, in der wir bei ihm Unterschlupf gefunden hatten, auch zu Sonjas Mutter gegangen war, um sie mit uns zu versöhnen. Sogar der Alte hatte ihm nicht widerstehen können, hatte ihm zugehört und war nicht länger ein Tarpejischer Felsen für seine Lukretia geblieben. Doch von alledem erfuhr ich erst, als Jukker plötzlich verschwunden war, das heißt so plötzlich wohl nicht, denn zuvor hatte er sich vor einem Gericht wegen Spionage verantworten müssen, hatte einige Jahre abgesessen und war danach nach Westdeutschland verdampft, wie das Wasser, bei hundert Grad Celsius, Umschlag von einer Qualität in die andere, die Frage Wer — wen?, wir lassen uns nicht die Macht nehmen von Leuten und so weiter. Sonjas Vater hatte ahnungslos gefragt: Was macht denn der liebe Mensch noch, euer Geschichtslehrer? Von den Feldzügen Friedrichs des Großen hatte er zwar keinen Schimmer, aber... Wieso: lieber Mensch? Da kam es heraus. Schon die Nachricht von seiner Verhaftung hatte mich hart getroffen. Aber ich hielt ihm zugute, daß er sich vielleicht aus Unkenntnis oder gar unter Druck mit einem westlichen Geheimdienst eingelassen hatte. Die Nachricht von seinem Verrat war für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Das kann doch nicht sein, stammelte ich, das kann doch nicht sein... Ohne ihn wäre ich niemals Marxist geworden.

Du betrügst dich selber, sagte Sonja. Das Niemals ist eine deiner üblichen Übertreibungen. Lila ist keine Farbe, den Flieder male ich blau, wenn ich es will, Arno und M. O. sind mit ihrem Leben bereits am Ende, entweder — oder. Dir fehlt jegliches Gefühl für Nuancen, für die Dinge dazwischen. Und wenn ich nicht schon hundertmal und öfter darauf reingefallen wäre, mein Lieber, hätte ich sogar Mitleid mit dir.

Erstens, erwiderte ich, warst du von den Versen M. O.s genauso begeistert wie ich, du hast sie sogar in deiner Tingelgruppe, dem FDJ-Chor damals, im Solopart gesungen, während ich sie nur gelegentlich in den Mund nahm, dann nämlich, wenn uns nichts Besseres einfiel. Zweitens: Mit dem Leben von Arno liege nicht ich dir ständig in den Ohren, sondern du mir. Und drittens, was Jukker angeht, schweigen wir lieber. Ich weiß bis heute noch nicht, warum er uns, als ich das Abitur machen wollte und du mich beinahe, indem du schwanger wurdest, daran gehindert hast, warum er uns also die eine Woche bei sich hat wohnen lassen... Uff.

Erstens, sagte Sonja und äffte mir wieder nach, was stets ein Zeichen ihres Zorns ist, habe nicht ich dich damals ins Gras gelegt, sondern du mich. Zweitens: Nenn unseren Chor nicht andauernd Tingelgruppe. Wir haben zwei Tänzerinnen hervorgebracht, sogar eine Primaballerina, zwei Komponisten und — leider — auch einen Dichter wie dich. Drittens: Wenn du noch immer in deiner Eifersucht, obwohl ich bereits drei Kinder von dir habe, von Jukker glaubst, besser: von mir, nein, doch von ihm, er habe damals auf mich ein Auge geworfen gehabt — uff —, laß ich mich scheiden. Und viertens...

Typisch, unterbrach ich sie. Du hast immer das letzte Wort. Viertens ist noch gar nicht an der Reihe.

Und viertens: Du hast recht, die Schwalben in unserem Keller sind Rauchschwalben, und ich habe zwei Namen für sie, Hermann und Dorothea.

Wie bitte?

Hermann und Dorothea. Idylle für deutsche Bürger. Aber immerhin klassisch.

Als ich ihr vorgestern mitgeteilt hatte, daß sich die Schwalben in unserem Keller häuslich einrichten wollen, war sie sofort mit dem Einwand gekommen, an einer der Schulen, die sie betreute, hätten einmal so viele Schwalben ihre Nester gebaut, daß davon das Dach eingestürzt sei, und sie hatte mich aufgefordert, die Tiere zu vertreiben. Das Dach? Und von den Schwalben? Haha. Wenn du’s nicht glaubst, erkundige dich bei dem dortigen Direktor. Den kenn ich, der hat doch keine Ahnung von Biologie. Wo sollen die Schwalben gebaut haben? Unter dem Dach natürlich, du Dummkopf, wenn das Dach davon eingestürzt ist. Unsere, sagte ich, sind Rauchschwalben, Hirundo rustica, falls du das noch nicht wissen solltest. Die in der Schule können höchstens Mehlschwalben gewesen sein, Delichon urbica. Nur Delichon urbica nistet unter Dächern. Sie traute meinen ornithologischen Kenntnissen nicht, vermutete wieder, daß die Phantasie mit mir durchgegangen war, und kam nun mit Hermann und Dorothea.

Aber den Vorwurf, daß nicht ich ihr, sondern sie mir mit der Geschichte von Arno in den Ohren liegt, bestritt sie nicht. Saufen ist dumm, Saufen macht immer dümmer, das stammte von ihr, und Arno hatte es auch sofort gemerkt und gezischt: Dasch ischt wie von deiner Frau. Sie setzte auch Hannes zu, dem Brigadier, der nun schweigt, nachdem er gesagt bekam, die Mauer sei abgesackt, weil er den Druck darauf nicht berechnet habe. Neulich schüttete er mir sein Herz aus. Deine Frau fällt mir auf die Nerven. Aller zehn Tage, pünktlich wie die Kasse mit dem Zaster, verlangt sie von mir eine Beurteilung über Arno. Was soll ich denn jedesmal schreiben? Er schuftet wie’n Pferd. Wenn er nicht wie’n Pferd schuften würde, hätten wir ihn, das arme Luder, schon längst aus der Brigade geschmissen. Doch was wäre dann? Bestell ihr, wir haben noch Hoffnung. Wenn Sonja nach Haus, kommt, sucht er das Weite. Die Landgräfin, sagt er. Sie ist keine Landgräfin, sage ich, sondern Jugendfürsorgerin und außerdem ein ganz lieber Kerl. Kann sein, sagt er, zu mir aber nicht. Er nimmt einen abgeputzten, aus den Trümmern geretteten Stein in die Hand, haut die Kelle voll Mörtel, bestreicht damit eine Ecke, klatscht ihn auf die wieder wachsende Mauer, drückt den Stein darauf, nimmt den nächsten und winkt mir durchs Fenster zu. Erich sagt: Wer unser Handwerk erfunden hat, der hat’s bestimmt den Schwalben abgeguckt. Die haben ihren Mörtel schon in der Spucke. Und Paul fährt fort: Kunststück, daß sie schon weiter sind. Die brauchen keinen Hucker wie wir, der immer besoffen ist.

