Der Kuss des Windes - Sturmkrieger - Shannon Messenger - E-Book

Der Kuss des Windes - Sturmkrieger E-Book

Shannon Messenger

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8,99 €

Beschreibung

Eine tödliche Vergangenheit und eine verbotene Liebe

Der 17-jährige Vane erinnert sich an nichts. Nur an die Angst und den Todeswirbel. Und an sie, die ihn seither in seinen Träumen verfolgt ... Audra dagegen erinnert sich genau an die Sturmkrieger und ihre zerstörerische Macht. Denn Audra ist die Hüterin des Windes – und wacht über Vanes Leben. Als ihnen die Tyrannen der Lüfte erneut auf der Spur sind, bleibt Audra nichts anderes übrig, als Vanes Erinnerung zu aktivieren. Doch die größte Gefahr geht nicht von den Kriegern aus – sondern von der zarten Liebe zwischen Vane und Audra ...

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Seitenzahl: 496

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Shannon Messenger

Der Kuss des Windes – Sturmkrieger

Aus dem Englischenvon Heide Horn und Christa Prummer-Lehmair

DIE AUTORIN

Shannon Messenger studierte Drehbuch und Film/Fernseh-Produktion an der USC School of Cinematic Arts, wo sie mit Magna Cum Laude abschloss. Nachdem sie ein Jahr in Hollywood gearbeitet hatte, erkannte sie, dass sie eigentlich viel lieber Bücher schreiben wollte. Also verließ sie LA und zog in die Vorstadt, um mehr Zeit zum Schreiben zu haben. Shannon lebt mit ihrem Ehemann und einer peinlichen Anzahl von Katzen in Südkalifornien. Der Kuss des Windes – Sturmkrieger ist ihr erstes Jugendbuch.

Kinder- und Jugendbuchverlagin der Verlagsgruppe Random House

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. 1. Auflage

Deutsche Erstausgabe Februar 2015

© 2013 by Shannon Messenger

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Let The Sky Fall« bei Simon Pulse, an imprint of Simon & Schuster Children’s Publishing Division, New York.

© 2015 für die deutschsprachige Ausgabe by cbt Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Englischen von Heide Horn und Christa Prummer-Lehmair

Lektorat: Kerstin Weber

Umschlaggestaltung: Kathrin Schüler, Berlin

unter Verwendung eines Motivs von

shutterstock (Edyta Pawlowska, roroto12p)

jb ∙ Herstellung: kw

Datenkonvertierung E-Book:hanseatenSatz-bremen, Bremen

ePub-ISBN: 978-3-641-14249-0V002

www.cbt-buecher.de

Für meinen Mann Miles

Ohne Dich hätte ich nie eine Liebesgeschichte schreiben(oder meinen inneren Kritiker zum Schweigen bringen) können.

1

VANE

Ich kann von Glück sagen, dass ich am Leben bin.

Zumindest erzählt mir das jeder.

Der Reporter der Lokalzeitung hat sich sogar erdreistet, von einem Wunder zu sprechen. Ich war »Vane Weston, das Wunderkind«. Als hätte die Tatsache, dass mich die Polizei bewusstlos unter einem Haufen Schutt fand, zu irgendeinem großen globalen Plan gehört.

»Familie überlebt Tornado« – das wäre ein Wunder gewesen. Aber mal ehrlich, mit sieben Jahren zur Vollwaise zu werden, hat mit einem Wunder nicht das Geringste zu tun.

Nicht dass ich nicht dankbar wäre, am Leben zu sein. Das bin ich wirklich. Ich weiß, dass ich eigentlich tot sein müsste. Aber das ist ja gerade das Schlimme an meinem Wunderkindstatus.

Diese Frage.

Diese unausweichliche Frage, die mich die vergangenen zehn Jahre meines Lebens verfolgt hat.

Wie kann das sein?

Wie kann das sein, dass mich ein Tornado der Kategorie fünf – sozusagen ein riesiger natürlicher Quirl – erfasste und sechseinhalb Kilometer weit mitschleifte, bevor mich dieser gigantische Sturmtrichter wieder ausspuckte und ich nichts weiter als ein paar Schrammen und Prellungen davontrug? Wie kann das sein, wo man die Leichen meiner Eltern doch in einem nahezu unkenntlichen Zustand fand?

Die Polizei weiß es nicht.

Die Wissenschaftler wissen es nicht.

Also wollen alle von mir eine Antwort.

Aber ich habe nicht die leiseste Ahnung.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. An diesen Tag. An das, was war. An nichts.

Na ja, zumindest erinnere ich mich an nichts, was weiterhelfen würde.

Ich erinnere mich an meine Angst.

Ich erinnere mich an den Wind.

Und dann … ist da nur eine riesige Leere. Als hätten sich alle Erinnerungen mit einem Schlag aus meinem Kopf verflüchtigt, als ich auf dem Boden aufprallte.

Bis auf eine.

Eine einzige Erinnerung – und ich bin mir nicht einmal sicher, ob es tatsächlich eine Erinnerung ist oder nur eine seltsame Halluzination meines traumatisierten Gehirns.

Ein Gesicht, das mich im Chaos des Sturms beobachtet.

Ein Mädchen. Dunkles Haar. Noch dunklere Augen. Eine einzelne Träne kullert ihr über die Wange. Dann wird sie von einer eisigen Bö erfasst und davongewirbelt.

Seitdem verfolgt sie mich in meinen Träumen.

2

AUDRA

Es war meine Schuld.

Ich kannte die Regeln.

Ich wusste, wie gefährlich es war, den Wind zu rufen.

Aber ich konnte Gavin doch nicht sterben lassen.

Damals war unsere Familie von früh bis spät damit beschäftigt, die Westons zu beschützen. In ständiger Sorge. In ständigem Wettlauf. Ein ständiges Ausschauhalten nach dem nächsten Sturm. In zwei winzigen Häusern mitten im Nirgendwo hatten wir uns verkrochen. Und gewartet. Und beobachtet. Mit angehaltenem Atem. Die Angst hing wie eine schwere Wolke über uns.

Um die schlimmsten Tage zu überstehen, zog ich mich in die buschigen Pappeln am Rand des Grundstücks zurück. Ich wiegte mich hoch oben in den Ästen, eine Brise strich mir über die Haut, und dann ließ ich die Welt um mich herum los und öffnete meinen Geist dem Flüstern des Windes.

Meinem Erbe.

Ich sprach nicht mit dem Wind. Ich hörte nur zu und lernte.

Aber die Lieder des Windes reichten nicht aus, um die einsamen Tage zu erfüllen. Deshalb widmete ich mich den Vögeln.

Gavins Nest befand sich ganz oben auf dem höchsten Baum, verborgen in den dünnen Ästen, geschützt vor anderen Raubvögeln. Aber ich war ein zierliches Ding und konnte mit meinen flinken Beinen mühelos den schlanken Stamm hinauf und in die Baumkrone klettern. Im Nest saßen drei flauschige Bällchen. Hühnerhabichte – stolze und edle Geschöpfe, sogar mit ihren grauen flaumigen Federn –, die auf die Rückkehr ihrer Mutter warteten.

Bis dahin hatte ich noch nie allein die Verbindung zu einem Vogel hergestellt. Stets brauchte ich die Anleitung meiner Mutter, damit sie mich verstanden, mir antworteten, mir vertrauten. Aber sie war zu beschäftigt mit den Westons. Und Gavin war anders.

Er fiepte nie oder zuckte zurück wie seine Geschwister, wenn ich kam, um das Nest zu inspizieren. Er sah mich nur mit seinen großen, starren Augen an, und ich wusste, dass er mich aufforderte, die Hand nach ihm auszustrecken und ihn herauszunehmen. Von da an besuchte ich ihn jeden Tag, sobald seine Mutter auf Beutejagd ging.

Schwankend zwischen Aufregung und Furcht zählte ich die Tage bis zu seinem ersten Flug. Zwar sehnte ich den Augenblick herbei, an dem ich beobachten würde, wie er von der Freiheit kostete, den Wind zu reiten, aber gleichzeitig bedrückte mich der Gedanke, meinen einzigen Gefährten zu verlieren. Meinen einzigen Freund.

Der mutige Gavin wagte als Erster den Sprung.

Mir blieb das Herz stehen, als er sich aus dem Nest erhob, die orange-roten Augen zum Horizont gerichtet. Konzentriert. Entschlossen.

Kaum segelte er durch die Lüfte, stieß er, berauscht vom Fliegen, einen triumphierenden Schrei aus. Dann brachte ihn ein Windstoß aus dem Gleichgewicht und sandte ihn im Sturzflug zu Boden.

Ich würde gerne sagen, dass ich unüberlegt handelte. Dass mein Instinkt das Kommando übernahm und jede Vernunft ausblendete. Aber ich war mir des Risikos bewusst.

Während er fiel, begegneten sich unsere Blicke, und ich entschied mich dafür, ihn zu retten.

Ich rief den Wind, zum allerersten Mal, und er fing Gavins kleinen Körper mit einer raschen Bö auf und ließ ihn in meine wartenden Hände schweben. Gavin rieb den Schnabel an meinem Finger, als wüsste er es. Als wüsste er, dass ich ihn gerettet hatte.

