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Fußball – mittlerweile ein Milliardengeschäft. Mit Ablösesummen und Gehältern, die sich der Vorstellung eines „normalen Menschen“ zum Teil entziehen. Immer öfter und immer lauter hört man Stimmen, die sagen: „Früher war das alles besser! Ehrlicher! Anständiger!“ Wer diese Biografie von Dietmar (Didi) Schacht liest, wird erkennen, es war nicht besser, ehrlicher, anständiger – es war anders! Die Welt ist einem Wandel unterzogen. Da bildet der Fußball keine Ausnahme. Fußball auf hohem Niveau zu betreiben ist vor allem eines, harte Arbeit! Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Nur, wenn man sich diesem Sport voll und ganz verschreibt, ist das möglich. Und die Zeit will genutzt werden! Denn ein Spieler hat nur eine begrenzte „Haltbarkeit“. Die Optionen danach sind auch nicht unendlich. Das will und soll bedacht werden. Wie hart diese Arbeit, dieser Weg ist, beschreibt der Autor in seinem Buch. Dafür steht Dietmar Schacht: während seiner Stationen immer beliebt, bekannt für seine Bodenständigkeit und Geradlinigkeit. Ein Kämpfer, ein harter Arbeiter, den mit Fußball vor allem eines verbindet: tiefe Leidenschaft von Kindesbeinen an. Wer dieses Buch gelesen hat, wird vielleicht sogar sagen: Liebe. Didi möchte allen, die diesen Sport ins Herz geschlossen haben, einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen. Und den Jugendlichen, den Kindern sagen: „Mit festem Willen, Durchsetzungsvermögen und einem klaren Ziel, ist auch im Fußball alles möglich!“
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2026
Dietmar Schacht
Co-Autor Andreas Reinhardt
Der Kämpfer
Schicht im Schacht
Impressum
© Zodiac Verlag © Dietmar Schacht
Co-Autor Andreas Reinhardt
2024
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Inhaltsverzeichnis:
Ein Vorwort von Peter Neururer
Wie mich der Fußball fand oder ich ihn
Die Jugendmannschaften beim MSV Duisburg
Endlich geschafft – zum Profifußballer beim MSV Duisburg
Abenteuer in Südkorea – POSCO Atoms Pohang
Licht und Schatten bei Tennis Borussia Berlin
Sehr kurzes Zwischenspiel bei Rot-Weiß Oberhausen
Eigenwilliges bei Arminia Bielefeld
Bergisch Gladbach – Oberliga ja oder nein?
Beinahe-Trainerpremiere in Wuppertal
Alemannia Aachen – Peter Neururer und ich
FC Schalke 04 – von Neururer zu Ristić
Schacht-Galerie
Der turbulente Beginn meiner Trainerlaufbahn
Fortuna Düsseldorf und noch mehr Düsseldorf
MSV Duisburg – Zwischen B-Jugend und 2. Bundesliga
SV Babelsberg 03 – eine wertvolle Zeit mit Horst Franz
Alanyaspor oder Alanija Wladikawkas?
In der 1. Frauen-Bundesliga mit dem SC 07 Bad Neuenahr
Die Nationalmannschaft für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen
Mit Pierre Littbarski beim FC Vaduz
Aufstieg mit dem SV Bergisch Gladbach 09
Aufstieg mit Hamborn 07
Der SV Straelen – eine falsche Entscheidung
Neues Geschäftsfeld Imbisswagen
Zebras Krefeld – sollst du dat machen?!
Vom Cheftrainer zum sportlichen Leiter
Repräsentant des FC Schalke 04
Mein 60. Geburtstag auf Schalke
Quo vadis S04 und Nationalmannschaft?
Ein Schlusswort
Danksagung
Ein Vorwort von Peter Neururer
Bei Didi Schacht erinnere ich mich als allererstes an einen Spieler, der immer vorweg gegangen ist.