Ich sollte den Flieder, wenn ich ihn male, doch besser lila malen statt blau. Ich sollte vor allem, wenn ich über Stepan schreibe, nicht schreiben: Er dachte... Zum Teufel mit Kassbaum und seinem: Es wird nicht gedruckt. Die Wahrheit muß her.

Also: Jukker... Nein. Zuvor möchte ich wissen, wieso ich übertreibe, wieso ich kein Gefühl habe für die Dinge dazwischen. Im Falle Stepans habe ich ganz erbärmlich untertrieben. Und im Falle von Arno, meiner Frau und Hannes?

Hermann und Dorothea fliegen und fliegen. Sie gönnen sich keine Ruhe, schuften wie Schwalben. Durch den lila Fliederbusch seh ich sie hin und wieder mit ihren kurzen Beinen und langen Flügeln ungelenk, unbeholfen über die Erde trippeln und nach trockenen Gräsern suchen. Meist aber schießen sie in weitem Bogen von oben herab, die Schnäbel voller Halme, flattern nur kurz vor dem Kellerfenster und tauchen dann durch die schmale Öffnung. Erich und Paul haben Sorge, sie einzuholen. Und warum kann Arno nur das, was die Vögel können? Nicht einmal das? Ein solches Nest zum Beispiel kann er sich nicht einrichten.

Seine Frau brachte zwei Kinder mit in die Ehe. Zwei kamen hinzu, ein Sohn, eine Tochter. Der Junge schaffte das Ziel der ersten Klasse nur mit der allergrößten Unterstützung Sonjas, das Mädchen kann mit vier Jahren, ein Rätsel für alle Ärzte, noch immer kein Wort sprechen. Die Familie, wenn man sie noch als Familie bezeichnen will, bewohnt einen ausgebauten Dachboden in einer Straße, die aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts stammt. Solang ich ihn kenne, sagt Hannes, über zehn Jahre nun schon, ist außer dem Fernseher nichts hinzugekommen, kein Schrank, kein Bettlaken, kein Stück. Er trägt’s in die Kneipe. Und wenn ihm der Lohn ausgezahlt wird, versteckt er ihn vor seiner Frau. Die durchsucht dann jedesmal seine Taschen. Und dann prügeln sie sich. Und dann saufen sie beide und gehen zusammen ins Bett. Wie wollen sie ihn denn noch ändern? fragt Sonja. Die Kinder leiden darunter, der Mann muß in eine Entwöhnungsanstalt. Und Hannes antwortet: Sie möchten ihn da hineinkriegen, und wir möchten ihn da heraushalten. Wir haben noch Hoffnung. Er schuftet wie’n Pferd, und ich kann ihn nicht einfach davonjagen, keiner würde ihn nehmen. Der Mensch lebt nicht, um zu arbeiten. Er arbeitet, um zu leben. So verteidigt sich Sonja. Das ist noch immer eine unbewiesene Behauptung. So verteidigt sich Hannes.

Das wichtigste ist, daß jeder bereit ist, aus seinem Leben etwas zu machen. Bevor ich die Reportage schrieb, studierte ich Stepan. Ein Kerl wie der Kleiderschrank in seinem Rücken, saß er hinter dem Schreibtisch seines Büros und hantierte mit Lochkarten. Numerik und Fließfertigung. Er machte sich einen Spaß daraus, sann über Zahlen und Daten, und wie man sieht, sogar über Löcher. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, das Kleben von Stahlplatten zu automatisieren, aber die Fließstraße stand nun schon über einen Monat, mußte gestoppt werden, rührte sich nicht vom Fleck, sobald sie mit einer bestimmten Größe von Werkstücken beschickt wurde. Die Klebmasse drang dann nicht zwischen die Platten, sondern legte sich über sie. Stepan murmelte: Wenn ich nur hinter den Fehler käme, hinter den verdammten Fehler... Er verfluchte die Programmierer, bestellte sie einmal auch zu sich, am Ende einer Kampfgruppenübung, ließ sie vor sich antreten und befahl: Alles ist erkennbar, Genossen. Alles. Die eigene Dummheit. Das Weltall. Die Hieroglyphen der alten Ägypter. Sogar die Ostpolitik der Bonner Regierung. Also erkennt mal gefälligst, woran es liegt, daß die Straße so sauer auf Platten reagiert, die über einen Meter Durchmesser haben. Das ist ein militärischer Auftrag... Er entließ sie wieder, zwinkerte mit den Augen und machte sich erneut über die Lochkarten her. Denkst du noch an die Zeit, fragte ich, als du einmal dem Donnergott...? Schweig, sagte er, erinnere mich bitte nicht daran. Wenn er noch leben würde, ich ginge jetzt zu ihm. Ich würde mir Rat bei ihm holen. In Sachen Fließfertigung wüßte er wohl auch nicht mehr Bescheid. Darauf kommt es nicht an, sagte Stepan, er wußte in Sachen Mensch Bescheid. Und das verlernt man nie... Auch das steht in der Reportage. Und auch das ist nur noch die Hälfte wert, wenn ich verschweige, daß Stepan getreten hat, daß er nicht nur daran dachte, zu treten, sondern daß er trat. Ich nehme in diesem Augenblick den Rotstift und streiche. Wenn Stepans Brief, wie Kassbaum behauptet, ebenfalls unter denen ist, die Protest anmeldeten, dann möge er mir verzeihen. Es geht schon lange nicht mehr nur um ihn. Es geht darum, daß wir uns selber erkennen. Er, die anderen, ich.

