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Am frühen Montagmorgen erschüttert eine gewaltige Explosion einen Vorort von Metzingen. Ein Bankautomat wurde in die Luft gesprengt. Die Polizeibeamten entdecken in unmittelbarer Nähe des Tatorts die Leiche eines jungen Mannes, außerdem ein Motorrad, dessen Kennzeichen abmontiert wurde. Das Team um Kriminalhauptkommissar Gerhard Meininger findet heraus, dass das Fahrzeug auf einen Schüler aus Eningen zugelassen ist. Als die Beamten ihn vernehmen wollen, liegt der Verdächtige mit einer schweren Erkrankung zu Hause im Bett. Ist der getötete junge Mann nun Opfer oder Täter? Bei den weiteren Nachforschungen wird durch Zufall ein Drogenhändlerring aufgedeckt, der die Ermittler vor große Rätsel stellt.
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Seitenzahl: 356
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Werner Kehrer
ist 1955 in Reutlingen geboren, und befindet sich mittlerweile im Ruhestand und war zuvor Ausbilder für Elektroniker. Er ist nach wie vor als Prüfer bei der IHK aktiv und engagiert sich bei verschiedenen sozialen Projekten. Seit 2007 schreibt er Krimis mit dem Kriminalhauptkommissar Meininger als Ermittler.
Werner Kehrer
Schwabenkrimi
Oertel+Spörer
Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen.Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© Oertel + Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2025Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehalten.Titelfoto: © ChatGPTGestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenLektorat: Bernd WeilerKorrektorat: Sabine TochtermannSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-96555-218-0
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Mit einem lauten Knall und viel weißem Rauch explodierte die Mischung, die Bernd Zimmermann zusammengemischt und dann gezündet hatte. Er musste seine Experimente in Abwesenheit seiner Eltern und im Keller durchführen, sonst bekam er mächtig Ärger. Zudem musste er anschließend den Raum stark lüften, damit sich der Rauch verzog und sich nicht im Haus verteilte. Zu diesem Zweck hatte er sich einen starken Ventilator angeschafft. Sein Mitschüler und Vetter Phillipp Heymann war begeistert.
»Geiler Scheiß Mann! Mit dem Zeug machen wir fette Beute!«, jubilierte Heymann.
Heymann konnte Zimmermann nach langem Zutun überreden, bei einer großen Sache mitzumachen. Beide waren Schüler an einem Gymnasium in Pfullingen. Bernd Zimmermann war Mitglied in der Chemie AG und war begeistert von den Möglichkeiten, die sich ihm dabei boten. Er hatte sich aus diesem Grund zu Hause ein kleines Labor eingerichtet. Auch sonst war er ein guter Schüler, was seine Eltern sehr stolz machte. Sein Vater, Richard Zimmermann, bezog eine Erwerbsunfähigkeitsrente, weil er sich bei einem Arbeitsunfall auf dem Bau schwer verletzt hatte. Er war Maurer gewesen. Die Familie besaß ein Reihenhaus in der Eninger Wengenstraße. Zimmermann hatte das Haus fast im Alleingang aufgebaut, als er noch berufstätig war. Er stammte aus Rumänien und war in den achtziger Jahren nach Deutschland gekommen. In Eningen hatte er seine Frau Amalie beim Fasching kennengelernt. Sie stammte aus einer Bauernfamilie, die im Nachbarort Neuhausen wohnte. Amalie Zimmermann hatte ihre drei Kinder zu Bescheidenheit und Sparsamkeit erzogen. Allen unnötigen Luxus mussten sie sich durch Arbeit verdienen. So trug Bernd Werbeprospekte und das Gemeindeblatt aus, um sich damit den Führerschein und sein Motorrad zu finanzieren. Das alleine reichte aber nicht, um noch andere Dinge finanzieren zu können. Bernd hatte vor, dass er so bald als möglich aus der Enge und der Bescheidenheit seines Elternhauses ausziehen wollte. Dazu brauchte er aber Geld, viel Geld. Er wollte zwar weiterhin bescheiden leben, das fiel ihm aber schwer, denn am Gymnasium galt er als Außenseiter, weil er für angesagte Trends, die unter den Jugendlichen Mode waren, kein Geld hatte. Seine Mitschüler hatten in der Mehrzahl wohlhabende Eltern, die es bei ihren Kindern an nichts mangeln ließen. Die Mädchen in der Klasse beachteten ihn kaum, außer sie brauchten Hilfe bei einem Problem im Unterricht. Speziell im Fach Chemie war er gefragt, da genoss er seine Popularität. Heymann war der Einzige, der sich mit ihm auch in der Freizeit traf. Aber auch der benutzte Bernd Zimmermann nur für seine kriminellen Zwecke. Phillipp Heymann konsumierte Drogen, was er zu Hause nicht machen konnte. Also fuhr er mit seinem Motorrad zu Zimmermann und danach weiter nach Neuhausen. Dort besaß der Opa von Bernd ein Grundstück mit einem Gartenhäuschen. Da der Opa gesundheitlich nicht mehr in der Lage war, das Grundstück zu bewirtschaften, übernahm Bernd diese Arbeit. Dafür bekam er vom Opa Benzingeld und die Schlüssel für das Häuschen. Dorthin zog er sich dann zurück, wenn er seine Ruhe haben wollte. Heymann hatte davon erfahren und sah für sich dort den idealen Platz zum Konsumieren der Drogen. Bernd Zimmermann selber lehnte Drogen kategorisch ab. Er hatte sich im Häuschen seines Großvaters ein Labor eingerichtet, in dem er ungestört Experimente durchführen konnte, von denen nicht jeder Kenntnis haben musste. Die benötigte elektrische Energie bezog er von einer Solarzelle, die er auf dem Dach installiert hatte. Zu Hause machte er nur harmlose Experimente, die er manchmal seinen Eltern vorführte. Die Herstellung des Sprengstoffes war an diesem Tag eine Ausnahme, weil es draußen Bindfäden regnete und außerdem recht kalt war. Er hatte keine Lust, bei diesem Wetter nach Neuhausen zu fahren. Eine größere Menge des Sprengstoffes allerdings, wollte er nur im Häuschen seines Opas herstellen. Zu groß war das Risiko, dass etwas schief gehen könnte. Um ans große Geld zu kommen hatte Heymann den Plan entwickelt, verschiedene Geldautomaten, nach Vorbild der Banden aus den Niederlanden, in der Umgebung zu sprengen. In den Medien hatte er mitbekommen, dass dies in anderen Städten schon erfolgreich gewesen war. Warum sollte es nicht auch hier in der Gegend funktionieren? Zu diesem Zweck war