Der gute Hirte? - Roland Rondal - E-Book

Der gute Hirte? E-Book

Roland Rondal

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Beschreibung

Das Jahr 2010 ist ein Wendepunkt: Immer mehr Missbrauchsfälle in kirchlichen Institutionen werden bekannt. Roland, inzwischen 56, wird plötzlich von Erinnerungen überrollt. In den 1960er Jahren wurde er in einem Heim der Salesianer von einem Pater missbraucht. Eine schmerzhafte Reise in die Vergangenheit beginnt, in der es Roland gelingt, seine Geschichte aufzuarbeiten. Er klagt die Kirche an: Bis heute vermögen es die Verantwortlichen nicht, Betroffene und zukünftige Opfer zu schützen und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Die Diskurse der Kirche sind nicht geeignet, den sexuellen Missbrauch zu beenden und das Leid der Betroffenen anzuerkennen.

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Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der gute Hirte?

Missbrauch in einer Klosterschule der Salesianer

Roland Rondal

© 2021 Roland Rondal

Lektorat: Renate Jung

Covergestaltung: Marina Rudolph

Druck & Vertrieb: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Weitere Mitwirkende: Sarah Rubal

978-3-347-34803-5 (Paperback)

978-3-347-34804-2 (Hardcover)

978-3-347-34805-9 (e-Book)

Das Buch beruht auf wahren Begebenheiten. Zum Schutz der Rechte der Personen wurden einige Namen, Orte und Details verändert.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel: Das Jahr 2010 als Wendepunkt

2. Kapitel: Eine Kindheit voller Schatten

3. Kapitel: Schwarze Erinnerung

4. Kapitel: (K)ein Entkommen

5. Kapitel: Das Glitzern der Freiheit

6. Kapitel: Das helle Licht der Wahrheit

7. Kapitel: Don Bosco als »Priester der Kinder«

8. Kapitel: Der lange Schatten sexuellen Missbrauchs

9. Kapitel: Die Kirche – Schweigen, Leugnen & Verdrängen

Schlusswort

Ein kleiner Ratgeber

1. Kapitel: Das Jahr 2010 als Wendepunkt

Das Jahr 2010 war ein Wendepunkt, für mich und für die katholische Kirche. Zehn Jahre sind vergangen, seit die katholische Kirche auch in Deutschland von einem Missbrauchsskandal nach dem anderen erschüttert wurde. Zehn Jahre, in denen die Enthüllungen zum Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen, dem Kloster Ettal und anderen Einrichtungen für einen anderen Blick auf die katholische Kirche sorgten. Von einem annum horribili, einem Jahr des Schreckens, für die katholische Kirche in Deutschland ist die Rede. Auch für mich war das Jahr 2010 ein Jahr, das mit der Macht der Erinnerung viele Schrecken wieder hervorrief.

Das Jahr 2010 als Jahr des Aufbruchs für die Opfer

Im Januar 2010 informiert der Rektor des Canisius-Kollegs der Jesuiten in Berlin rund 600 ehemalige Schüler über Missbrauchsfälle in den 1970er und 1980er Jahren und entschuldigt sich für das vielfache Wegsehen der Verantwortlichen. Kurz darauf werden weitere Missbrauchsfälle bekannt, am Jesuiten-Kolleg Sankt Ansgar in Hamburg, am Jesuiten-Kolleg St. Blasien und am Bonner Aloisius-Kolleg. Auch aus den Bistümern Hildesheim, Aachen, Paderborn, Mainz, Augsburg, Rottenburg, Essen, Speyer, Münster, Limburg und Fulda werden Fälle gemeldet, so als hätte der Brief des Rektors in Berlin eine Lawine losgetreten. Immer neue Missbrauchsfälle kommen ans Tageslicht.

Im Februar 2010 spricht die Missbrauchsbeauftragte der Jesuiten, Ursula Raue, von 115 Missbrauchsopfern.

Kurz darauf werden die Missbrauchsfälle im Kloster Ettal bekannt, die damalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger wirft der katholischen Kirche mangelnde Kooperation bei der Aufarbeitung vor. Eine Hotline für Betroffene wird eingerichtet, der Trierer Bischof Stephan Ackermann wird zum Sonderbeauftragten für Missbrauchsfälle ernannt.

Im März wird bekannt, dass während der Amtszeit Joseph Ratzingers als Erzbischof von München und Freising ein wegen Missbrauchs vorbelasteter Priester in der Gemeindearbeit der Diözese eingesetzt wurde. Das Bundeskabinett ruft einen runden Tisch ein.

