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Ein breites Spektrum von fast vergessenen Ereignissen fügt sich zu einer weitverzweigten Familiengeschichte zusammen. Aus Erinnerungen und Nachforschungen entsteht eine persönliche, manchmal ironische, und doch zeitgeschichtliche Aufarbeitung faschistischer Bedrohungen der Kupelwieser- und Wittgenstein-Dynastien bis hin zu NS- Netzwerken und ihren geheimen militärischen Projekten in den Alpen. Geißlhofer taucht wie in einem Film tief in diese gefahrenvollen Situationen ein und erkennt die Umstände, die das knappe Überleben seiner Familie bewirkt haben. Ein Lehrbeispiel über die Auswirkungen abstruser Rassentheorien.
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Seitenzahl: 188
Veröffentlichungsjahr: 2015
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Widmung
Der Kältesee
Nachforschungen
Versuch einer Rekonstruktion
Anpassung an die Verhältnisse
Brioni und Mussolini – Enteignung auf Italienisch
Die Gorodetzkys auf der Flucht vor Pogromen
Willy Mathes und der „Volkszorn“
Dora Kupelwieser und der Bruchpilot
Der erste Weltkrieg in Briefen
Nachwort zur „unendlichen“ Geschichte
Impressum
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.
© 2017 united p. c. Verlag
ISBN Printausgabe: 978-3-7103-2444-4
ISBN e-book: 978-3-7103-2509-0
Umschlagfoto: pixabay.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz:united p. c. Verlag
Innenabbildungen: Hans Geißlhofer
www.united-pc.eu
Widmung
Für Boris Gorodetzky, den Bruder meiner Großmutter, deportiert und ermordet in Riga, 1942
…und für Rudolf Obendorfer, Leiter der Widerstandsgruppe Erlauftal, am 8.5.45 zu Kriegsende in Lunz am See ermordet.
Der Kältesee
Mein Gedächtnis gleicht einem tiefen See. Wie der Lunzer See, wo ich geboren wurde. Meistens behindern die Wellen die Sicht bis auf den Grund. Wenn der See ruhig ist und man ganz konzentriert und meditativ versunken hineinschaut, erscheinen einem ganz langsam schon vergessen geglaubte Erinnerungen.
Manchmal ist der See auch zugefroren, wie an jenem Dezembertag, als bei meiner Mutter nachts im Schloss die Wehen einsetzten. Der Landarzt steckte im Schnee fest und ich im Gebärkanal. Meine Tante und eine Hebamme halfen die ganze Nacht mit allen Kräften.
Derselbe Arzt war 12 Jahre vorher an der Verhaftung eines Onkels im Schloss beteiligt gewesen, als dieser die Hakenkreuzfahne heruntergerissen und bei der Abstimmung über den „Anschluss“ mit „Nein“ gestimmt hatte. So blieb mir seine Gesellschaft in meinen ersten Stunden des Lebens wegen der Schneeverwehungen immerhin erspart.
So wie der See zufriert, so können auch Erinnerungen wegtauchen. Aber irgendwann taut er wieder auf, und das Wasser tritt hervor.
So auch meine nicht ganz vergessenen Kindheitsereignisse. Gewisse Gegenstände oder diffuse Gefühle und Gedanken können abgebrochene Zusammenhänge wiederherstellen, aber nicht auf Knopfdruck, sondern durch langes Sinnieren und Überlegen.
Was versteht ein Kind von dem, was die Erwachsenen so daherreden? Kann es politische Ereignisse, die es selber nicht erlebt hat, irgendwie einordnen?
Als ich geboren wurde, war der 2. Weltkrieg schon 5 Jahre zu Ende. Die Auswirkungen waren noch überall zu spüren. Halb Wien bestand immer noch zur Hälfte aus zerbombten Ruinen. Die Industrien hatten sich noch nicht ganz von den Zerstörungen erholt.
Der Wiederaufbau war bei uns im Raum St. Pölten erst langsam in Schwung gekommen. Die Mechanisierung der Landwirtschaft hatte auch noch nicht eingesetzt.
Im Bauernhof meines Vaters, südöstlich von dieser Stadt arbeiteten deshalb viele Taglöhner. Mein Vater hatte den Hof gerade erst übernommen und führte ein strenges Regiment.
