Der indische Seiltrick - Anthony de Jasay - E-Book

Der indische Seiltrick E-Book

Anthony de Jasay

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Beschreibung

Der indische Seiltrick fokussiert auf einen wichtigen, aber gefährlich ignorierten Defekt des modernen politischen Denkens, nämlich den unvorsichtigen Gebrauch und den Missbrauch von Sprache. Anthony de Jasay hält "den nachlässigen Gebrauch, den Missbrauch und sogar die geradezu Misshandlung der Sprache" für einen entscheidenden Fehler des modernen politischen Hauptstromdenkens, das "von Jeremy Bentham und John Stuart Mill bis hin zur Gegenwart durch intellektuellen Betrug stark verunreinigt ist". Anthony de Jasay betont die Schwierigkeit, Fragen der Wahrheit und Falschheit von Fragen des Glaubens frei zu halten, denn Glaube beruht oft auf Wunschdenken. Die Offenlegung linguistischer Tricks ist ein zentrales Thema dieses Buches. Viele Begriffe wie beispielsweise "Recht" oder "Gerechtigkeit" sind gewöhnlich nicht eindeutig formuliert, so dass subtile Bedeutungsverschiebungen unbemerkt bleiben. Für Anthony de Jasay gehört die soziale Gerechtigkeit zu den am meisten missbrauchten Begriffen: Sie geht über die gewöhnliche Gerechtigkeit und ihre Regeln hinaus, hat keine eigenen Regeln und ist inhaltsleer, bis der Sprachgebrauch den Bedarf liefert. Da "'gerecht' dem 'ungerecht' selbstverständlich überlegen ist [...] verleiht die Verkleidung der Gleichheit in das Gewand der sozialen Gerechtigkeit ihr eine unwiderstehliche moralische Autorität", eine Autorität die Anthony de Jasay für unecht hält. Dennoch, so weist er darauf hin, finden zweifelhafte Theorien, die eher an das Gefühl als an die Vernunft appellieren, breite Akzeptanz, was unmerklich, aber unausweichlich zu weniger statt zu mehr Gerechtigkeit, welcher Art auch immer, führt. Er argumentiert, dass Gerechtigkeit der behaupteten sozialen Gerechtigkeit vorausgeht, so dass jeder Versuch, die Gleichheit in das Gewand der sozialen Gerechtigkeit zu kleiden, eine dem indischen Seiltrick ähnliche Illusion ist, bei der das Seil wie von Zauberhand emporsteigt und an dem der Zauberlehrling emporklettert.

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Seitenzahl: 403

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Anthony de Jasay

Der indische Seiltrick

Anthony de Jasay

Anthony de Jasay

Der indische Seiltrick

und die soziale Gerechtigkeit

Aus dem Englischen übersetzt von Burkhard Sievert

Titel der Originalausgabe:

Social Justice and the Indian Rope Trick

Teile dieser Veröffentlichung erfolgte mit Genehmigung von Liberty Fund, Inc., 11301 N. Meridian St., Carmel, IN 46032-4564, USA.

Social Justice and the Indian Rope Trick was originally published in English in 2015 by Liberty Fund, Inc. Portions of this translation are published with permission from Liberty Fund, Inc.

Der Abdruck der Porträtfotografie erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Lucinda Douglas-Menzies, London.

1. Auflage

© 2021 Burkhard Sievert

Originalausgabe: Compilation, preface, some articles and index © 2015 by Liberty Fund, Inc.

Foto A. de Jasay: © L. Douglas-Menzies, www.douglas-menzies.com

Umschlag: Idee: Burkhard Sievert, Gestaltung: grafik schultz, Köln,

Grafik: American poster for the magician Carl Hertz's Indian rope trick, 1920.

Automatischer Vorübersetzer: DeepL

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Paperback

ISBN: 978-3-347-46580-0

Hardcover

ISBN: 978-3-347-46583-1

E-Book

ISBN: 978-3-347-46584-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Herausgebers unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Der Autor und die soziale Gerechtigkeit als indischer Seiltrick

Zum Geleit

Teil 1 – Ist Gleichheit überlegen?

1. Gleichheiten, soziale Gerechtigkeit und der indische Seiltrick

Dimensionen des „Egalitarismus“

Einfache Gleichheit: Jedem das Gleiche

Relative und zusammengesetzte Gleichheit

Die Grenzen der konventionellen Moral und Gerechtigkeit

Der indische Seiltrick

2. Die Rangfolge der Welten nach Worten: Ein Fall für Ungleichheit

Hierarchische Adjektive

Plausibilität

Gleich ist gleich gerecht

Fallbeurteilungen gemäß ihren Verdiensten

Ein Unentschieden und eine Vermutung

3. Gegen Armut und den sie verewigenden Sprachmissbrauch

Einleitung

Die den Boden bereitende Sprache

Die Vermutung der Ungleichheit

Unterdrückte Ungleichheit, stagnierende Gleichheit

Ein unbedenklicher Pleonasmus?

4. Die „Gerechtigkeit“ ohne Gerechtigkeitsregeln

5. Verteilungsgerechtigkeit ist wie nasser Regen

Der Unsinn von ungerechter Gerechtigkeit

Zwecklosigkeit

„Macht“ wird schließlich für „Recht“ gehalten

Teil 2 – Unbeabsichtigte Abtretung, reale Politik und rationaler Mensch

1. Die unbeabsichtigte Abtretung

Vollkommene Freiheit

Der maximierende Staat

Schlussfolgerung

Literaturhinweise

2. Die Freiheitsvermutung

3. Über die Rechtsanspruchsideologie

Drei Kinder und eine Flöte

Eigentum, Freiheit und die Uneindeutigkeit der Rechte

Rechteschenkungen

Literaturhinweise

4. Menschenrechte und -unrechte

Rechte oder Regeln?

„Rechtsanspruchsideologie“ und das Aufkommen der Menschenrechte

Eine Bereinigung von missbräuchlich verwendeten Wörtern

Dies zu sagen, macht es nicht so

Nach dem Mond greifen

Teil 3 – Vertragstheorie und was sie umgibt

1. Verhalten und Vertrag

Einführung

Moralische Vertragstheorie

Tauschverträge und der Gesellschaftsvertrag

Literaturhinweise

2. Geordnete Anarchie und Vertragstheorie

Zustimmungen und Konventionen

Der Gesellschaftsvertrag oder die Zustimmung zur Unterwerfung

Alternative Redundanzen

Die vertragstheoretische Ausflucht

Literaturhinweise

3. Überprüfung der Grundlagen des Liberalismus

Die Entstehung der Grundprinzipien

Die Korruption des Liberalismus

Teil 4 – Irrtümer und Unterlassungen

1. Gelackmeierte, Spekulanten, Wegbereiter

Wenn der Homo oeconomicus selbstlos egoistisch ist

Der Gelackmeierte für öffentliche Güter

Der Spekulant in der Gleichgewichtsauswahl

Der Wegbereiter der Fairness

Schlussfolgerung

Literaturhinweise

2. Wer wird die Wächter bewachen?

Einleitung

Das hobbessche Ordnungsproblem

Die Kreise der Wächter

Die Wächter und das Volk

Gibt es nichtextraktive Regierungsspiele?

Literaturhinweise

3. Können Chancen gleich sein?

4. Moral durch Vereinbarungen

Eingeschränkte Maximierung

Vereinbarung

Einige Konsequenzen

Literaturverzeichnis [S]

Namensverzeichnis

Stichwortverzeichnis

Der indische Seiltrick

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Urheberrechte

Der Autor und die soziale Gerechtigkeit als indischer Seiltrick

Stichwortverzeichnis

Der indische Seiltrick

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Der Autor und die soziale Gerechtigkeit als indischer Seiltrick

„Welche Moraltheorie kann jemals irgendeinem nützlichen Zweck dienen, außer wenn sie im Einzelnen zeigen kann, dass alle Pflichten, die sie empfiehlt, auch die wahren Interessen eines jeden Individuums sind?“ David Hume1

Anthony de Jasay wurde am 15. Oktober 1925 in Ungarn geboren und musste 1948 aus seiner Heimat fliehen. Die Umstände seiner Flucht warfen in ihm viele für die politische Philosophie grundlegende Fragen auf: Was rechtfertigt Zwang? Wann, wenn überhaupt, ist der Einsatz von Staatsgewalt gegen die Subjekte legitim? Was, wenn überhaupt, begrenzt die Ausweitung und den Missbrauch staatlicher Macht? Ausgebildet zum Wirtschaftswissenschaftler in Australien, hatte Anthony de Jasay ein Stipendium an der Universität Oxford, bevor er nach Paris zog und im Finanzwesen arbeitete. Im Ruhestand widmete er sich als Privatgelehrter Fragen der Ökonomie und der politischen Philosophie. Anthony de Jasay verstarb am 23. Januar 2019.