Mit Alemannia Aachen, die ich zur damaligen Zeit gerade noch vor dem Abstieg aus der 2. Liga gerettet hatte, stand ich gerade in einer extremen Situation. Ich wollte eine neue Mannschaft aufbauen und habe mich gefragt, was man da tun kann, welche Leute man holen soll. Durch Zufall ist mir ein Spieler aufgefallen, den ich persönlich gar nicht kannte, aber über den ich immer wieder gehört hatte, dass er bereit sei, für den Fußball und seine Mannschaft alles zu geben. Er war offensichtlich so extrem bereit – immerhin hatte er ja in der 1. Bundesliga beim MSV Duisburg gespielt – dass er sogar nach Südkorea gegangen war, um dort Fußball zu spielen. Und wie mein Netzwerk mir berichtete, hatte Dietmar Schacht auch dort herausragende Leistungen erbracht. Diesen Spielertyp brauchte ich, jemanden der Fußball lebt, der sich mit Haut und Haaren gegen Niederlagen stemmen kann. Ich hatte mit Aachen nicht unbedingt eine Mannschaft übernommen, die ernsthaft um den Aufstieg mitspielen konnte. Und da war nun dieser Spieler, der alles für den Sieg tat.
Also holte ich ihn in meine Mannschaft.
Didi hat im Prinzip alles andere hinten angestellt und Vollgasfußball gespielt. Kritiker sagten ja – und bitte, das ist nicht böse gemeint, sondern mehr eine Beschreibung des Spielertyps – der Didi Schacht, was er nicht erlaufen kann, ergrätscht er sich. - Ich möchte es so ausdrücken, wo Didi mit dem Kopf hingeht, würden andere Spieler nicht mal mit dem Fuß hingehen, nur aufgrund der Tatsache, dass jeder nur auf sich selbst bedacht ist. Didi war eben keiner von denen. Er hatte nur die Mannschaft im Sinn. Irgendwie wusste er ganz genau: Wenn ich mich nicht so einbringe wie ich bin, dann kann ich keiner Mannschaft helfen. Dann bin ich vielleicht auch nur irgendein Mitläufer. Didi war genau das Gegenteil. Er war eben einer, der in extremen Situationen – und wir waren mit Aachen ja in einer extremen Situation – vorweg gegangen ist. Was wir als Mannschaft verkörpern wollten, hat er personifiziert. Darüber hinaus war er natürlich ein Typ, der für das Umfeld eine wichtige Identifikationsfigur war. Steht harte Arbeit an, steht die Beseitigung irgendwelcher Probleme an, wen rufen wir – den Didi Schacht. Er war wie ein „Abräumdienst“, auf den man sich zu hundert Prozent verlassen konnte.
Bei meinem Wechsel zu Schalke 04 übernahm ich die Mannschaft in der extremsten Situation der Vereinsgeschichte. Ich gab wieder den Brandlöscher. Nachdem ich einen unglaublichen Klassenerhalt mit der Mannschaft geschafft hatte, mussten wir unseren wichtigsten Abwehrspieler abgeben, um Lizenzprobleme zu vermeiden. Da ist mir sofort wieder Didi Schacht in den Sinn gekommen, weil er zusätzlich zu seinen Fähigkeiten – die ich im Zusammenhang mit der Verpflichtung bei Alemannia Aachen ja schon erwähnt habe – auch noch ein Typ des Ruhrgebiets ist, was natürlich bei dem Umfeld von Schalke 04 noch besser ankommt. Also holte ich ihn – zum Leidwesen der Aachener – nach Schalke. Dort wollten wir etwas aufbauen, um so schnell wie möglich in die 1. Liga aufzusteigen. Letztlich war ich in der Endphase dann nicht mehr dabei. Aber Didi Schacht als Kapitän hat die Mannschaft im Prinzip in meinem Sinne weitergeführt, ist immer nach vorne gegangen, was ihn letztlich auch dort zum Publikumsliebling gemacht hat. Er hat mit Schalke 04 einen der letzten großen Erfolge in der Vereinsgeschichte erleben dürfen. Die Mannschaft, die der Didi mitgeprägt hat, ist 1991 aufgestiegen.