Ich brachte ihn nach Hause und zeigte ihn meinem Vater. Aber ich erzählte ihm nicht, wie Gavin zu mir gekommen war, obwohl es viele Gelegenheiten dazu gegeben hätte. Meine Mutter löcherte mich mit Fragen. Ich hätte einfach nur die Wahrheit sagen müssen.

Wenn ich es getan hätte, würde mein Vater noch leben.

Stattdessen schwieg ich – bis uns am nächsten Abend einer von Raidens Sturmkriegern fand und die drei mächtigsten Winde zu einem unerbittlichen Trichter vereinte.

Da war es zu spät.

3

VANE

Während der drei Wintermonate ist es nicht ganz so unerträglich, im Coachella Valley zu wohnen. Aber dann kommt die Hitze, und jeder, der kann, springt in seinen Nobelschlitten oder seinen Privatjet und flüchtet in sein Zweit-, Dritt- oder Vierthaus. Zurück bleiben nur ein paar alte Leute, eine Handvoll Spinner und wir anderen – in den Bezirken der »Nichtreichen« ohne Zutritt zu den Country Clubs.

Das einzige Haus, das meine Familie besitzt, liegt dummerweise inmitten eines wild wuchernden Palmenhains in Bermuda Dunes, Kalifornien, auch bekannt als der heißeste Ort der Erde. Heute zum Beispiel zeigt das Thermometer 42,7 Grad. An so einem Tag freuen sich die Leute hier über die angenehme »Abkühlung«, vor zwei Tagen hatten wir nämlich noch runde 52 Grad. Ich spüre keinen Unterschied. Aber ich bin ja auch nicht von hier.

Ich bin erst kurz nach meinem achten Geburtstag, als das mit meiner Adoption geregelt war, nach Kalifornien gezogen. Geboren wurde ich in Nebraska, und selbst nach neun Jahren hier fühlt sich für mich alles jenseits der 38-Grad-Grenze wie ein Backofen an. Die Leute sagen mir zwar ständig, dass ich mich schon daran gewöhnen würde, aber ich schwöre, es wird von Jahr zu Jahr nur noch schlimmer – ich habe das Gefühl, als würde ich in der Sonne schmelzen, bis irgendwann nichts weiter von mir übrig wäre als eine Pfütze auf dem Boden.

An einem heißen Sommertag wie heute tue ich alles, um die dunkle Höhle meines Zimmers nicht verlassen zu müssen. Und das ist auch der Hauptgrund, warum ich mich weigere, mich heute Abend schon wieder auf eines von Isaacs katastrophalen Verkupplungs-Dates einzulassen.

Es gibt zwar noch einen zweiten Grund, warum ich Dates nicht mag – aber ich will jetzt nicht an sie denken.

»Komm schon«, quengelt Isaac. Sein dritter Anruf in zwanzig Minuten. »Versprochen, es wird nicht so wie letztes Mal.«

»Letztes Mal« wollte er mich mit Stacy Perkins verkuppeln. Sie ist Veganerin – dagegen ist im Grunde ja nichts einzuwenden. Ihre Entscheidung. Leider habe ich es aber erst erfahren, nachdem ich sie ins Outback Steakhouse geschleppt hatte. Wo sie die Kellnerin fragte, ob es auch »gewaltfreie« Gerichte auf der Speisekarte gebe.

Von da an ging es nur noch bergab. Besonders als ich trotzdem ein Steak bestellte. Und es gibt kaum etwas Schlimmeres als eine wütende Veganerin.

»Kein Interesse«, antworte ich ihm, ziehe die Rollos ganz herunter und lasse mich aufs Bett plumpsen. Ich breite die Arme aus, damit ich möglichst viel Luft vom Ventilator abbekomme. Diese Brise ist besser als eine Klimaanlage, besser als kopfüber in einen Pool zu springen. Es fühlt sich fast so an, als würde mein Körper nach diesem Luftstrom lechzen.

»Komm schon, Hannah ist Shelbys Cousine, und die beiden kleben ständig zusammen, seitdem sie hier ist. Das sind jetzt schon drei Wochen. Es ist einfach zum Ausrasten.«

»Such dir einen anderen, dem du sie aufs Auge drücken kannst. Ich mach nicht noch mal so ein gruseliges Blind Date mit, nur damit du mit deiner Freundin rumknutschen kannst.«

»Ich würde dasselbe für dich tun, das weißt du – wenn du endlich mal eine Freundin hättest.«

»Halt bloß die Klappe.«

»Ehrlich, Alter – du bist siebzehn und immer noch ungeküsst. Wo gibt’s denn so was?«

Ich erwidere nichts, denn er hat ja recht. Nicht dass ich ein Problem damit hätte, Mädchen anzusprechen, oder dass ich ständig abblitzen würde. Aber Tatsache ist, dass ich irgendwie immer Pech habe. Wenn ich das Date nicht gerade selbst vermassle, passiert garantiert irgendetwas. Ein Drink landet auf ihrer Kleidung. Ein Vogel kackt ihnen auf den Kopf. Ich schwöre, auf mir liegt ein Fluch.

»Komm schon, Vane, jetzt lass dich nicht so bitten«, versucht Isaac es weiter.

Am liebsten würde ich einfach auflegen. Noch so ein demütigendes Date kann ich wirklich nicht gebrauchen. Aber er ist mein bester Freund.

Also ziehe ich ein nicht ganz so verknittertes T-Shirt an, lasse Wasser über mein kurzes dunkelbraunes Haar laufen und habe eine Stunde später Hannah aus Kanada an der Backe, die über meine Bemerkung, dass sich das ja reime, keine Miene verzieht. Außerdem hat sie sich bereits eine Million Mal über die Hitze beklagt. Und das schon in der ersten Viertelstunde.

»Cheesecake Factory oder Yard House?«, frage ich sie und deute dabei auf die klotzigen Gebäude mit Blick auf den seichten, künstlich angelegten Fluss, an dessen Promenade wir entlanggehen.

Um diese Jahreszeit haben eigentlich nur Touristenfallen wie The River geöffnet – obwohl ich wohl nie verstehen werde, wie ein Tourist angesichts eines künstlichen Flusses und ein paar Restaurantketten in Entzücken ausbrechen kann. Zumal sich kein halbwegs vernünftiger Mensch in dieser Hitze draußen aufhält. Mein T-Shirt klebt mir am Rücken wie eine Vakuumverpackung und dabei sind wir bis jetzt nur vom Parkplatz zur Mall gegangen. Keine Spur von einer Brise, um uns ein wenig Abkühlung zu verschaffen.

Hannah wischt sich eine Schweißperle von der Stirn und dreht sich zu mir. »Käsekuchen mag ich eigentlich nicht so besonders, dann also lieber das andere, hm?«

Ich beiße mir auf die Unterlippe. In der Cheesecake Factory gibt es natürlich nicht nur Käsekuchen, aber ich habe keine Lust, das zu genauer erörtern. »Gut, dann ins Yard House.«

Die Klimaanlage bläst uns kalt entgegen, als wir das gut gefüllte Lokal betreten, und Hannah und ich stoßen simultan einen Seufzer aus.

Sofort lockert sich die Stimmung. Der Erfinder der Klimaanlage hätte den Nobelpreis verdient. Ich wette, im Nahen Osten würde bald Frieden herrschen, wenn jeder dort eine Klimaanlage hätte, um ab und zu sein Gemüt runterzukühlen. Ich sollte mich mit diesem Vorschlag an die Vereinten Nationen wenden.

Die Bedienung führt uns zu einer großen Sitzecke mit sechs Plätzen. An den anderen Tischen wäre es allerdings auch nicht romantischer. Die laute Musik, die Sportübertragungen und die Typen an der Bar, die sich ein Bier nach dem anderen genehmigen und ihre Mannschaften anfeuern – all das macht das Yard House nicht gerade zum idealen Ort für ein Date. Genau deshalb habe ich es ja auch vorgeschlagen. Vielleicht läuft alles glatt, wenn ich dieses Mal einfach so tue, als wäre es gar kein Date.

»Sieht so aus, als hättest du Fans hier, hm?«, meint Hannah und zeigt auf drei Mädchen, die ein paar Tische weiter weg sitzen. Alle drei laufen rot an und beginnen zu tuscheln, als ich sie ansehe.

Ich zucke die Schultern.

Hannah lächelt und entblößt auffallend weiße, auffallend gerade Zähne. Ihr Zahnarzt muss stolz auf sie sein. »Isaac hat dich als zurückhaltend beschrieben. Jetzt weiß ich, wovon er geredet hat.«

»Tatsächlich, hat er davon gereedet?«, äffe ich ihre gedehnte Aussprache nach.

»Ah, ich habe mich schon gefragt, wann du endlich anfangen würdest, auf meinem Akzent herumzureiten.«

»Hey, du musst zugeben, dass ich mich bis jetzt total beherrscht habe. Ich hab mindestens drei oder vier deiner ›hms‹ am Satzende kommentarlos über mich ergehen lassen.«

Sie wirft mit einem Zuckertütchen nach mir.

