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»Dieses Buch ist ein Blick hinter die Kulissen, voller Anekdoten, die uns die Tower-Raben nahe bringen, jeden Vogel mit seiner ganz eigenen Persönlichkeit. Ich hatte das Glück, den Tower und seine Raben schon selbst zu besuchen; nachdem ich »Der Herr der Raben« gelesen habe, kann ich es kaum erwarten, dorthin zurückzukehren.« George R.R. Martin Chris Skaifes Job gibt es nur einmal auf der Welt: Als Ravenmaster im Tower von London ist er verantwortlich für die Raben Ihrer Majestät. Die Legende sagt, das Königreich werde fallen, sobald eins der Tiere die berühmte Festung verlässt. Also kümmert Skaife sich hingebungsvoll: Er füttert die intelligenten Vögel mit blutgetränkten Keksen und beschützt sie vor Füchsen, er spricht mit ihnen und bringt sie abends ins Bett. Über die Jahre hat er ein enges Verhältnis zu den Raben aufgebaut, kennt ihre Charakterzüge genau. Skaife teilt seine Faszination für die klugen und hochsozialen Vögel mit uns Lesern. Er weiht uns ein in die Geschichte und die Geheimnisse des Towers und erzählt die witzigsten Episoden aus dem Leben mit seiner Rabenfamilie.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Mehr über unsere Autoren und Bücher:www.piper.deGewidmet den Raben im Londoner Tower und dem Andenken von Martin HarrisÜbersetzung aus dem Englischen von Birgit Lamerz-Beckschäfer© Historic Royal Palaces Enterprises, Ltd., 2018Titel der amerikanischen Originalausgabe: »The Ravenmaster. My life with the ravens at the Tower of London« bei Farrar, Straus and Giroux, New York 2018Deutschsprachige Ausgabe:© Piper Verlag GmbH, München 2019Fotos: © Historical Royal Palaces/Christopher SkaifeLitho: Lorenz & Zeller, Inning am AmmerseeCovergestaltung: zero-media.net, MünchenCovermotiv: Harry Mitchell (Autorenfoto mit Rabe); FinePic®, München (Struktur); Getty Images / Tetra Images (Tower of London)Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.
Cover & Impressum
1 Silhouette
2 Ravenmaster
3 Die Spielregeln
4 Appell
5 Die Tower-Wohngemeinschaft
6 Tower Green
7 Hundekuchen und Blut
8 Die Menagerie
9 Schwarze Vögel
10 Auf Rabenschwingen
11 Gesprengte Ketten
12 Auf der Flucht
13 Weltbürger
14 Doppelrolle
15 Die Story
16 Bewerbung
17 Die Rabensprache
18 Vögel mit Köpfchen
19 Rabenkunde
20 Die Legende von den Raben im Tower
21 Blood Swept Lands and Seas of Red
22 Drum hat mein Mädchen rabenschwarze Augen[7]
23 Vögel, Bücher, Vogelbücher
24 Der Tod und der Rabe
25 Geisterstunde
26 Schlafenszeit
27 Ehrwürdige Traditionen
28 Hüter des Weißen Turms
29 Hoch droben
Dank
Liste der Rabenmeister seit 1946
Literaturempfehlungen
Über Raben, Vögel und andere Lebewesen
Über den Tower of London, England und britische Volkskunde
Textnachweis
Bildteil
Es ist 5.30 Uhr. Der Herbstmorgen graut über London. Noch bevor der Wecker klingelt, springe ich aus dem Bett, ziehe mich im Dunkeln an und bin schon vor der ersten Tasse Tee aus der Tür. Jeden Morgen dieselbe bange Sorge, über Nacht könnte etwas passiert sein. Denn wenn etwas passiert, dann meistens etwas Schlimmes.
Lastwagen, Lieferwagen und frühe Pendler sind schon auf dem Weg stadteinwärts. Von der Tower Bridge Road, der Fenchurch Street und der London Bridge schallt das typische Brummen herüber. Die Stadt erwacht.
