DER HOTTE - Ralf Thain - E-Book

DER HOTTE E-Book

Ralf Thain

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Beschreibung

Mit seinem Debüt-Roman "Ruhrpottlümmel" hat sich Ralf Thain bereits einen Namen als Autor mit Herz und Ruhrpott-Schnauze gemacht. Jetzt folgt sein Nachfolger: "Der Hotte" - Vom Rotzlöffel zum Twen (Ruhrpottlümmel 2) wieder in der Veröffentlichung vom tredition-Verlag Hamburg. Auch beim "DER HOTTE" überlässt es der Protagonist gern dem Leser, zwischen Wirklichkeit und Phantasie zu unterscheiden. Gerade deshalb wirken die frisch-fröhlichen Erzählungen, unterteilt in sachgerechte Abschnitte, besodners gelungen. Auch dieses Mal spielt Ralf Thain mit Eingensarkasmus, Humor und der typischen Ruhrpott-Ironie seine Rolle als Alter Ego "Hotte". Eine unterhaltsame und wieder spannende autobiographische Erzählung, der es an Hähepunkten nicht mangelt. Wer den "Ruhrpottlümmel" mochte, wird auch in "Der Hotte" seinen Lesespaß haben. Unverkennbar auch die Sprache des Hotte: In weiten Teilen wieder im klassischen Ruhrpott-Hochdeutsch angesiedelt; zur besseren Lesbarkeit und dem besseren Verständnis wurde teilweise jedoch auf zu hohe Steigerungen in diesem - ja, eigentlich - Slang, verzichtet. Beginnend in den nunmehr 70er Jahren zieht sich der Faden bis zu den beginnenden 80er Jahren und ein klein wenig weiter. Im Epilog bittet der Autor die Leser mit ihm Kontakt per E-Mail aufzunehmen und die Frage zu beantworten, ob sie weitere Geschichten lesen möchten. Ein dritter Teil wäre dann denk- und auch machbar. An Erlebnissen und Erinnerungen mangelt es dem Autor sich nicht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ralf Thain `s

DER HOTTE

Vom Rotzlöffel zum Twen

(Ruhrpottlümmel 2)

IMPRESSUM:

© 2018 Ralf Thain

© 2018 STR Direkt GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung:

© 2018 kreativ B.druckt, Marl

Layout:

Stephanie Breitfeld

Gesamtrechte:

© 2018 STR Direkt GmbH

Druck und Verlag:

tredition GmbH, Hamburg

ISBN:

978-3-7469-2984-7

(Paperback)

978-3-7469-2485-4

(Hardcover)

978-3-7469-2486-1

(e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Inhalt

VW 1500

CAMPINGPLATZMÄDEL

NACHTCLUB-ERFAHRUNGEN

ICH: ANGESTELLTER!

BEZIEHUNGSCRASH

JOSCH, DER GARDINENPREDIGER

DAS KÖNIGREICH - EMPIRISCH

BESUCH

RUSSISCH – DIE NEUE WELTSPRACHE?

EINSAME BIRGIT

DISCOKLOPPEREI

FORD

DIE BÄCKERSTOCHTER

DIE QUAL DER WAHL

NEUSTART

DISCOLUST UND TANZESFRUST

ABSCHIED UND NEUBEGINN

OBEN OHNE

JUST WALK AWAY, HOTTE!

STELL DICH NICHT SO AN

NEU

HOTEL RUBBELDIEKATZ

600 WATT DRÖHNUNG

UND DANN KAM BETTY!

MICKY WEG!

ENDE IM GELÄNDE

LOCKRUFE

GOLDENE ZUKUNFT?

DIE ENTSCHEIDUNG

PHILLYSOUND

OSTSEE

ABSCHIEDE

ABFLUG

PROLOG

Jau. Tach zusammen! Da bin ich wieda, der Hotte. Oder getauft: Horst-Rüdiger. So Kumpels wie ihr dürfen mich aber natürlich Hotte nennen.

Wo hammwa denn letztet Mal aufgehört? Könnt ihr euch noch erinnern? Richtich! Mit den unglaublichen Sport-Coupé, den FORD 12 M P4 TS, weiß mit rotet Dach und hintere Seitenausstellfenster.

Dat Pech mitte Karre war ebend bloss, dat rechts an den Beifahrersitz die Lehnenstütze gebrochen war und datti Kiste immensen Wasserverlust zu verzeichnen hatte.

Also! Wenn ihr alle einverstanden seid, dann fang ich einfach ma an dat Ende von den RUHRPOTTLÜMMEL wieda an zu erzähln. Viel Spass inne Backen bei diese unvaschämt und kaum zu glaubenden Berichte, die ich jetz zum Besten geben tu!

VW 1500

Also will ich hier loslegen: Die Moder hatte inzwischen wohl schon mit dem alten Hielscher wegen des Autos gesprochen. Von wegen Wasserverlust Kühler und defekte Sitzlehne Beifahrerseite. Nahm der Hielscher sich nichts von an, wie die Moder uns berichtete.

„Na, habe ich dich doch gleich gesacht, dat dem dat am Arsch abgeht“, sagte ich zu ihr.

Und der Vadder machte zunächst einen enttäuschten Gesichtsausdruck, fing sich dann aber und meinte:

„Ja, da hamwa wohl in unsere Leichtgläubigkeit einen Fehler gemacht. Auto bei dem gekauft, uns auf ihn verlassen, und jetzt verarscht der uns natürlich. Weil, wir haben ja keine Belege und nix. Scheiße“, sagte der Vadder.

Egal: Ich bin erst mal zu Mike in die Werkstatt gefahren und fragte ihn, ob er nach Feierabend mal kurz Zeit hätte, um den Motor abzudrücken. Wegen diesem Kühlwasserverlust. Beifahrersitz war erstmal egal.

„Klar“, sagte Mike. „Fahr ihn nach halb fünf mal eben in die Halle“.

