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Uwe Carstens

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Beschreibung

Der kleine "Charly" merkt schon früh, dass sein Zuhause anders ist als das seiner Mitschüler. Sein Vater, genannt Dakota-Uwe, ist die rechte Hand des Königs von St.Pauli, Wilfried Schulz. Der Mann fürs Grobe und doch ein liebevoller Vater. Ein Aufsteiger im Milieu, der am Ende scheitert. Das Buch erzählt die Geschichte einer Kindheit im Milieu der siebziger Jahre, der sogenannten "goldenen Zeit" in St. Pauli; von Begegnungen mit Hell-, Halb- und Unterwelt-Größen, darunter Prominente wie Uwe Seeler, Günter Netzer, Horst Frank, Jürgen Roland und Paul Kuhn, Kiez-Größen wie Ringo Klemm, der kultige Ritze-Wirt Hanne Kleine oder der US-Mafiosi Bill Davis. Eine Kindheit unter Künstlern, Zockern und Ganoven, die das Gegenteil von normal ist.

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Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Uwe Carstens • Harald Stutte

Der Kleine von Dakota-Uwe

Meine Kindheit auf St. Pauli

 

 

 

Über dieses Buch

Der kleine «Charly» merkt schon früh, dass sein Zuhause anders ist als das seiner Mitschüler. Sein Vater, genannt Dakota-Uwe, ist die rechte Hand des Königs von St. Pauli, Wilfrid Schulz. Der Mann fürs Grobe und doch ein liebevoller Vater. Ein Aufsteiger im Milieu, der am Ende scheitert. Das Buch erzählt die Geschichte einer Kindheit im Milieu der siebziger und achtziger Jahre, der sogenannten goldenen Zeit St. Paulis; von Begegnungen mit Hell-, Halb- und Unterwelt-Größen, darunter Prominente wie Uwe Seeler, Horst Frank, Jürgen Roland und Paul Kuhn oder Kiez-Größen wie Hanne Kleine, Ringo Klemm, Stefan Hentschel und «Sachsen-Franky». Eine Kindheit, die das Gegenteil von normal ist.

Vita

Uwe Carstens ist Gastronom, verheiratet und Familienvater. Er lebt und arbeitet in Hamburg.

 

Harald Stutte, Jahrgang 1964, studierte Politikwissenschaft und Geschichte. Er arbeitet als Redakteur im Medienverlag RedaktionsNetzwerk Deutschland. Texte von ihm sind in diversen überregionalen Zeitungen wie der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung», der «Süddeutschen Zeitung» oder der «Welt am Sonntag» erschienen. Geboren in Leipzig, lebt er seit 1985 in Hamburg.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, September 2021

Copyright © 2021 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Lektorat Frank Strickstrock

Covergestaltung zero-media.net, München

Coverabbildung Privat; FinePic®, München

ISBN 978-3-644-00906-6

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Christian? Uwe. Charly!

… und dann Charly

Goldgräberzeit auf St. Pauli

Der Flüchtlingsjunge im Golfclub

Dakota-Uwe und der König von St. Pauli

Ringo

Anni und die «Tiger aus der Fischerstraße»

Dakota und das Girl aus dem «Golden Nugget»

Charly, das Ganoven-Kid

Dakota, König der Abzocker

Im spießigen Blankenese

Der Coup von Travemünde

Die Cosa Nostra auf St. Pauli

Meine Entführung – zum Glück gescheitert

Der Mafioso im Bettkasten

Die Geldbündel flogen aufs Fensterbrett

Bud Spencer, Zinksärge und Goldjungen

Dakota-Uwe ist nicht zu bremsen

Knietief im Hamburger Sumpf

Ein Umschlag voller Geld

Sehnsucht nach Normalität

Auffallend unauffällige Nachbarn

Die Spitzel werden bespitzelt

Ende einer Kiez- Karriere

«Papa ist zur Kur»

Schlag gegen das organisierte Verbrechen

Eine Zelle in Celle

Charly will zur Polizei

Mutter fehlt der Imbiss-Boss

König vor Gericht

Ende einer Freundschaft

Das «Lütt Döns»

Freiheit auf Zeit

Hannes Gutschein

… wird eingelöst

Charly geht eigene Wege

USA oder Othmarschen?