Mein Vater mit seinem besten Zuchtstier (Nachlass meiner Mutter)
Meine Mutter kam aus einer Familie von Großindustriellen, die über die Weltkriege und die Wirtschaftskrise einen guten Teil ihres Vermögens verloren hatte. Sie arbeitete besonders fleißig überall mit, obwohl sie in einer Wiener Nobelvilla aufgewachsen war. Im vormals familieneigenen Gut Kyrnberg hatte sie knapp vor dem „Anschluss“ nach der Matura ein landwirtschaftliches Praktikum absolviert.
Jetzt führte sie noch den Haushalt am Hof und half im Stall und auf den Feldern meines Vaters mit.
In der Küche gab es ein hölzernes Röhren-Radio. Wenn die Nachrichten kamen, gab es immer Anlass über Politik zu diskutieren. Das erzeugte meistens eine unverhohlene Wut meines Vaters auf „die Politiker“, die er allesamt als „Lumpen und Falotten“ bezeichnete.
Dann kam aber auch manchmal die Rede auf den überstandenen Krieg, die Not, den Hunger, die Bombenangriffe usw. Wenn ein Flugzeug über unseren Hof flog, waren wir Kinder stets begeistert, liefen über den Hof und schrien „Fluuuugzeug“, während meine Eltern immer noch die Angst vor den drohenden Bomben spürten.
Aber da war noch was Geheimnisvolles, Unverständliches, ein Problem das mit unserer Abstammung und einer ganz persönlichen lebensgefährlichen Bedrohung zu tun hatte. Sie war zwar überstanden, aber saß meiner Mutter noch in allen Knochen, und es wurde oft darüber heftig diskutiert, über Dinge, die ich als wichtig empfand und verstehen wollte, aber eben noch nicht verstand.
Warum ereiferte man sich ununterbrochen über den Krieg, diese blöden Nazis und diesen vertrottelten Herrn Hitler, der alle in irgendwas Schreckliches hineingehetzt hatte? Viele Leute seien damals umgekommen, man hätte nur mit Mühe überlebt?
Ich fragte mich nur, wie das ist, wenn man tot ist? Spürt man dann wirklich nichts mehr? Und warum führen die Menschen Krieg? Haben sie sonst nichts Wichtigeres zu tun?
Man beteuerte aber immer wieder die eigene Unschuld.
Was hatte dieser Hitler mit meinen Verwandten angestellt? War er auch so einer von diesen Politikern gewesen, die mein Vater so verabscheute? Aber er war ja nicht einmal ein König, und schon gar kein Kaiser gewesen. Und warum war ich nur ein Bauernbub und mein Vater kein Kaiser? Aber meine Mutter hatte ein Schloss, obwohl sie jeden Tag die Kühe melken musste. War sie vielleicht eine verzauberte Prinzessin? Und der Hitler der böse Magier? Und der quakende Frosch an unserem Brunnen war vielleicht ein verwunschener Prinz?
Seit 12 Jahren verbringe ich viel Zeit in Archiven und forsche im Internet. Jetzt, 60 Jahre später, kommt mir alles wieder in den Sinn, und Kindheitserinnerungen frischen wieder auf und verbinden sich mit dem Studium der lokalen Zeitgeschichte zu einem ganz persönlichen Familiendrama, das mich einfach nicht mehr loslässt.
Was war vor meiner Zeit? Wie und wo wurde ich gestrickt?
Manchmal frage ich mich, wie viele Samen- und Eizellen in wie vielen mehr oder weniger liebevollen Vereinigungen notwendig waren, damit ich in einer ganz bestimmten Zeit nach dem Urknall aus einem nach und nach immer mehr belebten Sternenstaub als eigenes Wesen in dieser Welt erscheinen konnte? Wie viele Männer und Frauen aus wie vielen Kulturen und Gesellschaftsschichten an meiner spezifischen DNA mitgestrickt haben?
Die Mutter als einfache Bäuerin (Nachlass meiner Mutter)
Wenn man nur mal vom Steinzeitmenschen vor etwa 20 000 Jahren ausgeht, wären das 800 Generationen, weil dividiert durch 25 Jahre als Mittel einer Generation, d.h. 800 Vereinigungen in Hochzeits- oder anderen Nächten, in unterschiedlichsten Variationen von unterschiedlicher Dauer, Intensität, mehr oder weniger grob oder zärtlich, ruck-zuck oder verschämt-verspielt.