Ich bin also kurz nach vier los und stand pünktlich vor der Werkstatt. Mike wartete schon und fuhr den Wagen auf einen der leeren Arbeitsplätze. Dann drückte er den Motor ab um festzustellen, ob da vielleicht etwas mit den Zylindern oder dem Zylinderkopf nicht in Ordnung war. Hub, Druck und so weiter. War aber nichts.

Nachdem wir dann ungefähr eine Million Liter Wasser verbraucht hatten kam Mike zu der Erkenntnis, dass es wohl ein Haarriss sein müsse, den man aber jetzt oberflächlich nicht sehen könne. Hilft aber nix. Neuer Motor wäre fällig. Na toll. Und jetzt?

Die vorübergehende Lösung: Immer einen 10-Liter-Kanister mit Wasser im Kofferraum durch die Gegend fahren und nach ungefähr 150 km den Wasserstand prüfen und nachfüllen. Und natürlich die Wassertemperatur immer schön im Auge behalten. War zwar keine Endlösung, aber erst einmal wegen fehlender anderer Alternativen durchaus okay.

Zwischendurch bin ich immer einmal wieder zu Plinker auf den nahegelegenen Schrottplatz gefahren und habe geguckt, ob die vielleicht einen Vierzylinder-Motor, passend für den 12 M P4, gebraucht auf Lager hatten oder hereinkriegten. Nach fast einem halben Jahr habe ich dann aufgegeben. Die bekamen so einen Motor nicht herein und wenn, dann waren da schon etliche Vorbestellungen drauf.

Das sagte ich der Moder dann irgendwann. Waren beide, der Vadder auch, ziemlich geknickt wegen dem Mist mit dem Motor.

Nützte aber nichts. Für meine Wochenendausflüge in die örtlichen oder im näheren Bereich gelegenen Diskotheken reichte es. Und ab und zu mal auf den Campingplatz nach Walfen, wo der Onkel Walter immer noch seinen Campingwagen stehen hatte und inzwischen sogar zum Platzwart aufgestiegen war. Wenn man das als Aufstieg bezeichnen konnte.

Auf Zeche hat er sich dann nur noch für Tagschichten ohne Wochenenden eintragen lassen. Kriegte jetzt zwar weniger Kohle, bekam aber zusätzlich Knete für die Tätigkeit als Platzwart.

Jetzt war der fast gar nicht mehr zu Hause. Was der Tante natürlich nicht so passte, zumal ja alle wussten, dass er Weibern und einem Fläschchen Bier nicht abgeneigt war. GEFÄHRLICH sage ich euch. Vor allem die Mischung: Weiber UND Alk.

Aber egal. Ging mich eigentlich ja auch gar nichts an. Nur die Tante tat mir schon leid und mein Cousin letzten Endes irgendwie auch.

Also war jetzt angesagt, ab und zu mal zum Campingplatz zu fahren, am besten samstags, und den Eltern damit auch mal einen Gefallen tun. Damit die mal rauskamen. Und als kleines Dankeschön für all die Sachen, die sie auf sich genommen hatten und die mich betrafen.

Wie der Zufall manchmal so spielt, bot ein anderer Autohändler in unserem Ort einen VW 1500 an. Ihr wisst schon: Dieser Zweitürer mit der sogenannten Pontonkarosserie. Die Ergänzung zu dem VW Käfer. Bisschen geräumiger und größerer Kofferraum vorne.

Der Händler war auch bereit, den 12 M P4 mit dem defekten Motor in Zahlung zu nehmen. Schöne Sache das. Einzig: Die Kohle für den Zuzahlungsbetrag fehlte. Aber auch hier: Kein Problem. Der Vadder sprang ein. Sechs Wechsel zu je 250 Mark unterschrieben und fertig war die Kiste. Ich durfte ja derartige Dinge noch nicht selbst regeln. Volljährig wurde man damals erst mit einundzwanzig Jahren.

Diesmal keine angebrochenen Rückenlehnen und auch kein Motorschaden. Lief wie ein Uhrwerk. War aber eben ein Volkswagen. Nicht so meine Kragenweite eigentlich.

Aber zunächst einmal ausreichend, auch für weitere Fahrten. Zum Beispiel wieder nach Bad Oeynhausen. Zu meiner Cousine, mit der die Moder mich damals schon fast verheiratet hätte. Ihr könnt euch noch erinnern?

„Vielleicht können wir die Kleine ja mal in den Ferien zu uns einladen, wenn du Urlaub hast und sie Ferien hat?“ und so weiter und so fort. Als ich da den Brechanfall kriegte. Wisst ihr doch noch, oder?

Wir also wieder einmal hin nach Oeynhausen und die Verwandten besucht. Guten Tag. Kuchen essen und Kaffee trinken. Die Tante war inzwischen schwer erkrankt, hielt sich aber tapfer.

Das war dann der letzte Besuch, bevor – das müsst ihr euch mal reinziehen – Cousinchen uns dann in den darauffolgenden Sommerferien besuchen kam. Na schöner Scheiß das.

Jetzt hatte ich die Else am Hals und konnte, obwohl ich tatsächlich Urlaub hatte, meine Freizeit nicht so gestalten, wie ich es wollte. Musste mich also quasi unterordnen.

Na gut, das würde ich auch noch schaffen, dachte ich so bei mir und stellte nach zwei Tagen fest, dass Cousinchen nicht nur etwas spät entwickelt war, sondern auch langweilig. Und zwar todlangweilig, das kann ich euch sagen.

Boah ey. Wenn du der eine Frage gestellt hast, dann musstest du der die Antworten buchstäblich aus der Nase ziehen. In Discos wollte die nicht und die Klamotten, die sie anzog, schienen aus der Kleiderkammer zu kommen.

Modern waren Hot Pants, Miniröcke, enge Pullis und durchsichtige Blusen, hohe Pumps und solch Zeugs.

Ich nahm die dann mal mit zu der Band, die ihr ja schon aus meinen Berichten kennt. Und dann in die Kneipe zum Abhängen und ins Eiscafé und so. Nee, tut mir leid für das Mädel. Aber ich wusste nicht mehr, wie ich die loswerden sollte. Also: Alleine losgefahren und stundenlang nicht sehen lassen zu Hause.

