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"Durch die Dornen war fast kein Durchkommen. Der Ärmel des Grafen riss auf, der Arm blutete ? Über der Stadt war ein heller Schein von brennenden Häusern zu sehen. Das Geschrei und Gegröle der wilden Söldnermeute war weit über das Tal zu hören. ?Und die Burg, werden sie auch die Burg anzünden??, fragte der Knappe leise." In der Soester Fehde 1447 entkommt der junge Graf Bernhard nur mit Mühe aus seiner eigenen Burg. Bernhards Großonkel, der Erzbischof von Köln, ist Herr des Söldnerheeres und wird sein ärgster Feind. Zwei Frauen begleiten ihn auf seinem Lebensweg, seine fromme Ehefrau Anna von Schaumburg und seine große Liebe Katharina. In diesem biografisch orientierten Roman wird das Leben des Edlen Herrn Bernhard VII. zur Lippe als einer der letzten Ritter an der Schwelle zur Neuzeit in spannenden Episoden beschrieben.
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Seitenzahl: 469
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Ein historischer Roman aus Lippe
Anne Bentkamp
Der Graf
Bernhard von Blomberg
Lippes letzter Ritter
Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Copyright 2012 by Lippe Verlag, Detmold
2. Auflage 2019, Ausgabe 2021
Dr. Hans Jacobs
Am Prinzengarten 1, 32756 Detmold
Foto Umschlag: Pixabay
IBSN 978-3-89918-815-8
Finanziell gefördert durch:
Sparkasse Blomberg
Heimatverein Blomberg
Bürgermeister Heinrich-Fritzemeier-Stiftung
Kapitel I
Anno Domini 1447
Sie starrten auf mindestens hundert Stufen, die in die Dunkelheit hinunterführten. Es gab kein Geländer. Die Stufen waren uneben, das Gestein schwarz, immer feuchter und rutschiger, je weiter sie nach unten kamen. Noch tief unter der Erde konnte man hören, wie der Rammbock rhythmisch und dumpf gegen das Burgtor schlug. Der Graf hielt die Fackel, der Knappe hastete hinter ihm her. Schließlich erreichten sie den Anfang des Tunnels. Die alte Tür war aus Eichenholz mit rostigen Beschlägen. Sie knarrte laut, als beide sie mit vereinter Kraft aufschoben. Eine Schar von Fledermäusen wurde durch den Lärm aufgescheucht. Im Tunnel war es feucht und stickig und viel enger, als der Graf es aus seiner Kindheit in Erinnerung hatte.
Der Graf und der Knappe versuchten mit vereinten Kräften, die Tür zur Treppe hin wieder zu verschließen. Es gab einen verrosteten Riegel, der sich aber keinen Deut verschieben ließ. Der Graf drückte die Fackel dem Knappen in die Hand und schlug gegen das Eisen, schließlich fluchte er und trat mit dem Fuß, vergeblich, sie mussten die Tür offen lassen. Der Graf entriss die Fackel dem Knappen wieder und hastete voran, ohne sich noch einmal umzusehen. Sie konnten nur hintereinander laufen. Der Knappe versuchte, den Anschluss nicht zu verlieren. Ratten huschten vor ihnen her und ab und zu hörten sie, dass etwas Gestein oder Erde herab bröckelte, wenn sie gerade vorbei waren. Falls der Tunnel irgendwo eingestürzt war, saßen sie in der Falle. Immer wieder mussten sie sich Spinnweben aus dem Gesicht wischen. Plötzlich stolperte der Graf über einen Stein, er verlor den Halt, der Knappe konnte sich nicht mehr abfangen und fiel über den Grafen, dabei verlosch die Fackel. Es war absolut finster. Der Knappe schrie nach der Mutter Gottes, dem Grafen zog es die Brust zusammen vor Angst, doch er fluchte laut und herrschte den Knappen an zu schweigen. Er rappelte sich hoch und tastete sich weiter voran. Der Knappe wimmerte, ihn nicht allein zu lassen. Der Graf suchte seine Hand und zog ihn hoch.
„Jetzt reiß dich zusammen, Walter!“
Der Junge, der doch nur zwei Jahre jünger war als der Graf, schniefte laut und biss sich fest auf die Unterlippe, um nicht weinen zu müssen. Er war froh, dass der Graf seine Hand nicht losließ. So stolperten sie gemeinsam durch die totale Dunkelheit, schließlich krabbelten sie auf allen Vieren. Als der Graf mit der Hand in die Zähne einer halb verwesten Ratte fasste, klangen seine Flüche schon etwas zittrig und seine Stimme wollte sich überschlagen. Der Knappe hielt sich am Hemd des Grafen fest.
Endlich glaubten sie, so etwas wie einen Lichtschimmer zu erkennen. Der Graf flüsterte: „Jetzt dürfen wir keinen Laut mehr von uns geben, wer weiß, ob der Ausgang des Tunnels nicht längst verraten ist.“
Der Knappe schwieg. Sie tasteten sich noch vorsichtiger voran und lauschten, ob sich etwas regte. Der Tunnel endete mit einem sehr engen Durchlass im Fels, vor dem Nachthimmel erkannten sie Büsche, ein Dornengestrüpp. Ganz langsam drehte der Graf Kopf und Oberkörper nach draußen, immer gewärtig, im nächsten Moment einen fürchterlichen Schlag übergezogen zu bekommen.
Aber sie waren allein.
Durch die Dornen war fast kein Durchkommen. Der Ärmel des Grafen riss auf, der Arm blutete. Neben dem Gebüsch ließ sich der Knappe ins Gras fallen. Über der Stadt war ein heller Schein von brennenden Häusern zu sehen. Das Geschrei und Gegröle der wilden Söldnermeute war weit über das Tal zu hören.
„Und die Burg … , werden sie auch die Burg anzünden?“, fragte der Knappe leise.
„Los, weiter, wir müssen zu Hilpert“, sagte der Graf, „das Vorwerk ist zu gefährlich, da sind sie womöglich schon.“
Er zog den Knappen unsanft am Arm hoch und sie bahnten sich einen Weg durch das Gesträuch am Bach entlang. Dann liefen sie am Waldrand weiter den Hügel hinauf, bis sie auf den Weg zu den Holstenhöfen kamen. Der Knappe sah sich immer wieder zur Stadt Blomberg um, die ihm in den letzten Jahren zur Heimat geworden war. Die Burg bildete einen riesigen schwarzen Schatten vor den lodernden Flammen der Fachwerkhäuser. In der Burg selbst schien es noch nicht zu brennen, aber er meinte, die Stimmen der fremden Soldaten auch vom Burghof bis hierher her zu hören. Der Knappe seufzte, der Graf war schon weit voraus, er hastete ihm nach.
Hinter einem kleinen Wäldchen lag schemenhaft ein Gehöft in den Feldern. Als sie sich näherten, schlug der Hund an. Der Graf stürmte voran und klopfte mit voller Wucht an die Tür: „Hilpert, mach auf! Ich bin’s, der Graf!“
Einen Moment später hörten sie schlurfende Schritte. Verschlafen öffnete der Bauer im langen Hemd die Tür.
„Mein Gott, Hilpert, wie könnt ihr denn schlafen? Eine riesige Söldnermeute ist in der Stadt! Lauter Gesindel, barbarische Fremde, deren Sprache man nicht einmal versteht! Es sind Tausende, sie haben das Hagentor einfach überrannt! In der Burg sind sie wahrscheinlich auch schon! Siehst du nicht den Feuerschein über der Stadt? Schnell, Hilpert, ihr müsst hier weg! Am besten oben in den Wald, zieht euch an und packt möglichst viele Vorräte ein! Nehmt das Vieh mit, soweit es geht, die Fremden werden es sonst nur abschlachten. Sie sind gnadenlos, rasend! Ich weiß nicht, wie lange ihr versteckt bleiben müsst. Dein Pferd gibst du mir! Ich reite nach Schaumburg und hole Hilfe von meinem zukünftigen Schwiegervater. Möllenbeck ist sowieso schon dort. Ich komme so schnell wie möglich mit einer Truppe aus Schaumburg zurück, dann werden wir diese Lumpen hier rasch wieder vertreiben, habt keine Angst!“
Der Bauer kam gar nicht zu Wort. Die Frau und die Kinder, Magd und Knecht, alle liefen jetzt aufgeregt durcheinander. Hilpert holte das Pferd aus dem Stall und sattelte es. Der Graf griff nach einem einfachen braunen Umhang, der an der Wand hing.