Und was ist mit Jukker?

Letzte Woche, als die Mauer hochgezogen war, die gestern wieder einstürzte, fragte mich Arno, ob ich mir denken könne, warum er säuft. Nein, sagte ich, und dann, nachdem er mir seine Gründe erklärt hatte, fragte ich ihn: Und hast du niemals daran gedacht, dein Leben zu ändern? Wie meinscht du? Er sah mich aus Augen an, die ich nicht beschreiben kann, die ich, hätte ich keine Angst vor Klischees, treue Hundeaugen nennen würde. Das geht doch mit dir nun schon Jahre, daß du säufst. Und eines Tages, darauf geb ich dir Brief und Siegel, bringen sie dich in die Anstalt. Deine Frau, die Landgräfin, wasch? Sie sorgt sich weniger um dich als um deine Kinder. Also: Hast du niemals daran gedacht, dein Leben zu ändern? Und wennschon, sagte er, wasch ischt schon dabei, die Anschtalt. Und du hast auch niemals daran gedacht, vor dir selber auszureißen, die Kurve zu kratzen, einfach wegzulaufen von hier? Wo denn hin? In einen anderen Erdteil zum Beispiel, in den Westen. Wiederum sah er mich an, erstaunt, enttäuscht. Bischt du verrückt, sagte er dann, wenn isch in eine Anschtalt komme, dann lieber in eine von unsch.

Und was ist mit Jukker?

Das ist das Problem. Er ließ sich als Ostexperte einkaufen und schreibt fatale Sätze in eine Zeitung von drüben. Er schreibt das Gegenteil von dem, was er mich und Kassbaum und eine halbe Schulklasse und vielleicht später noch hundert andere halbe Schulklassen lehrte, so gut, so gründlich, daß wir noch heute davon überzeugt sind, und er hat sich an Kassbaum nicht einmal mehr erinnert. Ich kann nicht sagen, daß ich ohne ihn niemals, nein, doch ich kann sagen, daß ich ohne ihn weniger schnell dorthin gefunden hätte, wo ich vor Jahren gelandet bin, auf unserem Erdteil. Was also verdanke ich ihm? Was schuldet er mir?

Sei nicht so egozentrisch, sagt Sonja. Geh nicht immer von dir aus. Denk auch mal daran, daß es vielleicht noch andere gibt, die ihm ebenso blind vertrauten wie du, für die er jedoch die große Enttäuschung war, mit ihm auch die Lehre, die er vertrat, Leute, die er auf halbem Wege, kaum daß er ihnen das Land gezeigt hatte, ins Wasser zurückstieß... Uff.

Paul steht vor dem Fenster, schiebt mit den Händen den Flieder beiseite und ruft: Nun haben wir’s doch geschafft. Wir haben die Schwalben im Wettbewerb überholt. Da schau. Unsere Mauer steht.

Arno zeigt seinen zahnlosen Oberkiefer. Hannes sagt: Wir sind mit der Arbeit fertig. Und du?

Ich weiß es nicht. Habe ich denn überhaupt gearbeitet? Woran lag es denn, frage ich ihn, daß die Mauer eingestürzt ist?

Der Druck war nicht richtig berechnet.

Isch war nischt besoffen.

Also dann...

Ich nehme den Rotstift und streiche. Die Metapher lasse ich stehen. Ein Kerl wie ein Kleiderschrank. Ich schreibe: Als der Donnergott sich vor ihm hinkniete, schoß Stepan das Blut unter die Haut, und er trat zu, trat ihm auf die Hände.

Jukker?

Nein. Das ist keine Arbeit für mich.

Und den Flieder male ich fortan rot, wenn ich ihn male. Lila ist keine Farbe.

DER HIRT

Es war ein Hirt, der im Dienste der Herren von Tütz nur selten aus dem einsamen Flecken in den Wäldern der Drage gekommen war, wenn aber doch, dann nicht weiter als bis Deutsch-Krone, zu den großen Viehmärkten nach der Ernte, stets im Gefolge der Generale, zunächst des Vaters und dann des Sohnes, die sich beide bei ihren Einkäufen gern auf den Rat eines Knechtes verließen, so auch auf das sichere Urteil des Hirten vom Dragenberg über den Sitz eines Euters oder die Stellung der Hinterbeine bei Kühen. Aber auch das war eine Ewigkeit her, sechs Jahre oder mehr, solange der Krieg nun währte. Der Lärm auf den Märkten, Rindergebrüll und Pferdegewieher, die Schlachtfeste mit den Fässern voll Bier und den Kübeln voll Korn, das Gereite auf den Rücken der Stiere, alle fröhlichen Dinge waren fast schon vergessen. Polen und Deutsche schlugen sich gegenseitig die Köpfe ein, der General Sohn kommandierte irgendwo ein paar Divisionen, und seit Tagen, hieß es, standen die Russen bereits bei Schneidemühl. An der Drage hörte man die Kanonen donnern.

Der Hirt war alt. Und es schien, als habe er sein Leben schon zu Ende gebracht. Sein Gesicht war mit Runzeln bedeckt, stellenweise sogar, um die klobige Nase, in Verlängerung der Mundwinkel und auf der Stirn, wie ein Acker von tiefen Furchen zerpflügt. Erdig braun war die Haut, verbrannt von der Sonne, gepeitscht vom Wind? denn es kam vor, daß er monatelang auf den Weiden lebte, unter freiem Himmel schlief, nur ein Laubdach oder ein Zelt über sich, drei Worte genug sein ließ, wenn die Männer kamen, die Milch zu holen, allein war mit den Pflanzen, den Tieren, den Sternen, und sich erst wie der Hamster zum Überwintern in seine Hütte zurückzog, wenn wie jetzt Schnee über Wiesen und Felder trieb. Dann tat er seinen Dienst im Stall, mistete täglich die Boxen aus, traf Vorsorge gegen Fäulnis und stritt sich mit den Schweizern um die Zufuhr von Frischluft. Aber die Bräune seines Gesichts nahm auch im Stall nicht ab. Der Winter schnitt Runzeln hinzu. Die Gerbung der Haut dauerte, bis sie wieder gegerbt wurde.