War auch nicht schön, aber ich hatte keine andere Wahl oder keine andere Möglichkeit, mich zu drücken. Nach zwei Wochen war ich froh, dass die endlich von ihren Eltern wieder abgeholt wurde. Tschüss, bis bald. Und: War schön die Zeit mit dir. Können wir ja mal wiederholen. Bitte, bitte nicht!

Dann die Moder wieder:

„Ist doch ein nettes und so unverdorbenes Mädchen, nicht?“

Und wieder weiter:

„Können eigentlich Cousin und Cousine aus der zweiten Reihe (gemeint waren die Verwandtschaftsgrade) heiraten, oder ist das vielleicht schon Blutschande?“

Da sprach der Vadder, Gott sei Dank, ein Machtwort und verbat der Moder auch nur noch einen einzigen weiteren Gedanken an so einen Scheiß zu verschwenden.

„Wir sind hier doch nich im Mittelalter, oder?“ fragte er die Moder. „Hasse du eigentlich noch garnich gemerkt, dat der Junge an der übahaupt gar kein Interesse hat? Und jetz will ich von sonnen Scheiß auch nix mehr hörn. Aber auch wirklich gar nix, Walli.“

Und er hatte damit nicht nur ein Machtwort, sondern er hatte mir aus der Seele gesprochen.

Die Moder gab dann auch endlich auf und hatte schon die nächste Idee:

„Könnte ja sein, dass bei Walter auf dem Campingplatz auch nette Mädels rumlaufen, oder?“

CAMPINGPLATZMÄDEL

Nee, Moder! Ausgerechnet nicht jetzt noch, wo ich doch noch zwischen der Birgit von der Arbeit und ihrer Schwester Micky Hin und Her am Überlegen war. Und ich „Bei Toni“ in der Eisbude, der auch Alkohol ausschenkte und das Ding eigentlich schon fast ne Kneipe war, schon eine neue Flamme entdeckt hatte. Nicht jetzt, Moder!

Außerdem hatte ich mir inzwischen angewöhnt, zweimal in der Woche zum Krafttraining zu gehen und zusätzlich einmal in der Woche, meist samstags am Vormittag, ins Hallenbad zum Schwimmen. Zwei Stunden Schwimmen, eine Stunde Sauna. Baute unglaublich auf. Nicht nur den Körper. Auch den Geist und die Seele. Glaubt mir. Probiert das mal.

Dann kam ein Samstag im August: Der Onkel Walter hatte uns alle auf „seinen“ Campingplatz eingeladen. So mit Übernachtung und sonnen Müll. Die Moder war schon ganz aufgeregt und hat Klamotten gepackt, als wenn sie in Urlaub fahren würde. Ich und der Vadder aber dagegen blieben, wie es sich für Männer gehört, ganz gelassen.

Auf dem Hinweg hatte ich dann zu verstehen gegeben, dass ich auf keinen Fall dort übernachten werde und die paar Kilometer, sobald der „gemütliche Teil“, den der Onkel Walter uns angedroht hatte vorbei war, nach Hause fahren würde.

„Na gut“, meinte die Moder. „Dann habe ich auch mehr Ruhe, wenn nachts jemand zu Hause ist.“

Der Vadder grinste sich eins.

Wir sind dann dort angekommen und haben im Verlauf des Tages einige nette neue Leute kennengelernt. Unter anderem ein relativ fleischliches Ehepaar aus Wendmund mit ihren beiden Töchtern. Die eine ziemlich spuchtig und viel zu jung für mich, die andere so mein Alter und wenn man etwas getrunken hatte, dann könnte die auch gut aussehen. Oder wenn es dunkel ist.

Als die Grillzeit und das damit verbundene Abendessen und Trinkgelage der Erwachsenen vorbei war (meine Eltern beteiligten sich nicht daran, da sie beide keinen Alk abkönnen und falls bei uns zu Hause mal jemand auf Besuch kommen würde, dann hätten die lediglich eine angebrochene Flasche Mariacron im Barfach. Von der wüßte man aber auch nicht, wie lange die schon offen da drinnen gestanden hat und ob das Dreckszeugs noch genießbar ist), ich mit der älteren der beiden Töchter an den kleinen Fluss und uns bei Einbruch der Dunkelheit auf einer Decke nen „Gemütlichen“ gemacht.

Wobei: DER FLUSS, das war eigentlich eine bessere Köttelbecke. Falls da jemand in seinem besoffenen Kopp reinfallen sollte, würde der noch nicht einmal ersaufen.

Die Kleine hatte schon so zwei-, vielleicht auch drei Flaschen Bier auf. Und ungefähr drei bis fünf Appelkorn. Oder mehr? Keine Ahnung, was die Kleine vertragen kann. Vielleicht säuft die ja öfters. Ihr Alter hatte jedenfalls schon so eine richtige dicke und rote Knubbelnase. Der haut sich bestimmt öfter einen hinter die Binde. Manchmal färbt das ja dann ab auf die Blagen. Ich will aber hier nichts unterstellen, was nicht der Wahrheit entspricht.

Ich hatte natürlich nichts getrunken, da ich ja nach Hause wollte. Wie erwartet und von mir auch beabsichtigt, kamen wir uns näher und näher und näher. Gegen 23 Uhr hatte ich dann mehrere angenehme Gefühle hinter mir. Aber außer ein bisschen Gefummel war da nix zu wollen.

Erstmal. Und ich wollte ja los nach Hause. Deswegen konnte ich da nicht noch länger rummachen, ohne dass irgendetwas passierte.

Also: „Tschüss. Bis morgen. Wir sehen uns.“

Und ich dann ab. Als ich auf die Landstraße Richtung Waldern – dem kleinen Ort, der zwischen dem Campingplatz und unserer Stadt lag – einbog: NEBEL! Waschküche, sozusagen.