Wie bei David Hume spielen auch bei Anthony de Jasay die auf Freiwilligkeit beruhenden Konventionen für das gesellschaftliche Zusammenleben eine gewichtige Rolle. Von drei fundamentalen Grundgesetzen, „das der Sicherheit des Besitzes, das der Übertragung durch Zustimmung und das der Erfüllung von Versprechungen“2 hängen „der Friede und die Sicherheit der menschlichen Gesellschaft“3 ab, die der „Regierung vorangehen“4. „So entsteht die [auf Konventionen beruhende] Rechtsordnung durch eine Art von Übereinkunft oder wechselseitigem Einverständnis, d. h. durch das Bewusstsein des Interesses, das man bei allen voraussetzt, und wobei jede einzelne Handlung geschieht, in der Erwartung, dass andere ebenso handeln werden.“5

Anthony de Jasays Schriftensammlung Der indische Seiltrick konzentriert sich auf „den unvorsichtigen Gebrauch, den Missbrauch und sogar die geradezu Misshandlung der Sprache“6 im modernen politischen Denken. Die „Entzauberung“ linguistischer Tricks ist ein zentrales Buchanliegen. Die Begriffe „Recht“, „Gerechtigkeit“, „Gleichheit“ usw. werden in der politischen Polemik oftmals zweideutig verwendet, so dass subtile Bedeutungsverschiebungen für das Publikum unbemerkt, ja unvermutet bleiben können. Die Sprache lenkt das Denken. Mit unscharfem Denken oder „Papageiengeschwätz“7 lässt sich die Freiheit weder verteidigen, geschweige denn wiedererlangen. Der korrekte Gebrauch der Begriffe Freiheit und Recht bildet ein stabiles Fundament für eine widerspruchsfreie Argumentation; dies ist der liberale Ansatz zur Beurteilung von Sachverhalten.

Anthony de Jasay unterscheidet zwischen Freiheit und Recht. Beide Prototypen drücken Beziehungen zwischen Personen und Handlungen aus. Besteht Freiheit kann eine Person wählen, eine bestimmte für sie realisierbare Handlung auszuführen, es sei denn, sie wird durch eine entgegenstehende Konvention unzulässig gemacht. Im Fall eines Rechts kann eine Person wählen, von einer anderen Person eine bestimmte Handlung zu verlangen, woraufhin die andere Person zur Ausführung der Handlung verpflichtet ist.8 Verträge führen Rechte und Verpflichtungen herbei. „Wenn Eigentum durch Vertrag erworben wird, so erlöschen nach vollständiger Erfüllung der gegenseitigen Verpflichtungen auch die gegenseitigen Rechte und das Eigentum ist somit unbelastet und frei.“9

Das logische Argument für die Freiheit ist die Freiheitsvermutung. Demnach muss der Einsprechende gegen eine Handlung einen Beweis dafür zeigen, dass der Handelnde die Freiheit zu einer Handlung nicht besitzt. Wenn eine Person A eine Handlung ausführen möchte, kann es unendlich viele Gründe unendlich vieler Einsprechenden geben, die gegen die Handlung sprechen. Das Argument funktioniert nach der Regel Sollen-impliziert-Können. A könnte niemals beweisen, dass es keine weiteren Gründe gegen die Handlung gibt, da die Widerlegung einer unendlichen Anzahl von Gründen logisch unmöglich ist. Deswegen kann A die Beweislast für die Legitimität der geplanten Handlung nicht tragen. Im Gegensatz dazu ist jeder konkrete Grund beweisbar, den Einsprechende gegen die fragliche Handlung vorbringen können. Ihre Anzahl von Gründen ist abzählbar endlich. Wenn Einsprechende solche Gründe haben, tragen sie die Beweislast. Sie können zeigen, ob zumindest einer dieser Gründe tatsächlich hinreichend für einen gerechtfertigten Eingriff in die Handlung ist.

Die Freiheitsvermutung beruht auf reiner Logik und ermöglicht eine tatsachenbasierte Legitimitätsüberprüfung einer Handlung. Das Argument ist unwiderlegbar. Denken und Logik sind nicht ohne Selbstwiderspruch bestreitbar, d. h., auch der Widerspruch erfordert logisches Denken. Das Argument greift auf kein Werturteil als Begründung zurück, dann wäre es subjektiv. Es setzt keine Freiheitspräferenz voraus, dann wäre es voreingenommen. Das Argument wird nicht aus Tatsachen abgeleitet, denn ein solcher Übergang von Fakten zu einem Wert, also die Ableitung eines Sollens aus einem Sein, wäre logisch nicht gültig.10 Es benötigt keinen Rückgriff auf das Naturrecht. Es ist nicht utilitaristisch, denn sonst würde es an der logischen Unmöglichkeit interpersoneller Nutzenvergleiche scheitern. Von der Freiheitsvermutung als archimedischen Punkt ausgehend, ist die strikte Analytik die Waffe des Liberalismus. Die Geschichte Davids gegen Goliath lehrt, dass auch der Unterlegene gegen den Übermächtigen gewinnen kann, wenn David seine Stärke ausspielt und damit die schwache Stelle Goliaths trifft. David kann gewinnen, wenn er die Spielregeln in seinem Sinn ändern kann und damit den etatistischen Goliath in die Defensive bringt. Den Status quo kritisch hinterfragend, demonstriert der strikte Liberalismus „Goliaths“ fehlerhafte Logik und seine neidisch motivierten moralischen Unverschämtheiten, die den Forderungen nach „Rechtsansprüchen“, „Solidarität“ und „sozialer Gerechtigkeit“ zugrunde liegen. Davids Fragen decken Goliaths widersprüchliche Argumentationen auf und führen letzteren in Sackgassen. So kann kühles analytisches Schlussfolgern jene wachsende Zahl von Menschen gewinnen, die die Problemursache in der Parteipolitik erkennen. Ihr Multiplikatoreffekt wird entscheidend sein, um den Zeitgeist der allgemeinen Öffentlichkeit der Zukunft zu formen.

Das moralische Argument für die Freiheit ist die Ablehnung der Unterwerfungsregel, der Unterwerfung aller unter den Willen einiger. Der Mensch ist frei geboren. Im Gegensatz zum alltäglichen Sprachgebrauch unterscheidet die Philosophie zwischen Ethik beziehungsweise Moraltheorie und Moral. Ethik operiert eher theorieorientiert auf einer Metaebene. Moral dagegen bewertet unter Referenz auf die konkrete Moraltheorie ausschließlich menschliches Handeln, indem sie das Handeln billigt oder missbilligt.11 Der strikte Liberalismus gehört in die Kategorie der deontologischen Ethik, bei der konkrete Handlungen moralisch beurteilt werden und das Handlungsmotiv sowie die Handlungsfolgen für die moralische Handlungsbeurteilung von untergeordneter Relevanz sind.12 Handlungsmotive besitzen keine feststellbaren Tatsachen. Der strikte Liberalismus ruht folglich auf den Begriffen Freiheit und Gerechtigkeit, wobei Freiheit sein oberstes Ziel ist und eine Handlung entweder gerecht oder ungerecht ist. Moralisches Handeln erfordert Freiwilligkeit. „Unter der Maxime ‚suum cuique’ [jedem das Seine] verteilen sich Vorteile und Lasten, indem jeder seine Freiheiten wahrnimmt und seinen Verpflichtungen nachkommt. Ein gerechter Zustand herrscht, solange er nicht durch eine ungerechte Handlung verletzt wird.“13 Die Unterwerfung aller unter den Willen einiger kann moralisch akzeptabel sein, wenn sie freiwillig erfolgt. Erfolgt sie unfreiwillig, dann erweist sich die Legitimität der Regierung als moralisch unvertretbar. Der strikte Liberalismus sieht nur freiwillige Verteilungen als moralisch gerechtfertigt an.

