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Er ist laut, er ist lustig, immer direkt, manchmal ziemlich derb. Aber eines ist Andreas Ellermann nie gewesen: langweilig. In seiner Autobiografie erzählt der Moderator, Schlagersänger, Entertainer, Veranstalter, Unternehmer und Stifter seine Geschichte – exklusiv, offen, authentisch. Von den Anfängen als Zeitungsjunge am Hamburger Stadtrand. Von den wilden Nachwendejahren auf Schlagertour durch die alten und neuen Bundesländer. Vom Aufstieg und Fall als Radiomoderator. Vom Hang zum Alkohol und von dem Vertrauen in Gott. Vom Glück, das ihn zum Immobilienmillionär machte. Vom Pech, das er lange mit den Frauen hatte – bis zum Happy End mit der Liebe seines Lebens. Ein bunter Bilderbogen aus 60 Jahren Ellermann und Wegbegleitern rundet diese in jeder Hinsicht außergewöhnliche Autobiografie ab.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Andreas Ellermann
DER HELLE WAHNSINN
Vom Zeitungsjungen zum Millionär
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eISBN 978-3-7822-1495-7
© 2025 von Koehler im
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Cover-Foto: Andreas Ellermann privat
Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel
Ivan Rebroff – Hans Albers – Rudi Kargus
Rudi Carrell – Harald Juhnke – Josephine Baker
Carlo von Tiedemann – Hedi Höpfner – Edgar Ellermann
2. Kapitel
Helmut Schmidt – Carlheinz Hollmann
Karen Ellermann – Andreas Elsholz – Ekki Göpelt Drafi Deutscher – Ramona Drews – Fips Asmussen Andrea Berg – Gotthilf Fischer – Frl. Menke
3. Kapitel
Peter Petrel – Bernd Clüver – Karel Gott – Heidi Kabel Jan Fedder – G. G. Anderson – Bernie Paul – Tom Astor Edgar Krüger – Mona Lisa – Werner Böhm
4. Kapitel
Bata Ilic – Johnny Cash – Kathy Kelly
Hermann Rieger – Uwe Seeler – Annemarie Eilfeld Mathias – Micaela Schäfer – Gaby Baginsky
Nadja Abd el Farrag – Samy – Mary Roos
Annette Sommerfeld – Claudia Obert – Jenny – Ilka
„Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt.“
William Shakespeare, Hamlet
Ich war kein Wunschkind. Zumindest war ich nicht erwünscht, so wie ich war. Im Jahr 1964 hatten meine Eltern bereits ihren vier Jahre alten Sohn Mathias und die Familienplanung, die ursprünglich mal einen Sohn und eine Tochter vorgesehen hatte, eigentlich zu den Akten gelegt. Als meine Mutter Karen dann doch noch einmal schwanger wurde, hielt sich die Begeisterung entsprechend in Grenzen. Und als mein Vater erfuhr, dass wieder ein Junge unterwegs war, soll er nur mit den Achseln gezuckt und gesagt haben: „Na ja, ich hätte dann wenigstens gern ein Mädchen gehabt.“
Was Edgar Ellermann bekam, war ein Pfundskerl. Denn meine Mutter gab mir schon vor meiner Geburt etwas mit auf den Weg, mit dem ich bis heute zu kämpfen habe: viele Kalorien. Das Letzte, was sie aß, bevor ich, Andreas Ellermann, am 15. Juni 1965 im Reinbeker St. Adolf-Stift geboren wurde, war eine mächtige Portion Spaghetti. Ich glaube, daher rührt mein Hang zu allem, was dick macht.
Doch die überschüssigen Pfunde sollten erst Jahre später zum Problem werden. Bei meiner Geburt war ich eher proper als dick. Stattdessen überraschte (und schockierte) ich meine Eltern mit der Tatsache, dass ich das Licht der Welt komplett behaart erblickte. Nicht nur auf dem Kopf, auch an Armen und Beinen, im Gesicht und auf dem Rücken: nichts als Haare. Als die Nonnen meiner Mutter das von einem Handtuch kaum verhüllte, behaarte Bündel reichten, soll sie erschrocken gerufen haben: „Das ist doch nicht mein Kind, der sieht ja aus wie ein Affe!“ Nein, ein Wunschkind war ich sicher nicht.
