Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García - Moritz Rinke - E-Book

Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García E-Book

Moritz Rinke

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19,99 €

Beschreibung

Von Vätern und Söhnen, Lava und Lichterketten.

Ein Postbote auf Lanzarote, der um seinen Sohn kämpft, ein seltsamer Tisch, der ein dunkles Familiengeheimnis aus dem Spanischen Bürgerkrieg birgt, und ein blauer Ball, der über die Insel der hundert Vulkane bis nach Afrika rollt: Moritz Rinke entfacht in seinem zweiten Roman mit unvergleichlicher Tragikomik und schier atemberaubender Erzählkunst ein Feuerwerk an Geschichten.

In seinem kleinen Postbüro in Yaiza sortiert Pedro Fernández García seit Erfindung des Internets keine Briefe mehr, sondern nur noch Werbesendungen. So hat er unendlich viel Zeit, um am Hafen Café con leche zu trinken, seinem Sohn Miguel alles über historische Vulkanausbrüche zu erzählen und den Geheimnissen seiner Familie auf den Grund zu gehen. Was hat sein Großvater in den dreißiger Jahren in Spanisch-Marokko gemacht? Wer war der mysteriöse Deutsche, bei dem er angestellt war? Als sich Pedros große Liebe Carlota von ihm trennt und mit Miguel nach Barcelona zieht, wird es plötzlich still in seinem Leben. Auch sein Freund Tenaro, ein arbeitsloser Fischer ohne Boot, der angeblich mit Hemingway verwandt ist, kann ihn nicht aufheitern. Und dann sitzt da auf einmal ein Mann in seiner Küche, Amado, ein Flüchtling, der auf Lanzarote die Freiheit gesucht und ein Gefängnis vorgefunden hat. Pedro, Tenaro und Amado beschließen, Miguel zurückzuholen. Sie schmieden einen wahnwitzigen Plan – und merken, wie viel es zu gewinnen gibt, wenn alles verloren scheint.

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Moritz Rinke

Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García

Roman

Kurzübersicht

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Inhaltsverzeichnis

Widmung

Erster Teil

1 Die Café-con-leche-Route

2 Lavafrauen und Penélope Cruz in der Bar Stop

3 Die lebendigen Briefe des 68er-Postboten

4 Auf der Europaroute (Vaterherztod, Putsch und der Zauberer)

5 Wiedersehen mit Tenaro

6 Carlota und Pedro im Boxspringbett

7 Die Nudistenroute (Bericht über die erotische Akademie)

8 Auf der Straße für General Franco – Tenaro und die Lincoln-Würde

9 Ausflug nach Fuerteventura (das Adolf-Hitler-Projekt)

10 Die Nacht auf der Hafenbank

11 Mit Miguel bei Dr. Sánchez (Pedros Rede am Nationalfeiertag)

Zweiter Teil

12 Liebesschmerzen unter dem Tisch – beim Pfarrer Curbelo

13 Viva la Unternehmen Feuerzauber (die Verwandlung des Tischs)

14 Nudistenroute gegen Nobelpreisroute (der Saramago-Plan)

15 Die Vaterkiste

16 Auf der Nobelpreisroute (Erinnerungen an Penélope)

17 Tenaros letzter Thun

18 Heilige Nacht in Puerto del Carmen (im Priabon des Eozäns)

19 Im Bordell La Curva – mit Luciana bei Dr. Sánchez

20 Der schwarze Mann im Haus

21 Saharasand auf der Europaroute – Amado beim Messi der Bücher

22 Mit Amado bei Dr. Sánchez – Lucianas kleine Geschichte vom Auswandern

Dritter Teil

23 Johanna kauft sich einen Bikini und will ein neues Leben

24 Das Atlantis-Projekt – Amado setzt sich zwischen Pedro und Tenaro

25 Präsident der Wartenden (Anruf aus den Bergen vor Melilla)

26 Der Bürgerkriegstisch – Geständnis über die Gleichgültigkeit

27 Amado will zurückflüchten

28 In der Caracas-Bar

29 Vatergespräche und Heimatkunde (Tenaros Plan, Miguel zu entführen)

30 Pedro und Amado versuchen den Bürgerkriegstisch zu zerschlagen und entführen Saramagos Hund

Vierter Teil

31 Mit Tenaro und Saramago im Harley Rock Café

32 Amados Flucht zurück

33 Das Barcelona-Projekt

34 Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García

Fünfter Teil

35 Von der Freundschaft

36 Tenaro fährt auf das Meer, Pedro mit dem Bürgerkriegstisch auf das Famara-Kliff

37 Miguel liegt wieder in seinem Bett

38 Der alte Brief von Fernanda Arrocha Morales

39 Die Nacht im Zimmer 36

40 Von der Hilfe fremder Vulkane, vom blauen Ball und von einem Ende

Danksagung

Inhaltsverzeichnis

Für Miran und meinen Vater

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil

1 Die Café-con-leche-Route

Pedro Fernández García saß im Norden der Insel vor einem Café con leche. Es beruhigte ihn, die Nase über den heißen Kaffee zu halten, nur so dazusitzen und eine Weile auf das Famara-Massiv zu starren. Der Blick auf den Hafen und auf den Atlantik war verhangen von wehenden Bettlaken auf den Leinen, an denen die Fischer früher ihren Fang zum Trocknen aufgehängt hatten.

Pedro strich über die Tischplatte und betrachtete seine Handfläche. Er strich noch einmal an einer anderen Stelle kräftiger über den Tisch und überprüfte, ob die Innenseite seiner Hand von dem Feinstaub verfärbt war, den der Ostwind aus der Sahara über das Meer bis auf die Insel trug. Schon seit seiner Kindheit wischte Pedro über Tische, Stühle, Fensterläden, Türrahmen, Bänke, Böden, über aller Art Oberflächen. Er konnte ihn auch jetzt sehen, diesen ockerfarbenen bis rötlichen Staub, so als ob man Muskat und Chili zusammengemischt hätte. Er nahm einen Schluck aus seiner Tasse, die Temperatur war mittlerweile angenehm, seit ein paar Wochen servierte ihm Alberto, der Kellner der Hafenbar, den Café mit aufgeschäumter Milch, was ungewohnt war, dazu ein Glas stilles Wasser.

Pedro drückte einen Knopf des winzigen Weltempfängers an seiner Honda, die er immer genau neben dem Tisch parkte. Es kamen gerade die Nachrichten: globale Finanzkrise, spanische Bankenkrise, spanische Wirtschaftskrise, spanischer Korruptionsskandal. Fidel Castro tritt wieder im kubanischen Fernsehen auf. Elf Meter langer Stahlträger aus den Trümmern des World Trade Center wird Mittelpunkt einer neuen Gedenkstätte in New York. Eis auf dem Mars entdeckt … Pedros Handy klingelte, es war Carlota, sie rief direkt von der Rezeption des Crystal Palace in Playa Blanca an.

»Was machst du?«, fragte sie.

»Ich arbeite«, antwortete Pedro, er starrte dabei auf seine gelbe Diensthonda, Viertaktmotor, luftgekühlt. Auf dem Tank stand mit blauer Schrift »Correos y Telégrafos«, die staatliche Post des Königreichs Spanien: »Gegründet 1519«. Auf seinem Dienstpullover war sogar eine goldene Krone ins Postemblem gestickt.

»Sitzt du wieder am Hafen in Orzola und trinkst Café con leche?« Carlotas Stimme klang besorgt.

»Ich muss das so machen«, sagte er.

»Hör mal, Pedro … Wir könnten uns doch mal überlegen, was dich interessiert. … Ich meine, für die Zukunft gedacht … Beruflich.«

»Ich habe einen Beruf«, antwortete Pedro.

Carlota schwieg. Im Hintergrund hörte Pedro das Klingeln der Telefone und Klackern der Rollkoffer in der natursteingepflasterten Empfangshalle, das wie Gewehrsalven klang.

»Sie haben einen Stahlträger aus dem zerstörten World-Trade-Center zurückgebracht, der lag lange in einem Hangar auf dem John-F.-Kennedy-Flughafen, sieben Jahre … Weißt du noch? Am 11. September haben wir uns kennengelernt«, sagte Pedro und drehte das Radio leiser.

»Bei mir wird es heute leider später«, sagte Carlota. »Da kommen drei riesige Tui-Gruppen mit schlimmer Verspätung. Dazu noch zwei von Neckermann, es ist die Hölle. Stell dir mal vor, in Deutschland …«

»Ja, ja, ich weiß schon, wie immer.« Pedro sah auf die Bettlaken an den Wäscheleinen, die immer heftiger im Wind hin und her schlugen.

»Aber diesmal ist in Deutschland sehr früh der Winter ausgebrochen, die haben schon Schnee, im Oktober, normalerweise schneit es im Oktober in Deutschland nicht, dort herrscht das absolute Chaos! An den Flughäfen sind die Enteisungsmittel ausgegangen und Flugzeuge können nicht fliegen, wenn ihre Flügel vereist sind.«

»Aha«, sagte Pedro.

»Condor-Maschinen mit Thomas-Cook- und Schauinsland-Gästen sind gar nicht erst gestartet«, fügte sie hinzu.

»Schön, dann kommen sie ja Gott sei Dank auch nicht!«, antwortete Pedro, er ließ seine Kaffeetasse mehrmals leicht auf die Untertasse scheppern.

»Dann habe ich hier aber die Stornierungshölle, diese Biester von den Reiseveranstaltern versuchen alles, die Stornierungsgebühren zu drücken.« Carlota blühte richtig auf, wenn es um die Belange des Crystal Palace Hotels ging. »Mein Chef sagt: Was können wir dafür, wenn ein Land wie Deutschland keine Enteisungsmittel hat, wie ist das möglich, die haben doch sonst immer alles, dann sollen sie eben Flugzeuge bauen, die im Winter ohne Enteisungsmittel fliegen! … Was ist denn das für ein Klappern im Hintergrund?«

»Auf dem Mars gibt’s jetzt auch Eis«, sagte Pedro, er ließ die Tasse los.