Die einflussreichsten Argumente zur Legitimierung von Politik und Staat, d. h. die Vorstellungen von „Gesellschaftsverträgen“, enthalten einen fundamentalen Widerspruch: Wenn es stimmt, dass keine Leistung aus einem Vertrag erzwungen werden kann und der Staat dafür gebraucht wird, wie kann dann erwartet werden, dass der Staat an den Vertrag gebunden werden kann, an dem er beteiligt ist? Auch die Lösung dieses infiniten Regresses durch eine Verfassung scheitert. Der Versuch staatlicher Machtbegrenzung durch eine Verfassung missachtet die lebendigen Kräfte der Politik, die mit einer Verfassung unvereinbar sind. Edmund Burke würde ausrufen: „Die Sache! Die Sache selbst ist der Missbrauch!“ In einem Zirkelargument beruft die Mehrheit sich auf die Methode der kollektiven Wahl, um diese zu legitimieren, also moralisch zu rechtfertigen.

Anthony de Jasay überprüft Aussagen mit der Methode der Epistemologie, d. h. durch Falsifizierung und Verifizierung, und grenzt so (subjektive) Meinungen von (objektiver) Erkenntnis ab. Tatsachen besitzen einen „Wahrheitswert“. Tatsachen sind entweder wahr oder unwahr. Aussagen ohne „Wahrheitswert“ sind Meinungen. Auch die Zukunft betreffende Aussagen über menschliche Handlungen besitzen keinen „Wahrheitswert“. „Menschen können nicht festgelegt und vorhergesagt werden wie Objekte ohne Verstand und ohne die Fähigkeit zu lernen und zu wählen.“14 Die Aussage „Da steht ein Pferd auf dem Flur“ besitzt einen „Wahrheitswert“ und lässt sich relativ leicht widerlegen (falsifizieren) bzw. überprüfen (verifizieren). Auch Aussagen über menschliche Handlungen, also Fragen der Freiheit oder der Gerechtigkeit, sind letztendlich feststellbare Tatsachenfragen. Gemäß der Freiheitsvermutung liegt nach der Regel „Sollen impliziert Können“ die Beweislast für die Unzulässigkeit einer Handlung bei dem Einsprechenden. Gesellschaftsverträge besitzen keinen „Wahrheitswert“. Sie entsprechen den normativen Ansichten ihrer Erfinder, sei es Hobbes, Rawls, Rousseau oder Sen und werden von Anthony de Jasay als unlogisch zurückgewiesen. Nur bei echten Verträgen, dem System von freiwilligen Tauschhandlungen, geben alle Parteien den sichtbaren, objektiven Beweis ihrer Interessen durch ihre Handlungen.

Einen breiten Raum in diesem Buch nimmt die Entschlüsselung des Begriffs der „sozialen Gerechtigkeit“ ein. Der Ausdruck „soziale Gerechtigkeit“15 wurde erstmals in der christlichen Soziallehre16 sowie in der Gerechtigkeitsdistinktion John Stuart Mills17 verwendet. Die Bedeutung von Wortkombinationen kann ermittelt werden, indem jedes einzelne Wort auf seine Bedeutung hin untersucht wird. Das Adjektiv „sozial“ ist gleichbedeutend mit dem Wort „gesellschaftlich“. Aufbauend auf der Bedeutung jener Wörter, auf die es bezogen wird, wird die Wortkombination zu einem Ausdruck mit beliebiger Bedeutung. Das Wort Gerechtigkeit18 drückt ein moralisches Werturteil aus. Gerechtigkeit ist selbstverständlich Ungerechtigkeit überlegen. Gerechtigkeit erfordert Regeln, nach denen die Handlungen als gerecht oder ungerecht beurteilt werden. Eine Handlung ist gerecht, wenn sie im Einklang mit den anerkannten einschlägigen Normen steht, sie also nicht gegen Konventionen verstößt. Eine Norm kann auch durch Beschluss herbeigeführt werden, wie es bei einem Vertrag der Fall ist.19 Verträge führen Rechte herbei.20 Die Vertragserfüllung ist gerecht, der Vertragsverstoß ist ungerecht. Wenn eine Handlung gerecht ist, dann sind auch die Handlungsfolgen gerecht: Jedem das Seine. Jede von Dritten auferlegte Regelsetzung führt per Saldo zu Wohlstands- und Freiheitsverlusten. Um dies zu demonstrieren, verwendet Antony de Jasay die Metapher vom Backen eines Kuchens.21 Der Trugschluss, dass Produktion und Verteilung voneinander getrennt seien, geht auf John Stuart Mill zurück.22 In Wirklichkeit finden Produktion und Verteilung gleichzeitig statt und sind voneinander abhängig. Wer welchen Teil des Kuchens bekommt, entscheidet sich, während er produziert wird (und zum Teil schon vorher). Der Grund, warum jeder Produktionsfaktor am Backen des Kuchens beteiligt ist, liegt darin, dass ihm vertraglich oder stillschweigend versprochen wurde, ein bestimmtes Stück davon zu bekommen.23 Dieses Versprechen wird gebrochen, wenn die Regierung die Verteilung, die den Kuchen zum Backen veranlasst hatte, durch eine Umverteilung nach dem Backen außer Kraft setzt. „Sollte man nun aber glauben, dass dieses Verändern nicht auch das gleichzeitige ‚Backen des Kuchens‘ beeinträchtigt, so ist man einfach gutgläubig.“24 Weil bei der Verteilung kein Rest verbleibt, erhält durch eine Umverteilung irgendjemand nicht das, was ihm zusteht.

Da die „Gesellschaft“ an der Produktion und Verteilung des Kuchens nicht beteiligt ist und nach der Vertragserfüllung alle Rechte und Verpflichtungen am Kuchen erlöschen, verliert die Wortkombination „soziale Gerechtigkeit“ ihre Plausibilität. Für Anthony de Jasay verbirgt sich hinter diesem Begriff etwas anderes, er nennt es „den indischen Seiltrick“, also jenen Trick, bei dem der Zauberlehrling an dem senkrechtstehenden Seil hochklettert. Die Umherstehenden haben nun die Möglichkeit des ungläubigen Staunens oder der Entzauberung dieser Scharlatanerie.

Die Wortkombination „soziale Gerechtigkeit“ behauptet, dass der aktuelle Verteilungszustand „sozial ungerecht“ sei, d. h., sie fordert eine korrigierende Umverteilung. Wenn der aktuelle Zustand ungerecht ist, dann kann nur die Handlung, die zu diesem Zustand geführt hat, ungerecht gewesen sein. Wer genau hat sich ungerecht verhalten? In unserer Kuchenmetapher wurden alle Verträge erfüllt. Weil kein Vertrag gebrochen wurde, hat auch niemand sich ungerecht verhalten.

Die Antithese zur Freiheit ist die die menschliche Autonomie außer Kraft setzende Gleichheit. Die Gleichheit entstammt nicht der moralischen Sphäre und verfügt im Gegensatz zur Gerechtigkeit über keine Regeln. Sonst könnte es zumindest theoretisch einen sozial gerechten Gesellschaftszustand geben, weil die Regeln alle befolgt wurden, oder einen ungerechten, weil eine bestimmte Regel nicht befolgt wurde. Wegen der Regellosigkeit ist der Begriff in seiner Bedeutung unbestimmt. Daher wird der Zustand der sozialen Gerechtigkeit niemals erreicht und es kann immer behauptet werden, dass sie nicht vorhanden ist. Folglich muss die „soziale Gerechtigkeit“ etwas mit Gleichheit zu tun haben. Der zu entzaubernde Begriff hinter der „sozialen Gerechtigkeit“ nennt sich Gleichheit. Es ist ein schwer durchschaubarer Zaubertrick, mit dem „gleich“ durch „sozial gerecht“ eine grundlegende Bedeutungsverschiebung widerfährt und dabei den Moralbezug von gerecht übernimmt. Gleichheit und Gerechtigkeit sind jedoch keine Synonyme, sie sind grundverschieden. Es ist diskutabel, ob „gleich“ besser als „ungleich“ ist, aber „ungerecht“ ist zweifelsfrei „gerecht“ unterlegen. Wäre „ungerecht“ „gerecht“ überlegen, könnte und würde dessen moralisches Werturteil nicht „gerecht“ genannt. In der realen Welt gibt es jedoch unendlich viele Gründe für Ungleichheiten. Es fängt mit der Verschiedenheit im menschlichen Denken und in deren Lebensweisen an. Ihre Vielfalt an unbefriedigten Wünschen lässt sie nach Bedürfnisbefriedigung streben. Diese selbst gesetzten Ziele und Zwecke können sie in Kooperation über Verträge verwirklichen. Durch jeden ausgeführten Vertrag entsteht eine neue Verteilung. Es gibt keinen Grund für Gleichheit, der alle Gründe für Ungleichheit aufheben würde. Deshalb wäre es unsinnig, die Beweislast dafür auf die Seite der Ungleichheit zu legen. Die einzige vernünftige logisch-epistemologische Schlussfolgerung ist, dass die Beweislast für die geforderte Gleichheit dem Gleichheitsbefürworter obliegt. Wer die Beweislast trägt, muss es auch „im Einzelnen zeigen können“25.