er zu verschiedenen Banken gefahren, um sich mit der Umgebung vertraut zu machen. In Eningen wollten sie nicht aktiv werden, das war ihnen zu gefährlich. Bei der Suche nach geeigneten Standorten kam ihnen das Internet zu Hilfe. So fiel die Wahl auf Glems, Metzingen, Neuhausen und Dettingen. Also kundschafteten sie zunächst die nähere Umgebung der jeweiligen Automaten aus. Der erste Automat, den sie ausräumen wollten, fiel auf den einer Bank in Neuhausen. Dessen Standort hatte den Vorteil, dass es in unmittelbarer Nähe wenige Anwohner gab, die direkte Sicht auf den Raum hatten, in dem sich der Automat befand. Heymann hatte sich vom Internet ein Ballerspiel heruntergeladen, mit dem man einen Überfall auf eine Bank simulieren konnte. Der große Vorteil dieser Software war, dass man realistische Hintergründe und Landschaften einfügen konnte. Heymann kopierte ein 3-D-Satellitenbild von Metzingen und Umgebung in die Software ein. Dann platzierte er den Überfallort, den Standort der Polizei und den Unterschlupf, also die Gartenhütte von Zimmermanns Opa. Als Fluchtmittel wählte er zunächst das Motorrad. Dann kam ihm die Idee, dass man mit einem Schlauchboot die Erms, den Fluss durch Neuhausen, hinunter in Richtung Metzingen fahren könnte. So könnte man die Polizeikontrollen umgehen, die sicherlich unmittelbar nach dem Alarm im Einsatz waren. All diese Parameter gab Heymann in die Software ein. Dann begann er mit der ersten Simulation. Er spielte gegen den Computer. Schon nach wenigen Augenblicken war der Überfall gescheitert, weil sich zu dem Zeitpunkt zufällig eine Streife in der Nähe von Neuhausen befand. Also musste sich Heymann eine Strategie überlegen, wie er die Polizeikräfte vom Ortskern von Neuhausen fernhalten konnte. Einen Unfall konnte er nicht planen. Aber ein Feuer, das könnte die Lösung sein. Aber wo? Auf jeden Fall irgendwo im Norden oder Westen von Metzingen. Am besten im Industriegebiet. Dort fiel eine Brandstiftung nicht so schnell auf. Also begab er sich auf die Suche nach einem geeigneten Ziel. Dazu suchte er im Internet nach einem Satellitenbild von Metzingen. Zunächst favorisierte er das Industriegebiet im Längenfeld. Diese Überlegung barg aber das Risiko, dass er bei seiner Tatausübung von einer Überwachungskamera eines der dort ansässigen Unternehmen erfasst und aufgezeichnet werden konnte. Dann untersuchte er die Umgebung nach geeigneten Objekten. Und siehe da, direkt an der Bahnlinie fand er ein Grundstück, das von oben ziemlich verwildert aussah. Es lag ideal für seinen Zweck. Ein Brand in unmittelbarer Nähe zur Bahn stellte eine große Gefahr dar, weshalb sehr viele Einsatzkräfte gebunden sein würden. Heymann beschloss, sofort dorthin zu fahren, um sich in der Gegend umzusehen. Er setzte sich auf sein Motorrad und startete in Richtung Metzingen. Dort angekommen steuerte er die Bohlstraße an, die in einen Feldweg mündete, der direkt an der Bahnlinie entlangführte. Nach wenigen Metern kam das Grundstück in Sicht. Es sah aus, wie er es sich vorgestellt hatte. Überall lagen Gegenstände verstreut und zu seiner großen Freude, entdeckte er einen Holzstapel. Nachdem er alles mit dem Handy fotografiert hatte, fuhr er wieder zurück, aber nicht nach Eningen, sondern nach Neuhausen. Im Ortszentrum stellte er sein Motorrad vor einer Bäckereifiliale ab. Er kaufte sich etwas Süßes und setzte sich auf eine steinerne Bank unmittelbar gegenüber der Bankfiliale. Der Platz war ideal zum Beobachten vom Verkehr und den Anwohnern. Direkt gegenüber dem Eingang zur Bank befanden sich alte Häuser, die nicht bewohnt zu sein schienen. Das war in den ersten Augenblicken nach der Sprengung sehr wichtig, denn so gewann man Zeit, um den Geldautomaten auszuräumen. Nachdem er die Süßigkeit verzehrt hatte, stand er auf und ging über die Kreuzung. Er erkundete nun einen Platz, wo er sein Motorrad vor dem Überfall abstellen konnte. Er ging hinter dem Gebäude entlang und entdeckte die Einfahrt zur Tiefgarage. Neben der Einfahrt gab es eine Abstellfläche, die in einem Durchgang mündete, der zur Hauptstraße führte. Das war ideal, hier wollten sie die Motorräder, die als Fluchtfahrzeuge dienen sollten, abstellen. Dann ging er wieder zurück und fuhr nach Hause.
Vor dem Eingang zum Gelände der früheren Maschinenbaufirma Gustav Wagner hatte sich eine Warteschlange gebildet. Geduldig stellte sich Cindy Meier in die Reihe. An diesem Abend fand in der Location ein Benefizkonzert mehrerer Rockgruppen aus Reutlingen und der Umgebung statt. Cindy Meier stand auf diese Art von Musik. In Berlin, wo sie vorher wohnte, gab es in speziellen Stadtteilen viele solcher Veranstaltungen. Cindy Meier stand auf harten Rock, das brauchte sie als Ausgleich zu ihrem Job bei der Kriminalpolizei. Sie folgte den Leuten in das Gebäude. Über ein Treppenhaus, das mit Bildern der ehemaligen Firma Wagner geschmückt worden war, ging es nach oben. Über einen längeren Flur kam man direkt in einen großen Raum, in dem eine Bühne aufgebaut war. Im Augenblick spielte eine Band Coverversionen von diversen Hits aus der Vergangenheit. Cindy Meier sang lauthals mit. An einem Stand gab es belegte Brötchen und Getränke zu vernünftigen Preisen. Da sie nicht im Dienst und mit dem Bus gekommen war, genehmigte sie sich ein Bier. Sie lehnte sich an die Wand und hörte der Musik zu. Der größte Teil des Publikums war schon weit über dreißig. Einige trugen T-Shirts mit dem Namen der Band, der sie wohl angehörten. Jeder Auftritt dauerte etwa dreißig Minuten, denn es wollten noch sieben weitere Bands auftreten. Irgendwie hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Die aktuelle Band spielte Give me some water von Melissa Etheridge. Cindy kannte den Text auswendig, denn sie hatte in ihrer Berliner Zeit zuerst bei einer Punkband und dann bei einer Coverband mitgemacht. Ihr Opa, der aus Schlesien stammte, hatte ihr das Spielen der Mundharmonika und des Akkordeons beigebracht. Jetzt sang das Lied ein Mann und das hörte sich fürchterlich an. Ein neben ihr stehender Musiker, der ihr zugehört hatte, stupste sie an.