Später lernte ich, dass Neugeborene, die komplett mit einem Haarflaum bedeckt sind, gar nicht so selten sind. Und dass diese sogenannte Lanugobehaarung, die den Säugling im Mutterleib umhüllt und schützt, tatsächlich auf unseren genetischen Verwandten, den Affen, zurückgeht. Je weniger dieser Haare, desto reifer ist das Baby bei der Geburt, lautet die Formel. Ich war damals also alles andere als frühreif, und daran sollte sich auch im Teenageralter nichts ändern, aber davon später mehr. Heute weise ich noch immer eine üppige Körperbehaarung auf, und ich finde, das passt zu mir: groß, stark, behaart – und immer noch ein bisschen unreif.
Neulich bekam meine Partnerin Ilka ein Foto von mir im Kleinkindalter in die Finger und stutzte. „Guck dir diese Augen an“, sagte sie und hielt mir den noch klitzekleinen Andreas vor die Nase. „Du wusstest schon zu dem Zeitpunkt, was du wolltest. Dieser Blick sagt, die Kindheit können wir streichen, ich will jetzt gleich loslegen.“ Ich betrachtete das alte Foto und sah, was sie meinte. Und sie hatte ja recht. Ich durfte mich nicht langsam ins Leben tasten, ich musste mich zurechtfinden. Ich hatte sehr viele Tanten in Reinbek, die alle kinderlos waren. Meine Mutter arbeitete neben ihrer Aufgabe als Hausfrau noch als Haushaltshilfe für ältere Menschen in der Gegend, also wurde ich von Tante zu Tante geschoben. Das war die Art, wie ich aufwuchs und aufgezogen wurde: heute hier, morgen dort.
Die ersten fünf Jahre wohnten wir in Reinbek am Schmiedesberg, später sind wir innerhalb der Stadt umgezogen, und im Grunde bin ich Reinbek und der Umgebung immer treu geblieben. Der Ort, mit dem ich die frühen Jahre aber intensiv verbinde, ist Brunsbüttel. Dort endete bereits im Alter von acht Jahren meine Kindheit, weil ich meinen ersten Job zugewiesen bekam: Spion.
Mein Großvater hatte in Brunsbüttel eine große Entsorgungsfirma aufgebaut, die inzwischen mein Onkel leitete. Weder mein Vater noch meine Mutter hatten einen Führerschein, und so fuhren mein Bruder und ich in den Ferien mit der Bahn nach Elmshorn oder Pinneberg, wo mein Großvater uns am Bahnhof mit dem Auto, einem in meiner Erinnerung riesengroßen Mercedes, abholte. Genauso groß war die Zigarre, die Opa auf der Fahrt nach Brunsbüttel rauchte. Er ließ die Seitenscheiben stets geschlossen und die Heizung auch bei gutem Wetter großzügig laufen. Ich freute mich immer auf die Fahrt in diesem herrschaftlichen Fahrzeug, aber wenn ich dann drinsaß und im dichten blauen Dunst zu atmen versuchte, ohne mich zu übergeben, dachte ich nur noch: Wenn du diese Tour überlebst, bist du gut!
1 – Kuckuck, da bin ich. Am 15. Juni 1965 kam ich in Reinbek zur Welt. 2 – Der hat gerade noch gefehlt: als Baby im Arm meiner Mutter. 3 – Diese undatierte Aufnahme zeigt die komplette Familie Ellermann auf Tour. Unten links: der kleine Andreas 4 – 2016 machte ich mit meinen Eltern noch einmal Urlaub in Büsum. Im Jahr darauf starb mein Vater. 5 – Kindheit in Reinbek: Michael Peters (r.) war mein enger Schulfreund. Hier nehmen wir seine Schwestern in unsere Mitte.
