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Der Bericht eines Zeitzeugen aus seinem nicht ganz gewöhnlichen Leben ... Der Vater von der Gestapo wegen subversiver Tätigkeiten gegen das Deutsche Reich in Frankreich gesucht, verhaftet und, 1942, nach Deutschland, in das Zuchthaus Brandenburg verbracht. Ich, der Autor, damals knapp zwei Jahre alt wurde dann mit meiner Mutter von meinem Geburtsort, Montauban / Frankreich, ''heim ins Reich'' repatriiert. In Berlin erlebte ich die ersten Bombenangriffe und wurde ins friedliche Pommern evakuiert. Nach dem Zusammenbruch und dem Ende des Krieges erfolgte die Flucht nach Berlin. Dann, nach dem plötzlichen Tod meines Vaters, die nochmalige Flucht von Ost- nach West-Berlin, wo ich die intensiv erlebte Jugendzeit verbrachte. Es folgt der Umzug in die BRD. 1965, inzwischen verheiratet und junger Familienvater, wurde ich unverhofft, bereits im Alter von 24 Jahren, zum Wehrdienst eingezogen. Nach vorzeitiger Entlassung und dem Kampf um Anerkennung als Wehrdienstverweigerer, engagiert ich mich in den 60er Jahren dann politisch ...
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Seitenzahl: 221
Veröffentlichungsjahr: 2018
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'Der geklaute Elefant' ist der Bericht eines Zeitzeugen aus seinem nicht ganz gewöhnlichen Leben ...
Der Vater, von der Gestapo wegen subversiver Tätigkeiten gegen das Deutsche Reich in Frankreich gesucht, verhaftet und, 1942, nach Deutschland, in das Zuchthaus Brandenburg verbracht.
Ich, der Autor, damals knapp zwei Jahre alt, wurde dann mit meiner Mutter von meinem Geburtsort, Montauban / Frankreich, ''heim ins Reich'' repatriiert.
In Berlin erlebte ich die ersten Bombenangriffe und wurde ins friedliche Pommern evakuiert.
Nach dem Zusammenbruch und dem Ende des Krieges erfolgte die Flucht nach Berlin.
Dann, nach dem plötzlichen Tod meines Vaters, die nochmalige Flucht von Ost- nach West-Berlin, wo ich die intensiv erlebte Jugendzeit verbrachte. Es folgt der Umzug in die BRD.
1965, inzwischen verheiratet und junger Familienvater, wurde ich unverhofft, bereits im Alter von 24 Jahren, zum Wehrdienst eingezogen.
Nach vorzeitiger Entlassung und dem Kampf um Anerkennung als Wehrdienstverweigerer, engagierte ich mich in den 60er Jahren dann politisch ...
Chris Hill:
Der geklaute Elefant
Eine Zeitreise durch Krieg, Flucht, Leben im Berlin der Nachkriegszeit. Jugendlicher Übermut. Erlebtes, Erlittenes und Gesammeltes aus sieben Jahrzehnten.
Texte: © Copyright by Christian Hill Umschlaggestaltung: © Copyright by Christian Hill
Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Auf meine Fragen, was sich in der grünen Schachtel befände, kam jedes Mal nur die Antwort:
'' Das verstehst du nicht – bist noch viel zu klein.'' Das Interesse daran, kam dann erst zurück mit Mutters Tod, beim Ausräumen der Schränke. Was ich in der Schachtel fand? Alte Briefe und Postkarten, deren Inhalte so erschütternd und gleichzeitig auch fesselnd waren, dass ich erst einmal, nicht aufhören konnte diese zu lesen. Es waren dies Briefe meines Vaters an meine Mutter und, später dann, Postkarten an mich selbst. Alle mit dem Absender und abgestempelt vom Zuchthaus in Brandenburg / Havel. Dort waren politische Häftlinge des Naziregimes inhaftiert – also auch mein Vater.
Nun war meine Neugierde geweckt, auch wenn mich anfangs das Gefühl beschlich Dinge zu lesen, die allein meine Eltern betrafen. Andererseits waren die Briefe auch durch die Zensur der Gestapo gegangen und enthielten keine intimen Details. Doch das Lesen brachte neue Fragen. Aber niemand lebte mehr, der Antworten geben konnte. Zum Glück verfüge ich jedoch über ein phänomenales Gedächtnis. Das half mir ein gutes Stück zurück in die Vergangenheit. Ich erinnerte mich an abendlichen Gespräche der Erwachsenen und natürlich daran, was ich selbst erlebt habe.