»Eigentlich wollte ich Miguel heute von der Schule abholen, aber ich schaffe es nicht«, sagte Carlota.

»Ich weiß. Ich hole ihn mit der Honda ab, das macht ihm Spaß.«

»Noch einen Café con leche?«, fragte Alberto.

»Psst«, zischte Pedro und hielt ihm die Tasse entgegen, sie war noch halb voll.

»Aber Miguel sitzt hinten, das ist ja klar. Und denkst du an den Gurt mit den seitlichen Halteschlaufen?«, vergewisserte sich Carlota.

»Ja, ja«, erwiderte Pedro. Denkst du an den Gurt mit den seitlichen Halteschlaufen?, sagte sie ungefähr so oft wie Bei mir wird es heute leider später. Pedro klappte sein Handy zusammen und griff mit der anderen Hand nach der Tasse, um sie auszutrinken, dabei schwappte der Café con leche auf seinen Dienstpullover. Das Post-Emblem und die goldene Krone des Königreichs waren jetzt braun und voller Schaum. »Verdammte Scheiße!«, fluchte er und rieb mit einer Serviette auf der Krone herum.

 

Vor der Erfindung des Internets hatte er in einer Woche sogar mehr Briefe gehabt als Carlota Neckermann- oder Tui-Touristen! Ja, mehr als 1000 Briefe und andere Poststücke wie Pakete, Grußkarten, Übergabe-Einschreiben, Nachnahmesendungen, selbst Blindensendungen hatte er auf seinen Inselrouten im Postabschnitt 2 ausgetragen. Die Zentrale in Puerto del Carmen hatte schon beim zuständigen kanarischen Ministerium in Las Palmas de Gran Canaria beantragt, Pedro einen zweiten Briefträger zur Seite zu stellen, aber dann war das Briefaufkommen von Jahr zu Jahr gesunken. Inzwischen war auch noch der Paketversand weggebrochen, den übernahmen nun private Dienste wie ASM Transporte Urgente oder Flex Delivery Service.

Pedro rieb mit der Serviette immer energischer auf seiner Uniform herum.

Sein Gehalt bekam er noch, trotz allem, obendrauf eine Pauschale für die Miete und Instandhaltung des Postamts sowie die Unterhaltskosten für die Diensthonda. Nach Berechnungen des Ministeriums benötigte man für das Postaufkommen in seinem Abschnitt 1200 dienstlich gefahrene Kilometer pro Kalendermonat, das waren 60 Kilometer pro Zustellungstag. Die Zahlen des Ministeriums stammten noch aus der Zeit vor der Erfindung des Internets. Nur die Tankbelege hatte er seit Anfang des Jahres bei der Postzentrale einzureichen, als Arbeitsnachweis, und Pedro musste mit seiner Diensthonda jeden Monat so viele Tankfüllungen leer fahren, wie er für 1200 Kilometer gebraucht hätte, um die staatliche Post des Königreichs Spanien von der Notwendigkeit seines Arbeitsplatzes zu überzeugen.

Meist raste er auf der ausgebauten Schnellstraße LZ-2 von Yaiza nach Tías und bog kurz vor Arrecife auf die LZ-1 ab, mit 96 km/h, so schnell fuhr seine Honda. Bis in den Norden der Insel nach Órzola waren es 58 Kilometer. Dort trank er am Hafen den Café con leche und fuhr wieder zurück, noch mal 58 Kilometer. Wenn er das dreimal die Woche machte, kam er schon damit hin.

Manchmal entschied er sich, die Dienstfahrt abzubrechen und nach Arrecife ins Kino zu fahren, er füllte dann das nicht verfahrene Benzin in Kanister und stellte sie ins Gartenhaus, neben einen Feldkochherd seines Großvaters, mit dem man angeblich genügend kanarischen Eintopf für eine Großfamilie vorkochen konnte, falls die Insel in eine Notlage geraten sollte. Zuletzt hatte Pedro gesehen: James Bond – Ein Quantum Trost mit Olga Kurylenko als Agentin Camille, dann Mamma Mia mit Meryl Streep und Hits von Abba, am nächsten Tag Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels sowie Slumdog Millionaire, alle Filme in einer Woche, er war schon so eine Art cineastischer Postbote.

Kollegen in anderen Postabschnitten hatten vorsichtshalber schon begonnen, in ihren Postämtern Sparbücher, Lottoscheine, Fahrscheine, Müllmarken, Batterien, Netzadapter, Mobilfunkverträge, Bildschirmreiniger und Laserdrucker anzubieten, man nannte das »Liberalisierung«, und manche Kollegen liberalisierten sich sogar so weit, dass sie Anlageberatung und Urlaubsreisen im Portfolio hatten, aber Pedro fand das unmöglich. Ein Briefträger von Correos y Telégrafos war kein Anlageberater. Sollte man etwa mitten im Gespräch seinen Dienstpullover ausziehen und sich stattdessen eine Krawatte umbinden, um eine Anlageberatung vorzunehmen? Enrico, sein Kollege in Playa Blanca, verkaufte jetzt Fidelity-Iberia-Fonds, wie das schon klang! Da konnte man sich ja bereits auf die nächste globale Krise gefasst machen, wenn jetzt schon Postboten bei so etwas mitmischten! Pedro bot in seinem Postamt nur Free-WLAN an, das war alles, er hatte sogar ein Schild auf den Empfangstisch gestellt: »Free-WLAN!« An seinem Platz stand noch ein anderes Schild, von dem hatte er in einem Bericht über Bill Clinton gehört. Man schreibt einfach »It’s the economy, stupid!« auf ein Schild und dann wird man Präsident.

»It’s the Postwurfsendung, du Idiot!«

Der Café con leche sickerte, wie Pedro bemerkte, immer mehr in das Postemblem der Krone ein. Er kippte das Glas Wasser darüber, vielleicht half es, wenn er jetzt mit der Serviette noch einmal kräftig rieb.

Früher hatte er Postwurfsendungen gehasst. Er hatte die unverlangten, in Klarsichtfolien eingeschweißten Werbepackungen mit Neuigkeiten von preisgünstigen Waschmaschinen, Hightechfritteusen, traumhaften Möbeln und flexiblen Krediten gleich in den Papierkorb geworfen. Doch jetzt hatte er angefangen, diese grellbunten Werbepackungen als existenziell zu betrachten und zusammen mit den nervigen Gratis-Wochenzeitungen in die Briefkästen zu stopfen. Dazu kamen die Mahnungen, die das Stromamt Gott sei Dank noch immer mit der Post verschickte. Es war wirklich wie bei Bill Clinton, es ging nur um das Geschäft. Ob Privatkunden Briefe verschickten, interessierte die Post schon lange nicht mehr. Nicht als Sender waren sie interessant, sondern als Empfänger von unzähligen Postwurfsendungen, für die große Geschäftskunden zahlten.

»Bevor du dich wegen des Flecks umbringst, kannst du deine Uniform auch schnell hier waschen«, sagte Alberto, er war jünger als Pedro und sah fesch aus in seiner langen weißen Schürze, auch schien er jede Woche seine Frisur zu verändern, mal hatte er einen Mittelscheitel, beim nächsten Mal trug er den Scheitel links, dann rechts. »Du nimmst einfach die Extrakurzschnell-Funktion. Wir haben die allerneueste Waschmaschine, die es gibt!«

»Ich weiß schon, welche das ist«, antwortete Pedro. Wenn man jeden Tag Postwurfsendungen in der Hand hatte, kannte man alle Waschmaschinen auf der Insel, auch die mit Extrakurzschnell-Funktion. »Danke für das Angebot, aber ich muss los.«

»Na, dann sicher bis übermorgen, oder?«, sagte Alberto. »Warum kommt ein Postbote aus dem Süden eigentlich ständig zum Café-con-leche-Trinken in den Norden?«

Pedro stand mit einem Ruck auf, Alberto sollte sich lieber mal um den Wüstenstaub auf seinen Tischen kümmern, statt ständig seine Haare umzufrisieren oder den Café unter Schaum zu setzen!

»Weil’s im Norden grüner ist!«, sagte Pedro.

Der Süden war wirklich sehr trocken, es gab Vulkanberge, Vulkangeröll und Dörfer mit weißen Häusern. »Hier ist ja nichts! Eine Insel mit nichts!«, hatte Pedro manchmal erboste Touristen bei Carlota an der Rezeption im Crystal Palace sagen hören, aber das stimmte nicht. Sie hatten keine Ahnung von der Anmut der schwarzen Strände, der braunen, rotbraunen, feuerroten, gelbbraunen oder ockerroten und ockerbraunen Vulkane. Manchmal waren sie in der Abendsonne auch plötzlich hellbeige und gelb bis blau oder lila.

 

Pedro hatte den Hafen verlassen und befand sich wieder auf der LZ-1 Richtung Süden, um Miguel abzuholen.

Vielleicht konnte man das alles auch positiv betrachten, dachte er, nachdem er seine Reisegeschwindigkeit von 96 km/h erreicht hatte. Er verdiente Geld, während er einfach nur Honda fuhr und Café con leche trank, wer konnte das schon von sich sagen? Und je mehr es mit der großen Königlichen Post bergab ging, umso mehr gaben ihm die kleinen Dinge Halt: Miguel in die Schule bringen und wieder abholen, dazwischen einkaufen und Spaghetti kochen, dann Hausaufgaben, Fußballtraining, manchmal Zirkus. Gemeinsam am Meer Drachen steigen lassen, Steine sammeln und Flaschenpost verschicken. Eis essen und Seifenblasen machen. Auf dem Spielplatz schaukeln. Wettrennen, wandern, kämpfen und Nase putzen. Malen, Zaubertricks und Kissenschlacht und irgendwann aufräumen, streiten, weinen, langsam ruhiger werden, Abendbrot, Sterne gucken, Zähne putzen, Gute Nacht sagen und noch ein Glas mit Milch bringen.