Social Justice and the Indian Rope Trick wurde 2015 vom Liberty Fund herausgegeben. Die Übersetzung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Liberty Fund. Die aus der Ausgabe des Liberty Fund übernommenen Anmerkungen des Autors sind mit einem [J] gekennzeichnet, die Erläuterungen des Übersetzers mit einem [S]. Ergänzungen des Übersetzers im Fließtext werden von eckigen Klammern eingeschlossen. Anthony de Jasay ist ein herausragender liberaler Denker, der die Kunst der Sprache beherrscht und mit seinem überragenden Aufbau der Argumente zu überzeugen versteht. Die Freiheit des Einzelnen ist der Schlüssel zu Frieden und Wohlstand: Für Freiheit!

Burkhard Sievert

Soest, im Oktober 2021

1 Hume (2012, 1984), S. 142 f. [S]

2 Hume (2004, 1739), S. 516. [S]

3 Ebenda, S. 516. [S]

4 Ebenda, S. 529. [S]

5 Hume (2012, 1984), S. 490 f. [S]

6 Vgl. hier S. 15, Hayek (2011,1988), S. 121–135. [S]

7 Jasay (2008a), S. 177. [S]

8 Vgl. Jasay (2010), S. 184 f. [S]

9 Jasay (2008a), S. 183. [S]

10 Vgl. Hume (2004, 1739), S. 467 f., Mackie (1981), S. 79–92. [S]

11 Vgl. Birnbacher (32013), S. 1–6. [S]

12 Ebenda, S. 49 f. [S]

13 Jasay (2008a), S. 139. [S]

14 Rothbard (1985), S. 52. [S]

15 Synonyme für „soziale Gerechtigkeit“ sind „materielle Gerechtigkeit“, „distributive Gerechtigkeit“, „austeilende Gerechtigkeit“ oder „verteilende Gerechtigkeit“ bzw. „Verteilungsgerechtigkeit“; vgl. Bouillon (2020), S. 11 f. [S]

16 Vgl. Taparelli (1841); s. a. Bouillon (2020), S. 53–57. Zur Ideengeschichte s. a. Hayek (2013, 2003), S. 534, FN 8. [S]

17 Vgl. Mill (2006), S. 94; s. a. Hayek (2013, 2003), S. 214; s. a. Bouillon (2020), S. 57–66. [S]

18 Synonyme für das Wort „Gerechtigkeit“ sind die Wortkombinationen „formale Gerechtigkeit“, „austeilende Gerechtigkeit“ und „kommutative Gerechtigkeit“; vgl. Bouillon (2020), S. 11 f. [S]

19 Vgl. Bouillon (2010), S. 129–142. [S]

20 Vgl. Jasay (2008a), S. 183. [S]

21 Vgl. Ebenda, S. 177 f., Jasay (2020a), S. 192–199. [S]

22 Vgl. Mill (1848), S. 199 f. [S]

23 Vgl. Jasay (2008a), S. 177 f., Jasay (2020a), S. 192–199. [S]

24 Jasay (2008a), S. 178. [S]

25 Hume (2012, 1984), S. 143. Zur Beweislast für Gleichheit vgl. Jasay (2009). [S]

Zum Geleit

Dieses Buch ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich, zum Guten wie zum Schlechten. Es passt in eine etwas ungewöhnliche persönliche Geschichte. Ich habe meine Position als Ökonom [an der Universität] in Oxford vor mehr als einem halben Jahrhundert verlassen, habe aufgehört, wissenschaftliche Arbeiten zu veröffentlichen, und bin von der intellektuellen Bühne verschwunden. Ein Vierteljahrhundert später tauchte ich als politischer Philosoph mit The State26 wieder auf, mein erstes und immer noch bekanntestes meiner Bücher. Es markierte meinen Platz abseits sowohl vom klassischen als auch vom amerikanischen Liberalismus, aus Gründen, die meinen Lesern kein Geheimnis sein werden. Ich bin nie wieder an eine Universität gegangen. Seither muss ich wohl gegen den Strom geschwommen sein und bin kaum vorangekommen, obwohl ich hoffe, dass ich zumindest nicht mit dem Hauptstrom abgetrieben worden bin. Der vorliegende Band sammelt meine Schriften zum Liberalismus aus den fünf Jahren von 2008 bis 2012 und ist ein Begleitbuch des Bandes Economic Sense and Nonsense, meinen im gleichen Zeitraum verfassten Essays zur politischen Ökonomie.

Das andere und eher ungewöhnliche Merkmal dieses Buches ist die scharfe Fokussierung auf einen lebenswichtigen, aber gefährlich ignorierten Defekt des modernen politischen Denkens, nämlich den unvorsichtigen Gebrauch, den Missbrauch und sogar die geradezu Misshandlung der Sprache. Die Sprache lenkt das Denken. Das hauptstrommäßige politische Denken von Jeremy Bentham und John Stuart Mill bis hin zur Gegenwart ist durch intellektuellen Betrug stark verunreinigt, wenn nicht sogar gänzlich davon definiert. Der Betrug ist gutgläubig, denn Selbsttäuschung schützt ihn vor der Schuld der Schlechtgläubigkeit. Er versucht nicht bewusst, in die Irre zu führen oder davon zu profitieren, Betrug als Wahrheit auszugeben. Er täuscht dennoch und profitiert dennoch davon. Der Grund dafür ist, dass entlang der Wege, Korridore und Kanäle des Unterbewusstseins Überzeugungen, einschließlich der in unseren Urteilen getragenen Werte, nicht unabhängig von unseren existenziellen Interessen sind. Das Argument wiederum ist nicht unabhängig von unseren Überzeugungen, so sehr wir auch gegen die Vermutung protestieren könnten, von Hintergedanken geleitet zu sein. Es bedarf eiserner Disziplin, um die Angelegenheiten von Wahrheit und Falschheit von den Angelegenheiten des Glaubens zu trennen, und Wunschdenken ist natürlich oft die Quelle des Glaubens.

Intellektueller Betrug, so wird uns prägnant vor Augen geführt, ist in das Hauptstromdenken eingedrungen und dominiert es, indem er die Bedeutung einiger Schlüsselkonzepte geformt und verdreht hat. Sprachliche Tricks sind die mächtigen Mittel, dies zu tun, und sind ein zentrales Anliegen des Buches. Sprachliche Tricks sind die Konzepte formenden Werkzeuge. Das Wort „Recht“ in Begriffen wie „Recht auf Freiheit“ und „Eigentumsrechte“ führt implizit eine rechteübertragende Gesellschaft ein, der wir solche Freiheit und solches Eigentum verdanken, die sie uns gewährt. Die Freiheits- und Eigentumsvermutungen werden somit geleugnet oder ignoriert. Verweise auf Gesellschaftsverträge oder kollektive Wahlregeln lehren uns implizit, dass ein Teil der Gesellschaft, z. B. eine Minderheit, zugestimmt hat, sich der Entscheidung eines anderen Teils, z. B. einer Mehrheit, aus eigenem Willen und nicht als Reaktion auf überlegene Gewalt zu unterwerfen. Sie hat nichts zu fürchten, da alle Entscheidungen, denen sie sich unterwerfen muss, durch eine gütige kollektive Wahlregel oder der Verfassung eingeschränkt sind. Sollte sich diese Regel im Laufe der Zeit als weniger gutartig erweisen, zieht es die Theorie der kollektiven Wahl vor wegzuschauen.

