Der undankbare Sohn - Franziska König - E-Book

Der undankbare Sohn E-Book

Franziska König

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Beschreibung

Roman eines Monats April 2004 Wieder ein Monat im Leben einer Geigerin, aus dem sich mehrere Themen herauskristalisieren. Eingebettet in die Liebe ihrer Familie und von den Geschehnissen der Zeit getragen unternimmt Franziska Reisen nach Zwickau, an die Ostsee und nach Bayern. In Graz bewirbt sie sich um eine Violinprofessur. Geschehnisse der Zeit: Wieder hat der Meiserschauspieler Klausjürgen Wussow bei seiner Eheschließung kein goldenes Händchen gezeigt. In Hof tobt der Prozess Mord ohne Leiche. Das Bild auf der Titelseite zeigt Frau Cionczyk, eine alte Dame, die im Hause ihrer Tochter Helga ein Gnadendasein führt. Sie sitzt am Fenster und wartet sehnsuchtsvoll darauf, daß jemand ihr ein Kußhändchen oder ein freundliches Lächeln zuwirft. Und warum heißt das Buch so wie es heißt? Dazu muss der Leser ziemlich lange lesen. Aber letztendlich erfährt er es doch.

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Seitenzahl: 216

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Meinem geliebten Onkel Hartmut

zum 80. Geburtstag am 23. November 2025

Inhaltsverzeichnis

April 2004

Donnerstag, 1. April

Freitag, 2. April

Samstag, 3. April

Sonntag, 4. April

Montag, 5. April

Dienstag, 6. April

Mittwoch, 7. April

Donnerstag, 8. April

Freitag, 9. April

Samstag, 10. April

Oster sonntag, 11. April

Oster montag, 12. April

Dienstag, 13. April

Mittwoch, 14. April

Donnerstag, 15. April

Freitag, 16. April

Samstag, 17. April

Sonntag, 18. April

Montag, 19. April

Dienstag, 20. April

Mittwoch, 21. April

Donnerstag, 22. April

Freitag, 23. April

Samstag, 24. April

Sonntag, 25. April

Montag, 26. April

Dienstag, 27. April

Mittwoch, 28. April

Donnerstag, 29. April

Freitag, 30. April

Personenverzeichnis

Franziska (Kika) im Jahre 2004

mit ihrer geliebten Violine

Aus dem Leben einer Geigerin

Die meisten Vorkömmlinge finden sich im Personenverzeichnis am Ende des Buch

Hier die Familie vorweg:

Buz (Wolfram), unser Papa (*1938) Professor für

Violine an der Musikhochschule in Trossingen

Rehlein (Erika), unsere Mutter (*1939)

Ming (Iwan), mein Bruder (*1964)

Julchen, Mings neue Liebe (*1983)

Ein Buch ohne Vorwort.

Du kannst gleich anfangen zu lesen...

April 2004

Donnerstag, 1. April

Aurich

Sommerlich.

Am Abend wurde es ein wenig diesig

Folgender Traum schwemmte mich in den April: (Der Traum basiert auf einer Schilderung aus dem wahren Leben)

Sommer 1981:

Für mich sollte ein neuer Geigenlehrer gesucht werden, da meine Eltern von allen Seiten her händeringend damit bestürmt wurden, daß es zu nichts Gutem führe, bei seinem eigenen Vater Unterricht zu nehmen.

Buz und ich waren extra in die Vereinigten Staaten gereist, um beim Unterricht von Frau Prof. Miriam F. zu hospitieren. Einer Dame, von der es hieß, sie sei streng und unbeugsam — ihren Argusohren entginge nichts.

Nachtrag 2025:

Aus heutiger Sicht würde ich sie als eine Marie-Agnes Strack-Zimmermann des Violinspiels bezeichnen.

Sie fuchtelte mit den Armen, sang — nein, grölte! aufdemütigend karikierende Weise, wie das Spiel eines schüch-ternen Asiaten in ihrem Ohr angekommen sei und ruderte nach passenden Worten; durchsetzt mit unzähligen „you know?s“ — (zu deutsch in diesem Faille „nich wa?s“)

Zuweilen griff sie zu ihrer eigenen Violine und fuhr dem Studenten damit unschön über sein Violinspiel. Den ersten Ton säbelte sie dreimal an (ähnelnd einem ehrgeizigen Tennisspieler, der den Schläger dreimal ruckartig in die Höhe winkelt bevor er mit seinen brutalen Killerschlägen loslegt), um sodann auf die wenig liebliche Art eines Menschen zu spielen, dem die Reinheit seiner Seele im Laufe der Jahrzehnte abhanden gekommen ist. Eines bedauernswerten Menschen, der seiner verlorenen Genialität verzweifelt hinterherhetzt, so daß sich in seinem Gesicht ein gehetzter und unfroher Ausdruck niedergelassen hat.