Ich reiße Kanadierwitze, bis die Kellnerin unsere Bestellung aufnimmt. Zu meiner Erleichterung entscheidet sich Hannah für einen Cheeseburger. Ich kann Mädchen nicht ausstehen, die bei einer Verabredung mit einem Jungen nichts essen, aus Angst, wir könnten sie für dick halten, nur weil wir sehen, wie sie sich tatsächlich etwas zu essen in den Mund schieben.

Hannah ist anders. Sie hat Selbstbewusstsein. Sie ist zwar nicht unbedingt eine Schönheit, aber irgendwie süß. Pfirsichteint, rosa Lippen und eine blonde Lockenmähne. Ich bin sicher, der eine oder andere hier würde gerne mit mir Platz tauschen.

Der Haken ist nur, dass ich auf einen bestimmten Typ Mädchen stehe. Isaac hält mich für zu wählerisch, aber er versteht das nicht. Ehrlich, ich verstehe es ja selbst nicht. Ich vergleiche einfach automatisch jedes Mädchen, das ich kennenlerne, mit einem ganz bestimmten anderen. Völlig bescheuert, aber ich kann nicht anders.

Doch als wir unsere Burger essen und die Softdrinks schlürfen, die hauptsächlich aus Eiswürfeln bestehen – original »Wüstenart«, erkläre ich Hannah –, stelle ich verblüfft fest, dass ich mich echt gut unterhalte. Ich mag Hannahs Lachen ebenso wir ihr Lächeln und die Art, wie sie sich das Haar hinters Ohr streicht, wenn sie rot wird.

Und dann sehe ich sie.

Dunkles Haar.

Dunkle Augen.

Dunkle Jacke.

Sie lehnt am Tresen in der Mitte des Restaurants und ich sehe ihr Gesicht nur halb von der Seite. Ich muss blinzeln, weil ich meinen Augen nicht traue.

Irrtum ausgeschlossen. Sie trägt das Haar zu einem festen, kunstvollen Zopf geflochten, aber sie ist es, definitiv.

Als sie sich ein Stück in meine Richtung dreht, kreuzen sich unsere Blicke. Mein Herz klopft so laut, dass ich keine anderen Geräusche mehr wahrnehme. Es gibt nur noch sie und mich, gebannt durch einen Blick.

Sie kneift die Augen zusammen und schüttelt den Kopf, als wollte sie mir etwas sagen. Aber ich verstehe nicht, was.

»Vane?«, sagt Hannah. Ich zucke so zusammen, dass ich fast vom Stuhl falle. »Alles okay? Du wirkst, als hättest du ein Gespenst gesehen.«

Sie lacht, doch meine Miene bleibt ernst. Sie liegt gar nicht so weit daneben.

Hannah folgt meinem Blick und runzelt die Stirn. »Ist das jemand … den du kennst?«

Hannah kann sie auch sehen.

Sie existiert also wirklich.

»Entschuldige mich«, sage ich, und bevor sie noch etwas erwidern kann, bin ich schon aufgestanden.

Die Bedienung führt eine größere Gruppe an unserem Tisch vorbei, die mir den Weg zur Bar versperrt. Ich muss mich zusammenreißen, um die Leute nicht beiseitezuschieben. Sobald der Gang frei ist, stürme ich los, doch das Mädchen ist weg.

Ich haste zur Tür, ignoriere, dass Hannah mir nachruft, ignoriere, wie die anderen Gäste mich anstarren, ignoriere den Hitzeschwall, als ich ins Freie trete. Und ich finde … nichts.

Keine Spur von irgendwem – und erst recht keine Spur von einem wunderschönen dunkelhaarigen Mädchen in einer dunklen Jacke. Nur der sengend heiße Wüstenwind auf meinem Gesicht und ein verlassener Vorplatz.

Meine Hände ballen sich zu Fäusten.

Sie war da.

Aber wie ist das möglich?

Und wie konnte sie so schnell verschwinden?

Ich kneife mir in die Nasenwurzel und versuche, die zehn Millionen Dinge zu sortieren, die mir durch den Kopf schwirren. Als ich leise Schritte hinter mir höre, kann ich mir noch immer keinen Reim darauf machen.

»Ich musste noch bezahlen, sonst hätten sie gedacht, wir wollen die Zeche prellen, deshalb habe ich so lange gebraucht.« Hannah weicht meinem Blick aus. »Ich wusste nicht mal, ob ich dich hier draußen überhaupt noch finde.«

Die brütende Junihitze raubt mir die Luft und ich bringe kein Wort heraus. Obwohl die Sonne bereits untergegangen ist, hat es kaum abgekühlt. Und so stehe ich da, lausche den Zikaden in den Bäumen und überlege fieberhaft, wie ich ihr mein Benehmen erklären oder mich zumindest dafür entschuldigen kann. »Das zahle ich dir natürlich zurück«, ist alles, was mir einfällt.

Sie dreht sich zum Parkplatz. »Ich glaube, wir gehen jetzt besser, ja?«

Die Stille dröhnt von all den Worten, die niemand von uns ausspricht.

Ernsthaft, warum geht bei mir eigentlich jedes Date in die Hose?

Als wir an meinem ehemals weißen Auto ankommen, habe ich immer noch keinen blassen Schimmer, wie der Abend noch zu retten ist. Der Wagen macht nicht viel her, aber er hat wenigstens eine funktionierende Klimaanlage, und die brauche ich jetzt am dringendsten. Ich halte Hannah die Tür auf in der Hoffnung, ihr damit zu beweisen, dass ich nicht vollkommen gaga bin. Sie wirkt unbeeindruckt. Ich kann es ihr nicht verübeln.

Die Rückfahrt ist die reinste Folter. Mir ist noch nie aufgefallen, wie viele Geräusche mein Auto hervorbringt – aber ich hatte ja auch noch nie so einen schweigsamen Beifahrer. Mir ist auch noch nie aufgefallen, wie viele Ampeln es auf dem Highway 111 gibt. Das ist die Hauptverbindungsstraße hier im Valley, die zu jeder einzelnen Wüstenstadt abzweigt, und an jeder verdammten Abzweigung steht eine Ampel. Heute Abend zeigen selbstverständlich alle auf Rot.

Vielen Dank auch, Universum.

Nach der Hälfte der Strecke, als die »erschwinglichen Städte« beginnen, bricht Hannah endlich ihr Schweigen.

»Erklärst du mir, was passiert ist?«

Um Zeit zu gewinnen, stoße ich einen langen Seufzer aus. »Ich … ich dachte, ich hätte jemanden gesehen, den ich kenne.« Selbst für meine eigenen Ohren eine ziemlich lahme Ausrede.

»Warst du mal mit ihr zusammen?«

Haha – ich wünschte, es wäre so.

Glücklicherweise sage ich das nicht laut. Hannah klang nämlich gekränkt.

Immerhin hat Hannah sie auch gesehen, gut zu wissen – auch wenn ich keine Ahnung habe, was das bedeutet.

Ich starre auf die dunkle, leere Straße. »Es ist nicht so, wie du denkst. Es ist …«

»Wie denn?«, fragt sie, als ich den Satz nicht beende.

Ich wende den Blick lange genug von der Straße ab, um sie anzusehen. »Ich würde nie irgendeinem heißen Mädchen hinterherlaufen, wenn ich gerade ein Date mit einer anderen habe – nicht dass sie heiß ist. Ich meine, doch, schon, aber … das ist es nicht.«

»Was denn dann?«

Wenn ich das nur wüsste.

»Sie ist nur jemand … den ich von früher kenne.«

Das ist keine Lüge, wenn auch nicht die Wahrheit. Sie ist nämlich nicht irgendjemand. Sie ist meine Traumfrau. Das Mädchen, von dem ich seit dem Tag träume, als ich unter einem Trümmerhaufen begraben aufwachte und nichts mehr so war wie zuvor. Der Schlüssel zu meiner Vergangenheit. Das Einzige, was ich sehe, wenn ich die Augen zumache.

In meinen Träumen ist sie älter geworden. Mit mir zusammen älter geworden. Das ist ja das Verwirrende daran. In was für einem Traum gibt’s denn so was? Und seit wann kann ein Mädchen aus einem Traum im Yard House am Tresen stehen?

Außerdem sind die Träume wahnsinnig echt. Jede Nacht ist es so, als stünde sie in meinem Zimmer, als würde sie sich über mich beugen und mich beobachten, mit ihren Augen, so tiefblau, dass sie beinahe schwarz wirken. Ihr langes dunkles Haar kitzelt auf meiner Haut. Ihre Lippen flüstern Laute, die ich nicht verstehe, wenn sie meinen Geist durchfluten. Aber wenn ich dann aufwache, bin ich allein. Es ist absolut still, nur eine schwache Brise ist zu spüren, obwohl mein Fenster fest verschlossen ist.

Das alles klingt vollkommen irre.

Aber ich bin nicht irre.

Keine Ahnung, wie ich es erklären soll – aber irgendwann werde ich schon dahinterkommen.

Ich biege in Shelbys Straße ein und suche zwischen den Bungalows nach dem grauen Haus im Pueblo-Stil, das Shelbys Eltern gehört. Die abgerundete Architektur würde klasse aussehen, wäre das Haus nicht von ganz normalen Flachdachhäusern umgeben. In La Quinta herrscht ein bunter Stilmix, als wüssten die Menschen hier nicht so genau, was sie eigentlich wollen.