Ungewissheit

Statt eines Schlussworts: Franz, Barbier auf St. Pauli

Bildteil

Bildnachweise

Christian? Uwe. Charly!

Am ersten Tag meines Lebens hieß ich Christian. Ich war in der Finkenau zur Welt gekommen, einer längst geschlossenen Geburtsklinik im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst. Das war im Mai 1971. Willy Brandt war Bundeskanzler, Borussia Mönchengladbach steuerte zum zweiten Mal die deutsche Meisterschaft an, und «Butterfly» von Danyel Gérard war der Hit des Jahres. Schlaghosen und Hot Pants prägten das Straßenbild.

Mein Vater hatte die anstehende Geburt zwei Tage lang kräftig mit Freunden gefeiert, dem Musiker Paul Kuhn und dem Schauspieler Günter Pfitzmann. Illustre Freunde, die der damals 28-jährige Gastronom Uwe Carstens da hatte, in diesem Fall aber weit weg in Berlin. Jedenfalls kämpfte die ebenfalls 28-jährige Anni, meine Mutter also, einen recht einsamen Kampf, bis ich endlich da war. Die Anwesenheit der Väter bei der Geburt war allerdings damals gar nicht gestattet.

Sie wird nicht lange nachgesonnen haben, als die Krankenschwester nach dem Namen für den neuen, männlichen Erdenbürger, mich also, fragte. «Christian», brachte sie hervor, erschöpft von der Niederkunft. In den 70er Jahren hießen ja viele Kinder Christian, Thomas, Jürgen, Uwe … Namenssuche war damals kein großes Ding, niemand wollte aus der Reihe tanzen und sein Kind «Galaxos» nennen oder «Speedy». So etwas gab es erst später.

So hing also kurze Zeit später ein Zettel mit der Aufschrift «Christian» an meinem Bettchen. Aber nicht lange. Als einen Tag später mein Vater eintraf, riss er das «Christian»-Schildchen mit einem kräftigen Wischer seiner Pranke beherzt vom Bett und bestimmte bündig: «Christian? Ach was, du bist Uwe!» Keine 24 Stunden auf der Welt, und ich hatte bereits meinen zweiten Namen. Fortan war ich «der kleine Uwe», denn der große Uwe, das war mein Vater selbst. Der Kleine von «Dakota-Uwe», wie ihn alle nannten. Warum das so war, dazu komme ich später. Ich hieß also fortan Uwe, jedenfalls die nächsten sechs Jahre, bis ich eingeschult wurde – im schönen Hamburger Stadtteil Blankenese, in dem wir damals lebten.

Blankenese, das sei für alle Auswärtigen erwähnt, ist einer der wohlhabendsten, intaktesten, privilegiertesten Stadtteile Hamburgs, elbnah gelegen, sehr grün und mit ausreichend Abstand zum sündigen St. Pauli oder zu den sozialen Brennpunkten südlich der Elbe und im Osten. Wer im Gespräch mit Fremden fallenlässt, er wohne in Blankenese, darf sich eines kurzen bewundernden Moments sicher sein. Blankenese ist eine Idylle wie aus dem Katalog: schmucke kleine Häuschen, dicht gewachsene Alleen, grüne Parkinseln, und das alles mit der Elbe im Hintergrund. Wer in Blankenese wohnte, der gehörte zur gediegenen hanseatischen Bürgerlichkeit.

Dort kam ich also im September 1977 in die Schule Frahmstraße, fand auch gleich in meinen ersten Tagen neue Freunde, die hießen Christian (!), Thomas oder Philipp und kamen aus gutem Hause. Die Mädchen gingen nach der Schule reiten, die Jungen spielten Hockey. Fast jeder meiner neuen Mitschüler lernte ein Instrument – Cello, Geige, Klavier. Meine Klasse hätte ein Orchester bilden können. Mich hatte niemand zum Erlernen eines Instruments genötigt. Dafür war ich im Judoverein und habe in unserem Garten an einem Baumhaus gewerkelt. Das lag mir mehr, als Geige zu lernen.

