Der König der Schweine - Manfred Rebhandl - E-Book
Beschreibung

VORSICHT, DIESE FRAU KANN JUDO! JUDO, NICHT YOGA Kitty Muhr wiegt ein bisschen mehr als ein durchschnittliches Magermodel, und sie ist auch sonst aus gröberem Holz geschnitzt. Sie raucht und trinkt und flucht, und sie mag Kerle. Richtige Kerle. Solche mit Haaren und keine Sackrasierer. Mit ihrer Polizeikarriere geht anfangs ebenso wenig weiter wie mit der lange ersehnten großen Liebe. Barkeeper Johnny aus der Bingobongobar, wo sie nahezu ihre gesamte Freizeit verbringt, ist es jedenfalls nicht. Dabei ist er groß, stark behaart und extrem männlich. EIN ERMITTLERDUO WIE KEBAB UND VEGGIE-BURGER Blöd nur, dass Kitty ausgerechnet einen Zwerg als Partner zugewiesen bekommt, als endlich ihre Beförderung durchgeht. Einen zugewanderten Kurden namens Ali Khan Kurtalan, der sein Heil in vollständiger Assimilierung sucht. Die beiden passen zusammen wie Kebab und Veggie-Burger: Sie fährt einen alten Benz, er fährt Rad; sie tritt Türen ein, er hält sie ihr auf. MORD IM VORSTADTWEIBER-MILIEU Als hintereinander die Leichen von drei jungen, gut aussehenden Afrikanern gefunden werden, tauchen Kitty und Ali ein in ein Milieu, das ihnen beiden gar nicht schmeckt. Alle drei Opfer wurden in einer Flüchtlingsunterkunft von ein paar gut situierten Vorstadtweibern der Wiener Gesellschaft betreut: verwöhnte, überforderte Frauen in der Mitte ihres Leben, die sich langweilen und sich lieber mit schwarzen "Toyboys" amüsieren, anstatt sich um ihre eigene missratene Brut zu kümmern … "Manfred Rebhandl rockt. Im Grunde kenn ich keinen, der so unverblümt schreibt, ehrlich, mutig, grad raus - und irrsinnig komisch! Rebhandl war für mich schon Kult, da hab ich noch gar nicht selber ans Schreiben gedacht, und ich kann nur sagen: LESEN!" THOMAS RAAB

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:328

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Manfred Rebhandl

Der König der Schweine

Ein Kitty-Muhr-Krimi

Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
Manfred Rebhandl
Zum Autor
Impressum
Weitere E-Books aus dem Haymon Verlag

Manfred Rebhandl

Der König der Schweine

Für Coco, Mimi und Opa

1

Gestern stand dann noch Mädchenabend mit meiner besten Freundin Susi auf dem Programm, und zwar in der Bingobongobar. Dort hat es natürlich wieder länger gedauert als geplant, weil Johnny die Bar machte und wir beide dann immer sagten: „Einen trinken wir noch, Johnny, einen auf dich! Kicher, kicher.“ Wir saßen auf unseren Hockern und bestellten ein Glas nach dem anderen, und dann starrten wir ins Leere, bis wir pinkeln mussten. Kein Wunder eigentlich, dass wir nicht an Johnny herankamen, weil wir immer nur betrunken vor ihm an der Bar herumsaßen und uns gegenseitig mit unseren Problemen volllaberten, zum Beispiel: wie ungerecht das Leben war (vor allem das!), und dass diese und jene Schlampe schon wieder einen Neuen hatte (was natürlich voll ungerecht war!), während wir beide auf unseren Barhockern immer übersehen werden, und so weiter. Dabei schob Johnny den ganzen Abend lang nur einen Drink nach dem anderen zu uns herüber und polierte in aller Ruhe seine Gläser, hauchte sie an, polierte sie weiter, und – wenn er endlich zufrieden war mit seiner Arbeit – stellte sie zurück ins Regal, wo sie dann glänzten wie frisch vermählt.

Ach, mein Johnny!

Ich hatte also noch immer ordentlich Schlagseite und richtig schlimme Kopfschmerzen, als das Telefon läutete, und ein bisschen Liebeskummer hatte ich auch. Wenn das der Fall war, dann mied ich normalerweise das grelle Licht des Tages, ließ die Vorhänge zugezogen und verkroch mich ganz tief in meinem Bett, um das herum ich überall was zu Futtern versteckt hatte, wie ein Eichhörnchen, das Vorräte für den Winter anlegte. Und dann konnte und wollte ich gar nichts mehr hören und sehen von der großen bösen Welt – die so ungerecht war!

Aber es hörte einfach nicht auf zu läuten, also ging ich schließlich doch ran, und es war – Überraschung! – nicht mein Johnny, sondern schon wieder meine Susi.

Die war mir irgendwann mal über den Weg gelaufen wie ein streunender Hund, der sich alleine nicht zurechtfand auf dieser Welt, und dann war sie einfach an mir hängen geblieben und wollte nicht mehr ohne mich leben. Und ich irgendwie auch nicht ohne Susi, obwohl es natürlich ganz schön nerven konnte, wenn sie um diese Zeit anrief.

Meine Susi sah wirklich verdammt gut aus, jedenfalls von hinten. Sie hatte diese sehr langen Beine, diesen wirklich sehr schmalen und festen Arsch, und diese wirklich sehr schönen Haare, die lang und gelockt waren und glänzend braun. Jemand, der sich mit Bäumen und Haaren auskennt, der würde vielleicht sagen: Wie Kastanien! Und wenn Susi ihren Kopf in den Nacken warf, was sie wirklich oft und gerne tat, dann wollte sie einem damit ungefähr Folgendes sagen: Seht mal her, meine wunderschönen Haare!

Dabei sah man aber natürlich immer auch ihr Gesicht, das zwar ebenfalls wunderschön war, weil ihre Augen groß und grün waren, ihre Nase fein und ­schmal, und ihre Lippen voll und rot. Aber sie hatte eben auch diesen Pferdebiss, der deutlich sichtbar war, und am deutlichsten natürlich dann, wenn sie ihren Kopf in den Nacken warf und dabei hysterisch lachte. Das tat sie nämlich genauso oft, wie den Kopf in den Nacken werfen, und das machte sie unsicher. Und mit unsicheren Menschen war es immer das Gleiche: Sie lachen erst recht ständig, weil sie so unsicher sind, und ihr hysterisches Lachen machte Susi dann noch unsicherer, weil man dabei ihre Zähne sah. Es war ein verdammter Teufelskreis mit ihrer Unsicherheit und ihrem Pferdebiss!

