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Die Straßensängerin Janis nimmt in Hamburg die lukrative Einladung, bei einer Party zu spielen, gerne an. Am nächsten Morgen erwacht sie gerädert und – wie sie später feststellt – geschwängert. Die Suche nach dem Täter führt sie ins Ländle nach Dettingen an der Erms. Sie fällt in Reutlingen einer Journalistin auf, die ihre Geschichte in der Zeitung bringt. Dann verschwindet Janis spurlos. Bei der Maisernte gerät die Leiche einer Frau unter den Häcksler. Kommissar Meininger und seine Kollegen nehmen die Ermittlungen auf. Der Ehemann des Opfers scheint verschwunden. Die Firma, bei der er angestellt ist, arbeitet an geheimen technischen Entwicklungen. Bald sind auch die Geheimdienste im Spiel. Hinzu kommt noch ein pensionierter britischer Agent und ein Berufskiller, der schließlich auf Meininger angesetzt wird. Aber der erfahrene Kommissar ist auf der Hut.
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Seitenzahl: 351
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Werner Kehrer
ist in Reutlingen geboren und lebt mit seiner Familie in Metzingen-Neuhausen. Er arbeitet als Ausbildungsmeister für Elektroniker, ist Hobby-Wengerter und schreibt seit 2007 Schwabenkrimis mit Hauptkommissar Gerhard Meininger als leitendem Ermittler.
Werner Kehrer
Krimi
Oertel+Spörer
Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen.Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© Oertel+Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2022
Postfach 16 42 · 72706 Reutlingen
Alle Rechte vorbehalten.Titelfoto: Werner Kehrer
Gestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, Reutlingen
Lektorat: Bernd Weiler
Korrektorat: Sabine Tochtermann
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-96555-143-5
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Busted flat in Baton Rouge, waitin’ for a train«, begann sie an der Brücke 1 auf der Elbpromenade in Hamburg zu singen. Janis Smith genoss die warme Maisonne und beobachtete die vorbeigehenden Menschen, während sie sang und sich dabei auf der Gitarre begleitete.
Da es ein Samstag war, tummelten sich wesentlich mehr Touristen auf den Landungsbrücken, als an den vergangenen Tagen. Der eine oder andere blieb stehen und horchte ihr eine Weile zu. Ab und zu warf auch jemand ein Geldstück in ihre Keksdose, die sie vor sich auf dem Boden gestellt hatte.
Janis war gebürtige Engländerin und war von zu Hause weggegangen, um ihr Glück in Hamburg zu suchen. Sie folgte damit vielen ihrer Landsleute, wie etwa den legendären Beatles, die in den frühen sechziger Jahren dieselbe Absicht gehabt hatten. Wirklich erfolgreich war sie bisher nicht, konnte sich aber mit ihren Einnahmen recht wacker durchs Leben schlagen. Schwierig wurde es im Winter, wenn sie wegen der Kälte nicht draußen auftreten konnte. Dann begab sie sich in eine karitative Einrichtung, wo sie sich geborgen fühlte. Ab und zu half sie auch bei der Hamburger Tafel mit, um die schlechte Zeit zu überbrücken. Eigentlich kam sie ja aus gutem Hause, ihr Vater war Arzt und ihre Mutter Lehrerin. Da ihre Mutter als junge Frau in den späten Sechzigern eine glühende Verehrerin von Janis Joplin war, nannte sie ihre Tochter ebenfalls Janis. Die siebenjährige Janis wurde auf eine Musikschule geschickt, um das Gitarrespielen zu erlernen. Ihr Lebensweg war schon früh vorgegeben. Sie sollte nach dem Wunsch der Eltern Tierärztin werden. Daraus wurde aber nichts, weil die schulischen Leistungen zu wünschen übrig ließen. Janis kam mit dem Erfolgsdruck der Eltern nicht zurecht. In der Pubertät entwickelte sie sich zu einem selbstbewussten, kritischen Menschen, wie es bei vielen Jugendlichen in diesem Entwicklungsstadium üblich war. Sie lehnte die kleinbürgerliche Lebensweise ihrer Eltern kategorisch ab und lehnte sich gegen das Establishment auf. Schon in der Schule erkannten die Lehrer ihr Gesangstalent. Ihre Stimme entwickelte sich mit zunehmendem Alter immer mehr in Richtung ihrer berühmten Namenspatronin, nicht zuletzt wegen des Rauchens und dem übermäßigen Konsum von Alkohol. Freunde hatte sie während ihrer Schulzeit kaum, sie war schon immer eine Einzelgängerin. So hatte sie auch niemals eine Beziehung zu einem Mann, denn ihre Freiheit war ihr wichtiger als eine Bindung zu einem Partner. Inzwischen war sie neunzehn Jahre alt geworden. Im letzten Frühjahr reifte nach einer der unzähligen Diskussionen mit ihren Eltern, in der es um ihre Zukunft ging, in ihr der Entschluss, England zu verlassen, um diese Zukunft selbst zu gestalten. Sie verließ einfach wortlos das Elternhaus und setzte sich in die Bahn, um über Dover nach Frankreich und dann weiter nach Hamburg zu reisen. Sie hatte nur wenige Dinge mitgenommen. Die Gitarre, einen Ordner mit Noten und Texten, ein paar Klamotten und ihre Ausweispapiere. Die erste Zeit in der Fremde gestaltete sich als ziemlich schwierig, aber Janis lernte sehr schnell, mit ihren Lebensumständen umzugehen. Die Hamburger Lebensart der Weltoffenheit kam ihr dabei sehr entgegen. Sie lernte auf der Straße ein paar Leute kennen, die ihr wertvolle Tipps im Umgang mit den deutschen Behörden gaben. Nun stand sie also da und gab ihren Gesangsvortrag zum Besten. Nach ein paar Liedern leerte sie den Inhalt ihrer Keksdose bis auf ein wenig Kleingeld, denn es war ihr kürzlich von einem Dieb der gesamte Inhalt gestohlen worden. Es ließ sich nicht schlecht an heute, sie war bis jetzt zufrieden. Nun begann sie »Sorry« von Tracy Chapmann zu singen. Dieser Song kam ihrer Stimme entgegen. Es blieben auch im Augenblick sehr viele Leute stehen, um ihr zuzuhören. Während sie so sang, beobachtete sie ihr Publikum. Da waren viele Asiaten, die alles und jeden fotografierten und filmten. Sehr viele andere filmten sie ebenfalls mit ihren Handys. Vielleicht war ja ein Veranstalter darunter, der sie engagieren wollte, damit sie mal richtiges Geld verdiente. Nach dem Song bekam sie frenetischen Beifall vom Publikum. Einige der anwesenden Frauen hatten Tränen in den Augen, vielleicht, weil sie vom Text des Liedes ergriffen waren. Sie spielte noch zwei Songs, um dann eine kleine Pause einzulegen. Sie verstaute die Einnahmen in ihrer Hosentasche, damit sie sicher vor Taschendieben waren. Heute war wirklich ein guter Tag. Zwischen den Geldscheinen fand sie einen Zettel, den wollte sie aber später lesen, denn sie wollte die Stimmung bei den Touristen für ihr weiteres Einkommen ausnutzen. »Because the Night« von Patti Smith stand nun auf dem Programm. Die Leute blieben nun wieder stehen und sangen den Text zeitweilig mit, besonders den Refrain. Janis fiel während des Singens eine Gruppe von Männern auf, die ihr schon zuvor zugehört hatten. Einer von ihnen legte einen Zwanzigeuroschein in ihre Dose, was sie mit einem Lächeln quittierte. Der Mann zeigte mit dem Daumen nach oben, was zeigen sollte, dass ihm die Musik gefiel. Sie spielte noch einige Songs und machte dann eine längere Pause. Nachdem sie wieder ihre Einnahmen gesichert hatte, entfaltete sie den Zettel. Auf dem stand nur eine Handynummer, sonst nichts. Gerade als sie den Zettel wegwerfen wollte, stand plötzlich ein Mann neben ihr. Sie erkannte ihn sofort wieder, denn er war es, der ihr zwanzig Euro gegeben hatte.