Es herrschte ein recht ausgeprägtes Markenbewusstsein, unsere Schulranzen mussten von Scout sein, die Klamotten von Benetton oder Lacoste. Denn in Blankenese fiel man auf, wenn man mit einem gebrauchten No-Brand-Produkt zur Schule kam oder gar in Jingler-Jeans von C&A herumlief.

Ich wurde neben einen pummeligen, unsportlichen Jungen gesetzt, der Volker hieß. Ich glaube, die Sitzordnung in der Klasse hatte etwas mit dem Anfangsbuchstaben des Nachnamens zu tun – Carstens wurde eben neben Bayer platziert. Volker war nett und ziemlich schlau, wir freundeten uns an. Da wir in derselben Straße wohnten, habe ich ihn morgens abgeholt, und wir gingen zusammen zur Schule.

So weit schien alles normal. War es aber nicht. Das musste ich bitter erfahren, als einige Tage später unsere Klassenlehrerin Frau von Lojewski, die ganz nebenbei die Ehefrau des bekannten Fernsehjournalisten Wolf von Lojewski war, uns der Reihe nach fragte, was unsere Eltern für einen Beruf hätten. Der alphabetischen Reihenfolge wegen war ich einer der Ersten, die aufgerufen wurden. Während die «As» und «Bs» brav herunterspulten, dass ihre Väter «Architekt», «Chirurg» oder «Kaufmann» waren, fiel mir ein, dass ich gar keine Ahnung hatte, was mein Vater beruflich machte. Und das jagte mir einen Schrecken ein. Dass meine Mutter Hausfrau war, das immerhin wusste ich. Aber Papa? Der ging aus dem Haus, kam wieder und machte irgendwie wichtige Dinge, denen zu Hause alles andere untergeordnet wurde.

Noch ehe ich tiefer darüber nachdenken konnte, war ich an der Reihe. «Und deine Eltern, Uwe, was ist deren Beruf?», flötete Frau von Lojewski und lächelte mich freundlich an.

«Meine Mama ist zu Hause, und mein Papa geht arbeiten», antwortete ich, hoffend, dass das genüge. Alles lachte.

«Das habe ich mir schon gedacht», sagte Frau von Lojewski, «aber was macht dein Papa denn, wenn er arbeiten geht?» Ich hob bedauernd die Schultern, verzog den Mund und sagte: «Das weiß ich nicht.» Dann setzte ich mich.

«Dann fragst du deinen Papa zu Hause und erzählst es uns morgen.» Und schon war der Nächste dran.

Das wurde ja heiter. Ich war nicht nur der Einzige, der kein Instrument spielte, sondern auch der Einzige, der die Arbeit seines Vaters nicht beschreiben konnte. Dafür schämte ich mich. Ich wollte das unbedingt klären.

Ich wusste wirklich nicht, was er so trieb. Oft kam er erst morgens nach Hause. Es kamen viele «Kollegen» oder Geschäftspartner vorbei, stets im feinsten Zwirn. «Onkel Wilfrid» zum Beispiel, Wilfrid Schulz. Der Schauspieler Horst Frank und andere. Oft roch es dann im Haus seltsam, denn sie rauchten zusammen lange Pfeifen mit einem ganz kleinen Kopf am Ende – Opium, wie ich später erfuhr. Fest stand, dass Papa ein wichtiger Mann war, den auf der Straße viele Menschen grüßten, vor dem jeder Respekt hatte und über den man mit Ehrfurcht sprach. Und dass unter dem Bett meiner Eltern stets eine abgesägte Schrotflinte lag, zudem auf dem Nachttisch ein Revolver. Ich wusste, dass ich das keinem sagen durfte. Und dass immer, wenn Papa von der «Arbeit» kam, ein dickes, mit einem Gummiband zusammengehaltenes Geldbündel auf die Marmorplatte über dem Heizkörper segelte – zu den anderen Geldbündeln, die dort schon lagen.

«Papa, was bist du eigentlich von Beruf?», fragte ich ihn am Abend. Und fügte umgehend hinzu: «Frau von Lojewski hat uns heute nach dem Beruf unserer Eltern gefragt.»

Mama und Papa fingen umgehend an zu lachen, warum auch immer. «Und was hast du gesagt?», fragte Mama.