Ach, meine Susi.

Dieses ihr spezielles Gebiss war wohl auch der Grund, warum sie überhaupt mit mir befreundet war. Ich war zwar blond, was gut aussah, war aber auch ein bisschen größer gebaut als die meisten anderen Mädchen, und auch ein bisschen gröber. Manchmal sogar ein bisschen mehr, manchmal ein bisschen weniger. Es gab Tage, da musste ich weinen darüber, wie ich aussah, und ich wollte nicht mehr außer Haus gehen. Aber dann dachte ich an Susi mit ihrem Pferdebiss, und dann ging es mir wieder besser und ich konnte wieder rausgehen. Natürlich wusste ich, dass auch Susi, wenn sie wegen ihrem Pferdebiss weinte und nicht außer Haus gehen wollte, an mich dachte, und dann ging es ihr wieder besser und sie traute sich wieder auf die Straße. Das hatte sie mir mal erzählt, als wir bei Johnny an der Bar saßen und schön langsam ganz schön betrunken wurden. Zunächst war ich natürlich sehr enttäuscht von Susi und auch ein bisschen wütend auf sie. Aber ihr ging es umgekehrt mit mir genauso, also versöhnten wir uns schnell wieder und lagen uns dann vor Johnny in den Armen, was natürlich immer besonders peinlich ist.

Wir sind auch immer die Letzten in der Bingo­bongo­bar, und eine von uns sagt dann knapp vor Sendeschluss verlässlich zu Johnny, dem so verdammt coolen, so verdammt gut aussehenden Barkeeper, der seine Gläser poliert: „He, Johnny, hör mal zu: Wir suchen einen mit Pferdeschwanz, Frisur egal. Läuft hier so einer rum?“

Na gut, eigentlich war immer ich es, die ihn das fragte, denn ich hatte ihn schon lange auf dem Schirm, was seine Schwanzgröße angeht. Was ein Mann in der Hose haben muss, darüber hatte ich mich natürlich schon oft mit Susi unterhalten, und oft genug lautstark direkt vor Johnny an der Bar, mit einem Cocktailglas in der Hand, das ich dann umfasste, als wäre es die Norm, an der wir uns orientieren müssten, während wir davon redeten und uns meine Fotosammlung anschauten: „He, Johnny! Sieh dir mal den an! Kannst du mit dem mithalten?“ Oder: „Der ist gut, der nicht, der na ja.“ Oder: „Beschnitten würde er besser aussehen!“ Oder: „Den ruf ich sicher an, den ruf ich nie wieder an, den ruf ich nur an, wenn ich es wirklich sehr nötig habe!“ Wenn man so will, dann war das eines meiner Hobbys. Mein anderes Hobby war mein alter Benz. Was beide meine Hobbys anging, zählte für mich dabei vor allem Größe und Stärke.

Leider fehlte aber noch immer ein Schnappschuss von Johnny in meiner Sammlung. Irgendwie weigerte er sich nämlich hartnäckig, mir ein Foto zu schicken, was komisch war, denn normalerweise verschickten Kerle ihre Schwanzfotos heute schneller, als sie „Noch ein Bier!“ sagen konnten. Zu neun von zehn dieser Schwanzfotoakrobaten wurde der Kontakt dann natürlich abgebrochen. Trotzdem hatte ich über die Jahre eine schöne Sammlung angelegt, die aber in letzter Zeit ein wenig ausgedünnt war. Was Johnny betraf, gab es Hinweise darauf, dass man ihn unter „Hilfe!“, „Autsch!“ oder sogar „Das muss doch wehtun!“ ablegen konnte. Allerdings hörte man auf dem Damenklo auch Gegenteiliges, Kategorie „Hab gar nichts gespürt“. Es gab Lobeshymnen auf ihn, aber auch „Daumen runter!“-Meldungen. Eigentlich wusste keine etwas Genaues, und verbürgte Aussagen gab es erst recht nicht.

„Kitty, hör zu! Ich habe ja gestern ganz vergessen, dir das Wichtigste überhaupt zu sagen!“

So war das immer mit Susi: Am Ende des Tages vergaß sie, mir das Wichtigste überhaupt zu sagen, nur damit sie mich dann am nächsten Tag gleich wieder anrufen konnte. Ich gab mich geschlagen, kroch unter der Decke hervor, und sagte: „Na dann schieß los, worum geht’s denn?“

2

Ich war Bulle bei der Wiener Kriminalpolizei, Abteilung Gewaltverbrechen inklusive Mord. Wir waren zuständig für den Westen, und unsere Abteilung war im fünften und letzten Stock eines desolaten Gebäudes in der Tannengasse hinter dem Westbahnhof untergebracht, zusammen mit dem Meldeamt, dem Passamt und dem Amt zur Ausstellung von Führungszeugnissen. Ein Gemischtwarenladen der Verwaltung also, und mittendrin wir.

Die meiste Zeit saß ich hier einfach nur meine Dienste ab: dreimal Nacht, zweimal frei, dreimal Tag, zweimal frei. Und so weiter. Aber besonders die Nachtdienste setzten mir immer mehr zu, weil ich dabei völlig außer Tritt kam. Es ruinierte meine Verdauung, wenn ich so unregelmäßig arbeitete und wenig schlief. Und wenn ich nicht arbeitete, dann schlief ich eben auch nicht, sondern lag wach herum und machte mir so ein paar Gedanken darüber, warum ich so oft alleine schlief. Oder ich saß bei Johnny in der Bingobongobar auf einem Hocker, hielt mich an einem Glas fest und starrte ins Leere, bis ich pinkeln musste. Hinten raus aber ging bei mir am Klo oft tagelang gar nichts mehr, obwohl ich wirklich nicht zu wenig aß. Vielleicht sollte ich auch einfach etwas anderes essen, und nicht immer nur dieses fettige und süße Zeug zwischendurch, das ich, je länger ich hier arbeitete, desto dringender benötigte. Es war nämlich das Einzige, was mich hier irgendwie glücklich machte.