Wenn man in einem Film nur 3 Minuten für jede dieser, für meine Entstehung entscheidenden Begegnungen in allen diesen Generationen, vom Verlieben zu Heirat, Zeugung, Schwangerschaft und Geburt auch nur ganz kurz, so wie in einem Werbespot darstellen würde, wobei die Kultur, die Sprache und die Sitten nur gestreift würden, wäre der Film 40 Stunden lang.
Wenn man dann noch eine interaktive Landkarte einblenden könnte, wo die jeweiligen Vermählungen mit GPS Koordinaten lokalisiert würden, dann würde man Punktwolken sehen, die sich über Afrika, Asien und Europa hin und her schieben, und die Wanderungen und Vermischungen meiner Vorfahren nachzeichnen. Für manche Minuten oder auch Stunden würden die Punkte vielleicht an derselben Stelle bleiben, dann aber durch Ereignisse, wie die Völkerwanderung, Klimaverschiebungen, Kriege und Vertreibungen, oder Handels- und Entdeckungsreisen wieder weiterwandern.
In der DNA sind zwar keine GPS Daten gespeichert, heute kann man schon aus den Genen einige Rückschlüsse über diese Wanderungen ziehen. Welche davon machen aber jetzt meine spezifische Identität aus?
Gehör ich zu einer Volksgruppe oder bin ich nicht eine Mischung aus unzähligen Vereinigungen verschiedenster Völker?
Meine Mutter wurde von den Nazis wegen ihrer Vorfahren, nach langem Hin- und Her als Mischling 1. Grades eingestuft. Aber sogar das war noch gefährlich! Was sollte das heißen?
„Dreivierteljuden seien Volljuden“ hatte man uns gesagt, „die müssen ins KZ“ jammerte sie, während sie Holz im Küchenherd nachlegte und die Eintropf-Suppe umrührte.
Ich verstand als kleiner Bub absolut nichts davon. Aber ich merkte mir diese Gespräche doch irgendwie. Weil sie so oft wiederholt wurden, musste es ja was Wichtiges gewesen sein.
Erst viel später wurde mir klar, warum diese Ereignisse bestimmend für die ganze Familie waren, die es möglicherweise ansonsten gar nicht mehr gegeben hätte.
Was war denn hier vor meiner Ankunft alles geschehen?
Ich bin in der Wohnung meiner Großmutter im Schloss Seehof in Lunz am See auf die Welt gekommen
Meine Mutter hatte einen Bauern in Pyhra bei St. Pölten geheiratet, am Hof dort waren die hygienischen Verhältnisse eingeschränkt: kein Fließwasser, ungeheiztes Plumpsklo. Nicht gerade gut geeignet für die Entbindung einer Frau aus besseren Kreisen.
Schließlich ging alles gut und meine Mutter kam mit mir wieder auf den Hof zurück, wo sie sich als bürgerliche „Zugereiste“ krampfhaft bemühte eine „echte“ Bäuerin zu werden.
Bald lief ich im Hof und im Wald herum, spielte mit meinem Hund und freilaufenden Hühnern, bis ich dann müde, schmutzig und hungrig in die Küche zu meiner Mutter kam, wo die Erwachsenen immer so laut über anscheinend so wichtige Dinge aus ihrer Welt redeten.
Mein geliebter Hund Alfi jagt Vögel im Obstgarten (Nachlass meiner Mutter)
Ich konnte nicht wissen, wo ich da hineingeboren war. Warum haderten meine Eltern ständig über diese Ereignisse, warum sagte meine Mama dann oft, irgendwie bedauernd und entschuldigend, „wir konnten ja nicht wissen, was diese Nazis alles anstellen würden. “
Volljuden, Dreiviertel-Juden, Halbjuden, KZ, warum beschäftigte sie das so?
Ich wusste, was ein Viertel Glas Most war. Wir pressten ihn ja selber im Herbst. Ich durfte mithelfen und kostete dann auch davon, wenn er noch ganz süß war.
Aber Dreiviertel, waren das dann drei Gläser voll? Und was waren das für Leute, die Juden? Hatten sie zu viel davon getrunken und einen Vollrausch bekommen, so wie manche Nachbarn im Dorf, die nach dem Kirtag im Straßengraben landeten?