Das im Buch vorgestellte Konzept der Gleichheit ist komplexer, als es die gewöhnliche Sprache erscheinen lässt. In seiner vereinfachten Form wird es regelmäßig der Ungleichheit gegenübergestellt, wobei die Ungleichheit ein offensichtlich überlegenes Merkmal des Zustands der Welt ist. Wie die Tiere in George Orwells Farm der Tiere skandieren: „Vier Beine gut, zwei Beine schlecht.“27 Unablässige Wiederholungen reichen weit.

Einfacher Sprachmissbrauch ist jedoch unzureichend. Das Gute ist selbstverständlich besser als das Schlechte und genauso ist das Gerechte besser als das Ungerechte, aber das Gleiche ist nicht selbstverständlich besser als das Ungleiche. Es bedarf eines stärkeren sprachlichen Tricks, um dies zu erreichen. Soziale Gerechtigkeit, die über die gewöhnliche Gerechtigkeit und ihre Regeln hinausgeht, besitzt keine eigenen Regeln und ist inhaltsleer wie ein Gewand, in dem kein greifbarer Körper steckt. Der Sprachgebrauch füllt mühelos die leere Kleidung aus. Soziale Ungerechtigkeit wird automatisch mit einer gewissen Ungleichheit identifiziert, soziale Gerechtigkeit mit einer gewissen Gleichheit. Die Gleichheit ist der Ungleichheit weder moralisch überlegen noch unterlegen, aber sie sieht überlegen aus, wenn sie das Gewand der sozialen Gerechtigkeit trägt. Das Wort „sozial“ macht die Gewänder nur noch prächtiger und ehrfurchtgebietender. Soziale Gerechtigkeit wird so als moralischer Imperativ etabliert, so wie das indische Seil in dem berüchtigten Trick dazu gebracht wird, sich von selbst in den Himmel zu erheben.

Da „gerecht“ dem „ungerecht“ selbstverständlich überlegen ist, verleiht der semantische Trick, die Gleichheit in das Gewand der sozialen Gerechtigkeit zu kleiden, ihr eine unwiderstehliche moralische Autorität. Den verschiedenen Themen des vorliegenden Buches liegt die allgemeine Vorstellung zugrunde, dass die gesamte politische Ordnung und die Legitimität kollektiver Entscheidungen einen weiteren und vielleicht weniger transparenten sprachlichen Trick als ihre scheinethische Grundlage haben. Die meisten politischen Theorien sind in einem weiten Sinne „vertragstheoretisch“: Sie behaupten, dass es einen Gesellschaftsvertrag des politischen Gehorsams gibt, durch den alle im Voraus zustimmen, sich den Entscheidungen einiger zu unterwerfen. Die Unterwerfung ist ungezwungen, weil sie etwas Gutes fördert. Vertragstheorien werden bereitwillig akzeptiert, weil sie sich der selbstgefälligen, eines Seiltricks würdigen Wahnvorstellung hingeben, dass Menschen ihre Autonomie sehenden Auges abtreten, anstatt sie durch eigenes Verschulden zu verlieren und sich dann zu wünschen, sie hätten es nicht getan. Ein zentrales Essay des Buches, „Unbeabsichtigte Abtretung“, untersucht die Art und Weise, wie dies wahrscheinlich zustande kommt. Selten ist der Widerstand dagegen; wie David Hume mit seinem gewohnt scharfsinnigen Urteilsvermögen uns sagt, resultiert der Gehorsam gegenüber der Regierung nicht aus eindeutiger Zustimmung, sondern aus Duldung.28

Antony de Jasay

26 Jasay (2018): Der Staat. [S]

27 Orwell (2021), S. 33. Und nachdem die Tiere eine egalitäre Gesellschaft errichtet hatten, mussten sie erkennen, dass Machtungleichgewicht die Quelle des Übels ist: „Alle Tiere sind gleich, aber einige sind gleicher als andere“, ebenda, S. 117. Wo sich alle Macht in den Händen einer Partei konzentriert, erweist sich das Gleichheitsversprechen in der Praxis als totalitäre Ungleichheit. [S]

28 „[…] den Hauptzweck der Obrigkeit [bildet] die Nötigung der Menschen zur Einhaltung der natürlichen Rechtsnormen. […] ihre genaue Einhaltung muss als Wirkung der Einrichtung einer Obrigkeit angesehen werden, und nicht umgekehrt der Gehorsam gegen die Obrigkeit als Wirkung der Verbindlichkeit eines Versprechens“, Hume (2004, 1739), S. 532. [S]

Teil 1 – Ist Gleichheit überlegen?

1. Gleichheiten, soziale Gerechtigkeit und der indische Seiltrick29

Dimensionen des „Egalitarismus“

Wortpaare wie gut – schlecht oder gerecht – ungerecht sind hierarchisch, das erste Wort ist dem zweiten selbstverständlich überlegen. Das Paar gleich – ungleich ist nicht hierarchisch, und gleich ist nicht selbstverständlich „besser“ als ungleich. Gleiche Anteile in einer Verteilung werden gewöhnlich als einfache Gleichheit verstanden, „jedem das Gleiche“. Bei relativer Gleichheit, „jedem nach seinen …“, hängt der Anteil von irgendeiner Bezugsvariablen ab, z. B. Arbeit, und bei zusammengesetzter Gleichheit sind sowohl die Anteile eines Empfängers als auch die gesamte Verteilung eine Funktion von mehreren Variablen, z. B. Arbeit, Fähigkeit, Dauer der Betriebszugehörigkeit, Verantwortung, Kapital usw. Die Verteilung gilt als gleich, wenn sie der charakteristischen Funktion einigermaßen genau entspricht. Diese Funktionen entsprechen gerechten Verdiensten. Relative und zusammengesetzte Anteile müssen in einem geordneten Verteilungsmuster zu den Beiträgen der Verteilungsempfänger konvergieren. Ein solches geordnetes System kann nach dem Maßstab der einfachen Gleichheit durchaus als höchst inegalitär erscheinen. In Ermangelung eines selbstverständlichen obersten Ranges der Gleichheit, wurden viele Theorien aufgestellt, um ihren überlegenen Wert zu begründen. Diese Theorien sind entweder ethisch oder aus vermeintlichen Tatsachen des Lebens (z. B. der genetischen Selektion) abgeleitet. Bei näherer Betrachtung sind ihre Argumente zirkulär, irrational oder basieren auf veralteten Fakten und lassen die moralische oder praktische Überlegenheit von gleich über ungleich oder umgekehrt bestenfalls unentschieden zurück. Egalitäres Denken triumphiert jedoch, da es stillschweigend Gleichheit mit sozialer Gerechtigkeit identifiziert. So wie Gerechtigkeit der Ungerechtigkeit überlegen ist, so muss die soziale Gerechtigkeit der sozialen Ungerechtigkeit überlegen sein. In diesem Vorschlag gibt es eine aufschlussreiche Parallele zu dem berühmten indischen Seiltrick: Der Zauberer wirft ein Seil in die Luft; das Seil bleibt senkrecht und trägt das Gewicht der daran hochkletternden Person. Wie die Konsumenten der egalitären Theorie sind auch die Zuschauer überzeugt.

Die Bedeutung der „sozialen Gerechtigkeit“

Was ist soziale Gerechtigkeit? Eine mögliche Antwort ist, dass sie ein Werturteil über einen Zustand oder eine Handlung ist. Es können jedoch beliebig viele Werturteile über denselben Status quo oder dieselbe Handlung gefällt werden. Dasselbe gilt für die gewöhnliche Gerechtigkeit, mit der Ausnahme, dass gewöhnliche Urteile, die nicht mit dem Regelwerk übereinstimmen, welches die Gerechtigkeit in einer bestimmten gesellschaftlichen Ordnung definiert, als ungültig verworfen und nicht durchgesetzt würden. Soziale Urteile können nicht als gültig oder ungültig eingestuft werden, weil es im Unterschied zur gewöhnlichen Gerechtigkeit kein Regelwerk der sozialen Gerechtigkeit gibt, dem die soziale Gerechtigkeit gehorchen oder gegen das die soziale Gerechtigkeit verstoßen kann. Wie andere Werturteile können Urteile über die soziale Gerechtigkeit nicht gültig behaupten, dass sie wahr oder falsch sind, wenn es keine Regeln gibt, die definieren, was sozial ungerecht ist.