© Alle Fotos: Andreas Ellermann privat
Ich überlebte und konnte also meine Spionagetätigkeit antreten, die erneut etwas mit Autofahren zu tun hatte. Als acht Jahre alter Bengel fuhr ich einen Sommer lang jeden Tag mit einem der Müllwagen mit. Mein Auftrag: die bei meinem Onkel angestellten Fahrer aushorchen und beobachten und später darüber Bericht erstatten. Wie oft machten sie Pause und wo? Wie sprachen sie über ihre Arbeit und ihre Chefs? Worüber unterhielten sie sich untereinander, was störte und beschäftigte sie? Es war die Zeit des Kalten Krieges, aber ich wurde als westlicher Agent im Westen eingesetzt. Morgens bekam ich von meiner Tante, die auch meine Patentante war, mein Butterbrot mit auf den Weg, und dann bin ich von morgens bis abends als Beifahrer unterwegs gewesen und habe die Augen offen gehalten und die Ohren gespitzt. Und meine Eltern waren mich den Sommer über los.
Meine erste eigene Geschäftsidee hatte gleich etwas mit Showbusiness und Schaustellerei zu tun. Ich hatte eine Katze namens Minka, die ungewöhnlich zutraulich war. So zutraulich, dass ich sie dressieren und ihr das Tanzen beibringen konnte. Wenn ich mit einem Stock bestimmte Bewegungen vollführte, stellte sie sich auf die Hinterbeine und begann, „Katzentango“ zu tanzen, wie ich es nannte. Mit dieser Nummer sind wir auf dem Reinbeker Wochenmarkt aufgetreten. Für 20 Pfennig konnte man dort meine Minka Tango tanzen sehen. Zwei, drei Mark kamen da an einem Nachmittag zusammen – nicht schlecht für einen Achtjährigen Anfang der 1970er-Jahre.
Ich bezeichne mich selbst noch heute gern als „Zirkuspferd“ und würde behaupten, dass diese Karriere damals ihren Anfang nahm. Allerdings endete die Berufslaufbahn als Katzendompteur schlagartig und tragisch. Minka wurde ihre Zutraulichkeit zum Verhängnis. Sie kam dem Nachbarshund, einem Boxer, zu nah und wurde von ihm totgebissen. Mir wurde nicht nur ein geliebtes Haustier genommen, sondern auch der Lebensunterhalt. Aber im Ernst: Als die Nachbarn uns die tote Katze in einem Schuhkarton brachten, war das für mich ein riesiger Schock.
Meine erste regelmäßige bezahlte Tätigkeit war moralisch weit weniger heikel als meine Spionageeinsätze an der Westküste, aber auch deutlich langweiliger als die Auftritte mit Minka. Ich wurde Zeitungsjunge und verteilte täglich tausend Exemplare des „Hamburger Abendblatts“. Einmal pro Woche kam noch das „Bille-Wochenblatt“ dazu, das war dann immer besonders anstrengend, eine stundenlange Plackerei. Zeitungen hatten damals noch riesige Auflagen, das „Abendblatt“ gehörte auch am Hamburger Stadtrand zur Pflichtlektüre. Das hatte zur Folge, dass ich mir an den schweren Paketen mit den verschnürten Zeitungen beinah einen Bruch hob.
Auf meiner Runde lag das Reinbeker Altersheim. Es dauerte nicht lange, und ich kannte „meine“ betagten Kunden alle beim Namen. Bei einer alten Dame namens Kellermeyer wurde ich sogar zum Vorleser. Sie konnte kaum noch etwas sehen, wollte aber auf ihre Zeitungslektüre nicht verzichten. Meine Aufgabe bestand also darin, ihr täglich alle Überschriften vorzulesen und die ein, zwei Geschichten, die sie besonders interessierten. Dafür gab Frau Kellermeyer mir jeden Tag zwei Mark, die wollte ich natürlich mitnehmen.
Dass es mich trotzdem jedes Mal Überwindung kostete, die 15 Minuten mit der netten Frau zu verbringen, lag an den zwei Bananen, die ich außerdem schälen musste. Eine war für mich, die andere landete im zahnlosen Mund meiner Gastgeberin. Ich weiß nicht, warum Frau Kellermeyer immer ihr Gebiss herausnahm, wenn sie eine Banane aß. Jedenfalls zerdrückte sie die Frucht stets mit einer Gabel und schob sich das Mus in den Mund, oft genug ging auch etwas daneben. Heute esse ich wieder sehr gern Bananen, zu meiner Zeit als Zeitungsjunge konnte man mich damit jagen.