Seine Haut glich seit langem der Erde, und seine Augen hatten die Farbe des Himmels, der grau war und blau. Mit diesen Augen überschaute er schon sein Dasein. Und in Gott und in Tütz würde er sie für immer, wenn die Reihe an ihn käme, schließen.

Doch der Inspektor trat in die Hütte. »Godefred«, sagte er, »nun wird es Zeit auch für dich, den Dragenberg zu verlassen.« Er nahm dazu einen tiefen Schluck aus der Flasche, rieb mit Handballen und Daumen über ihren Rand und reichte sie dem Hirten. »Vielleicht sehen wir uns wieder, prost, wenn nicht hier, dann da oben...« Er wies mit einer Kopfbewegung zur niedrigen Decke, in die Richtung, wo vermutlich das Himmelreich lag.

Der Hirt folgte der Bewegung des Kopfes, trank und dachte, daß es nun wahrhaftig ein Ende nahm mit der Herrschaft auf Tütz. Denn noch nie hatte der Inspektor mit dem Gesinde aus einer Flasche getrunken, abwechselnd Schluck um Schluck, nur ein flüchtiges Säubern mit dem Daumen dazwischen, doch mit dem Atem von einem zum andern, von Mensch zu Mensch sozusagen. Er hatte nach Gläsern gefragt, als er gekommen war. Der Hirt saß auf der Bank am Ofen und las in der Bibel. Er stand auf und zuckte mit den Schultern. Er brauchte keine Gläser, auf der Weide nicht und also auch nicht in der Hütte. Ihm genügte die Feldflasche, die hohle Hand zur Not für alles, was es zu trinken gab. Wasser und Tee und Milch und manchmal auch Branntwein. Und er sagte: »Hier bin ich geboren, hier will ich sterben. Einen alten Baum verpflanzt man nicht.«

Sie tranken und schwiegen. Der alte Hirt nahm seinen Blick von der verräucherten Decke, ließ ihn über die Gegenstände im Zimmer gleiten, und plötzlich, bei dem Gedanken, daß er aus Dragenberg vertrieben werden könnte, war ihm, als sähe er die beiden Räume der Hütte mit anderen Augen. Das Bett an der Wand, der steinerne Ofen, ein Schrank mit Wäsche, ein Gehrock darin und ein Dutzend ungetragener Hemden, noch von Juliane gesammelt, ein Tisch und zwei Stühle und am Fenster darüber die bestickten Gardinen, nebenan eine Küche, die schon lange nicht mehr benutzt worden war. Im Herd war die Glut erloschen. Seine Mahlzeiten erhielt er im Gutshof. Hier schlief er nur. Er hatte sich einen Bettsack aus Katzenfellen genäht, gegen Rheuma und Gicht, die Krankheiten aller Hirten im Alter, auch wenn sie bei ihm noch auf sich warten ließen. Vielleicht war er noch immer nicht alt genug? Aber vielleicht kamen sie auch nur deswegen nicht zu ihm, weil er als junger Mann schon auf den Katzenfellen gelegen und geschlafen hatte, zu jener Zeit schon, als er das breite Bett noch mit Juliane, seiner Frau, geteilt hatte. Sie war ihm gestorben. Nach dem ersten Kind, das sie auf dem Acker entbunden hatte. Während der Arbeit. Da waren die Wehen gekommen. Sie hatte sich in das Gras eines Feldrains gelegt und das Kind aus ihrem Schoß gepreßt. Eine Kätnerin half ihr, band die Nabelschnur ab, verscharrte die Nachgeburt und wickelte das Kind in Decken, und Juliane war aufgestanden und hatte weitergearbeitet. Aber danach hatte das Fieber sie befallen. Der Hirt war von der Weide geholt worden, er hatte ihr Heidekraut und schwarzen Holunder gegeben, aber die Frau war gestorben, auch das Kind, das nicht einmal mehr getauft werden konnte. Er sah in ihr Gesicht auf dem Hochzeitsbild an der Wand über dem Bett, Juliane im Brautschleier. Der General hatte es ihnen geschenkt, denn er bestellte stets, wenn auf den Gütern geheiratet wurde, aus der Stadt einen Fotografen. Er hatte das Bild geschenkt, dazu den schweren silbernen Rahmen, und den Wein für die Feier. Doch nun war das Silber schon schwarz, das Papier vergilbt, so gelb war es wie die Kerze daneben, die nur ein einziges Mal gebrannt hatte, damals, als Juliane aufgebahrt auf dem Bett gelegen hatte, ihr totes Kind in den Armen. Es war lange her, und der Hirt wußte nicht mehr, wie lange es her war. Er lebte seitdem allein in der Hütte, ließ sie sommers verstauben, räumte sie wieder auf im Herbst und wärmte sich an ihrem Ofen im Winter. Dann saß er abends am Tisch und las in der Bibel, dem Buch, das ihn forttrug, sobald er sich gar zu einsam fühlte. Auch jetzt verlangte es ihn, in der Bibel zu lesen, ein Gleichnis zu finden, eine Antwort darauf, was geschehen sollte, wenn der Inspektor ihn fortschickte und die Herrschaft auf Tütz zu Ende ging. Nein, er würde den Flecken niemals verlassen.

Der Inspektor stierte ihn aus geröteten Augen an. »Du hast keine Ahnung«, sagte er, »was noch kommen wird. Die Front ist nahe. Die Feldgendarmen werden die Kühe holen. Die Truppe muß die Stellungen halten, und dazu braucht sie die Kühe.«

»Haben sie denn keine Tanks und keine Kanonen?«

»Doch … doch … Aber die Truppe hat nichts zu essen.«

Der Hirt erschrak. »Die ganze Herde?« flüsterte er.