»Sing du«, sagte er und zeigte auf Cindy. Sofort unterbrach er seinen Vortrag und winkte Cindy heran.
»Hallo komm doch vor, du brauchst dich nicht zu genieren!«, sagte er und nahm Cindy an der Hand. Dann gab er ihr das Mikrofon.
»Hi, ich bin die Cindy«, sagte sie ein wenig schüchtern.
Durch die Beleuchtung der Bühne konnte sie das Publikum nicht erkennen. Wohl aber hörte sie den Beifall, zwar sehr zögerlich, aber immerhin. Die Band begann noch einmal von vorne. Schon nach den ersten Takten, als Cindy mit dem Gesang einsetzte, wurde der Beifall stärker. Und nach dem Lied wollte er nicht mehr enden.
»Danke schön, vielen Dank!«, bedankte sich Cindy und ging von der Bühne.
Sie bemerkte jetzt erst, dass sie total verschwitzt war. Da war es wieder. Das geile Gefühl eines Auftritts auf der Bühne und die berauschende Wirkung des Beifalls. Alle möglichen Leute signalisierten ihr, dass ihr Gesang den Geschmack der Anwesenden voll getroffen hatte. Wenig später war sie von den Mitgliedern der Band umringt. Der Sänger hatte sich verzogen, Cindy hatte ihn wohl ausgestochen.
»Hallo, ich bin der Andy, das ist der Thomas und das der Michi. Du hast sicher bemerkt, dass unser Sänger nicht besonders talentiert ist. Hättest du Lust, bei uns mitzumachen?«
»Ich weiß nicht, ich möchte eigentlich niemanden verdrängen. Außerdem gestaltet sich das für mich vom Beruf her schwierig«, zierte sich Cindy.
»Du verdrängst niemanden, denn der Bob kann einfach nicht singen, der ist sowieso nur bei uns, damit er in Ruhe kiffen kann. Und außerdem versorgt er die anderen Bands mit Drogen, was uns überhaupt nicht passt«, sagte Andy.
»Den haben wir nur singen lassen, weil wir es selbst auch nicht können. Es wäre schon klasse, wenn du zu uns kommen würdest. Wir haben hier im Gebäude einen Proberaum. Wir treffen uns jeden Montagabend von acht bis um zehn Uhr. Wir nehmen das Ganze nicht so ernst, wir haben halt Spaß am Musikmachen«, ergänzte Michi.
Die drei machten auf Cindy einen ganz sympathischen Eindruck.
»Okay, ich überlege es mir. Wie kann ich euch erreichen?«
»Der Thomas hat den Schlüssel zum Gebäude und zum Proberaum. Den kannst du auch anrufen«, sagte Michi.
Dieser Thomas war gerade weggegangen, um Bier zu holen. Als er wiederkam, reichte er Cindy eine Visitenkarte. Er war Elektriker von Beruf und über seine Firma für den ordnungsgemäßen Zustand der Elektroanlagen in dem Gebäudekomplex zuständig. Cindy versprach, am kommenden Montagabend vorbeizuschauen. Zuvor hatte sie sich noch nach dem Namen des Sängers erkundigt. Sie konnte ihren Beruf einfach nicht ausblenden. Der Mann hieß Robert Zimmermann und kam aus einer Teilgemeinde der Stadt Rottenburg. Er wurde Bob genannt, weil er denselben Namen trug wie Bob Dylan, der im normalen Leben ebenfalls Robert Zimmermann hieß. Spät in der Nacht machte sich Cindy mit einem mächtigen Brummen im Kopf und heißerer Stimme auf den Heimweg.
Auf den letzten Metern der Laufstrecke drohte Gerhard Meininger die Luft auszugehen. Er hatte es sich neuerdings angewöhnt, auf Zuspruch seiner Frau Traudel und seines Hausarztes, nach Dienstschluss eine Runde Joggen zu gehen. Zwar war das hilfreich, um den Kopf vom Tagesgeschehen freizubekommen, aber trotzdem hatte er große Mühen die Strecke von etwa fünf Kilometern ohne das Einlegen einer kurzen Pause zu bewältigen. Als er zu laufen anfing, musste er länger anhalten, vor allem an den Steigungen. Seit letzter Woche aber meisterte er die Strecke fasst ohne Unterbrechung. Dies hatte aber zur Folge, dass er am nächsten Tag mit einem Muskelkater zu kämpfen hatte. Um sein Fitnessprogramm nicht zu gefährden, verzichtete er weitgehend auf den Alkoholgenuss. Da er nicht immer zur selben Zeit Dienstschluss hatte, lief er nur zweimal die Woche. An Anfang war seine Frau Traudel noch mitgelaufen, aber sie musste nach kurzer Zeit passen, da sie zunehmend Probleme mit den Knien bekam. Durch die sportliche Aktivität hatte Meininger schon mehrere Kilo abgenommen. Durch den Verzicht auf Alkohol und auch spätes Naschen von Süßigkeiten oder Chips, hatte er einen wesentlich besseren Schlaf in der Nacht. Nachdem er zu Hause angekommen war, ging er sofort unter die Dusche. Es war doch ein wenig zu warm zum Laufen gewesen. Total erschöpft ließ er sich in einen Liegestuhl auf dem Balkon fallen. Traudel brachte ihm eine Flasche Mineralwasser, die er in einem Zug leerte. Als er sich einigermaßen erholt hatte, ging er ins Wohnzimmer, um die Nachrichten anzuschauen. Im Anschluss wurde eine Dokumentation gezeigt, die sich mit dem Einfluss rumänischer Drogenbanden auf den deutschen Drogenmarkt beschäftigte. Informanten aus der Szene berichteten den Behörden, dass die bisherigen Lieferanten mehr und mehr verdrängt wurden. In Reutlingen war dies noch nicht der Fall, so berichteten es jedenfalls die Kollegen der Drogenabteilung. Es wäre aber nach deren Einschätzung nur eine Frage der Zeit, bis auch hier eine Wandlung des Marktes stattfinden würde. Ob dies völlig gewaltfrei vonstattenging, gab den Beamten der zuständigen Abteilungen Anlass zur Sorge. Auch Kriminalhauptkommissar Gerhard Meininger war der Ansicht, dass sich die italienische Mafia und diverse Rockerbanden nicht ohne Gegenwehr in die Suppe spucken lassen wollten. Ein Problem war unter anderem, dass sich die Rumänen völlig anders organisierten. Bisher war es den Behörden nicht gelungen, in die Organisationsstruktur der Rumänen einzudringen. Einer der Anführer der Organisation, so wurde von den Behörden vermutet, stammte nicht aus Rumänien, sondern aus Kacarevo, in der Nähe von Belgrad. Diese Ortschaft hieß bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Franzfeld, weshalb die Bande von den Ermittlern den Namen die Franzfeldgang erhalten hatte. Zum größten Teil bestand die Organisation aber aus Rumänen. Die Schmuggelwege der Drogen waren noch relativ unbekannt. Vermutet wurde aber, dass sie über die Balkanroute nach Deutschland kamen. Immer wieder konnten auch Drogen sichergestellt werden, aber es handelte sich fast ausnahmslos um Mengen im Kilobereich. Dies gab den Behörden Anlass zu glauben, dass der Schmuggel der Drogen auf viele kleine Kuriere verteilt worden war. Offenbar wurde dabei auch harmlose Urlauber eingesetzt, die oft gar nicht bemerkten, dass sie für den Drogenschmuggel missbraucht wurden. Bei Routinekontrollen an der Grenze war dies den Fahndern schon mehrfach aufgefallen. Meininger sah die Sendung bis zum Ende an, denn über kurz oder lang würde die Entwicklung auch auf Reutlingen zutreffen. Als er wieder auf den Balkon ging, stieg ihm der Duft von Gegrilltem in die Nase. Augenblicklich meldete sich sein Magen mit einem lauten Grollen. Außerdem hatte er unbändige Lust, ein kühles Weizenbier zu trinken. Also ging er schnurstracks in die Küche, schaute im Kühlschrank nach etwas Essbarem, und holte eine Flasche Bier. So bepackt, setzte er sich in seinen Liegestuhl. Zuerst verschlang er ein kaltes Schnitzel, das Traudel wohl für den nächsten Tag vorgesehen hatte. Er hatte dazu noch ein Brötchen gefunden, das vom Frühstück übriggeblieben war, schnitt es in der Mitte auf und belegte es mit dem Schnitzel. Einfach köstlich! Dann goss er das Bier in ein Glas. Gierig trank er und sofort stellte sich ein wohliges Gefühl ein.