Zwischen Reinbek und Brunsbüttel liegen rund 100 Kilometer, für mich lagen als Kind Welten dazwischen. Während ich mir zu Hause mit harter Arbeit und stoischer Geduld das erste eigene Einkommen verdiente, flog mir das Geld bei meinem Großvater einmal im Jahr sprichwörtlich zu. Zu Weihnachten scharte er seine Enkelkinder – insgesamt hatte ich zehn Cousins und eine Cousine – in der guten Stube um sich und ließ „die Tasche“ holen. „Hol mal die Tasche“, sagte er zu meiner Großmutter, die von einem sächsischen Rittergut stammte. Bei Oma und Opa in Brunsbüttel gab es zu Weihnachten keine Geschenke, sondern Geld. Mehrere Zehntausend Mark ließ mein Großvater sich das Fest der Liebe Jahr für Jahr kosten. 2.000 Mark bekam jeder Elternteil der anwesenden Enkelinnen und Enkel, und die Enkelkinder selbst erhielten einmal sogar 3.000 Mark.
Was mich mindestens so sehr beeindruckte wie die ungeheure Summe an sich, war das markante Gesicht mit dem Rauschebart auf dem großen braunen Geldschein. Trotzdem machte ich mir lange nicht die Mühe herauszufinden, wer der ernst dreinblickende Herr war (nämlich der Gelehrte und Theologe Johann Scheyring). Für mich sah der Mann auf dem Tausender aus wie Ivan Rebroff, sogar der Pelzmantel passte, nur die Pelzmütze fehlte. Noch heute denke ich, wenn ich mich an den weihnachtlichen Geldsegen im Haus meines Großvaters erinnere, an den begnadeten Sänger, der in den 1970er-Jahren so etwas wie den „guten Russen“ verkörperte, herzlich, trinkfest und mit dröhnendem Bass.
Natürlich war ich immer Rebroff-Fan. Schließlich besaß ich dank meines großzügigen Großvaters bereits im Alter von 13 Jahren 20 Scheine mit dem Mann darauf, den ich für Ivan Rebroff hielt. Genauer gesagt hatte ich rund 20.000 Mark auf dem Postbuch. Darauf gab es damals noch acht Prozent Zinsen. Also ähnlich wie heute, nur im Habenbereich.
Ich fand das Leben trotzdem fürchterlich schwierig und hatte immer das Gefühl, Geld verdienen zu müssen. Wobei verdienen vielleicht nicht das ganz korrekte Wort ist. Wir waren so eine kleine Bande von Hauptschülern, die beim Bäcker im Hinterhof die leeren Flaschen geklaut hat, um sie vorne im Laden wieder abzugeben, um das Pfand zu kassieren. Mit den geklauten Flaschen, die wir behielten, betrieben wir auf dem Schulhof Glücksspiel. Die anderen Kinder konnten eine Flasche kaufen. In einer der Flaschen steckte immer ein Joker. Wer die erwischte, durfte die Flasche behalten und bekam drei weitere extra. Mit dem Pfand, das es dafür gab, hatte er dann einen kleinen Gewinn gemacht.
Das Spiel sprach sich herum und wurde immer beliebter, bis ich etwas den Überblick verlor. Einmal steckte in einer der Flaschen, die eines der Kinder gewonnen hatte, ein weiterer Joker. Da wollte der Junge natürlich noch mal drei Flaschen haben. Das hätte aber bedeutet, dass die Bank – also ich – keinen Gewinn mehr macht. Da habe ich das Spiel sofort beendet und zusammengepackt.
Aber der Grundstein für eine Karriere als Schausteller, Moderator und Entertainer war gelegt. Das ist im Nachhinein insofern überraschend, dass ich als Grundschüler zum Stottern neigte und deswegen sogar in therapeutischer Behandlung war. Meine Mutter hat später gesagt, dass ich schon deswegen Radiomoderator geworden bin, weil ich in Sachen Redefluss noch ordentlich Nachholbedarf hatte.
Mein fünf Jahre älterer Bruder hatte, was das Geld anging, weniger Zwänge als ich. Die großzügige Zuwendung meines Großvaters investierte Mathias einmal direkt in ein Mofa, außerdem ging er gern mit seinen Freunden feiern. Und zum HSV, Westkurve. Irgendwann kam ich regelmäßig mit, und so erlebte ich einen der schönsten und schlimmsten Tage der Vereinsgeschichte hautnah und intensiver, als mir lieb sein konnte.