Vieles erscheint mir, mit dem zeitlichen Abstand, zwar nicht mehr so dramatisch, wie es tatsächlich einst war. Doch beim Schreiben öffneten sich, tief im Unterbewusstsein verborgene, unvermutete Türen hinter denen sich scheinbar längst Vergessenes, wiederfand. Auch einige Neben- oder Oberflächlichkeit und jugendliche Unreife, doch viele Begebenheiten die mein späteres Leben beeinflussen sollten.
Ich nehme dich jetzt mit auf eine Zeitreisedurch Krieg und Flucht, in das Leben im Berlin der Nachkriegszeit. Vom Übergang in eine eine neue Zeit. Erzähle vom jugendlichen Übermut und dem Kampf der Generationen.Dabei ist alles noch gar nicht so lange her – und ist doch bei vielen Menschen schon längst vergessen. Weitestgehend weg gelassen habe ich meine Familie, meine Frau und unsere Kinder Betreffendes. Und dafür wirst du sicher Verständnis haben.
1941: Wurde ich im März 1941in Montauban, im Süden Frankreichs, als Kind deutscher Emigranten geboren. Sarkastisch ausgedrückt könnte ich sagen, dass ich mein Dasein dem Massenmörder und Weltzerstörer Adolf H. 'verdanke'.
Ende 1942 wurden dann meine Mutter und ich auf Veranlassung der deutschen Besatzungstruppen von Frankreichs nach Berlin, der Heimatstadt meiner Mutter 'verbracht', (''eine deutsche Frau hat ihre Arbeitskraft dem deutschen Volke in der Heimat zur Verfügung zu stellen''). Meinen Vater hatte die Gestapo, im Rahmen der Vereinbarungen zwischen Deutschem Reich und (französischem) Vichy-Regime unter Marschall Pétain, nach dem jeder Gesuchte auf Anforderung (§19a) der Gestapo auszuliefern sei, bereits vorher verhaftet und in das Zuchthaus von Brandenburg 'überstellt', in dem die 'Politischen' inhaftiert waren.
Insgesamt bin ich mehr als zwanzig mal umgezogen. Der erste Wohnortwechsel war der von Montauban nach Berlin. Weder freiwillig, noch fand dieser mit einem Möbeltransporter statt, sondern mit einer langen Bahnfahrt. Mein Gepäck bestand aus einem Köfferchen mit ein paar Sommersachen, denn Winterkleidung benötigte ich in Südfrankreich ja nicht. Als Erinnerung an Frankreich eine nagelneue Baskenmütze sowie meinen Talisman, die von meiner (halbjüdischen) Cousine Sabine aus grauem Rupfen gebastelte, gleichnamige Puppe. Das Gepäck meiner Mutter war auch kaum umfangreicher. Das Nötigste eben.
1943:Ankunft in Berlin
Nach unserer Ankunft in Berlin wurde ich bei Königs untergebracht; das waren Tante Lotte, (eine der drei Schwestern meiner Mutter) und ihr Mann Bruno. Meine Mutter arbeitete bei Siemens und beaufsichtigte dort eine Gruppe zwangsverpflichteter Ausländerinnen. Junge Frauen aus allen von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten. Nur am Wochenende konnte Mutter uns in Alt-Glienicke besuchen.
Inzwischen besaß ich auch den hier notwendigen, wärmenden Wintermantel und sogar einen eigenen Schlitten. Konnte mir nicht vorstellen wofür der zu gebrauchen war und benutzte ihn deshalb, vorerst, als mein privates Sitzmöbel. Doch auch Puppe Sabine und der geliebte Teller mit Grießbrei fanden noch Platz darauf.
