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Ernst-Peter Krebs gibt seinem Großvater die Gelegenheit, seinen kosmopolitisch geprägten Lebensweg einem britischen Besucher zu erzählen. Ein Leben, das im Berner Seeland beginnt, sich mit Engagements als Koch in den besten Häusern der westlichen Welt seiner Zeit fortsetzt und als Hotelier in Luzern den Höhepunkt erreicht. Der Protagonist und der Brite diskutieren über Kronkolonien, Skulpturen, Eisschränke und die Katastrophe von Dresden. »Am späteren Nachmittag, es dämmerte bereits, kam ich in Genf am Bahnhof Cornavin an. Die Männer vom Gaswerk waren eben unterwegs, die Laternen anzuzünden. Ich hatte von der Straßenbeleuchtung gehört, aber diese in Wirklichkeit zu erleben war etwas anderes. Ja, ich war in der großen weiten Welt angekommen.«
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Für Bigna und Ellen
Ein hoher Gast
16:30 | 1. Teegespräch
16:30 | 2. Teegespräch
16:30 | 3. Teegespräch
17:00 | 4. Teegespräch
17:00 | 5. Teegespräch
16:30 | 6. Teegespräch
7. Teegespräch
16:30 | 8. Teegespräch
16:30 | 9. Teegespräch
Abendessen
Epilog
Die Sommersaison 1950 neigte sich dem Ende zu, und die Luzerner Hoteliers blickten mit Genugtuung auf den Gang der Geschäfte. Die Anzahl der Übernachtungen stieg stetig, trotz der ungewissen politischen Lage in Europa, geprägt durch das Säbelrasseln zwischen Ost und West.
Vor etwas mehr als zehn Jahren hatten Emil und Minna Krebs die Leitung ihres Hotels in die Hände ihrer Kinder gelegt. Die 1899 geborene, robuste, mit beiden Beinen auf dem Boden stehende Wally Souvoroff kümmerte sich fortan um die Küche, die 13 Monate jüngere, schlanke Hilde Krebs um den Empfang und die Administration. Der vier Jahre nach Hilde geborene, leicht übergewichtige Arno Krebs, der die kräftigen Hände oft in seinen Hosentaschen vergrub, sorgte sich um die Außenbeziehungen. Er hatte im lokalen Hoteliersverein verschiedene Aufgaben übernommen, und die Wähler der Liberalen Partei hatten ihm bereits zum zweiten Mal ein Großratsmandat zugedacht. Der jüngste Sohn, der den Vornamen seines Vaters trug, hatte das Elternhaus früh verlassen. Er hatte eine Verkaufslehre absolviert und arbeitete in einem bekannten Juweliergeschäft in Luzern, wo er unlängst zum Verkaufsleiter befördert wurde.
Die Eltern blieben weiter im Hotel wohnen, teils aus Bequemlichkeit, teils aus Kurzweil. Der Patron schätzte die Hotelatmosphäre, im Speziellen die Unterhaltungen mit den Gästen. Es war dann auch dieser soziale Umgang, der ihm vor zwei Jahren half, den Tod seiner Ehefrau, diesen schmerzlichen Einschnitt, zu verarbeiten.
Der schlanke, für die damalige Zeit groß gewachsene Hotelier kleidete sich immer noch ausschließlich in dunkle Jacketts mit grauen oder grau-schwarz gestreiften Hosen, weißem Hemd mit steifem Kragen, um den er eine farbige Krawatte zu binden pflegte. Anderseits war sein Name vor langer Zeit aus allen Gästelisten größerer Anlässe gefallen, und der eingekampferte Stresemann hing seither unbenutzt in einem Kleiderschrank im Dachstock.
Im August hatte Vater Krebs im Kreise seiner Nachkommen seinen 86. Geburtstag gefeiert.