„Den leih ich mir aus, Hilpert, kriegst einen neuen von mir!“
Ohne eine Antwort abzuwarten, warf er sich den Umhang über, schwang sich in den Sattel, und während das schwerfällige Ackerpferd lostrabte, rief er zurück:
„Und Hilpert, nimm den Walter mit, den kann ich nicht brauchen, ich komme besser allein durch!“
Während der Bauer und seine Familie noch Vorräte auf einen kleinen Karren luden und die Ziegen mit Stricken aneinander banden, hatte der Graf den Waldrand schon erreicht. Als der Weg in Richtung Norden schmaler wurde, musste er bald absteigen, da ihm die Zweige ins Gesicht schlugen und das wenige Mondlicht vom Blätterdach ganz verschluckt wurde. Er nahm das Pferd beim Zügel und führte es blind den Hügel hinauf. So in etwa kannte er sich aus, weil er schon oft hier in der Gegend mit Möllenbeck auf der Jagd gewesen war. Er umging den Wachturm am Dicken Berg weiträumig, da er auch dort befürchten musste, auf die Söldner zu treffen. Je tiefer er auf dem schmalen Pfad in den Wald eindrang, je mehr machten sich Angst und Ratlosigkeit in ihm breit. Vielleicht hätte er doch nicht ganz allein gehen sollen? Aber Walter war keine wirkliche Hilfe, er war einfach noch zu jung, er wäre ihm nur zur Last gefallen.
Woher waren diese Heerscharen nur so überraschend gekommen? Gnadenlose Barbaren, die alles niederschlugen, Frauen schändeten und Kinder aufspießten! Niemals zuvor hatte der Graf sich solche Grausamkeiten auch nur ausmalen können. Keine Vorwarnung, kein Fehdebrief, keine Boten! Sie waren einfach über die Weser gekommen, Tausende, niemand konnte sie aufhalten. Eine Strafe Gottes? Er glaubte nicht an solche Schicksalsschläge. Eher schon steckte der Erzbischof von Köln dahinter, Dietrich von Moers, sein Großonkel. Aber wie hätte der so schnell ein solch großes Söldnerheer anwerben können, das noch dazu gar nicht von Köln, sondern von Osten über die Weser gekommen war?
Er fand einfach keine befriedigende Erklärung.
Immerhin, er hatte ihn herausgefordert, seinen verhassten Vormund und Onkel, und es tat ihm nicht leid. Oder doch? Was sollte das alles noch nützen, wenn das ganze Lipperland kurz und klein geschlagen wurde? Er hatte gerade seine nackte Haut gerettet, aber wie konnte er seinen Leuten helfen? Er allein? Er wusste nicht, was der Graf von Schaumburg sagen würde und inwieweit Hilfe von ihm zu erwarten war. Zwar grenzten die beiden Grafschaften aneinander, die Hochzeit mit der Tochter des Schaumburgers, Anna, war seit Jahren geplant und sein Ziehvater, der Kanzler Möllenbeck, hielt sich gerade jetzt dort in Schaumburg zum Aufsetzen eines Hochzeitsvertrages auf, aber im Grunde kannte man sich gar nicht. Würde sein zukünftiger Schwiegervater billigen, dass Möllenbeck und er eine Allianz mit dem Feind des Erzbischofs, dem Herzog von Kleve eingegangen waren?
***
Da standen sie auf der Treppe des Rathauses in Lippstadt, der Heimat seiner Väter, und nahmen die Huldigung des Rates und der Bürger der Stadt entgegen, der ehrwürdige Herzog Johann von Kleve und der neu ernannte Graf zur Lippe, Bernhard der VII, nicht einmal 18 Jahre alt. Der Platz war voller Menschen, die ihnen zujubelten in der Hoffnung, dass diese segensreiche Allianz stark genug sein würde, sie auf Dauer vor den Machtgelüsten des fernen Erzbischofs von Köln zu beschützen. Zuerst hatte sich die reiche Stadt Soest vom Erzbischof losgesagt, mit ihren über zehntausend Einwohnern die größte Stadt in Westfalen. Die Soester Bürger wollten nicht länger den überhöhten Abgabeforderungen der Kölner nachkommen und hatten den Herzog von Kleve um Hilfe gebeten. In Lippstadt wurde nun ein neuer Bund geschlossen. Gemeinsam mit den Lippern wollte der Herzog die Stadt Soest vor der Rache des Dietrich von Moers beschützen und gleichzeitig mit Gottes Hilfe den ganzen Landstrich von dem marodierenden Kriegsvolk des Erzbischofs befreien.
Der junge Graf hätte am liebsten mitgejubelt und „Vivat!“ geschrien, denn sein Großonkel und bisheriger Vormund, Dietrich von Moers, seit 30 Jahren Erzbischof von Köln und Bischof von Paderborn, war der Mann, den er von Kind auf hasste und verabscheute und vor dessen Übergriffen er sein kleines Land beschützen wollte, koste es, was es wolle. Er war jung und musste noch lernen, das wusste er. Dankbar und stolz schaute er zu seinem Ziehvater, seinem Kanzler Johann Möllenbeck, der bescheiden ganz beiseite getreten war, damit das Volk ihm, dem neuen Landesherrn, und seinem starken Verbündeten zujubeln konnte. Dabei war es nur Möllenbeck gewesen, der durch geschicktes Taktieren und in zähen Verhandlungen erreicht hatte, dass es bisher nicht zu Übergriffen des kriegswütigen Erzbischofs auf das Lipperland gekommen war und dessen berüchtigte Kopfsteuer, die er auf Mensch und Tier erhob, das Land nicht ausbluten ließ. Er, Möllenbeck, hatte auch diese mächtige Allianz mit Kleve geschmiedet, mit der sich nun alles zum Guten wenden sollte.
Möllenbeck hatte nicht nur mit diplomatischem Geschick das Land durch schwere Zeiten geführt, während er, Bernhard, heranwuchs, sondern er war auch sein Lehrmeister in allen ritterlichen Tugenden und in der Kriegskunst gewesen – der Graf warf ihm einen lächelnd dankbaren Blick zu, während sie dort auf der Treppe standen.
Sein sogenannter Vormund und Großonkel hingegen hatte nur Intrigen gegen ihn gesponnen und hätte am liebsten das ganze Lipperland in den hungrigen Schoß der Mutter Kirche hineingezogen. Seine erste Begegnung mit diesem kalten, herrschsüchtigen Mann stand ihm immer noch lebhaft vor Augen.
Nachdem sein Onkel Otto, der nach dem frühen Tode der Eltern zunächst die Vormundschaft für ihn und seinen jüngeren Bruder Simon übernommen hatte, ebenfalls verstorben war, unternahm Möllenbeck mit den beiden Kindern die weite Reise zu ihrem einzigen noch verbliebenen Verwandten nach Köln, um sie dem Erzbischof, ihrem neuen Vormund, vorzustellen.
***
Als Siebenjähriger hatte Bernhard noch nie eine solche Pracht gesehen. Er bestaunte die riesige Marmortreppe, die Leuchter und Heiligenstatuen und die wunderschönen Glasfenster, die alles in ein buntes Licht tauchten.
Der Warteraum, in den sie gebeten wurden, war größer und viel prächtiger als der Rittersaal in der Burg Blomberg, hell getünchte Wände waren mit Malereien von Heiligen und golddurchwirkten Gobelins geschmückt, riesige Teppiche bedeckten den Boden und es gab Kronleuchter mit so vielen Kerzen, dass Bernhard sie nicht zählen konnte.
Am meisten beeindruckt war er von einer lebensgroßen Figur aus dunklem Holz, die einen der heiligen drei Könige als Mohren darstellte und in einer Schale Leckereien darbot. Leider erlaubte Möllenbeck ihnen nicht, davon zu probieren.
Dann wurden sie zum Erzbischof eingelassen. Dessen Gesicht war viereckig und sehr blass, die Augen schmal. Über seinem roten Bischofsornat trug er ein Kettenhemd und darüber prangte ein goldenes Kreuz mit Edelsteinen verziert. Hochmütig gelangweilt sah er den Ankömmlingen entgegen. Möllenbeck ging mit gesenktem Blick durch den Saal auf die Stufen vor dem Thron zu, die beiden Kinder Hand in Hand hinter ihm her.
Dietrich von Moers bot Möllenbeck als erstem die Hand, der sie tief verbeugt annahm und den Bischofsring küsste. Dann war die Reihe an Bernhard, der versuchte, Möllenbecks Geste so gut es ging nachzuahmen. Nur der kleine Simon hatte sich selbständig gemacht und wanderte neugierig im Saal umher.
Dietrichs Blick wurde hart und böse. Mit erneut nach unten gestreckter Hand herrschte er Möllenbeck mit leiser, aber messerscharfer Stimme an: „Das Kind!“
„Verzeihung, Euer Eminenz!“, Möllenbeck verbeugte sich erneut, fing schnell Simon ein und brachte ihn vor den Erzbischof.
„Verbeug dich vor Seiner Eminenz, Simon!“
Der Kleine verbeugte sich artig, machte aber keine Anstalten, den Ring an der noch immer ausgestreckten Hand zu küssen.