Ich zuckte die Achseln und antwortete: «Ich habe gesagt, ‹keine Ahnung›. Ich wusste es nicht. Ist das schlimm?»

Dann wurde Papa ganz sachlich: «Wir haben doch Casinos auf der Reeperbahn, also sag deiner Lehrerin, wenn sie wieder fragt, dass dein Vater Kaufmann ist und ein Casino auf der Reeperbahn hat.»

Das klang gut!

Tatsächlich war mein Vater damals Inhaber des Saint-James-Clubs am Spritzenplatz im Herzen von Ottensen, der Bundspecht-Klause in Lurup, war an einem Puff in der Silbersackstraße und einer Bar in der Großen Freiheit beteiligt, doch dazu komme ich später noch.

Fürs Erste war ich froh, am nächsten Tag etwas sagen zu können, das großen Eindruck hinterlassen würde, davon war ich überzeugt. Ich wusste zwar nicht genau, was ein Casino ist, aber es klang besser als ein Bäckerladen oder eine Würstchenbude.

… und dann Charly

Die gründliche Frau von Lojewski hatte natürlich nicht vergessen, dass es in dieser neuen Klasse ein Kind gab, über dessen elterlichen Hintergrund sie noch nicht informiert war. Rückblickend glaube ich wirklich, es hat sie persönlich interessiert – weil man in Blankenese einfach über den Beruf der Eltern, das Einkommen also, definiert wurde. Vielleicht aber wusste sie auch längst, wessen Kind ich war.

«Und, Uwe, was ist dein Vater nun von Beruf?», fragte sie, als der Unterricht kurz vor dem Ende stand. Ich war froh darüber, hatte ich doch befürchtet, der Klasse eine Antwort schuldig zu bleiben. Das hätte Raum für Spekulationen eröffnet. Vielleicht hätten sie gedacht, meine Eltern seien arbeitslos oder bei der Müllabfuhr – für mich damals der Beruf, der unter Freunden den schlechtesten Ruf hatte.

«Mein Papa hat ein Casino auf der Reeperbahn», sagte ich mit einem gewissen Stolz. Ich hörte sofort die anderen Mitschüler tuscheln, kichern, dann auch lachen.

Ich verstand es nicht, doch glücklicherweise läutete es schon zur Pause.

«Reeperbahn, Reeperbahn, Nutten, Nutten …», riefen ein paar Mitschüler auf dem Pausenhof.

Ich war komplett verwirrt und ahnte von diesem Moment an, dass bei uns etwas anders war. Dass ich in eine ganz besondere Familie gehörte. Und dass es irgendwie nicht einfach sein würde mit den anderen Uwes, den Christians, Sabines, mit diesen Instrumente spielenden und hockeybegeisterten Kindern.

So nach und nach verlor das Alphabet als Platzierungsprinzip seine Bedeutung zugunsten der Vorlieben unserer Lehrerin. Die Lieblinge von Frau von Lojewski saßen in den ersten Reihen, gehörten natürlich zur Instrumenten/Pferde/Hockey-Fraktion. Ich saß zusammen mit dem dicken Volker weit hinten. Es machte mir nichts aus, ich fühlte mich ganz wohl dabei. Frau von Lojewski ließ mich indessen spüren, dass ich nicht in die «First Class» gehörte und eigentlich eher ein Ticket für die Holzklasse hatte. Sie begegnete mir mit Arroganz und Kälte.

Ich rächte mich dafür auf meine Weise. Wenn sie angesprochen wurde, legte unsere Klassenlehrerin viel Wert auf den Namenszusatz «von». Als ich merkte, dass sich da zwischen uns diese gewisse Distanz aufgebaut hatte, ärgerte ich sie, indem ich «Frau Lojewski» sagte. «Von, Uwe, von», betonte sie dann stets.

Beim nächsten Mal verweigerte ich das «von» dann wieder. Sie war irre stolz darauf, mit diesem Journalisten verheiratet zu sein, der damals zunächst für die ARD aus den USA berichtete, später die tagesthemen und dann lange Jahre das heute journal im ZDF moderierte. Damals kannte einfach jeder diese überschaubare Riege von Welterklärern der beiden großen Fernsehanstalten.