Der 2. Weltkrieg kroch, wie eine Krake, allmählich auch in den Berliner Alltags. Auch wenn noch keine kriegerischen Handlungen zu verspüren waren, begann doch eine Leben gefährdende Zeit. So bedeutete es, z.B., für Bruno ein großes Risiko, wenn er allabendlich und wie zigtausende andere Berliner, heimlich den britischen Rundfunk BBC abhörte. Das war aller strengstens verboten. Nicht nur das Abhören allein war schon eine große Gefahr, sondern dass er mich Knirps mithören ließ. Denn hätte ich mich gegenüber Fremden verplappert, so hätte das Brunos Ende bedeutet. Zwar begriff ich nicht was hier ablief, doch überfiel mich ein Schauer, wenn wir im abgedunkelten Zimmer, die Ohren ganz dicht am Gerät, saßen und auf das geheimnisvolle und mir bis heute unvergessene "Dum, Dum, Dum - Dum, Dum, Dum" des Londoner Rundfunks warteten.
Das Skalenlicht des 'Volksempfängers', diesem einfachen kleinen Radio, beleuchtete unsere Gesichter gespenstisch.
''.. Bombergeschwader im Anflug auf ...'' und es folgte die Aufzählung betroffener deutscher Städte.
Was sich wirklich hinter diesen Meldungen verbarg, konnte ich gar nicht begreifen, wollte nicht in meinen kleinen Kopf - doch ich ahnte und spürte das Besondere dieser Situation. Den 'Feindsender' abzuhören war auch deshalb unter allerstrengstes Verbot gestellt, weil der die propagandistischen Lügen, die die deutschen Sender im Sinne der nationalsozialistischen Propaganda verbreiteten, entlarvte. Warum Bruno sich trotzdem entschloss, mich Dreikäsehoch daran teilhaben zu lassen, ist für mich immer noch mit einem großen Fragezeichen versehen und er konnte mir das auch später nicht wirklich erklären. Wenn ich ihn fragte, zuckte er nur mit den Schultern.
Allmorgendlich dröhnte von der nahen Johannisthaler Flugzeugwerft, auf der anderen Seite des Teltowkanals, das Brüllen der Motoren, die hier zur Reparatur standen. Da ich aber nie eines dieser Flugzeuge zu sehen bekam, hatte ich natürlich auch keine Vorstellungen, was dieser Lärm tatsächlich bedeutete. Nur machte er mir instinktiv Angst. Die Erwachsenen, die auch nichts weiter wussten, oder nicht darüber reden wollten, sagten nur: ''Is nichts weiter, nur Flugzeuge.'' Was aber waren Flugzeuge überhaupt?
1943: Die Gartenlaube
Ungefähr ein halbes Jahr war seit meiner Ankunft vergangen. Es war das Frühjahr 1943, als der Krieg dann auch uns direkt erreichte und damit auch in mein Kinderleben platzte.
Bruno und Lotte hatten, nicht weit vom Wohnhaus, einen Schrebergarten mit kleiner, selbst gebauter Laube. Hier verbrachte man die sommerliche Freizeit und füllte, bzw., ergänzte mit dem gezogenen Obst und Gemüse die inzwischen karge Speisekarte. Und da sich unter dem Wohnhaus kein Keller befand in welchem man Schutz vor Fliegerangriffen finden konnte, grub Bruno, gemeinsam mit seinem Bruder Walter, der in der Nähe wohnte, einen Luftschutzkeller. Der Eingang wurde, gut getarnt, durch die Laube gebildet und von außen her war so überhaupt nichts von diesem geheimen Bunker zu erkennen. Denn es war auch verboten einen solchen anzulegen; dies sowohl aus statischen Gründen, jedoch auch da so ein dem Staat unbekannter Raum für subversive Tätigkeiten und Treffen genutzt werden konnte.
Viele Nächte lang wurde dieser Bunker dann tatsächlich unser Schutz vor den Luftangriffen der Alliierten, die sehr bald immer häufiger am nächtlichen Himmel über Berlin erschienen. Oft genug erzitterte unser Erdloch und der lose märkische Sand rieselte, beängstigend, von den Wänden. Besonders natürlich dann, wenn in der Nähe eine Bombe explodierte. Johannisthal und Adlershof waren immer wieder Angriffsziele, gab es doch, außer der Flugzeugwerft, in Adlershof den Rundfunksender, sowie, am Adlergestell, die Schering-Werke die zerstört werden sollten. Doch die Wände unseres Sandlochs hielten stand.