»Hallo«, begann er »hättest du Lust, heute Abend bei einer Party aufzutreten?«
Janis überlegte kurz.
»Vielleicht?«
»Was verlangst du für etwa zwei Stunden Musikmachen?«
»Zweihundert!«, sagte sie etwas überhastet.
Sie war sich nicht ganz sicher, ob das nicht zu viel war. Janis hatte sich schon früher überlegt, wie viel einmal ihr Stundensatz bei einem Auftritt sein sollte.
»Das ist okay!«, sagte der Mann.
»Wo soll denn das sein?«
»Ich mache mit ein paar Freunden einen Junggesellenabschied unten am Elbstrand in der Nähe vom Fähranleger Teufelsbrück, unterhalb vom Hindenburgpark. Weißt du, wo das ist?«
»Ja, aber wie komme ich dahin? Ich habe kein Auto.«
»Da fährt ein Bus hin, oder du kannst auch ein Taxi nehmen, ich bezahl dir das!«
»Okay. Wann soll ich da sein?«
»So um neun. Ich warte dann auf dich an der Bushaltestelle. Geht das okay?«
»Ja, geht in Ordnung«, antwortete sie etwas unsicher.
»Du bist deiner Aussprache nach nicht aus Hamburg, gell?«, fragte der Mann.
»No, ich komme aus England! Und du kommst auch nicht aus Hamburg, oder?«
»Nein, ich bin aus Süddeutschland. Ich heiße übrigens Fred!«, sagte er und streckte ihr seine Hand entgegen.
»Janis is my name«, sagte sie und gab ihm etwas unsicher die Hand.
Er hatte weiche Hände und sein Händedruck war nicht besonders fest. Ein Hafenarbeiter konnte der Mann also nicht sein.
»Hier hast du einen Vorschuss!«, sagte dieser Fred und gab ihr hundert Euro.
»Thanks, ich werde da sein!«, antwortete Jannis.
Sie verstaute das Geld sofort in ihrem Gürtel, der doppelwandig ausgeführt war. Janis bewohnte in der Winterzeit ein Zimmer in einer sozialen Einrichtung. Das konnte sie zwar abschließen, aber als sie eines Abends aus der Stadt zurückkam, war die Tür aufgebrochen und all ihre Habseligkeiten durchwühlt worden. Deshalb trug sie ihr Geld und alle wichtigen Papiere immer bei sich. Die Papiere in einem Brustbeutel und das Geld in jenem besagten Gürtel. Seit Kurzem besaß sie auch ein Handy.
Eines Tages stand bei einem ihrer Auftritte plötzlich ihr Vater vor ihr. Irgendwie hatte er den Aufenthaltsort seiner Tochter herausgefunden. Er sprach lange mit ihr, erzählte von der Sorge der Mutter über ihr Wohlergehen. Er kaufte ihr ein Handy, übernahm die Kosten für den Vertrag und bat sie, sich wenigstens einmal im Monat zu Hause zu melden. Bisher war sie dieser Bitte aber nicht gefolgt. Sie wollte einfach Abstand vom Elternhaus haben. Sie hatte schon mehrmals vergessen, das Handy aufzuladen, denn es war nicht einfach, irgendwo eine Steckdose für die Ladestation zu finden. Sie kramte das Gerät hervor und schaltete es ein. Da sie es schon lange nicht mehr benutzt hatte, war der Ladezustand noch in Ordnung. Dann stand sie wieder auf und spielte eine weitere Runde. Auch jetzt blieben eine Menge Leute stehen, um ihr zuzuhören. Heute war ein guter Tag für sie. Das Geld würde ausreichen, um ein paar regnerische Tage zu überbrücken. Nach einer Stunde beendete sie ihren Auftritt. Sie packte ihre Sachen zusammen und ging den Hügel hinauf zur Jugendherberge auf dem Stintfang, wo sie sich oft mit Gleichgesinnten traf und oft auch schon mal sturzbetrunken war. Heute konnte sie sich das nicht erlauben, denn später am Abend musste sie noch nach Teufelsbrück. Die restlichen hundert Euro wollte sie sich unter keinen Umständen entgehen lassen.
Robert Fink hatte sich Fred genannt, weil er der Musikerin nicht seinen richtigen Namen sagen wollte, man wusste ja nie. Er befand sich auf einem Kurzurlaub mit ein paar Freunden und seinem Bruder in Hamburg. Eigentlich sollte es ja eine Junggesellenabschiedsfeier sein, aber die Verlobte seines Bruders Hubert hatte es sich anders überlegt und die geplante Hochzeit platzen lassen. Da Robert die Reise nach Hamburg aber schon länger gebucht hatte, beschlossen die Beteiligten, sie trotzdem durchzuführen. Fink war Inhaber einer gut gehenden Firma mit Namen FIWE, die sich als Zulieferer für die Flugzeugindustrie spezialisiert hatte. Der Firmensitz befand sich im Gewerbegebiet In Laisen in Reutlingen. Er hatte die Firma von seinem Schwiegervater übernommen und sich vom Zulieferer für die Werkzeugmaschinenindustrie zur Flugzeugindustrie umorientiert. Dies brachte zunächst schmerzliche Einschnitte für das Personal. Einige der Mitarbeiter, die schon seit Gründung des Unternehmens in der Firma beschäftigt waren, mussten gekündigt werden, weil sie sich nicht an die moderneren Arbeitsmethoden anpassen wollten.