Eines Tages zeigte sie uns eine Diashow. Mit ihrem Supergatten paddelte sie auf dem Amazonas herum. Das wirkte etwas angeberisch. Ich erzählte meinem Vater, dass ich sie nicht besonders mochte. Aber auch, dass sie immer Werbung für den Schulverein machte, der einsprang, falls Mitschüler nicht genug Geld hatten, um an Klassenreisen teilzunehmen. Mein Vater wickelte einen roten Schein aus einem der Geldbündel, die bei uns immer herumlagen, steckte ihn in einen Umschlag, klebte ihn zu und gab ihn mir.

«Das sind 500 Mark, gib das Frau Lojewski morgen, entschuldige, von Lojewski», sagte er lachend und zwinkerte mir zu. «Jedes Kind soll die Möglichkeit haben, auf Klassenreise zu gehen», fügte er hinzu.

Die wenigen mittellosen Kinder an unserer Schule kamen aus dem «Osdorfer Born», einer in den späten 60er Jahren errichteten Plattenbausiedlung, einer Kolonie von Außerirdischen ähnlich, die mit ihren Ufos im feinen Hamburger Westen gelandet waren. Den «Born», wie er verknappt genannt wird, gibt es heute noch. Wer damals vom Born kam, war ein «Borner» und «bornerte», sprach oder nuschelte also einen Hamburger Proletenakzent, «Geh mal nach Aldi …» Oder so.

In den Schulpausen spielten wir Jungs meistens Fußball, erst mit einer platt getretenen Cola-Dose, später dann mit einem Softball. Gleich in den ersten Tagen kam es zum Streit. Zwei meiner Mitschüler meinten, beim Fußball besonders übel foulen zu müssen, vor allem meinen Freund Volker, der insgesamt ziemlich gemobbt wurde, vor allem im Sportunterricht. Ich erzählte meinem Vater zu Hause, der gerade von einem Freund besucht wurde, alles sei so weit in Ordnung, nur ein Mitschüler sei blöde. «Weil er beim Fußball immer foult und uns auch schlägt, zudem meinen Freund Volker immer hänselt, weil der so unsportlich wär.»

«Pass auf, mein Junge, es ist sehr wichtig, dass du dir so etwas nie gefallen lässt. Wenn dein Mitschüler euch morgen wieder schlägt oder hänselt, sagst du ihm, dass er das lassen soll. Wenn er es nicht lässt, musst du ihn besiegen, damit ein für alle Mal Ruhe ist», sagte der Freund meines Vaters, nennen wir ihn in diesem Buch Darius den Perser, auf den ich später noch näher eingehe.

Ich hatte vor dieser Auseinandersetzung mächtigen Bammel und hätte alles gegeben, wäre sie mir erspart geblieben. Doch ich beherzigte den Tipp meines Vaters: Würde ich die Entscheidung jetzt nicht suchen, hätte ich mit diesem Jungen ein dauerhaftes Problem. Nach dem nächsten Foul in der Schulhofecke gab ich ihm «eine mündliche Verwarnung», spulte also den mir von Papas Freund aufgetragenen Text herunter. Er ging sofort auf mich los, und es kam zu einer Rangelei. Er war sehr kräftig, aber ich konnte mich wohl ganz gut wehren. Dabei war mein wöchentliches Judo-Training, das vor allem den Effekt hatte, mein Vertrauen in die eigenen Verteidigungsfähigkeiten zu vergrößern, ganz sicher von Nutzen. Irgendwann lag er auf dem Boden, weinte und blutete aus dem Mund, weil ein Schneidezahn abgebrochen war.

Frau von Lojewski wurde richtiggehend böse auf mich und rief noch am Abend meinen Vater an. Als das Gespräch beendet war, sagte mein Vater zu mir: «Du hast alles richtig gemacht, Junge. Vor dem hast du Ruhe!»