Der Gang des Seniors blieb aufrecht, auch wenn er immer öfter seinen Gehstock mit silbernem Knauf in Form eines Fisches benutzte. Sein Haar war seit vielen Jahren weiß, richtig weiß und ganz und gar nicht schütter. Nach bestandener Kochlehre hatte er sich einen Zwirbelbart wachsen lassen, den er mit zunehmendem Alter nach und nach bis auf zwei, drei Finger zurückstutzte. Anfänglich achtete er darauf, die grauen Haare auszuzupfen. Die Bemerkung seiner Frau Minna, dass ihm weiß gut stehe, half ihm, diese Eitelkeit abzulegen. Ein größeres Problem waren seine mehr grauen als grünen Augen, deren Sehkraft über die Jahre stark nachgelassen hatte.
Das Hotel, ein Haus der oberen Mittelklasse, hatte er vor 40 Jahren von einem Herrn Simmen erworben und zusammen mit seiner Familie mit Herzblut betrieben. Der Vorbesitzer hatte das Gebäude, eine Blockrandbebauung, zu einem Hotel umgebaut und einen Fahrstuhl einbauen lassen.
Die Liegenschaft lag im Herzen der Stadt, an der beidseitig mit Hainbuchen gesäumten Zentralstraße, gleich neben dem Bahnhof.
*
Der hohe Gast ließ sich Mitte September telefonisch ankündigen. Eine weibliche Stimme erkundigte sich im Namen von Her Majesty’s Most Loyal Opposition über freie Zimmer mit Sicht auf die Berge.
Nachdem der Preis für ein ruhiges Zimmer einschließlich Halbpension ausgehandelt worden war, nahm Hilde Krebs die Reservation für Herrn Archibald Sharp entgegen. Dieser würde am 23. September für einen Aufenthalt von 10 bis 14 Tagen in Luzern eintreffen. Da die genaue Ankunftszeit noch nicht bekannt war, bat Hilde Krebs um vorhergehende Benachrichtigung, damit der Hotelportier Herrn Sharp am Bahnhof behilflich sein könne.
Britisches und amerikanisches Militärpersonal, stationiert in den entsprechenden Besatzungszonen in Deutschland, verbrachte seinen Urlaub gerne in Luzern. Die Tochter des Hauses war unschlüssig, ob dieser Gast dieser Kategorie Urlauber zuzuordnen sei. »Na, wir werden es erfahren«, sagte sie zu sich.
An besagtem Tag, einem Samstag, kurz nach 18 Uhr, wurden die beiden Flügel der Schwingtüre mit Wucht aufgestoßen, gerade so, als ob sich der erste Herbststurm einen Weg ins Gebäude bahnen wollte. Von draußen rief eine resolute Stimme: »Arrivée, Mr. Sharp!«
Der Hotelportier hinderte die Türen am Zurückschwingen, sodass der Gast in die mit einem zartgelb gegossenen Steinboden ausgelegte Empfangshalle eintreten konnte. Dieser zog mit seiner linken Hand seine dunkle Kopfbedeckung, eine Art Melone, und ging mit ausholenden Schritten über den Terrazzoboden, der den Wänden entlang mit einem dunklen Band und in den Ecken mit einer schemenhaften Lilie geschmückt war.
Als er den Empfangstresen, der die Rezeption und das Büro vom Vestibül trennte, erreichte, sagte er mit sonorer, sympathischer Stimme: »May I introduce myself, I am Mr. Sharp, Archibald Sharp.«
Mr. Sharp trug einen bis über die Knie reichenden, schwarzen, jetzt aufgeknöpften Mantel. Für einen perfekten Londoner fehlte eigentlich nur ein sauber gerollter Regenschirm. Der Besucher war von mittlerer Statur, etwas rundlich, auch im Gesicht. Das Wenige, was von seiner Kopfbehaarung geblieben war, zeigte eine rötliche Farbe. Inzwischen hatte er seinen Hut auf die Brüstung zwischen einen Aschenbecher aus Glas, ein Werbegeschenk der lokalen Brauerei, und den bronzenen drei Affen, die nichts Böses sehen, hören und sagen, abgelegt.