War das kein sinnvolles Leben?, fragte sich Pedro, als er unter dem Schatten des Monte-Corona-Vulkans dahinraste. Wie erhaben er dalag, mit was für einer sanften Ruhe.

2 Lavafrauen und Penélope Cruz in der Bar Stop

Pedro sah ihn schon in seiner Schuluniform vor dem großen Tor warten. Miguel hatte seinen Ranzen auf dem Rücken und schaute in die entgegengesetzte Richtung.

»Miguel, ich bin hier«, rief Pedro.

»Kommt Mama nicht?«, fragte Miguel.

»In Deutschland ist schon der Winter ausgebrochen. Die Gäste kommen deshalb mit schlimmer Verspätung«, antwortete Pedro. »Wie war es in der Schule?«

»Gut«, antwortete Miguel und setzte sich vorne auf die Honda, den Gurt mit den seitlichen Halteschlaufen hatte Pedro jetzt nicht dabei. Sein Sohn stützte sich mit den Händen am Tank ab und sagte: »Los!«

Sie fuhren in die Bar Stop, sie befand sich gleich gegenüber der weißen Kirche und dem Dorfplatz mit den Geranien. Pedro liebte sein Yaiza. Es war ein kleiner Ort, aber es gab viel Platz und Licht, die Häuser lagen mit großzügiger Hand verstreut in einer Senke. Weiter hinten, inmitten der südlichen Ajaches-Bergzüge, die man die »Braunen« nannte, ragte der Vulkan Atalaya hervor, der »Wachturm«; im Westen erstreckten sich die Lavafelder und die Feuerberge von Timanfaya.

Pedro parkte hinter der Kirche und betrat mit Miguel die Bar Stop. Sein Sohn bestellte Huhn mit Mais, Pedro Eintopf mit Stockfisch und Süßkartoffeln. Sie saßen auf Hockern am Bartresen, der schräg von links nach rechts abfiel, angeblich weil der Maurer, der ihn vor hundert Jahren gemörtelt hatte, betrunken gewesen war.

»Was habt ihr heute in der Schule gelernt?«, fragte Pedro, Miguel besuchte dieselbe Schule, auf die schon er gegangen war.

»Die Vulkanausbrüche auf Lanzarote«, antwortete sein Sohn.

»Großartig, schon in der ersten Klasse! Die historischen Vulkanausbrüche dauerten sechs Jahre, von 1730 bis 1736. Habt ihr das auch gelernt?«, fragte er weiter.

»Ja.«

»Und Blocklava?«

»Ja.«

»Stricklava und Schildvulkane aber noch nicht, oder?«

»Nein.« Schulfragen beantwortete Miguel meist mit »Ja« oder »Nein«.

Ernesto, der Kellner, stellte das Huhn mit Mais und den Eintopf mit Stockfisch auf den Tisch, mit zusätzlichen Süßkartoffeln, gratis.

»Oh, danke!«, rief Pedro. »Sagst du auch Danke, Miguel?«

Ernesto winkte ab, klopfte dem Jungen zärtlich auf die Schulter und schlurfte zurück hinter den Tresen.

»Ich liebe die Bar Stop. Guten Appetit, mein Sohn.« Pedro löffelte das erste Stück Stockfisch aus dem Eintopf. »Weißt du, ich glaube, ich hatte die historischen Vulkanausbrüche erst in der zweiten Klasse. Die unterschiedlichen Formen von Lava konnte ich mir nur merken, weil mein Vater mir damit die Frauen erklärt hat.«

»Hä?«, sagte Miguel.

»Bei Menschen gibt es manchmal auch einen Vulkanausbruch. Ist das Huhn noch zu heiß?«

»Stirbt dann jemand, wenn bei Menschen ein Vulkan ausbricht?«, fragte Miguel.

»Das kommt darauf an, ob man mit einem Blocklavamenschen oder einem Stricklavamenschen zusammenlebt«, antwortete Pedro und wischte sich den Mund ab. Sein Vater hatte eigentlich immer nur von Lavaehen und Lavafrauen gesprochen. Bei Blocklavafrauen strömten nach dem Ausbruch die Worte und Vorwürfe, die Drohungen und Anklagen angeblich wie etwas Dick- und Zähflüssiges heraus und erstarrten zu rauen, scharfkantigen Brocken. Wenn bei den Explosionen Leidenschaften wie riesige Lavafetzen durch die Luft flogen und sich beim Flug verformten, entstanden riesige Blockbomben. Sein Vater sprach von Blockbomben vor allem im Zusammenhang mit Trennungen und Scheidungen.

»Und welche Lava kommt bei mir raus?«, fragte Miguel, er umfasste die Gabel mit der geballten Faust und stach ins Huhn.

»Wahrscheinlich Stricklava«, antwortete Pedro und schnitt Miguels Huhn in kleine Stückchen. »Auf Stricklava kann man sogar barfuß laufen, sie hat keine scharfen Kanten und Spitzen, eher eine sanft gekräuselte oder fladenartige Oberfläche.«

»Und bei Mama?«, fragte Miguel.

»Auch, Mama ist bestimmt eine Stricklavafrau, wie meine Mutter«, antwortete Pedro, seine Eltern waren bis zum Schluss zusammengeblieben, der Tod hatte sie geschieden, kein großer Vulkanausbruch, natürlich hatte es kleinere gegeben wie in jeder kanarischen Ehe, aber eben keinen verheerenden, historischen. »Hat deine Lehrerin schon die Pyroklastenfelder erwähnt?«

»Nein«, antwortete Miguel.

»Das ist auch noch zu früh«, sagte Pedro. Pyroklastenfelder entstanden bei großen Ausbrüchen, wenn sich die feinkörnigen Fragmente, die beim Ausbruch vom Wind fortgetragen wurden, wieder auf die Erde herabsenkten. Man nannte sie hier Picón. In der Nähe von Blocklavaehen waren auch immer Picónfrauen, das waren Geliebte, Resultate der großen Unruhen und Ausbrüche. Pedro hatte das als Kind nie so richtig verstanden, aber sein Vater war selbst ganz angetan von seinen Lavafrauen-Theorien. Zwar konnte man auf Picón gut umherwandeln, er war weich, gab bei jedem Schritt etwas nach, aber manchmal waren die zarten Kanten so scharf, dass man blutete, weil auch die Picónfrauen irgendwann Forderungen stellten oder mehr wollten. Das war jedoch kein Vergleich zum Höllengang durch das Blocklavafeld, das schlimmste Verletzungen und Narben und sogar Tote verursachte. »Heirate nie eine Frau, aus der am Ende Blocklava fließen könnte!«, hatte sein Vater gesagt.

»Schmeckt dir das Huhn?«, fragte Pedro.

»Ja«, antwortete Miguel.

Pedro beobachtete ihn, wie er konzentriert die Gabel hielt und das Huhn aß, ohne aufzusehen. Wie schön er war, dachte Pedro. Die großen dunklen und glänzenden Augen, das offene, meist fröhliche Gesicht mit dem weichen, runden Lippenbogen, dazu die Stupsnase und die dichten braunen Haare.

»Haben wir nicht tolle Vulkane auf unserer Insel? Wir gehören in der Geschichte des Vulkanismus zum Bedeutendsten, was es auf der Welt gibt!«, sagte Pedro. »Und was für tolle Namen sie haben: der schöne Hans, der verspielte Berg, die Gipfelkrone … Oder der schwarze Brüller und der Mantel der Jungfrau, ich mag auch die Zauberin des Hinterlandes.«

»Mich nerven die Vulkane. In meinem Buch kommt das Feuer nicht aus Vulkanen, sondern aus dem Mund von Nepomuk, dem Halbdrachen, der so gerne ein Volldrachen wäre«, sagte Miguel.

»Das ist im Märchen so. In der Schule lernt man, dass das Feuer aus der Erde kommt und aus den Magmakammern«, sagte Pedro.

»Spielt Unión Sur Yaiza deshalb nicht so gut wie el Barça, weil es hier keine grünen Wiesen gibt?«, fragte Miguel.

»Dafür hat Barcelona keine Vulkane«, antwortete Pedro.

»Aber Barcelona hat Messi!«, erklärte Miguel.

Miguel liebte Messi, den Fußballspieler vom FC Barcelona, noch mehr als die Pinxo-Hefte, »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer«, »Nico, das Rentier« oder »Geschichten vom Untergang der Titanic«, die Pedro jeden Abend vorlesen musste. Er sammelte Messi-Trikots, Messi-Poster, Messi-Schlüsselanhänger, schaute Messi-Tore auf YouTube. Er hatte auch eine DVD mit einem Film über Messis Leben, dessen schwierige Anfänge in Argentinien, die Wachstumsstörung, die Armut, die Messi-Großmutter, die an ihn geglaubt und der er später bei jedem Tor mit einem Gruß zum Himmel gedankt hatte. Pedro hatte Miguel sogar einen Messi-Briefbeschwerer geschenkt. Und es gab ein Barça-Spannbettlaken, das noch viel zu groß für Miguels Kinderbett war, aber Pedro wickelte einfach die gesamte Matratze damit ein.

Es klingelte. Pedro klappte sein Handy auf und sagte: »Hallo.«

»Hast du ihn abgeholt?«, fragte Carlota.