Klar, hin und wieder hatte ich auch was zu tun. Dann kriegte ich einen Fall auf den Tisch, so wie die Aushilfskraft in der Küche, die Kartoffeln zum Schälen kriegt, oder die Zahnarzthelferin, die den Schlauch fürs Absaugen halten darf. Bei mir war es meistens ein betrunkener Pole oder so was in der Art, der von seinen saufenden Kumpanen im Park abgestochen worden war, und ich sollte dann herausfinden, wer es getan hatte und warum. Als wollte man mir damit sagen: Wenn du es schaffst, diesen Fall zu lösen, dann hast du schon sehr viel geschafft, Kitty!

Die Typen hier hatten irgendwie ein Problem mit mir, und ich mit ihnen.

Ich musste zur Lösung solcher Fälle nur die Überwachungskameras öffentlicher Plätze auswerten, ein paar Zeugenaussagen einholen und in Notquartieren nachfragen, ob dort einer fehlte. Und dann organisierte ich meistens noch die Beerdigung am Friedhof der Namenlosen, ich ertrug es nämlich irgendwie nicht, wenn sich niemand um die Toten kümmerte. Ich war ja nahe am Wasser gebaut, obwohl ich Judo konnte. Judo, nicht Yoga. Ich fragte mich oft: Was ist denn das für eine Welt? Du lebst, du stirbst, und dann vermisst dich niemand? Kein Papa, keine Mama, keine gesamte Verwandtschaft? Wo sind denn all die Freunde hin, die doch nach einem fragen müssten? Überall liegen sie herum, die keiner mehr haben will, mit denen niemand mehr etwas zu tun haben möchte, um die sich keiner mehr kümmert. Kommt ja immer häufiger vor! Einer weniger von denen? Ist doch scheißegal. Hundert weniger? Noch besser!

So dachten und redeten jedenfalls meine Kollegen, die allesamt Männer waren und mit denen ich die ganze Zeit zu tun hatte. Und wenn ich so einen Fall dann zu den Akten legte, hörte ich sie auf den Gängen über mich reden: „Das hat sie gut gemacht, die Muhr! Wirklich sehr gut!“ Als hätte ich mir das erste Mal die Schuhe richtig zugebunden. Und als würde ich dafür Lob verdienen!

Daran war ich natürlich selbst schuld. Ich wollte ja unbedingt einen Job haben, in dem ich mit Kerlen arbeiten konnte, denn ich mochte Kerle. Ich mochte richtige Kerle wie Johnny aus der Bingobongobar, oder welche, die tagsüber Straßen asphaltierten und nachts schwere Autos fuhren. Solche mit Haaren auf der Brust und keine Sackrasierer. Aber am Bau wollte man mich nicht haben, und zum Asphaltieren hatte ich keine rechte Lust. Also blieb mir am Ende nur die Polizei, Abteilung Gewaltverbrechen inklusive Mord. Wie aber hatte ich jemals glauben können, dass mir das Spaß machen würde?

Schnell wurde mir nämlich klar, dass es bei den Bullen keine richtigen Kerle gab, sondern nur Typen mit echten Problemen. Oder mit schweren Defiziten, wie man heute auch sagt, wenn einer mit sich und der Welt überhaupt nicht mehr zurechtkommt. Die meisten Bullen fingen irgendwann an zu trinken, nahmen Tabletten oder irgendwelche anderen Drogen und starben mit neunundfünfzig, knapp bevor sie in Pension gehen konnten. Sie flüchteten sich vor ihren Problemen in eine Bar, setzten sich auf ihren Hocker und bestellten ein Glas, an dem sie sich festhielten, und dann starrten sie ins Leere, bis sie pinkeln mussten. Dabei dachten sie, sie wären so was Ähnliches wie Superman, hatten aber in Wahrheit Angst vor allem, was auf zwei Beinen herumlief, und am meisten natürlich vor Frauen. Männliche Bullen hielten einfach nichts von Frauen in ihren Reihen, aber noch weniger hielten sie von Ausländern, die sie verallgemeinernd Kameltreiber oder Kümmeltürken nannten. Oder eben Bimbos, wenn sie halt ganz schwarz waren.

So wie der, wegen dem mein Boss vorhin rausgegangen war: „Hier hängt einer im Wald!“, hieß es. „Ein junger Schwarzer! Er ist tot!“ Das war der Inhalt eines aufgeregten Anrufs, der mich vor einer Stunde erreichte. Es waren Wanderer, die den Toten entdeckt hatten, eine so genannte Jungfamilie in einem Naherholungsgebiet westlich der Stadt. Die Überraschung war groß bei den süßen Kleinen, denn einen Schwarzen hatten sie zuvor vielleicht noch nicht so oft gesehen in ihrem Leben, und ein Schwarzer hing in dieser Gegend schon gar nicht so oft im Wald herum. Wobei die Frage war, was sie mit „hängen“ meinten.

Die vielleicht wichtigere Frage aber war: Ein toter Schwarzer? In einem Wald westlich der Stadt? Das hatten wir letzte Woche schon mal, und ich musste den Bericht tippen: Arbeiter hatten die Leiche da draußen im Auffangbecken eines kleinen Wasserkraftwerks mit einer vielleicht zehn Meter hohen Mauer gefunden. Jemand hatte das Opfer mit Klebeband an einem Mountainbike festgebunden, an Armen und Beinen, und dann über die Böschung hinunter ins Wasser gestoßen. So ungefähr musste es sich zugetragen haben. Der toxikologische Befund hatte ergeben, dass der Tote voll mit Amphetaminen war. Seine Leiche war grotesk aufgeschwemmt nach den vielen Tagen, die er da unten im Wasser getrieben war, und seine schwarze Haut war beinahe vollkommen bleich. An seinen Fingerkuppen befand sich praktisch keine Haut mehr, weil sie ihm die Fische abgefressen hatten. Und als man seine Hände vom Bike löste, fand man in der rechten ein kleines Schweinchen, so eines, wie man es zu Silvester verschenkt. Jemand hatte es ihm da reingetan, bevor er ihm die Hand am Lenker festgebunden hatte. Es war klar, dass man es finden sollte, weil es wohl eine Art Botschaft war. Aber welche?