Die Medien überschlagen sich in immer neuen Enthüllungen, in Talkshows wird nach Ursachen und Lösungen gesucht. Die Kirche selbst – schweigt. Papst Benedikt XVI. entschuldigt sich bei den Opfern des irischen Missbrauchsskandals, der bereits in den 1990er Jahren ans Tageslicht kam, schweigt aber zu den deutschen Opfern.

Im März 2010 wird durch einen Brief des ehemaligen Direktors der Odenwaldschule, Gerold Becker, der Missbrauch an rund 80 Jungen bekannt. Becker stirbt kurz darauf.

Im April räumt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, auf öffentlichen Druck hin Fehler der Kirche im Umgang mit den Missbrauchsopfern ein.

Nachdem öffentlich wird, dass der Augsburger Bischof Walter Mixa in den Jahren zwischen 1975 und 1996 als Stadtpfarrer von Schrobenhausen Heimkinder geschlagen hat, muss dieser zurücktreten.

Kurz darauf berichtet der externe Sonderermittler für die Klosterschule Ettal von jahrzehntelangen Misshandlungen an mehr als 100 Klosterschülern.

70 Opfer werden mit insgesamt 700.000 Euro entschädigt. Im Juni 2010 bittet Papst Benedikt XVI. bei einer Messe auf dem Petersplatz in Rom die Opfer öffentlich um Vergebung. Gleichzeitig steigt die Zahl der Kirchenaustritte immens an.

Im Juni 2011 wird unter Leitung von Christian Pfeiffer ein Team des Kriminologischen Forschungsinstituts Hannover eingesetzt, um Personalakten der Bistümer auf Hinweise auf mögliche sexuelle Übergriffe zu untersuchen. Schon im Januar 2013 wird das Projekt wieder beendet, angeblich sei das Vertrauensverhältnis der Bischöfe zu Pfeiffer erschüttert. Pfeiffer wiederum erklärt, man habe versucht, die Missbrauchsstudie zu zensieren.

Im Dezember 2013 beruft der neue Papst Franziskus eine achtköpfige Kinderschutzkommission ein, die Strategien zum Schutz vor Missbrauch erarbeiten soll.

Bis Jahresende haben in Deutschland 1.300 Menschen Antrag auf Entschädigung wegen sexuellen und körperlichen Missbrauchs durch die katholische Kirche gestellt. Im Januar 2014 wird ein ehemaliger Jesuitenpater des Canisius-Kollegs Berlin von einem Kirchengericht zu einer Geldstrafe und lebenslangem Ausschluss vom Priesterdienst verurteilt. Ein Expertengremium der Vereinten Nationen wirft dem Vatikan Verschleierung von Missbrauch vor und fordert eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle.

Kurz darauf stellt die Deutsche Bischofskonferenz ein neues, interdisziplinäres Forschungsprojekt vor, das den sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester untersuchen soll.

Papst Franziskus erklärt, im Zusammenhang mit Missbrauch an Schutzbefohlenen gebe es eine Null-Toleranz-Haltung. »Sexueller Missbrauchist eine schreckliche Straftat, weil ein Geistlicher, der so etwas tut, Verrat begeht am Leib des Herrn. Das ist wie eine satanische Messe«,1 sagt er.

Im Juli 2014 trifft Papst Franziskus Missbrauchsopfer in Deutschland und bittet in seiner Predigt um Vergebung für die »Versäumnisse der Kirchenführer«.

Eine Aufarbeitung der Missbrauchsfälle allein im Erzbistum Freiburg ermittelt mehr als 180 Opfer sexuellen Missbrauchs seit 1940.

Im Juli 2019 veröffentlicht das Bistum Regensburg zwei Studien, die sich mit dem Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen beschäftigen. Darin steht: »Gewalttäter konnten in den Anonymitätsfugen eines Organisationssystems agieren, das für viele nur schwer zu durchschauen war.«2

In den 1960er und 1970er Jahren wurden 500 Schüler Opfer von körperlicher und 67 von sexueller Gewalt. Insgesamt 49 Täter wurden identifiziert, unter ihnen der Papstbruder Georg Ratzinger als stiller Mitwisser.

Schuld sind laut der Kirche die gottlose Gesellschaft und die sexuelle Revolution

Die Opfer, nunmehr Erwachsene, werden laut, treten in die Öffentlichkeit, überwinden die Scham.