Da Fink von seinem Konzept, das er in den USA gelernt hatte, überzeugt war, scheute er auch den Konflikt mit dem Schwiegervater nicht. Dieser erlebte den Aufstieg der Firma nicht mehr, denn er starb wenig später an einem Krebsleiden. Fink änderte den Namen der Firma und berief seinen Bruder, der als knallharter Sanierer galt, als Geschäftsführer. Von nun an ging es steil nach oben. Privat lief es bei Fink nicht so erfolgreich. Sein Sohn sollte in seine Fußstapfen treten, tat dies aber nicht. Er schlug sich als ziemlich erfolgloser Musiker in den USA durch. Seine Tochter hatte einen Schafzüchter geheiratet und wohnte auf einem Biohof im Allgäu. Robert Finks Frau Petra lebte zwar noch bei ihm, aber mehr neben ihm als mit ihm. Sie hielt als Alleinerbin aber die meisten Anteile am Stammkapital der Firma, weswegen Fink auf sie angewiesen war. Er hatte schon mehrfach versucht, ihr die Kapitalanteile abzuluchsen, was ihm aber nicht gelungen war.
Nun war er also in Hamburg, um die Sau rauszulassen. Er wurde neben seinem Bruder von Siegfried Salzer, einem aus dem Metzinger Stadtteil Neuhausen stammenden, alternden Playboy, begleitet. Salzer arbeitete bei FIWE als Programmierer und Maschineneinsteller.
Die Herren waren nun den dritten Tag in Hamburg und hatten schon so einiges erlebt. Da am Sonntag die Rückreise geplant war, wollten die drei einen schönen Abschluss am Elbstrand unweit des Fähranlegers Teufelsbrück verbringen. Fink hatte schon im Vorhinein bei einem namhaften Caterer alles Notwendige veranlasst. Obwohl es eigentlich nicht gestattet war, wurde ein Areal am Sandstrand abgesteckt und mit Schilfmatten gegen neugierige Blicke geschützt. Dann wurden Tische und Liegestühle und eine Bar herbeigeschafft und in lockerer Formation platziert. Gereicht wurde alles, was gut und teuer war. In gebührendem Abstand hielten sich ein paar Gorillas einer Securityfirma auf, um eventuelle Störer abzuhalten. Der Platz war ideal gewählt. Befänden sich nicht genau gegenüber die Airbuswerke und daneben der Eingang zum Containerterminal Waltershof, man könnte fast glauben, der Strand läge in der Karibik. Auch das Wetter stimmte. Schon den ganzen Tag schien die Sonne und auch am Abend war es noch wunderbar warm. Die meisten Gäste kamen mit der Fähre Nummer 64 vom Rüschpark herüber. Einige ließen sich mit dem Auto herfahren und wieder andere kamen mit dem Taxi. Es war eine illustre Mischung, die sich da zusammengefunden hatte. Die meisten waren Geschäftskunden von Fink, zu denen er freundschaftliche Beziehungen führte.
Pünktlich um acht Uhr wurde das Büfett aufgebaut. Zuvor schon hörte man das dezente Ploppen der Champagnerkorken. Es war noch hell und man unterhielt sich bei einem Gläschen angeregt miteinander. Im Hintergrund lief dezente Musik. Kurz vor neun Uhr schaute Fink auf seine Uhr. Ob die Musikerin wohl auftauchen würde? Wenn nicht, hatte er eben hundert Euro in den Sand gesetzt, was ihn nicht sonderlich schmerzte.
Janis saß im Bus von Altona nach Teufelsbrück, weil direkt dorthin keine U- oder S-Bahn fuhr. Sie hätte auch das Taxi nehmen können, aber das war ihr dann doch zu teuer. Sie hatte sich ein bisschen aufgepeppt, mit den bescheidenen Mitteln, die ihr zur Verfügung standen. Schließlich war es ihr erster, regulärer Auftritt. Die Buslinie führte an der Elbchaussee mit all den prächtigen Villen entlang. So hätte sie auch wohnen können, wenn sie sich dem Mainstream und dem Willen der Eltern untergeordnet hätte. Nur wollte sie das nicht, ihr jetziger Lebensstil entsprach voll und ganz ihrer Überzeugung. Wie lange sie das noch machen wollte, war ihr aber nicht klar. Und nach England zurückgehen, wollte sie keinesfalls mehr. Hier in Hamburg ließ es sich ganz angenehm leben. Die Straße führte einen kleinen Hügel hinab zu einem großzügig gestalteten Platz. Die Haltestelle Teufelsbrück war erreicht. Janis bugsierte ihren Gitarrenkoffer vor sich her durch den Bus, dann stieg sie aus und schaute sich zuerst einmal um. In diese Gegend der Schönen und Reichen war sie bisher noch nicht gekommen. Sie orientierte sich elbaufwärts. Dort befand sich der Hindenburgpark. Eigentlich hätte sie viel früher aussteigen können, sie war sich aber nicht sicher, deshalb musste sie jetzt eben wieder zurückgehen. Sie hatte noch eine Tasche mit Wechselkleidung dabei, falls es am Abend kühl werden sollte. Mit zehnminütiger Verspätung erreicht sie den Ort der Veranstaltung. Einige Meter davor standen Securityleute und hielten dezent Neugierige davon ab, das ganze Treiben zu beobachten. Janis ging gezielt in Richtung Eingang, der aus versetzt angeordneten Strohmatten bestand. Einer der Securitys trat ihr entgegen, um sie am Weitergehen zu hindern.
»Ich soll hier Musik machen, hat man mir gesagt«, sagte sie dem Mann.
»Moment«, antwortete der Muskelmann.
Er ging durch den Einlass und kam wenig später wieder heraus. Er machte eine Kopfbewegung, die bedeuten sollte, dass Janis hineingehen konnte. Etwas unsicher betrat sie das umzäunte Gelände. Sie schätzte, dass ungefähr fünfzig Leute anwesend waren. Im Hintergrund lief leise klassische Musik. Um karibisches Feeling aufkommen zu lassen, hatte man sogar ein paar Palmen herbeigeschafft. Janis sah sich nach dem Auftraggeber um. Unter all den hell gekleideten Menschen konnte sie ihn zunächst nicht erkennen. An Stehtischen stand man und unterhielt sich angeregt, während Champagner getrunken und Häppchen verzehrt wurden. Das waren alles stinkreiche Pinkel, soweit sie es erkennen konnte. Sie stellte ihren Gitarrenkoffer ab und mischte sich unter die Anwesenden. Unter den skeptischen Blicken einiger Damen arbeitete sie sich zu ihrem Auftraggeber vor. Sie hatte ihn an einem Tisch mit älteren Herren entdeckt. Er nahm Janis nun auch wahr und kam auf sie zu.