Die Rezeptionistin, eine junge, hübsche Praktikantin, begrüßte den Gast freundlich auf Englisch, erkundigte sich nach dem Verlauf seiner Reise und drückte gleichzeitig mit ihrer flachen Hand auf die Tresenklingel. Der helle Klang erregte die Aufmerksamkeit der Tochter des Hauses. Als Hilde Krebs im Vestibül eintraf, hieß sie den Gast, der gerade mit dem Ausfüllen des Meldeformulars beschäftigt war, willkommen. Dieser hob seinen Kopf, ließ seine hochgeschobene Hornbrille auf die Nasenflügel zurückgleiten und sagte in deutscher Sprache: »Guten Abend. Es freut mich, Sie kennenzulernen.«
Hilde Krebs zögerte kurz, dann antwortete sie: »Die Freude liegt ganz auf unserer Seite. Sind Sie gut gereist?« Die beiden führten ein zwangloses Gespräch, das schließlich bei der Witterung endete.
Als sie den Gast in sein Zimmer führen wollte, sagte Herr Sharp: »Beim Eingang Ihres Hotels wird Emil Krebs als Proprietär genannt. Ich nehme an, dass es sich um Ihren Vater handelt«, und als Hilde Krebs bejahend nickte, »ich würde Herrn Krebs gerne kennenlernen, um ihm ein spezielles Anliegen mitzuteilen.«
»Ich werde meinen Vater ins Bild setzen«, antwortete sie, »er wird sich freuen, Sie morgen im Salon bei einem Nachmittagstee zu begrüßen. Sagen wir so um vier Uhr. Ich werde Ihnen die genaue Uhrzeit nach Rücksprache mit meinem Vater umgehend mitteilen.«
Der Portier wartete die ganze Zeit bei der Schwingtüre, deren Flügel aus mit Holz eingefasstem Glas bestanden. Im Glas waren die ineinander verschlungenen Buchstaben H und C, die für Hotel Central standen, eingeätzt.
Den mittelgroßen Lederkoffer des Gastes, wohl aus Rindsleder, vom Gebrauch an den Ecken leicht verschlissen, hatte der Concierge zu seiner Rechten abgestellt. In der linken Hand hielt er seine steife Mütze, auf der mit fetter, sich abhebender Majuskelschrift der Name des Hotels stand. Er fühlte sich in der weiträumigen Halle, die an den Wänden bis über seinen Kopf mit einem hellen Grün, darüber weiß, gestrichen war, stets etwas einsam, da er als Italiener es mochte, Leute um sich zu haben. Er folgte dem Gespräch mit gespitzten Ohren, um die Zimmernummer bestätigt zu bekommen. Zu sich selber sagte er: »Die Nr. 2 im 4. Stock mit Erker und bester Sicht auf die Rigi, den Bürgenstock und das Stanserhorn ist das schönste Zimmer, das wir haben.«
Hilde Krebs, in einem lindengrünen knielangen Deuxpieces, das gut zu ihren haselnussbraunen Augen passte, öffnete für den Gast die Lifttüre. Archibald schätzte die Tochter des Hauses auf knappe 50 Jahre, wobei ihm ihre makellosen Beine ins Auge fielen. Beide traten in den mit dunklem Holz ausgekleideten, nur mit einer Glühlampe schummrig beleuchteten Fahrstuhl. Nachdem das Scherengitter scheppernd eingehakt worden war, bewegte sich der Aufzug nach einem Ruck gemächlich nach oben. Von außen konnte man die Bewegung des Liftes durch ein kleines, spitz stehendes Fenster verfolgen.
Da es als unschicklich galt, den Gast zusammen mit seinem Gepäck im Lift hochzufahren, der Portier jedoch die Wichtigkeit des Gastes erkannt hatte, trug er den Koffer unverzüglich die großzügige, mit einem Läufer ausgelegte Steintreppe hoch. Vom ersten Stock an war der Aufstieg aus Holz. Diese Stufen wie die Parkettböden der Etagengänge knarrten beim Begehen. Ein nicht unangenehmes Geräusch, ein Ächzen halt, und einige Gäste fragten sich, wie viele Menschen wohl schon über diese gut gebohnerten Böden und Treppen gegangen waren.