Der Inspektor nickte. »Die ganze Herde.«

»Was aber wird der General dazu sagen, wenn er's erfährt? An die hundert Muttertiere, Färsen und Kälber, eingetragen ins Herdbuch. Eine Zucht, wie es sie nicht noch einmal gibt in der Grenzmark und in ganz Pommern.«

»Es ist zwecklos. Wir hätten nicht einmal mehr Leute, die Kühe zu melken und zu füttern. Morgen schon wär ein Geschrei in den Ställen. Und der General, sagen die Feldgendarmen, hat seinen Segen bereits erteilt.«

Die Antwort wollte ihm nicht in den Kopf, und er schwieg. Er wollte trinken, aber die Flasche war leer, und er dachte, daß es mit dem Krieg wahrhaftig schlecht stehen mußte, wenn der General seine Herde aufgab. Schon dessen Vater hatte damit begonnen, sie aufzubauen. Er entsann sich, wie ihn die beiden Herren fast mit denselben Worten ermahnt hatten. Nach den Mobilmachungen, schon in Uniform, waren sie deswegen extra von Tütz auf den Dragenberg geritten. Unser Feldzug wird nicht sehr lange dauern, Godefred, Weihnachten sind wir wieder zu Hause. Bis dahin aber behüte das Vieh wie deinen eigenen Augapfel. Wir wollen mit unserer Herde die ersten sein auf den Märkten in Wilna und Posen. Der deutsche Osten, jedenfalls was seine Kühe betrifft, soll von uns abstammen, von Tütz. Der Hirt hatte sich stets nach diesen Worten gerichtet. Er kannte jedes Tier, sah, wie es sich von einem Geschlecht auf das andere fortpflanzte, und hatte sogar um den einen und anderen seiner schwarzweißen Lieblinge getrauert, wenn sie auf Mast gestellt worden waren und ihn nicht mehr begleiten konnten. Auch die Tiere haben eine Seele, dachte er manchmal, besonders die Rinder, die mit ihrer Kraft die Familien ernähren, und nicht umsonst steht in der Bibel, wo von der Liebe zu Gottes Geschöpfen die Rede ist: Siehst du aber deines Bruders Ochsen fallen auf dem Weg, so entziehe dich nicht, sondern hilf ihm auf. Er mißtraute dem Inspektor, der, wie er sagte, den Branntwein von der Patrouille erhalten hatte, die am Morgen auf Motorrädern in den Hof gefahren war und die Ställe inspiziert hatte. Die Leute vom Dragenberg rüsteten sich gerade zur Flucht, luden Möbel und Wäschebündel auf die Wagen, und die Soldaten trieben sie zur Eile. Der Inspektor aber stand auf der Freitreppe, winkte und lachte. Hatte er schon seinen Lohn empfangen wie Judas? Nun sollte sogar die Herde geopfert werden. Er wäre kein Hirt ohne die Herde, und er wäre kein Mensch, wenn er die Tiere nicht hütete. Die Frömmsten unter den Christen, dachte er, sind die Hirten. In einer Krippe wurde der Heiland geboren, und den Hirten erschien der Engel des Herrn auf dem Felde zu Bethlehem und sprach: Fürchtet euch nicht... Nein, auch er würde sich niemals fürchten, wenn er nun allein auf Tütz zurückbliebe und die Herde in ihrer Not bewachte.

»Also«, sagte der Inspektor mit schwergewordener, lallender Zunge, »bring auch du dich in Sicherheit, Godefred, und geh mit den anderen.«

»Wohin soll ich denn gehen?« fragte der Hirt. »Mein Zuhause ist Tütz, die Hütte, die Herde.«

»Du kennst dich aus in den Sternen. Immer nach Westen. Versuche, Anschluß zu kriegen. Der Bruder des Generals, wie du weißt, hat in Oranienburg eine Fabrik. Dort melde dich und warte, bis der Krieg zu Ende ist.«

Der Hirt schüttelte den Kopf. Und der Inspektor verzog nur die Lippen und hob und senkte die Schultern. Er trat vor die Tür. Und der alte Hirt hörte ihn draußen an der Wand urinieren und dann schlurfenden Schritts über den Hof davongehen.

Nun war er wieder allein. Er griff zu dem Buch, las darin und sann. Er konnte nach diesem Gespräch keine Ruhe mehr finden. Es war die Herde. Er sah die Herde seines Herrn in Gefahr, und schon trug er sich mit dem Gedanken, sie vor dem Zugriff der Soldaten zu retten. Aber wie? Wenn ich sie wenigstens auf die Weiden führen könnte, dachte er, in die Tiefe der Wälder, wo uns niemand findet. Doch die Zeit des Austriebs war noch nicht gekommen, und so waren auch die Kühe nicht darauf vorbereitet, einigen noch nicht einmal die Klauen verschnitten. Er spähte in den Himmel, der sich grau über den verlassenen Hütten türmte. Das Schneegestöber der letzten Tage hatte zwar aufgehört, der Bach gurgelte und schwoll schon im Tauwasser an, aber die Erde lag noch immer kahl, und das Gras war gelb und dürr und moderte. Nirgends würden sie Futter finden.

Am Abend ging der Hirt in den Stall und begann die Kühe zu melken. Er glaubte, daß er die ganze Nacht dazu brauchen würde, und wenn er am Ende wäre, müßte er wieder von vorn anfangen. Denn er war allein. Die Melker geflohen. Er wußte nicht einmal, ob der Inspektor noch auf dem Gut war. Er hatte ihn seit dem Besuch in der Hütte nicht mehr gesehen, und er wollte auch nicht, daß er ihn sah. In seinen Augen hatte der Mann mit den Soldaten Schacher getrieben, die Herde verschachert für ein paar Silberlinge.

Den Dragenberg hüllte die Dunkelheit ein. Und der Hirt zündete ein Petroleumlicht an. Er hatte lange überlegt, aber er war zu keinem anderen Schluß gekommen. Mein Leben ist so, dachte er, steinschwer, wie ein Stein ist es, der immer von neuem auf die Wolken geschleudert werden soll. Nie erreicht er den Himmel, stets fällt er zurück auf die Erde. Die Tiere gehorchten ihm. Sie brummten leis vor sich hin, wandten ihm ihre breiten Stirnwülste zu und blickten ihn, als verstünden sie, was um sie her vorging, aus traurigen Augen an. Er warf ihnen Heu in die Krippen. Er hörte sie käuen, und das vertraute gemächliche Malmen ihrer Kiefer beruhigte ihn. Doch wohin sollte er heute die Milch schütten? Niemand holte die Kannen, und morgen schon würde sie säuern. Es war nur, daß er die Euter leerte und den Tieren Erleichterung schaffte. Eine Kuh, die nicht regelmäßig gemolken wird, verliert ihre Leistung.

