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Sophia weiß im Leben einfach nicht mehr weiter. Alles scheint ihr über den Kopf zu wachsen, sie weiß nicht, was sie ausmacht. So kommt es, dass Sophia ihre Sachen packt und verschwindet. Sie haut ab, um niemanden zur Last zu fallen, um ein neues Leben zu beginnen. Doch die Spuren der Vergangenheit holen sie ein: Sophia ist so verzweifelt, dass sie sich in die Psychiatrie einweisen lässt und erhält dort die Diagnose Borderline. Bekommt Sophia diese Erkrankung in den Griff, oder wird ihr selbstverletzendes Verhalten schlimmer? Möchte sie überhaupt ihr Borderline bekämpfen, oder möchte sie sich doch lieber ganz dem Nervenkitzel der Gefahr hingeben? Ein harter Weg liegt Sophia bevor...
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Es ist ein kalter Winterabend und ich bin frustriert, weil die Kneipe, in der ich mich hemmungslos besaufen wollte, schon um 20 Uhr schloss. Ich war gerade in Köln-Porz angekommen – mein Gepäck hatte ich in den Schließfächern des Hauptbahnhofs untergebracht – und ich bin froh, dass ich mich erfolgreich nach Porz geschlichen hatte, ohne dass ich jemanden traf, der mich kannte. Wie würden wohl die Leute reagieren, wenn sie mich blass, abgemagert und verheult erblicken würden?
Es ist 21 Uhr und ich überlege, wie ich nun an Alkohol komme. Ich könnte jeden Moment in Tränen ausbrechen, deswegen kommt eine andere Bar nicht in Frage. Ich beschließe zur Tankstelle an der Yorckstraße zu fahren, um mir dort Bier und Zigaretten zu kaufen. Wie es weiter gehen soll, ist mir unklar. Ich weiß nur, ich muss mit der Straßenbahn fahren und an einem Samstagabend wird es ein schwieriges Unternehmen, mich unbemerkt durch die Innenstadt zu schmuggeln.
Ich rauche schon wieder eine Zigarette und wünsche mir eine Bierflasche herbei, während ich mich immer noch verstecke und mir überlege, wie ich reagieren sollte, falls ich einem Bekannten begegnen sollte. Ich würde wegrennen, nicht fähig zu reden, oder mich zu stellen.
Ich renne weg, so wie ich es seit Jahren mache, ich flüchte vor meinen Problemen, flüchte vor mir selbst.
In der Straßenbahn kullern mir die Tränen übers Gesicht, die Leute starren mich an. Ich schäme mich, vermeide Blickkontakt und zittere am ganzen Körper aus Angst, jemand könnte mich entdecken. Ich bete dafür, dass mich niemand anspricht, um zu fragen, ob alles in Ordnung bei mir ist. Ich will nichts hören, will niemanden sehen und ich will auch nicht gesehen werden. Während sich mein Brustkorb zusammen zieht und ich glaube bald nicht mehr atmen zu können, schaffe ich es Bier zu kaufen und suche mir einen verlassenen Platz in der naheliegenden Parkanlage. Dort sitze ich auf einer nassen Bank, die in einem dunklen Eck hinter Gebüschen verborgen liegt, es scheint kaum Licht von der Straßenlaterne rüber und ich friere. Halt finde ich in meiner Bierflasche und meiner Zigarette.
Die vergangene Woche war bei Gott nicht schön. Noch nie in meinem Leben habe ich soviel Schmerz empfunden und frage mich, wie lange ich diesen Zustand noch ertragen kann. Eigentlich bin ich doch schon am Boden und traue mich immer noch nicht um Hilfe zu bitten.
Ich stelle mir vor, wie ich als kleines, hilfloses Kind in einem Bett liege, bestückt mit einem übergroßen und schweren Rucksack. Ein Fremder nimmt mir diesen Rucksack, den ich nicht auspacken möchte, ab und plötzlich bin ich gelöst und frei. Wieso kann das Leben nicht so einfach funktionieren? Ich finde keine Kraft, mich aus dem selbst gebuddelten Loch zu befreien.