Während einer dieser Nächte jedoch überraschten uns die Angriffe so plötzlich und ohne die übliche, rechtzeitige vorherige Sirenenwarnungen. Deren an- und abschwellender, alles durchdringender Heulton ließen mir Schauer über den Rücken laufen. Auch die üblichen vorherigen Radiomeldungen, waren ausgeblieben, so dass es Walter und seine Frau Agnes nicht mehr bis zu uns, in den Bunker, schafften. Auch wir waren so spät dran, dass ich das erste Mal die von explodierenden Bomben verursachten Brände und die von den angreifenden Flugzeugen gesetzten 'Christbäume', die den Himmel erhellten, erlebte. Diese Christbäume dienten den Geschwadern der Alliierten wichtige Ziele zu markieren und besser erkennbar zu machen. Staunend betrachtete ich das für mich prächtige Feuerwerk. Überhaupt hatte ich weder in diesem Augenblick noch im Bunker selbst je Angst. Mein Vertrauen in die Erwachsenen war grenzenlos.
Hier draußen im unbedeutenden, ländlichen Stadtteil Alt-Glienicke hatte es immer noch keinen sichtbaren Bombeneinschlag gegeben, noch Verletzte oder Tote. Die wenigen Kilometer, abseits der Stätten der Begehrlichkeiten der angreifenden Alliierten, reichten um hier scheinbar gefahrlos den Krieg zu überstehen.
In dieser Nacht jedoch kam es anders. Erst unsere späte Ankunft im Bunker. Dann die Heftigkeit und die Wucht der Angriffe, die so gewaltig waren, dass keiner wirklich mehr daran glaubte lebend aus dem Loch zu kommen. Das Erdreich bebte bei jedem Einschlag und der Sand rieselte von den Bunkerwänden. Die funzelige Glühlampe an der Decke flackerte unruhig. Ein Wunder, dass es überhaupt noch Licht gab. Kein Mensch sprach ein Wort. Nur die alte Lobecke, in deren Haus sich Königs Wohnung befand, brabbelte Gebete vor sich hin, bis Bruno sie grob anfuhr: ''Sei endlich still, oder ich stopf' dir's Maul mit Sand.'' Drohend hielt er ihr eine mit Sand gefüllte Hand vors Gesicht. Da war dann Ruhe. Unausgesprochen blieben die Befürchtungen, dass das Wohnhaus getroffen werden könnte und wir dann kein Dach mehr über dem Kopf haben würden.
Ob es nun ein Wunder war oder auch 'nur' Glück, wir waren mit dem Schrecken davon gekommen. Aber wie stand es um Walter und Agnes? Lebten Sie noch? Nach dem Angriff rannten wir, so schnell wie möglich nach Hause. Doch das Haus war, zumindest äußerlich, unbeschädigt. Nur Deckenputz hatte sich direkt über dem Bett gelöst und war herunter gefallen. Der Blick auf die darunter befindlichen, nun sichtbaren, kahlen Isoliermatten aus Schilfrohr erinnerte mich noch einige Zeit an diese schreckliche Nacht.
Direkt nach Feststellung unserer Wohnungsschäden, hasteten wir durch die nun ruhige und vom Mondschein erhellte Nacht, um nachzusehen wie es den von uns Vermissten ergangen war. Doch die beiden hatten den Luftangriff schadlos in einem Nachbarkeller überstanden. Bis auf die abgerissene Treppe zu den oberen Etagen des Hauses war nichts weiter passiert; glücklich, sich unbeschadet wieder zu sehen, lag man sich in den Armen. In der Ferne sah man Feuerschein.
''Kommt rein, ich hab noch'n Schnaps im Schrank.''
Diese Nacht hatte die bis dahin schwersten Luftangriffe über Berlin gebracht. Auch meine Mutter hatte viel Glück. Inzwischen war sie, von Siemensstadt, mit ihrer Gruppe in die Frankfurter Allee, also mitten ins Zentrum von Berlin, verlegt worden. Dort hatte sie dieses furchtbare Bombeninferno, in der große Teile der Fabrik, der Unterkünfte und überhaupt auch große Teile der Stadt in Trümmern und Flammen versanken, gemeinsam mit ‘ihren’ Mädchen, schadlos überlebt. Erst viel später erzählte sie, wie sie mit den jungen Frauen, gegen den ausdrücklichen Befehl ihre Unterkunft verlassen hatten und instinktiv richtig, ins Freie rannten. Doch auch das war keine Überlebensgarantie, sondern allein Glück nicht von weiteren Bomben oder von herab stürzenden Mauerbrocken, oder durch Napalm brennende Trümmer tödlich getroffen zu werden, oder gar zu verbrennen.