Ich war nicht der Typ, der gerne in den Wald ging, also informierte ich meinen Boss, der schon den ersten Fall übernommen hatte. Sagte ihm, dass ich ein kleines Mädchen sei und er ein großer, starker Mann, und der Wald etwas für ihn und nicht für mich. Ich wollte nämlich lieber hier bleiben und weiter im Internet surfen (Kategorie „Autsch!“), mir die Nägel feilen und mit Susi telefonieren. Ein bisschen Nägel feilen, ein bisschen surfen, dazu rauchen und Kaffee trinken und, wenn es sich ergab, mit meiner Freundin Susi telefonieren – das stand bei mir auf dem Programm, wenn hier gar nichts los war. Das Feilen der Nägel beruhigte meinen Geist, während das Surfen mich in Stimmung brachte und Susi mich auf dem Laufenden hielt. So wie heute Morgen, als sie mir sagte, dass der eine Sternekoch immer in das Essen der zwei schwulen Schauspieler spuckte, bevor er es ihnen servieren ließ, weil er Schwule angeblich nicht leiden konnte. Angeblich! Das war das Wichtigste überhaupt gewesen, wegen dem sie mich angerufen hatte.

Nun rief Bonner aus dem Wald heraus an, von dort, wo man die Leiche gefunden hatte. Der Empfang war schlecht, aber noch schlechter war seine Laune. Mein Boss war nämlich irgendwie auch nicht der Wald-Typ, wie sich herausstellte, dort kannte er sich nicht aus, und es gab dort keine Bar, wo er sich hinsetzen und ins Leere starren konnte, bis er pinkeln musste. Und immer, wenn er sich irgendwo nicht auskannte, rief er mich an, das war so eine Angewohnheit von ihm. Außerdem war er einsam, das kam erschwerend hinzu, und er hatte wohl so ein Gefühl, dass ich es auch war. So falsch lag er damit gar nicht. Aber wie immer, wenn zwei miteinander reden wollten, die einsam waren, musste erst einer das Gespräch in Gang bringen, sonst klappte das nicht. Ich fragte: „Was ist, Boss? Geht’s Ihnen grad nicht gut?“

„Sei froh, dass du nicht sehen musst, was ich gerade sehe!“

Dass er alle mit Du anredete, die ihn umgekehrt mit Sie anreden mussten, das hatte er sich angewöhnt, als die Zeiten für ihn noch besser waren und seine Glocken noch etwas höher hingen.

„Der hängt da verkehrt herum an einer Leine“, sagte er, und ich fragte: „Wie? An einer Leine?“

„Die Leine ist zwischen zwei Bäumen im Abstand von vielleicht zehn Metern gespannt. Über einer Senke, die vielleicht drei Meter tief ist. Hast du das ungefähr vor Augen?“

„Ja, ich denke schon.“

„Dann sag mir, wie man das nennt, was diese jungen Leute heute in den Parks oft machen, wenn sie auf so einer Leine herumbalancieren?“

Ich schloss mein „Autsch!“-Fenster, zog den Stick heraus und sagte: „Slackline?“

Er sagte: „Sicher? Na okay, dann halt Slackline.“

Ich hatte so etwas schon mal im Fernsehen gesehen, denn nachts, wenn ich nicht schlafen konnte – und ich konnte selten schlafen –, schaute ich mir solche Filme an: über Segelboote, die um die Erde segelten; oder über Fallschirmspringer, die von oben herabsprangen; oder eben über solche Typen, die ihre Leine zwischen zwei Hochhäuser oder zwei hohe Felsen spannten und dann da drauf herumbalancierten, über Abgründen, die hunderte Meter tief waren, und so locker, als gingen sie darauf spazieren. Das waren schon die irrsten Typen! Manche machten es mit einem Sicherungsseil um den Knöchel, manche gingen aber auch ohne. Sie brauchten irgendwie diesen Kick, vielleicht, um dann besser schlafen zu können. Mit gutem Sex alleine schoss man sich heute nirgendwo mehr hin. Ich sagte: „Aber hören Sie, Boss: Diese Leinen sind im Park immer nur einen Meter oder so über dem Boden gespannt. Sie aber sagten, da geht es in eine Senke hinunter?“

„Ja.“

„Und darüber ist die Leine gespannt?“

„Ja. Er baumelt hier ziemlich genau in der Mitte der Senke an dieser Leine, bis dahin muss er balanciert sein. Um seinen rechten Fuß ist eine Sicherungsleine befestigt, die mit einem Karabiner an dieser Slackline geführt wird. Seine Arme hängen einen halben Meter über Grund. Jemand muss ihm gegen den Kopf geschlagen haben. Kennst du diese Geburtstagsfeiern, wo Kinder gegen Säcke schlagen, aus denen dann Süßigkeiten herausfallen?“

„Ja. Wo ist es?“

Er seufzte tief und resigniert, bevor er antwortete: „In der Nähe des Kraftwerks.“

Ich fragte: „Dann ist es eine Serie?“

Er sagte: „Ich bitte dich!“

„Wie lange hängt er dort schon, was meinen Sie?“

„Sicher ein paar Tage. Ich wünschte, es war ein Unfall.“

Ich lachte: „Im Ernst, Boss? Lassen Sie mich überlegen. Ein Schwarzer im österreichischen Bundesforst alleine mit einer Slackline? Ist es irgendjemandem aufgefallen, dass das schwarze Jugendliche in jüngster Zeit öfter machen? Sich ein einsames Plätzchen suchen und dort herumbalancieren? Und sich dann selbst den Schädel blutig schlagen, sobald sie das Gleichgewicht verloren haben? Oder sich an Mountainbikes festbinden und dann in einen See hineinfahren?“

„Warum nicht?“, sagte Bonner gereizt, bevor er wieder auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam: „Sie sind doch mittlerweile überall!“

Schwarze. Bimbos. Neger. Es gab wenig, was Bullen mehr aufregte als diese Gruppe von Menschen, von denen sie sich einbildeten, dass sie immer mehr wurden. Dass sie uns überschwemmen würden. Dass wir wegen ihnen bald nicht mehr Herr im eigenen Land sein würden. Wahrscheinlich schauten sich Bullen im Internet diese einschlägigen Seiten an, die auch ich mir gespeichert hatte: monstercocks.com oder ­bigblackcocks.com. Anders konnte ich mir nicht erklären, warum sie solche Angst vor ihnen hatten und sich ihnen so dermaßen unterlegen fühlten.