Die Kirche schweigt, laviert. Akten und Dokumente verschwinden. Opfer, die an die Öffentlichkeit treten, werden mundtot gemacht, als Nestbeschmutzer bezeichnet.

In den Familien, so heißt es, gebe es viel mehr Missbrauch. Die lose Sexualmoral der 68er Bewegung sei schuld an den Verfehlungen der Geistlichen; eine These, die Papst Benedikt XVI. in seinem 2019 erschienen Aufsatz »Ja, es gibt Sünde in der Kirche« noch einmal explizit wiederholt. Darin schreibt er: »Zur Physiognomie der 68er Revolution gehörte, daß nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde. Wenigstens für die jungen Menschen in der Kirche, aber nicht nur für sie, war dies in vieler Hinsicht eine sehr schwierige Zeit. Ich habe mich immer gefragt, wie junge Menschenin dieser Situation auf das Priestertum zugehen und es mit all seinen Konsequenzen annehmen konnten.«3

Erst die sexuelle Revolution und ihre Auflösung der Sexualmoral, so seine These, machten den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche erst möglich.

Homosexualität und Pädophilie seien mit diesem gesamtgesellschaftlichen Umbruch normalisiert worden, und das habe sich bis in die Kirche ausgewirkt. Sexueller Missbrauch ist nach dieser ungeheuerlichen Lesart also kein Problem in der Kirche, sondern eines, das von der gottlosen Gesellschaft in die Kirche hineingetragen wurde.

Mehr Verleugnung, mehr Hohn für die Opfer geht nicht. Das zu lesen, hat mich mit einem Zorn erfüllt, der seinesgleichen sucht. Es zeigt sich, dass von einer Anerkennung der eigenen Schuld, vom Leid der Opfer, keine Spur zu finden ist.

Stattdessen erklärt das emeritierte Oberhaupt in der ganzen Selbstherrlichkeit der Kirche als Institution das Problem als ein von außen herangetragenes, ja, bringt es fertig, den Missbrauchsskandal der Kirche noch zu einer Rechtfertigung dafür zu machen, warum unsere Welt mehr Kirche und mehr katholische Sexualmoral braucht, obwohl doch gerade diese der Grund für das erlittene Leid ist.

Pädophilie und Missbrauch sind für ihn Symptome einer sündhaften Gesellschaft, die sich von Gott abgewandt und ihre Sünden bis in die Kirche hineingetragen hat.

Eine solche Verdrehung von Tätern und Opfern sucht ihresgleichen.

Die Wahrheit ist, dass die Gesellschaft ihre Kinder, ihre Allerschwächsten, der Kirche anvertraut hat und diese den Missbrauch an ihnen systematisch ermöglicht und vertuscht hat. Wenn der Missbrauch ein Ausdruck der Anfechtungen Satans ist, dann wirkt Satan in der Mitte der Kirche und aus ihr heraus in die Gesellschaft, nicht umgekehrt.

Ich werde auf diese ganz besonders perfide Leugnung der Schuld der Kirche als Institution am institutionellen Missbrauch so vieler Kinder in Kapitel 6 noch einmal eingehen, weil sie diametral dem gegenübersteht, was ich für die 68er Bewegung empfinde.

Für mich, auch wenn ich zu spät geboren bin, stand diese für einen Aufbruch, eine Befreiung, aus der überkommenen Sexualmoral, der Unterdrückung des Individuums, der schwarzen Pädagogik und so vielen anderen Dingen, die aus Menschen eher seelische Krüppel als freie Individuen machen.

2010 – mein Wendejahr

Das Jahr 2010 war auch für mich ein Wendejahr. Parallel zum Bekanntwerden der zahllosen Missbrauchsfälle in den Reihen der katholischen Kirche erinnerte ich mich an meinen eigenen Missbrauch, den ich, fast ein halbes Jahrhundert lang, tief in den unzugänglichsten Bereichen meiner Seele verschlossen hatte.

Als ich die Bilder von Kloster Ettal und den Regensburger Domspatzen über den Bildschirm flimmern sah, als ich von den immer neuen, ungeheuerlichen Anschuldigungen las, da regte sich etwas in mir.

Ein Prozess der Erinnerung kam in Gang. Was lange verschüttet war, unerreichbar für mich und mein Bewusstsein, trat zu Tage, klopfte an die Tür meines Verstandes und wollte erinnert, gesehen, gewusst werden. Ich kann mich heute nicht mehr an den einen Moment erinnern, an dem ich wusste, dass auch ich ein Opfer war, vielmehr handelte es sich um einen Prozess.