Ich denke zurück an den 26.11.2009 und die kurze Zeit davor. Es ist so unglaublich viel Schlimmes passiert. Mein Vorhaben verschob sich um zwei Tage, denn ich hatte nicht mit meinem Freund Philipp und meiner Schwester Sabrina gerechnet. Seit Tagen bereitete ich meine Flucht vor, räumte mein Zimmer leer, packte Kleider und Gegenstände, die für mich von Bedeutung sind, ein und schrieb Abschiedsbriefe. Ich hatte schon einige Briefe per Post verschickt, musste nur noch wenige Sachen einpacken (alles konnte ich nicht verstauen, denn für den Fall, dass jemand in mein Zimmer kommen würde, wäre dies zu auffällig gewesen) und stand nun unter Zeitdruck, schließlich konnten meine Briefe jeden Moment den passenden Adressaten erreichen.
So beschloss ich am Abend des 24.11.2009 heimlich Abschied von Philipp zu nehmen und am nächsten Morgen, während seiner Frühschicht zu gehen. Wir saßen mit Annika, einer guten Freundin, in der Küche und ich nahm all meine Kraft zusammen, um so froh und munter wie immer zu wirken. Diese Fassade kostet mich Energie, Energie aus Ressourcen, die bald aufgebraucht sein würden. Als Annika gegen späten Abend ging, legten sich Philipp und ich ins Bett und sahen fernseh. Er fragte mich, ob ich noch was trinken wolle.
„Mmh, was haben wir noch zu trinken da?“
„Wie wäre es, wenn du etwas Hartalkoholisches trinkst. Ich will, dass du betrunken bist, damit du endlich über deine Gefühle redest.“
Mir war klar, dass dies in einem gefühlvollen Gespräch enden würde und weil ich nicht über mich reden wollte, wich ich dieser Kommunikation aus und ging spazieren. Ich nahm ein Bier mit, weil ich das Gefühl hatte, mich ohne Alkohol nicht ausstehen zu können und lief bergauf, bergauf zu einem schönen Platz mit Aussicht über Köln und fühlte mich schwach, der Ohnmacht nahe. Ich lag auf der gefrorenen Bank, sah in die Sterne hoch, trank mein Bier und fühlte den eisigen Wind, der mir Kopfschmerzen bereitete. Meine Gedanken kreisten sich um meinen Plan und ich war der festen Überzeugung, dass es der einzig richtige Weg ist, wegzulaufen. Weglaufen, um meinen Umkreis nicht zu belasten und weglaufen, weil ich es verdient habe, alleine zu sein.
Philipp rief gegen halb zwei an und fragte, ob ich nicht nach Hause kommen wolle, ich ging zurück, obwohl ich mich dagegen sträubte. Ich hatte mir fest vorgenommen, mit Philipp eine „Gute-Nacht-Zigarette“ zu rauchen, dann in mein Zimmer zu gehen, um notfalls die Nacht durchzumachen, damit mein Zeug gepackt sein würde und ich endlich wegrennen konnte. Wieder versuchte ich so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung, nur hatte mich Philipp längst durchschaut.