»Schön, dass du gekommen bist. Ich stelle dich erst mal allen vor und dann kannst du ja beginnen. Wenn du Hunger oder Durst hast, nimm dir einfach etwas, es ist genug für alle da!«, sagte Fred alias Robert Fink.
Er war ein großer Mann, etwa zwei Köpfe größer als Janis. Er hatte den Arm um ihre Schulter gelegt, was sie überhaupt nicht mochte.
»Hallo werte Gäste, darf ich mal um Ihre geschätzte Aufmerksamkeit bitten?«, begann er. »Das ist Janis, sie kommt aus England und hat eine fantastische Stimme. Ich habe sie heute an der Landungsbrücke singen gehört und hab mir gedacht, sie könnte uns heute Abend ein bisschen unterhalten. Ich wünsche Ihnen allen viel Spaß beim Zuhören. Bitte Janis!«
Janis packte die Gitarre aus und hätte beinahe wie automatisch ihre Blechdose aufgestellt. Trinkgelder waren hier kaum zu erwarten. Und einen Kreditkartenleser hatte sie nicht. Sie stimmte ihre Gitarre und spielte ein paar Akkorde zum Aufwärmen. Um die karibische Stimmung zu erhöhen, begann sie mit dem Lied Summer Dreaming von Kate Yanai, welches aus der Werbung für einen Rum bekannt war. Sofort gingen die Gäste mit und wippten mit den Hüften, andere wiederum sangen den Refrain mit. Sie beobachtete die Reaktion der Leute. Einige nickten anerkennend mit dem Kopf und flüsterten sich irgendetwas zu. Der Abend versprach sehr erfolgreich zu werden. Vielleicht war ja ein einflussreicher Mensch darunter, der Beziehungen zur Musikindustrie hatte. Nach dem Lied spendete das Publikum frenetischen Beifall. Janis verbeugte sich leicht und bedankte sich artig. Dann folgte der Klassiker Country Roads von John Denver. Wiederum hatte sie den Geschmack der Leute getroffen. Alle sangen nun lauthals mit. Nach einer halben Stunde machte sie eine kleine Pause, um ein Wasser zu trinken und einen kleinen Happen zu essen. Ein Mann trat neben sie.
»Where do you come from in England?«, fragte er sie nach ihrer Herkunft.
»From Bournemouth«, antwortet sie artig.
»Oh great, that’s nice!«, sagte der Mann hocherfreut.
Er wollte gerade eine weitere Frage stellen, da trat Fred hinzu.
»Du solltest nicht allzu lange Pause machen, denn um zehn Uhr müssen wir aufhören.«
»Okay!«, sagte sie und ging wieder zu ihrem Instrument.
Um ihrem Namen gerecht zu werden, spielte sie Me and Bobby Mcgee von Janis Joplin. Sie gab alles, um die Stimme ihrer Namensgeberin zu kopieren. Nach dem Song kam eine ältere Frau auf Janis zu und umarmte sie.
»Vielen Dank, das war so toll gesungen. Sie war in meiner Jugend mein Idol«, sagte die Frau mit belegter Stimme.
Etwas verdutzt stand Janis da. Während sie weitermachte, fiel ihr ein Mann auf, der so gar nicht in die Runde passte. Er war einfacher gekleidet als die anderen und hatte eine Sonnenbrille auf. Aufgrund des hellen Haaransatzes sah man ihm an, dass seine Haare braun getönt waren. Er lehnte lässig an der Bar und beobachtete Janis eindringlich. Da es langsam dunkel wurde, schob er seine Sonnenbrille in die Haare. Immer wieder versuchte er, Blickkontakt zu Janis aufzunehmen. Diese wich ihm aber immer aus. Kurz nach zehn Uhr machte Fred ihr ein Zeichen, dass sie ihren Gesang beenden müsse. Sie spielte noch ein Lied und bedankte sich dann beim Publikum für das Zuhören. Die wollten überhaupt nicht, dass sie aufhörte, und forderten lautstark eine Zugabe. Janis sah zu Fred hinüber, der nickte nur schulterzuckend. Also gab es noch eine Zugabe. Noch während sie sang, tauchten plötzlich zwei Beamte vom Ordnungsamt auf. Fred redete auf die beiden ein, zeigte auf ein paar anwesende Gäste, um den beiden die Wichtigkeit seines Festes zu unterstreichen. Dies überzeugte die beiden Männer aber nicht, sodass Fred schulterzuckend das Ende der Festivität verkündete. Während das Team des Caterers mit dem Abbau begann, verabschiedete Fred seine Gäste. Janis wartete im Hintergrund auf ihren Lohn für diesen Abend. Sie beobachtete, wie Fred etwas Essen und ein paar Flaschen Wein und Champagner auf die Seite legte. Dann ging er zu Janis, gab ihr zweihundert Euro und sagte: »Du warst klasse Mädchen, bleib noch ein bisschen. Wenn die alle weg sind, sitzen wir ein bisschen und trinken ein Gläschen. Ich hatte ein paar einflussreiche Leute eingeladen. Die haben überall hin Beziehungen, vielleicht tut sich da eine Tür für dich auf.«
»Ich würde aber schon ganz gerne gehen, denn sonst verpasse ich den letzten Bus in die Innenstadt«, sagte Janis.
»Quatsch Bus, ich bestell dir ein Taxi, das zahle ich auch!«
Janis hatte Hunger, denn sie hatte seit dem Mittagessen in der Jugendherberge nichts mehr zu sich genommen. Und die Häppchen waren wirklich lecker. Also beschloss sie, noch ein wenig zu bleiben. Angst hatte sie vor dem Mann keine. Sie konnte sich schließlich wehren, wenn er aufdringlich werden sollte. Fred bot ihr ein Glas Champagner an. Zunächst wollte sie aber nur Sprudel haben. Dann tauchten plötzlich drei andere Männer auf. Sie waren ebenfalls Gäste auf der Party gewesen. Sie setzten sich neben Fred in den Sand und tranken Wein. Sie unterhielten sich in einem Dialekt, den Janis nicht verstand. Der Playboy mit den gefärbten Haaren war ebenfalls dabei. Er redete sehr seltsam, leicht näselnd. Offenbar machte er schlechte Witze über jemanden, denn die anderen lachten gequält. Dann prosteten sie einander zu und schauten zu Janis herüber.
»Na komm, ein Glas geht auf deine musikalische Zukunft!«, sagte Fred.