Schön im Schritttempo, nahe an der Mittellinie orientiert und Richtung Waldern gefahren. In Waldern selbst wurde der Nebel dann weniger und ich konnte durchdüsen bis nach Hause. Dachte ich. Bis mich eine Polizeistreife in Zivil anhielt. Die waren die ganze Zeit hinter mir und das hatte ich natürlich nicht bemerkt. In Gedanken war ich schon „Bei Toni“ in der Kneipe und in der Hoffnung, dass eventuell meine Ausgeguckte da war. Na ja. Ich kramte schon mal meine Papiere aus der Hose und kurbelte das Fenster runter. Dann sah ich in ein von einer Taschenlampe angeleuchtetes, weibliches Gesicht:

„Guten Abend. Fahrzeugpapiere und ihren Führerschein bitte. Sie sind vorhin etwas zu schnell gewesen. Deshalb halten wir sie an“, sprach die brünette Schönheit zu mir.

„Oh. Das tut mir leid. Normalerweise achte ich immer schön auf den Tacho. War ich wohl in Gedanken ganz woanders. Und der Nebel….da habe ich, glaube ich mehr darauf geachtet, als auf den Tacho“, gab ich vorsichtig zur Antwort.

Dann überreichte ich ihr meine Papiere und konnte es mir nicht verkneifen, noch einen Spruch in ihre Richtung loszuwerden:

„Sagen sie mal. Ich hätte sie nie als weibliche Polizeibeamtin eingeordnet, obwohl sie in einer Uniform bestimmt auch eine gute Figur machen würden. Aber ich sehe sie eigentlich ganz woanders.“

„So?“, antwortete sie. „Wo sehen sie mich denn?“, wollte sie wissen.

„Na, bei ihrem Aussehen und ihrer Figur würde ich sie eigentlich hinter dem Empfang eines internationalen Fünf-Sterne-Hotels als Chefconcierge sehen. Oder als Model oder so!“, antwortete ich ihr.

Ob sie Rot geworden ist, konnte ich in der Dunkelheit nicht erkennen, aber angenehm überrascht war sie sicher. Das merkte ich an ihrem Lächeln und dachte so bei mir, dass für sie die Nachtschicht sicher gerettet wäre. Mit einem Lächeln auf ihren ebenen Gesichtszügen eilte sie zurück zu dem Zivilfahrzeug, um die Papiere zu überprüfen. Ihr Kollege stand die ganze Zeit neben meinem Auto auf der Beifahrerseite. Ich konnte natürlich nicht wissen, ob er etwas von unserem Wortspiel mitbekommen hatte, sah sie aber in meinem Rückspiegel beide breit grinsen. Das schützte mich allerdings nicht vor dem Bußgeld in Höhe von DM 30,00, das ich sofort löhnte.

„Und achten sie jetzt ein wenig auf ihre Geschwindigkeit“, gab sie mir noch nach einem höflichen „Gute Nacht“ mit auf den Weg.

Ich dankte ihr und wünschte auch ihr eine „Gute Nacht“. Nettes Erlebnis. Trotz der dreißig Okken.

NACHTCLUB-ERFAHRUNGEN

Es war ungefähr so gegen 24 Uhr, als ich zu Hause ankam. Autochen abgestellt. Kurz die Rollläden an den Fenstern runtergelassen und dann ab zu „Bei Toni“, der als Eisbude geführten Kneipe. Zu Fuß natürlich. Ohne Auto. War ja noch ein bisschen Zeit bis zur Sperrstunde. Und Toni nahm das sowieso nicht so genau damit. Der war eben ein richtiger Italiener.

Viele Kumpels waren noch da und so zog ich mir so zwei, drei Gläser Bier rein und qualmte einige Zigarettchen. Mein ausgeguckter Augenstern, den ich hier vermutete, war allerdings nicht vor Ort. Schade, dachte ich so bei mir. Hätte gern auch da noch etwas angegriffen. Vielleicht auch mehr. Doppelschade.

Na, egal. Thomas, einer meiner Kumpel, den ich im Sportstudio kennengelernt hatte, kam auf die brillante Idee, den nächsten Nachtclub anzusteuern. Ungefähr Luftlinie fünfhundert Meter entfernt. Aber nicht zu Fuß. Mit seinem Auto. Und jetzt, Freunde, haltet euch fest und schnallt euch an. Er, in seinem halb besoffenen Kopp, noch drei andere Kumpels eingeladen und wir alle in seine Karre. Er fuhr zu der Zeit den sogenannten „Volksporsche“. Einen Porsche 914. Einen Dreisitzer mit zwischen den Vordersitzen integriertem Notsitz. Daher war das Teil offiziell ein Dreisitzer. Mittelmotor.

Kofferraum vorne. Wir waren also, einschließlich Fahrer, zu fünft. Vier quetschten sich vorne irgendwie zusammen rein und ich, wohin auch sonst, in den Kofferraum. Die Haube hielt ich von innen an dem Verschluss fest. Keine Ahnung mehr, wie das noch ging.

Die ungefähr 500 m von „Bei Toni“ bis vor den Nachtclub hatten wir heil überstanden, stiegen aus und stürmten die Bude. Anbimmeln, Gesichtskontrolle, Tür auf, drin!

Erstmal zehn Mark löhnen und eine Getränkemarke in Empfang nehmen. Jeder. Wegen dem Gesöff. Ich bestellte ein Bier und......Bumms!, war die Marke schon verbraucht. Die zehn Öschis würden mir also jetzt die Kehle runterlaufen. Dazu kam, dass das Gesöff aus dem billigsten Bier bestand, das damals zu dieser Zeit zu bekommen war. Und dann auch noch lauwarm. Bei lauwarmem Brief bekam ich immer Brechreiz. Brrrrr.