Erst war es nur ein Gefühl, unangenehm, schmerzhaft, zutiefst beunruhigend, das da aus meinen Tiefen aufstieg und mich regelrecht heimsuchte.

Das Gefühl war so stark, dass ich es nicht ignorieren konnte, und schließlich folgten die Bilder. Erinnerungsfetzen, eine schwarze Kutte, eine Stimme, Gerüche, der Steinboden, den ich ansah und dann, schließlich, wurde der Drang, über all das zu sprechen, übermächtig.

Ich sprach erst mit meiner Frau, dann mit meinen Geschwistern, mit meinem Bruder, mit meinen Töchtern. Es dauerte, lange, bis ich es aussprechen konnte: Ich bin ein Opfer. Ich bin in meiner Zeit als Heimkind in einem Kloster der Salesianer, jenem Orden in der Nachfolge Don Boscos, dem »Priester der Kinder« missbraucht worden, in den 1960er Jahren.

Die Erinnerung daran war so schmerzlich, dass ich sie als Kind und Jugendlicher verdrängt habe, obwohl sie mein Leben, aus der Rückschau betrachtet, maßgeblich beeinflusst hat. So war es auch mein Bruder, der ausrief: »Also deshalb bist du so!«, der mir klar machte, wie anders mein Leben vielleicht verlaufen wäre, wäre all das nicht geschehen.

Doch es ist geschehen. Es ist ein Teil meiner Geschichte. Sie aufzuarbeiten, ist die letzte große Aufgabe, die ich mir in diesem Leben vorgenommen habe. Ich möchte meine Geschichte erzählen, damit sie Teil der großen Bezeugung des Unrechts wird, das im Namen der Kirche und im Schutz der Kirche geschieht.

Ich habe mich für dieses Buch tief in die Finsternisse meiner eigenen Erinnerungen hinab begeben, ich habe nach Erklärungen, Antworten, nach Entschuldigungen gesucht. Nicht immer bin ich fündig geworden, manches Mal sogar ein zweites Mal traumatisiert. So forderte ich kürzlich meine Akte aus dem Heim an.

Mir wurde mitgeteilt, dass darin nicht mehr viel enthalten sei, dabei habe ich bereits im Jahr 2016 von der Kirche eine der höchstmöglichen Entschädigungen wegen sexuellen Missbrauchs erhalten, und das allein nach Aktenlage. Wohin sind diese Dokumente verschwunden?

Das Forschungsprojekt der Deutschen Bischofskonferenz sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz (MHG-Studie)4 kommt zu dem Ergebnis, dass im Zusammenhang mit den Missbrauchsvorwürfen in der katholischen Kirche nicht nur in Deutschland systematisch Akten und Dokumente vernichtet wurden. Wie viele, das bleibt unklar.5

Diese Beweise für das geschehene Unrecht sind unwiederbringlich verloren.

Was bleibt, sind die Erinnerungen. Deshalb ist es umso wichtiger, sie zu Papier zu bringen, eine Stimme von vielen zu werden, die an den Missbrauch und an das erlittene Leid erinnert.

Meine Geschichte ist kein Einzelfall. Die bereits erwähnte MHG-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Dunkelziffer noch weit höher sein muss. So viele sind da draußen, die noch schweigen, die sich vielleicht nicht mehr erinnern, die vielleicht längst tot sind, gestorben an den Spätfolgen eines Missbrauchs, der unter dem Schutz der Kirche geschah. Einer Kirche, die sich und die ihren bis heute zu schützen weiß.

Missbrauch mit System und systematische Vertuschung

Der Seelsorger, Diakon und Coach Thomas Hanstein hat 2019 ein Buch veröffentlicht, in dem er die Strukturen, die hinter dem Missbrauch in der katholischen Kirche stehen, analysiert. Er schreibt darin von einer »speziellen Übergriffigkeit, die systemisch, amtstheologisch und kirchenrechtlich untermauert wird«.6

Diese Art der Übergriffigkeit hat mehrere Schichten. Mir trat sie als gerade einmal Neunjährigen in der Person des Don J. gegenüber, an dessen Gesicht ich mich bis heute nicht mehr bewusst erinnern kann, wohl aber an das Schwarz seiner Kutte.

Er erklärte mir, der ich nach vielen vorangegangenen traumatischen Erfahrungen von meiner Mutter in das Heim nicht abgeschoben, aber zumindest gegen meinen Willen verfrachtet worden war, dass er auf mich aufpassen und mich beschützen werde.