Buz und ich saßen ganz brav dabei, doch die Professorin beachtete uns nicht, dieweil sie als Jüdin die Deutschen pauschal als das Tätervolk verurteilte. Buzens zur Begrüßung so freundlich ausgestreckte Hand hatte sie einfach übersehen und stattdessen auf kühle Weise mit dem Kinn auf einen leeren Stuhl gedeutet, wo er sich hinsetzen möge.

Der süße Buz, der meist so freundlich aussieht wie ein Mensch, der noch niemals einen wüsten Gedanken gehegt hat, war aber der Meinung, daß man sich mit der Zeit an sie gewöhnen und sich mit ihr anwärmen könne.

„Warte ab, bis sie erfährt, daß ich Jude bin!“ sagte Buz mit verschmitztem Ausdruck, da dies ja stimmt. Die Mutter seiner Mutter — Martchen Schmoll — war Jüdin und somit war Buzens Mutter ja auch eine. Und Buz selber ist ebenfalls Jude, auch wenn er am Sabbat gelegentlich Klopapier abzupft. Doch nach jüdischem Brauch sind alle Kinder jüdischer Mütter automatisch Juden.

Schade, daß Buz kein Judenkäppi dabei hatte, mit dem er das verharrschte Herz der Violinprofessorin hätte erweichen können! Aber ich hatte eine Idee und legte ihm eine Orangenschale auf den Kopf.

(Dieser Traum beruht größtenteils auf der Erzählung eines Geigers, der sich auf den Weg gemacht hatte, um bei besagter Professorin zu studieren. Nachdem sie erfahren hatte, daß er kein Jude war, redete sie nur noch das Allernötigste mit ihm und behandelte ihn darüber hinaus wie Luft, so daß der junge Geiger ganz traurig war)

Schon vor sieben Uhr überraschte mich Buz beim Fernsehen im Ohrensessel. Ganz erschrocken, wie ein ertappter Pennäler, der ein Heftchen unters Bett schleudert und puterrot anläuft, vermeinte ich die „Aus-Taste“ zu drücken, erwischte jedoch eine falsche Taste, so daß eine alberne Rate-Show aufblitzte, worüber ich mich nun stellvertretend für Buz wunderte, warum das Fräulein Tochter derartiges wohl anschaue — und hinzu in solch einer Herrgottsfrüh?!

In Buzens Kopf werden gern die Gewohnheiten vom Vortag einprogrammiert, so daß er jetzt wohl bis auf weiteres um diese Uhrzeit fragend an Land quillt, um sich über mich zu wundern.

Ich nutze die frühen Morgenstunden gern dazu, mir Dokus aus dem wahren Leben anzuschauen. Als unsichtbarer Geist lernt man neue Menschen kennen, an deren Schicksal man Anteil nehmen darf:

Der 18-jährige Sohn einer polnischen Reinmachefee wurde Vater. Er und seine Freundin Steffi, die noch zur Schule ging, wollten das Baby eigentlich abtreiben lassen, zumal dem jungen Mann doch eine Karriere als Profi-Torwart vorschwebte.

Jetzt war das Baby aber doch auf der Welt — Lara-Sophie — und die Mutti von der Steffi weinte vor freudiger Ergriffenheit, in jungen Jahren bereits Oma geworden zu sein.

Rehlein hatte Geburtstag.

Wie jedes Jahr war man gespannt auf den ersten Gratulanten.

Die Lisel wars! — Rehleins Schwägerin aus Blankenfelde, die anrief um zu gratulieren.

Rehlein deutete an, daß ich vorhätte, Lisel und Andi demnächst zu besuchen, doch die Lisel habe -wie wir wenig später beim Frühstück erfahren sollten - verhalten reagiert, dieweil sie demnächst wegen ihrer anderen Hand ins Krankenhaus muss und bereits nach der ersten Operation an starken Stimmungsschwankungen litt, die man einem Gast nicht zumuten möchte.