„Du kannst noch so reden oder lachen, ich spüre, dass es dir schlecht geht und ich schaue dabei nicht mehr zu. Seit einer Woche machst du dich kaputt. Mir geht es deinetwegen nicht schlecht – dafür habe ich selbst viel zu viel durchgemacht. Aber ich liebe dich und ich mache mir Gedanken.“
„Du brauchst dir keine Sorgen um mich machen, mir geht es gut.“
„Ok, du sitzt gerade neben mir, bist fast am Heulen und meinst ich soll mir keine Sorgen machen? Du solltest dir nicht so viele Gedanken machen, wie ich und andere mit deinem Problem umgehen, ich bin stabiler als du denkst. Und jetzt sage nicht, du gehst nach oben in dein Zimmer. Ich lasse dich nicht gehen, auch wenn du das ganze Wohnheim zusammenschreist und ich unsere Beziehung aufs Spiel setzte.“
Ich war nicht in der Lage, darauf hin etwas zu erwidern, denn ich war zu sehr damit beschäftigt, mir das Weinen zu verkneifen. Ich wusste, dass Philipp Recht besaß, wollte es mir allerdings nicht eingestehen. Leise bat ich ihn, mich gehen zu lassen, doch er nahm mich in seine Arme und sah mich an. Es hat mich wahnsinnig gemacht, dass er mich so genau ansah – ich wollte nicht, dass er mich so verletzlich sieht. Also versuchte ich mich aus seinem Blick und seiner Umarmung zu lösen, wobei ich glaube, dass dieser Versuch sehr lächerlich gewirkt haben muss, denn ich hatte keine Kraft in meiner Stimme und wiederholte nur ständig im Flüsterton, dass er mich gehen lassen solle. Philipp hielt mich mit folgenden Worten fest:
„Es bringt nichts, wenn du jetzt gehst. Auch wenn jede Faser deines Körpers nach Einsamkeit schreit, da ist ein kleiner Funke, der nicht möchte, dass du alleine bist. Und das sehe ich an deinen feuchten Augen.“
An diesem Abend hatte ich ihn für seine Auffassungsgabe und seiner Ehrlichkeit geliebt und gehasst. Geliebt, weil er der Mensch ist, der für mich kämpft und sogar dafür riskiert, unsere Beziehung zu verlieren. Gehasst, weil er hinter meine Fassade geblickt hat.
Es war gegen fünf Uhr morgens, als wir uns schlafen legten und da ich aus Betrunkenheit und Erschöpfung bis zum Mittag schlief, verzögerte sich mein Plan.
Den ganzen Nachmittag streunte ich in Köln rum, ohne zu wissen, wohin es mich treibt. Ich wollte Philipp nicht sehen, einfach um etwas Abstand wahren zu können, schließlich würde ich ihn bald für längere Zeit nicht mehr sehen. Einige Stunden lang lief ich die Straßen entlang, um mich auszulaugen, mich zu spüren. Ich hatte nichts gegessen und auch nichts zu trinken dabei und fühlte, dass ich jeden Moment zusammenklappen könnte. Dieses Gefühl trieb mich an, denn ich wollte mich bestrafen, mir jede Energie aus dem Körper treiben. Ab und zu geisterte mir Sabrina durch den Kopf, sie hatte mir erst heute eine SMS geschrieben, in der stand, dass ich mich dringend bei ihr melden soll, weil sie sich Sorgen um mich macht. Anscheinend muss mein Verhalten in letzter Zeit sehr auffällig gewesen sein – nicht verwunderlich, wenn man auf keinen Anruf reagiert. Gegen 21 Uhr ging ich runter zu Philipp in die Wohnung, eigentlich um ihm mitzuteilen, dass ich wieder hoch in mein Zimmer gehen würde, nur hier mischte sich Sabrina ein, sie war meinetwegen angereist um mit mir zu reden. Also ging ich in mein Zimmer, gestaltete es so, dass es aussah, als würde ich dort noch wohnen und überlegte mir, wie ich Sabrina meinen schlechten Zustand erklären sollte. Für Sabrina, die seit Wochen verzweifelt versuchte, mich zu erreichen, mir zu helfen, war es nicht besonders hilfreich, als ich sagte, dass ich nicht reden wolle, es mir gut ginge und sie sich keine Sorgen machen müsse. Sie war sehr erschrocken über das Häufchen Elend, dass sie in mir sah.
Am 26 November 09 stand ich früh auf, packte meine Sachen zu Ende, legte die Abschiedsbriefe für meine Lieben bereit und musste lachen. Ich musste lachen bis mir der Bauch weh tat – endlich werde ich mein Schicksal leben dürfen. Ich werde heulen, einsam sein, mir wünschen zu sterben – genau das, was ich doch verdient habe.