Am 9. Juni 1979, kurz vor meinem 14. Geburtstag, spielte der HSV am letzten Bundesligaspieltag im Volksparkstadion gegen den FC Bayern München. Zwar verloren die Hamburger mit 1 : 2, doch das Team um Kapitän Peter Nogly stand bereits vor dem Anpfiff als Deutscher Meister fest. Schon vor dem Ende des Spiels begannen einige Fans die Zäune in der Westkurve zu überwinden und das Spielfeld zu stürmen, schließlich drängten immer mehr Leute nach, bis irgendwann die Zäune dem Druck nicht mehr standhielten, Menschen stürzten metertief und wurden von den nachfolgenden beinah erdrückt. Panik brach aus, auch ich war absolut entsetzt. Glücklicherweise standen wir weit genug oben in der Kurve, um nicht in den furchtbaren Sog hineingezogen zu werden.
Kevin Keegan sprach mir später aus der Seele, als er in einem Interview sagte: „Ich hatte furchtbare Angst.“ Auch wenn es damals wie durch ein Wunder zwar mehr als 100 Verletzte, aber keine Toten gab, ist dieser Nachmittag in meiner Erinnerung mit dem Tod verbunden geblieben. Etwa fünf Jahre dauerte meine Jugendphase als HSV-Fan, dann ging ich erst mal nicht mehr hin. Vor allem weil mir das Geld zu schade war, aber auch weil ich dieses Gefühl von Todesangst nach dem Drama von 1979 nie wieder ganz losgeworden bin.
Überhaupt spielte der Tod schon früh eine Rolle in meinem Leben. Rückblickend würde ich sogar sagen, er spielte eine zu große Rolle. Und damit meine ich nicht nur das tragische Ende von Minka, meiner Tangokatze. Mein Vater hat als Kapellenwärter in Halle B auf dem Ohlsdorfer Friedhof die Beisetzungen vieler Prominenter organisiert und durchgeführt, von Hans Albers bis Henry Vahl, von Adligen und Politikern, aber auch von Zuhältern und anderen Kiezgrößen. Ich bin also auch schon sehr früh mit Promis bekannt gemacht geworden, nur waren die eben alle schon tot.
Freitags stand immer ein Leichenwagen bei uns vor der Haustür, weil die Bestatter meinen Vater, der keinen Führerschein besaß, nach den Beerdigungen nach Hause fuhren. Da wurde dann auch immer auf das Wochenende angestoßen, und zwar nicht zu knapp. Ich erinnere mich daran, wie mein Vater an einem Hochsommernachmittag mit ein paar Bestattern am Tisch saß und trank, als einer aufstand und sagte: „Ich muss los, hab noch einen auf der Kühlung hinten liegen.“ Als Sohn eines Ohlsdorfer Kapellenwärters wusste ich, was der Mann meinte, und trotz der Hitze schauderte es mir.
Mein Vater hat mich auch zu den Leichenwäschern in Ohlsdorf mitgenommen. Da habe ich gesehen, wie die Männer während der Arbeit nebenbei ihr Butterbrot gegessen haben. Als er mich fragte, ob ich mal sehen will, wie eine Verbrennung stattfindet, traute ich mich nicht, Nein zu sagen. Er warnte mich zwar vor, dass sich die Leichen im Feuer noch einmal aufrichten würden, gerade so, als würden sie sich ein letztes Mal gegen den Tod aufbäumen. Aber als ich es dann mit eigenen Augen sah, hat es mir doch einen Knacks versetzt. Ich war gerade einmal zehn Jahre alt, zu jung jedenfalls, um so etwas mitanzusehen.
Umso schlimmer fand ich es, als ein paar Wochen später in Soltau eine Wasserleiche aus dem See gezogen wurde, während wir gerade auf dem Campingplatz dort Urlaub machten. Ich habe die Leiche am Ufer liegen sehen und gedacht: Geht das denn immer so weiter, werde ich von den Toten verfolgt? Dagegen wurden die Tage, an denen ich meine Zeitungen zum Altersheim brachte und mir gesagt wurde, zu diesem Herrn oder jener Dame bräuchte ich nicht mehr zu kommen, die seien über Nacht gestorben, fast schon zur Routine.