Als ich die steinerne Wendeltreppe am Flint Tower hinaufhaste, blinken die Lichter der Skyline hinter mir. Ich sehe das Gebäude am Trinity Square, heute ein schickes Hotel, von dem aus die Port of London Authority einst alle Schiffe überwachte, die stromauf- und stromabwärts die Themse befuhren. Dahinter ragen neue Wolkenkratzer mit witzigen Namen wie »Cheesegrater« (Käsereibe), »Walkie-Talkie« oder »Gherkin« (Gewürzgurke) in den Himmel.
An der Königlichen Kapelle St. Peter ad Vincula und den Waterloo Barracks, dem größten Gebäude des Komplexes, vorbei betrete ich das Tower Green und schnuppere: So riecht London am frühen Morgen – ein Mix aus Abgasen, der Themse, frisch gebrühtem Kaffee und dazu dem betörenden Duft von frisch geschnittenem Gras auf dieser Grünfläche, die sich über die Westseite des Festungsinneren erstreckt. Vor mir türmt sich die Tower Bridge auf, und südlich davon liegt die HMS Belfast fest vertäut am Ufer. Im noch menschenleeren Tower bin ich ganz allein mit all den Schatten seiner tausendjährigen Geschichte.
Mein erster Ruf verhallt ungehört in der Stille. Ich rufe erneut, und wie immer kriecht einen Moment lang die Angst in mir hoch, während meine Blicke suchend über die Dächer irren. Da entdecke ich sie: Hoch auf einem Dachfirst zeichnet sich die vertraute Silhouette vor dem blaugrauen Morgenhimmel ab.
»Guten Morgen«, sage ich. Nun ist es in der Tat ein guter Morgen.
Die Raben sind daheim. Im Tower.
Und ich darf durchatmen: Dem Königreich kann auch heute nichts passieren.
Meinen Beruf halten viele für den sonderbarsten im ganzen Königreich.
Sonderbar? Vielleicht.
Der schönste auf der Welt? Keine Frage.
Mein Name ist Chris Skaife. Ich bin der Rabenmeister im Londoner Tower.
Mein offizieller Titel lautet: Yeoman Warder Christopher Skaife, of Her Majesty’s Royal Palace and Fortress the Tower of London. Ich gehöre damit der Sovereign’s Body Guard of the Yeoman Guard Extraordinary an, die allgemein als die älteste noch aktive Truppe der Welt gilt, gegründet unter König Heinrich VII. nach der Schlacht bei Bosworth Field im Jahr 1485. Wir Yeoman Warders[1] sind durchweg ehemalige Soldaten mit mindestens 22 unbescholtenen Dienstjahren. Wir stellen die Ehrenwache für den Londoner Tower. Theoretisch sind wir für die Bewachung der Kronjuwelen sowie etwaiger Gefangener in der Festung zuständig, doch in der Praxis betätigen wir uns als Fremdenführer und pflegen das Tower-Zeremoniell. Wir wohnen sogar im Tower. Wir können mit Fug und Recht sagen: »My home is my castle«, denn unser Zuhause ist ja wirklich eine Burg!
Und mit deren Geschichte fangen wir am besten an. Von Anfang an diente der Tower als Festung, Königspalast, Gefängnis und Arsenal. Er war Sitz der Königlichen Münze und Waffenkammer. John Stow, der nur einen knappen Kilometer vom Tower entfernt aufwuchs und später einer der ersten englischen Historiker war, fasste all das 1598 in seinem Survey of London zusammen: »Dieser Turm ist eine Zitadelle zur Verteidigung und Befehligung der Stadt; ein Königspalast für Versammlungen oder Vertragsschlüsse; ein Staatsgefängnis für die gefährlichsten Übeltäter; derzeit die einzige Münzstätte in ganz England; die Waffenkammer für die Kriegsvorräte; die Schatzkammer für die Kronjuwelen und das Archiv für die meisten Akten der königlichen Gerichtshöfe in Westminster.« Das deckt so ziemlich alles ab.
Heutzutage empfangen wir im Tower pro Jahr rund drei Millionen Besucher.