1944: Evakuierung nach Pommern
Die Familie beschloss meinen inzwischen geborenen Bruder und mich nach Pommern zu bringen, zu dieser Zeit noch vor dem Krieg verschontes Gebiet. Tante Rose, älteste Schwester unserer Mutter, begleitete uns – auch um sich selbst in Sicherheit zu bringen. Pommern war nämlich, anders als im Kinderlied vom Maikäfer, so wie andere ländliche Regionen, nicht abgebrannt. Und so bedrohlich sich die Situation für Erwachsenen auch hier bald entwickeln sollte, so paradiesisch wurden diese Zeit in Pommern für mich.
Pielburg, heute Pilawa, hieß das Dorf, in welches wir kamen. Nicht weit entfernt von der Kleinstadt Neustettin, heute Szczecinek. Wir waren hier die allerersten Flüchtlinge und wurden recht freundlich aufgenommen. Hier, auf dem Land, fühlte ich mich schnell sauwohl und glücklich und noch Heute hat 'Pommerland' einen ganz großen Platz in meinem Herzen behalten. Schnell waren
Alt-Glienicke, nächtlicher Bombenalarm, die Nächte im kleinen Luftschutzkeller und auch all die Menschen, die mich bisher umsorgt hatten, vergessen. Weder meine Mutter, noch Lotte und Bruno oder all die anderen vermisste ich; dachte gar nicht mehr an sie. Auch weil es doch hier Menschen gab, die mich gleich mochten und es für mich so viel Neues zu entdecken gab, das zu ergründen war und worauf ich ziemlich neugierig war. Diese Neugierde hat mich nie verlassen.
Zuerst bezogen wir einen großen, unwohnlichen Raum im großen Pfarrhaus.
Doch der wurde bald für andere Zwecke benötigt und so zogen wir deshalb in eine winzige, mit Schilfrohr bedeckte, Kate um. Diese war so klein und eng, dass nur ein Tischchen, ein Stuhl, die Betten und ein Schrank darin Platz fanden. Und ein eiserner Ofen. Wirklich wohnen konnte man in der Kate nicht. Dazu gehörte jedoch auch ein, wenn auch sehr kleines Gärtchen und ein paar dicke Hühner, die uns regelmäßig mit Eiern versorgten. Einen Kaufmannsladen gab es in Pielburg nicht und erst recht keinen Bolle-Milchwagen, wie ich den von Berlin her in Erinnerung hatte. Den benötigte, hier auf dem, Land niemand. Wir sehr bald auch nicht mehr, denn neuer Nabel der Welt wurde für uns der Hof des Bauern Marx, bei dem wir nicht nur Brot, Milch, Butter, Gemüse und die übrigen Lebensmittel bekamen, sondern auch, sehr bald, so etwas wie eine neue Familie fanden. Denn die Bauersleute nahmen uns sehr schnell und wie zur Familie gehörend, auf. Die dem Hof direkt gegenüber liegende Kate gehörte auch zu diesem und wurde von uns nur noch als Schlafraum benutzt
Mit diesem Bauernhof eröffnete sich eine völlig neue Erlebniswelt, die mich von Frühmorgens bis spät in den Abend gefangen hielt. Und wer mich später fragte, was ich einmal werden wolle, erhielt, ohne dass ich darüber nachdenken musste, die spontane Auskunft Bauer; so wie andere Kinder gerne Pilot, Lokomotivführer oder Feuerwehrmann werden wollen. Barfuß und nur in kurzen Hosen stand ich schon morgens bei Bauer Marx in der immer warmen, nach Menschen, Milch und Essen duftenden Küche.
Wie selbstverständlich bekam ich von der Bäuerin mein Frühstück hingestellt. Meist frisches, appetitlich duftendes Brot, im eigenen Backofen gebacken, dick mit Butter und Marmelade darauf und dazu einen großen Becher frische Milch - meinem neuen Lieblingsgetränk. Hier wurde man immer satt. Es gab so herrliche Speisen zu essen, die ich im Leben nie mehr auf den Teller bekommen habe, wie die, für die pommersche Küche typische, Fischsuppe oder auch Bratkartoffeln in Milch. Das hört sich seltsam an - aber auch das schmeckte mir gut. Es kam eben au den Tisch, was die Landwirtschaft hergab und alle wurden auch satt.