Dann kamen so Mädels zu uns an die Theke. Und da habe ich dann mehr oder weniger fluchtartig dieses Etablissement verlassen müssen. Die „Mädels“, das waren Frauen jenseits der dreißig oder auch weit über vierzig. Nee. Danke. Vermutlich zu Hause ganz brave Hausfrauen mit zwei oder drei Blagen und einem Kerl, der ansonsten auf der siebten Sohle aufem Pütt schuftete. Hatte ich auch später nie verstanden, dass die Kerls ihren Weibern erlauben, entweder in Nachtbars zu arbeiten oder die gar ganz aufen Strich schickten. Komische Menschen. Na. War ja nicht mein Problem. Also: Taxi angehalten und ab nach Hause. Kopfschmerz wegschlafen. Am nächsten Tag war ja Sonntag und ich musste nachmittags noch die Eltern abholen.

Als ich wach wurde, da hatte es bereits 12 Uhr mittags geläutet und ich schob mir so ein- oder zwei Scheiben Brot zwischen die Zähne.

Bisschen Musik gehört und ein wenig auf dem Bass gespielt. So ohne Verstärker, denn den hatte ich ja immer noch nicht. Das wäre so der nächste Schritt, dachte ich bei mir. Für einen vernünftigen Bassverstärker, oder besser: Ein Bass-Stack, zu sparen.

Gegen 14 Uhr machte ich mich dann reisefertig für die ungefähr 14 oder 15 Kilometer zum Campingplatz. Hoffentlich ist die Ische von gestern Abend nicht mehr anwesend, dachte ich noch so.

Diese Hoffnung wurde beim Einbiegen in die Zufahrt zum Campingplatz dann enttäuscht. Die stand doch tatsächlich vorne am Parkplatz und schien auf mich zu warten. Und der Scheiß war: Ich wusste noch nicht einmal mehr ihren Namen. Nützte nichts. Ich musste ja aussteigen und die Tante zumindest höflich – mehr oder weniger – begrüßen und ihr vorsichtig zu verstehen geben, dass ich kein weiteres Interesse hätte. Ohne sie zu verletzen, natürlich.

Im hellen Tageslicht sah die auch noch fürchterlicher aus als im Dunkeln gestern Abend. Ausgestiegen. Tür zu.

„Hallo.“

„Hallo“, kam es zurück. Fertig erst mal.

Dann zu der Bretterbude, die Onkel Walter „sein Büro“ nannte. Und nochmal zu dem Wohnwagen und den Wohnwagen-Nachbarn und dann eine mittelgroße Verabschiedung.

Die Kleine kam angelaufen und fragte mich, ob und wann ich denn wiederkäme. Sie wäre ja mit ihren Eltern bis Wintereinbruch jedes Wochenende hier auf dem Campingplatz.

Tja, da war mein Problem. Ehrlich sein und nicht anecken oder jemanden beleidigen oder verärgern oder gar verletzen. Ging aber alles irgendwie nicht. Man muss einfach manchmal geradeheraus sein und ohne große Umwege seinen Standpunkt klarmachen dürfen, oder?

Ich also: „Sorry, tut mir leid. Aber ich bin, so glaube ich, nicht unbedingt der Campingplatz-Typ oder so etwas. Und das Ding mit der Einladung von meinem Onkel habe ich nur mitgemacht, weil ich meinen Eltern mal nen Gefallen tun wollte. Vielleicht wiederholt sich das ja nochmal. Aber ich glaube nicht, dass aus uns fest was werden würde.“

Peng! Hatte gesessen. Leider. Sah ich ihrem Gesicht an. Ihre Gesichtszüge entgleisten nämlich umgehend.

Entgegnung von ihr:

„Ja, aber.....du hast doch ein Auto. Und ich mache auch gerade den Führerschein. Vielleicht kannst du ja mal zu uns nach Hause kommen und wenn ich den Führerschein habe, könnte ich dich besuchen. So im Wechsel oder so.“

Herrlich, nicht? War zu erwarten. Wie komme ich jetzt aus diesem Müll wieder raus?

„Also“, sagte ich jetzt, „lassen wir dat einfach mal offen. Ich kann und will dir nix versprechen. Abba übernächste Woche wolln meine Eltern am Wochenende ja wieder hierher. Schaun wir mal, okay?“

„Ja, wenn du meinst“, antwortete sie mit einem gekränkten Augenaufschlag. Meinte ich wenigstens, das so erkannt zu haben.

Die Moder und den Vadder dann ins Auto geschoben und schnell weg.

Ich glaube nicht, dass ich die Tusse noch einmal wiedergetroffen habe. Wenigstens nicht bewusst. War ja auch überhaupt nicht mein Typ. Entschuldige. Wie auch immer du geheißen haben magst. Wie gesagt: Die konntest du dir eventuell schönsaufen. Aber sonst?

Ich hatte auch noch anderes zu tun. Die Prüfungen standen kurz bevor. Einmal die mittlere Reife bitte und dann hinterher noch meine zweite Ausbildung abschließen.

ICH: ANGESTELLTER!

Zwischendurch waren natürlich meine Kumpels nicht zu vernachlässigen. Ich hatte mich ja im Jahr 1966 grundsätzlich auch der Musik verschrieben und wartete immer noch auf die Impulse für die Gründung einer Freizeitband. So im Stil Top 40 und so weiter. Aber auch eigenes Material und, ganz wichtig, Oldies. Rock'n‘Roll der 50er bis in die Mitte der 60er Jahre und dann weiter. Die Zeit schien günstig. Durch den Besuch in diversen Diskotheken konnte ich unter anderen auch angesagte, international bereits mehr oder weniger erfolgreiche Musiker live bestaunen. So gastierten bei uns im Ort in der Großraumdisco „Renegade“ schon mal die Spencer Davis Group, Mani Neumaier mit seinen Guru Guru oder auch The Equals. Epitaph waren zu Gast, Nazareth und lokale Größen wie Rigor Mortis (klasse Bandname, nich wahr?) oder The Shamrocks.