Den Kölner Bahnhof erreichte ich um 14 Uhr, lief zur Auskunft und forderte spontan eine Zugverbindung und ein Ticket nach Konstanz. Was ich Konstanz mache, wusste ich noch nicht, gut war nur, dass ich niemanden in Konstanz kenne. Das ganze war ein Wettlauf gegen die Zeit, denn Philipp würde jeden Moment von seiner Arbeit kommen, meinen Brief lesen und letztendlich Sabrina anrufen, die sich umgehend zum Bahnhof bewegen würde. Jetzt eine Begegnung mit ihr wäre fatal gewesen, schließlich würde dies den Untergang meines ausgehegten Plans bedeuten. Als ich um 15 Uhr in meinem Zug saß und mich schon in Sicherheit wog, erblickte ich Sabrina, die mit einem unglaublich besorgten Blick suchend am Bahngleis stand. Sie stand direkt unter meinem Fenster, konnte mich aber im oberen Zugabteil nicht entdecken. Sie sah so unglaublich traurig aus. Mein Zug fuhr also über Köln-Porz nach Konstanz, deswegen stieg Sabrina im unteren Zugabteil ein. Obwohl ich meine Tränen verbergen wollte, flossen sie unaufhörlich wie ein Wasserfall. Ich kuschelte mich an meinen Elefanten, den ich von Philipp geschenkt bekommen hatte, hörte Musik und schlief nach einiger Zeit ein.
Insgesamt war die Zeit in Konstanz die schlimmste Woche in meinem Leben. Ständig las ich die Nachrichten, die mir meine Familie und Freunde nach meinem Verschwinden haben zukommen lassen:
Michaela
Liebe Sophia, ich mach mir Sorgen! Bitte melde dich bei mir! Bussi
Philipp
Ich liebe dich Sophia, bitte melde dich
Katharina
Huhu… schau mal bitte kurz in Studi rein! Ich hoffe es geht dir gut… Melde dich kurz, damit ich weiß, dass es auch so ist! Drück dich ganz fest.
Lisa
Hallo du Süße. Meld dich wenn du reden magst. Mache nichts Dummes und pass auf dich auf, ja? Ich habe dich doll lieb und alle anderen auch. Wir sind für dich da.
Sabrina (Schwester)
Wir machen uns extreme Sorgen. Bin am verzweifeln. Bitte, bitte melde dich. Ich brauche dich. Würde dir bei allem helfen. Schreibe doch wenigstens eine SMS. Ich liebe dich
Papa
Ich will meine Sophia wieder haben.
Sabrina
Schwesterherz, ok du brauchst gerade Abstand. Wir können das akzeptieren, aber nicht, dass wir nicht wissen wo du bist und dass es dir gut geht.
Sebastian (Bruder)
Hi Sophia du brauchst mir nicht zu sagen wo du bist. Sage mir bitte nur ob du in Sicherheit bist.
Philipp
Sophia, die Hauptsache ist, es geht dir gut. Nimm dir alle Zeit die du brauchst. Vergiss nie, dass du bei mir immer ein zu Hause hast.
Ich liebe dich
Katharina
Hey du Schnitzel.. ;-)
Sag mal… Was ist denn los? Habe gerade Nachricht von Sabrina bekommen, dass du dich aus dem Staub gemacht hast! Solltest du gerade auf dem Weg zu mir sein, bist du natürlich herzlich Willkommen, vor allem weil du dann die Bude für dich alleine hast! Solltest du nicht auf diesem Weg sein, sondern woanders hin, melde dich bitte bei mir! Nur damit ich weiß, dass es dir körperlich gut geht… über deine Psyche reden wir, wenn du bereit dazu bist!
Ich drücke dich ganz fest und denke immerzu an dich!
Philipp
Hallo Sophia,
ich habe gerade deinen Brief gelesen, ich will dir nur sagen, ich liebe dich, bitte komm zurück, gemeinsam können wir alles schaffen. Ich habe auch deine Schwester informiert, wir werden dich suchen und erst aufgeben, wenn wir dich gefunden haben und dir klar gemacht haben, wie sehr wir dich lieben, und dass kein Hindernis, ganz gleich welcher Art uns gemeinsam aufhalten kann, wir sind doch schon beinahe so was wie eine Familie.
Ich liebe dich
Dein Philipp
Kerstin
Liebe Sophia,
ja, ich kann dich gut verstehen, dass du einfach nur raus und weg möchtest. Wenn man andauernd im Leben ein Problem nach dem anderen lösen soll, dann reicht es irgendwann.