Isaacs ramponierter Truck steht vor dem Haus, deshalb schalte ich mein Handy lieber aus. Er wird nicht gerade erfreut sein, wenn ich Hannah so früh heimbringe.

Hannah greift nach ihrer Handtasche, als ich anhalte, aber ich entriegle ihre Tür nicht. Ich kann den Abend nicht so enden lassen.

»Es tut mir wirklich leid«, sage ich, und erst jetzt fällt mir auf, dass ich mich noch gar nicht entschuldigt habe. »Ich fand es echt nett, bevor ich’s vermasselt habe.«

»Ich auch.« Sie streicht sich eine Strähne hinters Ohr.

Sie wirkt so schüchtern. Verletzlich. So anders als das Mädchen, das meine Träume heimsucht.

Vielleicht kann Hannah dafür sorgen, dass sie verschwindet.

Ich muss mich von dieser fixen Idee befreien, bevor sie noch mein ganzes Leben ruiniert.

Ein paar Junikäfer – die dümmsten Käfer der Welt – prallen gegen die Windschutzscheibe und unterbrechen das Schweigen zwischen uns. Ich fasse einen Entschluss.

»Gibst du … mir vielleicht die Chance, es wiedergutzumachen?«, frage ich und ignoriere die warnende Stimme in meinem Kopf.

Die Andeutung eines Lächelns umspielt ihre Lippen. »Vielleicht – wenn du versprichst, keine Kanadierwitze mehr zu machen.«

»Ach, komm schon, einen noch, hm?«

Sie lacht. Es klingt zwar etwas gezwungen, aber ich spüre, dass das Eis gebrochen ist. Natürlich darf ich jetzt keinen Fehler mehr machen, aber wenn ich das schaffe, kommt vielleicht alles in Ordnung. Und es überrascht mich selbst, wie viel mir daran liegt.

Ich will nicht länger der durchgeknallte Typ sein, der einem mysteriösen Traummädchen nachläuft. Ich will ein ganz normaler Typ sein, der mit seinen Freunden abhängt und einen Sommerflirt mit einer süßen Kanadierin hat.

Wir steigen aus und ich begleite sie zur Tür. Als wir unter der Verandalampe stehen, ist die Luft zum Schneiden. Über unseren Köpfen schwirren Motten, in den Büschen zirpen die Grillen und unsere Blicke treffen sich. Ich weiß nicht, was meine Miene ausdrückt, aber ihre scheint zu sagen: Warum eigentlich nicht?

Von mir aus gern. Es ist an der Zeit, dass ich mein Leben unter Kontrolle bekomme.

Als ich einen Schritt auf sie zumache, schlägt mein Magen Purzelbäume und ich rede mir ein, der saure Geschmack in meinem Mund käme von meiner Nervosität. Ich weigere mich, Gewissensbisse wegen eines Mädchens zu haben, dem ich nie begegnet bin. Eines Mädchens, von dem ich nicht einmal sicher weiß, ob es wirklich existiert.

Meine Hand liegt auf Hannahs Wange, die immer noch ein wenig kühl ist von der Klimaanlage im Auto. Sie schließt die Augen und ich schließe meine und beuge mich hinunter. Ich kann kaum fassen, dass es endlich so weit ist.

Aber in dem Bruchteil einer Sekunde, bevor sich unsere Lippen berühren, höre ich ein lautes Zischen und eine eiskalte Bö fährt zwischen uns.

Hannah taumelt rückwärts, der heftige Windstoß fegt durch ihr Haar und zerzaust ihre blonden Locken. Ich strecke die Hand nach ihr aus, doch der Wind zieht und zerrt so unerbittlich an mir, als wollte er mich mit aller Macht von ihr trennen. Ich stemme mich dagegen, kämpfe dagegen an, aber er holt mich fast von den Beinen. Es ist, als hätte der Wind ein Eigenleben – aber nur hier, um Hannah und mich herum. Die Palmen im Garten nebenan bewegen sich nicht.

Gerade als ich denke, dass es seltsamer gar nicht mehr geht, rauscht mir eine vertraute Stimme durch den Kopf.

Geh nach Hause, Vane.

Ich sehe mich um, versuche, durch die Dunkelheit und den aufgewirbelten Sand zu erkennen, wo sie sich versteckt. Aber die Straße ist menschenleer. Da sind nur ich und Hannah – die immer noch gegen diesen verrückten Wind ankämpft, der sie von mir wegreißt.

»Ich geh rein«, brüllt Hannah und wischt sich den Sand aus den Augen.

»Okay«, brülle ich zurück. Hilflos muss ich zusehen, wie sie sich von mir abwendet. »Ich rufe dich an.«

Sie dreht sich nicht mehr um. Tut so, als wäre ich Luft.

Der Wind weht meine Worte fort, bevor sie sie erreichen. Und dann ist sie weg.

4

AUDRA

Für diesen Auftrag habe ich vier Jahre meines Lebens geopfert.

Habe trainiert. Körperlich. Geistig. Emotional.

Habe weder geschlafen noch gegessen. Habe Stunde um Stunde unter der erbarmungslosen Wüstensonne gelitten. In vollkommener Isolation gelebt. Habe mich dazu erniedrigt, den Anstandswauwau für diesen dickköpfigen, ignoranten Jungen zu spielen, der gegen alles rebelliert, worauf es ankommt.

Und jetzt hat er uns vielleicht beide dem Tod preisgegeben.

Aber daran bin ich genauso schuld wie er.

Wieder habe ich den Wind zu laut gerufen. Und wieder habe ich uns verraten.

Der Nordwind war zu weit außerhalb meiner Reichweite, um ihn mit einem Flüstern befehligen zu können. Ich musste schreien. Und das bedeutet, dass der Luftstrom jetzt meinen Ruf in sich trägt – und sich auch zu Vane zurückverfolgen lässt. Die Sturmkrieger werden dem kalten Wind, der aus dem heißen Tal kommt, garantiert auf den Grund gehen. Und wenn sie erst einmal anfangen nachzuforschen, werden sie irgendwann fündig werden.

Die Welt beginnt sich um mich zu drehen und ich atme tief ein.

Ich werde nicht zulassen, dass es noch einmal passiert.

Ich kann sie aufhalten. Falsche Spuren legen.

Und dann werde ich mich um Vane kümmern.

Er fährt mit seiner weißen Smogmaschine weg, und meine Beine zittern, als ich aus dem Schatten trete und die Straße nach der dunklen Gestalt absuche, die ganz bestimmt auf einem Dach in der Nähe hockt. Ich strecke den linken Arm aus und er schießt herab und gräbt seine Krallen in meinen Jackenärmel. Gavin weiß, dass er keinen Schrei ausstoßen darf. Es gehört zu unserer Rolle, uns im Hintergrund zu halten, sodass man uns weder sieht noch hört.

Es ist Vanes Schuld, dass wir aufgeflogen sind. Er kann froh sein, dass ich so schonend mit ihm umgegangen bin. Er hat ja keine Ahnung, mit wem er es zu tun hat. Aber das wird er schon bald herausfinden.

Ich streichle die weichen grauen Federn an Gavins Hals und versuche, die aufsteigende Panik, die mir fast den Atem raubt, zu unterdrücken. »Flieg nach Hause, mein Junge«, flüstere ich. »Ich komme nach, sobald ich kann.«

Gavin blickt mich mit seinen scharfen orange-roten Augen an, und ich weiß, dass er den Befehl verstanden hat. Dann breitet er die Flügel aus und schwingt sich majestätisch in die Luft. Ich beneide ihn darum, wie leicht ihm das Fliegen fällt. Für mich ist es erheblich anstrengender.

Ich ziehe mich wieder in den Schatten zurück und taste mit den Fingern nach einer kleinen Brise, um meine Spur zu verwischen.

Nichts. Ich muss warten.

Die absolute Windstille, die hier immer wieder herrscht, beraubt mich nicht nur meiner Energie, sondern auch meiner Möglichkeiten und bringt mich noch um den Verstand. Wenn sich zuvor wenigstens ein winziges Lüftchen geregt hätte, hätte ich schon viel früher dazwischengefunkt. Hätte mich nicht erst unter die Erdlinge mischen müssen, um Vanes »Date« einen Strich durch die Rechnung zu machen. Ich hätte mich ihm gar nicht zeigen müssen. Und ich wäre nicht gezwungen gewesen, den Nordwind zu Hilfe zu rufen, um den Bund mit diesem Mädchen zu verhindern.

Und wir wären immer noch in Sicherheit.

Natürlich säßen wir jetzt auch nicht so in der Patsche, wenn er sich einfach nur an die Regeln halten würde.

Ich schlinge die Arme fest um meinen Körper, um mein Zittern zu unterdrücken. Er ist noch nie zuvor so nahe dran gewesen. Noch eine Sekunde, und …

Meine Sicht verschwimmt, während ich in Gedanken wieder vor mir sehe, wie er auf der Veranda steht. Seine Hand auf ihrem Gesicht. Er beugt sich hinunter. Ihre Lippen berühren sich fast.

Wenn ich ihn nicht aufgehalten hätte … An die Folgen darf ich gar nicht denken.