Schlimm fand ich, daß das süßeste Rehlein an ihrem Geburtstag nicht einen einzigen persönlichen Brief bekam. Bloß eine ESTA*-Broschüre wurde geliefert, und Buz könnte sich im August eine vergnügte Geigerwoche in den Niederlanden machen. *European stringteachers association

Wir beratschlagten, ob wir wohl den Pfarrer Rübel einladen, denn für seine Frau sind die rübelfreien Zeiten im Leben doch immer so kostbar. Buz sagte: „Wir laden beide ein, und dann kann sie immer noch sagen, ihr sei nicht wohl!“

Und zu diesen Worten rief die Tante Antje an. Rehlein wusste hernach zu berichten, daß Onkel Kläuschen kurz vor einer Reise in den Iran stünde. „Und was ist, wenn das Kläuschen im Ural ein Schnüpfchen bekommt?“ sagte Buz so süß und machte sich mit diesen Worten, wenn auch auf liebenswerte Weise, ein wenig lustig über den Exstiefschwippschwager, der mit seiner Gesundheit höchst sensibel ist. Nur das Reiseziel hatte Buz sich ein wenig falsch gemerkt.

Auf dem Titelbild der HÖRZU ist derzeit eine Dame abgebildet, von der ich mir zuweilen einrede, dies könne die Neue an der Seite von unserem Onkel Eberhard sein, da der Eberhard für mein Hinfür-halten einen etwas merkwürdigen Frauengeschmack hat.

Bald schon gab es eine kleine Gästeschwemme: Ming und Julchen zeigten sich auf der Terrasse.

Das Julchen brachte Rehlein einen kleinen Rosenbusch im Topf mit, und während Rehlein den Topf mit heißen Dankesworten entgegennahm, zeigte sich am Horitont bereits der nächste Gratulant: Rehleins Verehrer Herr Berke — üppigst mit Geschenken beladen.

Im strahlenden Glanz einer Jubilatorin empfing Rehlein den Gast sehr herzlich, und der herzlich Empfangene überreichte Rehlein eine seltene Pflanze und eine Flasche edelsten Weines.

Nach einer weiteren Weile dachte ich, die Zeugen Jehovas hätten den Weg zu uns gefunden, und dabei waren es Julchens Eltern, Birgit und Wilfried Müller.

Im freudigen Bestreben, die Gegenschwiemu an ihrem Jubeltag hochleben zu lassen, wirkte Mutti Birgit außerordentlich herzlich und frisch.

Der Wilfried wiederum hat einen ganz eigentümlichen Humor und hielt die Überraschungspflanze, die er mitgebracht hatte, hinter seinem Rücken versteckt, so daß er auf den ersten Blick gewirkt haben mag, wie jemand, der mit leeren, bzw. überhaupt keinen Händen dastand.

Später psychologisierte ich darüber, daß man Herrn Berke als Gast der ersten Schicht nach der Ankunft der Müllers überhaupt nicht mehr beachtet habe, so daß er nach einer Weile gegangen ist.

Wie meine Wellenlänge zu den Müllers im Einzelnen so ist, könnt ich zur Stund noch gar nicht sagen: Man sitzt gemeinsam am Tisch, sollte aus seinem Anekdötchenrepertorium schöpfen, doch vor einem selber mangelt es an Erzählschwung, da man seine eigenen Anekdötchen allesamt doch nun wirklich zu Genüge gehört hat.

Herr Müller versuchte einen Aprilscherz zu zünden.

„Wem gehört das rote Auto da draußen?“ frug er.

„Mir!“ sagte ich stolz.

„Ich habe gerade das Fahrrad weggestellt. Hat eine Riesenschramme hineingehauen!“

Doch ich lachte nur vergnügt, weil ich den Scherz durchschaut habe.

Zu Rehlein sagte ich: „Rehlein, du siehst so schöööön aus! — April, April!“ (Ein Scherz, wie von einer vor Unreife strotzenden Elfjährigen)

Wir sprachen über das Chinesische, da Rehlein ja nun bereits seit längerer Zeit, so wie einst der Opa, emsig chinesisch lernt.

Und überhaupt führt Rehlein nun seit zwei Jahren das Leben vom Opa fort: Sie zog in sein Zimmer in Ofenbach, schläft in seinem Bett und liest seine Bücher.