„Du musst den Ring Seiner Eminenz küssen“, flüsterte Möllenbeck. Simon schaute zu ihm hoch und schüttelte den Kopf.
Da zischte Dietrich mit ganz schmalen Augen: „Den Ring!“ Nun schaute Simon ihn unverständig an und schüttelte erneut den Kopf. Blitzschnell packte der Erzbischof das Kind mit seiner Linken am Nacken, zwang es zu einer weiteren Verbeugung und drückte ihm die rechte Hand mit dem scharfkantigen Edelstein so fest auf den Mund, dass hellrotes Blut von Simons Lippe tropfte. Sofort fing der Kleine an zu weinen.
Nicht etwa wütend, sondern völlig emotionslos mit monotoner Stimme sagte Dietrich: „Diesen Ring hat jeder zu küssen, der vor den Erzbischof tritt. Schafft mir das Kind weg, Möllenbeck, es macht zu viel Lärm.“
***
Als der Morgen graute, sah der Graf den Flecken Alverdissen vor sich liegen. Züngelnde Flammen schlugen aus den Strohdächern und dicke Rauchschwaden hingen über dem Tal. Der Graf schluckte. Es drängte ihn, einfach mit dem bloßen Messer auf die Barbaren loszustürmen, aber er zwang sich zur Ruhe. Er beschloss, seinen Weg erst in der Dunkelheit fortzusetzen. Er ließ das Pferd noch eine Weile am Waldrand grasen und zog es dann tief ins Unterholz. Bald fand er ein kleines Rinnsal, an dem er seinen Durst stillen konnte, und nachdem er dem Bächlein eine Weile gefolgt war, entdeckte er eine nicht einsehbare Stelle in einer Schlucht, die genug Platz für ihn und das Pferd bot. Er band das Pferd sorgfältig fest und fiel in einen tiefen Schlaf, kaum dass er sich niedergelegt hatte.
Im Traum traf er im Kampf in voller Rüstung auf einem edlen gepanzerten Pferd auf den Erzbischof. Er stieß ihn mit der Lanze aus dem Sattel und schlug dem einst so stolzen Mann, der da wehrlos vor ihm auf dem Boden lag, ohne Erbarmen mit seinem Schwert den Kopf ab.
***
Der Graf erwachte erst am späten Nachmittag. Er erfrischte sich an dem kleinen Bach. Einzelne Sonnenstrahlen drangen durch das Blätterdach und tanzten auf dem sprudelnden Wasser. So dunkel blühte der Flieder, dass die Blüten im schattigen Grün kaum sichtbar waren. Umso intensiver nahm er den Duft wahr, der ihn wie eine Wolke von unbestimmter Sehnsucht umhüllte. Er atmete tief und Sorgen und Wut und Krieg schienen so fern. Das Bild des Mädchens im blauen Kleid, da war es wieder, da tanzte sie vor ihm auf dem Pfad, ihre Locken tanzten mit. Er hörte ihr helles Lachen, ganz deutlich. Er würde sie wiedersehen, bald, trotz Fehden und Kämpfen und der bevorstehenden Hochzeit, er würde sie wiedersehen.
Als er wieder zum Waldrand kam, lag Alverdissen still vor ihm, die Häuser eingestürzt und rußgeschwärzt. Erst in der Dämmerung wagte er es, sich zu nähern. Auf einer Wiese zählte er fünfzehn tote Schafe. Es herrschte eine gespenstische Ruhe, nur hier und da ein Knacken in vereinzelten Glutnestern oder überhitzten Balken.
Er zog einen großen Schweineknochen aus einer heruntergebrannten Feuerstelle und schlug ihn an einem Stein auf. Gierig sog er an dem Mark, was den Hunger in ihm aber eher weckte als besänftigte.
Da bemerkte er die Frau. Sie hockte vor einem der verbrannten Häuser auf der Erde. Ihr Kleid war zerrissen und in den wirren Haaren klebte Blut. Sie hatte ein Bündel im Arm, das sie fest umklammert hielt. Als er näher kam, sah er, dass es ein Säugling war. Die Tücher, in die das Kind gewickelt war, waren von Staub und Ruß geschwärzt, der Kopf war unnatürlich zur Seite verdreht, die Augen weit aufgerissen und leer. Die Frau wiegte das Kind sanft und streichelte ihm über das bleiche Gesicht.
Der Graf band das Pferd an einen Baum und ging auf die Frau zu. Sie sah ihn nicht und zeigte auch keine Reaktion, als er sanft ihre Schulter berührte. In den Trümmern eines der umliegenden Häuser fand er eine noch brauchbare Schaufel. Am Rand der zerstörten Gartenmauer hob er ein kleines Grab aus. Dann kniete er sich vor die Frau hin und streckte stumm die Arme nach dem Kind aus. Die Zeit schien ihm sehr lang, bis sie ihn endlich ansah und ihm zögernd das Bündel übergab. Als er sich mit dem toten Kind erhob, folgte sie ihm. Er schloss dem Kind die Augen und legte es in die provisorische Vertiefung. Die Frau half ihm mit bloßen Händen, Erde über den Körper zu decken. Zum Schluss formten sie gemeinsam aus den herumliegenden Steinen der Gartenmauer ein kleines Kreuz. Das Gesicht der Frau war immer noch ausdruckslos, der Blick leer. Der Graf sprach ganz leise ein Gebet:
„Requiem aeternam dona eis, Domine.
Et lux perpetua luceat eis.
Requiescat in pace … Ruhe in Frieden.
Amen.“
Die letzten Worte sprachen ihre Lippen mit.
Mittlerweile war es dunkel geworden. Der Mond war über dem Wald aufgegangen.
Schließlich sagte er: „Ich muss gehen.“
Die Frau sagte nichts. Das Pferd hatte sich selbständig gemacht und graste auf einer Wiese zwischen den Ruinen. Er fing es ein und schwang sich in den Sattel. Erst jetzt erkannte er im helleren Mondlicht, dass an der Dorflinde auf dem Platz drei Menschenleiber aufgeknüpft waren, zwei Männer und eine Frau. Ihn schauderte. Nun fand er gar keine Worte mehr für die einsame Frau. Er lenkte sein Pferd auf den Weg und grüßte nur kurz mit der Hand. Die Frau stand steif und erst, als er schon fast wieder im Wald auf der anderen Seite des Tals verschwunden war, erhob sich ihre Hand zu einem Winken.
Der Graf ritt ein Stück auf dem Weg, der nach Rinteln führte, aber er fühlte sich nicht sicher. Immer wieder sah er Gestalten in den Schatten, die das Mondlicht warf, und hörte Pferdegetrappel, doch sowie er sein Pferd anhielt, umgab ihn die Stille. Als der Wald etwas lichter wurde, entschloss er sich, den Weg lieber zu verlassen. Zu groß war die Gefahr, sich unvermittelt einer Schar der Söldner gegenüber zu sehen. Er saß ab und zog das Pferd durch das Unterholz. Auf dem Kamm der Hügelkette fand er einen Pfad, der recht gut ausgetreten war. Teilweise konnte er sogar aufsitzen und das Pferd ging willig im Mondschein. Er hielt sich parallel zum Extertal und hoffte, die Richtung nach Norden weiterhin einzuhalten. Mit etwas Glück musste er bald den Flecken Bösingfeld vor sich sehen.
Das Pferd trottete langsam und die Gedanken des Grafen wanderten wieder zu seinem Schwiegervater. Als mutigen Ritter hatte er diesen bisher nicht kennengelernt. Er war ihm zwei oder drei Mal bei einer großen Jagd begegnet. Da war er ihm behäbig und langweilig erschienen, ein beleibter alter Herr, der zwar ein Auge für die Schönheiten von Gottes Natur hatte, aber an der Jagd nicht wirklich interessiert war. Er ritt zur Jagd, ohne ein Jäger zu sein. Das konnte der Graf nicht verstehen. Seit er mit Möllenbeck zum ersten Mal ein Tier erlegt hatte, war diese Spannung in ihm, dieses Fieber, der Zwang, schneller, leiser und listiger zu sein als ein Tier, der Zwang, das Jagdglück immer wieder herauszufordern …
Im Moment allerdings war eher er der Gejagte …
War da nicht etwas? Zum wiederholten Male meinte er, ein Geräusch vernommen zu haben. Er saß ab und lauschte angestrengt. Vorsichtig ging er mit dem Pferd am Zügel weiter. Der laue Wind trug ihm aus der Ferne Rufe zu und einen Knall wie der Schuss aus einer Feuerwaffe. Da sah er sie unten im Tal: ein riesiges Lager der fremden Söldner mit Dutzenden von großen Feuern, an denen Schweine und Schafe an langen Spießen gegart wurden. Er schätzte sie auf mindestens zweihundert Mann, auch Frauen waren dabei, die laut kreischend lachten. Das Beste wäre ohne Zweifel, sich möglichst schnell davon zu machen. Aber der Graf blieb wie angewurzelt stehen. Was konnte er ausrichten? Allein gegen diese Meute? Er musste nach Schaumburg! Aber er rührte sich nicht vom Fleck. Er glaubte, am Bach auf einer umzäunten Weide viele Tiere zu erkennen, wahrscheinlich die Allmende von Bösingfeld. Einige Kühe liefen unruhig hin und her, waren wohl durch den Schuss aufgeschreckt, ihr angstvolles Muhen wurde vom Wind zu ihm heraufgetragen. Sicher eine halbe Stunde stand er dort oben und beobachtete das Lager. Die Stimmen wurden langsam leiser, die Feuer kleiner. Die Tiere auf dem Anger hatten sich längst wieder beruhigt. Der Graf fasste einen Entschluss und führte Hilperts Pferd am Zügel den Pfad hinab bis nach Bösingfeld. Auch hier schlug ihm wieder Brandgeruch entgegen, der das Dorf schützende Hag war an vielen Stellen angebrannt oder niedergewalzt, die Gärten zertrampelt, die Dächer zerstört. Der Graf seufzte, er irrte eine Zeitlang durch die Gassen des Dorfes, fand dann trotz der Dunkelheit den Weg am Bach entlang.