»Scheiß auf Fitness und Diät«, brummte er vor sich hin.
Traudel war nicht da, sie war in die Stadt gegangen, um einen Vortrag an der VHS anzuhören.
Als sie nach Hause kam, lag Gerhard Meininger im Bett und schlief selig. Traudel quittierte den Fehltritt ihres Mannes nur mit Kopfschütteln.
Bernd Zimmermann zitterte ein wenig, als er die Komponenten für den Sprengstoff mischte. Immerhin konnte sich das Gemenge an der Luft selbst entzünden. Das war ihm schon mal passiert, aber bei einer viel kleineren Menge. Jetzt aber lag vor ihm auf dem Tisch ein ansehnliches Häufchen davon. Er versuchte, die Späne eines Metalls mit einer chemischen Substanz so zu vermischen, sodass eine homogene Masse entstand. Dann füllte er die Masse in ein Kunststoffrohr ein. Dieses verschloss er mit einem Stopfen, in den er ein Loch eingebohrt hatte. Durch dieses Loch führte er den selbst gefertigten Zünder ein. Dann verschloss er die Öffnung mit Klebstoff. Auf diese Weise stellte er so vier Rohre her. Im Anschluss füllte er den Rest des Sprengstoffs in ein quadratisches Blechkästchen. Auch da hatte er ein Loch für den Zünder eingebohrt. Das Kästchen hatte er im Technikraum der Schule hergestellt. Der zuständige Lehrer hatte ihm sogar beim Anlöten der Seitenteile geholfen. Den passenden Deckel verschraubte er mit dem Gehäuse, nachdem er auch hier einen Zünder eingeführt hatte. Zusätzlich umwickelte er das Kästchen mit extra reißfestem Klebeband. Das alles konnte er natürlich nicht zu Hause machen, zu groß war die Gefahr, dass seine Mutter auftauchen würde, um dumme Fragen zu stellen. Er saß, wie immer, wenn er seine Ruhe haben wollte, im Häuschen auf der Wiese seines Großvaters in Neuhausen. Er war alleine, sein Komplize Phillipp Heymann wollte später nachkommen. Offenbar hatte der Schiss, falls etwas schiefgehen sollte. Jetzt verband Bernd Zimmermann die Drähte aller Zünder miteinander und packte die Rohre und das Kästchen in eine Tasche. Dann testete er noch einmal die elektronische Zündeinrichtung auf Funktion. Die Schaltung hatte er ebenfalls im Technikraum gebastelt und wiederum mit Hilfe des Lehrers. Der war ganz angetan vom Interesse seines Schülers Bernd. Die meisten seiner Mitschüler hatten wenig Interesse an den Fächern Chemie und Physik. Eigentlich hatte die Mehrzahl in seiner Klasse überhaupt keine Vorliebe für irgendwelche Fächer. Gäbe es an der Schule solche Fächer wie Facebook oder Instagram, so würde das Interesse ganz anders aussehen. Da die Lehrerschaft fast allesamt in gesetztem Alter waren, konnten die mit diesen Begriffen wenig anfangen. Bernd Zimmermann verstaute die Tasche vorsichtig in einem schwarzen Rucksack. Dieser war zuvor von allen Aufnähern und anderen Applikationen befreit worden, die auffällig sein konnten. Mit sämtlichen anderen Materialien, Kleidung, Schuhen und Anderes wurden auf dieselbe Weise verfahren. So sollte ausgeschlossen werden, dass sie auf dem Rückweg von ihrem Raubzug von etwaigen Zeugen erkannt und beschrieben werden konnten. An den Motorrädern wollten sie die Nummernschilder abnehmen und statt der Sturzhelme wollten sie schwarze Sturmhauben überziehen. Das alles hatten sie in einem Strategieplan ausgetüftelt. Den Plan entwickelte Phillipp Heymann, auch wenn der sonst nicht Rechtes zu Wege brachte, aber darin war er ein Experte. Er hatte auch eine Checkliste ausgearbeitet, die der vor einem Flugzeugstart in nichts nachstand. Sorgsam hakte Zimmermann alle erledigten Punkte ab. Die Aktion war für die kommende Nacht geplant. Heymann war in den vergangenen Nächten vor der Bank in Stellung gegangen und hatte den Verkehr und das Fußgängeraufkommen beobachtet und notiert. Er war zu der Erkenntnis gekommen, dass die Nacht von Sonntag auf Montag als der beste Zeitraum zur Durchführung des Überfalls in Frage kam. Der genaue Zeitraum sollte zwischen ein und zwei Uhr sein. Danach bestand die Gefahr, dass Zeitungszulieferer und Bäckereiangestellte unterwegs waren. Kurz vor achtzehn Uhr wurde die Tür zur Hütte geöffnet und Phillipp Heymann kam herein. Er schob sein Motorrad durch die Tür und lehnte es an die Wand. Dann begann er die Nummerntafel abzumontieren. Als er den Rucksack mit dem Sprengstoffmaterial sah, sagte er nur: »Bernd du Sprengstoffrakete!«
Der Spruch lehnte sich an eine Werbung von einer Onlinebank an. Bernd Zimmermann folgte dem Beispiel Heymanns und demontierte ebenfalls das Kennzeichen seines Motorrades.