»Ja«, antwortete Pedro.

»Was hast du gekocht? Bitte kein Nutella-Biskuit vor dem Mittagessen, ja?«, vergewisserte sich Carlota.

»Keine Sorge. Wir sind in der Bar Stop. Huhn mit Mais«, antwortete Pedro. »Er hat heute in der Schule die historischen Vulkanausbrüche gelernt!«

»Schön«, sagte sie. »Aber bringe ihm nicht diese komischen Machismo-Theorien von den Blocklavafrauen oder Picónfrauen bei.«

»Okay«, sagte Pedro.

»Ich habe eine Überraschung für dich! Rate mal!« Carlota klang ganz aufgeregt.

»Keine Ahnung … Ein paar freie Tage?«, fragte Pedro, er beobachtete, wie Miguel eine Grimasse schnitt.

»Leider nicht, aber ich habe ein neues Smartphone für dich, mit Internet!«, antwortete sie. »Dein altes Klappding, auf dem nicht mal das C funktioniert, kannst du ins Museum bringen.« Sie lachte.

»Okay, aber beim C steckt die Taste nur fest, weil ich sie so oft benutzt habe deinetwegen«, sagte Pedro, er lachte auch.

»Ich bringe es heute Nacht mit. Neue SIM-Karte, neue Nummer, neues Leben, dann brauchst du ab morgen nicht mehr zehn Minuten für eine SMS, sondern nur zehn Sekunden. Gibst du mir jetzt mal Miguel?«, fragte Carlota.

Pedro reichte Miguel sein Handy und hörte, wie sein Sohn etwas zum Winterausbruch in Deutschland fragte, dabei schnitt er wilde Grimassen, das fiel Pedro in letzter Zeit öfter auf, diese plötzlichen Grimassen im sonst so lieblichen Gesicht des Jungen. Mal zerrte er die eine Gesichtshälfte nach links, dann nach rechts, so als würde ein innerer Teufel die Nasenlöcher und die Mundwinkel abwechselnd zu der einen oder anderen Seite pressen.

Pedro schaute nach draußen, während er Carlotas Stimme aus dem Telefon hörte. Er starrte auf die weiße Kirche gegenüber. Die Erinnerung war so klar und genau, fast wie eine Szene aus einem Film, den er gern zurückgespult hätte. Es war der 11. September 2001.

*

Er sitzt in seinem postgelben Dienstpullover draußen auf einem Hocker der Bar Stop, als eine Frau auf der anderen Straßenseite erscheint, mit einem Paket. Ihr langes dunkles Haar fliegt im Wind. Sie ist groß, spitze Nase, hohe Schuhe, rotes Kleid. Er will eigentlich gerade ein Aspirin einnehmen, leichte Kopfschmerzen. Doch jetzt steht er auf, wie von Sinnen, der Hocker fällt um. Es ist Penélope Cruz! Penélope Cruz macht Ferien auf der Vulkaninsel und schickt Pakete nach Hause, nach Madrid, kombiniert er. Er hat gerade einen Film mit ihr gesehen (Ohne Nachricht von Gott), sie hat eine Kellnerin aus der Hölle gespielt, die auf die Erde entsandt wird, um die Seele eines Mannes zu holen. Pedro bückt sich nach dem Hocker und stößt sich den Kopf an dem schmalen, an der Hauswand befestigten Tresenbrett, auf dem sein Café con leche steht. Er stellt den Hocker wieder hin und setzt sich. Es ist nicht Penélope Cruz, die Nase ist anders, der Hintern größer, der Lippenstift etwas zu dick aufgetragen.

Die Frau schaut nach rechts, nach links, ob Autos kommen, und Pedro schaut mit: rechts, links, und als kein Auto mehr kommt, schaut er ihr direkt in die Augen, sie steuert mit dem Paket genau auf ihn zu, das Klackern ihrer Absätze wird immer lauter.

»Darf ich Sie um etwas bitten?«, sagt sie, außer Atem. »Ich muss dringend zur Arbeit, ich bin viel zu spät dran.«

»Ja, ja, alles, was Sie wollen«, sagt Pedro, er antwortet mit der Entspanntheit eines Mannes, der eine unerreichbare, garantiert vergebene, verheiratete, aber offenbar hilfsbedürftige Frau anlächelt. Vielleicht gibt ihm auch das Paket in ihren Händen Sicherheit, immerhin ist das sein Metier.

»Dieses Paket muss zur Post! … Da sind seine Scheißklamotten drin, ich will sie nicht länger bei mir haben«, sagt sie. Sie nimmt Pedros Kaffeetasse und legt dafür das große Paket auf das viel zu schmale Tresenbrett. »Was kriegen Sie dafür, was kostet so ein Eilpaket nach Sevilla?« Sie weiß nicht, wohin mit Pedros Tasse, und trinkt schließlich selbst daraus, so aufgebracht ist sie. Diese Frau bemächtigt sich in 30 Sekunden aller sie umgebenden Dinge und Wesen, die zur Verfügung stehen: Pedros Tisch, seiner Tasse, mittlerweile mit rubinrotem Lippenstift versehen, Pedro selbst. Auch Ernesto, der gerade herausläuft, um ihm mitzuteilen, dass in Amerika Flugzeuge in riesige Türme geflogen sind und die Menschen aus den Fenstern springen, bleibt in der Tür stehen und starrt sie an.

»Gar nichts kostet das«, sagt Pedro. »Sie sprechen zufällig mit der Königlichen Post.« Dabei nimmt er das Paket in die Hände, um das Gewicht abzuschätzen.

»Ich dachte mir das schon, dieser schöne Pullover, Sie sehen auch wirklich wie ein königlicher Postbote aus«, sagt sie und lächelt.

Pedro bekommt Herzklopfen.

»Oh Gott, den habe ich vergessen!«, sagt sie, stellt die Tasse wieder ab und zieht einen Ring von der linken Hand. Sie wirft ihn auf den Tisch. »Machen Sie irgendwo ein Loch in den Karton und werfen Sie den Ring noch rein! Danach für immer zukleben und am besten sofort weg damit nach Sevilla!«

Pedro spürt, dass er rot wird, während sich der Ring immer noch klirrend auf dem Holzbrett dreht. Das klingt nach Trennung, kombiniert er, der Ring, von der linken Hand abgezogen, bedeutet eindeutig das Ende der Verlobung, fasst er die Sachlage innerlich zusammen. Sie ist Single! »Per Express am besten«, sagt Pedro.

»Sie schickt der Himmel«, sagt sie.

Pedro weiß nicht, was er antworten soll. Er entscheidet aus lauter Verlegenheit, zur Tasse zu greifen und einen Schluck Café con leche zu trinken, er berührt die Tasse schon mit den Lippen, als ihm auffällt, dass sie leer ist.

»Ich heiße Carlota, und Sie? Sie wohnen hier auf der Insel, nicht wahr?«, fragt sie.

Pedro stellt die Tasse ab und antwortet: »Ja, ja, genau … Yaiza … Post.« Er kann keinen geraden Satz mehr sprechen, geschweige denn sagen, wie er heißt. Außerdem stellt er sich schon vor, wie er mit einem Rasiermesser ein Loch in den Karton schneidet, um den Ring für immer verschwinden zu lassen.

»Aha, Yaiza, gut«, sagt Carlota und lächelt. Ein paar Haarsträhnen fallen ihr ins Gesicht.

»Das Paket geht an die Stierkampfarena in Sevilla?«, fragt Pedro erstaunt, er weiß nicht, wie er ihr Lächeln mit Stierkampf in Sevilla zusammenbekommt, und schaut wieder irritiert auf die Versandadresse: Pablo Moreno Rodríguez, Plaza de Toros de Sevilla, sonst steht da nichts.

»Das kommt bestimmt an«, erklärt Carlota, sie ist schon im Aufbruch. »Ich muss noch in die Apotheke. Für meinen Job braucht man viel Aspirin. Adios.« Sie befeuchtet den Saum ihres Ärmels und wischt ihm damit über die Lippen, sie tut das ganz gewissenhaft. »Das ist mir wirklich noch nie passiert«, sagt sie, »der Lippenstift ist von meinem Mund über die Tasse auf Ihren Mund geraten, so eine schöne Wanderung.« Sie scheint kurz zu überlegen, den rubinroten Lippenstift auch von der Tasse abzuwischen, dann drückt sie sie Pedro in die Hand. »Würden Sie die einfach als Souvenir in Ihre Königliche Post mitnehmen wollen?«

Pedro nickt. Sein Herz rast, springt. Er greift in seine Hosentasche und reicht ihr sein Aspirin.

Dieses Lächeln, sie lächelt hinreißend, denkt Pedro. »Wenn Sie noch irgendwelche Fragen haben, also was das Paket betrifft, meine ich, gebe ich Ihnen vielleicht besser, für alle Fälle, falls Ihnen diesbezüglich noch etwas einfällt oder eine Expressbestätigung erwünscht ist, vielleicht eine, meine Nummer? …«, fragt Pedro, außer Atem von der Konstruktion seines Satzes.

»Klar«, sagt Carlota und hält schon ihr Handy in der Hand.

Mit jeder Ziffer seiner Mobilfunknummer, die Pedro dieser Frau diktiert, sieht er sich einem Leben mit ihr näherkommen.

»DER PAKETMANN«, sagt Carlota. »Notiert, danke …« Dann läuft sie nach rechts, um kurz darauf in ein Auto zu steigen und mit quietschenden Reifen viel zu schnell loszufahren – während Pedro auf dem Paket die Adresse der Absenderin betrachtet, die er sofort auswendig kann: Carlota Medina Lopéz, Plaza General Franco, 35530 Teguise. Was für eine entschlossene, klare Handschrift, denkt er noch. Fast kämpferisch, an manchen Stellen ist der Stift sogar in die Beschichtung des Pakets eingedrungen.

