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Der arbeitslose Manfred Wiegand aus Stuttgart erhält per Post einen seltsamen Umschlag mit einem kleinen Taschenkalender aus dem Jahr 1973. Beim Blättern entdeckt er zahlreiche Tagebucheinträge einer Sonia Mertens, die seit vielen Jahren vermisst wird. Darunter sind brisante Eintragungen, die dem Bruder von Sonia Mertens, einem erfolgreichen Landespolitiker, zum Verhängnis werden könnten. Wiegand wittert das Geschäft seines Lebens. Er beschließt, einen Bekannten in Metzingen- Neuhausen aufzusuchen. An einem kalten Morgen, als im Ermstal Eiswein gelesen wird, macht er sich auf den Weg. Wenig später wird seine Leiche bei Bempflingen aus dem eiskalten Fluss gefischt. Kriminalhauptkommissar Meininger, der den Mord aufklären soll, erhält wenig Brauchbares von der Spurensicherung. Erst als der Taschenkalender gefunden wird, findet Meininger eine Spur…
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Über dieses Buch
Der arbeitslose Manfred Wiegand aus Stuttgart erhält einen seltsamen Umschlag mit der Post zugesandt. Darin befindet sich ein kleiner Taschenkalender aus dem Jahr 1973. In diesem stehen Tagebucheinträge einer gewissen Sonia Mertens. Ebenfalls vermerkt sind einige Adressen unter anderem auch die von Manfred Wiegand. Er versteht nicht, warum der Kalender, der bei der Renovierung eines Ferienhauses in Gundholzen am Bodensee gefunden wurde, in seinem Briefkasten landen konnte.
Wiegand entdeckt darin brisante Eintragungen, die dem inzwischen in der Landespolitik erfolgreichen Bruder der Sonia Mertens zum Verhängnis werden könnten. Er findet zudem heraus, dass Sonia Mertens seit August 1973 spurlos verschwunden ist und wittert das Geschäft seines Lebens. Er beschließt, einen Bekannten von damals in Metzingen-Neuhausen aufzusuchen. An einem kalten Morgen, an dem im Ermstal Eiswein gelesen wird, macht er sich auf den Weg. Wenig später wird seine Leiche bei Bempflingen aus dem eiskalten Fluss gefischt.
Kriminalhauptkommissar Meininger erhält wenig Brauchbares von der Spurensicherung. Aber als der Taschenkalender gefunden wird, kombiniert der Reutlinger Hauptkommissar anhand der Einträge und findet so zu einer Spur, die weit zurück in die Vergangenheit und zu den Schuldigen führt.
»Tödliche Erinnerung« ist der vierte Meininger-Krimi von Werner Kehrer. Diesmal spielt sein Wohnort, Metzingen-Neuhausen, eine recht zentrale Rolle.
Werner Kehrer ist in Reutlingen geboren und lebt mit seiner Familie in Metzingen-Neuhausen. Seit 2007 schreibt er Kriminalromane mit dem Kriminalhauptkommissar Gerhard Meininger als leitendem Ermittler.
Werner Kehrer
Tödliche Erinnerung
Ein Schwaben-Krimi
Oertel+Spörer
Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen. Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden. Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© Oertel + Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2015Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehalten.
Titelbild: Werner KehrerUmschlaggestaltung: Oertel + Spörer Verlag, Bettina MehmedbegovićSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-88627-683-7
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Verwundert betrachtete Manfred Wiegand den vor ihm liegenden Umschlag, der soeben mit der Post gekommen war. Er vermutete zunächst, dass es sich um eine Werbesendung handelte, und wollte den Umschlag in den Müll werfen. Dann aber änderte er sein Vorhaben und öffnete ihn. Zu seinem Erstaunen enthielt er eine kurze Notiz und einen mit einem blauen Kunststoffeinband versehenen Taschenkalender aus dem Jahre 1973. Auf dem beigefügten Zettel war zu lesen, dass der Taschenkalender bei der Renovierung eines Ferienhauses in Gundholzen am Bodensee zum Vorschein gekommen war. Er war offenbar zu der damaligen Zeit durch einen Spalt hinter ein an der Wand angebrachtes Paneel gerutscht. Der Absender des Umschlags fand im Kalender zwar einige Adressen unter anderem den der Besitzerin, einer gewissen Sonia Mertens. Aber nur die Adresse von Manfred Wiegand war noch dieselbe wie damals. Wiegand wurde in dem Schreiben gebeten, den Kalender doch an die Besitzerin weiterzugeben, da er sicherlich einige Erinnerungen an jene Zeit enthielt.
