Der große Unbekannte - Franziska König - E-Book

Der große Unbekannte E-Book

Franziska König

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Beschreibung

Roman eines Monats Mai 2004 Wieder ein Monat im Leben einer Geigerin, aus dem sich mehrere Themen herauskristalisieren. Eingebettet in die Liebe ihrer Familie und von den Geschehnissen der Zeit getragen, unternimmt Franziska einige Reisen. Der Leser ist eingeladen sie zu begleiten, an ihrem Leben und ihren Gedanken zu nippen. Und warum das Buch so heißt wie es heißt? Dazu muss man sich ein wenig in die Lektüre hineinkrümmen. Aber letztendlich erfährt man es doch. Dies ist das 66. Buch einer emsigen Chronistin in der Nachfolge Walter Kempowskis.

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Seitenzahl: 222

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Meinem lieben Onkel Hartmut zu Weihnachten 2025

Franziska (Kika) im Jahre 2004 mit ihrer geliebten Violine

Aus dem Leben einer Geigerin

Die meisten Vorkömmlinge

finden sich im Personenverzeichnis

am Ende des Buchs

Hier die Familie vorweg:

Buz (Wolfram), unser Papa (*1938) Professor für Violine an der Musikhochschule in Trossingen

Rehlein (Erika), unsere Mutter (*1939)

Ming (Iwan), mein Bruder (*1964)

Julchen, Mings neue Liebe (*1983)

Ein Buch ohne Vorwort.

Du kannst gleich anfangen zu lesen…

Inhaltsverzeichnis

Mai 2004

Samstag, 1. Mai

Sonntag, 2. Mai

Montag, 3. Mai

Dienstag, 4. Mai

Mittwoch, 5. Mai

Donnerstag, 6. Mai

Freitag, 7. Mai

Samstag, 8. Mai

Sonntag, 9. Mai

Montag, 10. Mai

Dienstag, 11. Mai

Mittwoch, 12. Mai

Donnerstag, 13. Mai

Freitag, 14. Mai

Samstag, 15. Mai

Sonntag, 16. Mai

Montag, 17. Mai

Dienstag, 18. Mai

Mittwoch, 19. Mai

Donnerstag, 20. Mai

Freitag, 21. Mai

Sonntag, 22. Mai

Sonntag, 23. Mai

Montag, 24. Mai

Dienstag, 25. Mai

Mittwoch, 26. Mai

Donnerstag, 27. Mai

Freitag, 28. Mai

Samstag, 29. Mai

Sonntag, 30. Mai

Pfingstmontag, 31. Mai

Personenverzeichnis

Mai 2004

Samstag, 1. Mai

Aurich (allein)

Sonnig

Nach Mitternacht rief ich das Beätchen in Amerika an, um mich endlich für den entzückenden Brief zu bedanken.

Onkel Jesse, fröhlich und sonnig wie immer, hob den Hörer ab und setzte sich nach Art eines Schmetterlings einen kleinen Moment in meine Ohrmuschel hinein, um sodann die „Bijääädey“ herbeizurufen, die rothfuß*gemäß in der Gartenarbeit stak.

*Rothfuß: Familie mütterlicherweits

Das Beätchen wiederum bezwitscherte mich beätchengemäß mit lauter Schwangerschaftsgeschichten, zumal sie ja im nächsten Monat erstmals Oma wird. Ja, jetzt gehts los mit der Enkelschar, wie einst bei Opa und Mobbln Anfang der sechziger!

Beas einziger Sohn, das Rifflein, schwängerte eine Frau, die allerdings nur eine „gute Bekannte“ sei – nichts für die Ewigkeit. Heiraten möchte er sie auf gar keinen Fall, auch wenn es ihn sehr freue, demnächst ungewollt Vater zu werden.

Hernach stieg ich ins Bett.

Morgens, noch in den Bettfluten liegend, denke ich mir zuweilen Kriminalgeschichten aus, und heute malte ich mrr aus, wie unser Bekannter, Herr Wader, nur einen Tag nach seinem 70. Geburtstag plötzlich verstirbt, und stellte es mir bildhaft vor. Das besudelte Geschirr der Gäste steht noch unabgeräumt auf dem Tisch und der Jubilator liegt tot unter dem Tisch, da ihm seine böse Frau etwas in die Speise gemixt hat.

Leider habe ich wieder etwas zugenommen, doch es handelte sich nur um wenige Gramm. Und doch fühlte ich mich gleich etwas speckiger an.