Also nahm sie doch ein Glas. Der Champagner war für ihren Geschmack zu sauer. Sie war ja auch Bier gewohnt und billigen Wein. Sie trank ihn trotzdem.
»Was hast du heute noch vor?«, fragte Fred.
»Ich treffe mich noch mit Freunden unten am Hafen«, log sie.
Sie hatte in Wirklichkeit noch keinen Plan, wie der Abend noch ausklingen sollte. Zuallererst wollte sie ihre Einnahmen sichern. Fred schenkte ihr noch ein Glas ein. Jetzt schmeckte das Getränk schon besser. Leise begann sie ein Lied zu singen. Mercedes Benz von Janis Joplin. Die anderen summten mit und Fred klatschte dabei in die Hände. Dann nahm sie ihre Gitarre noch einmal aus dem Koffer und spielte leise eine undefinierbare Melodie. Es passte einfach zu der Stimmung. Das Plätschern des Wassers der Elbe, der Sandstrand, die lauen Temperaturen. Fred hatte ihr Glas wieder gefüllt. Janis merkte so langsam die Wirkung des Alkohols. Beim Bier hatte sie keine Probleme, da konnten es mal fünf, sechs Stück sein. Aber Wein oder gar Champagner war da eine völlig andere Kategorie. Den anderen ging es nicht besser. Fred begann schon langsam zu lallen. Der komische Typ mit seiner Sonnenbrille hatte sich inzwischen neben sie gesetzt und begann Geschichten zu erzählen, die kein Mensch glauben konnte. Er nannte sich Siggi und war nach seinen Angaben eine wichtige Persönlichkeit in einem schwäbischen Unternehmen. Nach jedem Satz prostete er Janis zu und betonte, dass sie ruhig zulangen sollte, denn es war ja alles umsonst. Da Janis noch nie in Süddeutschland war, konnte sie mit den Ortsangaben von Siggi nichts anfangen. Sie wurde langsam müde und verpackte ihre Gitarre wieder im Koffer. Eigentlich hatte sie jetzt genug getrunken und wollte gehen. Fred bot ihr ein letztes Glas an, das sie in einem Zug leerte. Dann schwanden ihre Sinne.
Gut zwei Monate später, es war Ende Juli, stieg Janis Smith aus dem Zug, der sie von Hamburg über Stuttgart nach Metzingen brachte. Eigentlich hatte sie Hamburg nie verlassen wollen, aber besondere Umstände zwangen sie dazu, diese Reise in den für sie noch unbekannten Süden Deutschlands zu unternehmen. Sie war nämlich schwanger, und zwar im zweiten Monat. Eine Frauenärztin, die bei der Diakonie ehrenamtlich tätig war, hatte sie untersucht und den Befund bestätigt. Da sie schon ewige Zeiten kein intimes Verhältnis mit einem Mann gehabt hatte, bestand nur die Möglichkeit, dass sich einer oder gar mehrere der Männer der Feier an der Elbe im Mai an ihr vergangen hatten, als sie im Rauschzustand schlief. Die Nachwirkungen des Alkoholgenusses an jenem Abend waren so stark, dass sie nichts verspürte – außer tagelangen Kopfschmerzen. Auch sonst fiel ihr an ihrem Körper in der Folgezeit, bis auf die letzten beiden Wochen, nichts auf. Ihr wurde öfter übel, obwohl sie seither keinen Alkohol mehr zu sich genommen hatte. Dass sie keine Monatsregel bekam, war bei ihr keine Seltenheit. Nun aber war irgendetwas anders, weshalb sie sich eben einer Ärztin anvertraute, die sie an die Frauenärztin weiterempfahl. Sie hätte auch einen Schwangerschaftstest in der Apotheke holen können, aber an diese Möglichkeit dachte sie nicht, außerdem kostete das unnötig viel Geld. Um nachzuweisen, wer der Erzeuger ihres Kindes war, brauchte sie DNA-Material. Ihre einzige Hoffnung war ein Tankbeleg, den offenbar einer der Männer in der Nacht neben ihrem Gitarrenkoffer verloren hatte. Sie hatte ihn am anderen Morgen gefunden und aus Zufall eingesteckt. Er stammte von einer Tankstelle in Dettingen an der Erms. Sie hatte sich im Internet über den Ort erkundigt. Er lag in einem Flusstal am Rande der Schwäbischen Alb. Also beschloss Janis, dorthin zu reisen, um den Saukerl zu finden, der ihr das angetan hatte. Ihr Plan war, den Mann erst einmal zur Kasse zu bitten und dann anzuzeigen. Sicherlich handelte es sich um einen braven Familienvater, den in der Heimat kein Wässerchen trüben konnte. Aber wehe, wenn sie losgelassen … Dass es sich bei den Männern um keine armen Schlucker handeln konnte, hatte sie am Aufwand gesehen, mit welchem die Feier abgehalten worden war. Aus den versprochenen Beziehungen zu Musikproduzenten war im Nachhinein nichts geworden. Janis stand danach, wie jeden Tag, an den Landungsbrücken und sang, wie eh und je. Sie nahm an, dass die Möglichkeit, ihren Peiniger ausfindig zu können, sehr hoch sei. Der Kerl würde ihr früher oder später über den Weg laufen, wenn sie zum Beispiel vor einem Supermarkt auftrat. Sie hatte vor, wenn die Sache hier erfolgreich beendet wäre, ihren Vater einzuweihen, um eine Abtreibung einzuleiten.