Mit Kumpel Josch, den ich über die Arbeit bei Auto Winzig kennengelernt hatte und der meinen Musikgeschmack so ziemlich teilte, fuhr ich beispielsweise nach Wenster. In der dortigen Music-Hall hatte ich auch die zu dieser Zeit angesagten Jethro Tull schon live erleben dürfen. Oder in Rockenhausen; Da spielten ChickenShack, damals noch mit Christine Perfect, die später Christine McVie hieß, weil sie den Bassisten von Fleetwood Mac heiratete und zu den „Fleetwoods“ wechselte. Riesenerfolg 1975 mit „Rumours“.

Der Geist des Bassplayers Horst (Ergo meiner Wenigkeit) war also immer noch zugegen. Und so nahm ich mir vor, nach meinen bestandenen Prüfungen und nach derAusbildung und der erhofften Übernahme in ein Angestelltenverhältnis, diese Idee weiter zu verfolgen und entweder eine eigene Band zu gründen oder mich einer bereits bestehenden Gruppe zunächst einmal anzuschließen.

Im Büro lief derweil alles zur meiner Zufriedenheit und auch der Junior konnte sich wohl über die Leistungen nicht beschweren. Im Gegenteil. Als er auf einer Vereinsfeier einmal kurzzeitig seinen Führerschein verlor, durfte ich ihn in seinem Firmenwagen öfters chauffieren. Zum Krankenhaus zu seiner Frau, die kurz vor einer weiteren Entbindung stand. Zum Vereinsheim, wenn gefeiert wurde wegen irgendeines Sieges. Zu einer Kneipe außerhalb mit Wartezeiten für mich, da er dort Karten spielte.

Na ja, diese Zeit, die mich natürlich in meiner eigenen Freizeit etwas einengte, ging auch vorbei. Obwohl, das war immer sehr angenehm, mit ihm unterwegs zu sein. Da kam dann auch die private Seite von ihm ein wenig heraus, die im Betrieb gar nicht durchschimmerte. Die verbarg er sozusagen.

Einige Monate später hatte ich dann, mit noch nicht einmal 20 Jahren, meine beiden Prüfungen geschafft und bekam einen Anstellungsvertrag mit einem soliden und auskömmlichen Gehalt. Dieses Gehalt war gestaffelt und orientierte sich an mehreren Leistungsaufgaben, die ich in Zukunft noch innerhalb der Firma zu bestehen hatte.

Letzte Stufe wäre dann, falls möglich und gewünscht, Büroleiter mit Gesamtverantwortung für alle Bereiche innerhalb der Firma mit Ausnahme der Buchhaltung. Vom Assistenten der Geschäftsleitung also bis hin zur gehobenen Führungsebene mit Hauptverantwortung direkt unterhalb der Geschäftsleitung. Klasse, dachte ich so bei mir und wusste noch nicht, dass sich Letzteres nicht mehr realisieren ließe. Aber dazu später mehr.

BEZIEHUNGSCRASH

Birgit, mein Vis-a-Vis im Büro schien immer noch nicht locker lassen zu wollen und kündigte ihre Partnerschaft mit Mike aus der Werkstatt auf. Davon wusste ich jedoch zunächst einmal rein gar nichts, weil sie mich auch eigentlich schon so gut wie nicht mehr interessierte. Da war ich eine Zeitlang ja hin- und hergerissen. Aber ich weigerte mich, eine Beziehung zu zerstören und die Wut eines oder mehrerer Kumpels wegen eines Weibes auf mich zu ziehen. Auch andere Mütter haben schöne Töchter, nicht wahr?

Als unsere Clique, bestehend aus einigen Leuten von unserem Büro, der Werkstatt und meinen Kumpels Josch und Dett mal wieder im „Renegade“ auftauchten, da herrschte zwischen Mike und Birgit eine seltsame Stimmung wie ich, und nicht nur ich alleine, feststellte.

Birgit sah ja immer scharf aus. Und diesen Abend wieder besonders scharf: Hot Pants, enger Pulli, ihre hohen Hacken und ihr langes, blondes Haar, das ihr hübsches Gesicht nett umspielte. Die immer so glänzenden blauen Augen erschienen heute jedoch ziemlich matt. Kein Lächeln, kein Augenzwinkern, kein gemeinsames Tanzen mit Mike oder so. War sonst eigentlich üblich. Doch heute nicht. Ich fragte Josch, ob er etwas Näheres wüsste. Nö. Niemand wusste irgendwas und ich hielt mich ja bezüglich Birgit sowieso zurück aus den bereits erwähnten Gründen. Solange eine Maus fest liiert ist, habe ich ja schon gesagt, kam es für mich überhaupt nicht in Frage, die Tante anzumachen. Habe ich auch noch nie getan. Ehrenwort. Täte ich auch in Zukunft nicht tun. Glaube ich wenigstens. Genau vermag ich mich allerdings nicht mehr zu erinnern. Sorry.

Dann kam am nächsten Abend die Idee von Josch, mal in eine andere Disco im Ort zu gehen. So ungefähr 500 m weiter die Straße hoch und hinter dem „Renegade“ gelegen. Das Ding hieß „Hightown“ und war keine Großraumdisco wie das „Renegade“, sondern eher so ein normaler Tanzschuppen. Bisschen besser eingerichtet und recht gemütlich.

Der DJ (Discjockey) legte hier die aktuellen Hits auf und einen Tag in der Woche auch ältere Teile. So Rock'n‘Roll-Dinger und Rockmusik im weitesten Sinne. Also genau mein Ding. Damit bin ich ja sozusagen aufgewachsen. So bis ungefähr 12 oder 13 Jahren. Bis dann eben 1966 die Rock-Revolution kam und mit ihr auch der sogenannte progressive Rock um sich griff. Jimi Hendrix, The Animals, The Who, Cream, The Electric Prunes, oder auch Jefferson Airplane und so weiter waren ab da die angesagten Dinger.