Magisch zog ihn das Lager der Fremden an. Er hätte am Morgen noch die Weser erreichen können und wäre bald auf dem anderen Ufer in Sicherheit gewesen. Er hätte Kanzler Möllenbeck und den Grafen von Schaumburg treffen und mit ihnen beraten können, was zu tun sei. Stattdessen trieb er sich auf einem breiten Talweg Richtung Süden herum, auf dem ihm in jedem Moment ein mehr oder weniger betrunkener, auf jeden Fall bewaffneter Söldner entgegentreten musste. Ohne zu wissen, was er ausrichten konnte gegen diese riesige Truppe, ging er ihnen Schritt für Schritt entgegen. Als er meinte, sich etwa auf halber Strecke zwischen dem Dorf und dem Lager zu befinden, band er das Pferd an einen Baum, sprach ihm gut zu und schlich allein weiter. Durch die Bäume sah er den Widerschein der erlöschenden Feuer. Da schlug er sich ins Unterholz und folgte dem Weg in einigem Abstand, dabei auf der Hut, möglichst kein Geräusch zu verursachen.
Er roch die Wachen, bevor er sie sah. Der enorme Bierdunst ließ darauf schließen, dass sie zumindest einiges von dem kühlen Nass einfach verschüttet hatten. Sie lehnten direkt an dem Gatter zum Anger und schnarchten leise, hinter ihnen ihre langen Spieße. Der Graf zog sein Messer und ohne weiter zu überlegen, stach er es dem Ersten direkt in die Herzgegend. Der Wächter öffnete mit erstauntem Blick die Augen, griff nach dem Knauf des Messers und wollte mit seinen Lippen noch eine Frage formen. Da aber sank er in sich zusammen. Der Graf spürte das pulsierende warme Blut an seiner Hand, als er das Messer wieder herauszog. Der zweite Wächter war erwacht, obwohl kein Laut zu hören gewesen war. Der Graf war bei ihm, bevor er schreien konnte. Es schien ein leichtes Spiel, der Mann war betrunken, sehr unsicher in seinen Bewegungen. Dennoch gelang es dem Grafen nicht, ihm mit einem einzigen Streich die Kehle durchzuschneiden. Der Wächter röchelte laut, sie rangen ein paar Sekunden, die dem Grafen wie eine Ewigkeit vorkamen, aber endlich gelang ihm doch der entscheidende Messerstich in den Hals. Auch der zweite Mann kippte zur Seite und rührte sich nicht mehr.
Der Graf setzte sich zwischen die beiden Toten und strich sich die Locken, die an der Stirn klebten, mit dem Ärmel aus dem Gesicht.
Als er wieder zu Atem gekommen war, öffnete er das Gatter weit. Wo waren die Pferde? Wenn er zumindest die Pferde entführen könnte, wäre das schon ein gelungener Schlag gegen die Söldner. Hatte er nicht von oben auch Pferde ausgemacht? Er musste sich beeilen! Der Mond kam hinter einer Wolke hervor und erhellte den Anger. Und dann wollte er seinen Augen nicht trauen. Am Bach stand eine Gruppe von mehr als einem Dutzend der edelsten Rösser beisammen, hoch gewachsen, mit schlanken Fesseln, eines Ritters würdig. Einer der Hengste schien gerade seine Witterung aufgenommen zu haben und schaute ihm aufmerksam entgegen. Der Graf näherte sich vorsichtig und sprach leise und beruhigend auf das Tier ein. Der Hengst ließ zu, dass er ihn am Hals und an der Flanke tätschelte. In diesem Augenblick bekam der Graf einen fürchterlichen Schlag über den Schädel und verlor die Besinnung.
Als er wieder zu sich kam, hing er hilflos in den Armen zweier Soldaten, die ihn über einen dunklen Weg schleppten. Trotz des dröhnenden Kopfschmerzes versuchte er, sich zu befreien, war aber viel zu benommen und im Nu hatten sie ihm die Hände auf dem Rücken gefesselt und zwangen ihn, weiter zu laufen.
Sie schleppten ihn vor einen Hauptmann, der mit bloßem Oberkörper vor einem der Feuer saß. Ein massiger Mann, vielleicht fünfzig Jahre alt. Er war glatzköpfig, dafür wurde das Gesicht ganz von einem grauen Bart eingenommen. Der Bauch quoll über den Gürtel und die Füße steckten in hohen, ledernen Stulpenstiefeln.
„Herr Hauptmann, mit Verlaub“, erstattete der eine Söldner Bericht, während der andere dem Grafen sein Schwert vor den Hals hielt, „diesen Burschen hier haben wir bei der Allmende aufgegriffen. Wir sollten doch Henke und Dietz ablösen. Die beiden fanden wir erstochen am Gatter in ihrem Blute und dieser hier …“, sie schoben den Grafen näher ans Feuer, damit der Hauptmann ihn richtig sehen konnte, „… der wollte gerade die Pferde stehlen, hatte das Gatter schon weit geöffnet und machte sich an den Ritterpferden zu schaffen!“
„So, so, ein Bauernlümmel, der hier nachts herumschleicht?“
Der Hauptmann hatte einen eigentümlichen Dialekt mit scharfem, rollendem R, wie ihn der Graf noch nie zuvor vernommen hatte.
„Und wo ist das Messer, das ihr ihm habt abgenommen?“
Widerstrebend fingerte der zweite Söldner in seiner zerlumpten Kleidung und übergab das Messer des Grafen dem Hauptmann. Dieser prüfte mit dem Daumen die Schärfe und steckte es zufrieden in seinen Gürtel. Dann winkte er einem Dritten:
„Voicek, nimm ein paar Männer und such Gegend ab, möchte nicht noch mehr Überraschungen erleben. Und nun zu dir …“, der Hauptmann erhob sich mühsam und kam auf den Grafen zu.
„Möchtest gern Abenteuer erleben? Hättest du dich besser uns angeschlossen, ein mutiger Kerl, den können wir immer gebrauchen, hättest du einen guten Söldner abgegeben! Der Erzbischof hat reiche Beute versprochen! Schade drum, aber bei Pferdediebstahl kennen meine Männer keinen Spaß, haben wir doch die Tiere gerade erst selbst kon-fis-zierrrt!“
Die Männer am Feuer brachen in lautes Gelächter aus.
„Ein Seil!“, rief der Hauptmann, „Dort an dem einzelnen Baum am Wege, dort knüpft ihn auf, damit die Dorfbewohner morgen sehen, dass wir mit Viehdieben und Mördern kurzen Prozess machen!“
Immer mehr Söldner drängten sich neugierig heran, froh um die unerwartete Abwechslung am späten Abend. Die Frauen ließen ihre Töpfe an den Feuerstellen im Stich, auch sie wollten einen Blick auf den Eindringling werfen. Eine drängte sich durch die Menge vor bis zum Hauptmann, der gleich besitzergreifend den Arm um sie legte.
„Sieh nur, schöne Susanna, hübscher Bursche, leider kann ich ihn dir nicht schenken, die Männer wollen ihn hängen, musst mit mir Vorlieb nehmen!“
Die Söldner brüllten vor Lachen, als er ihr einen solchen Klaps auf den Hintern gab, dass sie drei Schritte auf den Grafen zu stolperte.
Der Graf lächelte sie über das Schwert vor seinem Hals hin an. Im Schein der Lagerfeuer leuchtete ihr dunkelrotes, langes Haar. Eine vollbusige Schönheit, nicht mehr ganz jung, aber wohlproportioniert. Ihre Röcke waren so zerrissen, dass man leicht einen Blick auf ihre schönen Beine werfen konnte, wenn sie sich bewegte.