Für Touristen und Einheimische gibt es in London viel zu besichtigen: Westminster Abbey, die Houses of Parliament, Buckingham Palace, Kensington Palace, Kew Gardens, Hampton Court Palace, das British Museum, das Victoria and Albert Museum, das Science Museum, das Natural History Museum oder die Imperial War Museums. Die Liste ist ellenlang. Wer barocken Prunk mag, schaut sich eine von Nicholas Hawksmoors Kirchen an, Liebhaber des Nachkriegs-Brutalismus eher die Royal Festival Hall. Eine schöne Aussicht auf die Stadt genießt man von den Parkhügeln Hampstead Heath und Primrose Hill oder The Shard aus, der »Scherbe«, einem weiteren der modernen Wolkenkratzer. Es gibt Theater und Konzerthäuser, Restaurants und Cafés. Trotz allem ist der Tower meiner bescheidenen Ansicht nach zweifellos noch immer eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Londons.
Warum? Nun ja, zum einen sind wir natürlich eine der ältesten. Nachdem der Normanne Wilhelm der Eroberer 1066 den letzten angelsächsischen König Harald II. bei Hastings geschlagen hatte, wollte er seinen Triumph in Stein meißeln. In den späten 1070er-Jahren begann er also mit dem Bau des White Tower, der seine Macht und Stärke demonstrieren sollte. Es wurde das bis dato größte und kühnste Bauwerk Englands, ein perfektes Symbol königlicher Macht. Das ist bis heute so, und ich finde, er ist das schönste Prunkgebäude im ganzen Land. Die Stadt verändert sich ständig, doch der Tower trotzt allem Wandel. Das alte London fiel weitenteils dem Großen Brand von 1666 zum Opfer. Seither verschwanden das berüchtigte historische Newgate-Gefängnis, die alte London Bridge und die riesigen Lagerhallen an den St. Katharine Docks von der Bildfläche. Allein in meinen gut zehn Jahren im Tower hat sich das Antlitz Londons weiter deutlich gewandelt, seien es The Shard, Gherkin oder Walkie-Talkie, der Bau des 120 Kilometer langen S-Bahn-Projekts Crossrail, die Hoch- und U-Bahn Docklands Light Railway im alten Hafengebiet oder die Gentrifizierung des sozial schwachen und von Einwanderern geprägten East End. Doch wie ein Fels in der Brandung steht mittendrin der Tower. Er hat alles gesehen, alles erlebt, alles mitgemacht, bezeugt eine blutige Geschichte von Mord und Folter. Er ist einzigartig. Schierer Protz. Und – nicht zu vergessen – hier sind die Raben zu Hause.
Zurzeit wohnen sieben Kolkraben im Tower. Als Rabenmeister bin ich für ihre Sicherheit und ihr Wohlbefinden verantwortlich. Ich kümmere mich um sie, und sie kümmern sich um uns. Ohne die Raben, so heißt es von alters her, wird der Tower zu Staub zerfallen, und großes Unglück wird über das Königreich hereinbrechen.
In diesem Buch bemühe ich mich, Fragen zu den Raben zu beantworten, die mir am häufigsten gestellt werden. Warum gibt es sie überhaupt im Tower? Worauf fußen unsere Mythen und unser Aberglaube im Zusammenhang mit Raben? Wie betreue ich sie? Womit füttere ich sie? Wer denkt sich ihre Namen aus? Was geschieht mit ihnen, wenn sie sterben? Warum fliegen sie eigentlich nicht weg?
Dieses Buch ist jedoch keine naturwissenschaftliche Studie, das sage ich gleich zu Anfang in aller Deutlichkeit. Ich bin kein Forscher, auch wenn ich im Laufe der Jahre viele Wissenschaftler kennenlernen und unterstützen durfte, die unsere Raben erforschten und über sie Aufsätze für Wissenschaftszeitschriften schrieben. Obwohl ich in vielen Jahren eine Menge Erfahrung im Umgang mit den Raben gesammelt habe, besitze ich keinerlei ornithologische Qualifikation. Ich bin kein Vogelkundler, sondern ein ganz gewöhnlicher Mensch, der das außergewöhnliche Glück hat, einen Großteil seines Lebens mit einigen der berühmtesten Vögeln der Welt zu verbringen und ihren Alltag zu begleiten. Dieses Buch schildert mein Leben und meine Arbeit mit den Raben im Londoner Tower und erklärt, was man als Rabenmeister zu beachten hat.