Buz hatte heut Geburtstag, war jedoch in Trossingen unabkömmlich.

Und während ich ein verschwindend kleines Müsli frühstückte, rief als erste Gratulantin Renate N. an. Zunächst schien sie – eine unglaublich treue Schülerin, die es niemals verabsäumen würde, Buzen persönlich zum Geburtstag zu gratulieren – von förmlich und sachlichem Wesen, indem sie sich lediglich knapp nach Buzens Erreichbarkeit erkundigte, um mir so wenig Zeit als irgendmöglich abzuknappsen.

Dann aber sagte sie: „Und wie geht´s Dir so?“

Ich erfuhr, daß sie mit ihrem Mann Joachim auch nach acht Jahren noch sehr glücklich sei. Inzwischen haben sie so viele Freunde, daß man direkt ein wenig Obacht geben müsse, daß das Freundschaftsfass nicht überquillt. Von einem Engländer, der in die alte Heimat zurückgekehrt ist, haben sie gar einen ganzen Freundeskreis geERBT!

Die Renate, wenn auch zu Telefonatsbeginn knapp und auf den Punkt gebracht agierend, verbreitete nun gar keinen Auflegeschwung mehr, und als ich meine Worte nach einer Weile in einen Auflegefreudigkeitsdip tunkte, um mich Sinnvollerem zuzuwenden („Also dann....“), kam von der anderen Seite her gar keine rechte Resonanz, so daß man immer weiter telefonieren musste, wenn man nicht unhöflich sein wollte.

Einmal im Telefonierschwung steckend, rief ich Ming in Ofenbach an, um zu verkünden, daß unser geliebter Papa heute Geburtstag habe. Wie in dem berühmten Hit von Udo Jürgens wird Buz 66 Jahre alt und wenn er nur noch einmal halb so lang leben würde, wie er jetzt gelebt hat, so wäre er bereits stolze 99! Doch man glaubt´s kaum, daß der marode Buz das noch erlebt.

Einmal sprach ein Versicherungsvertreter Buzen herzliche Glückwünsche auf den Anrufbeantworter und ich fand es so rührend, daß dieser Herr genau die richtigen Worte fand. Er wünschte Buz noch viele schöne Jahre! Worte, die ich später sogar in Rehleins Ohr hineinmolk, doch zunächst schwatzte ich noch ganz lange mit Ming, dieweil Ming eine unglaubliche Logorröh in mir auszulösen pflegt. Ich las Ming den Brief von Herrn Ströbel aus dem Kulturamt vor. Ein Beamter, der so überaus gründlich darauf achtet, daß Ming auch wirklich alleszahlt, da für einen Mann wie Ming, ansässig in Aurich/Ostfriesland, offenbar kein Pfennig aus öffentlichen Mittel zur Verfügung steht. Ich überlegte laut, was ein Promi an Mings Stelle wohl für einen Brief bekommen hätte. „Erlauben wir uns, Ihnen die fälligen Kosten...in den Arsch zu schieben!“ (Dem Sinne nach natürlich nur).

„Du hast recht! Heutzutage macht es überhaupt keinen Spaß mehr, Musikant zu sein, wenn man sich immer nur um dererlei kümmern muss!“ sagte ich. Ming solle Herrn Ströbel einen Brief schreiben, worin zu lesen steht, daß das Kulturamt auf beschämendste Weise so quasi gar nichts für die Kultur tue. Mehr noch: Ihm schiene, als hätte man im dortigen Büro die Kultur in die Schublade für Yoga und Ayurweda gestopft (vernachlässigbar!), und diese Schublade klemme bereits, da sie so gut wie nie aufgezogen würde. All das, was Aurich einmal als Kulturzentrum von Ostfriesland ausgemacht hat, ist in den letzten Jahren gestrichen worden: Musikunterricht in den Schulen, Konzertring A, Konzertring B, Konzertring C...und mietet jemand mal einen Flügel für einen guten Zweck, so wird geknausert, daß sich die Balken biegen. Erst wenn Herr Ströbel Ming schriftlich bestätigt, daß er darüber nachgedacht hat, wird Ming ihm die geforderte Unsumme überweisen.

Einmal wurde Ming, wenn auch auf sehr nette Weise, ein wenig kläuschenhaft: „A-Sann, ich üb gerade! Wenn ich jetzt stundenlang mit dir telefoniere, so kann ich nicht üben!“ sagte Ming und färbte seine Stimme sensibel ein.