Ja, ich habe einen Knacks, was den Tod betrifft, und ich habe seit meiner Kindheit immer wieder unvermittelt mit Todesängsten zu kämpfen. Und tatsächlich habe ich dem Tod schon mehrfach ins Auge geblickt. Das erste Mal passierte es, als ich fünf Jahre alt war. Ich weiß nicht warum (Kinder tun Dinge eben einfach), aber ich fasste in unserer Wohnung in Reinbek in eine Steckdose und bekam einen Stromschlag. Zum Glück war meine Mutter zu Hause. Als sie mich leblos auf dem Boden liegend fand, wählte sie sofort den Notruf. Dann nahm sie einen Teppichklopfer, weil sie der Meinung war, man könnte einen Stromschlag herausklopfen, und fing an, mich mit dem Ding zu „behandeln“.
Sie beteuerte stets, ich sei praktisch tot gewesen und sie habe mich mit dem Klopfer ins Leben zurückgeholt, noch bevor der Krankenwagen bei uns eintraf. In jedem Fall erinnert mich eine winzige Narbe an meinem rechten Zeigefinger an den Tag im Jahr 1970, als ich in die Steckdose fasste. Ich habe später unter anderem noch eine schwere Lungenentzündung überlebt und eine lebensbedrohliche Sepsis.
Mein Vater ist 85 Jahre alt geworden und damit für Ellermann-Verhältnisse früh gestorben. Meine eine Oma wurde 96, die andere 99 Jahre alt, ein Onkel sogar 100, andere Onkels und Tanten 97, 98 Jahre alt, sowohl von väterlicher als auch mütterlicher Seite. Ich habe also gute Gene und verlasse mich vielleicht ein wenig zu sehr darauf.
Ich hatte meine eigene Fußballmannschaft, den SC Schneewittchen, eine echte Straßenmannschaft, benannt nach dem Schneewittchenweg in Reinbek. Der Name klingt harmlos, aber wir waren geradezu fanatisch. Einmal habe ich dem gegnerischen Torwart mehrere Zähne ausgetreten. Heute würde man dafür verklagt werden, damals haben die Eltern nur gesagt: selbst schuld, so etwas passiert eben beim Bolzen. Und es war ja auch keine Absicht. Ich wollte unbedingt ein Tor schießen, und er ging wie unser Idol Rudi Kargus mit vollem Risiko dazwischen, da habe ich dann gegen seinen Kopf getreten statt gegen den Ball, kann passieren.
Warum ich diese Episode erzähle? Ich finde, es beschreibt den Unterschied im gegenseitigen Umgang zwischen damals und heute ganz gut. In meiner Jugend ging es rauer zu, in gewisser Weise auch aggressiver. Aber man hat sich nicht vorsätzlich geschadet. Es konnte schon vorkommen, dass die Fäuste flogen, aber ich kann mich nicht erinnern, dass irgendjemand ein Messer dabeihatte oder jemandem aufgelauert wurde, um ihn zu verletzen. Mit dem Torwart hatte ich auch später als Erwachsener noch Kontakt. In der Kneipe beim Bier habe ich öfter verstohlen rübergeguckt, ob man die Spuren des Tritts noch sehen kann. Man konnte. Der Kiefer ist nie wieder ganz symmetrisch geworden.
Auch in der Reinbeker Hauptschule war es in vielerlei Hinsicht hart. Zum einen gab es mehrere Heimkinder, fast täglich kam es zu Pausenhof-Schlägereien. Besonders tat sich da übrigens eine Gruppe Mädchen hervor. Die Anführerin taufte ich „Schlägerweib“, und sie wurde ihrem Kampfnamen gerecht. Einen Klassenkameraden schlug sie mit ihrer Clique krankenhausreif. Da habe ich es drauf ankommen lassen und mich mit ihr geprügelt. Ich wusste, wenn ich mich nicht unterbuttern lassen will, muss ich mich buchstäblich gegen sie durchboxen. Dass es ein Mädchen war, spielte keine Rolle. Ich habe ihr ein blaues Auge gehauen und hatte fortan meine Ruhe.