Er blätterte in dem kleinen Büchlein und sah, dass dort fein säuberlich die Ereignisse jener Tage aus der Sicht der Besitzerin notiert waren. Leider waren die Einträge schwer leserlich, weil sie mit Bleistift geschrieben worden waren. Manfred Wiegand konnte sich nicht sofort an diese Sonia Mertens erinnern, aber seine Adresse stand da tatsächlich mit drei anderen. Die weiteren Namen waren Alfred und Helmut Fritz und Robert Mertens. Robert Mertens wurde, so erinnerte sich Manfred Wiegand, auch Roger genannt und war vermutlich der Bruder von Sonia. Der Absender des Umschlages hatte Glück, denn Manfred Wiegand wohnte eine ganze Zeit lang nicht an der jetzigen Wohnadresse, der Kleinstraße im Norden Stuttgarts. Er war, nachdem er seinen Berufsabschluss als Elektroniker bei der Firma ITT Schaub-Lorenz erreicht hatte, weiterbeschäftigt worden. Dort arbeitete er sich hoch bis zum Abteilungsleiter der Elektronikfertigung. Er heiratete 1979 und erwarb in der Laustraße ein Haus. Sein sozialer Abstieg begann mit dem Verkauf der Elektroniksparte von ITT an Nokia. Die Finnen brachten das Know-how in ihre Heimat und schlossen Wiegands Abteilung. Er wurde arbeitslos und fand nur schwer eine vergleichbare Anstellung. Die Schulden der Hypotheken drückten immer mehr und so kam es, dass er das Haus verkaufen musste. Hinzu kamen immer mehr Probleme mit seiner Ehefrau durch seinen fortgesetzten Alkoholkonsum. Es endete mit der Scheidung und so landete er kurze Zeit später auf der Straße. Sein Vater, ein strenger, geradliniger Beamter bei der Deutschen Bahn, holte ihn wieder zurück in die elterliche Wohnung. Dort wohnte er nun immer noch, auch nachdem beide Elternteile inzwischen verstorben waren. Eigentlich hätte er längst ausziehen müssen, da er ja nicht bei der Bahn beschäftigt war und die sogenannten Eisenbahnerwohnungen an einen Investor verkauft worden waren. Dieser wollte die Wohnungen nun umfangreich renovieren und dann lukrativ wieder vermieten. Die Mieter hatten dagegen protestiert und die Politik eingeschaltet, sodass es zu einer Übereinkunft mit Duldung der Bewohner gekommen war. Wiegand lebte zurzeit von Gelegenheitsjobs, die ihn gerade so über Wasser hielten. Er reparierte alte Elektrogeräte bei einer Jobinitiative, die in unmittelbarer Nähe in einem alten Bürogebäude untergekommen war.
Dort hatte er auch Gelegenheit, ins Internet zu gehen, um nach Jobs zu suchen. Er hatte aber wenig Hoffnung, denn er war nun Ende fünfzig, da war kein Platz mehr für ihn in der Arbeitswelt.