So plapperte ich eben noch ein bißchen mit Rehlein.

Rehlein arbeitet derzeit mit großer freudiger Hingabe an einem Geburtstagsgeschenk für Buz. Sie gestaltet jenes Zimmer neben dem ihrigen, wo einst ich in meinen Studienjahren zu nächtigen pflegte, in sein kleines privates Reich um und schmückt die Wände mit ihren Bildern, an denen sie derzeit heimlich herumpinselt.

Und dabei ist Buz ein Mensch, der gar kein Zimmer, sondern lediglich eine Schlafstätte benötigt, wenn er um vier Uhr in der Früh von einer Sause mit jungen Leuten zurückkehrt.

Buz ist zeitlebens ein junger Mensch geblieben, und treffender als unser Verwandter Brüdi in Lübeck hätte man es gar nicht ausdrücken können: „Dein Vater hat ein Problem: Er altert nicht!“

Zur Mittagsstund schaute ich die Lindenstraße.

Ab hier bis zu jenem Zeichen § nur für Lindenstraßenkenner von Interesse:

Die Gabi kehrte nach ihrem schweren Autounfall gehörlos aus dem Krankenhaus nach Hause. Daheim gab es zwar ein Empfangskomitee, doch allgemein fühlte man sich äußerst unbehaglich. Viele hatten Hemmungen, überhaupt zu sprechen, und dann kam auch noch der Stephan (der Briefträger – Liebe ihres Lebens), um einen Brief abzugeben.

Nach einer Weile hielt es die Gabi in der stickigen Atmosphäre nicht mehr aus und entfloh auf die Straße. Dann lief sie, die ja immerhin noch einen Anker in ihrer misslichen Lage hat, zu ihrer Verliebtheitsbank, wo sie sich ständig mit dem Stephan getroffen hatte. Und tatsächlich: Da saß er. Die Gabi kuschelte sich an ihn und plapperte ihn voll: Beispielsweise erzählte sie, daß ihr Mann Andi so nett zu ihr sei, wie seit Jahren nicht mehr, aber sie halte die Fürsorge nicht mehr aus!

„Da werd ich mürrisch!“ sagte sie direkt ein wenig dichterisch.

Die Gabi ist sich so sicher, daß der Stephan und sie bis an ihr Lebensende zusammengehören, daß sie immer von sich aus die Rede drauf lenkt, dem Andi alles zu beichten und einen Neubeginn zu wagen, doch der Stephan rät auf abwiegelnde Weise ständig zur Besonnenheit.

„Nichts überstürzen!“ schrieb er beispielsweise vage auf einen Zettel. §

Mittags aß ich zum ersten Male bewusst Königsberger Klopse der Firma „Du darfst“ (besser vielleicht „Du darbst“), die leider nur böllchenklein waren.

Aus einer Laune heraus tippte ich eine Mail an meine Tante Debbie, der ich sonst wohl nie geschrieben hätte, da der moderne Mensch keine Zeit hat.

„Wie geht´s dir so alleweil?“ benützte ich Worte von Opas Kusine Ilslein, und weil diese Worte mein Doc der lang Verstorbenen angeklickt hatten, schrieb ich der Debbie auch gleich etwas über das Ilslein. Eine Dame, die es der Liebe wegen einst vom Schwabenland nach Ofenbach verschlagen hat und die alle Nas lang „Und wie geht´s dir so alleweil?“ zu mir gesagt hat. Noch heute wisse ich genau, wie es sich angefühlt hat, ihre windverblasenen, apfelroten Wangen zu bebusseln.

Um 14 Uhr schaute ich mir ein Filmchen über Konstantin Wecker an.

Dichterisch erzählte er von seinem Vater, der immer fleißig war. Er dichtete, malte und komponierte. Immer hatte er etwas vor.

Und plötzlich wurde es ergreifend. Der Konstantin wollte dem Reporter etwas zeigen und fand beim Suchen einen alten Aktenordner, worin sich eine Komödie befand, die der Vater in jungen Jahren niedergedichtet hat. An diesem Werk hatte der Sohn wiederum mehr als zwanzig Jahre lang vergebens herumgesucht.

Der Vater hatte immer wieder davon erzählt, doch vor zwei Jahren starb er.