Der Schmerz in meiner Backe sagt mir, dass ich die Zähne zu fest zusammenbeiße. Ich zwinge mich, lockerzulassen. Eine Hüterin muss zu jeder Zeit ruhig sein und einen kühlen Kopf bewahren – darauf wurde ich bei der Orkan-Armee gedrillt. Gefühle zu unterdrücken, ist der Schlüssel zu unserem Erfolg. Der einzige Weg, das entsagungsvolle Leben zu ertragen, zu dem wir uns verpflichtet haben.

Außerdem … kann Vane eigentlich nichts dafür. Er weiß nichts von den Regeln, die er beinahe verletzt hat, oder welche Verpflichtung ein einziger Kuss bedeutet – obwohl ich ihm im Laufe der Jahre genügend Warnungen gegeben habe. Die hätte er durchaus kapieren können.

Aber es ist sinnlos, mir über Dinge Gedanken zu machen, die sich nicht ändern lassen. Wer wüsste besser als ich, dass man Geschehenes nicht rückgängig machen kann. Vorwärtsgehen ist die einzige Option.

Ein zarter Windhauch kitzelt meine Finger. Ostwind – endlich habe ich Glück.

Leise murmelnd, sodass man es nicht zurückverfolgen kann, beuge ich den Luftstrom meinem Willen und hülle mich darin ein. Als mich die federweiche Brise ganz und gar umgibt, hauche ich einen letzten Befehl in der Sprache des Ostwindes und überlasse mich seiner Gewalt.

»Erhebe dich.« Es klingt wie ein Zischen und schon fegt der Wind davon und zieht mich mit sich.

Nie fühle ich mich freier, als wenn ich auf einem Luftstrom reite. Während ich immer höher in den Himmel aufsteige und seine Weiten ergründe, liegt mein Leben voller Klarheit, voller Bedeutung vor mir. Ich kann den Wind nie vollständig kontrollieren. Ich kann ihn beschwören, umwerben, bitten, mir zu gehorchen – aber er ist und bleibt eine Macht für sich mit einem freien Willen. Der Trick ist, ihm zuzuhören, wenn er spricht, und ihn mit meinen eigenen Bedürfnissen in Einklang zu bringen.

Die meisten Windläufer sind doppelt so alt wie ich, bevor sie den Wind so gut beherrschen. Ich kann den kleinsten Hauch einer Veränderung oder Abweichung wahrnehmen, jede Turbulenz und jede Unruhe deuten und mich darauf einstellen. Das war eine Gabe meines Vaters. Er hat sie mir an jenem Tag weitervererbt, als er in den Himmel zurückkehrte.

Es vergeht keine Sekunde, in der ich mir nicht wünsche, ich könnte sie ihm zurückgeben.

Am Horizont tauchen dunkle Gipfel auf, und ich flüstere: »Sinke.« Die Bö senkt mich so weit hinab, dass meine Zehen den Boden streifen. Meine Beine bewegen sich im Laufschritt, und als ich Halt gefunden habe, lasse ich los. Der Wind löst sich von mir und verflüchtigt sich im Nu, während ich langsam zum Stehen komme und die Füße fest auf den kühlen felsigen Untergrund der San Bernardino Mountains setze.

Wie rein die Luft hier oben ist – und wie stark der Wind. Ich verweile eine Minute und lasse mich von den wehenden Lüften beleben. Sie streicheln meine Haut und erfüllen mich mit Stärke und Selbstvertrauen. Hier fühle ich mich in meinem natürlichen Element. Ich könnte die ganze Nacht hier stehen und alles in mich aufsaugen.

Aber ich habe eine Mission zu erfüllen.

Es fühlt sich falsch an, den Wind mit lauter Stimme zu rufen – genauso falsch wie schon beim letzten Mal. Aber das ist es ja gerade. Ich muss einen weiteren Fehler machen, um den ersten zu vertuschen.

Meine Stimme zittert, als ich die nördlichen Sturmböen auf allen Bergflanken versammele und in das Wüstenbecken schicke. Sandstürme fegen über menschenleere Dünen und hinterlassen nichts als Staub. Sie verwischen meine Spuren in sämtliche Richtungen.

Die Sturmkrieger können zwar nicht unseren genauen Standort lokalisieren, doch sie werden wissen, dass wir hier irgendwo sind. Und sie werden nicht ruhen, bis sie Vane aufgespürt haben, und dabei das ganze Tal in Schutt und Asche legen.

Der verräterische Windstoß wird die Festung der Sturmkrieger bis morgen Abend erreichen, und selbst bei schnellem Flug werden sie einen weiteren Tag brauchen, bevor sie hier eintreffen. Außerdem habe ich uns mit den falschen Spuren, die ich eben gelegt habe, einen zusätzlichen Tag erkauft.

Also bleiben uns drei Tage. Dann wird es Tote geben.

Heute Abend muss Vane ein erster Durchbruch gelingen. Drei Tage werden genügen, um ihm die Grundlagen beizubringen, und ich stehe dank jahrelanger Entsagung auf dem Gipfel meiner Kraft. Zusammen müssten wir sie abwehren können.

Aber es gibt nur einen Weg, um den Durchbruch herbeizuführen.

Bei dem Gedanken daran habe ich einen bitteren Geschmack im Mund.

Ich strecke die Hand nach einer östlichen Bö aus und konzentriere mich auf das Kribbeln meiner Handkanten, während ich den sausenden Wind um mich hülle. Seine kalten Luftwirbel, die über meine Haut streifen, waschen meine Ängste fort.

»Kehre zurück.« Ich sage die Worte so leise, dass sie vom Tosen des Windes verschluckt werden. Er hebt mich auf seinen mächtigen Schwingen hoch und trägt mich sanft von den Bergen hinab, über den ausgetrockneten, leeren Sand zu meinem Haus.

Es kein richtiges Zuhause, aber ich kann ohnehin nicht hierbleiben. Ich habe etwas zu erledigen.

Eine lange, lange Nacht liegt vor mir.

5

VANE

Meine Eltern sind noch wach, als ich nach Hause komme. Klar, es ist ja noch nicht mal zehn Uhr. Ich bin wahrscheinlich der einzige Teenager im ganzen Tal, der nach einem Date immer pünktlich zu Hause ist.

Natürlich werden andere Jungs auch nicht von eisigen Böen angegriffen oder hören ihren Namen im Wind. Bei dem bloßen Gedanken daran bekomme ich eine Gänsehaut.

Damit beschäftige ich mich später.

Meine Mutter sitzt in unserer vollgestopften rosa gestrichenen Wohnküche auf dem fleckigen braunen Sofa und liest. Es riecht durchdringend nach Hackbraten, und als ich über ihre Schulter blicke, stelle ich fest, dass sich im Spülbecken das Geschirr stapelt. Na toll, ich bin so früh dran, dass sie noch nicht einmal den Abwasch erledigt hat. Was für eine Pleite.

Mein Vater winkt mir von seinem schäbigen Ledersessel aus zu, macht jedoch keine Anstalten, aufzustehen. Er ist zu vertieft in seine Dokumentation auf dem Discovery Channel – keine Ahnung, warum er sich dieses Zeug ansieht –, um sich für das missglückte Date seines Sohnes zu interessieren.

Meine Mom dagegen schließt ihren dicken Schmöker, streicht sich das lange blonde Haar aus dem Gesicht und bedeutet mir, mich zu setzen.

Ich habe zwar keine Lust auf einen »gemütlichen Plausch« mit ihr, weiß aber, wenn ich mich jetzt gleich in mein Zimmer verdrücke, wird sie misstrauisch. Meine Mom macht sich nämlich immerzu Sorgen. Einerseits ist sie wahrscheinlich froh, dass ich nicht gerade dabei bin, ein Mädchen zu schwängern. Aber andererseits hat sie Angst, mein Leben könnte nicht normal verlaufen.

Sie hat ja keine Ahnung, wie unnormal mein Leben ist.

Natürlich habe ich meinen Eltern nicht von dem Mädchen erzählt, das mich in meinen Träumen verfolgt wie eine Stalkerin. Sonst müsste ich endlose Nachmittage auf der Couch eines Seelenklempners verbringen und mir sein sinnloses Psychogequatsche anhören, mit dem er meinen Eltern das Geld aus der Tasche zieht. Davon hatte ich schon genug, als ich noch das »Wunderkind« war.

»Wie war deine Verabredung?«, fragt sie, als ich über den zotteligen braunen Teppich zu ihr gehe und mich neben ihr aufs Sofa plumpsen lasse.

Ich zucke mit den Schultern – das beste Mittel gegen die unaufhörlichen Fragen meiner Mom. Es ist immer wieder witzig, mitzuzählen, wie oft ich damit durchkomme.

»War Hannah nett?«

Schulterzucken.

»Was habt ihr denn unternommen?«

Noch mal Schulterzucken.

»Vane! Das ist keine richtige Antwort.«

Mist, nur dreimal. Normalerweise schaffe ich es mindestens vier- oder fünfmal. Es muss sie brennend interessieren. Oder ganz besonders beunruhigen. Spürt sie, was für ein nervliches Wrack ich bin?

Ohne zu blinzeln, fixiert sie mich mit ihren blassblauen Augen. Sie sind das Einzige, das wir gemeinsam haben, das Einzige, woran man möglicherweise eine Familienähnlichkeit zwischen dem großen dunkelhaarigen Jungen und seiner kleinen blonden Mutter erkennen könnte.