Hatte ich auch. Dafür hatte ich plötzlich einen weiblichen Fan, ein schwarzes, sehr hübsches Mädchen. Sie wollte immer mit mir zusammen nach Hause gehen, wir hatten denselben Schulweg. Eigentlich hatte ich nichts dagegen, aber sie wollte immer Händchen halten – und das ging mir dann doch zu weit. Mädchen interessierten mich einfach noch nicht. Als ich mich losreißen wollte, schlug sie mir ins Gesicht, und dieses Mal verlor ich einen Zahn. Wutentbrannt rannte ich nach Hause und erzählte meinen Eltern davon und sagte: «Seht her, das hab ich nun davon, Frauen und Schwächere darf man ja nicht schlagen, oder?» Meine Eltern haben ziemlich gelacht.

Weit über sechs Jahre war ich schon der Uwe, zumeist aber «der kleine Uwe» oder «Uwilein» genannt, vor allem, wenn ich zu Hause ans Telefon flitzte, an dessen anderem Ende stets jemand war, der eigentlich den «großen Uwe» erwartet hatte. Ich fand, dass es Zeit war, sich namenstechnisch zu verändern. Ich wollte nicht mehr «der kleine Uwe» sein. Also suchte ich angestrengt nach einem neuen Namen, einem Pseudonym, das mich vom «großen Uwe» emanzipierte und nur mir gehörte. Eine Zeitlang nannte ich mich Felix, dann Theodor – am Ende Charly. Ich glaube, den Impuls dazu verdanke ich den lustigen Stummfilmen von Charlie Chaplin oder meiner damaligen Lieblingsserie «Bonanza»; auch da gab es einen «Old Charlie». Dass es dann ein Charly mit Y am Ende wurde, war reiner Zufall – ich konnte ja noch nicht schreiben. Ich fühlte mich wohl als Charly und blieb dann auch dabei: Ich meldete mich mit Charly am Telefon, meine Eltern nannten mich bald so, die Freunde – und irgendwann sogar einzelne Lehrer. Das ist bis heute so: Für die meisten Menschen in meinem Umfeld bin ich Charly. Den «Uwe» – den habe ich damals meinem Vater überlassen.

Goldgräberzeit auf St. Pauli

Der Quell unseres Wohlstandes, die «Arbeits- und Geschäftsgrundlage» meines Vaters, das war St. Pauli. Und das Herz dieses Hamburger Stadtteils, oder besser seine Lebensader, das war und ist die Reeperbahn – 930 Meter lang, umgeben von 800000 Quadratmetern Kiez, wie die Hamburger den Sperrbezirk auf St. Pauli immer schon nannten. Anfang der 70er Jahre lebten dort 1300 Prostituierte von der Geilheit ihrer Freier. 120 Millionen Mark wurden 1968 in Hamburgs Sex-Business umgesetzt.

Natürlich war St. Pauli immer schon mehr als Sex; es gab 500 Kneipen, sechs Theater, vier Museen, ein Dutzend Live-Bühnen, Spielhallen, Discos, Leihhäuser, Kioske, Tätowierstuben, Imbissbuden, natürlich auch Sexshops, Striplokale und Sadomaso-Keller, schlecht beleuchtete Straßen, nach Urin stinkende Ecken, vollgekotzte Bürgersteige und dazwischen das bunte Völkchen der St. Paulianer. St. Pauli, das «Revier» meines Vaters, und Blankenese, unser Wohnort, bildeten wohl den größtmöglichen Kontrast in dieser Stadt der Vielfalt.

Die Karriere St. Paulis – oder des Vororts Hamburger Berg, wie die Gegend bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hieß – als Amüsiermeile begann bereits im 17. Jahrhundert. Erste Vorboten des späteren Spaßviertels waren der Spielbudenplatz und ein Jahrmarkt. Um 1900 gab es dort das Panoptikum, es gab das legendäre Theater eines Volkssängers, «Hein Köllischs Universum», «Knopfs Lichtspiele», einen der ersten Vorläufer heutiger Kinos, die Apollo-Säle wurden von den Prostituierten des nahe gelegenen Dammtorwalls aufgesucht. Das «Ballhaus Lausen» und das «Ballhaus Trichter», die «American Bar» und seit 1925 die Bierhalle «Zillertal» drückten St. Pauli ihren Stempel auf. Bereits im sittenstrengen, konservativen Kaiserreich galt St. Pauli als kunterbunte Seite der liberalen Hafenstadt Hamburg. Und stand für etwas garantiert nie: Langeweile.