Ein Versuch könnte gemacht werden, dieser Schwäche der Werturteile zu entkommen, indem die Bandbreite der Urteile zwischen zwei absoluten Extremen begrenzt wird. Das eine Extrem, das Paradies, ist so gut, wie es sein kann, und wenn es als solches beurteilt wird, muss das Urteil Wahrheitswert haben. Das andere Extrem, die Hölle, ist so schlecht wie möglich, und wenn es als solches beurteilt wird, muss das Urteil Wahrheitswert haben. Alle Zustände des realen Lebens können dann danach verglichen werden, wie nahe sie den Extremen sind. Solche Vergleiche würden, so wird angenommen, einen begrenzten, aber unbestreitbaren Wahrheitswert tragen. Diese Art der Argumentation scheint der Position in der modernen Nutzentheorie zugrunde zu liegen, in der ein Wohlfahrtsurteil einen größeren Wert als ein anderes anzeigen kann, weil jedes einen hinreichend beschreibenden Inhalt hat, um ihm einen Wahrheitswert zu verleihen. Dieser Fluchtweg scheint jedoch eine Sackgasse zu sein. Jedes Werturteil hat irgendeinen beschreibenden Inhalt, der den zu beurteilenden Gegenstand identifizieren muss. Diese offensichtliche Tatsache reicht nicht aus, um alle Werturteile in Aussagen über feststellbare Tatsachen zu verwandeln. Sie bleiben subjektive Beurteilungen, die in bescheidenem Maße mit konkurrierenden Beurteilungen koexistieren müssen.30

Eine andere mögliche Antwort ist diejenige, die tatsächlich und fast instinktiv von der Hauptstromtheorie der sozialen Gerechtigkeit gegeben wird. Sie kann sich nicht mit der Alltagssprache zufriedengeben, in der soziale Gerechtigkeit das ist, was sozial gerecht ist, so wie Fairness31 das ist, was fair ist. Sie muss soziale Gerechtigkeit zumindest mit einer Regel ausstatten, der sie entspricht und gegen die Ungerechtigkeit verstoßen würde. Diese Regel ist die Gleichheit in den Verteilungen. Auch wenn dies ein grobes und übermäßig einfaches Konzept ist, reicht es aus, der sozialen Gerechtigkeit einen Status als beschreibende Aussage zu geben, die wahr oder falsch sein kann, weil Gleichheit und Ungleichheit beschreibende Vorstellungen sind. Wie jedoch im Folgenden argumentiert werden wird, sind „gleich“ und „ungleich“ nicht hierarchisch, das eine ist dem anderen nicht selbstverständlich überlegen; ihre ethische Rangfolge oder ihr wohlwollender Einfluss wird durch den Sachverhalt entschieden. Wäre jedoch Gleiches manchmal besser als Ungleiches und manchmal schlechter, dann könnte Gleichheit unmöglich als die Regel dienen, die soziale Gerechtigkeit mit einem soliden Inhalt füllt. Es wird notwendig, zumindest einen schlüssigen Grund zu finden, warum Gleichheit unter allen Umständen über der Ungleichheit stehen und damit der sozialen Gerechtigkeit einen dauerhaften Inhalt verleihen muss.

Die Suche nach einem solchen Grund wird in diesem Essay kritisch hinterfragt.

Die Lösung des Suchproblems erweist sich letztlich als die Umkehrung der Argumentationsreihenfolge: Da „gleich“ sozial gerecht und „ungleich“ sozial ungerecht kennzeichnet und gerecht ungerecht überlegen ist, muss die Gleichheit über die Ungleichheit gestellt werden. Das ist gleichbedeutend damit, dass das Seil in den Himmel geworfen wird und senkrecht stehen bleibt.

Mehrere Gleichheiten

Dies ist ein Essay im buchstäblichen Sinne des Wortes. Es ist ein Versuch, Wege zu erkunden, um Antworten auf Fragen zu finden, die umstritten sind und vielleicht sogar keine endgültigen Antworten haben. Am wichtigsten ist vielleicht, dass sich ihnen zugeschriebene, konventionell vereinbarte Antworten als nicht haltbar erweisen, wenn sie mit elementarer Logik geprüft werden.

Die Fragen drehen sich um mehrere Gleichheiten sowie um die unpräzisen, aber eng miteinander verbundenen Auffassungen von sozialer Gerechtigkeit. Sie verdienen eine genaue Überprüfung nicht so sehr wegen ihres intrinsischen intellektuellen Interesses, das kaum überragend ist, sondern vielmehr, weil sie ein Thema sind, mit dem sich die Gesellschaft als Ganzes am intensivsten beschäftigt und das als Antriebsmotor für das politische Handeln dient.

Wir sprechen von gleichen Freiheiten, gleichen Rechten, gleichen Chancen und natürlich von gleichen Anteilen an dem Guten und dem Schlechten, die das Leben und die Regeln, denen es folgt, immer wieder unter uns verteilen. Einige dieser Gleichheiten sind konzeptionell locker und offen für konkurrierende Interpretationen. Chancengleichheit ist eine davon. Einige sind nur Bestätigungen und in der Tat überflüssige Wiederholungen dessen, was grundlegendere Konzepte implizieren und grundlegendere Regeln ohnehin erfordern.

Meiner Ansicht nach fallen gleiche Freiheiten und gleiche Rechte in diese Kategorie. Sie werden hier nicht berührt. Die meisten der folgenden Argumente werden sich mit der Gleichheit der Anteile für die Empfänger bei der Verteilung erwünschter (oder unerwünschter) Entitäten wie Geld, Eigentum, Arbeit, Optionen oder Verpflichtungen befassen. Die Verteilung muss quantitativ spezifiziert und der Empfängerkreis klar abgegrenzt werden. Die verteilten Entitäten müssen einen gemeinsamen Nenner haben und hinreichend teilbar sein.

Bei der einfachen Gleichheit erhält jeder Empfänger den gleichen Anteil; „jedem das Gleiche“. Bei der relativen Gleichheit hängt der Anteil eines jeden von einer Bezugsvariablen ab, die definiert, wer derjenige ist und was derjenige in dieser Eigenschaft tut. Zum Beispiel kann der Empfänger eine Krankenhausschwester sein und ihr Anteil hängt nur davon ab, wie viele Stunden sie in einer Woche gearbeitet hat. Die abhängige Variable, ihr Lohn, kann eine lineare Funktion der unabhängigen Variablen, ihrer Arbeitsstunden, oder eine nichtlineare, d. h. degressive oder progressive, Funktion sein. Die relative Gleichheit reagiert auf die Reihenfolge „jedem nach seinen …“. Bei der zusammengesetzten Gleichheit hängt der Anteil eines jeden, wie auch die gesamte Verteilung, von mehreren Variablen auf verschiedene Weise ab. Die Krankenhausschwester wird wahrscheinlich nach ihrer Qualifikation, ihrer Dauer der Betriebszugehörigkeit und den Arbeitsstunden bezahlt. Das Krankenhaus, eine verteilende Institution, hat eine Lohnliste, die von einer noch größeren Anzahl unabhängiger Variablen abhängt, darunter der Status jeder Klasse seines Personals, ihre Qualifikationen, die Verantwortung, die sie tragen, der Umfang ihrer Arbeit und vielleicht noch einige andere, weniger offensichtliche Variablen. Alle derartigen multivariablen Verteilungen können bequem als „zusammengesetzt“ bezeichnet werden. Die Wirtschaft eines Landes ist das eloquenteste Beispiel für eine zusammengesetzte Gleichheit. Die zusammengesetzte Gleichheit zeigt, dass ein Aggregat, das eine entschieden ungleiche und vielleicht recht ungeordnete Musterverteilung aufweist, in Wirklichkeit eine Reihe einfacher, relativer und zusammengesetzter Gleichheiten in sich birgt, die den größten Teil oder das gesamte Aggregat ausmachen können.