Ich versuche ein Ablenkungsmanöver. »Hannah war toll. Stell dir vor, wir sind nach Las Vegas gefahren und haben geheiratet, ihr Visum läuft nämlich aus, und ich dachte, was soll’s. Sie ist echt scharf. Jetzt packt sie gerade ihre Sachen. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, mit einem frisch verheirateten Pärchen unter einem Dach zu wohnen.«

Meine Mom seufzt, aber das Zucken ihrer Lippen verrät mir, dass sie gerne lächeln würde. Ich erlöse sie.

»Hannah war nett. Wir sind essen gegangen. Und danach habe ich sie nach Hause gefahren. Es war wirklich ein schöner Abend.«

»Und warum bist du dann so früh zurück?«, will sie wissen.

»Es hat irgendwie … nicht so richtig funktioniert zwischen uns.«

Was gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt ist.

»Aber es geht dir doch gut?« Die Falten auf ihrer Stirn werden tiefer.

»Natürlich.« Ich grinse, damit sie es mir abkauft. »Ich bin bloß müde. Ich werde noch ein bisschen gamen und mich dann bald aufs Ohr hauen.«

Meine Mom entspannt sich. Wenn ich an Computerspiele denken kann, ist alles okay und sie muss sich keine Sorgen machen – das ist Moms Elternregel Nr. 53. Sie kommt gleich nach Solange der Direktor nicht anruft, brauche ich mich wegen seiner Noten nicht zu sorgen, und noch vor Solange er keine blutunterlaufenen Augen hat, ist es schlicht Hunger und keine Fressattacke nach dem Kiffen.

Und dafür liebe ich Mom. Sie weiß, wann sie mich an die Leine legen muss und wann sie loslassen kann – das haben meine beiden Eltern voll drauf. In punkto Adoptionsfamilie habe ich einen echten Volltreffer gelandet. Auch wenn sie mir nicht ähnlich sehen und in einer Stadt wohnen, in der man das Wetter als grausame Strafe empfinden kann. Ich durfte sogar meinen Familiennamen behalten – und das ist wirklich richtig gut. Denn Weston klingt um einiges besser als Dipple, finde ich. Dipple reimt sich auf Nippel und in der Schule wäre ich immer Vane Nippel gewesen.

Außerdem habe ich damit wenigstens ein Andenken an mein »anderes Leben«.

An meine Vergangenheit, die nichts als eine große Leere ist. Ich würde am liebsten den Kopf gegen die Wand schlagen, um die Erinnerungen, die sich daraus verflüchtigt haben, wieder hineinzuzwingen. Und wenn mir die Ärzte auch noch so oft erklären, dass es nach einem Trauma vollkommen normal sei, die schmerzlichen Erfahrungen zu verdrängen – ich kaufe es ihnen nicht ab. Wie kann es normal sein, die gesamte Kindheit zu vergessen?

Was für ein egoistisches Arschloch muss man eigentlich sein, wenn man seine ganze Familie ausradiert, nur weil es wehtut, an sie zu denken?

Ich merke, wie das Lächeln aus meinem Gesicht verschwindet, und bevor meine Mom es ebenfalls registriert, verziehe ich mich in den Flur. In meinem Zimmer schalte ich den alten Fernseher meiner Eltern ein – sie haben sich endlich einen Flachbildschirm mit Internetzugang geleistet – und zucke zusammen, als eines von Isaacs Kriegsspielen losgeht.

Isaac versteht nicht, warum ich Ego-Shooter-Games nicht ausstehen kann. Ich verstehe es selbst nicht so richtig. Aus irgendeinem Grund dreht sich mir dabei der Magen um – aber das binde ich ihm natürlich nicht auf die Nase. Er braucht wirklich nicht noch einen Grund, sich über mich lustig zu machen.

Ich spiele nicht mal richtig. Ich starte einfach das erstbeste Game, lasse meinen Avatar in irgendeiner Ecke kauern und drehe die Lautstärke hoch, damit meine Mutter in der Wohnküche die Explosionen hört. Das schreckt sie hoffentlich davon ab, noch mal nach mir zu sehen.

Während es ballert und knallt, sinke ich in den Haufen Decken, den ich letzte Nacht aus dem Bett gekickt habe – hat meine Mutter sie noch alle? Decken? Im Sommer? –, und schließe die Augen. Die kühle Luft vom Deckenventilator streift über mein Gesicht und meine Schultern entspannen sich. Dank der frischen Brise kriege ich wieder einen klaren Kopf. Gut so, denn ich muss über wichtige Dinge nachdenken.

Natürlich habe ich dieses Mädchen auch vorher schon mal gesehen, aber nur ganz kurz, sodass ich mir nie sicher war, ob sie es auch wirklich ist und nicht irgendein x-beliebiges dunkelhaariges Mädchen, das ihr ähnlich sieht. Doch dieses Mal war es ganz anders, mit vollem Blickkontakt und allem.

Und natürlich habe ich auch vorher schon mal den Wind flüstern gehört, nicht nur in meinen Träumen. Aber keine verständlichen Worte oder eine Stimme, die ich erkannt hätte, und niemals wurde mein Name gerufen.

Ganz zu schweigen davon, dass mich der Wind noch nie zuvor angegriffen hat. Immer mal wieder eine plötzlich aufkommende Bö – das schon. Winde, die es anscheinend auf mich abgesehen haben – hin und wieder. Das hat mich aber nie in Panik versetzt. Auch wenn es merkwürdig klingt, der Wind macht mir keine Angst. Nicht einmal nach dem, was meinen Eltern zugestoßen ist. Nicht einmal nach dem, was heute Abend passiert ist. Der Wind beruhigt mich irgendwie. Ich habe nie verstanden, warum.

Es liegt also nicht an dieser bizarren, kalten Bö, dass mir die Hände zittern.

Sondern daran, dass dieses Mädchen den Wind zu mir gerufen hat. Sie hat ihn irgendwie unter Kontrolle. Und mich damit angegriffen. Das seltsame Zischen, das ich gehört habe, bevor uns der Wind überwältigt hat, war ihre Stimme.

Aber was bedeutet das?

Dass sie eine Zauberin ist? Eine Art Windgöttin? Ein Engel?

Ich muss über mich selbst lachen, obwohl sich mir bei dieser Vorstellung der Magen zusammenkrampft.

Sie war da an jenem Tag, als ich den Tornado überlebte. In einem verborgenen Winkel meines Gehirns habe ich mich immer gefragt, ob sie irgendwas mit meiner Rettung zu tun hat. Wie hätte ich sonst überleben können?

Ist sie mein … Schutzengel?

Nie im Leben. An so einen Quatsch glaube ich nicht. Außerdem hat sie mich heute vor gar nichts beschützt. Es war doch nur so ein blödes erstes Date, was sollte daran gefährlich sein?

Also was dann?

Ist sie eifersüchtig?

Ein eifersüchtiger Schutzengel – so ein Pech kann auch nur ich haben.

Ganz ehrlich, ich mache mir allmählich selbst Angst. Nicht weil ich das alles für möglich halten würde, sondern weil ich überhaupt solche Gedanken verfolge. Ich bin definitiv drauf und dran, den Verstand zu verlieren.

Ich muss diesen Wahnsinn hinter mir lassen. Mein Gefühl wegen Hannah war richtig. Ich muss damit aufhören, einem Traummädchen hinterherzujagen oder über magische Windkräfte oder Engel nachzudenken – außer ich will als der berühmteste Insasse der örtlichen Klapsmühle enden.

Ich muss einfach mal richtig ausschlafen. Und wenn ich dann morgen aufwache, ist alles so, als wäre nichts gewesen.

Nur dass sie schon auf mich wartet. Sie schleicht sich in meine Träume. Lässt nicht zu, dass ich sie vergesse.

Das Leben wäre um so vieles unkomplizierter, wenn ich mich einfach betäuben und in einen traumlosen Schlaf sinken könnte. Aber als mir die Ärzte damals nach dem Tornado Schlaftabletten gaben, bekam ich Schweißausbrüche und Ausschlag, bis ich alles wieder erbrach und ohnmächtig wurde. Das passiert immer, wenn ich Medikamente nehme. Zum Glück werde ich nie krank.

Trotzdem bringt mich das Arzneischränkchen beim Zähneputzen in Versuchung. Vielleicht würde mich ja eine halbe Tablette schon einschlafen lassen, ohne die allergische Reaktion hervorzurufen.

Nein, das Risiko ist es nicht wert. Ich muss lernen, sie zu ignorieren, bis sie mich irgendwann in Ruhe lässt – was immer sie ist.

Oder vielleicht werde ich heute Nacht einfach wach bleiben …

Nein.

Sie soll nur kommen. Damit ich sie ein für alle Mal zum Teufel schicken kann.

Ich krieche ins Bett und schalte das Licht aus, dann ziehe ich das Laken ganz fest um mich und zerknautsche das Kissen unter mir.

Nur zu, Traummädchen. Diesmal bin ich bereit.

6

AUDRA

Ich dachte schon, er würde nie einschlafen.