Ich freue mich sehr darüber, dass ich weiterhin Kontakt zum Didi habe, welcher bedingt durch unsere Jobs zeitweise etwas eingeschlafen war. Mit diesem Buch lebt unser Kontakt glücklicherweise wieder neu auf. Alte Weggefährten begleiten zu dürfen und wieder an ihrer Seite zu stehen ist etwas Großartiges. Und wenn ich darüber hinaus gebeten werde, für das Didi-Schacht-Buch ein Vorwort zu schreiben, so ist das für mich als Trainer im Prinzip ein Titel, den ich im fußballerischen Bereich gar nicht holen konnte.
Wie mich der Fußball fand oder ich ihn
Mit gerade einmal sieben Jahren, genauer im Jahr 1970, bin ich mit meinen Eltern Ute und Manfred von Duisburg Hamborn-Neumühl nach Duisburg Laar gezogen. Bis dahin hatte ich überhaupt keine Bindung zum Fußball und absolut keine Lust, Fußball zu spielen. Es war ja nicht so, dass es in der Gegend keine Vereine gegeben hätte. Nein, davon gab es reichlich – große wie kleine. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Jedes Wochenende findet irgendwo ein Derby statt, ein Nachbarverein tritt gegen den anderen an.
Meine ersten Fußballschuhe habe ich schon mit sechs Jahren bekommen. Klar hätte es mein Vater gerne gesehen, wenn ich mit denen auch gespielt hätte. Stattdessen nahm ich die nur, um von uns bis zu meinen Großeltern zu laufen. Und wenn am Samstagabend ab 18 Uhr die Sportschau lief, wollte ich lieber „Daktari“ gucken. Die Serie kennen heute viele gar nicht oder nicht mehr. Es drehte sich um einen Tierarzt in Afrika, der kranke oder von Wilderern bedrohte Tiere rettete. Beliebt waren damals besonders der schielende Löwe Clarence und die Schimpansin Sheeta. Was gab es da riesige Diskussionen mit meinem Vater, der natürlich seine Sportschau gucken wollte, unterstützt von meinem Großvater, wenn der dabei war. Gewonnen haben meistens Vater und Großvater. Ich war dann immer am Heulen. Aber so war das halt damals. Und ich habe es ohne psychologische Betreuung überstanden, habe mich ausgeheult und gut war‘s.
Die Sportschau – damals eine Institution! Die halbe deutsche Männerwelt versammelte sich dann immer vorm Fernseher. Das aktuelle Sportstudio – Harry Valérien, Ernst Huberty, Rolf Kramer! Jeder eine Institution für sich, bekannter als die meisten Politiker.
Ja, und als wir dann in eine Wohnung nach Duisburg Laar gezogen sind, fand ich mich in einer Siedlung mit wunderbarem Hinterhof wieder, inklusive vieler Teppichstangen, Rasenfläche und – wie sollte es auch anders sein – mit Fußball spielenden Nachbarjungs, Fußball, immer nur Fußball.
Wie es nun mal so war, wenn ich dazugehören wollte, musste ich wohl oder übel mitspielen. Diese goldene Regel sollte man nie vergessen: Wenn man sich nicht einbringt, knüpft man auch keine Kontakte und schließt keine Freundschaften. Ich wäre immer ein Außenseiter geblieben.
Das war quasi der „Startschuss“ für mich, so kam ich zum Fußball – Straßenfußball! Viele Alternativen hatten wir damals nicht. Meistens spielten wir draußen, und dann eben oft Fußball. Nicht jede Familie konnte es sich leisten, die Kinder in einen Verein gehen zu lassen. Wir waren keine von den Eltern geförderten „Supertalente“. Internate und so waren kein Thema. Was uns blieb, das waren die Straßen und Plätze. Wir haben uns auf Bolzplätzen bewiesen.
Die Jungs haben mich anfangs immer ins Tor gestellt.
Da konnte ich am wenigsten falsch machen. Und der Torwart war eben nicht so wichtig. In dem Alter wollten doch alle Tore schießen, nicht Tore verhindern. Eltern oder andere Erwachsene mischten sich da nicht ein.
Wir regelten das unter uns. Keine Heulerei, keine Petzerei, jeder kam alleine klar.