„Moment“, sagte Bonner. „Da klebt ein Fünfzig-Euro-Schein an dieser Leine.“ Er atmete schwer, und ich konnte hören, wie er im Gras herumging. Wie er sich dabei eine Zigarette anzündete. Und wie er einen Schluck aus seinem Flachmann nahm. Dann sagte er: „Und hier klebt wieder so ein Schweinchen! Was soll der Scheiß überhaupt?“

Er legte auf.

3

Mein Boss war letzten Winter achtundfünfzig geworden. Er war Asket, aber nicht, was Zigaretten und Whiskey anging. Er rauchte ständig, obwohl man in Amtsgebäuden nicht mehr rauchen durfte, aber ihm war das scheißegal. Ich hatte ihn sogar im Verdacht, dass er mit einer Zigarette im Mund duschte. Allerdings duschte er nicht besonders oft, diesen Verdacht hatte ich auch. Er war sehnig und dürr. Seine braune Anzughose, die alt und verknittert war, hing ihm ohne Gürtel an der schmalen Taille. Wie jeder schwere Alkoholiker hatte er keinen Arsch in der Hose, alles an ihm war nur noch klapprig. Sein Gesicht? Jemand musste einer alten Elefantenkuh den Arsch abgezogen und ihm dort hingeklebt haben. An guten Tagen sah das gar nicht mal schlecht aus, an schlechten aber schon. Die schlechten Tage häuften sich, auch bei ihm. Sein Wesen war das eines grummeligen, schlecht gelaunten, stark behaarten Arschlochs. Leider hatte ich ein Faible für Arschlöcher, nur die vielen Haare in den Ohren mochte ich auch bei Arschlöchern gar nicht. Es gab Tage, da hätte ich mich von ihm besteigen lassen, gleich bei ihm im Büro, zwischen Tür und Angel. Und weil ich ein nettes Mädchen war, hätte ich ihm sogar dabei geholfen, denn Hilfe würde er dabei sicher brauchen.

Weil er mal bei dieser Sondereinsatztruppe war, die mit voller Schutzbekleidung und Helm am Kopf eine Hauswand hinaufklettern und herunterlaufen konnte, je nachdem, sah er sich selbst als harten Kerl. Diese Truppe befehligte er sogar mal, bis ihm einer ins Knie schoss, der übrigens kein Ausländer war. Wie das passieren konnte, das versteht er bis heute nicht. Seither humpelt er, wenn er geht, und wenn er sitzt, dann trinkt er sich in seinem Büro den Frust von der Seele. Dabei betrachtet er meistens ein Foto an seiner Wand, das eine kniende, gefesselte schwarze Frau zeigt, die vollkommen nackt ist und dabei so aussieht, als wäre sie ein Tisch. Ein weißer Typ in Uniform steht hinter ihr und stellt sein Whiskeyglas auf ihren Arsch, während er ihr die Peitsche gibt. In vielen einsamen Stunden träumte er wohl davon, dass dieser Typ er sein könnte. Und manchmal träumte ich davon, dass dieser Tisch ich wäre.

Ich wollte zusammenpacken und noch das Grab meines Vaters besuchen, denn ich war schon länger nicht mehr dort gewesen. Mein Vater hatte mich bei der Polizei untergebracht, nachdem ich lange genug darum gebettelt hatte. Er soff am meisten von allen Bullen, was meine Mutter hasste, und er hatte ständig andere Frauen, was sie noch mehr hasste. Irgendwann zog er bei uns zu Hause aus und in eine kleine Wohnung, dort soff er weiter und traf seine Frauen, die meine Mutter Nutten nannte. Vor einem Jahr sagte ihm ein Arzt, dass er Zucker habe, und wenn er so weiter trinke, dann müsse er ihm ein Bein abschneiden. Vor sechs Monaten war es dann so weit und er säbelte ihm ein Bein ab, denn er wollte nicht damit aufhören, und wahrscheinlich konnte er auch nicht mehr. „Dann brauchst du mir wenigstens nur noch alle zwei Jahre ein Paar Socken zu Weihnachten schenken!“ Das war es, was ihm dazu einfiel, nachdem mir zu Weihnachten nie etwas anderes eingefallen war, als ihm Socken zu schenken. Drei Monate später war er tot, und ich konnte ihm nie wieder etwas schenken. Ich habe in meinem Leben keinen Mann öfter betrunken gesehen als meinen Vater, und keiner behandelte Frauen schlechter als er. Sobald eine Gefühle für ihn zeigte, wollte er nichts mehr von ihr wissen. Aber er sah dabei auch verdammt gut aus. Kann also sein, dass ich da ein Problem habe. Ich suchte ein dauerbetrunkenes, immer lächelndes, verdammt gut aussehendes Arschloch, das meinem Vater ähnlich war. Meine Zukunft sah also, was das anging, nicht sehr rosig aus. Meine Gegenwart war allerdings auch nicht so prickelnd.