So wie der Swing und Jazz der 40er Jahre vom Soul und Rock’n‘Roll der 50er Jahre abgelöst wurde, so hat sich die sogenannte Beatmusik in den 60er Jahren plötzlich auf einer anderen Ebene wiedergefunden. Eben um 1966 in der damals aktuellen Rockmusik. Schubladen, in die man die einzelnen Musikstile ablegte, gab es noch nicht. Diese Schubladeneinteilungen oder dieses Schubladendenken, das waren ja auch fast alles Erfindungen der Plattenindustrie und/oder von Journalisten. Und diese Genrebezeichnungen halfen den Platenverkäufern in den Läden dann, die Musik-

stile besser einzuordnen. So eine Art Karteikarten wurden angefertigt: „Rock“, „Pop“, „Schlager“, „Deutsch“, „Avantgarde“ und solche Sachen waren dann da zu lesen.

Und davor in den Kästen eben die entsprechenden Scheiben.

Vor allem die Journalisten glaubten später fest daran, dass man alles irgendwie in Schubladen pressen müsse, um dem „Kind einen Namen zu geben“.

Hard-Rock, Heavy-Rock, Pop, progressive Rock-Musik.....das waren alles nur Schubladen. Dieses Schubladendenken habe ich nie übernommen und auch heute ist Musik für mich zunächst einmal Musik.

Dass es auch Jazz, Free-Jazz, Blues und so weiter gab und gibt, ist natürlich klar. Aber irgendwann hört diese Schubladenbestimmung, was mich betrifft, einfach auf. Kein Musiker, den ich kennengelernt habe, hat jemals gesagt:

„Ich schreibe und komponiere jetzt ein Hard-Rock-Stück.“

Oder:

„Ich schreibe jetzt einen Heavy-Rock.“

Oder sonstigen Unsinn.

Wie will man die Musik aus den Anfängen von Genesis denn überhaupt einordnen? War das progressive Rockmusik? Oder vielleicht doch Art-Rock?

Und später? So ohne Peter Gabriel als Sänger? War das Pop-Musik? Oder AoR?

Aber eben genau diese Bezeichnungen fanden sich plötzlich in den Plattenkisten wieder.

Überlange Kompositionen mit teils fantastischen Improvisationen fanden Gehör. Hierfür bestens geeignetwaren die Langspielplatten mit 33 RPM (Umdrehungen pro Minute). Singles waren nur noch für die Kurzzeithits erhältlich. 2.30 Minuten bis ungefähr maximal 4.00 Minuten waren so das Äußerste der Gefühle schon. Und die Singles waren zwar noch fester Bestandteil bei den Hörern. Die LP' s sollten sich jedoch in der neuen Rockmusik einen festen Platz erobern. Stücke wie „In-A-Gadda-Da-Vida“ von Iron Butterfly, das tatsächlich irgendwo fast 20 Minuten lang war, allein schon wegen des wegweisenden Drum-Solos - diese Sachen wurden dann eben auf radiotaugliche

4.45 Minuten gekürzt. Eine Single-Fassung war das dann, die unter Umständen mehr Käufer erreichen könnte und sollte. Aber wir wollten natürlich lieber die Originalaufnahme. Und nicht irgendeinen gekürzten Scheiß, womöglich noch mit einem Fade-Out am Ende. Fürchterlich, dieser Murks.

Natürlich wollte jeder echte Musik-Fan die „richtige“, eben die LP-Fassung hören. Hier dann eben als Beispiel „In-A-Gadda-Da-Vida“ von Iron Butterfly in voller Länge. Eine ganze LP-Seite war das und eines der Highlights aus dieser Zeit. Insbesondere, wie schon gesagt, wegen des recht einfachen, aber durchaus respektierlichen Drum-Solos.

Beispiele gibt es natürlich viel mehr: „Toad“ von Cream oder „Voodoo Chile-Slight Return“ von Jimi Hendrix und so weiter. Viel Platz für Improvisationen der ausführenden Künstler. Klasse. Auch ohne Drogen. Wenigstens was mich betraf.

Zurück zum Kern der Sache:

Josch und ich also ab in meinen VW und hin zum „Hightown“. Theke war ziemlich voll und Sitzplätze gab es gar keine. Also blieb für uns zunächst: Theke, zweite Reihe. War aber auch nicht schlecht. So hatte man einen guten Blick auf die Tanzfläche, die proppenvoll war. Und dann glaubte ich meinen blauen Äuglein nicht zu trauen:

Die Birgit tanzte da ab mit einem Jüngelchen, den ich als Sohn des örtlichen Bilderheinis kannte. Die hatten sonnen Fotoladen mit Studio hintendran. Ich stieß den Josch an und sagte:

„Sach ma. Da passt doch irgendswat überhaupt nich. Die schlingert da mit dem Triefauge über die Tanzfläche. Dat is doch nich Wahrheit, oder?“

„Doch“, sagte Josch. „Die waren, glaube ich, hinter uns im Auto von Triefauge.“

„Wie, wat, die waren hinter uns im Auto. Die war doch gerade noch mit dem Mike im „Renegade“. Oder hab ich die falschen Pupillen heute aufgesetzt“, fragte ich. „Und außerdem: Seit wann hasse denn hinten Augen? Ich hab doch den Innenrückspiegel. Oder war der falsch rum gedreht?“

„Nee. Ich hab doch meine Jacke nach hinten gelegt. Und als wir vor der Ampel standen, hatte ich die gesehen“, sagte Josch.

„Ja, und wat soll dat jetz?“, fragte ich zurück.

„Keine Ahnung.“, antwortete Josch wahrheitsgemäß.

Jetzt standen wir da. Zweite Reihe Theke. Der Josch sein Alt in der Hand und ich meine Cola. Und dann schaut die Birgit mir genau ins Gesicht. Als wenn sie mir was sagen wollte. Und ich konnte mir denken, was sie mir sagen wollte. Ich wollte das Nichtgesagte aber weder hören noch wahrhaben. Nämlich, dass sie tatsächlich mit Mike einfach so Schluss gemacht hatte. Und jetzt in ihrem eigensinnigen Kopp mit mir anbändeln wollte.