Plötzlich vernahm er aus der Ferne ein Surren. Oder täuschte er sich? War es nur das zufriedene Schnaufen, der Atem der Tiere? Seit Stunden hatte er Angst vor diesem Geräusch. Er öffnete seine Fäuste, nahm sie von den Zitzen und lauschte. Kein Zweifel. Das Surren wurde lauter und lauter. Es näherte sich von Süden, über den Weg von Schloppendorf, das hinter den Seen lag. Ein leises Beben, ein Klirren der Fensterscheiben begleitete es, und bald unterschied es sich deutlich als Gedröhn von Motoren. Licht von Scheinwerfern zuckte durch das Gemäuer. Vom Hof her erklangen Kommandos und das Gepolter schwerer, eisenbeschlagener Stiefel auf dem Pflaster.

Er spürte einen Druck in der Kehle. So schnell war alles gegangen, daß er noch wie erstarrt auf dem Melkschemel saß, als der Hof schon vom Lärm widerhallte. Er erhob sich und trat, noch den Eimer mit Milch in der Hand, vor die Tür. Vielleicht sollte er bitten, vielleicht hatten die Menschen Erbarmen, wenn sie ihn hörten. Ein greller Lichtstrahl traf und blendete ihn, und er duckte sich in den Schatten.

Von irgendwoher vernahm er Geschepper. Metall schlug gegen Metall. Er sah, daß ein Trupp Soldaten mit vorgehaltenen Gewehren auf den Kälberstall zuging.

Es ist zu spät, dachte er. Und dann erklang ein Schuß. Er gellte, platzte. Es klang wie das Platzen von Eis, wenn der Fluß es sprengte. Den Hirten befiel ein Zittern. Er wußte seit langem, was dieser Schuß zu bedeuten hatte. Ihm war, als hörte er nach dem Schuß ein Röcheln, ein dumpfes Stöhnen. Ein zweiter Schuß fiel. Ihm glitt der Eimer mit Milch aus der Hand.

Er fühlte, wie ihn die Kräfte verließen, sah, wie sich die Milch dunkel über die Erde ergoß, sank in die Knie und betete. Ein Stammeln, ein hilfloses Lallen. Er spürte seine Gedanken nicht mehr. Herr, vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern. Herr, befreie uns von dem Übel.

Aber die Schüsse fielen.

Und nach jedem Schuß war ein Röcheln.

Dann sah er, wie die Soldaten die Kälber an den Beinen über den Hof schleiften und auf den Lastkraftwagen warfen.

Er wollte schreien. Aber er stieß sich die Zähne in die Zunge, sprang auf und lief zurück in den Stall der Kühe. Er schlüpfte durch die Niedertür, und er wollte retten, was noch zu retten war. An einem Pfeiler hingen Stricke. Wahllos schlang er sie zwei Tieren, die in der Nähe standen, um den Hals und riß sie hinter sich her ins Freie. Er tastete sich durch Hecken und Büsche, bis er den Obstgarten erreicht hatte, und band die Rinder an einen Baum. Sie waren ihm willig gefolgt. Aber er spürte, daß auch sie von Unruhe erfaßt waren, tätschelte ihre Flanken und sprach auf sie ein.

Dann kehrte er um. Doch kaum war er in den Stall getreten, als plötzlich ein grelles Licht den Raum überflutete. Tageshelle. Heller als jeder Tag. Es war, als schlüge der Blitz ein. Die beiden Flügel des Tores waren in voller Breite geöffnet. Mehrere Autoscheinwerfer richteten ihre Strahlen auf die erstarrten Leiber der Tiere. Vor dem Licht, die Beine gespreizt, standen Soldaten. Ihre Uniformen glitzerten. Bei jeder Bewegung schwankten ihre Schatten riesenhaft an den Wänden. Ein Kommando ertönte. Der Hirt vernahm nur den Schrei, ein Wort, das ein betäubendes Echo fand. Eine Detonation. Geratter aus Maschinenpistolen. Die Rinder brüllten. Plötzlich stampften sie wild um sich. Irgendwo war das dünne Bellen eines Hundes. Der Hirt warf sich zu Boden. Er lag mit dem Kopf in der Jauche, kroch, spie den Unflat aus und kroch in den Schutz einer Nische. Der Hund, dachte er, ich habe vergessen, mich um den Hund zu kümmern. Hinter ihm splitterte Holz. Die Kühe bäumten sich auf. Ihre schweren Körper zerbrachen im Fallen die Gitter. Sie stöhnten, röchelten, brüllten. Jammertal, Hölle. Immer noch bellte der Hund. Der Hirt richtete sich auf. Jetzt sah er, wie eins nach dem anderen der Tiere zusammenbrach. Das Jungvieh lag schon still. Doch einige von den Färsen reckten sich noch einmal auf, öffneten wie gähnend ihre Mäuler, stemmten sich auf, ehe sie endgültig niederstürzten. Sie wehrten sich gegen das Sterben. Das Leben ist zäh. Dicht vor ihm streckte eine Kuh ihre Beine. Ihre Augen weiteten sich. Sie scharrte im Todeskampf das Stroh von den Steinen. Deutlich sah er das Zittern ihrer Muskeln. Aus ihrer Kehle schoß ein Strahl schwarzen Blutes, das gegen die Stallwand klatschte. Und der Hirt hörte jetzt auch, wie der Hund schrill zu winseln begann. Im Flutlicht der Scheinwerfer schnellte das weiße, glänzende Fellbündel in die Luft und fiel dann ebenfalls leblos zu Boden. Er hielt sich die Ohren zu, aber er konnte die Augen nicht schließen. Überall dampfte im Licht das warme, aus den Leibern strömende Blut. Überall Blut. Hier und dort wälzten sich noch die Tiere in den Lachen und ächzten und schrien. Ihm rann der Schweiß vom Körper. Und er weinte. Es war ein bitteres Weinen, ein Schluchzen ohne Tränen, ein trockener Fluß, der ihn nicht erlöste.