In dem Moment öffnete sich eins der etwas abseits stehenden Zelte und ein junger Mann trat heraus, den man der Kleidung nach nicht ohne weiteres in einem Söldnerlager erwartet hätte.
Der grün-weiß gestreifte weite Mantel aus edlem Samt flatterte im Wind, als er schnellen Schrittes auf den Kreis der Gaffer zukam. Die Männer ließen ihn ohne zu murren durch und gerade, als man Bernhard unter den freistehenden Baum gezerrt hatte, rief der junge Edelmann:
„Haltet ein, ich glaube, ich kenne den Mann.“
Bernhard drehte sich um und erkannte Jürgen Spiegel zu Peckelsheim, einen Landadeligen jenseits der südlichen Grenze des Lipperlandes, Vasall des Grafen von Waldeck. Er war verwirrt. Offensichtlich war Spiegel kein Gefangener der Söldner. Was verschlug ihn hierher?
„Hauptmann Pirrwitz, gestattet ein Wort unter vier Augen, bevor Ihr ihn hängt!“
Der Hauptmann gebot den Männern mit einer Handbewegung Einhalt und ging zu Bernhards größter Verwunderung ohne zu zögern auf die Bitte von Spiegel ein. Sie tuschelten eine Weile abseits, wobei der Hauptmann ab und zu ungläubig fragende Blicke auf den Grafen warf. Anschließend trat der Hauptmann breitbeinig vor die Schar der Söldner und Marketenderinnen, die mittlerweile auf weit über hundert angewachsen war.
„Hängen wir ihn vorerst nicht, vielleicht lässt sich Lösegeld herausschlagen, viel Lösegeld, dann kann ich euch allen Sold auszahlen. Der Herr Spiegel behauptet, dieser junge Kerl hier wäre der Graf zur Lippe höchstpersönlich!“
Ein Raunen ging durch die Menge. Die meisten waren enttäuscht, hatten sie sich doch schon auf ein möglichst grausames Spektakel gefreut. Und Geld war ihnen so oft versprochen worden, dass sie gar nicht mehr daran glaubten, jemals einen Sold zu erhalten, außer dem, den sie sich selbst zusammenraubten.
Der Graf bekam vor Erleichterung weiche Knie. Die Gedanken jagten durch seinen Kopf:
Was zum Teufel machte Spiegel in einem Söldnerlager?
Wie und woher könnte er Lösegeld beschaffen, sollte es jemals dazu kommen?
Und vor allem, gab es jetzt, wo er nicht sofort aufgehängt werden sollte, eine Möglichkeit, sich zu befreien?
„Wo ist der Schmied?“, rief der Hauptmann über den Platz, „wir müssen den Herrn Grafen in Ketten legen, in der Hoffnung, dass es ein Herr Graf ist! Nein, halt, viel besser, Männer, holt den Schandkorb, den wir in Hameln mitgenommen haben! Ha“, wandte er sich an Spiegel, „eigentlich habe ich den Korb ja nur mitgenommen, damit die Männer nicht meinen, hier könnte mir einer auf der Nase herumtanzen! Aber jetzt können wir ihn sogar richtig gut gebrauchen und alle sehen gleich, wohin es führt, wenn sich einer mit mir anlegt!“
Spiegel nickte beifällig.
Mindestens zehn Männer stürmten los und schleppten von einem der im Rund stehenden Wagen einen länglichen Korb aus Eisenstreben herbei.
Durch eine enge Luke zwängten sie den Grafen hinein. Der Hauptmann verschloss die Luke persönlich, befestigte den Schlüssel umständlich an einer Kette und hängte sie sich um den Hals.
„Nun könnt ihr ihn doch noch aufhängen, Männer!“, lachte er.
Der Käfig war so gestaltet, dass ein Mann von der Größe des Grafen nicht ganz aufrecht stehen konnte. Unter den oben spitz zulaufenden Stäben musste er den Kopf leicht gebeugt halten. Er war aber auch so eng, dass man sich nur auf den Boden des Gelasses setzen konnte, wenn man die Beine zwischen den Eisenstäben nach draußen streckte. Oben an der Spitze befand sich ein eiserner Ring, an dem die Söldner rasch ein starkes Seil befestigten. Damit zogen sie den Käfig an dem dicken Ast in die Höhe, den man schon vorher zum Erhängen des Gefangenen ausersehen hatte.
Die Stimmung im Lager war jetzt wieder auf dem Höhepunkt. Die Männer grölten und lachten und sangen Lieder in ihrer merkwürdigen Sprache. Es wurde Bier ausgeschenkt und jeder Söldner versuchte, wenigstens einmal bis zum Schandkäfig vorzudringen, um diesen in Schwingungen zu versetzen, so dass das Seil schon bedenklich knarrte und der Graf in seiner misslichen Lage mehr als einmal mitsamt dem Eisenkäfig gegen den Stamm des Baumes geschleudert wurde. Die Wut kochte in ihm. Er spürte die zahlreichen blauen Flecken nicht, versuchte, die aufsteigende Übelkeit niederzukämpfen und begann in seiner Verzweiflung, mit beiden Händen die Gitterstäbe auseinanderzubiegen, konnte aber in der Enge kaum Kraft entwickeln. Und selbst wenn sich die Eisen bewegt hätten, wäre es ja doch ein sinnloses Unterfangen gewesen.
Der Herr Spiegel zu Peckelsheim hatte sich rasch abgewandt, als man den Grafen so unehrenhaft festsetzte, und war ohne ein weiteres Wort wieder in seinem Zelt verschwunden.
Der Morgen graute schon über den Hügeln, als die Männer endlich zur Ruhe kamen und sich einer nach dem anderen einen Schlafplatz auf den Wagen, bei den Feuerstellen und in den wenigen Zelten suchte. Zwei Männer wurden bestimmt, den Gefangenen zu bewachen, waren aber nach kürzester Zeit auch eingeschlafen.
Schon seit Stunden hatte der Graf den Drang verspürt, seine Notdurft zu verrichten. Endlich erleichterte er sich, peinlich darauf bedacht, die unter ihm schlafenden Wachen nicht zu benetzen, dann setzte er sich auf den Boden des Korbes, die Füße baumelten ins Leere. Er fand trotz aller Erschöpfung keinen Schlaf. Vor seinem geistigen Auge erschienen die beiden Wächter am Gatter der Allmende. Wie leicht es gewesen war, das erste Mal. Nicht anders, als einem verwundeten Tier bei der Jagd den Gnadenstoß zu geben. Möllenbeck hatte ihm nicht gesagt, dass es so einfach war. Er hatte ihn nur auf den glorreichen Kampf Mann gegen Mann vorbereitet. Aber jemanden im Schlaf umzubringen, das war kein Kampf edler Ritter. So ein Stich ins Herz eines Menschen verursachte einen ganz kleinen Stich im eigenen Herzen, ein kurzer Moment der Ungläubigkeit, schon vorbei. Er spürte kein Mitleid, keine Reue, nur immer größere Wut. Er hätte noch mehr von ihnen erledigen sollen. Er brauchte nur eine Truppe, viele Männer, und schon würde er diese Bande unerbittlich aus seinem Land vertreiben, ohne Gnade. So drehten sich seine Gedanken und der Groll wurde nicht weniger. Auch Durst und Hunger begannen ihn zu quälen, allerdings hätte er sich lieber die Zunge abgebissen, als diese Unholde nach Wasser zu fragen.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als das Lager wieder erwachte, nachdem aber ein Bote eingetroffen war, trieb der Hauptmann seine Leute drängend zur Eile an.
Der Schandkorb wurde heruntergelassen und auf einen der Wagen zusammen mit Kochgeschirr und Fässern verfrachtet. Dabei zerrten und rissen die Söldner so lange an der Kleidung des Grafen herum, bis sie seine Kette mit dem goldenen Kreuz, seine Ringe und seine ledernen Stiefel entwendet hatten. Um die Stiefel entspann sich ein Streit, gleich drei Männer erhoben Anspruch darauf, da ihre Füße nur notdürftig mit Wolllappen umwickelt waren.
Im Durcheinander des allgemeinen Aufbruchs bekam der Graf mit, dass man zur Burg Sternberg, der Heimat seines treuen Kanzlers Möllenbeck, ziehen wollte, die schon von anderen Söldnergruppen belagert wurde, wo man aber Verstärkung und vor allem Nahrungsnachschub dringend benötigte. Als endlich alle Vorräte, Kessel und Zelte verladen waren und alle Ochsen und Pferde angespannt waren, trat Hauptmann Pirrwitz an den Schandkäfig. Heute war er in einen wattierten, etwas abgeschabten Waffenrock gekleidet, der von einem breiten Ledergürtel gehalten wurde, in dem das Messer des Grafen steckte. Er kaute auf einem zerfaserten Weidenstöckchen herum, sodass sein merkwürdiger Dialekt noch schwerer zu verstehen war:
„Nun, Herr Graf, wie ist das Befinden? Ihr habt schon gehört, dass es auf die Burg Sternberg geht? Spiegel sagte mir, dort residiert Euer Kanzler, der von Möllenbeck? Wir werden ihm einen guten Handel vorschlagen: Die Burg und alles, was sich darinnen befindet, und zehntausend Goldgulden gegen das Leben des Landesherren. Ein guter Tausch, was meint Ihr, wird er darauf eingehen?“
Der Graf fühlte Hitze in sich aufsteigen. Möllenbeck weit weg in Schaumburg, sein Burgvogt ohne Weisungen … womöglich würde man allzu rasch den Forderungen der Barbaren nachgeben!