Geboren und aufgewachsen bin ich in Dover in der Grafschaft Kent, ganz im Südosten von England. In meiner frühesten Erinnerung habe ich es als Kleinkind im Wohnzimmer auf die Fensterbank geschafft und bin fast schon draußen, als mich jemand schnappt und meinem Freiheitsdrang ein jähes Ende bereitet. Ein paar Jahre später kletterte ich auf einen knorrigen alten Baum, bis ich direkt über dem Gewächshaus unseres Nachbarn war, und ließ mich fallen. Ich wollte einfach mal sehen, was passierte. Ich plumpste mitten durch das Glasdach. Die Narben habe ich heute noch.
Mit 15 schwänzte ich ständig die Schule und stromerte mit ein paar anderen Kids durch die nahen Wälder und Hügel. Wir hockten am Lagerfeuer, tranken Cider, klauten und machten allen möglichen anderen Unfug. Mit unseren Fahrtenmessern bauten wir Hütten und schnitzten Pfeile. Wir brachen alte Lagerräume und Garagen auf, bloß um zu sehen, was drin war, kauften Feuerwerkskörper und schoben Autos Böller in den Auspuff oder feuerten sie aus alten Rohren ab. Wir stibitzen zwei Motorräder und bretterten damit die Hügel rauf und runter, aber als wir versuchten, einen Ford Anglia zu stehlen, war die Batterie leer, und im Nullkommanichts hatte uns die Polizei am Schlafittchen. Ich weiß noch, dass es dafür Ohrfeigen hagelte.
Ich war kein missratenes Kind, aber auch kein besonders braves.
All das war 1981. Das Fernsehen berichtete über den Yorkshire Ripper genannten Serienmörder, alle möglichen Hungerstreiks im Zusammenhang mit dem Nordirlandkonflikt, die sozialen Unruhen in Brixton und Toxteth. Die rechtsextreme National Front ging auf die Straße, und der konservative Politiker Enoch Powell beschwor einen Rassenkrieg herauf. AIDS entwickelte sich zur weltweiten Pandemie, und die Arbeitslosenzahlen stiegen ins Astronomische. Margaret Thatcher war an der Macht. Die IRA legte Bomben und tötete Soldaten und Zivilisten. Es war gewiss nicht die allereinfachste Zeit in der Geschichte Großbritanniens!
Und unsere Generation stand zu Beginn dieses neuen Jahrzehnts kurz vor dem Schulabschluss und war begierig auf eigene Abenteuer. Meine Eltern machten sich allmählich Sorgen. Ich trank, rauchte, ging zu Partys, schlich im Dunkeln aus dem Haus und übernachtete irgendwo auf den Hügeln. Wenn meine Gang sich mit anderen Gangs prügelte, war ich dabei. Was sollte nur aus mir werden?
Eines Tages kam ein Militär-Berufsberater in unsere Klasse, zum Glück an einem der Tage, an denen ich die Schule mit meiner Anwesenheit beehrte. Wie viele meiner Altersgenossen hatte ich einen Großteil meiner Kindheit mit Kriegsspielen verbracht. Mit unseren Zinnsoldaten stellten wir Schlachten des Zweiten Weltkriegs nach und schickten die Alliierten gegen die Nazis ins Feld. Wir lasen die alten Kriegscomics aus den Siebzigerjahren, und im Fernsehen sahen wir natürlich die Sitcom Dad’s Army, die von der Heimwehr im Zweiten Weltkrieg handelte, Kung Fu und Planet der Affen – überall ging es um die Guten und die Bösen, um knallharte Burschen und Kämpfer. Als der Berufsberater uns die Laufbahnen in der Armee schilderte und Broschüren verteilte, in denen das Militärleben wie ein großes Abenteuer für genau solche knallharten Burschen wirkte, als Kampf zwischen Gut und Böse, war ich Feuer und Flamme. Ich nahm die Broschüren mit und sprach zu Hause mit meinen Eltern. Die dachten vermutlich: Immer noch besser Soldat als irgendwann im Knast!
Also ging ich mit meiner Mutter zum damaligen Army Careers Information Office in Dover. In dem roten Backsteinhäuschen am Fuß der Klippen nahe der östlichen Mole und dem Fährhafen saß ein korpulenter alter Rekrutierungsoffizier, der sich sichtlich zu Tode langweilte. Man brauchte nur einen simplen Schreib- und Rechentest zu machen, zu unterschreiben, den Queen’s Shilling entgegenzunehmen, um der Verpflichtung mit dieser symbolischen Geste zuzustimmen, und das war’s mehr oder weniger. Schon war ich dabei.