Währenddessen hatte sich Phillipp Heymann einen Joint angezündet. Genüsslich zog er den Rauch ein.
»Meinst du, dass es das gut ist, wenn du jetzt kiffst?«, fragte Bernd besorgt.
»Ich brauch das jetzt zur Beruhigung meiner Nerven. Willst du auch mal ziehen?«, antwortete Heymann.
»Nein, von dem Teufelszeug lass ich lieber die Finger!«, antwortete Zimmermann und packte ein belegtes Brötchen aus, um es umgehend zu verspeisen.
Heymann schaute neidisch herüber, denn er hatte vergessen, etwas zum Essen mitzunehmen. Der Abend würde noch lang werden, aber der Rauch des Joints betäubte jedes Hungergefühl. Draußen wurde es langsam dunkel. Die Nervosität bei den beiden stieg von Minute zu Minute. Heymann versuchte, sich mit Zocken auf dem Handy abzulenken. Zimmermann hingegen kämpfte mit dem Schlaf. Kurz nach ein Uhr stand Heymann auf und zog sich um. Er streifte sich einen schwarzen Overall über und zog sich ebenfalls schwarze Turnschuhe an. Dann stülpte er eine Sturmhaube über das Gesicht.
»Willst du schon gehen?«, fragte Zimmermann.
»Ja, ich halte die Warterei nicht mehr aus. Kontrollieren wir noch einmal die Ausrüstung!«, befahl er.
»Ich fahre jetzt kurz hinunter und zünde das Feuer an«, sagte Heymann und fuhr weg. Er vermied dabei, so gut es ging, auf den vielbefahrenen Straßen zu fahren. Nach etwa fünf Minuten kam er am Ziel an. Sofort begann er Benzin über einen Holzstapel zu schütten. Dann nahm er ein längeres Stück Holz und entzündete dieses. Er war kaum in die Nähe des Holzstapels gekommen, als das Benzin explosionsartig zündete. Sofort entstand ein meterhohes Feuer. Heymann setzte sich auf sein Motorrad und fuhr davon. Als er wieder an der Hütte in Neuhausen ankam, sah er deutlich den Feuerschein in einiger Entfernung. Wenig später hörte er auch schon die Einsatzsignale der ausrückenden Feuerwehr.
Währenddessen packte Zimmermann sorgsam alle Teile aus der Tasche aus und schaute alle noch einmal an. Dann prüfte er die Verbindungsstecker zu den einzelnen Zündern. Alles war in Ordnung. Nun begann auch er sich umzuziehen. Dann streifte er den Rucksack über. Zuletzt schoben beide ihre Motorräder aus der Hütte. Als Erster startete Heymann den Motor und fuhr die leichte Steigung hinauf zum geteerten Feldweg. Zimmermann folgte ihm. Da der Weg in Richtung Neuhausen ständig bergab ging, fuhren beide im Leerlauf und mit Standgas, um unnötigen Lärm zu vermeiden. Erst nach dem Backhaus ging es wieder leicht bergan. Aber auch hier fuhren die beiden sehr verhalten. Den Rest des Weges zum Abstellort rollten sie nur noch mit abgeschaltetem Motor. Niemand war weit und breit zu sehen. Von der nahen Kirche hörte man am Glockenschlag, dass es halb zwei in der Nacht war. Beide parkten ihre Motorräder in Fluchtrichtung. Dann gingen sie an der Hauswand des Gebäudes entlang, indem sich der Geldautomat befand. Heymann blieb vor der automatischen Tür zum Innenraum stehen, während Zimmermann sofort zum Automaten ging, um die Sprengstoffrohre zu montieren. Da der Raum beleuchtet war, sah man schon von Weitem, dass sich Zimmermann an dem Automaten zu schaffen machte. Niemand war zu sehen, kein Auto fuhr vorbei, alles war ruhig. Nach wenigen Augenblicken kam Zimmermann heraus und nickte Heymann zu. Der hatte den Sender in der Hand, welcher die Explosion auslösen sollte. Zimmermann zeigte mit dem Daumen nach oben und brachte sich in Sicherheit. Heymann ging ebenfalls hinter einen Mauervorsprung in Deckung. Kurz bevor er die Explosion auslöste, hörte er etwas auf den Boden fallen. Zu spät, denn die gewaltige Explosion ließ alle Scheiben zerspringen, sodass die Scherben bis weit auf die davor befindliche Straße geschleudert wurden. Ein dicker weißer Qualm kam aus dem Raum und legte sich wie Nebel über die Umgebung. Heymann stieg vorsichtig über die Reste der Scheiben hinweg ins Innere. Jetzt musste alles schnell gehen. Mit einer Taschenlampe leuchtete er in Richtung der Stelle, wo der Automat war. Tatsächlich war die Abdeckung herausgerissen worden und lag vor dem Eingang. Heymann versuchte nun, an das Magazin mit den Geldscheinen heranzukommen. Zu seiner Enttäuschung war dieses aber so verbeult worden, dass es sich nicht entnehmen ließ. Heymann überlegte kurz und trat dann eiligst den Rückzug an. Er rannte hinüber zu den Motorrädern. Eigentlich erwartete er dort seinen Komplizen, aber der war weit und breit nicht zu sehen. Am Haus gegenüber ging ein Licht an, deshalb wollte Heymann seine Maschine starten und wegfahren. Der Motor ließ sich aber nicht starten. Dann setzte er sich auf Zimmermanns Motorrad, dessen Motor ohne Probleme ansprang. Er legte einen Gang ein und fuhr davon. Zimmermann würde schon einen Weg finden, um zur Hütte zurück zu kommen. Wenig später traf Heymann an der Hütte ein. Sofort schob er das Motorrad in die Hütte. Es war damit zu rechnen, dass die Polizei einen Helikopter zu Unterstützung der Suche nach den Tätern anfordern würde. Er schaute vorsichtig zur Tür hinaus, um zu sehen, ob Zimmermann auftauchte. Drunten im Dorf hörte er wiederum die Signale der Einsatzfahrzeuge. Wo war Zimmermann abgeblieben? Heymann hatte vor der Zündung etwas fallen hören, hatte Zimmermann etwas verloren? Sollte es so gewesen sein, so konnte er jetzt keine Rücksicht mehr nehmen. Die Enttäuschung, dass es ihm nicht gelungen war an das Bargeld heranzukommen, saß schon tief. Die ganze Planung war umsonst gewesen! Er hatte sein Motorrad zurücklassen müssen. Am nächsten Morgen wollte er es sofort als gestohlen melden. Er setzte sich auf einen Stuhl und überlegte. Im Augenblick konnte er auf keinen Fall nach Eningen zurückfahren. In der Ferne hörte er das typische Geräusch der Rotorblätter eines Helikopters. Wenig später stand die Maschine über dem Einsatzort. Dann flog der Pilot direkt in Richtung der Hütte, in der sich Heymann befand. Er deckte das Motorrad mit einer Plane zu, um nicht als Wärmequelle sichtbar zu sein. Dann setzte er sich unter den Tisch, der recht massiv gebaut war. Dann endlich drehte der Helikopter ab und flog in Richtung Glems. Ob der Pilot Zimmermann geortet hatte? Heymann öffnete vorsichtig die Tür und schaute hinaus in die Nacht. Alles war noch ruhig. Dann sah er, wie sich ein Fahrzeug vom Dorf her näherte. Vorsichtig spähte er durch das Fenster nach draußen. Zu seiner Erleichterung war es aber ein Geländefahrzeug. Offenbar war ein Jäger auf dem Weg zu seinem Revier. Das Fahrzeug bog oberhalb des Grundstücks rechts ab und fuhr hinunter zum Wasserreservoir Forst. Heymann überlegte, was er tun sollte. Dann fasste den Entschluss, doch zurück nach Eningen zu fahren.