Als die Tochter des Hauses zurückkam, meldete sie der Rezeptionistin, dass der Gast sich sehr positiv über das Zimmer geäußert habe. Und zudem, so sagte sie, wolle Herr Sharp heute auf dem Zimmer essen und früh zu Bett gehen. Das in eine weiße Bluse mit schwarzem Rock gekleidete Zimmermädchen wurde beauftragt, die Bestellung entgegenzunehmen und alles Nötige zur Zufriedenheit des Gastes vorzukehren.
Als das Abendessen abgetragen wurde, erschien die Kellnerin kurzatmig an der Rezeption. »Fräulein Krebs«, die von der Saaltochter benutzte Anrede war in den 1950er-Jahren für unverheiratete Frauen jeglichen Alters gebräuchlich, »würden Sie mir bitte den Schlüssel zum Weinkeller geben. Die Herrschaften von Tisch 5 baten um eine zusätzliche Flasche Aloxe-Corton.« Die Tochter des Hauses händigte der Kellnerin den leicht angerosteten Buntbart-Schlüssel aus und notierte mit einem Lächeln die Weinbestellung in der Abrechnung.
Ein paar Minuten später kamen Emil Krebs und Tochter Wally zum Empfang und setzten sich im Kontor auf die zwei freien Stühle. Wally hatte sich eine frische weiße Kochschürze umgebunden, wodurch ihr olivfarbener Teint noch stärker zum Ausdruck kam. Die Hautfarbe ihrer Schwester Hilde wirkte dagegen extrem hell, aber möglicherweise war es das kalte Kunstlicht des Büros, das diesen Eindruck übermäßig aufscheinen ließ. Hilde erwähnte gerade die Ankunft von Herrn Sharp, worauf Wally fragte: »Ist er ein englischer Gentlemen, möglicherweise ein Adliger?«
Vater Emil zeigte Bedenken: »Ein Sir ist er sicher nicht. Ich habe noch nie eine vom britischen König geadelte Person getroffen, die ihren Titel nicht bei erster Gelegenheit genannt hätte. Ob er ein Gentleman ist, dafür müssten wir seinen gesellschaftlichen Status kennen. Und …«
Seine Tochter Hilde unterbrach ihn. »Papa, ein Gentleman wird nicht durch den Status, sondern durch sein Auftreten und sein Benehmen definiert. Herrn Sharps Kleidung ist von bester Qualität. Sein Hemd war, ich habe genau hingeschaut, auch nach der Reise blütenweiß und kaum verknittert. Sein Koffer ist nicht mit Hotel-Etiketten verunstaltet. Die meisten Gäste brüsten sich gerne mit Aufklebezettel der Häuser, in denen sie abgestiegen sind. Dass Herr Sharp die deutsche Sprache beherrscht, beeindruckt mich.«
Der Vater schmunzelte.
In diesem Augenblick fiel eine Klappe der alten Hotelrufanlage. Die beiden Töchter fixierten den gegenüber der Rezeption an der Wand angebrachten Kasten aus Holz, in dem eine der 12 Klappen weiß aufschien. Das System der Firma Hasler aus dem Jahre 1911 war durch den Einbau einer neuen Telefonzentrale mit Verbindungen zu den meisten Gästezimmern obsolet geworden, aber die Außerbetriebnahme hatte sich verzögert.
Während Tochter Wally durchs Vestibül Richtung Küche davoneilte, rief sie über die Schulter ihrer Schwester zu: »Hatten wir nicht vereinbart, dieses Gerät rauszuschmeißen?« Dabei wuschelte sie mit der rechten Hand durch ihr volles schwarzes Haar, das am Ansatz des Scheitels einen grauen Streifen zeigte. Bevor sie die Treppe erreichte, griff sie nach ihrer Kochhaube in der Schürzentasche.