Dass es für meine Mutter eine Frage auf Leben und Tod gewesen war, wer von ihren Großeltern als Jude und wer als „Arier“ eingestuft wurde, konnte ich damals natürlich nicht wissen.
Diese Leute mit langen Bärten, Schläfenlocken und schwarzen Hüten, die nicht in die Kirche gingen, kannte man ja damals nur mehr vom Hörensagen, besonders auf dem Lande. Und dass man diese mysteriösen Menschen dann auch noch in 4 Teile zerlegen und dann wieder zu 3 Teilen einer eigenen „Rasse“ zusammenfügen konnte, überstieg meine mathematischen Fähigkeiten und kindliche Begriffswelt vollkommen.
Ich hatte gerade mal das Einmal-Eins auswendig gelernt:„6x6 ist 36, ist der Lehrer noch so fleißig, sind die Kinder noch so dumm, s’Staberl geht im Kreis herum!“
Von Bruchrechnungen verstand ich nichts, von Zeitgeschichte noch weniger.
Dass dann meine über hunderttausende von Jahren gestrickte DNA um ein Haar abgerissen und ich gar nicht auf der Welt wäre, wenn man meine liebe Mutter deportiert und ermordet hätte, das hatte ich damals beim besten Willen nicht begreifen können. Ich wusste absolut nichts davon:
Dass es da vor 2000 Jahren ein Volk in einem „heiligen Land“ gab, das einen Wanderprediger und Heiler, dem die Leute scharenweise nachgelaufen waren, nicht als den erwarteten Messias anerkannt hatte, dass eine Besatzungsmacht diesen an ein Kreuz genagelt hatte, um ein Exempel zu statuieren, dass man auch mit religiösen Parolen eine Staatsmacht nicht herausfordern darf.
Dass dieselbe Besatzungsmacht einige hundert Jahre später diese Religion, die man als Christentum bezeichnete, als Staatsreligion adoptiert hatte.
Dass mittlerweile das Volk, aus dem dieser verkannte Messias stammte, in alle Winde zerstreut war, aber dennoch sehr streng an seinen Sitten und Gebräuchen festhielt, was ihnen half, weit verzweigte Handelsbeziehungen aufzubauen, während es ihnen aber auch in den Augen der anderen den Nimbus von Geheimniskrämerei und Verschwörern, die es vielleicht nur auf obskure Weise zu Reichtum gebracht hatten, einbrachte.
Genauso wenig wusste ich von den unterschiedlichen jüdischen Wanderungsbewegungen, denen der sephardischen Linie aus Al-Andalus, die friedlich mit Muslimen und Christen gelebt hatten, bevor jene besiegt und vertrieben, und das Volk durch die Inquisition über ganz Europa und Nordafrika verstreut wurde.
Dann war da die askenasische Linie, die aus Mitteleuropa zu Beginn der Kreuzzüge, und während der später wütenden Pest als Sündenböcke nach Polen, Russland, in die Ukraine und nach Rumänien vertrieben wurden, wo sie mit ihrem Kapital zur Entwicklung dieser Länder beitrugen, um dann einige Jahrhunderte später, diesmal nach den Pogromen in Russland, wieder nach Österreich-Ungarn, Deutschland oder Frankreich zurückzukehren, oder auch nach Amerika auszuwandern.
Schon gar nichts wusste ich von den Chasaren, jenem mysteriösen türkisch-mongolischen Volk am Schwarzen Meer, das sich anscheinend vor tausend Jahren zum Judentum bekehrt hatte, obwohl es gar nicht aus Palästina stammte, und aus dem–der Überlieferung nach–ein Teil der Familie meiner Großmutter entstammte.
Diese Großmutter hatte ich sehr geliebt. Leider starb sie, als ich erst 6 Jahre alt war.
Ich war auch nicht darüber im Bilde, dass zur selben Zeit ein arabischer Prophet, Prediger und Stammesfürst in der Wüste eine neue Religion gegründet hatte, die sich rasch ausbreitete und der ebenfalls das sogenannte „heilige Land“ nun beanspruchte, das aber auch den Christen und Juden heilig war, obwohl der gekreuzigte Wanderpredigen der Christen immer wieder betont hatte, dass sein Reich ja gar nicht von dieser Welt sei.