Etwas ziellos fuhr ich auf dem Fahrrad in den schönen Sonnenschein hinaus.

Beim Radeln an der Leerer Landstraße entlang traute ich meinen Augen nicht. Wie aus dem Nichts heraus hatte man von jetzt auf gleich neben der Aral-Tankstelle einen farblich passenden Supermarkt der Firma Plus errichtet.

Ich radelte durch die Gräfin-Anna-Straße und dachte dabei an den alten Herrn, (Herrn Günther) der sich vor neun Jahren so glühend eine Kontrabass-CD gewünscht hat. Ob er wohl noch lebt? Jetzt war ich plötzlich ganz spontan. Ich eilte nach Hause, um im Speicher, wo wir die unzähligen CDs gelagert haben, die uns von ambitionierten Musikanten zugeschickt werden, nach einer Kontrabass CD zu suchen. Bestrebt, dem Herrn, sofern er noch lebe, nach neun Jahren eine Freude zu bereiten.

Im Nachbarhaus stand Frau Priwitz´ Sohn Manfred mit seiner Frau auf dem Balkon und rauchte eine Cigarette. Ich stellte mir vor, die alte Dame läge tot im Bett und die „jungen“ Leute seien ratlos auf den Balkon getreten, doch dann schimmerte das alte Sahnehaupt grad zwischen ihnen durch und man besprach Gartentechnisches.

Ich selber stieg in den sonnendurchfluteten Speicher hinauf, um nach einer CD von Buzens Kollegen Ovidiu herumzuwühlen. Es dauerte nicht lange und ich wurde fündig: Werke von Bottesini, gesurrt von einem listigen Rumänen, auf dessen Lebenslauf zu lesen steht: „...gilt als einer der bedeutensten Musiker des Jahrhunderts“. Doch gilt er dies wirklich?

Damit radelte ich nun in die Gräfin-Anna-Straße zurück. Eine kurze Seitenader der Graf-Enno-Straße – unbedeutend bis zum rührenden...(Erika Mann spricht aus mir – bloß mit dem Unterschied, dass die Hocharroganze Erika einen Verleger damit gemeint hat)

„Günther“ stand auf einem Türschild, so daß man automatisch an Pfarrer Rolf Günther denken musste, der in mittleren Jahren als kleines Aschehäuflein endete.

Ich klingelte zwiefach und glaubte gar, ein leises Rascheln zu vernehmen. Doch niemand öffnete. Schließlich ließ ich die CD zusammen mit einem Zettel in den Postkasten gleiten.

Am Abend besuchte ich die Familie Martin. Endlich mal etwas Soziales!

Vor dem Hause der Familie stand ein riesiges Boot, mit dem man demnächst den Urlaub zu gestalten gedenkt, und auf dem Tischtennistisch im Garten saß eine ganz ernste, schwarze Katze.

Die Familie selber hatte sich um einen Picknicktisch herumgruppiert. Schwieger- und Gegenschwiegerleut waren je zu Gast und die Erwachsenen tranken Rotwein aus edlen Gläsern.

Der kleine Hendrik, der so kusserig veranlagt ist, erlaubte sich einen kleinen Schabernack mit mir und tat so, als sei er über Nacht plötzlich spröd geworden. Unverbindlich und mit indifferenter Miene streckte er mir zum Gruße die Hand entgegen. Eine Witzelei, die mich am mich selber erinnerte. Wie oft habe auch ich als Kind dererlei Possen und Späße mit den Erwachsenen betrieben!

Die kleine Evi ist so nett geworden. Das quäkige und unpersönliche Kleinkind von einst hat sich in eine liebreizende kleine Prinzessin verwandelt, die sich sehr gerne verwöhnen lässt. Gerne gewährte sie mir die Bitte, und ich durfte ihr die Wursträdchen für ein Brot abhobeln.

Im Garten stehen drei aneinandergeschraubte Recks, und das eine davon war unglaublich hoch. Der sportlich veranlagte Familienvater Johann pflegt dort seine einarmigen Riesenfelgen zu üben.

Gemeinsam riefen wir den Jubilatoren Buz in Trossingen an, doch Buz hatte keinen Saft mehr auf dem Händi, da er wahrscheinlich den ganzen Tag lang ununterbrochen von seinen Verehrern und Jüngern beglückwünscht wird.

„Aber wir müssen doch gratulieren!“ sagte ich hilflos, und schon war die Verbindung unterbrochen – füüüüüüüüüüüü!