Sie war noch nie in einer Gegend gewesen, in der es höhere Berge gab, deshalb staunte sie nicht schlecht, als sie die Anhöhen des Albtraufes vom Bahnhof aus erblickte. Sogar einen Weinberg gab es hier, Weinreben kannte sie nur von dem kleinen Weinberg unterhalb der Jugendherberge in Hamburg. Mit ihr stiegen unzählige Asiaten aus, der ganze Bahnsteig war im Nu voll von ihnen. Was wollten die alle hier? Eigentlich wollte sie mit dem Anschlusszug der Ermstalbahn nach Bad Urach fahren, und in der dortigen Jugendherberge ihr Quartier aufschlagen. Sie konnte sich die Reise und die Unterkunft nur leisten, weil ihr Vater sie seit seinem Besuch heimlich finanziell unterstützte. Sie folgte den Asiaten in die Innenstadt, vielleicht konnte sie irgendwo an einer Straßenecke etwas einspielen. Überall sah sie Schilder mit dem Hinweis auf eine Outletcity. Da Janis nichts von modischer Kleidung hielt, konnte sie mit dem Begriff wenig anfangen. Auch konnte sie sich in diesem kleinen Städtchen nicht vorstellen, dass es etwas so Bedeutendes geben sollte, dass Massen von Asiaten dorthin strömten. Durch eine relativ schmucklose Innenstadt, mit im Vergleich zu Hamburg niedrigen Häusern, folgte sie der Menge. Janis konnte nicht verstehen, weshalb die Asiaten alles und jeden fotografierten. Dann aber öffnete sich das Stadtbild, ein großer, freier Platz und moderne Bauten kamen in Sichtweite. Sie folgte weiter der Straße. Dann bog sie an einem neuen Gebäude rechts ab. Wieder kam ein weitläufiger Platz, der noch nicht lange fertiggestellt sein konnte. Hier war der Publikumsverkehr ziemlich stark, nicht zuletzt, weil sich am Ende eine Kneipe mit einem urigen Namen befand. Sie packte ihre Gitarre aus und begann diese zu stimmen. Gerade als Janis ihre Keksdose für das Geld vor sich abstellen wollte, tauchten zwei Security-Typen auf und machten ihr klar, dass dies Privatgelände sei und sie ohne vorherige Genehmigung nicht singen dürfe. Einer der Typen sagte ihr, dass es in der Innenstadt keine Probleme damit gäbe. Das konnte ja vielleicht stimmen, aber dort fehlte das zahlende Publikum. Also packte sie wieder alles ein und ging zurück. Ihr Äußeres passte natürlich auch nicht in diese konsumorientierte Glitzerwelt. Fast hätte sie nicht zurückgefunden, denn sie hatte sich verlaufen. Aber ein Schild mit dem Bild eines Zuges wies ihr den Weg Richtung Bahnhof. Vor einem alten Gebäude, das wohl das Rathaus sein musste, war ein Brunnen. Dort stellte sie sich auf und packte wieder ihre Gitarre aus. Sie begann zu singen, merkte aber sofort, dass das Publikum nicht besonders spendabel war. Auf dem Platz waren Tische und Stühle aufgebaut, die gut besetzt waren. Offenbar saßen hier in der Mehrzahl Einheimische. Janis hatte vom Geiz der Schwaben schon gehört und hier traf es sprichwörtlich zu. Nach zwei Liedern, keinem Beifall und keinem Geld packte sie wieder ein. Also ging es zurück zum Bahnhof. Da es nach zwanzig Uhr geworden war, hatte sie Glück, dass sie gerade noch die letzte Bahn, die sie zum Ziel Bad Urach brachte, erreichen konnte. Kurz nach halb neun kam sie dort an. Sie hatte zuvor gar nicht bemerkt, dass sie die Ortschaft Dettingen passierte, weil sie auf der falschen Seite im Zug saß. Zu sehr faszinierten sie die Berge, in die sich das enge Tal hineingefressen hatten. Dann stieg sie an der Haltestelle Ermstalklinik aus. Genau gegenüber der Haltestelle befand sich die Jugendherberge. Sie musste nur noch die Gleise unterqueren und schon war sie da. Zwar war die Rezeption nur bis acht Uhr am Abend geöffnet, aber die Herbergseltern wussten, dass Janis mit dem Zug ankam, und warteten auf sie. Sie wurde sehr nett empfangen und fühlte sich sofort wohl. Sie bekam sogar ohne Aufpreis ein Betreuerzimmer, weil gerade wenig los war. Janis ging sofort auf ihr Zimmer und legte sich erst einmal auf das Bett, denn sie war hundemüde. Immerhin war sie schon um zehn Uhr in Hamburg losgefahren. Sie war also fast zwölf Stunden unterwegs. Hunger hatte sie keinen, denn sie hatte unterwegs ein Brötchen gegessen. Sofort schlief sie ein. In der Nacht erwachte sie, weil ihr kalt geworden war. Sie hatte das Fenster gekippt und kalte Luft drang ein. Sie zog sich vollends aus und kuschelte sich unter der Decke ein. Es war sehr angenehm, in einem richtigen Bett zu schlafen. In Hamburg hatte sie das nur selten.
Als sie am anderen Morgen erwachte, verspürte sie einen unbändigen Hunger. Es war kurz vor sieben Uhr und die Sonne schien bereits in das Zimmer. Es war sehr ruhig, weil es von der nahen Straße zum Wald hin abgewandt war. Sie hörte das Pfeifen der Vögel, was den Eindruck vermittelte, dass sie sich mitten in der Natur befand. Sie duschte ausgiebig und zog sich dann rasch an. Da es ein schöner Tag zu werden versprach, hatten die Herbergseltern Tische im Freien aufgestellt. Ein reichhaltiges Frühstücksbüfett war aufgebaut worden, was Janis sehr freute. Sie nahm sich einen Teller und belegte ihn mit allerlei Köstlichkeiten, die sie schon lange nicht mehr gegessen hatte. Schließlich nahm sie sich eine Tasse Tee und setzte sich an einen Tisch. Da sie englische Staatsbürgerin war, musste sie einen Meldezettel ausfüllen. Das erledigte sie während des Frühstücks. Auch hatte sie an der Rezeption eine Wanderkarte der Umgebung mitgenommen. Sie wollte sich über den Nachbarort Dettingen informieren. So klein, wie sie sich Dettingen vorstellte, war es dann doch nicht. Von Hamburg war sie gewohnt, dass die Gemeinden an der Peripherie, außer ein paar Kleinstädten nur wenige Einwohner hatten. Dettingen hatte annähernd 10 000 Einwohner. Janis hatte sich vorgestellt, sie ginge an die einzige Tankstelle des Ortes und fragte einfach, wer im Mai für genau hundert Euro getankt hatte. Der Tankwart wüsste dann schon, um wen es sich handelte. Sie hatte sich wohl gründlich getäuscht. Trotzdem wollte sie dorthin, man wusste ja nie. Eigentlich hätte sie mit der Bahn fahren können, aber sie war zu geizig dafür. Nach dem Frühstück machte sie sich auf den Weg. Sie benutzte eine Wanderkarte und ihr Handy als Navigationsgerät. Sie hatte die Wegstrecke errechnet, es waren etwa sieben Kilometer. Zunächst überquerte sie die Bundesstraße, die in Richtung Ulm führte. Dann folgte sie der Stuttgarter Straße. Wenig später ließ sie Bad Urach hinter sich und wanderte in reizvollem Gelände talabwärts. Sie war immer noch fasziniert von den steil ansteigenden Hängen der Schwäbischen Alb. Nach Westen hin öffnete sich das Tal und bald erreichte sie als Vorboten Dettingens ein Industriegebiet. Sie musste den Ort ganz durchqueren, bis sie dann endlich nach mehr als einer Stunde einen Supermarkt erblickte, der in einem ehemaligen Industriegebäude untergebracht war. Nicht weit davon befand sich die gesuchte Tankstelle. Von einer Tankstelle, wie sie sich diese auf der Anreise vorgestellt hatte, war die aber weit entfernt. Sie hatte von acht bis zweiundzwanzig Uhr geöffnet und war äußerst gut besucht. So langsam machten sich Zweifel breit, ob ihr Unterfangen von Erfolg gekrönt sein würde. Trotzdem ging Janis in den Verkaufsraum der Tankstelle. Ein junger Mann hinter dem Tresen sortierte Waren in verschiedene Regale ein. Janis wartete geduldig, bis er sich Zeit für sie nahm.