Außerdem, fußballerisch schien ich ja wirklich nicht sonderlich begabt zu sein – anfangs! Auf Dauer wurde es mir dann aber zu langweilig, wenn ich ehrlich sein soll. Als Torwart stand man andauernd im Weg oder sollte nur im Weg stehen. Es herrschte mehr der planlose Kampf um den Ball, weniger die klar strukturierten Spielzüge. Alle wollten ihn haben, den Ball, rannten hinter ihm her und hatten Spaß. Nur der Torwart durfte nicht. Also brachte ich mich nach und nach immer mehr ins aktive Feldspiel ein, schlug den einen oder anderen Pass und erzielte ab und an ein Tor. Es war richtig toll, wenn mich die Mannschaftskameraden bejubelten. Diese Anerkennung war ein ganz neues Gefühl, einfach klasse! Mannschaftsgeist und erfolgreicher Zusammenhalt lehrten einen, wie wahr und richtig der Ausspruch war: 'Gemeinsam sind wir stärker!'
Ich orientierte mich immer öfter nach vorne, lauerte auf den Ball und schoss aufs oder sogar ins Tor. Ja, und so verbesserte ich mich Stück für Stück. Übung macht ja bekanntlich den Meister. All das blieb meinem Vater natürlich nicht verborgen. Eines Tages sagte er zu mir: „Haste nich ma Lust, ein Fußballspiel gucken zu gehen. Ich nehm dich mit ins Stadion. Is´n ganz tolles Spiel. MSV Duisburg gegen Schalke 04.“
Das waren nun ausgerechnet die beiden Vereine, welche in meinem Leben danach eine so große Rolle spielen sollten, die mich für alle Zeit prägen sollten. Wie kurios. Damals konnte ich das natürlich noch nicht ahnen. Es war noch immer das Jahr 1970. Im Wedaustadion gewann der MSV Duisburg dieses Spiel mit 1:0 – durch ein Tor von Hartmut Heidemann. Die Atmosphäre werde ich niemals vergessen. Wahnsinn, was für eine Stimmung dort herrschte. Die Fans jubelten sogar von den Bäumen, von wo aus etliche die Partie mitverfolgt hatten. So war das in den 70er Jahren üblich. Es gab halt diese Riesenarenen noch nicht, die heute überall stehen. Dort erlebte ich nun also meine Premiere als Gast in einem Fußballstadion. Und außerdem lernte ich auch gleich, was es hieß, einen Heimsieg zu feiern. Das war unglaublich, unvergesslich! Mein Vater hatte beste Laune. Ich dachte mir, wenn der gute Laune hat, hast du auch gute Laune. Bist ja genauso MSV Duisburg. Findest du toll, ist ja deine Stadt. Und dann noch gewonnen gegen Schalke, was das Ganze wohl noch grandioser machte. Warum, das erklärte mir mein Vater im Wesentlichen. Damals hatte ich ja noch keine Ahnung davon. Ich ließ mich nur von der allgemeinen Begeisterung mitreißen.
Und so sind Vater und Sohn Schacht wieder nach Hause gegangen. Wir Kinder haben auf der Straße weiter Fußball gespielt, und jeder wollte Hartmut Heidemann sein und ein Siegtor schießen – auch ich. Ich denke, zu der Zeit packte mich zum ersten Mal das Fußball-Virus. Nach ein oder zwei Monaten überraschte mich mein alter Herr dann mit einem MSV-Trikot. Er hatte es von einem Arbeitskollegen bekommen, dessen Sohn in der A-Jugend des MSV Duisburg spielte, ein gewisser Hartmut Scholz. Das Geschenk wurde mir mit den feierlichen Worten überreicht: „Hier mein Jung. Wir waren im Stadion, und du hast dat Spiel gesehen. Du findest den MSV ja auch toll. Und jetzt haste die Möglichkeit – wenn de möchtest – ma´ inne E-Jugend vom MSV Duisburg mitzutrainieren.“
Die Jugendmannschaften beim MSV Duisburg
In der E-Jugend des MSV Duisburg sollte ich mittrainieren? Ernsthaft? Puh, die waren doch bestimmt alle viel besser als ich. Aber typisch mein Vater, er konnte alle meine Bedenken zerstreuen. Schließlich fasste ich einen Entschluss: „Ja, is´ okay.“
Es war im Mai 1971, als ich voller Aufregung das Trainingsgelände betrat. Alles wurde von mir ehrfurchtsvoll angestarrt: das Tor mit dem Netz, die Kreide auf dem Rasen, die Kabine mit den Bänken, einfach alles! Und die Jungs waren super ausgestattet, mit den gleichen Trainingsanzügen, Trikots, Stutzen – alles vom Feinsten. Ich kam mir richtig jämmerlich vor in meinem getragenen MSV-Trikot, meinen abgenutzten Fußballschuhen, der kurzen Buxe und mit andersfarbigen Stutzen. Nur die Fußballschuhe waren bei uns allen schwarz mit drei weißen Streifen, weil das zu der Zeit so üblich war.