Es war die beste Entscheidung meines Lebens.
In den Deepcut Barracks, einem Armeestützpunkt südwestlich von London, absolvierte ich einen Fitnesstest, Vorstellungsgespräche und eine Überprüfung meines Allgemeinwissens. Meine Ergebnisse waren so gut, dass man mir vorschlug, eine Ausbildung zu machen. Ich war zwar, wie wir Briten sagen, ein messer, der alles versiebt, aber dumm war ich nicht. Ich hätte ohne Weiteres Mechaniker oder Tierpfleger werden, etwas Ordentliches lernen können, aber damals ging gerade der Falklandkrieg los, und ich wollte einfach nur schießen und kämpfen lernen und basta. Also entschied ich mich für das Soldatenleben und meldete mich in der Schule ab. Meine Eltern brachten mich zum Bahnhof, ich winkte ihnen zum Abschied zu und trat als Kindersoldat in die British Army ein. Am 18. Juni 1982 meldete ich mich beim Junior Infantry Battalion in den Bassingbourn Barracks unweit von Cambridge – wenige Tage nachdem die britischen Truppen Port Stanley von den Argentiniern zurückerobert und damit den Falklandkrieg beendet hatten. Ich war sechzehneinhalb, und das war der Auftakt zu einer 25-jährigen Militärlaufbahn, die mich kreuz und quer um den Globus und schließlich zum Londoner Tower und zu meinen Freunden, den Raben, führte.
Ich hatte und habe das große Glück, zunächst als Soldat und heute als Yeoman Warder tätig sein zu dürfen. Als Soldat erlebte ich, wozu Menschen fähig sind, sowohl im Guten wie im Schlechten. Als Rabenmeister habe ich privilegierten Einblick in das Leben und Verhalten von Tieren, die zu den bemerkenswertesten Lebewesen der Erde gehören. Die Raben haben mich vor allem gelehrt, dass sie uns Menschen verblüffend ähnlich sind: Sie sind vielseitige, anpassungsfähige Allesfresser, sie können sehr grausam, aber auch sehr warmherzig sein und kommen im Großen und Ganzen gut miteinander aus. Im Umgang mit den Raben habe ich viel über Menschlichkeit erfahren. Ich habe gelernt zuzuhören, zu beobachten und mich zurückzunehmen. Die Raben sind meine Lehrmeister, ich bin ihr Schüler.
Es gibt ein Kinderfoto von mir bei einem Schulausflug nach London. Trafalgar Square. Wir waren mit dem Zug von Kent gekommen und blieben nur über Tag. London war für uns ein Erlebnis: die Metropole! Mit Schlaghose und Föhnfrisur – es waren schließlich die Siebzigerjahre – hocke ich auf dem Bild auf Knien da und füttere mit Feuereifer die Tauben. Man sieht, dass ich ganz versunken bin und mich über diese seltsamen Vögel wundere.
Diese Faszination ist bis heute nicht verblasst. Vielleicht springt der Funke beim Lesen ja auch auf Sie über.
Soweit ich weiß, bin ich erst der sechste eigens ernannte Ravenmaster im Tower. Zuvor versorgte der Yeoman Quartermaster neben seinen sonstigen Aufgaben auch die Raben. Wie so viele altehrwürdige britische Traditionen wurden die Funktion und sogar der Titel Ravenmaster erst in jüngerer Zeit geschaffen. Der Legende nach stand Henry Johns, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Yeoman Quartermaster wurde, bei einigen seiner alten Kameraden in dem Ruf, raving mad, also total verrückt zu sein. Er war so vernarrt in die Raben, dass man ihn im Scherz Raving Master anstatt Quartermaster nannte. Erst John Wilmington, der Henry Johns 1968 ablöste, erhielt offiziell den neutraleren Titel Raven Master, und einige Jahre später, vermutlich aufgrund eines Tippfehlers in irgendeiner Schreibstube, wurde daraus dann der Ravenmaster.[2]
Ich leite hier im Tower ein Team von Yeoman Warders, die mir bei der Betreuung der Vögel offiziell als »Assistenten des Rabenmeisters« zur Seite stehen. Ich nenne uns Team Raven. Gemeinsam tragen wir die Verantwortung für die Versorgung der Raben an 365 Tagen im Jahr. Tag für Tag steht ein Yeoman Warder für die Raben parat. Sie dürften damit die bestbetreuten – und gewiss meistgeliebten – Vögel der Welt sein.