Die energetisch aufgeladenen Kinder tobten mit dem Fußball auf dem Rasen herum und das unqualifizierte Gekreische verdarb den Erwachsenen das gemütliche Beieinandersitzen leicht. Vati Johann schaute sich den Spaß eine Weile lang an, dann aber erhob er sich abrupt, um die Respektperson, die ein Vater und Familienoberhaupt zu sein hat, zu Wort kommen zu lassen:

„Schluß mit lustig!“ rief er barsch, denn nun galt´s vereinbarungsgemäß Cello und Klavier zu üben. Die Kinder hielten mit dem Gelärme inne und folgten auf dem Fuße.

Es war kühl geworden und nach einer Weile radelte ich nach Hause. Zum Geknarze der Reifen – dem „Rad der Zeit“, wenn man so will – dachte ich an Jubilator Buz und wie gerne ich jetzt mit ihm feiern würde. Stattdessen wartete das einsame Haus in der Graf-Enno-Straße auf mich.

Daheim rief mich der Onkel Hartmut an. Auch er wollte Buzen gratulieren. Doch Buz war nicht da und fehlte uns beiden so.

Sonntag, 2. Mai

Schmuddelweiß bewölkt

Im Morgengrauen ballen sich meine Gedanken gelegentlich zu finstersten Kumuluswolken zusammen. So auch heute. Ich litt schrecklich unter meiner Verkehrssünde und vorallem an der Vorstellung, daß mir das Gleiche an mehreren Stellen in Deutschland passiert sein könnte und ich den Führerschein womöglich bald los bin. Der Ärger über das vermeidbar Gewesene marterte mich so sehr, daß ich um meine Leber fürchten musste, denn die Leber ist ja das Ärgerorgan. Man sagt, Alkohol schädige die Leber, aber diese scheinbare Allgemeingültigkeit, die in den Köpfen fest verankert ist, stimmt nur indirekt. Der sich Ärgernde tendiert dazu, seinen Ärger in Alkohol zu ersäufen und wenn dies nicht gelingt, so ärgert er sich noch mehr und der Ärger greift die Leber an. Man sagt auch „Vor Ärger wurde er ganz gelb im Gesicht“.

Dann aber hatte mich der Schlaf wieder eingerollt und ich träumte allerhand:

Ich hatte vergessen, wo ich das Motorrad, das mir ein loser Bekannter ausgeliehen hatte, abgestellt hab.

Der Traum spielte in der Millionenstadt Taipeh, wo die ganzen Straßen mit Motorrädern gesäumt sind, die alle gleich ausschauen. Nämlich fabrikgrau. Auf Motorraddiebstahl stand seit kurzem die Todesstrafe. Umso überraschter war ich, als Rehlein mir nun erzählte, das Motorrad stünde in Ofenbach in der Garage.

„Es ist noch ganz neu!“ erzählte ich.

„Nee. Das ist nicht mehr neu. Das ist total verrostet!“ sagte Rehlein, „und außerdem sind beide Reifen platt!“

Aber als der lose Bekannte es mir ausgeborgt hatte, da war es doch noch ganz neu! Er hatte es kurz vorher gekauft und konnte sich an dem Glanz des fabrikneuen Motorrads nicht satt sehen. Drum hatte er es mir überhaupt ausgeliehen. „Sonst muss ich die ganze Zeit das niegelnagelneue Motorrad anschauen und komme zu nichts mehr!“ hallten mir seine Worte noch immer im Ohr.

Wir fuhren im Auto und hielten an einem kleinen unbedeuteten Ort, um dort im Supermarkt ein paar Einkäufe zu erledigen. Ich wunderte mich sehr, denn in diesem Supermarkt war ich schon mal und auch die Kassierer waren mir allesamt sehr vertraut. Aber in dem Ort war ich mit Sicherheit noch nie, da er sich in einem entfernten Winkel Deutschlands befand, den wir erst heut morgen auf der Landkarte entdeckt hatten. (Ein winziger Landstrich, der eigentlich noch zu Schlesien gehörte)

Schließlich kamen wir zu später Stund in Ofenbach an. Ich konnte jedoch nicht auf das Grundstück fahren, da nur eine Gatterhälfte geöffnet war. Die zweite Hälfte war von meterhohem hinweggeschipptem Schnee eingefasst und ließ sich nicht mehr bewegen.