„Ließ doch mal was vor!“ regte ich an, „ich will ein bißchen mit dir angeben!“ Und Rehlein holte das Lehrbuch herbei und las die Geschichte vom Ming-Ming vor, unter dessen Hausdach eine Schwalbe nistete.

Doch die Müllers verstehen kein chinesisch, und das einzige, das man in den Gesichtern lesen konnte, war die Bewunderung, daß Rehlein es im Rahmen ihrer emsigen Chinesischstudien bereits so weit gebracht hat. Die Geschichte selber - eine Geschichte über die wertvolle Mutterliebe - löste kein inneres Erbeben in ihnen aus.

Einmal reparierte der praktisch veranlagte Herr Müller ohne große Worte unsere quietschende Schiebetüre und Rehlein sagte: „Da steh ich stramm!“ und erhob sich zu diesen Worten.

Ich stellte mir vor, wie den jungen Leuten ihre Eltern gegenseitig peinlich sind.

Als die Müllers sich sodann erhoben und empfohlen hatten, übten Ming und ich die Suite von Bloch, die Carmenfantasie und unsere Zugaben. Den Anfang von Sarasates Tarantella spielte ich zum Spaß nüchtern wie Herr Herberger, doch Ming schien es nicht weiter zu genieren.

Zum Mittagessen gab´s heut in Vorfreude auf die Torte nur Gemüse. Buz las auf absorbierte Weise auf seinen Schreibmaschinenübungszetteln herum, die von Rehlein und mir so lustig gefunden werden, und schmunzelte kein einziges Mal. Und als ich ihm mal den Aktenordner wegnahm, verharrte er in gleicher Pose wie eine Statue und solcherart, als sei die Zeit zum Stillstand gekommen.

„Wie der Onkel Eberhard!“ rief ich belustigt aus. Buzens Hirn hatte auf Error geschaltet, weil Rehlein ihn in den Supermarkt hinaus kommandieren wollte, und es ist ja leider tatsächlich so, daß manch eine Tätigkeit, die einem vielleicht nicht soo liegt, den Dopaminspiegel versiegen lässt. Buz kauft zwar gerne ein, allerdings nur Brötchen und Schallplatten -aber nichts aus dem Supermarkt.

Ich bot Buz an, ihn zu begleiten und ihm zu assistieren.

Im Supermarktsinneren bekamen wir von einer Frau im hormonellen Patt einen Cracker mit Weinkäse kredenzt. Ein kleines Willkommensgeschenk, wenn man so will.

Einmal wurde Buz ganz wild, weil acht Brezeln vier Euro kosten.

„Das sind acht Mark!“ schnaubte er völlig entgeistert und konnte sich gar nicht mehr recht einkriegen. Buz empfand diesen Preis als schamlos und unverschämt und geriet regelrecht in Glut, denn als Buz in den 50er Jahren zum letzten Mal Brezeln kaufte, da kostete eine Brezel vielleicht fünf Pfennje, aber gewiss nicht mehr.

Daheim rief Buz das Ehepaar Rübel an.

„Da herrscht doch grad Mittag!“ rief ich ihm ganz erschrocken zu, als das Telefon am anderen Ende der Leitung bereits loszututen begonnen hatte. Von diesen Worten sackte Buz, der schon wieder nicht weiter gedacht hatte, als seine Nase lang war, vor Schreck zusammen wie ein ertappter Sünder, als jedoch bereits die strenge Frau abhob. Dann freute sich Buz, daß er sie doch nicht geweckt hatte.

Wenig später stellte sich dann allerdings heraus, daß Buz bei seiner Einladung vergessen hatte, die Uhrzeit durchzugeben, so daß sich die Eheleute augenblicklich auf den Weg gemacht hatten, zumal man in Ostfriesland, ganz im Gegensatz zum Schwabenland, gerne auch mal einen Spontanbesuch machen darf.

Als sie ankamen befand ich mich soeben in Abmarschpose, um in der Stadt Geschenke zusammenzukaufen.

Ich kaufte ganz viele Geschenke für Rehlein ein; wohlwissend, daß für all das, was Rehlein uns im Leben hat angedeihen lassen, jeder Dank zu klein ist. Die Granotonflasche, die ich der sonnigen Frau Grootheer im Reformhaus abkaufte, kostete sage und schreibe 21 €uro 60. Frau Grootheer berechnete zwei €uro extra fürs professionelle Einpacken, und dabei hatte ich mich grad so gefreut gehabt, daß sie noch einen großen Schokomarienkäfer mit draufgepappt hatte.