Wieder nahm er den Taschenkalender zur Hand, an dem am oberen Rand die Jahreszahl 1973 eingeprägt und durch einen Rand hervorgehoben war. Er las ein paar Einträge, die er nicht deuten konnte, weil er den Zusammenhang nicht kannte. Da war von einer Katze Minka die Rede, oder von einem Vogel Hansi. Auf einer weiteren Seite wurde vermerkt, dass eine Platte gekauft worden war, »Stone the Crows« mit dem Titel »Goodtime Girl«. Wiegand konnte sich an den Namen dieser Gruppe überhaupt nicht erinnern, es waren ja auch schon über vierzig Jahre seither vergangen. Die Einträge endeten am 19. August 1973, einem Sonntag. Am Tag zuvor war vermerkt, dass man sich am Abend zu einer Party am Strand getroffen hatte. Alfi, Helmes und Manni Wiegand wollten auch kommen, stand da. Das war unzweifelhaft sein Name. Er war mit seinen Eltern zu jener Zeit oft an den Bodensee zum Camping gefahren, das stimmte. Aber an Gundholzen konnte er sich nicht mehr erinnern. Die meisten Urlaube verbrachte er und seine Eltern in der Nähe von Hagnau. Er blätterte ein paar Tage zurück und da stand wieder: Habe Manni aus Stuttgart kennengelernt, ist ganz nett, sein Vater ist ein strenger Tyrann. Warum nur konnte er sich nicht an das Mädchen erinnern? Hatte er sich die letzten Erinnerungen an seine Jugend abgesoffen? War das eigentlich wichtig? Was brachte ihm dieser komische Taschenkalender? Vielleicht lebten die darin erwähnten Personen schon gar nicht mehr.
Er legte das blaue Büchlein beiseite und widmete sich dem eingeschalteten Fernseher. In einer Nachrichtensendung wurden die Ergebnisse der Fußballbundesliga vom vergangenen Wochenende kommentiert. Wie durch einen Zufall wurde ein Spieler mit dem Namen Patrick Helmes erwähnt. Wieder musste er an den Taschenkalender denken. Helmes hieß eigentlich Helmut und fuhr eine Kreidler RS, signalrot, zur damaligen Zeit ein heißes Teil. Ja, das fiel im wieder ein. Er schaltete den Fernseher aus und legte sich auf das Sofa, schloss die Augen und dachte nach. Dieser blöde Taschenkalender ließ ihm keine Ruhe! Die signalrote Kreidler, ja! Und sein Bruder hieß? Was hatte der noch mal für eine Maschine? Langsam kamen die Erinnerungen wieder. Fred, natürlich! Fred Feuerstein nannten sie ihn! Er hatte feuerrote Haare und fuhr eine Zündapp KS 50. Eigentlich hieß er Alfred, Alfred Fritz, jawohl, so war es! Alfred und Helmut Fritz aus Neuhausen. So stellten sich die beiden damals vor. Sie hatten in ihren Rucksäcken Kirschenschnaps dabei, den sie ihren Eltern geklaut hatten. Darum waren die beiden auch auf den Partys willkommen. Aber an eine Sonia konnte er sich nicht erinnern, beim besten Willen nicht. Die alten Gefühle kamen wieder hoch. Die schöne Zeit am Bodensee, zuerst im Zelt und später dann im Wohnwagen. Man hatte Musik aus dem Kassettenrekorder gehört und Joints geraucht. Und natürlich jede Menge getrunken, alles durcheinander. Damals war Puschkin Mode und Saurer Fritz, später dann Apfelkorn.