Ich stand schon in der Türe zu meinem Büro, als Bonner zurückkam und mich in Empfang nahm. Er war überraschend gut gelaunt und fragte: „Muhr! Wie alt bist du eigentlich? Nächstes Jahr vierzig, oder? Also pass auf, ich habe da gerade einen Witz gehört, der dir vielleicht gefallen könnte: Was trägt die Frau ab vierzig zwischen den Brustwarzen?“

Ich hatte keine Ahnung, und das sagte ich ihm auch. Also gab er mir die Antwort gleich selbst, und die lautete: „Den Bauchnabel.“

Dabei hustete er Zigarettenrückstände aus sich heraus, die er sich während der letzten Jahre und Jahrzehnte zugeführt hatte, und er lachte dabei, bis ihm die Augen tränten. Und alle anderen, alles Männer, lachten mit ihm. Nur ich hatte so ein Gefühl, dass ich das alles nicht mehr lange ertragen würde. Irgendjemand müsste mal in irgendeinem Labor eine kleine, feine Schwanzkrankheit entwickeln, die man dann hier am Männerklo unters Volk bringen könnte, irgendetwas richtig Ekeliges, Nässendes, Brennendes, Juckendes. Und etwas Eiterndes auch! Aber im Moment wusste ich nicht so recht, wer das für mich erledigen könnte, denn mein Johnny aus der Bingobongobar hatte ja nicht einmal einen Schulabschluss.

Bonner befahl mich in sein winziges Büro, in dem kaum zwei Ärsche Platz hatten. Nur ein kleiner Schreibtisch stand darin, hinter dem er noch größer wirkte, als er mit seinen über eins neunzig Metern ohnehin schon war. Und der Sessel ihm gegenüber, auf dem man Platz nehmen musste, wenn man einen Termin bei ihm hatte, der war niedriger als seiner. Er hatte sich hier einen Junggesellenhaushalt im Kleinen eingerichtet, das war kein Ort, an dem man als Frau gerne länger bleiben wollte. Er krempelte die Ärmel seines schlecht geschnittenen Hemdes hoch und lockerte den Knopf seiner Krawatte, die dreißig Jahre alt war und in den Tönen Braun, Beige und Orange gehalten. Dabei wirkte er wie ein Fleischer, der gleich zustechen würde, und das machte mir immer ein bisschen Sorgen, wenn er so wirkte. Ich hatte mich nämlich um diese Stelle beworben, bei der ich mich nicht mehr vom Schichtdienst zermürben lassen müsste. Mal regelmäßig schlafen, und drei Nächte in der Woche mehr bei Johnny in der Bingobongobar! Vielleicht auch keine abgestochenen Polen mehr. Keine Ahnung, was ich wollte, nur das hier wollte ich auch nicht. Bisher hatte man alle meine Bewerbungen abgelehnt, und wenn mir Bonner darüber Bescheid gab, dann immer auf diese Art: Er setzte sich, legte seine Füße auf den Tisch und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf, sodass ich die tellergroßen Schweißflecken um seine Achseln herum sehen konnte, die er nicht einmal versuchte zu verbergen. Dann schaute er mich an, als machte er sich Sorgen um mein hübsches Köpfchen, weil er es mir gleich abschlagen würde.

Als ich hier anfing, da kriegte ich kaum ein Wort heraus, wenn ich ihm in diesem Büro gegenübersaß. Ich war eingeschüchtert wie ein kleines Mädchen, das dringend aufs Klo musste, wippte verlegen mit dem Fuß oder blies mir gegen die Fingernägel. Und dass mein Vater auch hier arbeitete, das half mir dabei gar nicht weiter, im Gegenteil. Die beiden hatten sich gehasst. Es war der Kampf zweier Alphatiere, den mein Vater verloren hatte. Aber heute? Ich war einfach nur noch müde, und mir war gerade alles scheißegal. Und sein lächerliches Gehabe beeindruckte mich schon lange nicht mehr. Was hatte der für Probleme! Was war er doch für ein armes Würstchen!

Ich setzte mich auf diesen Stuhl ihm gegenüber, kramte selbst eine Zigarette aus meiner Tasche, zündete sie mir an und blies den Rauch gegen seine Füße, die nur ein paar Zentimeter von meiner Nase entfernt lagen. Wenn man solche Füße hatte, dann war es besser, wenn sie einem abgeschnitten wurden. Ich schaute ihn an und sagte: „Gut, dass man bei Ihnen rauchen darf, Boss. Hier riecht’s nämlich ganz schön übel. Schlafen Sie auch in Ihren Socken? Und noch etwas: Ich müsste dann dringend mal in die Bingobongobar, meine Freundin Susi hat mir etwas sehr Wichtiges zu erzählen, also …“

Aber meine wohlüberlegten Worte ließen ihn kalt, oder jedenfalls tat er so. Und dann wusste ich: Wenn er so selbstsicher war, dann hatte er noch eine Karte im Ärmel, die er bald ausspielen würde. Er schaute mich eine Minute lang oder noch länger an, ganz ohne Interesse, ganz ohne Sabber, der ihm sonst immer aus dem Mund lief. Und ganz ohne Interesse und ganz ohne Sabber, der ihnen aus dem Mund lief, schauten diese Typen sonst nie eine Frau an. Das kränkte mich, und ich ärgerte mich darüber, dass es mich kränkte. Verdammt, was hatte ich für Probleme! Und was war ich für ein armes Würstchen!

Ich deutete auf meine Uhr, aber es interessierte ihn nicht, wo ich hinmusste. Also fragte ich: „Was ist eigentlich mit meiner Bewerbung, Boss? Ich will meine besten Jahre nicht mit Ihnen verschwenden, Sie machen mich irgendwie depressiv und unglücklich. Sollte ich also nicht langsam Bescheid kriegen?“

Er winkte ab, lehnte sich zurück, wippte auf seinem Sessel hin und her und schwieg, während er sich eine weitere Zigarette anzündete. Dann beugte er sich nach vor und schob mir eine Broschüre über den Tisch, auf der Polizeilicher Gesundheitscheck Oktober 2015 stand, und ich dachte sofort: Oh nein! Bitte nicht schon wieder!

War das tatsächlich bald ein Jahr her, dass ich da auf einem Hometrainer sitzen und in so eine Röhre hineinblasen musste? Dass sie mich eine Runde um einen Sportplatz jagten, an deren Ende ich beinahe kotzen musste? Und jetzt das Gleiche schon wieder? War das sein Ernst?