Mit Gleichheit ist in der Alltagssprache des allgemeinen und auch des politischen Diskurses fast ausschließlich die einfache Gleichheit gemeint. Die Literatur der politischen Philosophie neigt ebenfalls dazu, die relative oder funktionale Gleichheit zu ignorieren und konzentriert sich auf die einfache Gleichheit, als ob die einfache Gleichheit allein politisch relevant und ethisch normal wäre, als ob ihr Status als Norm festgelegt wäre.

Einige der Argumente gegen die einfache Gleichheit sprechen auch gegen die relative Gleichheit, aber nicht alle. Eine getrennte Behandlung der beiden sollte die Gefahr einer Verwechslung aus dieser Quelle mindern.

Einfache Gleichheit: Jedem das Gleiche

Ist Gleichheit selbstverständlich überlegen?

Gut – schlecht, befriedigend – unbefriedigend, reichlich – knapp, gesund – schlecht, stark – schwach, angemessen – ungenügend, wahr – falsch, ehrlich – unehrlich usw. usw. …

In jedem dieser Paare rangiert das erste Mitglied selbstverständlich über dem zweiten. Dies gilt sowohl für die individuelle als auch für die gesellschaftliche Präferenzordnung (wenn man zulässt, dass letztere in einer sinnvollen Form vorliegt), sowie für die Bewertungen durch den „unparteiischen Beobachter“. Wenn die Moral als unabhängig von Präferenzen gedacht werden soll, sollte man auch sagen, dass die ersten Mitglieder dieser Paare den zweiten moralisch überlegen sind. Die Selbstverständlichkeit macht alle weiteren Argumente für die Rangfolge überflüssig und fehl am Platz. Es ist einfach idiotisch, zu fragen, ob „gut“ besser ist als „schlecht“, „angemessen“ besser als „ungenügend“.

Ist gleich – ungleich ein Paar wie die oben genannten Paare? Auf die Frage, warum „gleich“ besser ist, würden die wenigsten Menschen die Frage für schlichtweg idiotisch halten. Offensichtlich ist sie es nicht, auch wenn einige der angebotenen Antworten durchaus so angesehen werden können. Viele gewöhnliche Menschen würden mit Zuversicht behaupten, dass gleich gerecht ist, ungleich ungerecht ist, als wäre dies selbstverständlich, daher eine Antwort, die weder ein Argument erfordert noch Raum für Argumente lässt. Die List, einfach das nicht selbstverständlich bessere „Gleiche“ mit dem selbstverständlich besseren „Gerechten“ zu identifizieren und die Angelegenheit dabei zu belassen, wird kaum wissentlich übernommen, ist dafür aber umso wirkungsvoller, wie viele andere Überzeugungen, deren einzige Stütze darin besteht, dass sie aufrichtig vertreten werden.

Viele egalitäre Akademiker verderben diese Wirkung bis zu einem gewissen Grad, indem sie Gerechtigkeitstheorien konstruieren, die meist ausgefeilte Argumente sind, die als Brücken von der Gleichheit zur Gerechtigkeit oder umgekehrt dienen sollen. Aber Versuche, einen metaphysischen Glauben zu beweisen, dienen ihnen nicht gut.

Was egalitäre Theorien zeigen, ist, dass „Gleichheit“, die nicht selbstverständlich besser ist als „Ungleichheit“, Gründe braucht, um sie als besser zu betrachten. Argumente sind immer umstritten, immer potenzielle Opfer von Gegenargumenten. Argumente, die frei von empirischen Aussagen sind, so sehr sie auch unsere Sympathie oder unsere Verachtung anziehen mögen, bleiben letztendlich unschlüssig und rollen in einer Debatte mit, die nur durch Langeweile und ein Gefühl der Irrelevanz beendet werden könnte. Die Überwindung dieses Verhängnisses würde einen wundersamen Beweis erfordern, dass „gleich“ selbstverständlich besser ist als „ungleich“.

Nichts davon ist allgemein anerkannt. Der gegenwärtige Gebrauch sowohl in der Alltagssprache als auch im akademischen Diskurs besteht darin, „Ungleichheit“ als abwertendes Wort zu verwenden und impliziert damit unwissentlich eine Selbstverständlichkeit der zugrunde liegenden Bewertung. Diejenigen, die es so verwenden, würden bei der Rückschau sehr wahrscheinlich zugeben, dass es unklug ist, „ungleich“ mit „schlecht“ gleichzusetzen, aber schlampiges Denken, Leidenschaft und Angewohnheit versperren den Weg zur Rückschau.

So wird die beschleunigte Globalisierung des letzten Vierteljahrhunderts von vielen angesehenen Ökonomen als eine Hauptursache für das beispiellose Wachstum der globalen Ausbringung (was der Fall ist) kommentiert, aber auch als eine Ursache für die Verschiebung von Faktoranteilen zugunsten des Kapitals und zum Nachteil der Arbeit, für die steigende Ungleichheit zwischen Arm und Reich (die zwar anfechtbar ist, aber durch den geschickten Einsatz von Statistiken als „wahr bewiesen“ werden kann). Eine größere Ausbringung ist gut, eine größere Ungleichheit ihrer Verteilung ist schlecht, und die Globalisierung ist gut oder schlecht, je nach dem Gleichgewicht zwischen dem Guten und dem Schlechten, das sie hervorbringt. Die dialektische Übung beruht auf einer unausgesprochenen Bekräftigung der Selbstverständlichkeit; man muss nicht argumentieren, dass Ungleichheit schlecht ist. Es genügt, sie bei ihrem Namen zu nennen. Da der Punkt einfach subsumiert und überhaupt nicht bemüht wird, wird er weithin als etwas Selbstverständliches akzeptiert.

Die jüngsten und aktuellen Debatten über Vorschläge zur Reform des Hochschulwesens nehmen die gleiche dialektische Form an. Die Vorschläge versprechen positive Auswirkungen auf die Hochschulverwaltung, die Abbrecherquote, die Personalauswahl und -anreize, die Noteninflation usw. Sie haben die Förderung von Exzellenz, also von Ungleichheit, als eines ihrer Ziele, und werden daher immer wieder als Verstärkung der Ungleichheit diagnostiziert und verurteilt. Niemand hat das Bedürfnis zu fragen, warum „Ungleichheit“ in diesem oder in jedem anderen Kontext als ein offensichtliches, anerkanntes Negativum behandelt wird, dessen Schlechtigkeit sich von selbst versteht. Andere Beispiele für die Praxis des Zirkelbeweises, „Ungleichheit“ als ein von allen akzeptiertes abwertendes Wort zu verwenden, könnten aufzählt werden, aber sie scheinen mir das Argument nicht überzeugender zu machen.

Die Debatte zwischen Gleichheit und Ungleichheit könnte nur dann entscheidend zugunsten der Gleichheit beendet werden, wenn das Argument zeigen würde, dass der Grund, warum die Ungleichheit vorzuziehen oder in einem anderen Sinne überlegen ist, selbst ein selbstverständlicher Grund ist. Es würde nicht ausreichen, wie bisher zu argumentieren, dass Ungleichheit verursachende Faktoren, weil sie „moralisch willkürlich“32 sind, deshalb kein Gewicht bei der Entscheidung über eine Verteilung haben sollten, die gerecht wäre, weil sie einstimmig als gleich vereinbart wurde. In dieser Argumentationskette ist die Gleichverteilung gerecht, weil sie vereinbart ist, aber der Grund, warum dies geschieht, hängt von der willkürlichen Annahme ab, dass Ungleichheit das Produkt moralischer Willkür ist und dass sich fair gesinnte Parteien einer ausgehandelten Verteilung weigern würden, moralisch willkürliche Faktoren zu berücksichtigen. Es gibt keinen selbstverständlichen Grund, warum alle fair gesinnt sein sollten, oder warum, wenn sie es wären, moralische Willkür (und nicht Unmoral, ein Verstoß gegen selbstverständliche moralische Regeln) in ihren Augen eine Verteilung disqualifizieren und sie zur Wahl einer anderen Verteilung bewegen sollte.33