Für den Umgang mit unseren Raben gibt es ein paar Grundregeln, die mich meine illustren Vorgänger über die Jahre gelehrt haben und die ich wiederum an meine Assistenten weitergebe. Hält man sich an diese Spielregeln, so ist zumindest theoretisch sichergestellt, dass keine Menschen durch die Raben und keine Raben durch uns Menschen zu Schaden kommen.
NIEMALS
die Raben zur Eile antreiben.
Niemals
in die Hackordnung eingreifen.
Niemals
pfuschen.
Immer
Ruhe bewahren.
Den Raben
Immer
gestatten, ihren Tageslauf stets gleich zu gestalten.
Bei einem Verstoß gegen eine der vorstehenden Regeln
Immer
auf Chaos gefasst sein.
Natürlich habe ich selbst viele Male gegen diese Regeln verstoßen. Natürlich umfasst der Job eines Rabenmeisters weitaus anspruchsvollere und komplexere Dinge als ein paar Grundregeln.
Als Ravenmaster braucht man ein sehr gutes Reaktionsvermögen. Im Laufe der Jahre war ich mit Angriffen von Vogel gegen Vogel, Vogel gegen Mensch und Mensch gegen Vogel, mit Diebstahl, Mundraub, Biogefährdung, Sicherheitsproblemen, Krankheiten, Tod und Tragödien konfrontiert. Tag für Tag habe ich mit Kindern, Fremdenführern, Prominenten, Reportern, Amateurhistorikern, Berufshistorikern, Vogelfreunden und allen Übrigen zu tun, die den Tower besichtigen. Im Hochsommer, wenn wir die meisten Besucher zählen, werde ich schätzungsweise drei- bis vierhundert Mal fotografiert, und das jeden Tag. Nach meiner Schätzung sind die Raben und ich in jedem Land der Erde in irgendeinem Fotoalbum verewigt. Aus Liebe zu den Raben wäre ich beinahe ertrunken und fast aus großer Höhe heruntergestürzt. Außerdem habe ich unzählige Male Kopf und Kragen riskiert (von meinem Ruf ganz zu schweigen), um das zu tun, was ich für die Raben für das Beste hielt.
Nicht, dass sie mir dafür dankbar wären. Sie sind nicht meine Haustiere. Sie können keine Kunststücke. Sie fahren nicht Einrad. Sie sprechen nicht Latein. Oft tun sie nicht einmal, was man ihnen sagt, und das kann ganz schön peinlich sein. Während eines Fernsehinterviews über die Geschichte des Tower zum Beispiel zwickte einer unserer Raben einen Kameramann heimtückisch von hinten ins Bein, das gab einigen Stress. Die Tower-Raben funktionieren nicht auf Knopfdruck. Es sind große, unberechenbare Tiere, die schmerzhaft zubeißen können, sich auf dem Gelände des Tower frei bewegen und, wenn sie möchten, jederzeit wegfliegen können.
So, jetzt kennen Sie die Regeln. Ich habe Sie gewarnt. Nun möchte ich Ihnen die Raben vorstellen.
Wie gesagt, halten wir derzeit sieben Raben im Tower. Wie im 17. Jahrhundert von König Karl II. (angeblich) verfügt, sind es immer mindestens sechs. Hier sind unsere Glorreichen Sieben:
Munin
Weiblich
Dienstantritt im Tower: 18. Mai 1995
Alter bei Dienstantritt: sechs Wochen
Derzeitiges Alter: 22 Jahre
Überreicht durch Mrs Joyce Ross
Benannt durch Ravenmaster David Cope
Sie ist derzeit von den diensttuenden Raben im Tower der älteste.[3]
Munin ist nach einem der beiden Raben des nordischen Göttervaters Odin benannt und hat eine bewegte Vergangenheit.