Er drehte sich weg, um seine Erregung nicht zu zeigen.
„Ho, ho, der Herr wünscht nicht mit mir zu reden?“
Die Stimme des Hauptmanns klang unversehens bedrohlich. In dem Moment aber war die schöne Susanna an ihn herangetreten. „Hauptmann, wir sind soweit, alles ist verpackt. Nur die Alte aus Hameln meint, wir hätten dem Gefangenen noch gar nichts zu trinken gegeben, er werde verdursten … Und er ist so ein schöner Mann, finde ich, das wäre doch schade …“
Bei diesen Worten fuhr sie dem Hauptmann mit der rechten Hand durch den Bart und mit der linken streichelte sie sein Gemächt. Hauptmann Pirrwitz fasste sie grob am Handgelenk:
„Du kommst mir gerade recht! Was hast du mit dem hier zu schaffen? Wenn du ihm zu nahe kommst, dann gnade dir Gott!“
„Aber Hauptmann, ich komme nur dir zu nahe!“
Dabei schob sie ihren ausladenden Busen vor seine Brust. „Allenfalls sein letztes Stündchen könnte ich ihm versüßen, wenn du ihn wirklich umkommen lassen willst?“
Ihre flammend roten Haare wirbelten herum und sie blinzelte dem Grafen zu.
„Hüte deine Zunge, Weib, sonst vergesse ich mich … so schnell verdurstet ein Mann nicht, aber gut, wir brauchen den feinen Herrn noch, also in Gottes Namen, sag der Alten, sie soll ihm Wasser bringen.“
Er gab ihr einen Klaps aufs Hinterteil, dass es laut klatschte und wandte sich seinen zum Abmarsch bereiten Männern zu. Die Marketenderin stellte sich breitbeinig vor den Grafen im Schandkäfig hin, die Hände in die Taille gestemmt:
„Und, Herr Graf, sagst du jetzt: danke, schöne Susanna?“
Der Graf lächelte spöttisch und zog die Augenbrauen hoch:
„Wer weiß, vielleicht, wenn du mich wirklich meinen Durst stillen lässt?“
Der Wagenzug hatte sich schon in Bewegung gesetzt, als Susanna mit einem Trinkschlauch und einem steinharten, aber zumindest nicht angeschimmelten Stück Brot zurückkam. Der Graf hatte es mittlerweile geschafft, sich wieder auf den Boden des Käfigs zu setzen und die Beine zwischen den Fässern auszustrecken. Als sie ihm Essen und Trinken reichte, ließ er beides in seinen Schoß fallen, fasste blitzschnell ihre Arme, zog sie zu sich heran und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf den Mund. Sie riss sich los:
„Wenn das der Hauptmann gesehen hat, schlägt er uns beide tot!“
„Ich wollte nur ‚Danke, schöne Susanna‘ sagen!“, lachte der Graf, „und komm bald wieder, schöne Susanna!“
Die Marketenderin ließ ihn ohne ein weiteres Wort zurück und eilte zum vordersten Wagen, neben dem der Hauptmann Pirrwitz auf seinem Pferd ritt.
Der Graf trank gierig ein paar Schlucke aus dem Schlauch und kaute an dem Brot. Vielleicht konnte die schöne Susanna ihn ja auch noch vor anderem als dem Hungertod bewahren! Zum ersten Mal seit dem gestrigen Abend keimte wieder eine vage Hoffnung in ihm auf, auch wenn zwei Fußsoldaten neben seinem Ochsenkarren auftauchten, die mit ihren schweren Hellebarden zu seiner persönlichen Bewachung abgestellt waren. Die Wagen rumpelten langsam über die matschigen Wege. Diese Kriegsmannen waren wahrlich ein bunter Haufen. Einige Ältere schienen gar mit ihren Ehefrauen unterwegs zu sein, beide gleich ärmlich gekleidet mit groben Kitteln, auf Bauernkarren gezogen von mageren Ochsen. Männer und Frauen bewaffnet mit krumm geschmiedeten Spießen, langstieligen Äxten und mit eisernen Stacheln bewehrten hölzernen Morgensternen. Andere hatten zumindest einen Waffenrock oder gar ein Kettenhemd, der Graf sah Schwerter, Pfeil und Bogen und auch Kanonen. Am Abend erreichten sie das gewundene Tal, das zur Burg Sternberg hinaufführte. Auf einer langgestreckten Lichtung trafen sie auf hunderte von Karren und Wagen. Der Graf schluckte. Hier sah er auch erstmals gut bewaffnete Soldaten unter den Söldnern mit festem Lederwams und Brustharnisch, Spieß und Schild, es gab Armbrustschützen und Berittene. Er konnte es einfach nicht fassen, er fragte sich wohl zum hundertsten Male, ob wirklich der Erzbischof dieses Heer befehligte, woher all diese vielen Kämpfer kamen und zu welchem Zweck man sie gerufen hatte.
Die Ankömmlinge wurden von den anderen Söldnern freudig begrüßt, teilweise schien man sich zu kennen. Gleich machten sich Männer daran, einige von den mitgebrachten Tieren zu schlachten, und bald zog köstlicher Bratendurft über die Wiese, so dass der Graf heftig mit seinem bohrenden Hungergefühl zu kämpfen hatte. Immerhin ließen sie ihn weitgehend in Ruhe, nur vom nahen Feuer der Hauptleute hörte er schallendes Gelächter und die laute Stimme des Hauptmannes Pirrwitz, der mit seinem Fang prahlte.
Nach einer weiteren unruhigen Nacht in seinem engen Gelass besuchte ihn Susanna wieder. Diesmal aber näherte sie sich dem Schandkäfig nur bis auf ein paar Schritte, gab das Brot bei einer der Wachen ab und ließ sich auf keine Unterhaltung ein.
Von seinem Karren aus konnte der Graf einen kleinen Teil der Mauer von Burg Sternberg einsehen. Im Laufe des Tages beobachtete er davor verstärkte Aktivitäten. Die Söldner hatten Bäume gefällt und sie mit Pferden vor die Mauer gezogen. Stundenlang hörte er die Äxte und die Rufe der Zimmerleute. Die Armbrustschützen hatten sich im Halbrund verteilt, um etwaige Angriffe von der Burgmauer abzuwehren. Aber dort blieb alles ruhig. Vermutlich dachte der Burgvogt wie der Graf: Wenn sie einen Belagerungsturm zimmerten, war es besser, ihn von den Feinden aufrichten zu lassen und ihn erst im letzten Moment mit Feuerpfeilen zu zerstören oder ihn mit langen Stangen einfach umzukippen. Wenn die Feinde den Turm nämlich schon bestiegen hatten, wurden so auch möglichst viele Männer mit in den Tod gerissen. Aber dann sah er, dass sie nur einen einzigen großen Pfeiler mit einem Querbalken hochzogen und verankerten. Mit Entsetzen wurde ihm klar, dass dort kein Belagerungsturm gezimmert worden war, sondern ein Galgen, so offen vor der Mauer positioniert, dass er nur einem Zwecke dienen konnte:
Man wollte den Schandkorb daran hochziehen, um den Verteidigern der Burg vor Augen zu halten, in welch schlimmer Lage sich ihr junger Landesherr befand, und sie so zur Aufgabe zu zwingen.
Man wollte ihn vor aller Augen der Lächerlichkeit preisgeben, ihn erniedrigen, ihn für immer der Schande ausliefern! Wie sollte er je wieder vor seine Vasallen treten, sich je wieder Achtung erwerben, je wieder Achtung vor sich selbst haben? Lieber wollte er sterben, aber auch das war in diesem verfluchten Käfig unmöglich!