Die Bäuerin hatte mich ins Herz geschlossen. Auch der Bauer, doch er zeigte es nicht so direkt. So nahm er mich, so oft es ging, auf dem Pferdewagen mit aufs Feld. Auch beim Knecht, dem stillen Ladislaus, saß ich stolz hoch oben mit auf dem Kutschbock und manchmal ließ der mich sogar die Leine halten. Den beiden mächtigen Braunen vor uns war’s egal, wer die Zügel in der Hand hielt. Ja, der Marx’sche Hof war mein neues zu Hause.
Die Kuhweiden befanden sich direkt am See und und an warmen Sommertagen standen die Kühe bis zum Bauch im Wasser und kühlten sich darin ab. Hier waren aber auch die Gänse und ich brauchte einige Zeit, um ohne Angst vor dem Ganter zu sein, der anfangs zischelnd und mit breit ausgebreiteten Flügeln schlagend, auf mich zuraste, um dann im letzten Augenblick abzudrehen. Doch ich begriff bald, der tat nur so als wolle er mich angreifen.
Bald hatte ich auch gelernt, wie Kühe vom Stall auf die Weide oder von einer Weide auf eine andere zu treiben sind. Vielleicht war es ja auch so, dass die Kühe all die Wege kannten, denn abends, zum Melken, gingen, besser schaukelten sie mit ihren prallen Eutern, auch alleine zum Stall zurück. Man musste nur die Gatter öffnen. Mir aber gab es das Gefühl, als würden mir die großen Tiere gehorchen.
Das abendliche Melken war für mich einer der täglichen Höhepunkte. Schon ungeduldig wartete ich darauf, denn nichts war ein größerer Genuss, als die frische, noch vom Euter warme und nach Kuh duftende Milch. Von Karin, der blonden Tochter der Marxens, bekam ich stets den ersten Becher, den ich mit Gier austrank. In der mollig warmen und fast dunklen Küche, manchmal auch unterm Licht der Petroleumlampe, saßen dann alle nach Tagwerk und Abendessen noch ein Weilchen beisammen. Meist schweigend, denn viel gab es wohl nicht zu erzählen, man war müde von der schweren Arbeit und der Menschenschlag dieser Gegend ist nicht der Gesprächigste. Oft genug auch schlief ich hier in der Küche, satt, glücklich und zufrieden ein. Nur wieso ich am nächsten Morgen dann doch in meinem Bett aufwachte, konnte ich nicht begreifen.
Das Wasser des Pielburger Sees war so klar und so fischreich, dass ich, auf dem Steg liegend, die Fische beobachten konnte. Das war der Blick in eine fremde und sehr geheimnisvolle Welt, was mir oft, besonders wenn so ein riesiger dunkler Kerl lautlos unter mir vorbei schwamm, einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Trotzdem zog es mich immer wieder dort hin. Besonders spannend fand ich es, Krebse zu fangen. Das hatte mir der Bauer beigebracht und bald hatte ich Knirps auch die Furcht vor den großen Zangen und den wild rudernden Beinen der Tiere verloren.
Ich erinnere mich auch an gelegentliche Besuche auf einem großen Gutshof im nahen Eulenburg. Es war ein, für meine noch kurzen Beine, langer und ermüdender Fußweg. Am Rand der schier endlosen Allee standen, nur wenig Schatten spendende, Ebereschen. Deren Früchte im Spätsommer orangefarbene kräftig leuchteten. Auch auf dem Gutshof waren wir willkommen. Besonders fühlte ich mich zu dem (zwangsverpflichteten) Franzosen Marcel hingezogen. Marcel sprach französisch und vielleicht waren es noch vertraute Töne aus meinen ersten Tagen, die das Unterbewusstsein berührten. Was ist wohl aus Marcel geworden, hat er am Ende des Krieges den weiten Weg geschafft - um zurück in ‘unser’ sonniges Frankreich zu gelangen?
Das war wirklich ein glückliches Kinderleben. Ich hatte alles und vermisste überhaupt nichts. Doch der Krieg, den das verbrecherische Naziregime initiiert hatte, holte uns, allmählich, auch hier ein.