Ich nahm die Broschüre entgegen und schaute sie mir mit gespieltem Interesse an, schlug dabei die Beine übereinander, sodass der Saum meines Kleides sehr weit nach oben rutschte, und wippte mit den Füßen. Dann schaute ich ihn an, und er schaute mich an. Gierte nach meinen Schenkeln und schaute auf meine Knie, die ich ihm irgendwann in die Eier treten musste. Mir war natürlich klar, was er mir mit dieser Broschüre eigentlich sagen wollte: Du bist zu fett. In Großbuchstaben und … na ja. … eben fett geschrieben. Männer taten so etwas, weil sie wussten, wie wir Frauen darauf reagierten: verunsichert und gekränkt, nicht selten beleidigt. Dabei war ich gar nicht fett, überhaupt nicht. Ein kleines Bäuchlein, okay. Aber ich hatte die Gene eines Rennpferdes. Ich war nur total unsportlich, und ich aß gerne und nahm lieber den Lift, als dass ich zu Fuß die Treppen hinaufstieg, das war’s. Mehr Probleme gab es da nicht. Ich hatte einfach keine Kondition, außer es ging darum, möglichst lange bei Johnny in der Bingobongobar auszuharren. Aber weil Bonner meinen Arsch nicht kriegte, um seinen Drink darauf abzustellen, musste er mich unbedingt demütigen. So einfach war er gestrickt, so einfach waren sie alle gestrickt. Und so einfach war es, uns Frauen zu verunsichern.

„Man muss als Bulle die hundert Meter nicht in zehn Sekunden laufen können“, sagte er. „Aber in zehn Minuten schon. Du kannst den 23. oder den 24. Oktober wählen.“

Ich schlug zurück: „Man muss mit achtundfünfzig nicht mehr jeden Tag einen hochkriegen, aber einmal im Jahr sollte das schon noch drin sein!“

Dann zündete ich mir noch eine Zigarette an, nachdem ich die erste an seinem Schreibtisch ausgedämpft und zu Boden geworfen hatte, und betrachtete ein wenig beleidigt, gekränkt und gedemütigt meinen Kalender auf dem Handy. Ich ließ mir lange Zeit dabei und tat so, als hätte ich verdammt viele Termine an diesen Tagen; als hätte ich am 23. gar nichts frei und am 24. wäre alles bei mir zu! Dabei hatte ich natürlich keinen einzigen Termin an diesen Tagen, außer voraussichtlich bei Johnny in der Bingobongobar, und vorher oder nachher sollte ich noch irgendwann was einkaufen gehen. Netterweise kürzte Bonner die Sache für mich ab und sagte: „Wir nehmen den 24. Dann hast du einen Tag länger Zeit, um fit zu werden. Und so, wie ich das sehe, wirst du ihn brauchen. Am besten, du nimmst in Zukunft die Treppe.“

Ich sagte: „Wissen Sie was, Boss? An dem Tag, an dem Sie nicht mehr richtig pissen können, werde ich bei Johnny in der Bingobongobar einen auf Sie heben. Und ich habe das Gefühl, es wird nicht mehr lange dauern bis dahin. Wissen Sie, was ein Katheder ist? Kommt vorne rein, und wenn Sie Pech haben, kommt er dann nie wieder raus.“

Dann stand ich auf, packte zusammen und wackelte noch ein bisschen mit dem Arsch, damit er was zu träumen hatte, nachdem ich gegangen war.

4

Während der Nacht schlief ich schlecht, weil ich mir natürlich den Kopf darüber zerbrach, wie ich die nächsten Monate verbringen sollte, um fit zu werden. Sollte ich es mit Hanteln versuchen? Mir ein Laufband zulegen, das ich aber erst hier heraufschleppen müsste in meine Wohnung, ganz ohne Lift? Würde mir Johnny aus der Bingobongobar dabei helfen? Wenn ja, dann wäre ein Laufband eine Überlegung wert, wenn nein, dann bloß kein Laufband! Wie wäre es also mit einem Rad, auf dem ich durch die Stadt fahren könnte? Aber dann könnte ich nicht mit meinem Benz durch die Stadt fahren, was mir viel mehr Spaß macht! Also lieber mit Yoga in heißen Räumen anfangen, wie es alle anderen machen, mit denen ich nichts zu tun haben möchte?

Vielleicht, hatte ich mich dann in einen unruhigen, leicht zappeligen Schlaf gerettet, vielleicht würde es ja einfach mit weniger essen funktionieren, und mit weniger rauchen? Irgendwann um zwei Uhr früh war ich mir dann sicher, dass es genau so funktionieren würde. Ich freute mich so darüber, eine Lösung für mein Problem gefunden zu haben, dass ich gleich zum Kühlschrank ging und mir was zu essen holte.

Aber! Bis vier Uhr früh quälten mich dann Schreckensbilder mit leeren Kühlschränken, und Bilder von Supermärkten, die für immer zugesperrt hatten, ließen mich hochfahren. Ich träumte davon, wie ich Kalorien zählte, und später sogar davon, wie ich langsam verhungerte. Kurz vor sechs schlug ich um mich, als ich im Traum schnurspringen und weite Strecken laufend zurücklegen musste, bei großer Hitze und in engen, schwarzen Leggings, bevor ein gewisser übel riechender Boss, der mich mit seiner Peitsche antrieb, sein Whiskeyglas auf mir abstellte.

Ich hatte echt viel zu tun, während ich träumte, und war echt froh, als mich Susi anrief. Sie arbeitete für diese bunte Gratiszeitung, die ich immer gleich in den Mistkübel warf, wenn sie mir irgendwo in die Hand gedrückt wurde, und schrieb dort jeden Tag über Prominente und solche, die sich für welche hielten. Das war natürlich keine Arbeit, auf die man stolz sein konnte, und sie schämte sich auch ein bisschen dafür (mehr sogar als für ihren Pferdebiss!). Immer wieder sagte sie, dass sie lieber beim Fernsehen arbeiten würde und dort die Nachrichten präsentieren, weil das so etwas wie ein Traum von ihr war. Aber dass sie nicht beim Fernsehen arbeitet, das lag natürlich an ihrem Pferdebiss, denn so etwas sieht man beim Fernsehen überhaupt nicht gerne! Und dass sie deswegen ständig lacht, als würde sie gleich pinkeln müssen, das ging beim Fernsehen erst recht nicht. Also lief meine beste Freundin nun ständig mit ihrem kleinen Telefon samt hoch auflösender Fotokamera und einem Schreibblock in der Hand durch die Stadt, um ihre Kolumne vollzukriegen mit Geschnatter über und Fotos von Prominenten, die sie meistens auf irgendwelchen Events traf, bei denen ich ohne sie nie hineinkam. „He, du kommst da nicht rein!“, war ungefähr der häufigste Satz, den ich bei Events zu hören kriegte, denn die Leute, die solche Events besuchten, sahen einfach anders aus als ich. Und sie waren meistens auch keine Bullen, die dann schnell bockig wurden, sich mit Türstehern anlegten und irgendwann sagten: „He, Arschloch! Ich kann Judo! Judo, nicht Yoga.“

Darum interessierten mich Events einen Scheiß.