Im Nachbargrundstück war eine höchst mürrische Frau eingezogen, wie Rehlein mir bereits plastisch erzählt hatte, und selbige schaute nun ganz giftig herüber und schüttelte über meine unbeholfenen Versuche, mit viel Schwung vielleicht doch noch durch das Gatter zu gelangen auf höchst arrogäntliche Weise und hinzu wie in einem schlechten Roman den Kopf. Einmal drehte ich mich beim Rückwärtsfahren sogar um meine eigene Achse. Ich war ein wenig eingeschnappt über die unhöfliche Frau.

Rehlein erzählte, daß ich nun nicht mehr üben dürfe. Die neue Nachbarin habe sich bereits über die Lärmbelästigung beklagt, als Rehlein mal ganz leise im Radio die Nachrichten angehört hat. Aber Rehlein hatte auf einem Zettel eine Adresse notiert, wo ich üben könne, und hinzu eine detaillierte Wegbeschreibung dazu gezeichnet. Mit diesem Zettel und meinem Geigenkasten machte ich mich somit auf den Weg. Der Weg führte mich durch den Wald und zu meiner Freude hatte man dort ein schönes Waldlokal errichtet. Sogar eine Eisflagge wehte mich lockend an: Ein Erdbeer Joghurt Eishorn, feingezwirbelt und wunderhübsch anzusehen.

Am Morgen fühlte ich mich unnütz.

Zwiefach in Folge loste ich „Telefonieren“ aus. Ich nahm meine Liste zur Hand und loste aus, wen man wohl mal anrufen könne.

Dummerweise kamen fast nur Leute dran, die ich eigentlich gar nicht anrufen wollte. Viel lieber hätte ich mit der Hilde oder dem Friedel geschwatzt, doch die kamen nicht zum Zuge. Das Los fiel auf die Helga in Grebenstein, die jedoch nicht daheim war. Wahrscheinlich hatte sich der Kirchgang dazwischengeschoben.

Frau Kettler habe ich lange von der Liste gestrichen, aber der Katharina, auf die ich bis vor kurzem leicht verärgert war, war ich wieder ein bißchen gut – allerdings nur aus jenem Grunde, weil ich mich selber schuldig gemacht habe, indem ich mich auch nie mehr gemeldet hab.

Wie alle Tage lief dort der Anrufbeantworter:

„....nach Erklingen des Pfeiftones...“ und nett im Tonfall sagte ich: „Warum schreibst du mir denn nie? Warum rufst du mich nie an?“ Ich erbat einen Rückruf und rieb mir die Hände bei der Vorstellung, wie die Katharina spitzen wird, wenn sie hört, daß ich ihre Mutti auf meinem Anrufbeantworter parodiert habe. Andererseits stöhnt Telefonoholiker Buz über diese lange Ansage auf mildem schwäbisch. (Worte einer gütigen Pfarrfrau)

Dann rief ich meine liebe Freundin Ute M. an.

Der aus der Zeitung destillierte Ehemann Martin kam an den Apparat und war sehr nett.

Der kleine Julian hatte Geburtstag und auf ihn wartete ein Geschenk das genau so groß war, wie es der kleine Kerl selber ist, und nun war er emsig dabei, die zierende Schleife zu entwirren, während Mutti Ute verzückt die Kamera gezückt hielt, um den rührenden Moment für die Ewigkeit einzufangen.

Somit konnte sie nicht ans Telefon kommen, doch nett war es ja allemal, der kleinen Familie, die nun seit dem 12. Juli im eigenen Hause lebt, wenigstens akustisch einen kleinen Besuch abgestattet zu haben.

Bei der Simone meldete sich eine sympathische Herrenstimme auf dem Anrufbeantworter. „Ich bin James!“ tat er sich scherzend als Diener hervor.

„Hallo James!“ sagte ich nett, auch wenn ich mich vielleicht verwählt hatte.