Hilde Krebs setzte mithilfe einer am Kasten seitlich angebrachten Flügelschraube die gefallene Klappe in ihre Grundstellung zurück. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, strich mit ihrem rechten Zeigefinger liebevoll über den breiten Eichenrahmen, betrachtete kurz den auf ihrem Finger angehäuften Staub und rieb diesen mit dem Daumen ab. Mit einer eleganten Bewegung setzte sie sich an die Telefonzentrale, um den Gast, der die Klappe ausgelöst hatte, anzurufen.
Luzern, Sonntag, 24. September 1950 Morgennebel; leicht bewölkt; 6 Std. Sonne; Luft (12:30) 16°C
Archibald Sharp, elegant, aber weniger formell als am Vortag gekleidet, trat durch die verglaste, beim Schließen scheppernde Tür in den Salon. Ein Tisch nahe am Fenster war mit einem weißen Tischtuch gedeckt, darauf standen zwei Teller, zwei Teetassen und ein Teekrug aus Porzellan. In einer Schale lagen Löffelbiskuits zum Naschen bereit.
Archibald Sharp musterte die Möblierung. »Eine Mischung aus Louis XV. und Bequemlichkeit«, dachte er. Die Sessel und Tischchen waren großzügig angeordnet, jede Einheit mit einer Stehlampe mit gedrechseltem Gestell ausgestattet, das große Fenster zur Straße mit goldgelben Samtvorhängen geschmückt. Die überdurchschnittliche Raumhöhe wirkte nobel und ließ den Wänden Platz für Bilder. An der Wand links vom Eingang bemerkte Archibald Sharp ein großes, in einen schlichten Rahmen gefasstes Ölbild. Er tippte auf 17. Jahrhundert und war sich sicher, die Frau im Zentrum als Maria Magdalena zu erkennen, insbesondere als er in ihren Händen einen Salbentopf und links im Schatten der Bäume ein offenes Grab erblickte. »Aha, ein klassisches Ostermotiv«, ging es ihm durch den Kopf.
Als Emil Krebs eintrat, ging der Gast auf ihn zu: »Guten Abend, ich bin Archibald; darf ich Sie Emil nennen?«
Sie setzten sich, und Archibald trug unverzüglich sein Anliegen vor. »To let the cat out of the bag, ich bin für einen guten persönlichen Freund nach Luzern gekommen. Aus Gründen der Vertraulichkeit darf ich seinen Namen nicht nennen. Mein Freund plant, sich im nächsten Frühjahr eine Auszeit zu nehmen. Er hat die französischsprachige Schweiz mehrmals besucht. Viele seiner Bekannten haben ihm dazu geraten, Luzern und die Umgebung kennenzulernen. Ob er alleine oder zusammen mit seiner Frau reisen wird, ist noch unklar. In seiner Freizeit gibt er sich der Malerei hin. Bei dieser Tätigkeit, so sagt er, komme er auf andere Gedanken. Meine Aufgabe besteht darin, seinen Aufenthalt vorzubereiten und ihm ein paar wenige Motive vorzuschlagen.«
»Falls ich oder wir Ihnen dabei helfen können, zögern Sie nicht, uns zu fragen. Malsujets zu wählen erscheint mir eine sehr persönliche Angelegenheit zu sein. Ihr Freund vertraut Ihnen offensichtlich?« Emil Krebs war seine Verwunderung anzusehen.
»Ob er mir vertraut, weiß ich nicht. Allerdings bin ich in dieser Beziehung kein unbeschriebenes Blatt. Gleich nach meiner Pensionierung half ich in der Tate Galerie als Kurator aus. Außerdem glaube ich, seinen Geschmack zu kennen.« Archibald Sharp lächelte versonnen, was den Hausherrn auf einen in der englischen Gesellschaft wichtigen Mann schließen ließ, für den sein Gast unterwegs war.