So stand er, bis der Lärm sich gelegt hatte und nur noch vereinzelte Schüsse erklangen. Die Soldaten stiegen jetzt über die toten Tiere und blickten ihnen prüfend in die Augen. Dort, wo sie noch Leben vermuteten, setzten sie die Gewehrläufe auf die Stirnen und schossen. In seinem Versteck hörte der Hirt ihre Stimmen. Sie unterhielten sich. Einer sagte: »Wenn der ganze Schlamassel vorbei ist und wir kommen mit heiler Haut hier raus, dann vergiß nicht: Weißer Schwan. Und bring deine Sammlung mit.« Der andere lachte. »Abgemacht, klar. Den Bayrischen Sechser habe ich doppelt.« Der Hirt sah, wie sich ein Mann breitbeinig über den Nacken einer Kuh stellte und ihren Schädel an den Hörnern aufhob. »Erledigt«, sagte die erste Stimme. Und die andere: »Hier liegt ja der Köter…«

Bald danach erloschen die Scheinwerfer. Der Hirt verließ die Nische und ging zurück in den Garten. Ihm war übel. Er erbrach sich. Und er suchte einen Halt und lehnte sich an die Schulter eines der Tiere. Nach allem, was nun geschehen war, brauchte er Zeit, sich zu beruhigen. Auf dem Hof schlugen Türen, die Motoren begannen zu tuckern. Eine halbe Stunde mochte vergangen sein, als der Dragenberg wieder still und dunkel lag, so, als habe er einen ewigen Frieden geschlossen.

Da band der Hirt die beiden Rinder vom Baum und führte sie in die Hütte. Er stellte sie in den Raum, den er bewohnte. Sie sollten sich nicht mehr ängstigen. Als er jedoch die Tür hinter sich schließen wollte, bemerkte er, daß auf den Stufen des Steintritts ein Kalb stand. Er legte ihm seine Hand ins Genick. Es fror und zitterte. Und er konnte sich nicht erklären, woher es plötzlich gekommen war. »Tritt ein, du armes Geschöpf«, sagte er. Es waren die ersten Worte, die er nach dem Gemetzel sprach, und seine Stimme knarrte. »Wir lassen dich nicht allein, wenn wir nun aufbrechen, um ein Licht in der Finsternis zu finden. Der Krieg kommt näher, und ehe wir hier krepieren, wollen wir sehen, daß wir am Leben bleiben.« Sein Entschluß stand fest. Er fürchtete, die Soldaten könnten zurückkehren und sich auf dem Dragenberg verschanzen. In seiner Vorstellung sah er das Gut schon in Flammen aufgehen. Und wer so grausam die Tiere tötet, der nimmt auch keine Rücksicht auf einen alten Mann.

Das Kalb drängte sich an den Leib einer Kuh, und der Hirt nahm die Petroleumlampe, hielt sie den Tieren über die Stirnen und wollte sehen, wen er gerettet hatte. Chlothilde und Clio. Die eine erkannte er an der unregelmäßigen, wie verrutscht wirkenden Blesse, die andere an ihrem Mohrenkopf. Das Kalb gehörte Chlothilde, vor zehn Wochen erst war es geboren, es hatte im Stall nebenan gestanden.

Er setzte die Lampe wieder ab, schraubte den Docht herunter und löschte sie. Chlothilde und Clio sind gute Tiere, dachte er, und was von ihnen stammt, das kann sagen, daß es ebenfalls gut wird, und vielleicht gelingt es, mit den beiden, wenn Friede ist, eine neue Herde zu gründen. Der General und er hätten wohl dann das Gefühl, daß es wieder die Herde von Tütz werden könnte, die Zucht, die ihresgleichen suchte in Pommern. Der Herr sollte mit ihm zufrieden sein.

Im Ofen prasselten die Scheite. Und obwohl der Hirt erschöpft war, wollte er nicht schlafen. Es würde ein Wachen mit traurigen Träumen sein. Die Schreckensbilder standen ihm noch vor Augen, das Jammertal und die sieben Donner, die Schalen des Zorns. Er wollte die Nacht lieber nutzen, um sich für die Reise zu rüsten. Oranienburg, hatte der Inspektor gesagt, wo aber lag Oranienburg? Er würde sich auf dem Weg danach erkundigen. Immer gen Westen. Der Venus nach, wenn es Abend wird. Zwar leuchteten keine Sterne, die Wegweiser seit seiner Kindheit. Doch er brauchte ja nur auf die Rinde der Bäume zu achten, auf ihr Geäst, um zu wissen, welche Richtung er einschlagen mußte, sobald er in Gegenden kam, die er nicht kannte.

Zunächst aber wollte er sehen, ob er noch einen Wagen fand, der seinen Wünschen entsprach. Das Gefährt durfte weder zu schwer noch zu leicht sein, stabil, um die Last zu befördern, beweglich zugleich, damit es die beiden Kühe, die an die Anspannung nicht mehr gewöhnt waren, schonte. Hoffentlich hatten die Leute, die am Morgen bereits geflohen waren, nicht nur Gerümpel auf dem Dragenberg hinterlassen. Die Pferde hatten sie mitgenommen, das wußte er, auch die wenigen Zugmaschinen. Er bedauerte jetzt, daß er seinen Entschluß nicht schon früher gefaßt hatte und nicht mit den anderen gegangen war. Die Frauen, die Witwen, sogar die Kinder hätten ihm eine Stütze sein können. Aber er wollte nicht klagen.