3 Die lebendigen Briefe des 68er-Postboten

Nach dem Mittagessen in der Bar Stop fuhren Pedro und Miguel nach Hause. Pedro musste noch die Post sortieren, Miguel Hausaufgaben machen, er sollte das berühmte Tagebuch über die historischen Vulkanausbrüche von 1730 bis 1736 abschreiben. Die Aufzeichnungen stammten von Don Andrés Lorenzo Curbelo, dem früheren Pfarrer von Yaiza, und lagen in einem extra für Lanzarotes Schulkinder angefertigten Lernheft vor Miguel auf dem Tisch. Die Überschrift hatte er schon. Als die Vulkane Feuer spien. Jetzt kam der erste Satz, er malte die Buchstaben ab, Schreibschrift, es dauerte Ewigkeiten:

Am 1. September 1730, zwischen neun und zehn Uhr abends, brach bei Timanfaya, zwei Wegstunden von Yaiza entfernt, mit einem Mal die Erde auf und die Lava strömte über die Dörfer hinweg.[1]

Ihm gegenüber sortierte Pedro Wurfsendungen für Waschmaschinen, Fritteusen und sonst was und erinnerte sich: wie er hier mit seinem Vater gesessen, Hausaufgaben gemacht und mitgeholfen hatte, die zahlreichen Postkunden zu bedienen und den Wartenden einen Café solo nach draußen zu bringen, den sein Vater in seiner Espressomaschine zubereitet hatte.

Pedro war in der Post aufgewachsen. Sein Großvater war im Frühjahr 1945 aus dem spanischen Protektorat in Marokko mit einigem Geld zurückgekommen, hatte das große Haus am Rande der Lavafelder gekauft und sich auf die erste Stelle bei der neuen Post in Yaiza beworben, die bald darauf hier eröffnet worden war. Das alte Haus war von einer Natursteinmauer aus mokkabraunen Steinen umschlossen und hatte sieben Zimmer, wenn man die Küche mitzählte. Das weiß gekalkte Gemäuer mit den grün gestrichenen Türen und Fensterläden hielt dem Wind aus Nordost und den Sandstürmen aus der Sahara stand. Der ganze Garten war mit Picón bedeckt, und Pedro hatte sich immer vorgestellt, das Haus wäre umgeben von Picónfrauen. Es kitzelte, wenn man barfuß darüberlief, es knirschte auch, und manchmal brannte und blutete der Fuß.

Das Postamt bestand aus einem Zimmer nach Süden, zur Straße hin, mit separatem Eingang und einer kleinen Hintertür, durch die man in die Privaträume des Hauses gelangte. Die Hälfte des Büros wurde ausgefüllt von einem kostbaren Empfangstisch aus marokkanischem Thujaholz, der auch als Sortiertisch diente, ein Geschenk vom Sultan, dessen elektrische Anlagen der Großvater im Palast gewartet hatte. Pedros Vater hatte den Tisch als »Imperatorengeschenk« bezeichnet und ihn nach dem Tod des Großvaters sofort ins Gartenhaus verbannt. Irgendwann hatte Pedro ihn wieder hervorgeholt und ins Postamt gestellt, er war immerhin vom Sultan.

Auf der einen Seite des Tischs stand ein Bürostuhl der Marke Saragossa, der war neu; auf der anderen ein großer antiker spanischer Stuhl mit Lederbezug und Schnitzarbeiten, in dem Miguel fast verschwand. Hinter ihm, in einem Regal, stand immer noch die alte Espressomaschine. Pedro hatte oft überlegt, sie gründlich zu reinigen und wieder in Betrieb zu nehmen, aber er war nicht sicher, ob sie überhaupt noch funktionierte. Daneben lag der alte Zeitungsstapel, den sein Vater für einen ganz besonderen Kunden aufgehoben hatte. Obenauf eine Ausgabe von »La Repubblica« vom 10. Dezember 1980 mit einem Foto von John Lennon, der in New York von einem Mann erschossen worden war, das Papier war schon fast zerbröselt. Neben der Landkarte, auf der Pedro seine Zustellungsrouten eingezeichnet hatte, waren die alten Postfächer in die Wand eingelassen, 36, Unterputz, mit Zylinderschloss, sogar mit Silber beschlagen, die Nummern in Messingschilder eingraviert, das sah sehr schön aus.

»Weißt du, wem das Postfach Nummer 4 gehört?«, fragte Pedro. »Ich habe es dir schon mal gesagt.«

»Weiß ich nicht mehr«, antwortete Miguel und legte den Stift beiseite.

»Alfredo Kraus!«

»Den kenn ich nicht.« Er bohrte in der Nase.

»Nimm den Finger da raus und schreib weiter! … Alfredo Kraus war doch der weltberühmte Sänger. Der lebte hier auf der Insel und konnte als einziger Mann auf der Welt das hohe D singen!«, erklärte Pedro.

»So was kann ich mir nicht merken.« Miguel beugte sich wieder über das Lernheft mit den historischen Vulkanausbrüchen.

Pedro erinnerte sich an den Mann, der immer mittwochs in einem lässigen Freizeitanzug in die Post gekommen war. Er hatte sich auf den alten spanischen Stuhl mit den Schnitzarbeiten gesetzt und die aus Rom und Mailand gesendeten Wochenendausgaben von »La Repubblica« und »Corriere della Sera« durchgeblättert, in denen er manchmal sogar selbst abgebildet gewesen war. Ein Batzen Briefe, von Pedros Vater mit einer Spannschlaufe gebündelt, lag immer neben ihm. Dabei trank Alfredo Kraus einen »Barraquito«, Espresso mit Vanillelikör und Zimt, den der Vater in der alten Maschine zubereitet hatte. Der weltberühmte Tenor gestattete Pedros Vater auch, mit seinem Namen für die Postfächer zu werben, was ein sensationeller Erfolg war. Als Alfredo Kraus das Postfach gemietet hatte, wollte die halbe Insel ein Postfach haben. Besonders die älteren Engländerinnen, die waren verrückt nach Alfredo Kraus, Mrs Taylor zum Beispiel, sie mietete das Postfach Nr. 5 direkt neben ihm und zahlte das Doppelte. Alfredo Kraus war nun schon gestorben, aber sein Postfach gab es immer noch, die Erben hatten vergessen, es zu kündigen. Sogar die italienischen Zeitungen kamen noch, Pedro schmiss sie mittlerweile weg, nur die Ausgaben, die sein Vater für den Tenor aufgehoben hatte, lagen immer noch da. Der Schlüssel für das Postfach fehlte, er war verschwunden.

»Du kannst dich aber doch bestimmt noch an Mrs Taylor erinnern, die Engländerin aus Playa Blanca?«, fragte Pedro. »Die hat dir mal die englischen Flottenschiffe ihres Mannes gezeigt, der war General!«

»Ja, der war auf dem Zerstörer ›Sheffield‹ und ist untergegangen!«, antwortete Miguel.

»Richtig, so was merkst du dir also, dabei ist ein hohes D viel schöner … Und weißt du, was Mrs Taylor miterlebt hat? Alfredo Kraus zusammen mit Maria Callas auf einer Bühne in Lissabon!« Pedro sah ihn feierlich an. »Maria Callas kannst du ruhig mit Messi vergleichen, die nannte man ›Die Göttliche‹.«

»Dann mag ich die. Muss ich noch weiter die historischen Vulkanausbrüche aufschreiben?«, fragte Miguel.

»Ja, bis ›die Lava strömte über die Dörfer hinweg‹, hat die Lehrerin doch gesagt«, antwortete Pedro. Er entdeckte eine Reklame für einen neuartigen wassergekühlten Aschesauger, der angeblich auch dem feinen Wüstenstaub den Kampf ansagte. Er riss die Anzeige aus der Broschüre und schob sie unter die Statue der Jungfrau von Los Dolores auf dem Tisch.

»Miguel, stell dir mal vor!«, sagte Pedro. »Die historische Lava aus den Vulkanen ist am 1. September 1730 sogar auf unser Haus zugeflossen! Kurz davor aber teilte sich der Fluss plötzlich in zwei glühende Lavaströme! Der eine floss rechts, der andere links am Haus vorbei!«

»Warum?«, fragte Miguel.

»Man sagt, diese Jungfrau von Los Dolores habe den Strom geteilt, die Menschen hielten die Statue der Lava entgegen und rammten ein Holzkreuz in die Erde, das war ein richtiges Wunder«, antwortete Pedro. »Ich weiß das von unserem Pfarrer. Rate mal, wer sein Ur-Ur-Ur-Urgroßvater war? Ta-ta-ta-taaaa! Don Andrés Lorenzo Curbelo! Der Mann, der Als die Vulkane Feuer spien geschrieben hat! Verrückt, was?«

»Mir tut die Hand weh vom Schreiben«, sagte Miguel.

»Allen tut heute die Hand weh vom Schreiben, weil wir keine Übung mehr darin haben«, antwortete Pedro.

»Wo ist mein blauer Ball?«, fragte Miguel.

»In deinem Zimmer«, antwortete Pedro.

»Nein!«, sagte Miguel.

»Dann ist er irgendwo draußen, es wird aber erst zu Ende abgeschrieben, bis ›die Lava strömte über die Dörfer hinweg‹«, bestimmte Pedro.

»Warum kann ich das nicht in Mamas Tablet machen?« Er schaute Pedro mit großen Augen fragend an.