So etwas konnte der Spiegel als ein Ritter von Ehre doch in keinem Fall zulassen! Aber Jürgen Spiegel zu Peckelsheim mied den Grafen, seit sie in Bösingfeld aufgebrochen waren. Kaum dass er ihn einmal von ferne in der Menge der Söldner ausgemacht hatte, gesprochen hatte er überhaupt noch nicht mit ihm. Er würde Susanna nach ihm schicken müssen. Besser noch, Susanna würde den Schlüssel zum Schandkorb stehlen müssen. Aber die schöne Susanna hatte sich seit dem Morgen auch nicht mehr blicken lassen. Verzweiflung machte sich breit. Ohne Erfolg hatte er wieder und wieder versucht, die eisernen Stäbe des Käfigs zu verbiegen. Des Öfteren hatten ihn seine beiden Bewacher sogar ganz allein auf dem Karren zwischen den Fässern zurückgelassen, weil anderswo helfende Hände gebraucht wurden oder sie einfach auf der Suche nach Gesellschaft mit ihresgleichen waren. Aber so sehr er sich auch mühte, er fand keine Möglichkeit, sich zu befreien.
Die Dämmerung war schon längst hereingebrochen, als sich endlich Susanna mit einem Trinkschlauch und einem kleinen Kanten Brot näherte. Der Graf setzte sein schönstes Lächeln auf:
„Endlich erfüllt sich meine Sehnsucht! Wie kannst du mich so lange allein lassen, schöne Susanna?“
Die Schöne legte ihren Kopf schief und lächelte:
„Du hast auf mich gewartet?“
„Den ganzen Tag tue ich nichts anderes, ich verzehre mich nach dir!“
„Nach mir, oder nach dem Essen, das ich dir bringe?“
Jetzt lachte der Graf, beteuerte aber:
„Hungern will ich tagelang für einen einzigen Kuss von dir!“
Plötzlich zeigte sich Angst auf Susannas Gesicht. Rasch legte sie Brot und Wasser vor ihm ab und flüsterte:
„Ich komme wieder!“
Sie raffte ihre zerrissenen Röcke und lief schnell davon. Als der Graf sich umdrehte, sah er Hauptmann Pirrwitz gar nicht weit entfernt, wie er mit den Wachen schimpfte, die sich über ein gebratenes Huhn hergemacht hatten. Der Hauptmann scheuchte sie zurück auf ihren Platz neben dem Karren des Grafen.
Wieder hatte Der Graf mit Susanna nicht über den Schlüssel reden können! Hoffentlich kam sie noch in der Nacht zurück! Er grübelte und grübelte, aber kein anderer Ausweg wollte ihm einfallen, als auf Susannas Hilfe zu hoffen.
***
Die sanfte Berührung einer Hand holte ihn aus einem unruhigen Schlummer.
„Schhhh, leise!“ Aber es war nicht Susanna, die sich da über den Karren beugte. Die zahnlose Alte, die er gelegentlich bei der Feuerstelle des Hauptmanns gesehen hatte, zog einen Schlüssel aus ihrem Kleid und schloss die Luke auf. Das Eisen knirschte laut in den Scharnieren, als sie die Tür öffnete. Der Graf sah sich erschrocken um, doch der Platz lag wie ausgestorben, die Feuer waren heruntergebrannt, es war so finster, dass er die schnarchenden Wachen neben dem Karren kaum ausmachen konnte.
Die Frau zerrte ihn heraus:
„Schnell, Herr, dort ins Gebüsch!“
Sie schob ihn über die Lichtung. Der Graf versuchte, seine steif gewordenen Beine zu lockern.
„Wie kann ich dir danken, Frau? Wie ist dein Name?“
Aber die Alte meinte nur:
„Es sind so unglaublich viele! Ich habe gesehen, wie sie die Weserfurt durchquert haben! Ein endloser Zug. Ihr müsst ihnen entgegentreten! Lasst nicht zu, dass sie noch mehr Tod und Verderben verbreiten!“
Der Graf atmete tief ein und aus.
„Aber was wird aus dir? Komm mit mir, damit dir nichts geschieht!“
Die alte Frau schüttelte den Kopf.
„Sorgt Euch nicht. Mir wird nichts geschehen. Der Hauptmann ist vom Wein und von Susanna benebelt, er schläft wie ein Stein. Ich werde ihm den Schlüssel wieder um den Hals legen. Ich werde den Schandkorb mit etwas Ruß beschmieren und morgen verbreiten, der Teufel habe Euch geholt. Die Fremden sind sehr leichtgläubig … Und nun müsst Ihr fort!“
Damit drehte sie sich um und ließ ihn einfach stehen. Der Graf schüttelte den Kopf, wollte noch etwas erwidern, aber da hatte die Dunkelheit die Alte schon verschluckt.
„Gott segne dich!“, flüsterte er ihr nach, doch das hörte sie nicht mehr.
Kapitel II
Anna von Schaumburg wuchs als einzige Tochter des Grafen Otto von Schaumburg und Holstein gemeinsam mit drei Brüdern auf. Sie war ein wildes Kind, stand in Mut und Schnelligkeit ihren Brüdern nicht nach und verbrachte ganze Tage im Wald, auch um der allzu oft traurigen Stimmung ihrer Mutter zu entgehen. Diese stammte aus dem Holsteinischen, litt unendlich unter Heimweh nach dem Meer und dem hohen Himmel des Nordens und verbrachte ganze Tage im Bett, weinend oder die Decke anstarrend, nicht in der Lage mit jemandem zu sprechen. Graf Otto hatte sich im Laufe der Zeit mit den seelischen Verstimmungen seiner Frau arrangiert und versuchte, in klugen Geschäften und vorteilhaften Fehden seinen Besitz zu mehren.
Von der Mutter hatte Anna die strengen, fast männlichen Gesichtszüge geerbt, die ihr schon als Kind das Aussehen einer Erwachsenen gaben, die das Leben kennt. Vom Gemüt her aber war sie ganz anders als ihre Mutter und fühlte sich eingesperrt, als sie älter wurde und sich das wilde Leben gemeinsam mit ihren Brüdern für sie nicht mehr schickte.
Die Burg Schaumburg erhob sich wie ein Adlerhorst auf einem Vorsprung des Wiehengebirges hoch über dem Tal der Weser mit einem Blick weit über den Fluss nach Süden über die lippischen Hügel. Wann immer es Anna gelang, der düsteren Mutter zu entkommen, kletterte sie auf den Burgfried und träumte, wie ein Vogel nach Süden zu fliegen, dorthin, wo die Sonne wärmer schien.
Immerhin erlaubte der Vater nach langen Bitten, dass sie am Unterricht der Brüder teilnehmen durfte, wenn sie versprach, nicht zu stören und den Mönch, der vom Kloster Möllenbeck für den Unterricht abgestellt worden war, nicht mit weiblichen Reizen oder Albernheiten abzulenken. Anna war selig und gab sich alle Mühe, den Vater nicht zu enttäuschen. Schon als Kind hatte sie das Schreiben und Lesen von ihren Brüdern erlernt, und nun saß sie ganz still hinter den jungen Männern in einer Ecke und versuchte, sich über alles Notizen zu machen, was der Mönch sie lehrte, um den Stoff anschließend in ihrer Kemenate eifrig zu repetieren. So lernte Anna die Grundzüge der lateinischen und ein paar Worte der griechischen Sprache, lernte etwas über die Bibelauslegung der großen Kirchenphilosophen wie Thomas von Aquin oder Franziskus von Assisi. Auch über die Jurisprudenz wusste Frater Clemens einiges zu berichten, da er einst an der ehrwürdigen Universität von Heidelberg studiert hatte. Am meisten Wert aber legte er auf die lateinischen Bibeltexte, von denen er für richtig hielt, dass man möglichst viel auswendig hersagen konnte. Denn nur Gottes Wort sei die wahre Bildung des Menschen. Annas Brüder waren davon weniger überzeugt, so dass Frater Clemens oft ungehalten war und die Buben züchtigte. Anna saß dann in ihrer Ecke und flüsterte die Verse leise vor sich hin, wurde aber nie gefragt.
An Annas vierzehntem Geburtstag teilte der Vater ihr mit, dass man sie mit Bernhard, dem künftigen Grafen zur Lippe verheiraten werde. Der sei zwar zwei Jahre jünger als sie, aber die einzige in Frage kommende Partie. Es mangele an standesgemäßen jungen Adligen in der Gegend. Er habe die Verlobung schon mit dem lippischen Kanzler Möllenbeck vereinbart, der im übrigen aus dem Schaumburgischen stamme und sich schon seit Jahren vorbildlich um die Belange des Lipperlandes und die Erziehung des jungen elternlosen Grafen kümmere. Außerdem befreie ihn diese Verlobung von den ewigen Anfragen des alten verwitweten Grafen von Hoya, für den ihm seine Tochter nun wirklich zu schade sei.
Anna hörte sich die lange Rede ihres Vaters an und sagte nichts. Zum einen ängstigte sie die Ehe und alles was darum herum gemunkelt wurde, auch konnte sie sich nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben als eben auf der Schaumburg. Aber andererseits erinnerte sie sich an ihre Kindheitsträume, nach Süden zu ziehen und immer weiter.
Immerhin, das Lipperland lag im Süden, auch wenn es gleich hinter der Weser begann.
Zwei Wochen nach dieser Neuigkeit verschwand Annas Mutter.