Ich loste weiter aus, und nun kam der Tübinger Geiger Jochen Bruck zum Zuge. Für ihn hatte ich mir etwas Lustiges zurechtgelegt. Im gleichen Tonfall wie Katharinas Mutti auf meinem Anrufbeantworter wollte ich sagen: „Hier spricht die Dame, die auf dem Anrufbeantworter von Herrn König eine Ansage aufgeschwätzt hat!“

Ich fühlte eine leise Nervosität vor diesem Gespräch in mir aufwallen, doch eine etwas rustikalere Stimme in meinem Inneren sagte: „Das wird dich doch wohl nicht nervös stimmen, mit einem Deppen zu sprechen, der geschrieben hat: „Was machst du in Austria!“ (Etwas, das noch alberner klingt als „Was machst du in good old germany?“ (Worte von Beätchens Freundin Sabine)) Doch auch bei ihm – einem jungen Eiferer, wie Buzens Schüler Nicko – war nur der Anrufbeantworter daheim. Etwas umständlich erklärte er, sein Telefon sei kaputt und man möge bitte warten, bis sich in der nächsten Woche jemand von der Telekom seiner erbarme.

„Oh Gott, ein Umstandskrämer!“ dachte ich mit der Arroganz eines bösen Uschleins, das einen Kandidaten an der Angel wähnt, selbigen jedoch mit kalten Adleraugen auf kleine Mängel abklopft.

Zweimal plauderte ich mich allerdings ganz lange fest:

Zunächst mit Frau Lüvers, die aus der Psychiatrischen wieder entlassen worden war.

„Herzilein!“ nennt sie mich so nett, und ich liebe es, „Herzilein“ genannt zu werden. Frau Lüvers wollte mich gerne als Dauergast für den Nachmittag einplanen, doch ich bin leider ungesellig und wiegelte ab.

Frau Lüvers ließ meine Worte allerdings nicht gelten, und hakte gleich zwiefach nach, ob ich es wohl noch vor 18 Uhr schaffe?

Ich erfuhr, daß ihr Bruder Heinrich sein Haus verkaufen musste. Aus Sorge um seine Finanzen hatte er nachts nicht mehr ruhig schlafen können. Jetzt lebt er in Moorhuusen.

Dann telefonierte ich sagenhaft nett mit Rehleins Lieblingskusine Ute in Heilbronn, von der es heißt, sie sei eine Wiedergeburt der Esslinger Oma: Die gleiche Stimme, die gleiche Wortwahl, den gleichen Zauber, äußerlich völlig identisch. Wann immer die Ute auftaucht so ruft man verzückt: „Die Esslinger-Oma ist wieder auferstenden. Schau an!“ Aber auch Rehlein sei der Esslinger-Oma sehr ähnlich, und aus diesem Grunde verstehen sich die Damen auch so gut: Weil sie immer einer Meinung sind.

Die Ute erzählte, daß ihre Schwester Nicki einen neuen Freund habe, der als Freund noch ganz frisch ist: 14 Tage alt. Sie lernten sich über Yahoo kennen, und stellten über den Bildschirm fest, daß sie den gleichen Humor haben.

„Haben sich die Lippen bereits zum Kuß getroffen?“ frug ich naiv, und die leicht zu erheiternde Ute lacht immer so entzückend über alle Späße, die man so macht, so daß man nur davon träumen kann, Ming hätte eine Freundin aus diesem Holze.

„Dös glaubi weniger!“ lachte sie, da man sich tatsächlich persönlich noch nicht begegnet sei.

Sogar von einem Familientreff im Jahre 2006 sprach man und ich freute mich schon jetzt darauf. Einmal erzählte ich die ganze Geschichte vom Sänger Xie, mit all ihren Details und Verästelungen, und es fühlte sich fast so an, als würde ich mit dem Hörer am Ohr dabei einschlafen, so oft habe ich sie bereits erzählt. Ich erzählte, wie er sein gesamtes Studium mit der Kamera zu begleiten pflegte. Damit füllte er Kassetten und schickte sie seinen alten Eltern nach China, wo sie von früh bis spät angeschaut wurden. Er erzählte ihnen wundersame Geschichten. Beispielsweise, wie ihm die ganze Gesangsklasse mitsamt der Lehrerin zu Füßen läge, da er der einzige Herr sei. Dann filmte er mich und tat vor den Eltern dran so, als sei ich seine Zukünftige.

Beim Auslosen kristallisierte sich heute wieder der Schwerpunkt „Haushalt“ hervor und ich räumte einfach nur so rum. Mittags gabs ein Müsli,

Um die Mittagsstunde blitzte ein persönliches Mail auf: Vom Lindalein an Jubilator Buz. Die Linda steckt in den letzten Wochen ihrer Schwangerschaft und wünschte, das Baby sei endlich da, so daß man endlich daran herumgenießen und sich einen schönen, passenden Namen überlegen dürfe.