»Nebenbei bemerkt, bei meinem Spaziergang am See habe ich heute ein paar Sujets bemerkt. Ich bin nach der breiten Brücke dem Seeufer gefolgt und etwas später an imposanten Hotel-Palästen vorbeigekommen. Die Wärme der Sonnenstrahlen und der Blick auf die vom Dunst verschwommenen Schneeberge haben mir gefallen.
Je mehr ich mich vom Zentrum der Stadt entfernte, desto weniger Spaziergängern bin ich begegnet. Am Ende des Quais, dort, wo quer zum See eine Reihe zu eng bepflanzter, aber gut gepflegter Pappeln stehen, sprang mir eine Skulptur, eine mit roter Farbe verunstaltete, barocke Frauenfigur ins Auge. Auf dem steinernen Podest las ich die eingemeißelten Worte Carl Spitteler zu Ehren. Who the hell was Spitteler?«
Das Wort Spitteler sprach der Gast mit einem kurzen, spitzen i aus, dabei schürzte er seine vollen Lippen.
Der altgediente Hotelier wollte seinem Gesprächspartner eine Tasse Tee einschenken, zögerte jedoch. »Archibald, darf ich Ihnen die Milch reichen? Ich nehme an, Sie als Brite möchten die Milch vor dem Tee in die Tasse gießen.«
Erstaunlicherweise widersetzte sich Archibald dieser Ansicht, die fast die ganze Welt von den teetrinkenden Engländer hat. Ihm sei das eigentlich egal, beides sei möglich, antwortete er. »Es ist so, dass die Aristokratie eher die Milch zum Tee gießt. Dies, weil sich die Oberschicht teureres und somit hitzebeständigeres Geschirr leisten kann. Beim billigen Geschirr empfiehlt es sich, den Tee auf die kalte Milch zu gießen, um einen heftigen Temperatursprung und ein mögliches Springen der Tassen zu vermeiden.«
Nachdem die beiden einen Schluck Tee genommen hatten, Archibald sich ein Biskuit zwischen die Lippen geschoben und sich dieses sogleich im Mund aufgelöst hatte, setzten sie sich in die bequemen Polstersessel.
Emil Krebs ergriff das Wort. »Carl Spitteler erhielt 1919 den Literaturnobelpreis. Er kam ursprünglich aus der Gegend von Basel, hatte sich aber früh hier in Luzern niedergelassen und kämpfte während des 1. Weltkriegs für den Zusammenhalt der Schweiz.
Nun zum Standbild, das den Namen Die Liegende trägt. Sie nannten die Figur barock, meinten Sie damit üppig?« Archibald Sharp nickte und Emil Krebs fuhr fort: »Meine Empfindung geht in Richtung … lasziv. Eine laszive Figur, die den fremden Blick nicht scheut, aber offensichtlich die Gefühle einiger Menschen verletzt. Das Vollschmieren des Denkmals geht allerdings viel zu weit; unnötig, wirklich unnötig!«
Archibald Sharp warf ein: »In der englischen Sprache ist ein Denkmal ein Memorial, also etwas, das an eine Sache oder Person erinnern soll. Das wird im Deutschen gleich sein, aber ich habe Schwierigkeiten, dem Wort einen Sinn abzuringen«, mit einem Schmunzeln, das sich über sein ganzes Gesicht ausbreitete, fuhr er fort, »hat das Wort womöglich mit einer Speise zu tun, die den Betrachter besinnlich stimmen soll?«
Emil Krebs lachte. »Aber nicht doch! Denkmal schreibt man ohne h. Wenn wir schon Wortspiele betreiben, dann sehe ich darin eher ein Denk mal!, also eine Aufforderung zum Nachdenken.