In der Stadt fühlte ich mich wie angenagelt. Ich kam kaum voran.

Um fünf war ich dann allerdings doch wieder

daheim.

Das Wohnzimmer war proppenvoll: Herr Berke, der wieder zurückgekehrt war, die Rübels, Ming & Julchen, Rehlein & Buz.

Ming schenkte Rehlein ein wunderbar glänzendes goldenes Stövchen für ihre Teezeremonien, und ich wiederum beigte Rehleins Stuhl mit einem ganzen Stapel an Geschenken voll. Einem Gartenbuch, einem Deutschlandführer mit Wanderkarte, einer lustigen Videokassette „Findet Nemo“, Granoton, und der hoffentlich packenden chinesische Familiensaga.

Später spielten wir der Gesellschaft gar die Carmen-Fantasie vor. Mutig zwar, doch leider nicht ohne Blessuren.

Quasi über Nacht ist es mit einemmale so sommerlich geworden.

Nach einer Weile beehrte uns auch Frau Münch. Frau Münch hatte ein farbenfrohes Sträußlein aus ihrem Garten mitgebracht, und Rehlein ordnete es liebevoll in eine Vase zurecht. Auch eine Rezension aus Hof hatte Frau Münch dabei, doch die zog mich leicht in die Tiefe. Gut gemeint zwar, doch in der Schilderung erkannte ich mich und mein Violinspiel nicht wieder. Sie klang wie eine Rezension über Buzens Studenten Gunter H.: Sogar der Ausdruck „unsentimental“ stand zu lesen, so daß man den Eindruck gewinnen konnte, ich sei eine trockene und rustikale Frau, die ihre Gefühle auf Art eines holsteinischen Naturell gern unter Dach und Fach hält! („Meine Gefühle gehen die Öffentlichkeit nichts an!“ denkt der Schleswig-Holsteiner, „nicht, daß ich keine hätte....“)

Der Abend tröpfelte aus.

In froher Erwartung molk Rehlein die Mailbox.

„Bloß“ Onkel Dölein hatte Glückwünsche aus Übersee gesandt, wenngleich nicht sehr inhaltsschwer, da es aus Amerika offenbar nicht viel zu berichten gibt: „Gratulationen, doppelt, dreifach usw....“ schrieb er heut auf eher herbe denn herzliche Weise, da er sich vielleicht grad heut auf der B-Seite befand?

A-Seite: Die Schokoladenseite eines Menschen

B-Seite: Jene Seite, die nur die engsten Verwandten kennenlernen dürfen. („Er kann auch ganz anders....“)

Ganz zum Schluß rief der Onkel Rainer aus Kanada an. Ich presste das Ohr an den Hörer und empfand das Telefonkabel als Nabelschnur zu einem Nachfahren vom Opa.

Freitag, 2. April

Aurich - Grebenstein

Sonnig-mild. Abends weißwölkig

Beim Geigeüben zu früher Stund brauten sich bereits Nervositäten in mir zusammen, dieweil ich doch versprochen hatte, Buz um halb zehn zum Autohaus Siebels zu fahren.

Mein Auto stand mit dem Po zur Ausfahrt und außerdem schien mir die bevorstehende Reise Schrunden und Kanten zu beinhalten.

Nach der ersten Schuftschicht bereitete ich wie alle Tage das Frühstück zu, um hernach augenblicklich weiterzuüben.

Buz setzte sich einfach allein an den gedeckten Tisch mit dem neuen goldschimmernden Stövchen und frühstückte auf Art eines Amerikaners los, ohne auf Rehlein und mich zu warten.

Ich selber wollte mir den Frühstücksgenuss aufsparen. Buz in seinem Auto wartete bereits an der anderen Straßenseite auf mich, so daß ich vor seinen Augen aus dem Grundstück ins feindliche Leben ausscheren musste.

Beim Autofahren begleitete mich ein Gefühl der Unzulänglichkeit.

Gleich an der ersten Ampel, wo ich geradeaus zu fahren gedachte, hupte Buz wild und ungestüm hinter mir her, und kurz vor dem Autohaus fuhr er einfach 70 und bedeutete mir durch Blinkereien, daß er mich zu überholen gedachte. Eine Ehefrau an meiner Statt hätte die Heimfahrt womöglich zu einem Vorwurfshagel genutzt.