Plötzlich stand er auf und ging ins Schlafzimmer. Dort stand immer noch der Schreibtisch seines Vaters. Er hatte ihn nach dem Tod der Eltern nicht mehr angefasst. Er öffnete die beiden Klapptüren unter der Schreibplatte und verharrte eine Weile. Dort standen fein säuberlich aufgereiht, die Erinnerungen seiner Jugend in Form von Fotoalben. Wiegands Vater hatte sie akribisch geordnet, nach Jahrgang versteht sich. Er griff sich das Album mit der Aufschrift »Bodensee 1969 bis 1974«. Dann ging er zurück ins Wohnzimmer und begann zu blättern. Da war ein großes, orangefarbenes Hauszelt abgebildet. Daneben stand, an einen Ford 17 M gelehnt, den man wegen seiner Form Badewanne nannte, sein Vater. Er hatte die Arme in die Hüfte gestemmt und blickte streng in die Kamera. Auf weiteren Bildern waren die Möbel und wieder das Auto abgebildet. Von Manfred Wiegand und seiner Mutter war nichts zu sehen. Offenbar spielten die beiden im Leben des Karl Wiegand eine untergeordnete Rolle. Dann ein paar Bilder von der Umgebung. Das Zelt stand in einem Garten oder einem ähnlichen Grundstück, denn die üblichen Einrichtungen eines Campingplatzes waren nirgendwo zu erkennen. Auch war der See ziemlich weit weg. Auf einigen Bildern war im Hintergrund ein Bauernhof zu sehen. Dann blätterte er weiter bis zum Jahr 1973. Und da stand eindeutig auf der ersten Seite »Urlaub am Bodensee Gundholzen vom 11. bis 19. August«. Wieder dieselben Bilder, nur zum ersten Mal gab es einen Wohnwagen und das Auto war ein cremeweißer Mercedes, Vaters ganzer Stolz. Am Wohnwagen war ein Vorzelt angebracht, in dem Campingstühle und ein Tisch Platz gefunden hatten. Auf einem Bild dann sah er sie: Alfi und Helmes aus Neuhausen. Als Unterschrift stand da: Manfred bekommt Besuch von ein paar Freunden. Alle hatten schulterlange Haare, die bei Alfred Fritz durch ihre rote Farbe und einem Seitenscheitel besonders hervorstachen.
Auf einem anderen Bild sah man die jungen Leute auf den Campingstühlen sitzen und Karten spielen. Auf dem Tisch stand eine Flasche Limonade, wie brav! Aber da, auf einem anderen Bild saß etwas zurückhaltend, ein hübsches, junges Mädchen und schaute gelangweilt in die Runde. War das die besagte Sonia Mertens? Er kratzte sich am Kopf und dachte nach. Er hatte doch auch Bilder gemacht, damals. Mit einer Pocketkamera, die ein ungewöhnliches Format lieferte und dazu auch noch recht unscharfe Bilder. Die müssten doch auch noch aufzufinden sein, irgendwo im Schrank. Er begann sämtliche Schränke, Truhen und Kästen zu durchsuchen. Leider wurde er auch nach intensiver Suche nicht fündig. Wieder betrachtete er das Foto, auf dem das Mädchen abgebildet war. Wie alt mochte sie damals gewesen sein, vielleicht fünfzehn, mehr nicht. Sie war bildhübsch, hatte aber etwas Melancholisches in ihrem Blick. Vielleicht schauten die Mädchen damals alle so. Er nahm den blauen Taschenkalender in die Hand und blätterte darin. Am 19. Juni schrieb sie: R. war wieder bei mir im Zimmer, ich weiß, was er wollte. Ich hab mich tot gestellt, dann ist er wieder gegangen. Wer war R.? Ihr damaliger Freund, wohl kaum, warum sollte sie sich bei seinem Erscheinen tot stellen? Wiegand blätterte wieder an den Anfang zurück, wo die Adressen vermerkt waren. Da stand Robert Mertens, der Bruder. Es war also der Bruder. Hatte er versucht, sich an seiner Schwester zu vergehen? Manfred Wiegand blätterte wieder in den Juni. Am 30. Juni, einem Samstag, stand eindeutig, dass Robert Mertens seine Schwester vergewaltigt hatte, während die Eltern außer Haus waren. Manfred Wiegand schauderte bei dem Gedanken. Ob man diesen Kerl heute noch dafür belangen konnte? Wohl kaum, denn die Tat war längst verjährt. Vielleicht lebten weder der Kerl noch sein Opfer noch. Wiegand beschloss, sich auf die Suche nach Sonia Mertens zu machen. Aber wie sollte er das anstellen? Zunächst wollte er am anderen Morgen zur Jobinitiative gehen und im Internet recherchieren.