»Wie bitte? Das verstehe ich nicht. In Mamas Tablet machen?«

»Anklicken«, erklärte Miguel, »die Buchstaben anklicken … Touchscreen! Ich kriege vielleicht Mamas altes iPad, da gibt’s Smileys mit Volldrachen!«

»Nein!«, brach es plötzlich aus Pedro heraus, »sag nie wieder TOUCHSCREEN! Was fällt dir ein!« Er schlug mit der Hand so heftig auf den Sortiertisch, dass die Heilige Jungfrau von Los Dolores herunterfiel und Miguel zusammenzuckte. Die Vorstellung, sein Sohn würde die Hausaufgaben über die historischen Naturereignisse in Carlotas Geräte mit Touchscreen schreiben, während er gegenüber am leeren Sortiertisch das digitale Zeitalter ausbaden und sich an die Postwurfsendungen klammern musste – diese Vorstellung machte ihn wütend.

»Miguel«, sagte Pedro, er versuchte, versöhnlich zu klingen: »Wenn wir etwas mit der Hand schreiben, dann kommt das wirklich von uns, dann sind wir sogar in den Buchstaben drin. Aber nicht, wenn wir die nur anklicken, dann sind wir eher tot.« Vielleicht war das jetzt auch zu hart und zu kompliziert ausgedrückt, dachte Pedro. Vielleicht war es auch nicht richtig, den Schulaufsatz seines Sohnes über die Vulkanausbrüche mit seinen beruflichen Sorgen zu vermischen, die mit dem Internet, neuartigen Smartphones, Tablets, iPads und diesem ganzen postfeindlichen Klickklickklick und Wischwischwisch gekommen waren.

Am liebsten hätte er gesagt: Pass mal auf, mein Junge, ab sofort wird hier alles verschwinden, was Touchscreens hat zum Anklicken oder Herumwischen! Seit Menschengedenken hat man alles mit der Hand geschrieben oder wenigstens mit der Schreibmaschine, und danach ist man zur Post gegangen, um es von einem Postboten persönlich zustellen zu lassen! Smileys, Doppelsmileys, Herzwinkhüpfmännchen, Volldrachen usw., das ist alles ab sofort verboten! Von deinem Urgroßvater liegen hier in irgendeiner Kiste immer noch Briefe aus Afrika herum, an deine Urgroßmutter, die müssen wir mal lesen, was da wohl alles drinsteht, mit einem Smiley oder Herzwinkhüpfmännchen hätte sich deine Urgroßmutter bestimmt nicht zufriedengegeben! Deine Mutter hat zwar ein neues Tablet, aber die Bilder, die sie von dir macht, lässt sie bei Royal Electronics in Playa Blanca entwickeln, sie fotografiert dich mit der alten Minolta-Kamera ihres Vaters, sie legt Fotoalben an, sie bewahrt dich zwischen Seidenpapieren auf! Und warum? Weil sie deine Einschulung und deinen sechsten Geburtstag für immer in ihrem Exhandy begraben hat, das Ding war von einem auf den anderen Tag kaputt, tot! Und alles Persönliche in diesem kleinen Gehäuse auch, nicht einmal Royal Electronics konnte deine Einschulung und deinen sechsten Geburtstag da wieder rausholen! Bald werden alle Leute in ihren Schubladen nach ihren alten Fotoapparaten suchen! Und nach Füllfederhaltern! … Tinte!

Pedro atmete tief durch und stellte die heruntergefallene Jungfrau wieder auf den Tisch. Dann tippte er auf Miguels Schreibheft. »Da! Schau mal … Ich liebe dein V bei ›Vulkane‹! … Oder das L bei ›Lava‹!«, sagte Pedro. »Guck doch, wie schön dein L geworden ist!«

Miguel sah ihn befremdet an.

»Lass uns doch einen Brief an Mira aus deiner Klasse schreiben, die magst du doch. Oder an Lionel Messi! Mit genauso schönen Ls und Ms! Und dann macht Messi den Brief auf und sagt: Ah, das ist also Miguel! Sehr schön. In diesem Brief ist eindeutig Miguel Medina Lopéz drin!«

»Warum sagt Messi das dann?«, fragte Miguel. »Ich würde Messi so gern einmal sehen, in Wirklichkeit.«

»Das kannst du auch«, sagte Pedro. »Also, er kann dich sehen.«

»Wieso sieht er mich?« Miguel richtete sich in dem großen Stuhl auf.

»Weil Briefe und Buchstaben lebendig sind«, antwortete Pedro.

»Bin ich dann in Wirklichkeit in dem Brief?«

»Ja!«

 

Solche Dinge hatte sich Pedro als Kind auch anhören müssen. Sein Vater hatte immer behauptet, dass Briefe von Frauen sich anders anfühlen würden, wenn man sie in der Hand hielt. Sie bewegten sich, sie schwangen nach, pulsierten, rebellierten, brannten, gerade hier auf der Insel, in den Dörfern, in den kanarischen Ehen. Pedros Vater hatte es ihm sogar vorgeführt, nur wusste Pedro nie, ob sich die Briefe wirklich bewegten oder ob er nachgeholfen hatte. Wenn sein Vater den Brief einer Frau zustellte, dann stellte er, wie er behauptete, ihre Seele zu, kleine Flammen, sogar Vulkane. Was in den Postkästen los war, ganze aufeinandergestapelte Vulkane brachen da aus!

Er hatte Pedro auch die verschiedenen Schriften auf den Umschlägen gezeigt, wie die Hand von jemandem schrieb, der mit sich im Reinen war, frei und großzügig, im Gegensatz zur unruhigen, rastlosen, ängstlichen Hand eines verzweifelten Menschen, da liefen die Buchstaben gegeneinander, verhakten und behinderten sich, sie wirkten wie Gefangene. Pedros Vater hatte auch Vorträge über die Farbe des Kuverts gehalten, das Format, gefüttert oder ungefüttert, Feuchtgummierung oder selbstklebend, der Zustand im Allgemeinen, die Flecken daran: Fett, Marmelade, Kaffee, Honig, Regen oder Tränen, manchmal Blut.

José Fernández Rivera war eher ein künstlerischer Postbote gewesen, den einige im Abschnitt 2 im Süden der Insel für eine Zumutung gehalten hatten, aber er hatte sich diesen Beruf auch nicht freiwillig ausgesucht. Geschichte an der Universität in Barcelona hatte er studieren wollen, Pedros Großvater hatte jedoch die Fortführung der Postgeschäfte angeordnet und »Geschichte in Barcelona studieren« für brotlos und anarchistisch erklärt. Er war ein strenger, ordnungsliebender und stets pünktlicher Postbote, der seinen Sohn täglich die Briefe sortieren und den Sultantisch aus marokkanischem Thujaholz polieren ließ. Auch die blaue Keramik aus der Königsstadt Fès, die der Großvater ebenfalls vom Sultan von Marokko überreicht bekommen hatte, musste Pedros Vater mit Polierpaste bearbeiten. Danach hatte er den Wüstenstaub wegzufegen, den die Calima aus der Sahara bis in die Dörfer der Insel getragen hatte. Überall war dieser Staub, auf den Terrassen, auf den Fensterläden, im Türspalt, er kam durch alle Ritzen. Pedros Vater hatte stundenlang fegen und wischen müssen, und wenn der Großvater doch noch die Wüste in seinem Haus entdeckte, gab es Prügel. Und dass sich Frauenbriefe in der Hand bewegten, dass sie pulsierten, nachschwangen, brannten und rebellierten, so einen Unfug hätte er nie geduldet.

Als der Großvater starb und sein Sohn die Geschäfte übernahm, kippte er die Post einfach auf einen Haufen im Wohnzimmer, der mit der Zeit immer größer wurde. Jeden Tag griff er in den Posthaufen und zog ein paar Umschläge heraus, um sie zuzustellen, gegebenenfalls auch vorzulesen.

Mit einem ordentlichen Zustellungssystem hatte das nichts zu tun. Pedros Mutter behauptete auch irgendwann, dass sein Vater nur die Frauenbriefe im Wohnzimmer sammeln würde. Sein Freund Antonio, der Fischer in El Golfo war, sagte jedes Mal, wenn er sah, wie Pedros Vater in den Haufen griff: »Du Anarchist! Wenn ich das mit den Fischen machen würde, dann wären wir alle schon tot!« Doch Pedros Vater änderte sein System nie. Er griff stets mit schwungvoller Geste in den Haufen und dann kam sein Lieblingssatz: »Oh, was für ein Mensch!«

»FRAU!«, rief Pedros Mutter immer wütender. »Hier sind ja nur FRAUENBRIEFE!«

Vielleicht war sein Vater so eine Art 68er-Postbote gewesen, er lebte mit den Briefen zusammen wie in einer Kommune.

Das Erste, was Pedros Mutter nach dem schrecklichen Tod ihres Mannes machte: Sie stopfte alle angeblich lebendigen, pulsierenden, nachschwingenden, brennenden oder rebellierenden Frauenbriefe in eine Kiste und sperrte sie in der hintersten Ecke des Hauses weg, wo sie wahrscheinlich heute noch lagen.

 

»Ich bin fertig«, sagte Miguel.

»Zeig mal«, sagte Pedro und griff nach Miguels Heft:

Am 11. September erneuerte sich der Ausbruch mit noch größerer Gewalt und die Lava begann zu strömen, anfangs so schnell wie Wasser, doch bald verminderte sich ihre Geschwindigkeit und sie floss zähflüssig wie Honig …[1]

»Sehr gut. Kannst du eins von deinen Wörtern auch selbst lesen?«, fragte Pedro.

»Ja. Lava«, antwortete Miguel.

»Wo steht denn Lava?«, fragte Pedro nach.

»Da!«, sagte Miguel und zeigte auf das Wort.