Im Autohaus:

Fast hätte Buz vergessen, seinen Schlüssel abzugeben, so daß sich das Fräulein suchend nach ihm umschaute. Wir lachten herzlich und fuhren heim zu Rehlein.

Daheim saugte Rehlein Staub, doch dann setzten wir uns doch noch nett zum Frühstück nieder.

Rehlein erzählte von einer Dame, die sich nie für ein Stövchen bedankt hat, das sie von Mobbln zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte, und dabei hat Mobbl dieses besondere Geschenk mit so viel Liebe ausgesucht.

Mir selber wird ja auch noch Dank geschuldet: Nie hat sich Renate Bohnke für meinen netten Brief bedankt. Aber was soll´s?!

Rehlein war bereits ein wenig reisefiebrig gestimmt und sagte: „So wie ich den Ming kenne, kommt er bereits gepackt an und sagt fast barsch: “Los, wir fahren!““ während Rehlein doch noch sooo viel zu bedenken hätte. Diese Eigenschaft hat Rehlein mir vererbt, während Buz und Ming - einmal den Entschluss gefasst loszureisen - rasch zusammenpacken und abfahren, ohne sich nochmals umzudrehen.

Ich habe viel, aber nicht alles von Rehlein geerbt: Während Rehlein und Dölein Ungerechtigkeiten einfach nicht ertragen können, haben mich Ungerechtigkeiten schon zu meiner Kindergartenzeit nicht weiter gestört. Würde ich zur Vorsitzenden des Vereins für mehr Gerechtigkeit gewählt, so könnte ich in der Eröffnungsrede sagen: „Ungerechtigkeiten, welcher Art auch immer, haben mich noch nie gestört! Das Leben ist ein Glückspiel — nicht mehr, aber auch nicht weniger!“

1988:

Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sollte in Trossingen der August-Halm-Preis gegen Musikalische Umweltverschmutzung verliehen werden. (Im Kampf gegen die unkontrollierte Beschallung in öffentlichen Einrichtungen)

Der Vorsitzende Dr. Manfred Schreier sagte in seiner Eröffnungsrede: „Wenn ich in ein Restaurant gehe und es läuft Dudelmusik so stört mich dies üüüüüberhaupt nicht!“

Am Vormittag probten Ming und ich für unser Konzert, und die Klänge lockten den süßen Buz herbei, der uns auf rührende Weise behilflich war. Nach der Probe legte er eine CD mit Min-Jung Kang ein und es erscholl eine Partita von Witold Lutoslawski. Die energisch und ernsthaft gespielte Musik passte perfekt zu dem Künstlerfoto von Buzens Meisterschülerin Gloria, das jetzt an unserer Türe klebt.

Ich erzählte Ming und Rehlein je dichterisch, wie die Gloria davon träumt, eine weltberühmte Geigerin zu werden. Steigt sie abends ins Bett und schließt die Augen, so sieht sie sich an der gebogenen Rampe auf der Bühne der Carnegie Hall in New York, nimmt unter frenetischem Beifallsgeprassel Blumenbouquets in Empfang, und das Publikum steht Kopf. Doch erzählt man dererlei als Geigerin, wirkt es vielleicht leicht höhnisch, und dabei war es nur als poetische Epistel gedacht.

Das Mittagessen fand leider ohne Ming statt, da Ming sich noch dem Julchen widmen musste. Das Julchen kommt nicht mit nach Zwickau, sondern tritt stattdessen eine Stelle als Kellnerin im „Twardokus“ an. Rehlein erzählte, daß sie heut extra so tortenfreundlich gekocht habe, daß die Mahlzeit (grünes Gemüse und weißer Fisch) praktisch gar keine Kalorien hätte. Und so könne man das Törtchen danach mit gutem Gewissen genießen.

Auch ich aß freudig und mit großem Genuss ein Stück von der Lindt-Torte. Erfunden von der Firma Lindt und entsprechend paradiesisch im Geschmack.

Ich schnappte mir den malerischen Nußknacker, den Onkel Dölein als Knabe einst in der Waldorfschule gebastelt hat und tat so, als sei´s der Opa Gerhard, der das Wort an Buz richtet: „Hat denn das Mädchen mal ´n ordentlichen Kaffee gemacht?“, fragte der Nußknacker.