Gottes Wege sind unerforschlich. Er hatte immer allein gelebt, und sein Los war es nun, auch die Flucht allein zu bestehen. Ihm blieben ja noch die Tiere. Sie erwarteten seine Hilfe, und so würde er auch allein niemals einsam sein. Er verriegelte hinter sich die Tür, trat auf den Hof und zündete wieder die Lampe an. Die Welt um ihn her schwieg. Nachts schwieg sie immer, und nicht einmal die fernen Kanonen störten die Stille. Er konnte in Ruhe jeden Schritt überdenken. Nein, mit Möbeln, Wäschebündeln, Koffern und Körben voll Hauskram wie die anderen Leute wollte er sich nicht beladen. Er brauchte vor allem Platz für Futter, wenn auf dem langen Marsch die Kühe nicht Hungers krepieren sollten.

Er rechnete nach. Anfang März. Die Luft hatte ihre schneidende Kälte schon eingebüßt, und der Himmel am Abend hatte Regen verkündet. In wenigen Wochen könnten schon Rispen und Knäuelgräser grün aus dem Boden schießen. Dann wäre er aller Sorge enthoben.

Bis dahin jedoch mußte er Rüben und Heu mitnehmen. Für sich würde er außer der Hirtenkleidung, dem Stab und dem Mantel, nur ein paar Hemden zum Wechseln und den Bettsack aus Katzenfellen einpacken. Ein bißchen Brot und Hartwurst. Er war genügsam. Und das Buch. Die Bibel brauchte er, um sie nach Rat zu fragen. Die Geschichte Hiobs wollte er lesen. Und das Hochzeitsbild, dachte er, ich werd das Bild Julianes nicht unbehütet zurücklassen. Sie ist die Frau, die mir angetraut wurde, die ihr kurzes Leben mit mir geteilt hat, und außerdem ist die Fotografie ein Geschenk des Generals, des Vaters des Generals.

Was aber sollte mit all den anderen Sachen geschehen, wenn niemand mehr auf dem Gut war, der sie verwahren konnte? Er war der letzte, der vom Dragenberg ging. Sollte er nicht die Gehöfte anstecken, damit sie dem Feinde nicht in die Hände fielen? Verbrannte Erde, Sieg oder Untergang. Aber er wußte, das er es niemals wagen würde, Feuer zu stiften. Er hatte kein Recht dazu. Nur der Blitz, der vom Himmel kommt, ist ein gesegneter Brand. Er würde die Hütte aufräumen, und sobald der Krieg beendet war, würde er wiederkommen. Die Russen, unter den Russen sind auch Bauern, und so werden sie wissen, was für ein Unglück es ist, Haus und Hof zu verlassen.

In einem Schuppen zwischen Pflügen, Eggen und anderem Gerät entdeckte er einen Ackerwagen, der ihm für die Fahrt geeignet schien. Er klemmte die Deichsel unter die Achsel, und dann zog er und zerrte, bis sich die Räder bewegten. Er hatte Mühe, es dauerte lange, und er dachte: Ein alter, verbrauchter Mann bist du geworden, schwach an Kräften, nur stark in der Schwäche. Aber es hatte Zeiten gegeben, da war er stets der erste gewesen, wenn es galt, mit den Muskeln zu spielen. Da hatte er sich mit dem Rücken unter einen solchen Wagen gestemmt und ihn von der Erde gehoben. Die Mädchen hatten ihm zugeschaut und scheu gesagt: Zeig uns mal deine mächtigen Arme, laß sie mal fühlen. Auf den Viehmärkten in Deutsch-Krone war er auf Stieren geritten. Ohne Sattel und ohne Zaum, denn ein Stier ließ sich nicht satteln und schnüren. Die Hände um die Hörner geklammert und nur mit der Kraft der Schenkel kämpfend. Der Stier hatte geschäumt. Er war wütend durch die Arena gesprungen und hatte versucht, seinen Reiter abzuwerfen. Manch einer war dabei zum Krüppel geworden. Hinter den Zäunen standen die Gutsherren, blickten auf ihre Uhren und zählten, wer von den Knechten am längsten ritt. Tütz war meistens Sieger geblieben. Und anschließend hatte der General ihm auf die Schulter geklopft und ihn zum Trunk eingeladen. Der General, Vater wie Sohn, hatte sich nie geziert, mit ihm aus einer Flasche zu trinken, auch aus der Feldflasche nicht, wenn er auf die Weiden gefahren war, um seine Besitzungen zu besichtigen. Godefred, hast du noch einen Schluck für mich? Der Staub auf den Straßen dörrt mir die Kehle aus... Nun aber rang der Hirt nach Atem und keuchte, als der Wagen endlich auf dem Hof stand. Und er mußte sich erst die Lunge voll Luft pumpen, bevor er sich über die Räder beugte und die Speichen und Felgen prüfte. Vielleicht sollte er sie vor der Fahrt noch einmal ins Wasser stellen, damit sich das Holz vollsaugte und dehnte und den eisernen Reifen einen festeren Sitz gab. Doch er würde es wohl unterwegs tun müssen. Während der Rast. Sobald er ein seichtes Gewässer träfe.

Über den Hof verstreut lagen noch immer Kadaver. Im trüben Licht der Petroleumlampe erkannte er ein abgestochenes Schwein, die Arbeit eines Fachmannes, wie es schien, und Omar, den Bullen. Was für ein stattliches Rind, dachte der Hirt, ein wahrer Berg von einem Rind, die stämmige Brust, der Nacken, ich hätte ihn ebenfalls retten sollen. Aber er hatte ja keine Zeit gehabt zu wählen. Blind hatte er zugreifen müssen. Und erst jetzt wunderte er sich, daß er nicht selbst von den Schüssen getroffen worden war. Keine Wunde. Die Nische war sein Heil gewesen. Die schützende Hand eines Engels... Offenbar hatte nicht einmal die Autokolonne ausgereicht, alles Getier von Tütz fortzuschleppen. Besonders das Dragenberg- gut war stets voller Vieh gewesen. Der deutsche Osten, sagte der General, soll nicht verhungern, solange es Tütz gibt. Die Erinnerung schwemmte dem Hirten Tränen in die Augen, und er wandte schnell seinen Blick von dem toten Bullen, um nicht noch schwächer zu werden. Er spannte sich wiederum vor den Wagen und rollte ihn auf die Scheunentenne, nahe den Futtersilos.