Ich glaube es gibt sehr viele Menschen, die dich sehr gerne haben, wenn nicht sogar lieb haben. Genau diese Personen kann/soll man immer um Hilfe bitten, denn du würdest ihnen ja auch helfen (das weiß ich)
Komm doch zu mir. Du kannst morgen vor der Haustüre stehen und solange bleiben, bis du wieder einen klaren Kopf hast, bis du wieder weißt wie es weiter geht. Das wäre so schön, dann würden wir uns eine schöne Zeit machen. Ein bisschen was unternehmen, uns viel unterhalten und Jan und Samu würden sich so freuen. (Wenn du kein Geld für die Zugfahrt hast, bezahle ich sie dir gerne) Bitte bitte bitte.
Sophia, ich habe dich sehr lieb und vermisse dich sehr oft.
Bitte komm doch.
Carolin
Liebste Sophia,
heute kam dein Brief an und es hat mich sehr berührt! Du weißt, wie große Schwestern sind; Sie wollen ihre jüngeren Schwester beschützen, vor schlimmen Erfahrungen bewahren. Aber jetzt lerne ich mal wieder, dass es nicht immer möglich ist. Wo immer du jetzt bist, was immer du vorhast, du wirst deinen Weg finden. Und du weißt, wenn du bereit bist, deinen Weg mit mir zu teilen, bin ich da. Vielleicht denkst du jetzt, typisch Sozialarbeiterin, muss überall etwas Positives entdecken, aber ich bin wirklich angenehm überrascht, wie Papa, Sabrina, Sebastian, und ich heute zusammengehalten haben. Es ist eben doch noch möglich.
Mein Nyaminyami hing bisher an meinem rosaroten Bett. Jetzt trage ich es am Hals. So lange bis ich dich wiedersehen werde und wahrscheinlich noch viel länger. Egal, wie lange es dauern wird. Heute habe ich auch erfahren, dass mich mein Gottesglaube trägt und auffängt, Ich habe einfach den Glauben, dass alles gut wird.
Wenn du mal ganz zufällig in Berlin landest, musst du nicht in die Lehrter Str., sondern kriegst bei mir Obdach.
Pass auf dich auf,
deine Carolin
Trotz diesen herzzerreißenden Nachrichten war ich zu feige, um zurückzukehren.
Wenn ich in Konstanz irgendwann einmal mein Hotelzimmer verließ, dann nur mit einem MP3-Player, der auf volle Lautstärke stand, damit ich keine Geräusche von außerhalb mitbekam, weil ich nicht verkraften würde, dass das Leben weitergeht. Ich redete mit niemanden, außer den Hotelangestellten und wenn ich mich mit ihnen unterhielt, klang meine Stimme weinerlich und meine Haltung war geduckt. Die meiste Zeit über saß ich in irgendeinem Hotel-Bett, schrieb Tagebuch und rauchte verbotenerweise aus dem Fenster. In meinem Zimmer fühlte ich mich sicher, denn dort konnte niemand sehen, dass ich bei Karstadt war, um mir ein Messer zu kaufen. Dabei hätte ich fast einen Nervenzusammenbruch erlitten, weil so viele Menschen unterwegs waren. Menschen, die ich sehe und höre, Menschen, die mich sehen und hören, denen ich ausweichen muss und die mir ausweichen müssen. Menschen, mit denen ich reden muss, wenn ich bezahle für Zigaretten, Alkohol und das Messer. Etwas zu Essen, habe ich nicht verdient. Das Messer, um mich zu ritzen, um mir tiefe Schnittwunden zuzufügen. Für 9,95 Euro in Weihnachts-Stimmung. Für und gegen meine Psyche.