Zu Rehlein war ich sehr nett. Einmal rief ich: „Rehlein!“, und als Rehlein „Ja?“ sagte, sagte wiederum ich: „Nichts. Ich wollte mich nur am Klang deines Namens ergötzen!“

Heute fuhren Ming & ich auf zwei Autos verteilt nach Grebenstein und ich regte an, sich alle hundert Kilometer an der ersten Parkmöglichkeit zu treffen.

Nach hundert Kilometern fuhr ich hinter dem Rasthof Huntetal auf einem gemütlichen Klopavillonsparkplatz ein. Ming befand sich allerdings schon zwei Parkplätze weiter, wo es jedoch kahl und hässlich ausschaute. Und dennoch war es für uns Geschwister eine Riesenfreude, uns wiederzusehen. Hundert Kilometer — und doch schienen hundert Tage vorbeigezogen.

In der Folgezeit fuhr ich brav wie ein Hündchen hinter Ming her und alle hundert Kilometer rasteten wir auf. Doch es waren bloß mehr zwei Raste vonnöten.

Manchmal war es anstrengend hinter Ming herzufahren, da Ming immer zwanzig Stundenkilometer zu schnell fuhr. Da will man gut sein, aber...

Die nächste Rast führte uns auf einen Supermarktsplatz in Halle/Westfalen. Ming und ich liefen Hand in Hand in die Innenstadt, die mir von tausend Rastereien mit Buz schon sehr vertraut ist. Mings Hand fühlte sich so schön trocken und warm an.

Wir kehrten im Nobellokal ein — einem Stammlokal von Buz und mir — und über die Toilette sagte ich, daß sie seit Monaten nicht mehr besucht wurde, da Halle/Westfalen zwar hübsch, für seine Leblosigkeit jedoch weltbekannt sei. Gäbe man ein Kirchenkonzert, so käme kein Arsch.

Wenn aber doch jemand käme, so wäre dieser Jemand natürlich kein Arsch, weil er ja so nett war und gekommen ist, milderte ich das soeben gefallene wüste Worte auch schon gleich wieder ab.

Die Langeweile im Auto pflege ich mir mit seltsamen Spielchen zu vertreiben. Meist muss der Opa Gerhard herhalten, der selbst in meiner Fantasie mitgealtert ist und nun als uralte schrumpelige kleine Kartoffel neben mir saß. Ich nannte ihn „Scheraaar!“ und sprach den Namen liebevoll aus.

Wir fuhren über die Dörfer nach Grebenstein und trafen kurz vor Mitternacht ein. Ich tat so, als würde die Oma noch leben.

„Sitztse da im Dunklen!“ sagte ich beispielsweise und schaltete das Licht ein.

„Sitztse da wie´n Schluck Wasser!“ parodierte ich die lose Art von Omis Physiotherapeuten Ulf.

Ming telefonierte die ganze Zeit mit dem Julchen. Wir nahmen noch eine späte Brotzeit ein, doch nun hatte Ming sein ganzes konversatorisches Pulver bereits verschossen und wirkte schweigsam und in sich gekehrt wie der Onkel Eberhard, so daß keine vernünftje Abendunterhaltung mehr zustande kam. Das Miteinander fühlte sich an, wie bei so manch einem eingesessenen Ehepaar.

Samstag, 3. April

Grebenstein - Zwickau

Leicht regnerisch.

Abends milderte es sich ein bißchen auf

Ich nächtigte auf dem Sofa im Wohnzimmer und schlief sagenhaft! Ich schlief so wunderbar, daß ich es nach dem Erwachen nicht fassen konnte, daß ein einzelner Mensch so gut schlafen kann. Dann aber trat mir ganz viel in den Kopf, was wohl dringend zu tun sei, zumal Mings emsige Art („Niemals müßig seine Hand“) mich nun doch allmählich zu prägen beginnt.

Um halb acht schellte jener historische blassblaue Wecker, der schon zu Omas Zeiten jeden morgen um halb acht geschellt hat. Beim Rumprobieren, wie der wohl abzuschalten sei, musste ich sehr an das sensible Rehlein denken, da Buz und Rehlein gelegentlich auch mal hier Station machen möchten, und der rostige Klang nichts für Rehleins feine Ohren wäre.

Noch vor acht Uhr fuhren wir ab. Draußen war alles so herrlich ruhig. Der Tag war noch gar nicht richtig angeknabbert worden.