Den Beamten des Metzinger Reviers bot sich ein Bild der Verwüstung, als sie am Tatort bei der Kreissparkasse in Neuhausen eintrafen. Im Umkreis von mindestens zwanzig Metern war alles mit Trümmerteilen und Scherben übersät. Zudem lag noch ein zäher, weißer Qualm über dem Tatort, sodass ein genauer Überblick nicht möglich war. Sofort nach dem Erfassen der Situation wurden die Kollegen der Kripo und der Spurensicherung verständigt. Um nicht unnötig Spuren zu verwischen, gingen die Beamten vorsichtig in Richtung des Eingangs der Bank vor. Etwa fünf Meter seitlich des Einganges entdeckte einer der Beamten einen leblosen Körper, der seltsam verdreht auf der Straße lag. Das Blut war in einem breiten Strom aus dem Körper gelaufen. Hier kam sicherlich jede Hilfe zu spät. Trotzdem verständigte der Beamte den Rettungsdienst, denn es konnte ja sein, dass sich noch mehr Opfer am Tatort befanden. Mit starken Leuchten machten sich die Beamten auf die Suche. Nachdem sie die Umgebung weiträumig abgesucht hatten, gingen sie zurück zum Streifenwagen, um einen ersten Lagebericht an die Einsatzleitstelle abzugeben. Weitere Kräfte wurden zur Absicherung des Tatortes angefordert. Dies gestaltete sich als schwierig, da der Brand an der Bahnlinie in Richtung Stuttgart noch nicht unter Kontrolle war. Das Feuer hatte sich von einem Holzstapel, auf einen nahe gelegenen kleinen Wald ausgebreitet, und so einen Flächenbrand verursacht. Da dort auch schon Kräfte aus den benachbarten Revieren gebunden waren, mussten Beamte der Bereitschaftspolizei in Göppingen alarmiert werden. Diese benötigten aber fast eine Stunde zur Anfahrt. Deshalb wurden auch alle Beamten der Kriminalpolizei in Reutlingen alarmiert.
Ein unangenehmes Gefühl stellte sich bei Kriminalhauptkommissar Meininger ein. Er träumte von einem Erdbeben, denn alles um ihn herum zitterte. Nach ein paar Augenblicken erst wurde ihm klar, dass es kein Erdbeben war, das da für die Erschütterungen sorgte, sondern Traudel, die versuchte ihn wachzurütteln. Langsam kam er zu sich. Er hatte offenbar sehr tief geschlafen.
»Wach doch endlich auf, dein Telefon bimmelt scho die ganze Zeit! Herrschaftszeiten!«, schimpfte sie.
Meininger sah auf die Uhr. Es war kurz vor zwei, als er das Diensthandy zu sich nahm, um den Anruf entgegenzunehmen. An der Nummer auf dem Display sah er, dass es sein Kollege Früh war, der ihn in seiner Nachtruhe störte.
»Was gibt’s denn?«, fragte Meininger ziemlich genervt.
»In Metzingen wurde ein Geldautomat gesprengt. Dabei kam eine Person ums Leben. Ob es sich dabei um den Täter handelt, ist noch nicht sicher. Außerdem brennt auch noch in Metzingen ein Stück Wald entlang der Bahnlinie nach Stuttgart. Alle Kräfte der Umgebung sind im Einsatz. Wir sollen uns den Tatort bei der Bank anschauen«, berichtete Kriminalhauptmeister Willi Früh.
»Alles klar, ich mach mich auf den Weg. Sind die anderen auch schon wach?«
»Versucht habe ich es, aber die Cindy bekomm’ ich nicht an die Strippe.«
»Ich mach mich auf den Weg nach Metzingen. Welche Bank ist das?«
»Die ehemalige Kreissparkasse in Neuhausen.«
»Hm, wo ist die genau?«
»Mitten im Ort, nicht zu übersehen!«
Meininger beendete das Gespräch und stand auf.
»Wos ist denn so schlimmes passiert, dass die dich so früh aus dem Bett holen?«, fragte Traudel.
»Irgend so ein Idiot hat einen Geldautomaten gesprengt und ist wohl selber dabei draufgegangen«, brummte Meininger und ging ins Bad, um sich anzuziehen.
Ohne etwas zu frühstücken, fuhr er direkt nach Neuhausen. Er hatte schlechte Laune, weil er aus dem Tiefschlaf gerissen worden war. Schon weit vor der Einsatzstelle war die Straße abgesperrt und der Verkehr umgeleitet worden. Feuerwehrmänner regelten den Verkehr. Meininger stellte sein Fahrzeug am Straßenrand ab und ging auf die Männer zu. Er zog den Dienstausweis hervor und zeigte ihn einem der Männer. Der nickte nur mürrisch, was heißen sollte, dass er passieren konnte. Je näher Meininger der Einsatzstelle kam, desto mehr knirschte es unter seinen Sohlen. Es bot sich ein unbeschreibliches Bild der Zerstörung. Die Spezialisten des Erkennungsdienstes sicherten im Inneren des Gebäudes eventuelle Spuren. Schließlich erblickte er seinen Kollegen Willi Früh, der sich mit einem Sanitäter unterhielt.
»Hier sieht’s ja aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen!«, knurrte Meininger.