So beobachtete ich die Verhaftung des Dorflehrers durch die Gestapo. Ganz zufällig sah ich als man ihn abholte. Ich hatte das Ungewöhnliche dieser Situation nur dadurch bemerkt, weil man ihm den Mantel über den Kopf gezogen hatte und das eben ein ganz unüblicher Anblick war. Die Dorfstraße war menschenleer. Sicher aber stand man hinter den Fenstern und beobachtete, wie ich, angstvoll diese Szene. Und wer von den Beobachtenden hatte den Lehrer bei den Nazis denunziert? Vielleicht sogar eines seiner Schulkinder.
Vereinzelt tauchten jetzt auch kleine Gruppen deutscher Soldaten auf. Doch der Krieg war, was ich nicht wusste, längst verloren und diese versprengten Soldaten waren auf der Flucht. Dann kam auch der Augenblick, der das Leben der Menschen hier rigoros und oft lebensentscheidend veränderte. Einer gewaltigen Woge gleich, die sich bald über nahezu ganz Deutschland ausbreitete, rollten Panzer und Soldaten gen Westen. Die nazibraune Woge die sich über Europa ergossen hatte, schwappte zurück und war jetzt rot. Sowjetrot.
1945: 'Die Russen sind da!'
Dieser angstvolle Ruf war inzwischen schon in vielen Orten und Städten des deutschen Ostens zu hören. Für die einen, Polen und Zwangsverpflichtete, bedeutete es die Befreiung vom Naziterror, für die anderen, die Deutschen, oft großes Leid, Vertreibung oder sogar den Tot. Ja, die Russen waren da. Ganz plötzlich. Hatten das Dorf ohne jede Gegenwehr eingenommen - ohne das ein
einziger Schuss gefallen war. Dass die deutsche Armee inzwischen längst geschlagen und aufgerieben und der Krieg beendet war, war zumindest was meine kleine Welt betraf, bis dahin ohne merkliche Auswirkungen geblieben.
An einem Nachmittag im Sommer 1945, ich war jetzt vier Jahre alt, saß ich wie so oft, auf der Mauer des Marx'schen Grundstücks in der Sonne, beobachtete die emsigen Ameisen und wartete auf die abendliche Milchration. Kurz davor hatte ich noch die Kühe von der Weide geholt. Plötzlich tauchte auf der Kuppe der Straße, ungefähr in Höhe der Kirche, ein Pferdewagen auf, dem dann eine schier endlose Anzahl weiterer Wagen folgte.
Das waren jedoch keine Wagen wie ich sie bisher kannte. Nicht wie die, die ich kannte. Es waren Panjewagen. Zweirädrig, mit Planen überspannt und von kraftvollen, drahtigen Falben gezogen; goldbraune und kurzbeinige Pferde mit kurzen borstigen Mähnen auf den muskulösen Nacken. Auch diese so ganz anders als die großen, stämmigen Braunen. Noch heute habe ich dieses Bild vor den Augen und es erfreut mich, wenn ich ähnliche Pferde, meist Norweger, irgendwo zufällig auf einer Koppel entdecke. Auf dem Bock der Wagen saßen ein, oder zwei fremdartig aussehende Männer in olivfarbenen Uniformen. Waren das Mongolen oder Kirgisier, Usbeken oder Kasachen? Die schauten mit starrer Miene nach vorne, den Blick weder nach rechts noch nach links richtend. Ich jedoch war, obwohl voller Angst vor diesen Unbekannten, fasziniert.
Die Russen waren also da - nur das konnte es sein!
Wovon die Erwachsenen schon seit einiger Zeit hinter vorgehaltener Hand tuschelten, denn laut wagte man es noch immer nicht aussprechen; noch immer glaubte man in Gefahr (vor wem?) zu geraten und wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet zu werden.
Ohne dass ein einziger Schuss gefallen war, erfolgte die Besetzung des Ortes. Dabei hatte ich gar nicht bemerkt, dass sie schon vorher einen der Pielburger Bauernhöfe besetzt hatten.
Doch für mich als Kind änderte sich durch die Besetzung erst einmal gar nichts. Bald jedoch zog es mich, neugierig wie ich war und gegen alle Verbote der Erwachsenen, zu diesen neuen Herren hin. Der Hof, auf dem ich vorher nie gewesen war, war jetzt sowjetische ‘Kommandantura’. Der Bevölkerung gegenüber verhielten sich die Soldaten unerwartet und erstaunlich zurückhaltend - denn es sollten doch blutrünstige Bestien sein. Ein Grund dafür war sicherlich, dass es hier keine reichen Bauern gab und auch die Anzahl der Nazis im Dorf nicht ins Gewicht fiel, oder, dass diese inzwischen längst verschwunden waren.