Sie ist bemerkenswert intelligent und meistert wissenschaftliche Tests im Nullkommanichts. Zudem ist sie zäh und couragiert: Mit Vorliebe erklimmt sie die höchsten Stellen auf dem Tower-Gelände und treibt mich damit immer wieder zur Verzweiflung, weil ich hinterherklettern muss. Sie hat sich schon zweimal den Flügel gebrochen und bekommt ständig Medikamente gegen ihre Arthritis. Zwei der drei Partner, die sie im Laufe der Zeit bei uns hatte, sind bereits verstorben. Meine Assistenten und ich nennen sie deshalb im Scherz auch »Schwarze Witwe«.
Unter uns: Das Verhältnis zwischen Munin und mir ist ein wenig angespannt. Sie mag mich nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin ihr zuwider. Auf jeden Fall hält sie mich seit Jahren auf Trab. Forscher behaupten, Raben könnten sich menschliche Gesichter merken. Vielleicht habe ich ihr ja ganz am Anfang als Gehilfe meines Vorgängers irgendetwas Unverzeihliches angetan.
Wenn Sie je den Tower besuchen, erkennen Sie Munin auf Anhieb: Sobald sie mich sieht, hüpft sie in entgegengesetzter Richtung davon! Nach vielen Jahren Nörgeln, Zanken und Verhandeln zollen wir einander nur zähneknirschend Respekt.
Merlin/Merlina
Weiblich (wurde in den ersten fünf Jahren für ein Männchen gehalten)
Dienstantritt im Tower: Mai 2007
Alter bei Dienstantritt: ein Jahr
Derzeitiges Alter: elf Jahre
Herkunftsort: irgendwo in Wales
Überreicht durch Anne Bird, Barry Swan Rescue
Benannt durch die erste Halterin und in den Tower-Akten offiziell noch immer als Merlin geführt (von Ravenmaster Chris Skaife in Merlina umbenannt)
Merlina wurde am Rand einer walisischen Landstraße gefunden. Eine tierliebe Familie adoptierte sie, baute ihr eine Voliere und versorgte sie, bis sie den Leuten über den Kopf wuchs. Ein ruhiges Landleben ist einfach nichts für sie. Die Auffangstation für Schwäne im südwalisischen Barry übernahm sie, doch dort war sie im Handumdrehen für ihre Wutausbrüche berüchtigt. Sie ahmte andere Vögel nach und bedachte Besucher mit einem genuschelten »Hello« und »Thank you«. Als sie sich weigerte, Fußfesseln zu tragen, und den Verkehr mit den Tierpflegern schließlich komplett einstellte, wandte sich die Leiterin der Station in ihrer Verzweiflung an den Tower. Bei uns ist Merlina seitdem rundum glücklich.
Im Gegensatz zu Munin ist sie mir sehr zugetan. Das Verhältnis zwischen uns ist sehr eng, denn nach vielen, vielen Jahren hat sie zu mir und zweien meiner Assistenten Vertrauen gefasst. Zu uns ist sie immer nett, aber zu niemandem sonst, auch nicht zu den anderen Yeoman Warders.
Seit einigen Jahren hat Merlina regelrecht Kultstatus. Sie hat ihre treuen Follower auf Twitter, Instagram und Facebook und erhält Geschenke, Glückwunschkarten und Briefe. Fernsehen und Presse berichten regelmäßig über sie. Merlina spielt gern mit Stöckchen, wälzt sich dabei auf dem Rücken im Gras und ruft die anderen Raben zum Spielen, schlägt Purzelbäume, beklaut unvorsichtige Besucher, tobt im Schnee, trinkt aus dem Brunnen und wäscht Kartoffelchips, wenn sie die Sorte nicht mag. Sie ist ständig auf Futtersuche, kramt in Abfalleimern, jagt Mäuse und lauert Tauben auf.
Wenn sie wollte, könnte Merlina wegfliegen, aber dank unserer engen Beziehung und ihrer behutsam gestutzten Schwungfedern bleibt sie bei uns. Von all unseren Raben ist sie der ausgeprägteste Freigeist und meine beste Freundin.