Niemand hatte etwas bemerkt. Sie hatte sich am Abend wie gewohnt früh zurückgezogen und sich noch einen Becher Milch in ihr Schlafgemach bringen lassen. Als sie am nächsten Tag nicht zum Morgenmahl erschien, ließ Graf Otto nach ihr schicken, aber die Magd fand die Kammer leer und das Bett unbenutzt. Man rief nach der Gräfin Elisabeth, suchte jeden Winkel der Burg ab, bis hinauf zum hohen Burgfried. Man befürchtete, sie sei irgendwo gestürzt und liege nun hilflos oder gar ohnmächtig. Ihre sonst so düstere Stimmung hatte sich in letzter Zeit etwas gelegt, fast als sei sie erleichtert, dass ihre Tochter mit der Verlobung nun endlich gut versorgt war. Daher erschien ihr Verschwinden umso rätselhafter. Eine Entführung wurde erwogen, war jedoch besonders unwahrscheinlich, da sich Graf Otto in letzter Zeit von Fehden eher ferngehalten hatte. Als man in der Burg absolut keine Spur von ihr finden konnte, befahl Graf Otto, in Gruppen in den Wald, ins Dorf und bis an die Weser auszuschwärmen, obwohl es eigentlich fast unmöglich war, die Burg am Abend oder in der Nacht unbemerkt von Hunden oder Wachen zu verlassen. Es fand sich kein Anhaltspunkt, auch die Dorfbewohner hatten die Gräfin Elisabeth in letzter Zeit nicht gesehen.
Anna spürte neben aller Sorge auch so etwas wie Unbeschwertheit. Die Burg, der Himmel, der Wald, alles erschien seit dem Verschwinden der Mutter etwas heller. Sie erschrak über diesen Gedanken und betete in der Kapelle um Vergebung zur Mutter Gottes.
Vier Tage später wurde die aufgedunsene Leiche der Gräfin von Schaumburg und Holstein von einem Fischer flussabwärts bei Veltheim im Uferschilf der Weser gefunden, die Finger mehrfach umschlungen von einer Kette, an der ein goldenes Kreuz hing.
Anna betete jeden Tag in der Kapelle für das Seelenheil ihrer Mutter. Ansonsten aber fand sie sich mit ihren knapp fünfzehn Jahren rasch in die Rolle der Hausfrau eines großen Anwesens. Sie beaufsichtigte die Mägde, verwaltete Vorratskammer und Keller und regte ihren Vater zu manchen Neuerungen an. Er ließ sie gewähren, denn er konnte seiner einzigen Tochter, die doch ach so früh erwachsen werden musste, keinen Wunsch abschlagen. So wurde die baufällige Kapelle auf der Burg renoviert, die Wände weiß gekalkt, neue Butzenscheiben eingesetzt und ein wunderschönes Bildnis der heiligen Elisabeth, der Namenspatronin von Annas Mutter, aufgestellt.
Das zweite Vorhaben, das Anna in Angriff nahm, war ein kleiner Garten direkt unterhalb der Küche. Die Schaumburg war auf einem steilen Felsen erbaut, der obere Burghof dadurch sehr beengt, so dass der Gemüsegarten und Ställe und ein Teil der Gesindehäuser in einem zweiten, unteren Burghof untergebracht waren. Beide Höfe waren mit einem steilen ummauerten Torweg verbunden, über den alle Güter, eben auch jede Zwiebel, jeder Apfel und jedes Küchenkraut nach oben transportiert werden mussten. Im Fels aber, zum Tal der Weser hin, befand sich unterhalb der großen Küche eine natürliche Terrasse, und nachdem man die dicken Mauern für eine kleine Tür durchbrochen und eine Stiege hinab geschaffen hatte, wurde es möglich, dieses kleine Fleckchen durchaus fruchtbaren Bodens von der Küche aus zu begehen. Anna ließ Bohnen anpflanzen und Pastinaken und Möhren. Es war Platz für ein Kräuterbeet mit Minze, Dill, Kerbel und vieles mehr und in der äußersten Ecke pflanzte Anna persönlich einen Apfelbaum. Bald verbrachte sie jede freie Minute in diesem kleinen Paradies. Von den alten Frauen im Dorf ließ sie sich die Pflanzenzucht, die Verwendung der Kräuter und die Gefahren durch Schädlinge wie Schnecken und Mäuse genau erklären. So grünte und blühte es in dem Felsengärtchen und die Düfte der zum Trocknen aufgehängten Kräuter durchzogen die Küche.
***
Eines Morgens hörte Anna plötzlich aufgeregtes Schimpfen und Rufen vom Burghof her. Die Zofe wollte ihr gerade die Zöpfe aufstecken, aber Anna drehte sich um: „Hörst du das? Was ist das denn in der Frühe für ein Lärm, lass uns schauen!“ Die beiden Mädchen liefen zum Fenster, öffneten es und Anna lehnte sich hinaus. Im Hof waren zwei Wächter damit beschäftigt, einen völlig verdreckten jungen Mann mit zerrissenen Kleidern zu bändigen. Die nackten Füße waren mit Lehm bedeckt, die Kleidung so feucht, als sei er soeben der Weser entstiegen. Der junge Mann beschimpfte die Wachen lauthals. Er war groß, breitschultrig und kraftvoll und doch sehr schlank und in seinen Bewegungen so schnell und geschickt, dass die beiden Wächter Mühe hatten, ihn festzuhalten. Seine schwarzen Haare flogen umher und die böse funkelnden dunklen Augen konnte Anna selbst von oben erkennen. Das Gesicht war bedeckt mit schwarzen Bartstoppeln. In dem Moment betrat ihr Vater den Hof. Er war schon ganz angekleidet und sah in seinem grüngoldenen Wams wie immer sehr stattlich und würdevoll aus.
Bei seinem Anblick wurde der junge Mann etwas ruhiger und verbeugte sich, soweit der Griff der Wachen dies zuließ: „Graf Bernhard zur Lippe, Euer Gnaden, verzeiht mein wenig standesgemäßes Aussehen. Ich bin gerade mit Mühe einigen unpässlichen Situationen entronnen.“
Die Wachen brachen jetzt in lautes Lachen aus.
„Euer Gnaden, das hat der Bauernlümmel vor dem Tor auch schon erzählt und herumkrakeelt, er sei der Schwiegersohn und er müsse sofort vorgelassen werden, was sollen wir mit ihm machen?“
Anna war blass geworden, ihr Herz schlug rasend, das konnte doch nicht sein, dass sie mit diesem schwarzen Ungeheuer verheiratet werden sollte!
Während ihr Vater noch ungehalten auf die lachenden Wachen sah, stürzte der lippische Kanzler Möllenbeck, der die Heiratsverhandlungen mit ihrem Vater geführt hatte, aus dem Haus.
Johann von Möllenbeck, aus dem reichen Geschlecht derer von Möllenbeck, die einst auch das gleichnamige Kloster gestiftet hatten, war früh ergraut und hatte einen etwas gewölbten Rücken, ein offenes Gesicht und seine wachen, freundlichen Augen täuschten darüber hinweg, dass er ein harter und sehr eloquenter Verhandlungspartner war. Sein ganzes Leben hatte er dem Wohlergehen des lippischen Staatswesens gewidmet. Den Söhnen des früh verstorbenen Grafen Albert zur Lippe war er ein umsichtiger und liebevoller Ziehvater gewesen. Über die Grenzen des Landes hinaus wurden seine politische Klugheit, seine Weitsicht und Loyalität gerühmt. In der Regel achtete er sehr auf seine Kleidung, die schlicht, aber von edlem Stoff war.
Heute jedoch sah recht derangiert aus, die leuchtend rote Samtkappe saß schief auf seinem grauen Haarkranz und im Laufen zog er sich noch seinen schwarzen Rock an. Als er den Aufgegriffenen erblickte, rief er aus:
„Um Himmels Willen, Herr Graf, was ist Euch geschehen?“, und an Annas Vater gewandt: „Euer Gnaden, ich verstehe das nicht, ein schreckliches Unglück, darf ich Euch unseren jungen Landesherren Graf Bernhard VII. zur Lippe vorstellen?“
***
Graf Otto sah immer noch konsterniert auf seinen zukünftigen Schwiegersohn. Statt einer standesgemäßen Begrüßung meinte er nur:
„Die Magd mag Euch einen Zuber mit heißem Wasser bereiten … und Speis‘ und Trank werden wohl fürs Erste in der Küche auch zu finden sein.“
Die Wachen ließen den Grafen endlich los und machten ein erschrockenes Gesicht. Aber niemand tadelte sie. Anna stand erstarrt an ihrem Fenster. Als der Graf zur Lippe kurz nach oben blickte, gelang es ihr nicht mehr rechtzeitig, sich zu ducken. Ein Schmunzeln ging über Bernhards Gesicht.