»Hallo«, sagte sie zu ihm, »kannst du mir vielleicht verraten, wer an dem Tag hier war, um bei euch zu tanken?«
Der Mann nahm den Tankbeleg in die Hand und betrachtete ihn mit Stirnrunzeln.
»Wozu willst du das wissen? Außerdem ist das ja schon zwei Monate her. Da dran kann ich mich nicht mehr erinnern. Weißt du, wie viele Leute hier täglich zum Tanken kommen? Was war denn das für ein Tag?«
Er ging zu einem Kalender, der an der Wand hing, blätterte zurück und kam kopfschüttelnd zurück.
»Da kann ich dir beim besten Willen nicht helfen. Tut mir leid.«
Janis bedankte sich artig und verließ die Tankstelle wieder. Das hätte sie sich also sparen können. Sie setzte sich auf einen Stein und überlegte, was sie tun wollte. Eigentlich könnte sie wieder nach Hamburg fahren, denn ihre Mission war scheinbar schon am Anfang krachend gescheitert. Die Vorstellung, mal eben aufs Land zu fahren und ein paar notgeile Geschäftsmänner zu finden, die sich an ihr vergangen hatten, war einfach absurd. Sie hatte sich von ihrer Wut über sich selbst zu diesem Schritt leiten lassen. Zwar hatte sie noch etwas Bargeld, aber es wäre gut gewesen, wenn sie etwas dazuverdienen könnte. In etwa zehn Kilometern Entfernung befand sich die Großstadt Reutlingen. Dort gab es vielleicht einen Marktplatz oder was Ähnliches, wo sie versuchen wollte, aufzutreten. Also machte sie sich auf den Rückweg nach Bad Urach. Dieses Mal aber nicht zu Fuß, sondern mit dem Bus. Sie hatte gegenüber dem Supermarkt eine Haltestelle erspäht. Dort setzte sie sich auf die Bank und wartete geduldig, bis der Bus kam. Wenig später traf dieser auch ein. Janis bezahlte und wunderte sich über die hohen Preise, die hier im Nahverkehr verlangt wurden. Alles war im Schwabenland einfach anders als in Hamburg. Gegenüber dem Krankenhaus stieg sie aus und ging zurück zur Jugendherberge. Inzwischen war eine Schülergruppe eingetroffen, und es herrschte ein heilloses Durcheinander. Überall tobten Kinder umher, und die Begleiter hatte alle Mühe, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Die Herbergseltern verrichteten indes ihre Arbeit in stoischer Ruhe, offenbar waren sie so etwas gewohnt. Janis ging auf ihr Zimmer und holte ihre Gitarre. Dann verließ sie die Jugendherberge und ging hinunter zur Haltestelle der Ermstalbahn.
Etwas mehr als eine halbe Stunde später stand sie auf dem Bahnsteig des schmucklosen Hauptbahnhofs in Reutlingen. Sie durchquerte den Bahnhof und stand nun vor einem kleinen Park. Hier herrschte wenigstens Verkehr, nicht wie in Bad Urach. Ein Schild wies sie in die Innenstadt. Dazu musste sie eine viel befahrene Straße überqueren. Dann folgte die Fußgängerzone. Sofort fiel ihr vor einer Kirche ein Brunnen auf. Der war ideal für sie, weil sie sich an dessen Rand setzen konnte. Sie blieb allerdings nicht sofort da, sondern ging weiter der Fußgängerzone entlang. Die Geschäfte links und rechts glichen denen Hamburgs, allerdings waren sie eine Nummer kleiner. Wenig später kam ein weiterer Brunnen in Sicht. Dahinter ein großer Platz, der wohl als Marktplatz diente. Auch hier war ein idealer Platz zum Singen. Also packte sie ihre Gitarre aus und stimmte sie. Vor sich stellte sie wieder ihre Keksdose auf. Dann hatte sie eine Idee. Sie ging in den Infopoint des Fremdenverkehrsamtes und fragte nach einem Stück Karton. Die freundliche Angestellte gab ihr sogar eine roten und einen schwarzen Filzstift, um den Karton zu beschriften. Natürlich las die Frau den Text, mit dem sie den Vater ihres ungeborenen Kindes suchte. Sie fragte Janis, ob denn das auch wahr sei, was da stehe. Janis erzählte ihr ihre Geschichte. Die Frau war tief erschüttert und bot Hilfe an, wenn Janis sie brauchen würde. Dies lehnte sie dankend ab, denn sie versprach sich von ihrer Aktion mit dem Karton einen größeren Erfolg. Janis ging zum Brunnen gegenüber und bereitete sich für ihren Auftritt vor. Sie legte den Karton vor sich auf den Boden, sodass jeder, der etwas in ihre Keksdose warf, automatisch das Geschriebene lesen musste. Da es ein warmer Sommertag war, begann sie mit »Sunshine Reggae« von Laid Back. Es dauerte nicht lange, da wurde von einer älteren Frau die erste Münze in ihre Dose geworfen. Und tatsächlich blieb diese stehen und las den Text mit einem Stirnrunzeln. Kopfschüttelnd ging die Frau weiter. Janis beobachtete das Ganze sehr genau. Die Passantin war zu einer Gruppe anderer Frauen gegangen und erzählte denen, was sie da gerade gelesen hatte. Und nun trat eine nach der anderen heran, um den Text zu lesen. Eine von ihnen, mit tiefschwarz gefärbten Haaren und braun gegerbter Haut, telefonierte mit dem Handy, nachdem sie den Karton fotografiert hatte. Mit übertriebenem Hüftwackeln stolzierte sie davon. Geld hatte sie keines in die Dose geworfen. Nach einer guten halben Stunde beendete Janis ihren Auftritt. Sie hatte immerhin etwa zwanzig Euro zusammengebracht. Sie verstaute das Geld in ihrer Tasche und packte die Gitarre in den Koffer. Dann machte sie sich auf den Weg die Wilhelmstraße hinauf bis zur Marienkirche. Dort gab es wieder einen Brunnen. Und wieder begann sie dasselbe Prozedere wie am Marktplatz. Die Besucher des nahen Cafés spendeten ordentlichen Beifall, gaben allerdings wenig Geld, sodass Janis beschloss, den Standort zu wechseln. Wenig später, wieder am unteren Teil der Fußgängerzone angekommen, baute sie sich an einem Brunnen neben einer Kirche auf. Gegenüber entdeckte sie eine kleine Bäckerei, wo sie sich einen Kümmicher holte, den ihr die Verkäuferin als Reutlinger Spezialität wärmstens empfahl. Das Gebäck schmeckte köstlich. Nachdem sie gegessen hatte, begann sie zu spielen. Wieder bildete sich schnell eine Menschenansammlung, aber nicht nur wegen ihres Gesangs, sondern wohl auch wegen des Plakats. Janis fiel auf, wie eine ältere Frau mit einem Mädchen auf der Seite stand und den Kopf im Takt der Musik hin und her wiegte. Die Frau hatte ihre Hände um die Schultern des Mädchens gelegt, als wolle sie sie beschützen. Auch sie hatte das Plakat gelesen und mit Kopfschütteln kommentiert. Nachdem Janis etwas mehr wie eine halbe Stunde gespielt hatte, packte sie ihre Sachen zusammen. Die Einnahmen waren nicht unerheblich, es waren sogar einige Geldscheine darunter, was sie freute. Die Frau mit dem Mädchen trat an sie heran.