Ich, ein verzweifelter, verunsicherter Neunjähriger, glaubte ihm. Und ich glaubte ihm auch, dass die Handlungen, die er an mir vornahm, deshalb gerechtfertigt seien.

Nachdem ich zwei Mal versucht hatte, aus dem Heim zu fliehen, und jedes Mal zurückgebracht wurde, ging er dazu über, mich zu züchtigen. Das erfüllte mich mit Wut und Scham. Ich versuchte, mich anderen anzuvertrauen.

Doch das verstärkte den Kreislauf meiner Abhängigkeit und meines Ausgeliefertseins von ihm und den darauffolgenden negativen Gefühlen noch mehr. Es gab für mich kein Entkommen. Die Absolutheit seiner Macht über mich erschreckt mich bis heute. In meiner Erinnerung ist er übergroß und übermächtig, ein Schreckgespenst, aber ein sehr reales.

Erst als Erwachsener, mit dem Blick aus der Distanz eines ganzen Lebens, kann ich die Strukturen erkennen, die diesen Missbrauch an mir und so vielen anderen überhaupt möglich machen.

Missbrauch ist kein Thema, das auf die katholische Kirche beschränkt ist. Im Gegenteil, in den letzten Jahren haben mehrere drastische Missbrauchsfälle die deutsche Öffentlichkeit erschüttert.

Und tatsächlich berichtet Hanstein von einer Unterhaltung mit einem Diakon, der ihn darauf verweist, dass es unter den Vätern mehr Täter gibt als unter den Geistlichen. Ein solcher Vergleich ist ebenso zynisch wie voller Verachtung für die Opfer. In bloßen Zahlen gemessen ist es schwierig, das Ausmaß des Missbrauchs zu ermessen.

Es braucht das Schicksal des Einzelnen, so wie meines, um zu begreifen, was Missbrauch mit einem Menschen macht, wie sehr er das Leben noch Jahrzehnte später prägt. Der Missbrauch beeinflusste mein Leben nachhaltig, noch als ich mich gar nicht mehr bewusst an ihn erinnerte.

Mein Hang zur Delinquenz und meine Suchterfahrung stehen beispielhaft für das, was Missbrauch in einem Leben anrichtet. Das Gefühl, außen vor zu sein, nicht dazu zu gehören, anders zu sein, hat sich mir tief eingegraben. Es hat seine Wurzeln in den anderthalb Jahren im Heim der Salesianer.

Zweifacher Missbrauch, zweifaches Trauma: Die Kirche und ihr Schweigen

Die Institution Kirche nimmt sich heraus, ihre Opfer nicht nur einmal, sondern gleich zweimal zu traumatisieren. Der erste, der sexuelle Missbrauch, findet statt in einer Situation der absoluten Auslieferung und ist immer auch ein Machtmissbrauch, der einhergeht mit dem Absolutheitsanspruch der Kirche und dem Selbstverständnis ihrer Würdenträger.

Der zweite findet durch die systematische Vertuschung, das Verleugnen und Relativieren des Geschehenen statt.

Diese zweite Traumatisierung kommt nicht von ungefähr und hängt, wie die erste, direkt mit dem System Kirche zusammen. Einem System aus Intransparenz, moralischem Absolutheitsanspruch, Gehorsam und starker Selbstreferenzialität.

Ein jahrhundertelanges Gewaltmonopol und eine auf einem überhöhten Sittlichkeitsanspruch basierende Institution ist kaum in der Lage, sich binnen Jahren zu einer »lernenden Organisation« zu wandeln und die nötige Transparenz an den Tag zu legen.

So bleiben all die zaghaften Bemühungen um Aufarbeitung doch nicht mehr als Lippenbekenntnisse, bei denen sich einzelne Bischöfe als »gute Hirten« hervortun, das große Ganze, die Kirche als Institution, jedoch unangetastet bleibt. Das trifft vor allem auf die Täter zu.

Diese werden qua Sonderstellung ihres Amtes allein kirchenrechtlich verfolgt, und in diesem Kirchenrecht ist es vor allem der Bruch des Keuschheitsgelübdes, der zu ahnden ist, nicht der Missbrauch an einem kleinen Körper und einer kleinen Seele. Diese existieren als Wert an sich, als Mensch, in dieser Wertung überhaupt nicht.