Der Event, wegen dem mich Susi nun anrief, war dann einer von der Spezialeventsorte namens Begräbnis, und Begräbnisse interessierten mich sogar noch weniger als geplante Hochzeiten oder Backstagepartys mit alternden Schlagersängern. Ich wollte also schon wieder auflegen und unter die Decke zurückkriechen, da wurde Susi laut, denn sie wurde immer laut, wenn ich dagegenredete. Und dann überschlug sich ihre Stimme, was ziemlich peinlich war, vor allem, wenn man eigentlich fürs Fernsehen arbeiten wollte.

„Du musst einfach mitkommen!“, schrie sie mich an. Aber mich kriegte sie damit nicht aus dem Bett. Ich blieb ganz ruhig, zündete mir eine erste Zigarette an, obwohl ich mir in der Nacht noch ganz fest vorgenommen hatte, heute damit Schluss zu machen, und sagte: „Muss ich gar nicht!“

„Doch!“

„Nein!“

„Ich hasse Begräbnisse!“

„Dann geh nicht hin!“

„Aber ich muss!“

„Musst du nicht!“

„Doch!“

Ich fragte mich natürlich schon länger, ob alle so bescheuert miteinander redeten, seit es dieses Face­book gab? Oder was genau war der Grund dafür? Meine Gespräche mit Susi jedenfalls drehten sich immer irgendwie im Kreis, und wir kamen da nur ganz schwer wieder raus, außer eine von uns versuchte es mit der bewährten Mitleidsmasche, und das war dann meistens Susi: „Oooch, Kitty, ich hasse doch Tote so sehr! Ich hasse sie wirklich! Du weißt doch, wie sehr ich Tote hasse! Und du hast doch schon so viele Tote gesehen!“

Das war vor allem einfühlsam, wenn man bedachte, dass ich erst vor kurzem meinen Vater zu Grabe getragen hatte.

„Du weißt doch genau, wie das ist, wenn einer tot ist! Du hast keine Scheu vor Toten! Darum musst du mich einfach begleiten, ich schaffe das nicht ohne dich, bittebittebitte!“

Als wäre ein Toter in einem Sarg einer, den man sich unbedingt anschauen musste!

Ich blieb also hart und sagte: „Nein!“

„Du bist unmöglich!“

„Ich habe auch nie gesagt, dass es einfach mit mir ist!“

Nun war sie richtig beleidigt, was eine weitere problematische Seite an ihr war, neben ihrem Pferdebiss, ihrem hysterischen Lachen und ihrer schrillen Stimme. Sie konnte so schnell beleidigt sein wie eine alte ägyptische Schwiegermutter, der man das Kamel weggenommen hat. Dann schwieg sie und wartete einfach darauf, dass ich etwas sagen würde, was ich dann irgendwann auch verlässlich tat, denn ich konnte Stille nicht ertragen. Also fragte ich Susi, mehr aus Höflichkeit denn aus Neugier, wer denn überhaupt gestorben sei, und sie antwortete: „Na hör mal! Lebst du vielleicht hinter dem Mond? Seppi ist tot!“

Das war mal eine wirkliche Überraschung. Ich fragte: „Und wer genau ist Seppi?“

„Du kennst Seppi nicht?“

„Wenn du nicht von meinem längst verstorbenen Hamster redest – nein!“

„Seppi, das Male-Model!“

„Seppi, das Male-Model? Was genau ist noch mal ein Male-Model?“

„Ein männliches Modell!“

„Ah ja, richtig. Aber nein, wenn du mich so fragst: Ich habe noch nie von Seppi, dem Male-Model, gehört. Woran ist es denn gestorben, dieses Male-Model? An Drogen?“

„Er hat sich umgebracht!“

„Oh. Na dann!“

Plötzlich interessierte ich mich für Seppi, das Male-­Model, denn Selbstmord interessierte mich schon von Berufs wegen immer, das wusste Susi, also hatte sie mich mit „Selbstmord“ am Haken. Bei Selbstmord konnte ich zumindest Vermutungen anstellen und mir Abartiges oder Abgründiges ausmalen, das diesen Seppi zu diesem Schritt bewogen haben könnte.

Ich setzte mich also in meinem Bett auf und zündete mir eine zweite Zigarette an, dann fragte ich meine beste Freundin, ob es vielleicht Liebeskummer gewesen war? Das war nämlich eine der häufigsten Ursachen für spontanen Selbstmord. Oder war es vielleicht doch eine tödliche Krankheit, die sich in seinen Male-Model-Körper gefressen hatte und ihn zum wohlüberlegten freiwilligen Abgang aus dieser schönen, aber unfairen Welt veranlasst hatte?

Auf all meine Fragen konnte mir meine Susi aber keine Antwort geben, denn sie wusste leider selbst nicht, warum sich Seppi umgebracht hatte, und plötzlich waren wir sogar bei einem die Sache relativierenden „Angeblich hat er sich umgebracht“ gelandet. Ihre Oberflächlichkeit stieß mich ab, ihr Halbwissen sogar in Fragen des Tratsches und ihr völliges Des­interesse an den wirklich wichtigen Dingen des ­Lebens machten mich wahnsinnig. Ich schrie sie an: „Wie kann man sich nicht dafür interessieren, warum sich jemand angeblich umgebracht hat? Lebst du hinter dem Mond?!“