Ich fühlte mich besser, erleichtert. Der Schmerz auf meinem Arm lenkt mich von meinem inneren Schmerz ab. Außerdem empfinde ich Stolz, wenn ich meine Wunden betrachte. Ist ja nur mein Körper, bin ja nur ich. Ich wünschte, ich könnte genauso liebevoll mit meiner Seele umgehen, wie liebevoll ich mir die Schnittwunden zufüge. Und ich schäme mich so sehr, dass ich mich fast nicht aus meinem Hotelzimmer raus traue. Ich schäme mich, weil ich das Bedürfnis habe, mich zu ritzen und es mache. Aus diesem Kindesalter müsste ich doch draußen sein.
Ich schäme mich, weil ich vor meinen Problemen fliehe und mich ihnen nicht stelle.
Ich schäme mich, weil ich das Bettzeug und die Handtücher des Hotels mit Blut einschmiere.
Ich schäme mich, weil ich nicht anders handeln kann.
Das Ritzten wurde mir irgendwann zu eintönig, deswegen ging ich mit meinem Schal in das Badezimmer, hängte es über den Handtuchhalter und knotete es mir um den Hals. Dann ging ich so in die Hocke, dass mir die Luft wegblieb und ich in eine leichte Ohnmacht viel. Die Ohnmacht war nicht lange von Dauer und als ich verschwommen mein Spiegelbild wahrnahm, mein rotes Gesicht und den Abdruck des Schals an meinem Hals erkannte, spürte ich ein große innere Zufriedenheit.
Ich saß also Tag für Tag in meinem Zimmer, ritzte und würgte mich, ernährte mich von Zigaretten und Alkohol und versumpfte in meinem Selbstmitleid und Selbsthass. Mehrmals musste ich das Hotel wechseln, da diese ausgebucht waren. Wie ich das mit meinem vielen Gepäck und den rutschigen Straßen geschafft hatte, weiß ich nicht.
So verbrachte ich sechs Tage in Konstanz und musste mir bald eine andere Lösung suchen, da mein Dispo bald ausgeschöpft sein würde und ich mir bald kein Hotelzimmer mehr leisten könnte. Heute morgen, am ersten Mittwoch des Dezembers, saß ich also im Zug zurück nah Köln und wusste wieder mal nicht, wohin ich gehen sollte und wie es weitergeht. Ich habe keine Lust mehr auf dieses Ein- und Auschecken, auf der Suche nach einem neuen Schlafplatz und ich habe keine Lust mehr, soviel Gepäck mit mir herumzuschleppen. Es macht mich fertig und meine Suizidgedanken tauchen auch immer öfters auf. Ich hätte mir gewünscht, dass die Zugfahrt nach Köln nie enden würde.
Jetzt ist es 23 Uhr, ich sitze auf dieser kalten Bank, in diesem dunklen Eck und mein Bier ist leer. Es ist nun an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Suche ich mir noch mal ein Hotelzimmer, ritzte und würge mich, bis ich erlöst von meinem Schmerz bin? Kann ich noch länger so weitermachen? Oder soll ich mich gleich umbringen? Ich empfinde mich als furchtbaren Menschen, den man nicht auf die Menschheit loslassen kann. Für alle Beteiligten wäre es am Besten, wenn ich sterbe. Wer kann mich den schon lieben?
Da tauchen sie schon wieder auf, die Bilder, die mich schon seit einer Woche verfolgen, einfach vor meinem Auge erscheinen.
Ein Bild, wie mir alle Menschen den Rücken zukehren, weil sie wissen, was für ein grausamer Mensch ich bin.
Ein Bild, wie mich mein grüner Kobold, den ich mir als Freund eingebildet hatte, verlässt, mit einem Gesichtsausdruck voller Abscheu.
Ein Bild, wie die Messerklinge meine Haut zum Bluten bringt.
Ein Bild, wie ich an einem dünnen Faden hänge, dieser reißt und ich ins Nichts falle.
Ein Bild, wie ich an einem Marktplatz gehängt werde und die Menschen mir zujubeln.
Ein Bild, wie ich mir mit einem Teppichmesser die Kopfhaut abschare.
Ich beschließe, mich in der Psychiatrie von Köln einweisen zu lassen.