»Ja, fantastisch!«, rief Pedro. »Wenn du Lust hast, können wir gleich wieder in die Bar Stop fahren und zur Belohnung ein Eis essen. Aber malst du vorher noch ein Bild für Mrs Taylor? Das ist die mit dem Postfach Nummer 5, sie hat morgen Geburtstag«, sagte Pedro. »Du kannst malen, was du willst.«

Miguel lief zum Postfach Nummer 5. Er drehte den Schlüssel um und öffnete es.

»Es ist ganz leer«, sagte er.

4 Auf der Europaroute (Vaterherztod, Putsch und der Zauberer)

Diese verdammten Abschiede! Er hatte Miguel gerade zum Schultor gebracht, ihn von der Honda gehoben, nun stand er da in seiner Dienstuniform, sein Sohn in der Schuluniform und sie kamen nicht voneinander los. Was das immer für ein Ringen war.

»Herr Fernández García, fahren Sie! Es bringt nichts, wenn Sie hier jeden Morgen lange herumstehen, er schafft das. Kümmern Sie sich um die Post, wir kümmern uns um Ihren Sohn!«, sagte die pädagogische Fachkraft, die für die Übergabe der Kinder zuständig war.

Pedro zählte bis drei und fuhr los. Nach 100 Metern drehte er sich um und sah, wie Miguel dort immer noch stand, weinend, vermutlich fühlte er sich verloren, niemand hatte ihn an die Hand genommen. Pedro überlegte, wieder zurückzufahren, der Anblick brachte ihn fast um. Dann zählte er noch einmal bis drei und fuhr weiter.

In der Zustellbox der Honda lagen heute stapelweise Postwurfsendungen. Ein Mahnbrief für Señora Negra im Bergdorf Femés, eine Zeitschrift für den deutschen Forscher in La Degollada oberhalb von Yaiza. Und der Brief aus England für Mrs Taylor in Playa Blanca, die heute 75 Jahre alt wurde. Pedro hatte Miguels Bild für sie dabei, Mrs Taylor war immer eine der treuesten Kundinnen seines Vaters gewesen und hatte ihm sogar mal eine viktorianische Lupe geschenkt. Außerdem hatte sie, wie Alfredo Kraus, ihr Postfach bis heute nicht gekündigt.

Er fuhr am Friedhof vorbei, auf dem seine Eltern lagen. Seine Mutter war vor einigen Jahren gestorben, Herzstillstand. Auch seinem Vater war das Herz stehen geblieben, am 24. Februar 1981, einen Tag nachdem die Putschisten das spanische Parlament gestürmt hatten, Pedro war noch ein Kind gewesen.

*

»José!«, ruft Pedros Mutter. »Komm schnell, da passiert etwas!« Sie sitzt im Wohnzimmer und starrt auf den Bildschirm: Putschisten dringen mit Maschinenpistolen in das voll besetzte spanische Parlament ein. Alles rettet sich unter die Stühle. Nur der Ministerpräsident bleibt sitzen, leicht zurückgelehnt, bewegungslos. Pedros Vater holt das Gewehr des Großvaters aus dem Schlafzimmer. Er trägt seine graublaue Dienstuniform und setzt sich mit dem Gewehr vor den Fernseher, in dem das Land in Gefahr geraten ist. Es ist 12 Uhr 30, als der Putsch von Televisión Española übertragen wird. Oberstleutnant Tejero gibt den Guardia-Civil-Beamten ein Zeichen und sie beginnen zu schießen. Pedro ist zwölf und er wird diese Bilder nie vergessen: Die Hände des Vaters umklammern das Gewehr, der Blick ist starr und kämpferisch. Pedro sieht im Fernsehen, wie Kalkstücke von der Decke des Parlaments herunterfallen und der Präsident sich langsam zurücklehnt, umgeben von lauter leeren Stühlen. Der Kopf seines Vaters fällt plötzlich auf den Wohnzimmertisch, das Gewehr zu Boden. Dann hört er den Schrei seiner Mutter.

Später erfährt Pedros Mutter, dass der Putsch schon am Abend des 23. Februar stattgefunden hat. Doch Televisión Española wollte erst einmal abwarten, wie die Sache ausgeht, und strahlte die Bilder dann am 24. Februar zur Mittagszeit aus, in voller Länge, 34 Minuten, als würde der Putsch gerade stattfinden. Die Aufregung von Pedros Vater war also eine zeitversetzte. Sein Herz blieb zeitversetzt stehen. Wenn ihm jemand gesagt hätte, dass der Putsch schon am Vorabend abgewendet worden war, wäre sein Herz bestimmt nicht stehen geblieben.

Im Dorf selbst will niemand etwas vom Putsch gewusst haben, obwohl er am 23. Februar im Radio gemeldet worden ist. Die Dorfbewohner sind wie die Leute von Televisión Española, sie haben vermutlich insgeheim gehofft, dass der Putsch gelingen würde.

*

Seit diesem Tag, dem Todestag seines Vaters, hasste Pedro alle Menschen der Insel, die sich General Franco insgeheim zurückwünschten. Wenn sie alle gegen Franco und den Franquismus gewesen wären, dann wären sie noch am Abend des 23. Februar auf die Straße gegangen. Hätten gesungen. Die Demokratie gefeiert. Auf jeden Fall hätte es Pedros Familie mitbekommen, und sein Vater hätte nicht einen verfluchten Tag später zur Mittagszeit geglaubt, er würde einer Liveübertragung des Putsches beiwohnen! Televisión Española war schuld am Tod seines Vaters! Und die Dorfmenschen waren auch schuld! Die, die in ihren Häusern ausharrten und sich nichts anmerken ließen, als sie schon wussten, dass der Putsch in Madrid gescheitert war, weil der König irgendwann eingegriffen und die Demokratie gerettet hatte!

*

Kurz vor dem Putsch fährt Pedro auf dem Postmotorrad des Vaters mit. Er darf vorne sitzen, im Trikot von Quini. In der Zustellbox liegt ein Brief von ihm an den Fußballer, sein erster selbst geschriebener Brief. Die Wände in Pedros Kinderzimmer (das später einmal Miguels Zimmer wird) sind vollständig bedeckt von Quini-Postern. Quini, »der Zauberer« genannt, hat gerade mit el Barça 6:0 gegen Osasuna gewonnen und ist kurz davor, spanischer Torschützenkönig zu werden. In dem Brief steht, dass Pedro jedes seiner Spiele schaue, aber leider nicht bis zum Schluss, weil sie Strom sparen müssten. Und dass er den Brief selbst stempeln und zur Flughafenpost bringen würde, dann gehe es schneller. »AN QUINI, DEN ZAUBERER!«, steht in großen Buchstaben auf dem Umschlag, dazu noch: »EL BARÇA IN BARCELONA / CATALUÑA«, mehr brauche es nicht, sagt ihm sein Vater, das würde auch der dümmste Postbote finden. Als sie zum Flughafen kommen, ist die Post schon weggeflogen und der Schalter geschlossen. »Ich gebe den Brief morgen hier ab, wenn du in der Schule bist«, verspricht Pedros Vater. Drei Wochen später schießen die Putschisten, der Vater stirbt. Und eine weitere Woche darauf wird Quini nach dem Spiel gegen Hércules Alicante im Stadion Camp Nou entführt, das Land ist wieder in Aufruhr. Jeder spricht davon, in der Schule, auf der Straße, in den Geschäften, sogar auf dem Friedhof, wo Pedro mit seiner Mutter täglich am Grab sitzt. Vom Putsch spricht im Dorf keiner mehr. Einen Antwortbrief von Quini bekommt er nie, auch nicht, als der Zauberer irgendwann aus einem Keller in Saragossa befreit wird.

*

Pedro gab richtig Gas, um die Steigung der Straße nach La Degollada mit Schwung zu nehmen. Früher hatte er beim Friedhof jedes Mal angehalten und das Grab seiner Eltern besucht, danach war es ihm unmöglich erschienen, die Steigung nach La Degollada hinaufzukommen. Schließlich hatte er entschieden, auf Höhe des Friedhofes immer zu beschleunigen, er musste die Vergangenheit hinter sich lassen, das Leben ging weiter, er hatte jetzt selbst einen Sohn.

Oben, im letzten Haus der Straße, wohnte Claus Stamm aus der deutschen Stadt Oldenburg. Stamm kam zweimal im Jahr auf die Insel, um ungestört zu forschen. Umgeben von wilden, zerzausten Katzen, die auf dem Grundstück und in einer kleinen Baracke mit Werkzeug, alten Farbeimern und Gerümpel heimisch geworden waren.

»Ja, ja …«, sagte er knapp, als Pedro geklopft hatte. Eine Klingel gab es nicht und in den Briefkasten passten die dicken Zeitschriften aus Deutschland nicht hinein. Einmal hatte Pedro eine Zeitschrift vor die Tür gelegt, aber dann war sie von den wilden Katzen zerfetzt worden. Stamm hatte Pedro später verärgert vorgehalten, dass er eine Studie zum »Staatsprojekt Europa« mühselig hatte zusammenpuzzeln müssen.

»Guten Tag, Herr Stamm«, sagte Pedro. »In Deutschland ist ja schon Winter! In Frankfurt Eis und Schnee, in Oldenburg auch?«

»Ja, ja, legen Sie’s einfach auf den Zeitschriftentisch«, antwortete Stamm, sonst nichts.

Mit Herrn Stamm konnte man nicht mal über das Wetter reden. Er trug wie immer ein braunes Jackett und starrte auf seinen Computer. Neben ihm, auf einem Sessel, lag seine Katze, die er aus Deutschland mitgebracht hatte. Sie war schneeweiß, wesentlich gepflegter als die wilden Katzen draußen und lag da wie die Königin im Schloss und behielt die Tür im Auge, als wachte sie darüber, dass dieses wilde, Zeitschriften zerfetzende Volk blieb, wo es war.