»Stimmt die Story auf dem Karton oder ist das nur ein Gag?«, fragte sie.
»Nein, das ist kein Gag. Das stimmt alles!«, antwortete Janis.
»Ich würde mich für die Hintergründe interessieren. Mein Name ist Eva, Eva Beck und das da ist meine Enkelin. Ich hab bis vor einem Jahr bei der Zeitung gearbeitet, und ich möchte gerne deine Story bringen. Vielleicht haben wir die Chance, den Schweinekerl zu finden. Kann ich dich zu einem Kaffee einladen?«
Janis gab ihr artig die Hand.
»Ja gerne. Mein Name ist Janis, ich komme eigentlich aus England. Ich bin zurzeit in Hamburg unterwegs.«
»In der Kirche ist ein Café, der Eingang ist um die Ecke, gehen wir!«, sagte Beck eifrig und ging voran.
Vor der Kirche gab es ein paar Tische und Stühle, die mit Sonnenschirmen beschattet wurden.
»Ich glaube, es ist drinnen ein wenig kühler«, sagte Beck und öffnete die Glastür.
Tatsächlich war es im Inneren der Kirche angenehm kühl. Auch hier waren Tische und Stühle aufgebaut. Auf der linken Seite gab es eine mit Leder überzogene Eckbank. Eva Becks Enkelin setzte sich sofort dort hin, also folgten die beiden Frauen. Es waren wenige Besucher da, sodass eine ungestörte Unterhaltung beginnen konnte. Janis erzählte der Frau ihre Geschichte, dann übergab sie ihr den Kassenbeleg der Tankstelle.
»Wo wohnst du im Augenblick?«, fragte Beck.
»In der Jugendherberge in Bad Urach.«
»Ich kann dir die Telefonnummer vom Frauenhaus in Reutlingen geben, da kommst du umsonst und anonym für die nächsten Tage unter. Ich denke, wenn der Artikel in der Zeitung erscheint, bekommst du mit den Kerlen mächtig Ärger.«
»Ich habe vor niemanden Angst!«, antwortete Janis trotzig.
Die Idee mit dem Frauenhaus war nicht schlecht, so konnte sie sich die Übernachtungskosten sparen und hatte ihre Ruhe. Sie wollte ohnehin nicht lange in dieser Stadt bleiben, da sie immer weniger von ihrer Mission überzeugt war. Da war Hamburg doch eine ganz andere Welt.
Eva Beck telefonierte mit dem Frauenhaus Reutlingen, während Janis das eingenommene Geld sortierte und in ihrer Tasche verstaute. Und wieder lag eine Visitenkarte in der Keksdose, dieses Mal von einer Disco in Reutlingen. Darauf stand in krakeliger Schrift: »Lust auf Auftritt, heute Abend, 21 Uhr? Gage 100 Euro.« Auf der Vorderseite war eine Telefonnummer abgedruckt.
»Also das mit dem Frauenhaus geht klar. Wenn du möchtest, holen wir deine Sachen und du kannst dort ein paar Tage bleiben. Ich hab mein Auto drüben am Bahnhof geparkt«, sagte Beck.
»Okay, klingt nicht schlecht, danke!«
Alle drei standen auf und machten sich auf den Weg zum Parkplatz gegenüber des Bahngeländes.
»Warum tust du das für mich?«, fragte Janis unterwegs.
»Weil du mir leidtust. Und weil ich eine Tochter im ähnlichen Alter habe.«
»Thats nice!«, antwortete Janis sichtlich gerührt.
Wenig später hatte Janis ihre Sachen gepackt und das Zimmer bezahlt. Sie saß nun wieder im Auto von Eva Beck. Diese brachte ihre Enkelin zu deren Mutter und fuhr dann direkt weiter nach Reutlingen.
»Ich habe wieder eine Einladung zu einem Konzert bekommen, kennst du die Kneipe?«, sagte Janis und zeigte die Visitenkarte.
»Jessas Maria, gibt es die Kneipe noch? Die ist uralt. Wurde schon in den Sechzigern eröffnet und ich glaube, die hat immer noch denselben Besitzer. Was zahlt der denn?«
»Hundert.«
»Na ja, nicht schlecht. Wann soll denn das sein?«
»Heute Abend um neun.«
»Gut, dann komme ich auch. Dann bist du nicht so alleine.«
Beck fuhr in eine Siedlung am Rande der Innenstadt. Dort parkte sie das Auto, dann telefonierte sie wieder mit dem Frauenhaus. Wenig später kam eine Frau aus einem Gebäude und schaute sich um. Eva Beck ging zu ihr und zeigte auf ihr Auto. Die Frau nickte und Eva Beck machte Janis ein Zeichen, dass sie aussteigen sollte. Sie folgte der Aufforderung und ging zu den Frauen hinüber.
»Hallo, ich bin die Carmen. Du kannst hier ein paar Tage wohnen, du solltest aber niemanden deine Adresse geben. In diesem Haus sind mehrere Frauen untergebracht, die wir vor ihren gewalttätigen Ehemännern schützen müssen. Es sind zumeist Frauen aus dem Nahen Osten und dem Balkan. Wir möchten auch darauf hinweisen, dass Männerbesuche verboten sind!«
»Okay. Kein Problem.«