Dann gingen wir auf den Trainingsplatz, liefen uns ein, machten uns warm. Es folgte Torschusstraining. Ich sollte den Ball spielen, nachsetzen und auf das Tor schießen. Habe ich auch gemacht – gespielt, hinter dem Ball her und aufs Tor geschossen, voll mit der Pike! Alle haben sich über mich kaputt gelacht, ja, alle bis auf den Trainer. Da wurde mir klar, oh, oh, eine ganz andere Hausnummer als bei uns auf dem Hof. Einfach vor den Ball treten und gut is´, reicht nicht mehr. Ich war so ahnungslos, kam mir total blöde vor. Plötzlich war es nicht mehr egal, wie der Ball im Tor landete. So absolvierte ich mein erstes Training als eine Art Mitläufer. Anschließend baute mich der Trainer auf: „Hör ma, dat war ja heute hier dat erste Mal, dat du da warst. Warst ja auch bestimmt nervös. Ich fänd et toll, wenn de noch ma wiederkommen würdest.“
Hans Hubers hieß dieser Trainer, der ein sehr fürsorglicher und liebenswerter Mensch war.
Mittlerweile ist er leider verstorben. Seine Worte konnten mir allerdings kaum Trost spenden.
Ich war niedergeschlagen, wollte nur noch zum Bus und nach Hause fahren. Die hatten mich ausgelacht! Zunächst konnte ich die Tränen noch zurückhalten, unbeobachtet heulte ich dann aber wie ein Weltmeister. Mir war das Schlimmste passiert, was überhaupt hätte passieren können. Und dann fuhr mir auch noch dieser verflixte Bus vor der Nase weg! An jenem Nachmittag lief ich die drei Kilometer von Meiderich bis nach Laar einsam zu Fuß. Mir blieb ja nichts anderes übrig. Unterwegs heulte ich gefühlt 300 Liter Wasser. Zu Hause angekommen, stellte sich zu allem Überfluss heraus, dass ich keinen Wohnungsschlüssel bei mir hatte. Es war das volle Programm. Jetzt würde mich auch noch meine Mutter so verheult zu Gesicht bekommen. Auf mein Schellen hin öffnete sie die Wohnungstür und musterte mich besorgt von oben bis unten: „Hör ma Jung, wat is denn mit dir los? Wat is denn passiert, wir haben uns schon Sorgen gemacht? Na, wat is denn nu?!“
Schluchzend schüttete ich ihr mein Herz aus: „Die haben mich allemal ausgelacht da, wie ich aufs Tor geschossen hab!“
Meine Mutter reagierte, wie Mütter eben so reagieren: „Da gehste mir nich mehr hin!“
Es mag komisch klingen, aber das passte mir gar nicht, im Gegenteil, es stimmte mich kämpferisch: „Mama, ich hatte Zeit nachzudenken. Und ich werd da wieder hingehen. Ich werd denen dat allemal zeigen. Ich werd'n Fußballprofi!“
Daraufhin hat sie mich vielleicht verdattert angeguckt: „Ja, ja, Jung. Sicher, du machst dat schon.“
Später habe ich noch das Gespräch mit meinem Vater gesucht: „Papa, ich möcht gern, dat du zum nächsten Training mitkommst und mit dem Trainer besprichst, wie et weitergehen kann.“
Genau so haben wir es gemacht. Wieder habe ich mittrainiert, und dieses Mal hielten sich die Jungs mit Kommentaren und Spott zurück. Ich denke mal, der Trainer hatte sie ins Gebet genommen. Vielleicht gefiel ihm auch die Aussicht, einen Jungen dazuzubekommen, der sehr ehrgeizig und fleißig war, sich zudem nicht so einfach fertigmachen ließ. Wer weiß. Auf jeden Fall haben meine Eltern für mich das Anmeldeformular unterschrieben, am 17.06.1971. Ich war 8 Jahre alt und nunmehr stolzes Mitglied in der E-Jugend des MSV Duisburg. Von da an trainierte ich regelmäßig, zweimal die Woche, und wurde immer besser. Auf das Trikot und so weiter musste ich auch nicht lange warten. Schließlich wurde ich sogar Stammspieler. Gleich in meinem ersten Jahr beim MSV Duisburg errangen wir direkt den Gruppensieg in der E-Jugend, wurden dazu noch Kreismeister.