Pedro hatte die Fachzeitschriften auf den Tisch gelegt und sah durch das Fenster, vor dem der Computer stand. Er fühlte sich der herrlichen Aussicht gegenüber irgendwie verpflichtet, weil sie ja offenbar sonst niemand würdigte, also sah er jedes Mal durchs Fenster über die Vulkanlandschaft. Danach warf er noch einen neugierigen Blick auf Stamms Bildschirm, auf dem immer drei Kreise zu erkennen waren. Diesmal sahen sie so aus:

Immerhin war Europa wieder etwas größer geworden, dachte Pedro. Beim letzten Mal war Europa kaum noch zu sehen gewesen und hatte nur noch mit einem Zipfel hinter den beiden anderen Kreisen hervorgeguckt. Auf Pedro übte dieses Ineinanderschieben von Kreisen eine seltsame Faszination aus, Herr Gopar, sein alter Lehrer, hatte früher Kontinentalplatten auf ähnliche Weise an die Tafel gemalt: antarktische, eurasische oder afrikanische Kreise. Der afrikanische Kreis schob sich unter den eurasischen, irgendwas zerbrach, ein riesiger Sockel erhob sich, Vulkane brachen unter der Wasseroberfläche aus, extrem heiße Lava floss und türmte sich auf – und dann lag Lanzarote plötzlich da, ganz schwarz.

»Auf Wiedersehen, Herr Stamm, bis zum nächsten Mal. Einen guten Arbeitstag noch«, sagte Pedro.

»Hmm, ja, ja«, antwortete er.

 

Pedro hielt auf dem Weg nach Femés noch in Yaiza an der Bar Stop und bestellte bei Ernesto einen Café con leche, der hier viel einfacher und ohne Schaum serviert wurde und so irgendwie ehrlicher und bescheidener aussah als der von Alberto in der Hafenbar in Órzola. SMS von der Postzentrale:

Die größten Verluste der Sendungsmengen im EU-Briefverkehr 2007: Bulgarien –33,5 %, Dänemark –30,2 %, Deutschland –38,6 %, Italien –37,5 %, Frankreich –40,4 % …

Spanien wurde gar nicht erst erwähnt. Nur in Lettland gab es Gewinne zu verzeichnen: +13,1 %. Was wollte die Postzentrale ihm damit sagen? Dass in Spanien noch alles in Ordnung sei? Dass er Postbote in Lettland werden solle?

 

Pedro schickte eine SMS an Carlota:

Mit Miguel alles so weit okay.

Carlota antwortete:

Hat er geweint?

Wir beide.

Ich habe in der Schule angerufen. Die Direktorin hat aus dem Fenster gesehen und da hat Miguel allein auf dem Pausenhof geschaukelt.

Ok. Kuss.

Auf dem neuen Handy sind deine Küsse bunt.

Señora Negra aus Femés trug immer ein langes schwarzes Gewand, schwarze Strümpfe und ein schwarzes Kopftuch und hieß mit richtigem Namen Maria Lopéz Castillo. Manche hielten sie für eine Hexe, die nachts zur Dorfkirche lief, um dort auf ihren Mann zu warten, der nie aus dem Bürgerkrieg zurückgekehrt war.

Im Dorf erzählte man sich bis heute die Geschichte, wie Señora Negra und Pedros Großmutter einmal auf der Straße aneinandergeraten waren. Pedros Großmutter mit einem Tonkrug auf dem Kopf, Maria in einem ungewöhnlich kurzen Kleid, dazu offene, im Wind fliegende Haare, rotbraun wie die Farbe des Vulkans, neben dem sie lebte. Und dann schlug Pedros Großmutter ihr den Tonkrug ins Gesicht, das so schön war, dass kein Mann einfach so an Maria vorbeigehen konnte. Von rauer Schönheit, berichtete man im Dorf, von glühenden Augen und schmalem, hohem Wuchs, von einer Ausstrahlung, die wie die Insellandschaft gewesen war, aus der Señora Negra stammte. Ausgerechnet bei dieser Maria Lopéz Castillo hatte Pedros Großvater damit begonnen, Briefe nicht nur zuzustellen, sondern auch vorzulesen, er hatte das plötzlich für eine der wichtigsten Aufgaben der Postboten gehalten: Bei Kunden, die nicht lesen konnten, sollten Briefe an Ort und Stelle vorgelesen und die Antwortbriefe nach Diktat gleich mitgenommen werden. (Postgebühren nicht zu vergessen!) Offenbar hatte der Großvater aus der Sache mit Maria gleich eine Regel gemacht, eine neue Ordnung, wie es ihm entsprochen hatte.

Señora Negra hatte das Geräusch von Pedros Honda bereits gehört und stand schon da, die Kleider schwarz wie die Nacht, Augen wie Lavasteine, die Hand ausgestreckt.

Pedro überreichte ihr vorsichtig den Mahnbrief, es war schon der dritte vom Stromamt, diesmal musste der Empfang bestätigt werden.

»Es tut mir leid … Schon wieder das Stromamt …«, begann er. Einen kurzen Moment überlegte er, ob Señora Negra mehr Strom verbrauchte, weil alles an ihr so schwarz war und sie deshalb sehr viel Licht benötigte. Sogar die Hand war von der Sonne so versengt, dass sie ganz schwarz geworden war.

 

In Playa Blanca, im Süden, in der Nähe des Hafens, wohnte Mrs Taylor, die Frau mit dem Postfach Nr. 5.

»Happy Birthday! I have a letter … It’s a real letter!«, sagte Pedro und überreichte ihr den Brief.

»Thank you, thank you!«, sagte Mrs Taylor und dirigierte Pedro von der Tür ins Haus, das voller Antiquitäten, Porzellan und Skulpturen war. Überall im Haus lagen Lesebrillen, Schallplatten, Kataloge aus dem Pariser Louvre, dem Centre Pompidou oder dem Victoria and Albert Museum. Bücher über Churchill, über den Zweiten Weltkrieg und über die Patrouillenschiffe im Südatlantik. In den Regalen standen Hunderte von Bleisoldaten sorgfältig aufgereiht. Auf einem Tisch entdeckte Pedro ein Schwarz-Weiß-Foto, das eine Frau mit Rollkragenpullover, enger Schlaghose und einer langen Kette um den Hals zeigte. Das musste Mrs Taylor gewesen sein, dachte Pedro, sie sah aus wie diese Emma-Peel-Darstellerin von früher. An der Wand hingen riesige Ölgemälde von Schiffen in der Brandung, sie waren alle vor einem halben Jahrhundert aus Südengland hergebracht worden, so lange lebte Mrs Taylor schon auf der Insel. Ihr Mann, Admiral bei der Royal Navy, war schon gestorben, er hatte in seinen letzten Lebensjahren meist im Wohnzimmer gesessen und mit den Bleisoldaten den Falklandkrieg nachgespielt, an dem er noch teilgenommen hatte.

»How are you, Pedro?« Sie sah elegant aus, mit ihrem Hosenanzug, dem silbernen Haar und ihren ungefähr sieben Ketten.

»I am fine, Ma’am.«

»It was terribly windy yesterday, but today it’s much better, isn’t it, Pedro?«

»Yes, it is, Ma’am. But wind is always.«

»Your father was a good friend of Alfredo Kraus, wasn’t he?«

»Yes, he was, Ma’am.« Meist gerieten die Postzustellungen bei Mrs Taylor zu Lektionen in englischer Konversation, deshalb nannte er die Route zu Mrs Taylor auch die »Small-Talk-Route«.

»I’ll never forget the high D in the office of your father!« Einmal hatte es Mrs Taylor wirklich geschafft, Alfredo Kraus zu überreden, im Postamt zu singen, im ganzen Dorf war der Gesang zu hören gewesen. Erst neben Maria Callas in Lissabon und dann bei Pedros Vater im Postamt in Yaiza!

»Your father was a very elegant man in his uniform!«, sagte Mrs Taylor als Nächstes.

»Yes, he was … He was tall, I am short.«

»Do you know that you look more like your mother than your father, Pedro?«

»Maybe …«

»Remember that: The American president Abraham Lincoln started his career as a postman!«

Pedro wollte die Dialogführung von Mrs Taylor endlich unterbrechen und reichte ihr Miguels Bild: ein offenes, leeres Postfach, in das ein blauer Ball hineinflog. Davor steht ein kleiner Fußballspieler mit langen Haaren. »This is from my son!«, sagte er.

»Interesting«, sagte Mrs Taylor. »What does the picture represent?«

»Messi shoots a goal in your P.O.-Box Number five«, antwortete Pedro.

»Wonderful!«, sagte sie.

»Messi is a football player from FC Barcelona and a hero for Miguel«, fügte er hinzu.

»This is like Miró and Salvador Dalí in one! Give him a kiss from me!« Sie lehnte das Bild an einen antiken Kerzenständer.

Pedro betrachtete es nachdenklich. Hatte sein Sohn gespürt, wie traurig er auf die leeren Postfächer gesehen hatte? Wusste er, dass es mit den Briefen langsam zu Ende ging? Und hatte er deshalb seinen geliebten blauen Ball gemalt, ins Postfach geschossen von Messi?

»Do you know the italian movie Il postino, in English: The Postman?«, fragte Mrs Taylor.

»No, sorry«, antwortete Pedro.

»Sit down and have your tea. This is my gift for you.«

Pedro musste sich auf ihr samtbezogenes Sofa setzen, umgeben von Seidenkissen. Dann reichte sie ihm eine dünnwandige Teetasse, sie hatte einen so schmalen Henkel, dass er drei Finger abspreizen musste, um sie halten zu können. Er schaute auf einen riesigen Fernseher. Die englische Version von The Postman