Zunächst fuhr ich vor Ming her, doch bereits nach kürzester Zeit fühlte ich mich in dieser Rolle eher unwohl, da es ja praktisch ohne Sinn und Verstand geschah. Tatsächlich stieg Ming an jener Ampel, kurz vor der Linksabbiegungsstraße nach Eisenach, mal entrüstet aus, da ihm dieser eingeschlagene Weg völlig falsch schien. Ich beharrte jedoch drauf, daß er richtig sei, denn ich sei schon mal in diese Richtung gefahren. Ming stoppte sogar mal kurz an einem Landstraßenparkplatz, doch dort wurde er nett und einsichtig. Bloß, daß dann er jetzt vor mir herfuhr.

Einmal saß mir ein ungeduldiges Auto die ganze Zeit so dicht am Po, als wolle es sich dort förmlich festsaugen, und einmal wurde ich von einem Lastwagen wütend behupt, weil ich so knapp vor ihm einscherte. Kurz vor dem Aufschwung auf die A4 fuhren zwei Lastwägen so unerhört behäbig und lahm vor Ming her.

Ming steuerte schließlich den erstbesten Rastplatz zu einer Frühstückspause an. Es handelte sich um den Nämlichen, wo ich genau heut vor zwei Wochen auf der Reise nach Hof zu Mittag gegessen hatte. Bloß war es damals noch so schrecklich kalt und ungemütlich, daß mir sogar in der Erinnerung noch ein wenig schubberig zumute wurde.

Heute regnete es zwar hin und wieder auf, doch es ist warm und angenehm geworden.

Wir gönnten uns je ein kleines Frühstück: Ich ein Honigbrötchen und Ming eine Brezen.

Ming, zwar nett, referierte jedoch verdrossen darüber, daß ein normaler Arbeitnehmer für diese lange Fahrt 500 € Fahrgeld bekommen müsse.

Die BILD-Überschrift freute mich heute sehr: Man las, daß das ZDF vorhabe, die Schwarzwaldklinik nach zwanzig Jahren, und hinzu mit den selben Schauspielern, die in der Zwischenzeit alle alt und welk geworden sind, weiterzudrehen. Nun gilt´s neue bewegende Herz-Schmerz-Geschichten für eine gereifte Generation zu erfinden.

Wir fuhren weiter.

Irgendwann gerieten wir in einen 7 km langen Stau. Ming reckte einen Arm aus dem Fenster in die Höhe, als handele es sich um den langen Hals einer Gans. Mit Daumen und Zeigefinger formte er einen Schnabel, der auf ein Schild mit einer dampfenden Tasse Kaffee wies. Dort hielten wir eine Rast im Freien ab und tranken jenen Tee, den ich uns am Morgen bei der Oma gebrüht und in eine Thermosbuddl gefüllt hatte.

Ming findet es lästig, daß neuerdings alle Menschen, die in die USA einreisen, einen Fingerabdruck hinterlassen müssen. Ich stellte mir vor, wie es wohl wäre, wenn Präsident Busch noch während seiner Amtszeit bekehrt würde und zum Islam konvertiert?

In seiner nächsten Rede bittet er sein Volk überraschend, es ihm gleich zu tun.

Dann wiederum sprach ich davon, daß es nun genau so gekommen sei, wie in der Geschichte von Biedermann und den Brandstiftern. Aus Freundlichkeit hat man die Muslime ins Land geholt und nun muss man unentwegt mit Terrorangriffen rechnen und um sein kleines Leben bangen.

„Das alles wäre nicht geschehen, wenn man auf dem Pfad des goldenen Mittelmaß´ geblieben wäre, so wie es einst die Luisa empfohlen hat“, dozierte ich.

Ich erzählte Ming von dem jungen russischen Mieter, der so schön Gitarre spielte und aus rassistischen Motiven heraus im Laufe mehrerer Jahre zwanzig Armenier ermordet hat. Als er von der Miliz abgeholt wurde, fiel seine Flurnachbarin aus allen Wolken.

„Der war doch immer so nett!“ sagte sie. „Dies hätte ich nie von ihm gedacht. Vier oder fünf vielleicht — aber gleich zwanzig??“

Dann fuhren wir weiter.

Hie und da war ich leicht ärgerlich auf Ming: Man möchte gut werden, doch es geht nicht, denn wenn