Als rechter Verteidiger fing ich an und blieb sprichwörtlich am Ball. Bereits im Jahr darauf war ich in der E-1 gesetzt. Einige Ältere wechselten in die D-Jugend oder wohin auch immer. In der Saison 72/73 gehörte ich somit zum älteren Jahrgang. Wir wurden ungeschlagen Meister.
Im Verlauf der Saison war ich zum Stürmer umfunktioniert worden und avancierte gemeinsam mit Thomas Bungert zum Torschützenkönig. Ein Torverhältnis von 90:0 – und von den 90 erzielten Tore gingen alleine 30 auf mich. Unsere Mannschaft gewann alle Turniere. Und ich war längst dabei, mir einen Namen zu machen.
Gemeinsam mit zwei anderen Spielern der E-Jugend führte der nächste Schritt direkt in die D-1, also in die dortige 1. Mannschaft. Die Regel lautete damals üblicherweise, erst eine Saison in der 2. Mannschaft zu spielen. Aber meine Leistung sprach für sich, und so wurde ich auch gleich Stammspieler. Die Position des Rechtsaußen lag mir, was ich mit einigen Toren untermauern konnte. Erneut verabschiedeten sich etliche ältere Jahrgänge, sodass ich bald zu den Ältesten in der D-Jugend zählte. Wir spielten eine gute Saison.
Im Jahr darauf kamen meine Jungs und ich in die C-Jugend, diesmal allerdings geschlossen in die C-2, wie es beim MSV seinerzeit feste Regel war. Am Ende stand der Meistertitel. Endlich stand der Wechsel in die C-1 an – wiederum geschlossen. Und jene C-1 sollte die erfolgreichste Mannschaft stellen, welche jemals im Jugendbereich des MSV gespielt hatte. Niederrhein-Meister und westdeutscher Meister wurden wir, das Höchste, was erreicht werden konnte. Ausgespielt wurde es in der Sportschule Duisburg Wedau. Dort schlugen wir im Halbfinale den VFL Bochum mit 2:0, anschließend Westfalia Herne mit 9:1. Meine Position war mittlerweile die des Liberos, wie früher üblich ergänzend zum Vorstopper sowie rechtem und linkem Verteidiger. Im Zuge des grandiosen Sieges gönnte die Presse sogar mir einen positiven Kommentar: 'Der kopfballstarke Libero Dietmar Schacht'.
Zum ersten Mal wurde öffentlich über mich berichtet und dann auch gleich lobend. Dazu passend erreichte mich die Einladung des Fußballverbandes Niederrhein in die Niederrhein-Auswahl! Diesen Sprung schon in der C-Jugend hinzulegen und auf die Art weiter auf sich aufmerksam machen zu können, war klasse.
Als junger Jahrgang ging es nach bekanntem Schema weiter hoch in die B-2 der B-Jugend und nach erfolgreicher Saison in die B-1. Wir Mannschaftskollegen kannten uns ja schon, waren gut aufeinander eingespielt. Ich gab noch immer den Libero, und einmal mehr ging es um die Niederrhein-Meisterschaft. Nachdem wir den Gruppensieg errungen hatten, reichte es schließlich nur für den zweiten Platz. Es folgte ein Turnier auf Verbandsebene. Meine ordentliche Leistung brachte mir eine Einladung für die Schülernationalmannschaft ein – B-Junioren. Letztlich war der Trainer Dietrich Weise der Meinung, er hätte auf dieser Position mit Ralf Loose einen starken Libero und bräuchte nicht noch einen. Tja, damit war das Thema dann erst einmal durch. Selbstredend blieb ich weiter am Ball – wie immer.