Das oben eingefügte Zitat von Papst Benedikt XVI. zeigt, dass man den Missbrauch eher als etwas von außen Herangetragenes betrachtet, als ein Problem, das in den eigenen Reihen entsteht und seine Wurzel unter anderem im Zölibat, im Keuschheitsgelübde und der Sexualmoral der katholischen Kirche an sich hat.

Wer heute die Weihen als Priester oder Diakon empfängt, der muss kein weltliches Gericht mehr fürchten. Sein Amt verleiht ihm eine gewisse Macht, die je nach Bereich ins Absolute geht. Er ist nicht länger ein Mensch, ein einfacher Sünder, sondern ein Geweihter im Dienst Gottes.

Rechtfertigen muss er sich nur vor Gott und in der Beichte. Das verändert den Blick, den ein Einzelner auf Recht oder Unrecht haben mag.

Machtmissbrauch geschieht da, wo Macht ungleichmäßig verteilt ist und es keine demokratischen Instanzen gibt, die die Machtverteilung kontrollieren.

Die Kirche ist bis heute in Deutschland ein Staat im Staate, abgeschottet nach außen, mit einer Aura der Unantastbarkeit, die von der großen Partei mit dem großen C nach wie vor geschützt wird.

Die Opfer und ihr Leid hingegen werden marginalisiert, Erklärungen zu Aufarbeitung und Prävention bleiben vielfach Lippenbekenntnisse.

Viele Opfer von Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen schweigen bis heute. Wie groß die Dunkelziffer ist, wissen wir nicht, auch, weil die Kirche systematisch die Aufklärung behindert, indem sie Akten zurückhält und Beschuldigte ins Ausland versetzt.

Der Mantel des Schweigens soll über das gebreitet werden, was hinter Kirchen- und Klostermauern geschehen ist und vermutlich bis heute geschieht, auch wenn die Opfer unter diesem Mantel ersticken.

Nicht nur die sadistischen Taten selbst, die nie nur auf den Körper der Opfer, sondern qua religiöser Macht und realem Abhängigkeitsverhältnis immer auch auf die Seele der Betroffenen selbst zielen, sind für mich unvereinbar mit dem Gebot der Nächstenliebe, auf das sich die Kirche so gerne bezieht.

Auch mehr als 50 Jahre nach dem an mir begangenen Missbrauch ist meine Wut auf die Hybris kirchlicher Würdenträger ungebrochen.

Ein dogmatisches Weltbild, das die Menschen in gut und böse einteilt und Sexualität als Einfallstor des Teufels verurteilt sowie die Durchsetzung der eigenen Prinzipien vor das Wohl des Einzelnen und vor allem Schutzbefohlener stellt, ist in meinen Augen nicht mit dem Begriff der »Nächstenliebe« zu vereinbaren.

Wie viele Opfer empfinde ich Ohnmacht gegenüber einer 2000 Jahre alten Institution, die bis heute von den Mächtigen in Politik und Gesellschaft geschützt wird und sich so jeder Reformierung entziehen kann.

Ihre intransparenten und hierarchischen Strukturen sowie die Kultur des Verdrängens, Leugnens und Verschweigens sind mitschuldig am fortgesetzten Leid der Opfer und bereiten den Boden für gegenwärtige und zukünftige Missbrauchsfälle.

Anders ausgedrückt: Solange die Kirche nicht zu grundlegenden Veränderungen und einer Öffnung nach außen bereit ist, ermöglicht sie Tätern den Zugriff auf immer neue Opfer und nimmt das Leid der Betroffenen billigend in Kauf. Vor diesem Hintergrund sind alle wortgewandten Bekenntnisse zu mehr Prävention und Aufarbeitung Hohn in den Ohren jener, deren Leben durch die Taten kirchlicher Amtsträger zerstört wurden.

Endnoten:

1

https://www.reuters.com/article/papst-kindesmissbrauch-idDEKBN0E710K20140527, abgerufen am 30.03.2021.

2

https://www.kirche-und-leben.de/artikel/totale-institution-missbrauch-bei-den-regensburger-domspatzen/, abgerufen am 03.06.2020.

3 Papst Benedikt XVI. em. (2019): Ja, es gibt Sünde in der Kirche. Zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. Fe-medienverlag, S. 20.

3 Forschungsprojekt: Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz (MHG-Studie),

https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/dossiers_2018/MHG-Studie-gesamt.pdf, abgerufen am 03.06.2020.

4 Ebenda.

5 Thomas Hanstein (2019): Von Hirten und Schafen. Missbrauch in der katholischen Kirche. Ein Seelsorger sagt Stopp. Tectum Verlag, S. 6.