Dass später Fürsten und Päpste, nachdem sie die Juden aus ihrem Lande vertrieben hatten, in dieses Land einfielen, plünderten, raubten, vergewaltigten. Alles angeblich im Namen dieses eher „außerirdischen“ Religionsstifters.
Dass zur selben Zeit die Juden, die aus Europa in den Osten ausgewandert waren, sich dort mit den jüdischen Nachfahren aus diesem geheimnisvollen Chasarenreich vermischt und später eine eigene „jiddische“ Kultur gegründet hatten.
Die „roten Juden“ in einem Glasfenster der Marienkirche in Frankfurt/Oder sollen möglicherweise die Khasaren darstellen, die anscheinendend rothaarig waren und blaue Augen hatten (wikipedia.org/wiki/Rote_Juden).
Als dann die russischen Zaren und Fürsten den Hass auf dieses Volk geschürt hatten und viele von ihnen umgebracht wurden, fanden andere in der damals noch weltoffenen multikulturellen k&k Monarchie eine Zuflucht.
Bis dann ein erster fürchterlicher Krieg verloren war, weshalb viele Einwohner hungerten und sich radikalen Parteien anschlossen.
Wie konnte ich wissen, dass dann eben ein staaten- und arbeitsloser Propagandist mit einem schmalen Bärtchen unter der Nase, wie es auch noch immer viele alte Männer in unserem Dorf trugen, erneut diesen Hass geschürt hatte, und als er dann an die Macht kam, die Vernichtung dieses Volkes als politisches Ziel verkündete.
Und dass meine Mutter, die da am Herd mit einer Hand die Suppe umrührte, und mit der anderen zu den Erzählungen von damals gestikulierte, ebendieser Bedrohung nur knapp entkommen war. Was konnte ich mit meinen 5, 6, oder 7 Jahren nicht alles nicht wissen?
Ich hatte zwar Religionsunterricht in der Schule, hatte die 10 Gebote, die Geschichten von Adam und Eva, Kain und Abel gelernt. Warum durfte Adam keinen Apfel essen, wo wir doch einen ganzen Obstgarten davon hatten und im Herbst gar nicht alle aufklauben konnten? Vor roten Äpfeln hatte ich nur Angst, weil Schneewittchen damit vergiftet worden war.
Aber, dass ich in der Schule so viel lernen, und zuhause auch noch im Stall mithelfen musste, ausmisten, Futter machen und vieles mehr, nur weil diese blöde Kuh von einer Eva dem Adam einen Apfel zugesteckt hat, und ein beleidigter Gott dann beide aus seinem Paradies gejagt hatte, das ging mir überhaupt nicht ein.
Und die Geschichte vom Brudermord des Kainanund Abel war mir auch etwas zu stark, obwohl ich ständig mit meinem Bruder Streit hatte, aber ein paar Stunden später waren wir ja ohnehin wieder versöhnt.
Ich musste alle meine Sünden beichten, mein Gewissen erforschen, zur Kommunion gehen und als Messdiener den Weihrauch schwingen, bis ich davon ganz „high“ war. Dann blieb ich benommen vor allen Leuten am Altar stehen während sich der Pfarrer und die Gläubigen niederknieten.
Ich war von dieser sanften Kirchendroge und dem Singsang ebenso betört und stehend in Meditation versunken. Dafür bekam ich dann in der Sakristei eine Ohrfeige vom Pfarrer, das holte mich etwas unsanft in die Realität der christlich konservativen Erziehungswelten zurück.
Was die Muslime betrifft, so hatten wir nur von den Türken gehört, die einen Pfarrer aus Pyhra an ein Pferd gebunden und zu Tode geschliffen hatten und mit wilden Bärten und Säbel schwingend herumgezogen waren und sogar Frauen aus der Gegend bis nach Istanbul entführten.
Einige kamen dann gegen Lösegeld wieder frei, andere blieben als Sklavinnen dort, weil sich ihre Männer schon wieder mit anderen Damen verheiratet hatten.
Als die Türken dann besiegt wurden und abzogen, war die Gemeinde verwüstet und es fehlte an Bauern. Die Höfe waren zum Großteil verwaist, die Felder lagen brach und kein Zehent konnte mehr an die Pfaffen in den Klöstern abgeliefert werden. Zur selben Zeit war in Tirol eine Hungersnot ausgebrochen, anscheinend als Folge der „kleinen Eiszeit“, einer Klimaschwankung, die vor allem im Gebirge die Almwirtschaft stark getroffen hatte, und wo sich die Gletscher an der Baumgrenze ausbreiteten.