»Das kann man wohl sagen. Irgendwas hat mit der Dosierung nicht gestimmt. Den vermutlichen Täter hat es förmlich in Stücke geschnitten. Offenbar ist der Sprengsatz zu früh losgegangen.«
»Ist es sicher, dass der Tote auch der Täter ist?«, fragte Meininger nach.
»Zu hundert Prozent nicht, aber warum sollte ein Mann in einem schwarzen Overall mitten in der Nacht hier herumspazieren. Die Jungs von der KTU haben Stoffproben von den Kleidern des Toten genommen. Der Tote ist so entstellt, dass wir nicht einmal feststellen können, wie alt der sein könnte. Wenn man die Finger anschaut, würde ich ihn auf unter zwanzig schätzen«, erzählte Früh.
»Weiß man schon, wie viel Geld geklaut wurde?«
»Nein, die Kollegen untersuchen gerade den kläglichen Rest des Automaten.
»Der wollte ja sicher nach der Tat fliehen, hat man irgendwo ein Fluchtfahrzeug feststellen können?«
»Nein, so weit sind wir noch gar nicht gekommen. Wir müssen die Neugierigen fernhalten, das ist jetzt gerade unser größtes Problem.«
Inzwischen hatte sich doch eine beträchtliche Menschenmenge am Ort des Geschehens versammelt. Wie immer wussten viele alles und eigentlich gar nichts. Einige zimmerten sich eine Theorie zurecht und brachten diese als Tatsache unter die Leute. Nachdem die Spezialisten der Spurensuche ihr Okay gegeben hatten, begannen die Feuerwehrleute mit dem Zusammensammeln der Trümmer. Ein Statiker war unterwegs, um das Gebäude auf Schäden zu untersuchen, die einen Einsturz zur Folge haben könnten. Nach und nach trafen Mitarbeiter der Stadtreinigung ein, um die Trümmer wegzufahren. Meininger stellte sich mitten auf die Kreuzung und sah sich um. Der Tatort war günstig gelegen, denn nur wenige Anwohner hatten direkten Blick auf den Tatort. Plötzlich stand sein Kollege Christian Fromm hinter ihm.
»Na, auch schon wach?«, fragte dieser.
»Der vermutliche Täter liegt da drüben tot auf der Straße. Ich glaube nicht, dass wir zu dieser Zeit irgendwelche wichtige Zeugen finden können!«, brummte Meininger.
»Könnte ja sein, dass ein Zeitungsausträger was gesehen hat. Und woher weißt du, dass es nur einen Täter gibt?«
»Ja, ja schon gut! Wenn es einen zweiten oder mehrere Täter gibt, welchen Fluchtweg könnten die genommen haben?«
»Also. Ich würde die dunkle Gasse da drüben runterrennen!«, mischte sich Willi Früh ein.
»Welche Gasse?«, fragte Meininger.
»Na dort!«, sagte Früh und zeigte auf einen schmalen Weg, der zwischen zwei alten Häusern hindurchführte.
Meininger trabte lustlos zu der Gasse hinüber. Tatsächlich war der Weg schlecht beleuchtet. Auf der rechten Seite befanden sich unbewohnte Gebäude, von denen eines bereits eingestürzt war. Nach etwa hundert Metern bog die Gasse links ab. Rechts ging es hinunter zum Ufer der Erms.
»Die hätten durchaus mit einem Boot den Bach da hinunterfahren können!«, sagte Fromm.
»Ja und an allen Straßensperren vorbei! Hat man einen Helikopter angefordert?«, fragte Meininger.
»Das müssen wir die Kollegen aus Metzingen fragen!«, antwortete Früh.
Die Beamten gingen wieder zurück zum Tatort. Wenig später hörte man die Rotorgeräusche eines Hubschraubers, der sich irgendwo außerhalb von Neuhausen aufhielt. Meininger ging zum Einsatzleitfahrzeug hinüber.
»Hallo Kollegen, konnte der Heli schon verwertbare Hinwiese geben?«, fragte Meininger.
»Bis jetzt nicht, wir sind allerdings auch spät dran. Wenn das mehrere Täter waren, sind die schon längst über alle Berge«, sagte der Einsatzleiter.
»Weiß man schon etwas über die Identität des Toten?«
»Nein. Außer dass es sich um einen jungen Mann im Alter zwischen 18 und 25 handeln könnte.«
»Hat man irgendwelche Fluchtfahrzeuge gefunden?«
»Bis jetzt noch nicht.«
»Hm, werden wir dann überhaupt noch benötigt?«
»Eigentlich nicht, das Feuer an der Bahnlinie ist gelöscht. Wir haben jetzt genug Kräfte, um die notwendigen Maßnahmen hier vor Ort einzuleiten. Eine Zeugenvernehmung wird sowieso erst morgen früh sinnvoll.«
»Na dann, gute Nacht!«, sagte Meininger und tippte sich an die Stirn.
Als er wieder bei seinen Kollegen war, verkündete er das Ende des Einsatzes. Unverzüglich machten sich alle auf den Heimweg. An Schlafen war allerdings nicht mehr zu denken.
Nachdem sich der Jäger entfernt hatte, beseitigte Heymann alle sichtbaren Spuren, die er in der Hütte hinterlassen hatte und schob das Motorrad aus der Hütte. Vorsichtig fuhr er über die nasse Wiese. Einen Sturz wollte er nicht riskieren, zumal er ohne Helm unterwegs war. Dann befuhr er den Forstweg, der ihn in Richtung Eningen brachte. Um zu vermeiden, von oben erkannt zu werden, schaltete er nur das Standlicht ein. Deshalb kam er auch nicht so schnell voran. Immer wieder hielt er an, um nach dem Helikopter Ausschau zu halten. Der kreiste gerade über Neuhausen, also weit weg. Dann fuhr er an einer Baumschule entlang und überquerte schließlich die Verbindungsstraße von Metzingen nach Eningen. Er wählte diesen Weg, weil sicherlich an der Abzweigung nach Glems ein Streifenwagen postiert war. Nachdem er die Erddeponie und einen Bauernhof passiert hatte, kamen auch schon die ersten Häuser von Eningen in Sicht. Nun rollte er wieder im Leerlauf und ohne den Motor den Berg hinunter zur Wengenstraße. Vorsichtig schob er das Motorrad in den Hof des Hauses von Zimmermann hinein. Dann zog er den Schlüssel ab und warf ihn in einen Lichtschacht neben der Haustür. Schließlich machte er sich auf den Heimweg. Zum Glück begegnete er niemand. Er ging durch dem Kellereingang in sein Zimmer. Dort entledigte er sich aller Kleider und stopfte diese in einen Müllsack. Dann wusch er sich und legte sich ins Bett. Er lag nicht lange, da bekam er einen heftigen Hustenanfall. Offenbar hatte er zu viel von dem Qualm nach der Explosion eingeatmet. Wo sein Komplize Bernd in diesem Augenblick wohl war? Vielleicht irrte er in Neuhausen umher oder hatte die Hütte erreicht. Wenn Bernd das Motorrad stehen gelassen hatte, konnte man es immer noch als gestohlen melden. Heymanns Vater war ja immerhin Rechtsanwalt, dem würde dann schon etwas einfallen. Der Husten wollte nicht aufhören. Die Lunge tat ihm weh und ihm wurde auch noch schlecht. Er musste auf die Toilette und sich übergeben. Plötzlich stand seine Mutter hinter ihm.