Was ich nicht wissen oder sehen konnte war, dass sich Rose, wie die anderen Frauen auch, nachts vor den Russen verstecken mussten. Wie ich später aus heimlich belauschten Gesprächen der Erwachsenen erfuhr, gab es bei Bauer Marx unter dem Kuhstall einen, von oben durch Mist und Streue getarnten, Keller, in den Abend für Abend etwa ein Dutzend Frauen und Mädchen krochen und dort angstvoll und zitternd die Nacht verbrachten. Wir Kinder merkten von all diesen Dingen nichts. Wir schliefen fest in unserem Häuschen und nur einmal fühlte ich instinktiv, dass wir alleine waren. Ein anderes Mal leuchtete mir ein russischer Soldat mit seiner Lampe in die verschlafenen Augen und fragte lallend und eklig nach Fusel stinkend, nach ‘Frau'. Uns Kindern tat er jedoch nichts an. Doch auch Rose musste, trotz Versteck, immer wieder, was ich auch erst viel später von ihr erfuhr, viele, viele Male die Brutalität der Vergewaltigungen über sich ergehen lassen. Doch passierte hier, was schon immer und in allen Kriegen geschieht. Es gehört mit zur Erniedrigung der Besiegten. Und auch die deutschen Soldaten hatten es doch genauso, wenn nicht schlimmer getrieben. Die hatten, oft genug, ihre Opfer 'danach' einfach erschossen. Immer müssen die wehrlosen Frauen für die Untaten der Männer büßen.
Alexander hieß der russische Offizier mit dem sich Rose dann 'eingelassen' hatte. Dieser stille und Souveränität ausstrahlende Mann, der gut Deutsch sprach, hatte sich in diese, nicht unattraktive, deutsche Frau verliebt und bot ihr, letztlich auch uns Kindern, einen gewissen Schutz. Er wusste sogar von dem Versteck der Frauen und - schwieg.
Für mich war die ‘Kommandantura’, das örtliche Hauptquartier der Sowjettruppe, eine Attraktion. Hier war Leben, hier spielte - im wahrsten Sinne des Wortes - die Musik. Denn häufig hörte man die Soldaten singen. Heimatlieder, mit oft schwermütigen Melodien. Aber dann auch lustig zum Spiel auf der Ziehharmonika, zu dem die Soldaten auch tanzten. So ganz nebenher lernte ich von ihnen auch Krakowiak zu tanzen und konnte mir spätestens damit die Herzen der Iwans erobern. Diesen anstrengenden Tanz, bei dem man sich mit den Händen vom Boden abstützt und die Beine nach vorne geworfen werden.
Noch heute erinnere ich mich, dass mich Onkel Bruno auch Sunnyboy genannt hatte. Vielleicht war es mein damals so sonniges Gemüt, welches mir auch bei den Russen die Tür weit öffnete. Die sowjetischen Soldaten genossen wohl die kampflose Zeit. Die Dorffrauen wurden zur Arbeit in der Kommandantur verpflichtet, wo sie überwiegend Küchendienste verrichteten. So mussten sie auch Fische ausnehmen und säubern. Die Fische, die die russischen Soldaten unter lautem Gejohle, mit Dynamit und Handgranaten aus dem See geholt hatten. Diebstahl jedoch wurde schwer bestraft und keine der Frauen wagte es, auch nur einen einzigen Fischschwanz wegzunehmen. Nur unser Sunnyboy zog eines Tages, frohen Mutes, zwei armlange Fische hinter sich herziehend, die Straße entlang zu unserer kleinen Kate - und alle lachten.
Ja, es war recht umtriebig bei und mit den Russen. Vergessen werde ich auch nie die riesigen Butterstullen, die sie mir zu essen gaben, die dick mit Hagelzucker bestreut waren. Bald hatte ich Treuloser die Marxens fast vergessen, wurde ich doch hier sogar im Jeep des Kommandanten zu kurzen Spritztouren mitgenommen. Da kam der Pferdewagen des Bauern nicht mehr mit.