Hier war der Lebensraum der Ziegenbauern, die ihre „Geißen“ dort weideten, wo die Kühe nicht mehr hinkamen. Und so kam die Familie meines Vaters, verarmte Tiroler Ziegenbauern und Zuwanderer als Klimaflüchtlinge vor 300 Jahren auf Vermittlung der Kirche nach Niederösterreich und erhielt einen der leerstehenden Bauernhöfe in Pyhra als Lehen, damit wieder Geld in die Klosterkasse fließe. Auch diese Wanderungen beeinflussten also meine verschlungenen DNA Muster.
Direkt neben der aus Tirol zugewanderten Familie meines Vaters gab es den großen Gutshof von Kyrnberg, der 1891 von Bertha Wittgenstein, Tochter einer reichen Wiener Familie gekauft wurde.
Die Wittgensteins waren eineassimilierte österreichisch-jüdische Industriellenfamilie, deren Wurzeln in der Kleinstadt BadLaaspheim Wittgensteiner Land in Nord-Hessen lagen.
Ein jüdischer Vorfahre hieß Moses Meyer, war Sohn eines Fischhändlers und dann Gutsverwalter,der dort für die Grafen von Sayn-Wittgenstein-Hohenstein gearbeitet hatte, später wurde er dann Wollhändler und musste nach den napoleonischen Gesetzen einen eindeutigen deutschen Familiennamen annehmen, deshalb entschied er sich für den Namen seines Landkreises, dem Wittgensteiner Land. Sein Sohn Hermann Christian Wittgenstein war evangelisch getauft, zog nach Leipzig und wurde ein reicher Kaufmann, seine Kinder übersiedelten dann nach Wien.
Bertha war eine von ihnen, sie hatte den Wiener Rechtsanwalt Carl Kupelwieser, Sohn des berühmten Kirchenmalers Leopold Kupelwieser geheiratet, und ihr Bruder Karl Wittgenstein wurde einer der reichsten Eisenfabrikanten der Monarchie.
Karl Wittgenstein, Bronzeplaquette zur silbernen Hochzeit, 1899 von Carl Kupelwieser gespendet (Nachlass meiner Mutter).
Bertha hatte vier Kinder, das jüngste war mein Großvater: Dr. Hans Kupelwieser.
Er wuchs zwischen Wien, Kyrnberg und Lunz am See auf, studierte in Leipzig und heiratete schließlich eine moldauische Jüdin, die er bei seinem Biologiestudium dort kennengelernt hatte. Sie war schon vor den russischen Judenpogromen 1904 aus Moldawien ausgewandert, da sie wegen einer Studienbeschränkung für Juden in Russland nur in Deutschland studieren konnte. Ihre Familie ging zuerst nach St. Petersburg und verstreute sich dann über ganz Europa.
Sie war mit ihren 25 Jahren wunderschön, intelligent und auch schon sehr emanzipiert. Eine der wenigen Studentinnen der Biologie damals in Deutschland. Ihre Augen hatten aber einen ganz leicht asiatischen Einschlag. Ob das der Einfluss der Gene der „Chasaren“ war?
Das war meine heiß geliebte Großmutter, die mich dann später immer wieder am Bauernhof besuchte, und im Schloss in Lunz eine große, äußerst schön möblierte Wohnung besaß, wo ich im Sommer herumtoben konnte.
Nach Forschungsaufenthalten in Amerika und Frankreich gingen meine Großeltern nach München, wo Hans Kupelwieser Dozent für Zoologie an der Universität wurde. Sie hatten sich dort eine schlossähnliche Villa in der Pienzenauer Straße an der Isar bauen lassen, mit einer Innenarchitektur im Dampfschiff-Stil, entworfen von einem späteren Architekten Hitlers, Paul Ludwig Troost.
Erst nach dem ersten Weltkrieg, als die Kriegsanleihen wertloses Papier waren, verkauften sie diese und zogen dann nach Wien und später auf das Landgut in Kyrnberg bei St. Pölten, wo mein Großvater neben dem „Jagdhof“ seines Vaters ein altes Bauernhaus zu einer geräumigen Villa umbauen ließ, seine Forschungen an den Nagel hängte und sich dringend um das Fortbestehen der inzwischen stark verschuldeten Güter kümmern musste.