Der große Wendepunkt kam, als ich an einem Dienstagabend per Telefonanruf erfuhr, dass ich bereits am Abend darauf bei der A-Jugend aushelfen sollte, genauer bei der A-1, weil denen dort Spieler fehlten. Es ging also um das Aushängeschild des MSV Duisburg im Jugendbereich! Wie sich sicher jeder vorstellen kann, machte mich das stolz wie Oskar. Ich dachte, oh, du bist gut genug, um dabei zu sein. Ich wagte gar nicht davon auszugehen, dass ich auch spielen würde. Von der Mannschaft wurde ich freundlich empfangen. Es ging nach Uerdingen. Seinerzeit hieß der Club noch Bayer Uerdingen. Dort angekommen, sagte unser Trainer Friedhelm Wenzlaff zu mir: „Hör mal, du spielst von Anfang an. Du musst Vorstopper spielen.“
Ach du Schande, dachte ich nur, Vorstopper spielen! Das bedeutete mehr zu laufen als die anderen, ein gravierender Unterschied zum Libero. Libero war schöner. Wenn Bälle durchkamen, warst du zur Stelle, um die Fehler der anderen auszubügeln. Aber gut, spielte ich an diesem Abend eben Vorstopper. Wir gewannen mit 0:1.
Ich hatte einen Ball von der Torlinie gekratzt, habe das Spiel meines bisherigen Fußballerlebens gemacht, ja wirklich, das Spiel meines Lebens. Am nächsten Tag überschlug sich die Presse: Wenzlaff zog ein Kaninchen aus dem Zylinder! Der jugendliche Didi Schacht, 16 Jahre, B-Jugend-Spieler, brachte eine überragende und herausragende Leistung.'
Wenzlaff, sowohl A-Jugend-Trainer als auch Co-Trainer der Bundesliga-Mannschaft des MSV Duisburg, sagte dazu öffentlich: „Mit dieser Leistung brauchen wir gar nicht darüber reden, Dietmar Schacht kommt in die A-1, und zwar als Stammspieler.“
Von dem Tag an ging es eigentlich nur noch steil bergauf. Es hat mir als 16-Jährigem einen sensationellen Schub gegeben. Meine Eltern waren natürlich stolz. Wann immer die Möglichkeit bestand, kam zumindest mein Vater zu den Spielen. Manchmal machte ihm die Wechselschicht einen Strich durch die Rechnung. Auf jeden Fall waren beide sehr stolz. Ich ging meinen Weg, wie ich es prophezeit hatte. Ganz klar, ich war auf einem sehr guten Weg, Fußballprofi zu werden.
Von der ersten Minute im ersten Jahr an spielte ich Vorstopper in der A-1 des MSV Duisburg und gehörte damit zu den Jüngsten. Mich permanent gegen ältere Jahrgänge durchsetzen zu müssen, hat mir ganz sicher die nötige Grundhärte verliehen, um es zu schaffen. Und es waren tolle Fußballer darunter, mit denen gemeinsam ich später weiter nach oben gegangen bin.
Manche wechselten auch zu anderen Vereinen in den höheren Amateurbereich.
Dass die meisten es nicht in den Profifußball schafften, lag nicht zwingend an ihren spielerischen Qualitäten.
Aber darauf komme ich später noch zurück.
Das Thema berufliche Ausbildung wurde ein wichtiges. Meine Eltern und ich dachten darüber nach, was ich am besten machen sollte. Es war eine Frage, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen durfte. Der MSV Duisburg bot mir eine Ausbildung zum Maler und Lackierer an. Man versicherte mir, ich würde immer freigestellt werden, soweit nötig. Immerhin gab es die Niederrhein-Auswahl, die Kreisauswahl und begleitende Lehrgänge zur jeweiligen Auswahl. Da kam einiges zusammen.