Ich komme gerade mit meinen Geschwistern Sabrina und Sebastian aus der Schule und habe Hunger. Es ist nicht weit bis nach Hause, meistens dauert der Heimweg zehn Minuten, es sei denn es hat geregnet und wir versuchen alle Regenwürmer, die sich auf dem Fußgängerweg angesammelt haben, zu retten. Wir wohnen in der ländlichen Idylle von Augsburg und besitzen ein beeindruckend großes Haus mit einem beträchtlichen Garten, der das ganze Gebäude umrahmt.
Es freut mich sehr, dass das Mittagessen schon fertig auf dem Tisch steht und es mein Lieblingsessen, Germknödel mit Vanillesoße und Mohn, gibt. Meistens genieße ich die Mahlzeiten, weil wir dann alle zusammen essen und Zeit miteinander verbringen. Manchmal bin ich aber auch angespannt, da ich nie weiß, ob es heute wiedermal zum Streit eskaliert. Wenn es zu Auseinandersetzungen kommt, macht mich das ganz traurig, weil ich gerne mehr positive Momente mit meinen Eltern erleben würde. Für mich ist es immer der Höhepunkt, wenn wir gemeinsam essen oder fernseh schauen, Feste feiern oder zusammen spielen. Nur wandern liegt mir nicht besonders gut. Ich habe X-Beine und für mich ist es sehr anstrengend so viel zu laufen. Und dann werde ich noch getriezt, so dass ich mitgehe und durchhalte, weil ich ansonsten das Gefühl habe, ich wäre der Außenseiter in der Familie. Die Drillingstreffen die zwei- bis dreimal im Jahr stattfinden, mag ich auch nicht, da fühle ich mich wie ein Ausstellungsstück im Museum.
Aber heute verlief das Essen ohne Streit und im Anschluss erledigen wir die Hausaufgaben. Ich teile mir ein Zimmer mit Sabrina, wir sitzen mit dem Rücken zueinander am eigenen Schreibtisch und ich bin unkonzentriert und lustlos. Ich starre Löcher in die Luft und denke darüber nach, ob ich die Hausaufgaben einfach nicht machen soll. Mama lernt sowie so nur mit meinem Bruder, an uns anderen Kindern zeigt sie nicht so viel Interesse. Ich stelle mir die Frage, warum Mama nur mit Sebastian lernt und komme zu dem Beschluss, dass er in der Schule besser sein soll als wir, weil er der einzige Junge in der Familie ist. Mama wollte mich eh nicht haben, sie wollte nach meiner älteren Schwester nur noch einen Sohn. Dumm gelaufen, wenn man dann Zwillinge bekommt.
Gerne würde ich ihr zeigen, dass ich auch eine gute Tochter bin, es sich lohnt mich zu lieben und nehme mir fest vor, später Blumen für sie zu pflücken.
Während mir diese Gedanken durch den Kopf streichen, nehme ich das Wimmern von meinem Bruder gar nicht mehr wahr. Mich übermannt eher die Eifersucht, schließlich hätte ich auch gerne so viel Aufmerksamkeit wie Sebastian.
Plötzlich erklingt Mamas Stimme aus dem Badezimmer. Sie ruft nach uns:
„Sabrina, Sophia, kommt sofort in das Badezimmer!“
Ich finde Sebastian heulend und mit Tränen übergossen vor der Toilette nieder kniend wieder. Er hat ganz rote Backen von den Ohrfeigen, die Mama ihm erteilt, wenn er eine Antwort nicht weiß oder zu lange überlegt. Mama meint nun:
„Sebastian kann nicht mehr aufmerksam sein, jetzt braucht er eine Abkühlung!“
Daraufhin packt sie ihn an den Haaren, steckt seinen Kopf in das Klo und spült mehrmals ab. Die Klospülung übertönt das Wimmern von meinem Bruder. Obwohl dieses Ereignis seit der Einschulung öfter vorkam, überschleicht mich kurz ein Gefühl von Mitleid, doch dann denke ich, dass Mama Recht hat. Sebastian ist böse und hat diese Art von Bestrafung verdient. Ich setze mich an meinen Schreibtisch und mache Hausaufgaben. Ich habe Angst, dass ich auch böse bin, wenn ich meine Hausaufgaben nicht schaffe.