Archibald, wo haben Sie die deutsche Sprache erlernt? Sie sprechen unsere Sprache sehr gut und besitzen einen beeindruckenden Wortschatz!«
»Meine Mutter kam aus Hamburg. Sie hat mit mir ausschließlich Deutsch gesprochen. Noch heute lese ich selten, aber mit Freude, ein Buch auf Deutsch. Auch während der Zeit, in der man dies besser nicht in der Öffentlichkeit kundgetan hat, habe ich deutsche Bücher gelesen.«
»Zurückkommend auf die Skulptur«, nahm der Hotelier den Faden wieder auf, »mich faszinieren Denkmäler, beispielsweise das Löwendenkmal hier in Luzern oder, wenn wir bei diesem stolzen Tier bleiben, die aufrecht sitzenden Löwen, die die Brückenköpfe der Khedive-Ismail-Brücke in Kairo bewachen oder …«
»Wir sollten die vier Löwen, die die Nelson-Säule auf dem Trafalgar Square bewachen, nicht vergessen. Einige Personen sind der Meinung, dass diese Wüstenkönige missglückt sind. Möglich, dass ihre Häupter zu schmal geraten sind. Möglich, dass ihre Mähnen, ein Zeichen für Kraft und Macht, zu wenig stattlich sind. Trotzdem bin ich als Engländer sehr stolz auf die von Sir Edwin Landseer geschaffenen Löwen. Ja, dieses Tier ist ein Symbol für Erhabenheit, Kraft und Sicherheit. Wir Engländer tragen ja zweimal drei Löwen auf rotem Grund im Wappen. Nun, eigentlich handelt es sich um Leoparden, aber die Allgemeinheit spricht von Löwen.«
»Sind Sie in London zur Welt gekommen?«, fragte Emil Krebs.
»Ja, in der City, darum bin ich ein Cockney … Ich möchte jetzt nicht unhöflich erscheinen, aber auf die Stadt am Nil zurückkommend, würde mich interessieren, woher Sie die Ismail-Brücke in Kairo kennen?«
»Ich arbeitete eine Wintersaison in der Küche des Ghesireh Palace Hotels, das war 1893/94. Und die folgenden zwei Wintersaisons stand ich als Garde Manger in der Küche des Shepheard’s Hotel, gerade neben der britischen Residenz und nicht unweit der Nilbrücke, in Diensten.«
»Ich kenne das Shepheard’s gut, habe dort als Angestellter des Kolonialministeriums übernachtet. Das ist lange her, ich war noch jung, etwas über dreißig. Ein vorzügliches Hotel, sicher das beste am Platz. Leider konnte ich den Luxus nur kurz genießen: Zweimal auf der Durchreise nach Indien und einmal auf einer offiziellen Mission nach Ostafrika. Das war, lassen Sie mich überlegen, über zehn Jahre nach Ihrer Zeit. Ich habe damals einen Aufenthalt in Kairo der Fahrt durch den Suezkanal vorgezogen. Ja, mir wird es warm ums Herz, wenn ich an den Nachmittagstee auf der Hotelterrasse neben dem überdachten Haupteingang mit Blick auf die flanierenden Leute auf der Ibrahim-Pasha-Straße denke«, schwelgte Archibald mit geschlossenen Augen in Erinnerungen.
»Ganz Kairo traf sich dort zum Tee, um sehen und gesehen zu werden. Ein anderes gutes Lokal war die Patisserie Gianola«, meldete sich Emil zu Wort.
»Ja, ja, diese Konfiserie kenne ich auch. War Gianola nicht ein Schweizer? Aber das Shepheard’s, und ich spreche nicht nur von der Terrasse, sondern vom Hotel, spielte in einer ganz anderen Liga.«
»Ganz Ihrer Meinung, Archibald. Bereits zu meiner Zeit brüstete sich das Hotel mit elektrischem Licht, einem hydraulischen Lift und einem eigenen Telegrafen- und Postbüro. Ich erinnere mich noch an das Briefpapier mit der Zeichnung des Gebäudes im Briefkopf. Darunter stand die Telegrafen-Adresse: SHE …«
Der Gast unterbrach: »Nicht zu vergessen die Anglo-American Bar und das gediegene Restaurant mit den in roten Pluderhosen und weißen Hemden gekleideten Kellnern. Vor meiner ersten Reise konsultierte ich den Baedeker. Da las ich, dass die Stammkundschaft des Hotels aus Engländern und Amerikanern bestehe. Ja, und diese Beschreibung entsprach dann auch der Wirklichkeit. Emil, sagen Sie mir, welche Arbeit verrichtet ein Garde Manger?«
Mit sichtlicher Freude erläuterte der ehemalige Koch, dass ein Garde Manger die Verantwortung für die kalte Küche trägt, und dass er beispielsweise Pasteten und Terrinen aus Fischen, Muscheln, Geflügel und Wild zubereite. Dann erkundigte er sich, ob Archibald auch den Garten des Shepheard’s und den Kléber-Baum gesehen habe.