»Was ist los? Bist du betrunken?«, fragte sie vorwurfsvoll.
Er konnte nicht antworten, zu sehr schmerzte nun auch der Hals. Es wäre ja nicht da erste Mal, das er angetrunken nach Hause kam. In letzter Zeit passierte das des Öfteren. Er wollte den anderen Jungs in der Klasse in nichts nachstehen. Man musste sich ja schließlich gegenüber den Mädchen als ein harter Kerl beweisen. Bernd Zimmermann war da nicht so. Der trank keinen Alkohol und interessierte sich auch nicht für Mädchen. Wenigstens vermittelte er den Eindruck.
»Hast du Fieber?«, fragte seine Mutter und fasste ihn an die Stirn. »Du wirst dir doch nicht Corona gefangen haben! Geh sofort in dein Bett. Ich gehe nachher in die Apotheke und hole einen Test!«
Sie wusch sich ausgiebig die Hände und ging zurück ins Schlafzimmer.
Corona, das war die Lösung! Sollte die Polizei vorbeikommen, um ihn nach einem Alibi für die Nacht zu fragen, wies er auf eine eventuelle Infektion mit Corona hin. Ja, er wollte sogar behaupten, dass er Zimmermann sein Motorrad geliehen hatte, weil dieser seinen Schlüssel verloren hatte. So war er praktisch raus aus der Geschichte. Er versuchte, ruhig zu atmen, um seine Lunge nicht noch weiter zu belasten. Der Husten ließ langsam nun nach. Dann war er endlich eingeschlafen.
Im Besprechungsraum der Kriminalpolizei in Reutlingen saßen alle Beteiligten zusammen, die in Neuhausen im Einsatz gewesen waren. Der Revierleiter aus Metzingen schilderte die Ereignisse aus seiner Sicht. Danach bot sich beim Eintreffen der Beamten am Tatort eine unübersichtliche Lage. Der dichte Qualm verhinderte zunächst ein Vordringen zum Tatort. Erst als die Metzinger Feuerwehr mit einem leistungsfähigen Lüfter den Qualm vom Tatort wegblasen konnte, wurde das gesamte Schadensausmaß sichtbar. Die Beschädigungen an der Fassade und an den Wänden ließ zunächst vermuten, dass das Gebäude zum Teil einsturzgefährdet war. Erst danach wurden die Einsatzkräfte auf die Leiche des Mannes aufmerksam, der wohl von der Wucht der Explosion mehrere Meter weggeschleudert worden war. Seine sichtbar schweren Verletzungen ließen auf den sofortigen Tod schließen. Einem Anwohner fiel am frühen Morgen ein in der Tatortnähe abgestelltes Motorrad auf, an dem kein Kennzeichen montiert war. Die Überprüfung der Rahmennummer ergab, dass der Halter ein gewisser Phillipp Heymann war. Dieser wohnte im Betzenriedweg in Eningen. Er war siebzehn Jahre alt und Schüler am Gymnasium in Pfullingen. Sein Vater war der Rechtsanwalt Dr. Herbert Heymann, der auf Versicherungsdelikte spezialisiert war. Das Motorrad wurde beschlagnahmt und zur weiteren Spurensicherung nach Esslingen zur KTU gebracht. Ob noch weitere Täter an der Sprengung des Geldautomaten beteiligt waren, konnte noch nicht gesichert bewiesen werden. Brauchbare Zeugenaussagen lagen bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor. Man wollte auch abwarten, bis die Bilder der Überwachungskamera der Bank ausgewertet worden waren. Kriminalhauptkommissar Gerhard Meininger notierte sich die Daten. Er wusste, dass es die Aufgabe seiner Abteilung sein würde, die weiteren Ermittlungen zu führen. Dann löste sich die Versammlung auf. Der Chef der Kripo Kriminaldirektor Richard Heinrich versprach wie immer Kollegen aus Esslingen zur Verfügung zu stellen, sollte Personalnot in Reutlingen herrschen. Meininger kannte das Spiel. Meistens wurde daraus nichts. Wenig später saß er mit seinen Kollegen zusammen und besprach das weitere Vorgehen. Cindy Meier kam an diesem Morgen zu spät zum Dienst. Sie hatte in der Nacht starke Kopfschmerzen gehabt und eine Tablette genommen. Dadurch war sie in einen Tiefschlaf verfallen, der sie erst vor einer halben Stunde erwachen ließ. Offenbar vertrug sie den Qualm bei dem Rockkonzert nicht, das sie besucht hatte.
»Dass du das Telefon heute Nacht nicht gehört hast, kostet normalerweise eine Runde. Aber da du ja nachweisen kannst, was ich hoffe, dass dir nicht gut war, sei dir die Strafe erlassen«, sagte Meininger mit väterlichem Ton zu ihr.
»Na, da danke ick dir, Kollege! Ick habe gerade mal zwei Bier getrunken. Die ganze Bude war total verqualmt. Und gekifft wurde da drin, dass einem ja schlecht werden musste. Ick habe so ganz nebenbei mitgekriegt, dass dort ein Kerl aus Rottenburg als Lieferant für alle möglichen Drogen auftritt. Und ick habe da ein paar nette Jungs kennengelernt, mit denen werd ick Musike machen. Det habe ick in meiner Zeit vor der Polizei schon gemacht«, berichtete Cindy.
»Und ganz nebenbei observierst du den Dealer, ja?«, fragte Fromm.
»Mir ist dabei nicht wohl, das hatten wir schon einmal. Ich glaube, wir sollten uns auf den Fall von heute Nacht konzentrieren. Der Christian und ich werden die Eltern des Opfers besuchen. Ihr beide solltet euch in Neuhausen umhören, die Nachbarn befragen und so weiter. Wieso kam der Täter gerade auf Neuhausen? Ist der junge Mann jemanden im Vorfeld aufgefallen und so weiter. Wir versuchen, bei der Familie ein Foto aufzutreiben. Dann sollte man an die Schule gehen, ob der junge Mann dort auffällig war. Vor allem stellt sich die Frage, woher hatte der den Sprengstoff her. Das Obduktionsergebnis der Leiche wird wohl im Laufe des Tages eintreffen. Also ran an die Arbeit!«, sagte Meininger.