Moralische Willkür scheint aus einem von zwei Gründen abgelehnt zu werden. Der eine ist, dass Willkür ipso facto schlecht ist. Mit ein wenig gutem Willen könnte dies als plausibles Axiom akzeptiert werden. Der andere Grund ist, dass es unfair ist, ein Urteil, das durch die Definition von „Fairness“ als die Eigenschaft einer von moralischer Willkür bereinigten Verteilung erreicht wird (die John Rawls bei der Schaffung seiner „ursprünglichen Position“34 [Urzustand] durch das Mittel des Schleiers des Nichtwissens erreicht hat). Diese Argumentation ist offensichtlich zirkulär. Andere, weniger verworrene Argumente tendieren auch dazu, die Überlegenheit der Gleichheit auf irgendeinem metaphysischen Grund zu versuchen und zu begründen. Dementsprechend können sie immer durch andere metaphysische Argumente entgegnet werden, ohne dass eine der beiden Seiten eine Vermutung oder gar eine Schlussfolgerung zu ihren Gunsten schafft. Allerdings behaupten die Bemühungen sowohl mit als auch ohne Rückgriff auf irgendeinen vorrangigen Grund weiterhin den dominanten Rang der Gleichheit.

Begünstigen ethische Urteile die Gleichheit?

Da die Selbstverständlichkeit für den höheren Rang der Gleichheit fehlschlägt, ist die zweite Verteidigungslinie der Gleichheit metaphysisch. Es muss ein ethisches Urteil über die Rangfolge der Verteilungen gefällt werden. Obwohl solche Urteile keinen Anspruch auf Wahrheit oder Falschheit erheben und ein Urteil zugunsten der Gleichheit nicht mehr gilt als ein Urteil zugunsten der Ungleichheit, gibt es wohlbekannte Argumente für Ersteres, die darauf abzielen, das egalitäre Urteil plausibler zu machen als sein Gegenteil.

Eine radikal einfache Version davon ist die leere Behauptung, dass Gleichheit fair, Ungleichheit unfair ist. Da es für „Fairness“ keine von der Gleichheit selbst unabhängige, akzeptierte Definition gibt, wird die Aussage „Gleichheit ist fair“ unter Druck zu „Gleichheit ist gleich“ und wird zu Recht als eine kaum verhohlene Tautologie abgewiesen.

Gleichheit ist fair, weil sie nicht moralisch willkürlich ist, moralische Willkür, die unfair ist – die Verteidigung des ethischen Urteils –, wird auf bloße Zirkularität reduziert. Ein traditionellerer Ansatz zur Beeinflussung des ethischen Urteils zugunsten der Gleichheit ist weitgehend utilitaristisch. Den Ansatz gibt es in zwei Arten. Die eine Art appelliert an die Wahrnehmungen des Richters, wenn er den „Schmerz und die Lebensfreude“35 beobachtet, die die Empfänger aus einer Verteilung davon erhalten. Der Richter verlässt sich dabei auf das Einfühlungsvermögen. Die andere Art appelliert an die Präferenzen der Empfänger selbst, wobei der Richter keine andere Rolle spielt, als das zur Kenntnis zu nehmen, was die Empfänger als ihre Präferenz erklären. Bei der ersten Art der Überzeugungsansatzes stellt der Richter, ein „unparteiischer Beobachter“, fest, dass reiche Menschen weniger von dem, wonach sie streben, aus einer zu verteilenden Einheit eines Gutes ableiten als arme Menschen. Die Entität, die sie alle suchen, ob sie nun als Zufriedenheit, Glück oder Wohlbefinden identifiziert wird, soll vereinheitlicht und als „Nutzen“, ein metaphysisches Konstrukt, bezeichnet werden. Die Tatsache, dass der reiche Mensch weniger Nutzen aus einer Einheit eines Gutes zieht als der arme Mensch, kann bedeuten, dass der Nutzen des Reichen in einem kleineren Verhältnis an sich selbst steigt als das des Armen; bei dem Ersteren mag sein Nutzen um ein Millionstel steigen, bei dem Armen um ein Zehntel. Wie sehr dies den Richter zugunsten einer Veränderung der Verteilung zugunsten der Armen beeinflussen mag, so kann er nicht aufrichtig sagen, dass die Zunahme des „Nutzen“ des Reichen um ein Millionstel geringer ist als die Zunahme des „Nutzen“ des Armen um ein Zehntel, geschweige denn um wieviel. Die beiden können nicht zueinander addiert oder voneinander subtrahiert werden.36 Weder Niveau- noch Differenzvergleiche machen Sinn, wenn die „Nutzen“ der beiden Personen sich nicht entsprechen. Sie werden sich entsprechend gemacht, indem man in der Tat annimmt, dass sie es sind, denn, wie Jeremy Bentham einmal reuevoll bemerkte, ansonsten kommt „alle praktische Vernunft zum Stillstand“37, und der „unparteiische Beobachter“ kann nicht sagen, dass eine Verteilung besser ist als eine andere, ohne seine Unparteilichkeit aufzugeben.

Formal (wenn auch nicht inhaltlich) kann das Argument durch die Vorstellung einer Version des Nutzens gestützt werden, die angemessen ist und „praktische Schlussfolgerungen“38, d. h. sowohl Niveau- als auch Differenzvergleiche, zulässt. Sich entsprechende Nützlichkeit mag nur in der Vorstellung existieren, aber ähnlich wie das Flügelpferd [Pegasus] oder der Zaubertrank ermöglicht sie es, eine verführerische Geschichte bis zu ihrem vorherbestimmten Ziel zu erzählen. Aufgrund all dieser etwas extravaganten Annahmen urteilt der Richter, dass die Summe der sich entsprechenden „Nutzen“ bei der Verteilung einer Einheit des auszuteilenden Gutes steigt, wenn eine Person, die einen großen Anteil an der Verteilung hat, diese Einheit entzogen bekommt und sie einer Person gegeben wird, die einen kleineren Anteil hat. Alle Transfers von Arm zu Reich werden diese Wirkung haben. Natürlich wird die Summe der „Nutzen“ ein Maximum erreichen, wenn keine Ungleichheiten in den Anteilen verbleiben und keine weiteren „Nutzen“-verstärkenden Transfers vorgenommen werden können.

Bei der anderen Art des ethischen Urteils sind es die Teilnehmer, die durch ihr Verhalten zeigen, dass sie eine gleiche Verteilung wünschen. Jedoch – ein wichtiger und meist nur impliziter Vorbehalt – müssen sie dies einstimmig wollen, es sei denn, ein gesondertes ethisches Urteil verfügt, dass Minderheiten zustimmen, sich den Mehrheiten ohne Androhung von Gewalt zu unterwerfen.

Die Empfänger würden alle eine Wette auf die gleichwertige Chance auf den Gewinn und den Verlust einer Geldsumme ablehnen. In einem Gedankenexperiment werden sie mit der gleichen Wahrscheinlichkeit konfrontiert, in einem der „gesellschaftlichen Nischen“ zu leben – „Nischen“ für die Reichen, die Armen und die dazwischen –, die eine Gesellschaft ausmachen. Da sie Wetten mit gleichwertiger Chance ablehnen, lehnen sie auch die gleichwertige Chance auf einen reichen und einen armen „Nischen“ ab und urteilen, dass sie eine Gesellschaft der Gleichheit bevorzugen, in der alle „Nischen“ gleich sind.

In einer etwas anderen Version, die mit einer ungleichen Verteilung beginnt, bevorzugen diejenigen mit einem Anteil unter dem Mittelwert eine Umverteilung, die ihren Anteil in Richtung des Mittelwertes erhöht. Entgegen der Einsicht wollen auch diejenigen mit einem Anteil über dem Mittelwert die gleiche Umverteilung, die ihren Anteil in Richtung des Mittelwertes reduziert. Der vermeintliche Grund dafür ist, dass sie die Zukunft in einen „Schleier der Ungewissheit“ gehüllt sehen und glauben (müssen wir seltsamerweise anmerken), dass ihr zukünftiger Anteil ohne eine Umverteilung mit gleicher Wahrscheinlichkeit unter wie über dem Mittelwert liegen würde.