Ein einzelner Anrufer dachte an mich: Es war Buz selber. Buz erzählte von seinem gestrigen Geburtstag in Stuttgart: Dort besuchte er ein Konzert, wo seine Schülerin Doris mit einer anderen Geigerin das Doppelkonzert von Schnittke musizierte.

Um 17.30 kam eine Reportage über einen katholischen Landpfarrer im Emsland, und ich fand den pummeligen jungen Mann so nett. Ich schaute jedoch wie immer nur eine Minute lang und nahm den Rest auf Video auf, weil ich mir nichts gönne. Man nimmt es auf und vertagt den Genuss auf „irgendwann mal“.

Die Lindenstraße war heut zum zweitenmal in Folge nicht besonders interessant. Kaum etwas lohnte, hier niedergeschrieben zu werden, außer daß Gabis Leben zwischen Andi und Stephan so stagnant wirkt. Es führt zu nichts mehr.

Montag, 3. Mai

Grau. Hie und da regnete es geräuschlos

Eigentlich hätte ich mich um 6.15 mühelos erheben können, und tats nur aus jenem Grunde nicht, weil der Tag sonst zu lang würde. Stattdessen träumte ich: Ich saß in einem vollen Sechserabteil im Zug. Die Zugsitze konnte man gleichzeitig als Klosett nützen. Ich hatte Koffer und Geige äußerst umständlich zwischen all die Gepäckteile, die ohnehin luftdicht nebeneinader standen gequetscht, so daß man leider davon ausgehen musste, daß sie sich nachher, wenn ich an meinem Bestimmungsort angekommen bin, nicht so leicht hervorziehen lassen würden. Jetzt aber stieg ich nochmals aus, um mich meinen Lieben zu widmen, die solchermaßen, als hätten sie Wurzeln geschlagen, auf dem Bahnsteig verblieben waren. Kaum war ich ausgestiegen, da fiel mir siedendheiß ein, daß ich vergessen hatte, den Klodeckel zu schließen, und in einem unglaublichen Wettlauf mit der Zeit bestieg ich nochmals den Waggon. Neben meinem Sitz stand auch noch ein wunderschöner Gutslesteller von Rehlein – solcherart, wie er normalerweise unter dem Weihnachtsbaum vorgefunden wird, und das süßeste Rehlein hatte sich nämlich von der anderen Seite her ins Abteil geschlichen, den Teller abgestellt und war geschwinde wieder hinfortgehuscht.

Der Traum machte einen Hakenschlag, indem das nun Folgende zum Vorherigen keinerlei Bezug mehr aufwies. Buz verdächtigte mich, und hinzu auf eine kränkende Weise, heimlich zu rauchen, und eine alte Freundin Buzens, die daneben stand, sagte auch noch: „Du riechst – nein, du STINKST nach Rauch!“ Mit Händen und Füßen sträubte ich mich gegen diesen Vorwurf, doch Buz war kaum zu überzeugen. Er wirkte enttäuscht und desillusioniert. „Man möchte den Kindern eine gute Erziehung angedeihen lassen, und dann lügen sie einem auch noch mitten ins Gesicht!“ Dies sagte Buz zwar nicht laut, aber man las die stummen Worte, die einem ans Herz greifen, in seiner Miene.

Dann erhob ich mich, und noch vor dem Frühstück leistete ich eine Übanzahlung von 15 Minuten, um noch besser frühstücken zu können. Ich trug Übschulden ab. Dadurch, daß ich ja in vier Tagen wieder auf Reisen gehe, musste ich nach jenem System leben, daß alle Auslosepunkte den Werken geweiht waren, die auf dem Programm standen.

Einmal fuhr Rehleins Verehrer, Herr Berke, in einem weißen Lieferwagen wie zufällig an unserem Hause vorbei. Er verlangsamte sein Tempo, ohne zuvor in den Rückspiegel geschaut zu haben, und schaute stattdessen ganz unverhohlen auf unser Haus drauf. Scheinbar ohne mich beim üben zu bemerken. Und zum ersten Male kam mir der Verdacht, ob nicht vielleicht Herr Berke der gesuchte Frauenmörder ist.

Heute wurde ein Brief von Rehlein geliefert.

Mittags gab´s ein Nasigoreng, das durch den Schmorvorgang in der Mikrowelle fast bis zur Unkenntlichkeit zusammenschrumpfte, so daß ich mich leicht an den kleinen Yussuf erinnert fühlte, der