Der damalige Lehrherr Friedhelm Holthausen brachte es so auf den Punkt: „Überhaupt kein Problem, du kriegst ständig frei.“
„Gut“, habe ich daraufhin gesagt, „mach ich.“
Er hielt sein Wort, was gut war, denn es kamen sehr viele Lehrgänge auf mich zu. Ein ganzes Jahr lang habe ich das so durchgezogen. Ich konnte mich glücklich schätzen, habe neben meinen Fußballverpflichtungen sogar die Zäune der U-Bahn in Duisburg gestrichen. Unglaublich, wie viele Leute ich dabei kennengelernt habe, die dort an mir vorbeigelaufen sind. Nach einem Jahr erhielt ich dann mal eine Abrechnung – schlappe 35 DM! Die hatten mir doch tatsächlich alle Fehlzeiten abgezogen! Es nannte sich unbezahlter Urlaub. Ich war 17 Jahre alt und brauchte dringend eigenes Geld. Meinem Vater habe ich die ganze Geschichte mit den abschließenden Worten vorgetragen: „Hör ma, Papa, ich mach da nich mehr weiter.“
„Dat geht nich, du brauchst ne berufliche Ausbildung!“, stellte er sich sofort quer und legte mit einer Aufzählung dessen nach, was ansonsten alles auf mich zukommen konnte.
Eine für Eltern verständliche Reaktion, natürlich. Aber ich blieb stur: „Nee! Ich werd Fußballprofi! Ihr braucht euch keine Sorgen machen, ich zieh diesen Weg durch, ohne Wenn und Aber. Wat ich aber brauch, is eure Unterstützung. Sonst kann ich dat nich schaffen. Wenn ihr nich den Weg mit mir gehen wollt, wenn ihr mir nich vertraut, dann haben wa ´nen Problem. Dann weiß ich nich, wie et weitergeht! Ich werd jetzt nich wieder ´ne Ausbildung anfangen. Ich werd jetzt alles auf die Karte Fußballprofi setzen!“
Zu Hause wurden noch einige Diskussionen darüber geführt, etliche Diskussionen, eigentlich viele Diskussionen. Es hat Zeit gebraucht, um Vater und Mutter auch wirklich ins Boot zu holen. Mein Dickkopf hat sich durchgesetzt, aber ich war auch fest davon überzeugt, dass ich es schaffen würde. Ein unkalkulierbares Risiko blieb es trotzdem. Ich hätte ja schon eine Woche später schwer verletzt werden können, zu schwer für eine Fußballerkarriere. Aber in diesem Fall wäre noch alle Zeit der Welt gewesen, eine Ausbildung zu machen. Mir war es einfach zu ernst. Ich wollte mein Ziel unbedingt schnell erreichen.
Dazu musste ich vorerst alles auf eine Karte setzen, ohne Kompromisse, ganz oder gar nicht!
Von Zuhause kam schließlich das Okay: „Jung, et is gut, geh deinen Weg. Wir werden sehen, wie sich dat entwickelt.“
Ich wechselte von dem jungen in den alten Jahrgang, den letzten A-Junioren-Jahrgang. Im Januar 1980 suchte ich das Gespräch mit den Verantwortlichen des MSV Duisburg, denn zum Sommer 1980 wollte ich mit der Ausbildung aufhören und mich ganz auf den Weg zum Fußballprofi konzentrieren.
Dabei erhielt ich die erhoffte Rückendeckung: „Du stehst weiter unter Beobachtung. Wir werden sehen, wie du dich weiterentwickelst.“
In dem nächsten halben Jahr trainierte ich noch zusätzlich für mich alleine, joggte zum Beispiel kilometerweit am Rhein entlang, von Laar aus Richtung Beeckerwerth hoch und auch anderswo hin. Überall trainierte ich, wo immer es sich ergab, auch zu Hause. Da habe ich mit dem Ball gegen die Wand geschossen, links und rechts. Wer solche Schüsse gegen die häusliche Betonwand schon mal mitanhören musste, kann sich vorstellen, dass ich mir damit auf Dauer keine Freunde gemacht habe.