Aber auch die Lehrer machten es uns nicht leicht. Nicht nur weil die Prügelstrafe in unserer Schule noch zur Tagesordnung gehörte, sondern auch weil der Unterricht recht hohe Ansprüche an uns stellte. Ich weiß gar nicht, wann der Begriff „Hauptschüler“ zu einer Art Schimpfwort wurde, sondern kann sagen, dass ich eine anspruchsvolle Schulbildung genossen habe – wobei der Begriff „Genuss“ es in meinem Fall sicher nicht perfekt trifft, dazu war ich ein zu schlechter Schüler. Und die Lehrer waren, anders als es viele Eltern heute offenbar erwarten, nicht dazu da, um den Kindern zu guten Noten zu verhelfen. Wenn ich mal wieder mit einer Fünf nach Hause kam, wäre niemand auf die Idee gekommen, dafür den Lehrer verantwortlich zu machen.
Spitznamen zu vergeben war eine Marotte von mir. Ich verteilte Spottnamen wie „Ameise“, „Plünnbüddel“ oder „Sonne von Mecklenburg“. Das war ein Junge mit einem großen, ganz runden Kopf. „Guckt mal, die Sonne von Mecklenburg geht auf“, sagte ich zu meinen Kumpels, wenn wir ihn sahen, und die Lacher gingen auf mein Konto und auf seine Kosten. Nicht die feine englische Art, ich weiß, aber die war nie meine Stärke.
Abgesehen von der viel zu frühen Konfrontation mit dem Tod erinnere ich meinen Vater als freundlich, gutmütig, bescheiden. Die strenge, energische Person im Haus war meine Mutter. Was meine Eltern gemeinsam hatten, waren ihr Fleiß und ihre Sparsamkeit. So brachten sie es, obwohl sie deutlich weniger begütert waren als etwa mein Onkel an der Westküste, unter anderem zu einer Eigentumswohnung in Reinbek.
Meine Mutter hat an mindestens 350 von 365 Tagen zu Hause gekocht, und wenn wir doch einmal in ein Restaurant gingen, meistens zusammen mit meinen Großeltern, dann achteten meine Eltern darauf, dass mein Bruder und ich uns etwas Günstiges bestellten. „Denkt daran, bis zehn Mark“, bläuten sie uns schon vorher ein. Wir haben uns dann einen Spaß daraus gemacht, erst recht auf das Steak für 25 Mark in der Karte zu zeigen. „Nein, nein, nein! Das geht nicht, das gibt’s nicht!“, bekamen wir dann zu hören. Wir wurden in allem knappgehalten und zur Sparsamkeit erzogen. Bei mir hat das gefruchtet, ich konnte und kann gut mit Geld umgehen, das liegt sicher auch daran, dass mir von Anfang an vor Augen geführt wurde, wie schwer es ist, es zu verdienen.
Wenn ich mir heute die alten Fotos anschaue, auf denen ich mit meinem Schulfreund Siggi zu sehen bin, kommt mir unsere Kleidung regelrecht ärmlich vor. Heute würde man vielleicht sagen, wie vom Discounter, und das wäre sicher noch untertrieben. Aber dieser Tage muss ja alles von Gucci und Konsorten sein, damals habe ich es als normal empfunden, in einfachen Klamotten herumzulaufen. Meinen Freunden ging es ja nicht anders, so sind wir eben zusammen aufgewachsen.
Ein Gefühl für Armut bekam ich durch die Familie meines Freundes Siggi. Seine Mutter war Sekretärin und hatte eine Schwester, die anscheinend kein richtiges Zuhause hatte. Ihre beiden Kinder wurden nach der Schule einfach auf einem Parkplatz abgeladen, anders kann ich es nicht beschreiben, und sich selbst überlassen. Siggis Mutter brachte ihnen dort in ihrer Pause dann ein Mittagessen. Das war natürlich kein Zustand, fand auch meine Mutter, und so waren die Geschwister schließlich sehr oft bei uns. Ich würde so weit gehen zu sagen, meine Mutter hat die beiden mit großgezogen. Ich habe davon profitiert, indem sie mir bei meiner Zeitungstour geholfen haben. Dafür spendierte ich nach unseren Runden etwas zu trinken oder auch mal Süßigkeiten, mit denen ich meine ersten „Mitarbeiter“ quasi entlohnte. 1.000 Exemplare jeden Tag waren eine Menge, aber zu dritt waren wir viel schneller fertig und konnten etwas unternehmen, das Kindern mehr Spaß macht.