Deutschland wuchs als europäische Industriemacht, Hamburg zeitgleich als Güterumschlagplatz – und St.  Pauli kam die schöne Aufgabe zu, die Besatzungen der vielen Schiffe zu bespaßen, die im Hafen der Be- und Entladung harrten. Es gab undankbarere Aufgaben in einer militarisierten, aufstrebenden Großmacht, wie es Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg war.

Seinen geradezu mythischen Ruf über Stadt- und Landesgrenzen hinaus verdankt der Kiez aber den im letzten Jahrhundert entstandenen Filmklassikern wie «Große Freiheit Nr. 7», «Das Herz von St. Pauli» und natürlich Liedern wie «Auf der Reeperbahn nachts um halb eins». Beim Namen Hans Albers schrillten selbst dem unkundigsten Bergbauern die Glocken – war da nicht irgendwas mit Hamburg? Dem verkitschten Leinwand-Image passte sich das reale Leben stets ein Stück weit an: St. Pauli blieb zwar, was es war – wurde aber auch immer ein Stück weit das, wofür es gehalten wurde. Heute wirken die Rotlicht-Rudimente rund um Hopfenallee, Friedrich- und Herbertstraße wie «Kulissen für einen Film, der nicht mehr läuft», wie Udo Lindenberg singt.

Hamburg als weltoffene, liberale Stadt profitierte vom Tourismusmagneten St. Pauli. Bereits Mitte der 50er Jahre waren die ersten Striptease-Bars eröffnet worden. 1964 gründete Hans-Henning Schneidereit das «Safari» an der Großen Freiheit, gezeigt wurde Sex auf der Bühne, mehr oder weniger heimlich. Doch in Wahrheit hatte das St. Pauli der 60er Jahre, in dem der «Aufstieg» meines Vaters begann, mit dem heutigen touristischen Hotspot, mit der von Glamour und Kommerz geprägten Amüsiermeile Hamburgs nur wenig gemein. Das St. Pauli der Nachkriegszeit war eine Art «Biotop» im Wirtschaftswunderland Deutschland, einem von strengen Sitten- und Moralvorstellungen geprägten Land, das sich erst ganz zaghaft neuen Freiheiten zu öffnen begann. Auf St. Pauli war möglich, was im Rest der Republik streng untersagt war.

St. Pauli war so etwas wie der «Wilde Westen» der biederen Adenauer- und Erhard-Republik. Was dazu führte, dass in den wirtschaftlich so potenten 60er Jahren auf St. Pauli eine Goldgräberstimmung ausbrach. Denn längst zog St. Pauli nicht nur die Seeleute oder US-Marinesoldaten der im Hafen festgemachten Schiffe an, sondern auch rheinländische oder schwäbische Touristen sowie britische und skandinavische Teenager auf Sauftour. Im sittenstrengen Nachkriegsdeutschland wurde viel gearbeitet, es schien, als wolle sich dieses Land für seine Verbrechen durch Fleiß und Arbeit rehabilitieren und Anerkennung gewinnen. Mit der Folge, dass in der Adenauer-Republik gutes Geld verdient wurde.

Gleichzeitig gab es einen enormen Nachholbedarf in Sachen Spaß, allerdings nur begrenzte Möglichkeiten dafür. In den westdeutschen Großstädten wurden nach Feierabend die Bürgersteige hochgeklappt, man saß brav zu Hause vor dem neu erworbenen Fernsehapparat oder lauschte als Paar gemeinsam bei einem Gläschen Eierlikör den Schlagern, die aus der Musiktruhe waberten. St. Pauli bildete die Ausnahme, hier wurde der enorme Appetit auf Spaß, den man so lange vermissen musste, gestillt – gegen Geld, das in Zeiten von Vollbeschäftigung und zweistelligen Tarifabschlüssen bei Lohnverhandlungen locker saß. Und eben auch schnell verdient werden konnte.

St. Pauli hatte unter jungen Glückssuchern, die keine Lust hatten, ihre Lebenskraft in den Fabrikhallen der Wirtschaftswunder-Republik zu vergeuden, einen Ruf wie einst Klondike zu Zeiten des Goldrausches. Hier konnte jeder reich werden, ohne viel können zu müssen, vor allem ohne Diplom oder Facharbeiterbrief. Auf St. Pauli zählten andere Qualitäten: körperliches Durchsetzungsvermögen, eine gewisse Skrupellosigkeit – vor allem aber brauchte man gute Kontakte.