Diese Villa unserer Großeltern stand dann vollkommen leer als wir Kinder waren, wir spielten aber oft in den Räumen, die ein eigenes aristokratisches Flair hatten, und wo ein altes Klavier stand, auf dem wir herumklimpern konnten: „Hänschen klein, ging allein.“, „Fuchs du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her…“ usw.
Der Obstgarten war etwas verwildert, dennoch gab es dort saftige Birnen und Zwetschken und sogar einige Weintrauben. Es war aber nur der kleine, 28 ha große Rest des früher von Bertha Wittgenstein angekauften Gutes Kyrnberg, der uns noch gehörte, und dann mit dem angrenzenden Gehöft meines Vaters zusammengelegt wurde.
Als meine Mutter nach dem Krieg in diese damals total ausgeplünderte Villa der Familie nach Kyrnberg zurückkam und ganz allein den Obstgarten wieder in Schwung brachte, kam der junge fesche Nachbar, mein Vater, mit seinen Rössern oft vorbei, um ihr zu helfen, einen Acker zu pflügen, Heu einzubringen usw.
Mein Vater als Helfer (Nachlass meiner Mutter)
„Dieses Weibsbild konnte sich ja allein gar nicht helfen, da bin ich halt immer wieder eingesprungen“ erzählte er. Sie hatte zwar einige Semester Landwirtschaft studiert, aber sie wusste gar nicht, wie man einen Kuhstall führt.
Einige Jahre später vermählten sich die beiden. Der Kuhstall hatte seinen Zweck erfüllt.
Und so vermischten sich bei meiner Zeugung Süd-Tiroler Bergbauern- und altösterreichische Industriellen-Gene mit jüdischen und „chasarischen“, was ohne die Diaspora, die Völkerwanderung, der Bekehrung von schamanischen Turkvölkern zum Judentum, den Einfall der muslimischen Türken in Österreich, den Klimaschwankungen in den Alpen, den Schicksalsschlägen in der Familie Kupelwieser und dem grausamen Krieg dieses schmalschnurrbärtigen wahnsinnigen Politiker-Verbrechers vor meiner Geburt vielleicht nicht möglich gewesen wäre.
Aber das konnte ich ja damals alles noch nicht wissen. Ich tobte mit dem Hund und den Hendln im Garten herum, spielte mit den Nachbar Kindern „Schneider, Schneider, leih ma d’ Scher“ und Verstecken zwischen all dem Gerümpel, was sich in den Schuppen des Hofes meines Vaters angesammelt hatte.
Obwohl die Türken mit unserer Gemeinde sehr unsanft umgegangen waren, liebte ich aber auch mein Märchenbuch vom „Hadschi Bratschis Luftballon“ sehr, wo der Orient mit blühenden Palmenhainen und großen Palästen beschrieben war, was ich sehr schön fand. Warum mussten die dann so weit her reiten und unseren Pfarrer töten, wenn es dort eh so schön ist und so viele Orangen und Bananen wachsen? Dass der Hadschi Bratschi („heißt er, kleine Kinder beißt er“) auch ein Schurke war und die ganze Geschichte sehr grausame Seiten hatte („schnell das Wasser ist schon lau, schreit die Menschenfresserfrau“),konnte mir keine Angst machen, in dem Alter hat man Vorlieben für exotischen Nervenkitzel aus den kolonialen Gebieten.
Aber dann gab es immer wieder noch die Geschichten vom Krieg. Wenn Tante Resi aus Wien auf Besuch kam, die jedes Mal Schokolade und Bananen für uns dabei hatte:
„Jo, der Kaiser Franz Josef, der alte „Tatterer“, jo, und der Dollfuss, geh hört‘s mir auf, des haben mir eh schon alles erlebt, na was soll man da sagen, du heiliger Bimbam, dann erst dieser Hitler, ach was haben wir nicht alles schon mitgemacht in Wien“.
Aber dann sei alles nur mehr zerbombt gewesen, und viele Männer waren fort im Krieg, manche seien gar nicht mehr heimgekommen, so jammerte sie die ganze Zeit dahin, während wir gleich die ganze Tafel Schokolade verdrückten, und dann wieder hinausstürmten, denn all diese anscheinend so wichtigen Leute sagten uns überhaupt nichts.