Wenn ich im Schatten unterhalb von Vanes Fenster kauere und darauf warte, dass sein Atem langsam und gleichmäßig wird, bekomme ich jedes Mal Krämpfe in den Beinen, selbst nach all den Nächten noch, die ich schon hier verbracht habe. Und heute dringen zu allem Überfluss auch noch die spitzen Stacheln des Feuerdornbusches durch den dünnen Stoff meines äußerst knapp geschnittenen Kleides, in das ich extra für diese Mission geschlüpft bin.

Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was mir noch bevorsteht. Heute Nacht muss der Wind in Vanes Geist eindringen und Verbindung zu ihm aufnehmen, und nur so kann ich dafür sorgen, dass es auch wirklich geschieht.

In den letzten neun Jahren habe ich jede einzelne Nacht versucht, seinen Geist zu wecken. Ich sandte mein Flüstern auf einer sanften Brise in sein Zimmer, während er schlief. Das ist der natürlichste Weg, die Sprache des Windes zu erlernen, wie ein Kind, das sprechen lernt, indem es seinen Eltern lauscht. Doch ich bin nie ganz zu ihm durchgedrungen, und jeder Fortschritt, den ich erzielte, war mit Vanes Erwachen wieder zunichte gemacht, wie Traumbilder, die im Licht des Morgens verblassen.

Zeit und Geduld, hat man mich in der Orkan-Armee gelehrt.

Diesen Luxus kann ich mir jetzt nicht mehr leisten.

Ich unterdrücke einen Aufschrei, als eine Kakerlake über meinen bloßen Fuß krabbelt. In meiner Ausbildung habe ich gelernt, es mit jeder Art von Gegner aufzunehmen, aber nichts ist so scheußlich wie dieses faustgroße braune Ungeziefer, von dem es hier nur so wimmelt. Die Viecher sind kaum totzukriegen – selbst wenn ich mit meinem Schwert nach ihnen schlage, huschen sie meist einfach davon, als wäre nichts geschehen. Außerdem können sie fliegen. Es ist einfach nicht fair, dass etwas so Nutzloses und Hässliches mehr kann als Vane.

Ein Gedanke, der mich fast amüsieren würde, wenn er nicht so erschreckend wäre. Vane ist viel zu wehrlos, und niemand weiß so gut wie ich, was uns erwartet, wenn die Sturmkrieger kommen.

Eine Welle des Schmerzes durchflutet mich, als die mühevoll verdrängten Erinnerungen meinen inneren Schutzwall überwinden.

Vanes Eltern. Meine Eltern. Die unermessliche Wucht des Tornados, der sie wie trockenes Laub umherwirbelt. Das rachsüchtige Grinsen, das die Lippen des Sturmkriegers umspielt.

Ich schließe die Augen, genau wie an jenem Tag – und höre trotzdem das Tosen des an mir zerrenden Sturms und die Schreie der Westons. Die Stimme meines Vaters, der mir aufträgt, auf Vane aufzupassen, bevor er sich selbst für unsere Rettung opfert.

Geräusche, die mich wohl bis zu meinem letzten Atemzug verfolgen werden, womöglich noch darüber hinaus.

Vier gegen einen einzigen Sturmkrieger, doch nur meine Mutter überlebte den Kampf.

Inzwischen schickt Raiden seine Sturmkrieger immer zu zweit los. Haben Vane und ich da überhaupt eine Chance?

Am liebsten würde ich einfach wegrennen – Vane packen und diesem erdrückenden Ort entfliehen. Ihn verstecken. In Sicherheit bringen.

Aber ich widerstehe diesem Drang.

Die Sturmkrieger würden auf der Suche nach uns das gesamte Tal verwüsten. Als Hüterin kann ich das nicht zulassen. Außerdem würden sie unserer Spur folgen. Und uns schließlich einholen.

Es gibt nur eine Möglichkeit: Vanes ersten Durchbruch zu erzwingen.

Das ist unsere einzige Chance.

Wenigstens bin ich stark und gut vorbereitet. Seit dem Tod meines Vaters vor zehn Jahren habe ich weder einen Bissen gegessen noch einen Tropfen getrunken und bin deshalb nicht an die Erde gebunden. Keiner der anderen Orkan-Hüter hat sich so lange enthalten. Doch ich habe aus den Fehlern meines Vaters gelernt und das wird mir jetzt zugutekommen.

Ich habe die Zeit, um Vane das Kämpfen beizubringen. Vielleicht sogar um weitere Durchbrüche auszulösen. Selbst wenn er nur einen kleinen Teil seiner Fähigkeiten einzusetzen lernt, können wir es allemal mit den Sturmkriegern aufnehmen. Vorausgesetzt, ich habe heute Nacht Erfolg …

Bisher bin ich nur einmal, während meiner Ausbildung, mit dem Wind verschmolzen, und ich konnte den Schmerz nur wenige Sekunden ertragen. Vanes Geist hingegen wird mehrere Minuten für den Durchbruch benötigen.

Aber ich muss es einfach so lange aushalten, wie es eben dauert. Es gibt keine Alternative.

Ich stehe auf, um das Fenster zu öffnen. Es ist Zeit.

Für gewöhnlich schicke ich eine kleine Brise durch den Spalt im Fensterrahmen und versuche so, sein Bewusstsein anzuregen, während ich draußen lausche. Heute Nacht aber werde ich direkt mit seinem Geist Kontakt aufnehmen. Wenn das nicht wirkt, dann weiß ich auch nicht weiter. Ich greife nach dem Nordwind, der an meinen Fingerspitzen kribbelt, sende ihn unter dem Fenstersims hindurch und lasse einen Windstoß am Riegel rütteln, bis ich ein Klicken höre. Ein neuerliches Anschwellen des Windes schiebt das Fenster leise auf.

Vane liegt ausgestreckt auf dem Bett, schlafend, doch keineswegs friedlich. Er hat sich in den Laken verheddert und hält das Kopfkissen fest umklammert.

Fast tut er mir leid. Er hat ja keine Ahnung, was gleich auf ihn zukommen wird.

Ich allerdings auch nicht.

Tief Luft holen.

Ich zögere kurz, dabei darf ich mir jetzt keine Schwäche erlauben.

Ich schließe die Augen.

Mit dem Wind zu verschmelzen, erfordert äußerste Konzentration. Doch selbst dann muss man höllisch aufpassen, sich nicht zu verlieren.

Die Nordwinde, die ich von den Bergen herabgeschickt habe, erfüllen die Luft um mich herum, aber für diesen Zweck brauche ich Ostwinde. Die Winde meines Erbes. Genau wie das Blut in meinen Adern durchströmen sie meinen Körper. Und wenn ich mich ihnen ergebe, werden sie mich von meiner Erdgestalt befreien.

Ich murmle den Ruf, den ich mir eingeprägt habe, und befehle jeden Ostwind zu mir. Zum Glück befinden sich einige in der Nähe, sodass ihre Bewegung keinen Verdacht erregen wird.

Ich trete vor. Die Böen wehen mir ein paar Haarsträhnen ins Gesicht und ich muss blinzeln. Üblicherweise trage ich das Haar wie vorgeschrieben zu einem Zopf geflochten, aber das komplizierte Flechtmuster übersteht die Transformation nicht. Um seine Gestalt zu wandeln, muss man loslassen.

Ich hebe die Arme und lasse die kühle Brise über meine nackte Haut streichen. Die Orkan-Armee hat mein dunkles ärmelloses Kleid speziell für diese Aufgabe entworfen. Es ist sehr kurz, tief ausgeschnitten und bedeckt nur das Nötigste. Der weiche, geschmeidige Stoff ist aus dünnen, locker miteinander verbundenen Fasern gewebt. Wie eine Pusteblume im Wind wird sich das Gewebe auflösen und eine neue Form annehmen.

Wenn nur mein Körper sich ebenso problemlos verwandeln könnte.

Was würden wohl die Orkan-Hüter sagen, wenn sie mich jetzt sehen könnten? Und meine Mutter?

Würde sie sich Sorgen um mich machen?

Würde es sie überhaupt kümmern?

Nein. Sie würde es als gerechte Strafe für meine Untat betrachten, die ich nie wiedergutmachen kann.

Vielleicht hat sie recht.

Ich unterdrücke ein Schaudern, das nur teilweise von den kalten Luftströmen ausgelöst wird, die ich durch meine Haut wehen lasse. Bis in die verborgensten Winkel meines Körpers dringen sie vor, wirbeln umher und suchen nach einem Ausweg.

Ich muss sie freilassen.

Der Moment, in dem ich mich dem Wind ergebe, lässt sich nicht mit Worten beschreiben. Es geschieht instinktiv, irgendwo ganz tief in meinem Innern. Ich muss nur meinem Bauchgefühl folgen. Und dem Schmerz standhalten.

Mit einem letzten, tiefen Atemzug überwinde ich meinen eigenen Widerstand und lasse mich von den Winden in Stücke reißen.

Eisige Nadeln und scharfe Zähne graben sich in meinen Körper, spalten ihn Zelle für Zelle auf. Obwohl das Ganze nur einen Augenblick dauert, wird sich jede einzelne Faser meines Körpers für immer an diese Todesqualen erinnern.

Doch in den Schmerz mischt sich ein Gefühl unendlicher Freiheit.