Der Flüchtlingsjunge im Golfclub

Einer dieser jungen Menschen, die einen Weg suchten, schnell zu Wohlstand zu kommen, ohne dafür viel tun zu müssen, war mein Vater. Ende März 1943, also zwei Jahre vor Kriegsende, war Uwe Carstens als das zweitälteste von fünf Kindern in der vorpommerschen Hansestadt Stralsund an der Ostsee auf die Welt gekommen. Bereits kurz nach Kriegsende siedelte die ganze Familie nach Wedel bei Hamburg über, offensichtlich sahen meine Großeltern in Ostdeutschland unter sowjetischer Besatzung für die Familie keine Zukunft. In Wedel lebten sie zunächst in den für die Nachkriegszeit typischen Nissenhütten, von den Briten erbaute, halbrunde Wohnbaracken.

Opa war ursprünglich Tischler, später arbeitete er als Klavierbauer bei Steinway & Sohn. Mein Vater durchlebte eine typische Nachkriegskindheit – mit den Entbehrungen, die eine klassische Flüchtlingsfamilie trafen. Sie waren bettelarm, zudem schlug den Fremden in Holstein Misstrauen entgegen. Früh musste er mit anpacken, zunächst als Erntehelfer bei umliegenden Bauern. Er hatte fast jeden Job zu machen, auch wenn er der Familie nur ein paar Pfennige einbrachte. So fing er für die Bauern Ratten, bekam zehn Pfennig pro Tier. Weniger unangenehm, dafür aber anstrengend war es, für einen Klempner die schwere Schottsche Karre, ein im Norden verbreitetes Schubgefährt mit zwei riesigen Speichenrädern, von Wedel bis ganz nach Hamburg zu schieben, vollgepackt mit Toilettenbecken, Rohren oder Heizungskörpern. In der Vorweihnachtszeit musste mein Vater bis in die späten Abendstunden Adventskränze flechten. Das so verdiente Geld lieferte er brav zu Hause ab.

Besser fühlte er sich als Kegeljunge im Gasthof. Sein absoluter Hit – als Caddy im feinen Golfclub Falkenstein in Blankenese. Wenn er den wohlhabenden Clubmitgliedern, zumeist Kaufleute, Unternehmer oder höherrangige Mitglieder der britischen Besatzungstruppe, die Golfschläger im Bag oder einer Umhängetasche hinterherschleppte, dann war es ihm, als falle etwas vom Licht dieser beglückenden Welt auch auf ihn. Hier, unter den Reichen, war der Ton gepflegt, das Schöne galt etwas, das Geld saß locker. Es war der größtmögliche Kontrast zur groben, schmutzigen Welt seiner Eltern.

Ich glaube, in dieser Zeit verspürte mein Vater erstmals diese Sehnsucht nach Wohlstand, Ordnung und Bürgerlichkeit, der er ein Leben lang nachhing. Und die damals für ihn, der er aus einer kinderreichen Flüchtlingsfamilie stammte, fast unerreichbar schien. Was auch immer ihn damals bewegt haben mochte, fest steht, dass in dieser Zeit der Grundstein seiner unerschütterlichen Überzeugung gelegt wurde: Geld ist das Maß aller Dinge. Geld ist der Schlüssel für Anerkennung, Glück, Wohlstand, Freundschaft – für alles.

Ein Erlebnis, das er mir oft schilderte, sagt mehr über seine Kindheit aus als vieles andere: Er kam an einem Märztag vom Spielen etwas zu spät nach Hause. Es gab wegen der Verspätung einen riesigen Ärger und wohl auch «den Arsch voll». Nach der Bestrafung versuchte er unter Tränen, den Grund für sein Zuspätkommen zu rechtfertigen: «Ich dachte, heute darf ich etwas länger draußen bleiben, weil ich doch Geburtstag habe …» Seine Eltern sahen sich kurz an – sie hatten es glatt vergessen. Das war ihnen dann wohl doch etwas unangenehm.