In gewisser Weise ist Merlina Einzelgängerin: Die anderen Raben meidet sie. Ich empfinde sie oft als die Prinzessin des Tower. Kommt einer der übrigen Raben in ihre Nähe, hüpft sie sofort zu mir, damit ich sie beschütze. Oft schenkt sie mir Leckerbissen, meist vergammeltes Fleisch oder Rattenschwänze. Am liebsten hockt sie bei mir im Wachhäuschen am Bloody Tower, in dem ein Durchgang vom äußeren zum inneren Festungsring führt, und lässt sich von mir streicheln, bis ihr die Augen zufallen. Falls Sie sie im Tower besuchen, probieren Sie das bloß nicht selbst, wenn Ihnen Ihre Finger lieb sind.
Erin
Weiblich
Dienstantritt im Tower: 2006
Alter bei Dienstantritt: sechs Wochen
Derzeitiges Alter: elf Jahre
Herkunftsort: Yatton, Somerset
Überreicht durch Mr Martin Harris
Benannt durch Ravenmaster Derrick Coyle
Raben, so heißt es, sind monogam, aber nach meiner Erfahrung ist die »Ehe« zwischen Erin und Rocky (den Sie direkt im Anschluss kennenlernen werden) weitaus komplizierter, als man vermuten würde. Ich kann bestätigen, dass die beiden gern nebeneinander auf einer Stange sitzen, gemeinsam fliegen, herumlaufen und sich putzen – in vieler Hinsicht also ein ganz normales Pärchen, wobei Erin eindeutig die Hosen anhat.
Sie ist von unseren Raben einer der kleinsten, aber bei Weitem der lauteste. Mit sichtlichem Vergnügen krakeelt sie schon frühmorgens aus vollem Hals und geht den Bewohnern des Tower auf die Nerven. Sie ist jedenfalls alles andere als schüchtern. Sie schwatzt in einem fort, stiftet Unruhe und mischt genüsslich die anderen Raben auf. Mit Vorliebe dringt sie in ein fremdes Revier ein, streitet mit seinem Besitzer, macht Radau und tritt dann genauso plötzlich den Rückzug an. Bei Erin muss ich oft als Ordnungshüter einschreiten. Ist sie beispielsweise auf dem Tower Green und keift Merlina an, drohe ich ihr mit dem Finger und sage, sie solle verschwinden – und das tut sie dann auch.
Erin und ich sind zwar keine engen Vertrauten, kommen aber gut miteinander aus. Mit ein oder zwei der freiwilligen Helfer, die mir gern bei der Arbeit mit den Vögeln assistieren, hat sie sich im Laufe der Jahre angefreundet und nimmt hin und wieder gnädig eine Nuss oder einen Keks von ihnen an.
Unsere amerikanischen Besucher weisen mich oft darauf hin, Erins Name sei irisch, aber ich antworte dann: Eigentlich ist es eine irisch-englische Ableitung vom Eigennamen Irlands, Éirinn, aber die Rabendame stammt nicht von dort, sondern aus der Grafschaft Somerset im Südwesten Englands. Einige Namen unserer Raben wirken in der Tat unsinnig, manche sogar paradox oder wie blanke Ironie, etwa im Fall von Erins Partner, der einen schönen, aber leider völlig unpassenden Namen trägt.
Rocky
Männlich
Dienstantritt im Tower: Juli 2011
Alter bei Dienstantritt: drei Jahre
Derzeitiges Alter: neun Jahre
Herkunftsort: Yatton, Somerset
Überreicht durch Mr Martin Harris
Benannt durch Ravenmaster Chris Skaife
Unsere Raben werden traditionell nach der Person benannt, die sie dem Tower schenkt. Der Rabe Edward etwa wurde um 1890 nach seinem Stifter Colonel Edward Treffry von der Honourable Artillery Company benannt. Mir gefällt am besten der legendäre Edgar Sopper, den ein gewisser Colonel Sopper 1923 dem Tower überreichte. Da alle unsere Raben außerhalb des Tower von einigen wenigen anerkannten Zuchtbetrieben gezüchtet und uns überlassen werden, wenn wir sie brauchen, änderte sich damit inzwischen jedoch auch die Art der Namensgebung. Ronald Raven beispielsweise erhielt seinen Namen durch einen Wettbewerb der Kindersendung Blue Peter. Wir hatten auch mal einen Raben namens Baldrick, nach der gleichnamigen Figur des ein wenig trotteligen Dieners aus der Comedyserie Blackadder.