Keine Begrenzungen. Keine Beschränkungen.

Ich bin der Wind.

Die jahrelange Ausbildung ist wie weggefegt, als mich ein nahezu unwiderstehlicher Sog erfasst. Ich sehne mich danach, zu fliehen, dem lockenden Gesang des Windes bis ans Ende der Welt zu folgen. Und noch weiter. Je weiter ich fliege, desto mehr wird der Schmerz nachlassen, bis er ganz aufhört und ich frei bin.

Frei.

Der Gedanke ist so verlockend …

Nein!

Ich konzentriere mich auf das, was mich immer erdet: das Gesicht meines Vaters.

Sein Mund verzieht sich zu einem breiten Lächeln. Auf seiner linken Wange erscheint ein kleines Grübchen und seine himmelblauen Augen sind von Lachfältchen umgeben. Er sieht glücklich aus. Stolz. Ich möchte glauben, dass er es wäre.

Ich habe mich wieder unter Kontrolle. Rasch schwebe ich durch das offene Fenster. Berauscht von der Schnelligkeit meiner Bewegungen wirbele ich um Vane herum.

Zeit für den Durchbruch.

Meine Gedanken verbinden sich mit dem Flüstern des Windes, sodass ich an seiner Stelle in der geheimen Sprache des Ostwindes spreche. Aber Worte allein reichen nicht aus. Für den Durchbruch benötigt Vane mehr als das Wogen meiner sanften Brisen, die ihn umschmeicheln, über seine Wangen streichen und ihm das Haar zerzausen.

Er muss mich einatmen.

Ich schwebe über seinem Gesicht, warte auf seinen nächsten Atemzug und folge dem Sog. Sobald ich über seine Lippen geglitten bin, trenne ich mich von seinem Atemstrom und dringe tief in sein Bewusstsein, sein innerstes Wesen ein.

In seinem Geist ist es dunkel, beengt, und ich fühle mich eingesperrt. Ich rase, will flüchten, habe das Verlangen, mich bei seiner nächsten Ausatmung zu befreien. Je enger mein Gefängnis, desto tiefer der Schmerz, und meine Winde wüten. Ich bin ein Sturmwind, der auf sein Bewusstsein einpeitscht und es aufzurütteln versucht.

Mach schon.

Um mich herum gerät etwas in Bewegung, ein Prickeln von Energie, das zu einem Summen anschwillt – aber kein Durchbruch. Immer noch nicht.

Der Drang, davonzufliegen, reißt mit eisigen Klauen an mir. Aber ich richte meine Gedanken auf meinen Vater. Er war stets sanft, gelassen und voller Selbstvertrauen. Voller Leben. Voller Liebe. Was würde er an meiner Stelle tun?

Er würde Ruhe bewahren. Er würde sich der Verantwortung nicht entziehen.

Also ignoriere ich den Schmerz und kontrolliere die Stärke der Windböen. Jetzt bahnen sich nurmehr sanfte Brisen den Weg in Vanes Bewusstsein.

Bitte, Vane. Spüre es.

Er bewegt sich.

Ich erreiche ihn.

Dein Volk braucht dich, Vane.

Und ich auch, hätte ich beinahe hinzugefügt. Aber ich bringe es nicht über mich, diese Worte auszusprechen. Ich will nicht, dass es wahr ist.

Er soll es nicht hören.

Mit einem Keuchen fährt er aus dem Schlaf und in Windeseile ziehe ich mich auf der Woge seines ausgestoßenen Atems aus seinem Bewusstsein zurück.

Endlich.

Meine Winde wirbeln ausgelassen umher und genießen ihre Freiheit, während ich beobachte, wie er sich mit wildem Blick umsieht.

Es gibt nur eine Möglichkeit, festzustellen, ob der Durchbruch mithilfe des Ostwindes gelungen ist.

Ich sammele die Winde – meine Winde. Mich selbst. Meine Einzelteile, die vor seinen Augen in der Luft schweben. Wenn er den Durchbruch geschafft hat, kann er meine wahre Gestalt erkennen. Andernfalls wäre ich so unsichtbar wie der Wind.

Bitte sieh mich.

Seine Augen weiten sich und er rappelt sich hastig hoch. Dabei ruft er etwas, das ich im Brausen der Böen nicht verstehe.

Aber er kann mich sehen.

Vane Weston ist bereit.

Mit letzter Kraft ziehe ich meine Winde noch enger zusammen. Als ich wieder feste Formen spüre, schicke ich die Winde fort.

Es ist, als würden sich glühende Schürhaken in meine Haut bohren und Rammböcke auf mich eindreschen und noch tausend andere Arten von Schmerzen mich quälen, die ich gar nicht beschreiben kann. Der Stoff meines Kleides kühlt mich dort, wo er an meiner Haut anliegt, aber das reicht bei Weitem nicht aus, um das Feuer darunter zu löschen, das bei der Rückverwandlung entfacht wird.

Als sich unsere Blicke treffen, schwanke ich. Vanes Mund steht offen – er muss etwas gesagt haben, während ich vor Schmerzen blind und taub war.

»Wurde ja auch Zeit«, murmele ich.

Dann breche ich zusammen.

7

VANE

Eine Unmenge von Fragen sprudeln aus mir heraus – zusammen mit ziemlich deftigen Ausdrücken, für die mich meine Mutter umbringen würde. Aber im Moment sind mir ihre spießigen Sprachregeln so was von egal.

Denn gerade eben ist das seltsame Phantommädchen in meinem Zimmer in Ohnmacht gefallen.

Ich hole tief Luft, um diesen Gedanken erst mal sacken zu lassen. Sie ist hier. Wenn ich will, kann ich sie sogar berühren.

Ich mache einen halben Schritt auf sie zu, dann packt mich ein Schaudern und ich ziehe mich in den hintersten Winkel meines vollgestopften Zimmers zurück. Sie mag ja real sein, aber das erklärt noch lange nicht, wer oder was sie ist oder was ich da gerade erlebt habe. Es hat sich angefühlt, als wäre sie tatsächlich in meinem Kopf gewesen, eine unheimliche Präsenz in meinem Innern.

Ganz zu schweigen von der geisterhaften Erscheinung, die ich oben an der Zimmerdecke schweben sah. Ein Wirbel aus Dunkelheit und Licht und Farbe und Wind, und darin ein Gesicht. Ihr Gesicht. Dann hat sich das ganze Durcheinander irgendwie immer mehr zusammengezogen, und auf einmal – peng! – liegt dieses Phantommädchen ohnmächtig vor meinem Bett auf dem Boden. Wenn mein Herz nicht immer noch wie wild gegen meinen Brustkorb hämmern würde, wäre ich überzeugt, dass das hier ein Albtraum ist.

»Vane, ist da drin alles in Ordnung mit dir?«, ruft meine Mom durch die Tür.

Vor Schreck mache ich einen Satz und stoße dabei gegen den Schreibtisch. Mit lautem Poltern fallen einige Bücher und Videospiele herunter.

Falls meine Mom jetzt hereinkommt und ein süßes, spärlich bekleidetes Mädchen auf meinem abgetretenen grauen Bettvorleger findet, darf ich bis in alle Ewigkeit nicht mehr ausgehen. Zumal ich nichts weiter trage als meine Batman-Boxershorts. Und ich bin ziemlich sicher, dass sie mir meine Theorien über Geister, Schutzengel oder rätselhafte Naturerscheinungen nicht abkaufen wird.

Ich stolpere zur Tür, entschlossen, sie notfalls mit der Kommode zu verbarrikadieren. »Ich bin okay, Mom«, beruhige ich sie. Ich schnappe mir das erstbeste T-Shirt, das auf dem Boden herumliegt, und ziehe es zusammen mit meinen Trainingshosen an.

»Was war das für ein Gepolter?«

Na los, Vane. Denk nach!

Da kommt mir die Erleuchtung. »In meinem Bett war eine Kakerlake.«

»Hast du sie erschlagen?« Meine Mom klingt leiser, anscheinend ist sie von der Tür zurückgewichen.

»Das hab ich versucht, aber jetzt kann ich sie nicht mehr finden.« Ich brauche mir keine Sorgen zu machen, dass mir meine Mom ihre Hilfe anbieten wird. Sie ist eine glühende Verfechterin der Philosophie, dass die Vernichtung von Ungeziefer in den männlichen Zuständigkeitsbereich fällt.

»Na, dann will ich dich mal nicht weiter aufhalten«, antwortet sie, und ich muss grinsen. »Aber sorg dafür, dass sie tot ist, bevor du wieder ins Bett gehst. Ich möchte nicht, dass das Ding im ganzen Haus rumkrabbelt.«

»Mach ich«, verspreche ich. Als sich ihre Schritte durch den Flur entfernen, entspanne ich mich allmählich wieder.

Ein Problem wäre gelöst. Nun muss ich mich nur noch um das ohnmächtige, halb nackte Mädchen auf dem Boden kümmern, das höchstwahrscheinlich ein übernatürliches Wesen ist.

Ooookay.

Keine Ahnung, was in so einem Fall angebracht ist.

Ich knipse das Licht an, krieche auf allen vieren zu ihr hin und recke den Kopf, damit ich sie besser sehen kann. Sie hat die Augen geschlossen und atmet langsam und schwer.