Archibald Sharp stand auf, schritt zum Fenster und schaute auf den Boulevard mit breitem Gehsteig und den bereits herbstlich gefärbten Laubbäumen. Auf der anderen Seite, hinter einem hohen Eisenzaun, sah er das Bahnhofsareal. »Den Garten am Ufer des Nils kenne ich sehr wohl. Ein Ort, den ich mit Muße verbinde. Über einen speziellen Baum ist mir nichts bekannt.«
Der Gastgeber füllte beide Tassen mit Tee. »Das Gelände, auf dem das Hotel 1841 gebaut worden war, besitzt historischen Wert. Napoleon hatte dort 1798 sein Hauptquartier, ich nehme an, eine Zeltstadt, aufgeschlagen. Ein Jahr später wurde General Jean-Baptiste Kléber, sein Nachfolger im Amt des Oberbefehlshabers ebenda von einem syrischen Studenten mit einem Degen massakriert. Eine bescheidene Plakette im Garten erinnert an diese Tat.«
»Diese Geschichte ist mir tatsächlich entgangen. Dafür weiß ich, wer Herr Shepheard war.«
Der Gastgeber schaute verwundert. »Über den ersten Patron wurde im Hotel oft und anerkennend gesprochen. Er war Engländer, aber mehr ist mir nicht bekannt.«
»Richtig, ein Engländer. Ein nach einer Schiffsmeuterei in Ägypten ab- oder ausgesetzter Engländer. Aber Samuel Shepheard hat seinen Weg gemacht und viel Anerkennung erhalten. Im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zur Eröffnung des Suezkanals spielte sein Hotel eine wichtige Rolle.«
Der Gastgeber nickte. »Unter den Angestellten erzählte man sich die Ereignisse anlässlich der Eröffnung des Kanals im November 1869 immer und immer wieder, auch wenn nur die wenigsten selber dabei waren. So wurde kolportiert, dass Giuseppe Verdi Gast des Hotels war, was nicht richtig ist, denn die Uraufführung der ›Aida‹ fand in Kairo erst ein oder zwei Jahre später statt. Auch dann ist er wohl kaum zur Premiere gefahren. Er hatte den lukrativen Auftrag von Ismail Pasha gern entgegengenommen, aber später bereut, da ihm die Protzerei des Khediven auf die Nerven gegangen ist.«
»Emil, wir sollten uns morgen wieder treffen, und dann müssen Sie mir mehr über Ihre Erlebnisse in Kairo erzählen. Ich werde mir mehr Zeit reservieren. Heute ruft mich leider eine andere Pflicht; ich muss in einer politisch heiklen Angelegenheit einen Bericht verfassen. Eigentlich bin ich längst in Pension, als langjähriger Mitarbeiter in der Verwaltung sind meine Analysen jedoch immer noch gefragt.«
Emil Krebs warf noch eine letzte Frage auf. »Sie haben irgendwann das Wort Cockney erwähnt. Entschuldigen Sie meine Ignoranz. Was ist ein Cockney?«
»Nun, ein Cockney ist eine Person, die in Hörweite der Bow-Bells geboren worden ist. Das sind die Glocken der Kirche von St. Mary-le-Bow in der Londoner City. Die Cockneys sprechen einen speziellen Dialekt, der an der Schule und Universität, die ich besucht habe, nicht gesprochen wird.