Und jetzt kam dann der Knaller: Micky, die jüngere Schwester von Birgit, kam in die Disco, sah uns und kam direkt auf uns zu. Na, ihr wisst ja, die hatte ich ja schon länger aufgegeben. Die war ja fürchterlicher als meine Cousine aus Bad Oeynhausen. Habe ich gerade noch rechtzeitig bemerkt. Siebter Sinn oder so. War auch egal. Sie wusste, dass ich mit ihr nichts mehr vorhatte und sie bei mir auch nicht landen konnte.

„Hallo Boys“, ruft sie laut, um die Musik zu übertönen.

„Willze wat zu trinken?“ frage ich anstandshalber.

„Ja, nen Orangensaft“, antwortete sie. Daumen und Mittelfinger geschnippt zu der Tussi hinter der Theke und mit Daumen und Zeigefinger ein „O“ geformt. War der Code für Orangensaft. Ein offenes „O“ war für Cola. Sah aus wie ein „C“ eben. Gekrümmter Mittelund Zeigefinger: Bier. Und wenn du zwei Bier wolltest, musstest du eben die andere Hand zur Hilfe nehmen und zwei Finger nach oben spreizen. Nix Geheimnisvolles eben. Ich zu der Micky:

„Sach ma. Wat iss eigentlich hier los. Bin ich zu alt für son Scheiß oder hab ich dat richtich verstanden, dat die Liaison mit Mike von Birgit beendet wurde oder umgekehrt, oder wat?“

„Ja“, antwortet die und grinst mich vielsagend an. „Die hat Schluss gemacht“.

„Und dat iss jetz ihr neuer Freier, oder wat?“ frage ich sie.

„Nee“, sagt Micky. „Die wollte heute nur einfach mal Tanzen.“

„Ja, aber die war doch trotzdem noch im „Renegade“ mit dem Mike an der langen Theke und da haben die doch mit Wolli und den anderen Typen Cola gesoffen, oder bin ich blind?“ frage ich zurück.

„Nee“, sagt die. „Die wollten sich nochmal aussprechen!“

„Inne Disco. Aussprechen. Dat hab ich auch noch nie gehört. Macht man dat jetz so?“ frage ich.

„Pffff. Interessiert mich doch nicht. Ich hab auch Brass auf die blöde Kuh. Die mit ihrem Eierkopp“, entgegnet Micky.

Na, das war ja einmal ein interessanter Ansatz. Birgit und Eierkopf. Müsste ich mir nochmal Montag im Büro genauer anschauen. Ist mir so noch nie aufgefallen.

Wahrscheinlich, weil ich immer nur auf die Figur, die Beine und Augen und die Haare geschaut hatte. Aber sollte ich tatsächlich nach zwei Jahren den Eierkopp noch nicht erkannt haben? Gut: Sie hatte so nen bisschen Hasenzähne. Fiel aber kaum auf und passte eigentlich zu ihr. Ich meine: Zu ihrer Gesamterscheinung.

Ich guck so den Josch an und sage:

„Komm. Lass uns schnell abhaun hier. Ich hab da so einen Verdacht. Kann ich hier aber nicht von reden!“.

Machten wir dann auch. Zu Fuß rüber in den nächsten Stall, äh, in die nächste Disco. Die war nur 50 m von der ersten entfernt. Die Dinger sind in den 70er Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Alle, auch verkrachte Existenzen, konnten mit diesen Tanzschuppen noch mal ne „schnelle Mark“ machen.

JOSCH, DER GARDINENPREDIGER

Josch“, frage ich ihn. „Hass du da irgendwat von gemerkt? Dat die da Schluss machen wollte mit dem Mike oder sowat?“

„Nö. Du weißt ja. Ich selbst bin ja mit Martina zusammen. Schon fast zwei Jahre. Wir sehen uns zwar nur alle paar Wochen, weil die ja außerhalb arbeitet. Aber um diese Dinge kümmere ich mich grundsätzlich nicht. Und gehört habe ich auch nichts“, antwortet der. „Hattest du aber schon gefragt, oder täusche ich mich da?“, wollte er noch wissen.

„Nee, nee. Schon gut“, gab ich zurück.

„Weißt du“, sage ich. „Ich hatte so dat Gefühl, schon damals, als wir in die Dorfschänke an meinem Geburtstag gefahren sind, dat die irgendswie wat mit mir anbändeln will. Und ich dräng mich doch nich in die Beziehung anderer Leute. Auch wenn ich die Birgit so eigentlich ganz attraktiv finde. Die hatte mir damals ihren nackten Oberschenkel ganz schön an meinen Handrücken gedrückt. Beim Fahren so. In den Kurven, weisse?“ sage ich zu ihm. „Weil ich ja die rechte Hand an den Schaltknüppel lassen musste!“

„Ja“, antwortet Josch. „Die hat ja auch eine ganz geile Figur. Aber ist auch nicht mein Fall. Du kennst ja die Martina. So schwarzhaarig mit langen Haaren und so. Das ist mein Ding. Alles andere interessiert mich nicht. Auch wenn ich solche Geräte wie Birgit optisch gern zur Kenntnis nehme.“

„Tja. Und wat meins du jetz? Die will doch wat mit mir anfangen, oder nich`?“ frage ich ihn.

„Lass die doch erstmal auf dich zukommen. Alleine nur aus Gesten und Blicken solltest du nichts schließen. Da soll die dir mal mehr entgegenkommen, oder meinst du nicht?“ fragt Josch. „Und dann ist ja noch die Frage, ob du überhaupt bereit bist, mit ihr was zu machen. Also ob du mit ihr gehen willst oder nicht. Wie stehst du denn dazu, wenn sie dich direkt fragen würde?“ fragte er noch.

Dann erzählte ich ihm die ganze Geschichte von der Ilse damals. Und der Enttäuschung und so. Josch:

„Ja. Das wirst du wahrscheinlich immer mal wieder erleben, denke ich. Machen alle durch. Habe ich auch schon erlebt. Ist Scheiße. Aber es geht doch alles weiter, oder?“

„Ja, irgendswie hast du ja Recht“, antwortete ich.

„Ja, aber du bist doch im Moment sowieso nicht gebunden, oder?“ fragte er noch.