In der Nacht fiel ihm wieder ein, wo er die alten Bilder deponiert hatte, denn immer wieder erwachte er, weil er von den damaligen Erlebnissen träumte. Gegen fünf Uhr schließlich stand er auf und ging in den Keller, um nach den Bildern zu schauen. Es ließ ihm einfach keine Ruhe mehr. Im oberen Fach eines alten Kleiderschrankes fand er schließlich einen Schuhkarton mit unzähligen Farbfotos. Zwei Stunden später hatte er dann alles so weit geordnet, dass er den einzelnen Stapeln den ungefähren Zeitpunkt der Aufnahme zuordnen konnte. Die Qualität der Aufnahmen ließ stark zu wünschen übrig. Die meisten Bilder waren unscharf und stark verblichen. Vom Zeitraum des Urlaubs am Bodensee fand er zehn Fotos. Eines davon zeigte ihn selber mit einem großen Stein auf dem Kopf als Gag für seine Freunde. Er trug damals einen fürchterlichen Haarschnitt. Ein weiteres Foto zeigte Helmut Fritz abends am Strand liegend, mit Sonia Mertens im Arm und sie war nackt, zumindest ihr Oberkörper. So etwas, daran konnte er sich nur noch schwach erinnern. Aber er hatte das Foto geknipst, ohne Zweifel. Bei näherem Betrachten fiel ihm im Hintergrund ein grimmig dreinschauender Kerl auf, der eine Joppe aus Jeansstoff trug. War das der Bruder? Er war sich nicht sicher. Er nahm sich vor, zuerst Kontakt mit den Brüdern Alfred und Helmut Fritz aufzunehmen, vielleicht hatten die noch mehr Bilder oder wussten besser Bescheid. Er packte die Bilder und das Büchlein in ein Briefkuvert und richtete sich das Frühstück. Er konnte es kaum erwarten, bis die Jobinitiative um acht Uhr öffnete.
Pünktlich um acht Uhr öffnete sich die Tür des Gebäudes und eine Frau trat heraus, um die Post und die Zeitungen zu holen. Wiegand stand ein paar Meter abseits und wartete. Sie winkte ihm, denn sie kannte ihn schon seit einiger Zeit.
»Hallo Manni, schon so früh heute?«, fragte sie fröhlich.
»Ja, ich muss was im Internet nachschauen.«
»Hast du einen Job in Aussicht?«
»Nein, aber eine Erinnerung an meine Jugendzeit.«
»Eine alte Liebe?«
»So in etwa!«
Er wollte ihr nicht zuviel verraten, denn die Frau galt als Tratschbase. Er setzte sich sofort an den Schreibtisch mit dem Computer und schaltete diesen ein. Dann öffnete er ein Telefonauskunftsprogramm und tippte den Namen Helmut Fritz ein. Einige Augenblicke später hatte er das Ergebnis auf dem Bildschirm. In Stuttgart-Nord, nicht weit von hier, wohnte ein Mann mit diesem Namen. Da er selber kein Mobiltelefon besaß, hob er den Hörer des vor ihm stehenden Dienstapparates ab. Er wählte die Nummer und kurz nach dem ersten Freizeichen wurde auch schon abgehoben. Eine Frauenstimme meldete sich:
»Hallo, hier Fritz!«
»Guten Tag, Frau Fritz, ist der Herr Helmut Fritz zu sprechen?«
»Nein, der ist auf Dienstreise.«
»Darf ich etwas Ungewöhnliches fragen? Wie alt ist der Herr Fritz denn?«
»Warum wollen Sie das wissen?«
»Ich suche die Adressen meiner Kameraden der Abschlussklasse 1970 zusammen«, log Wiegand.
»Das kann nicht sein, da sind Sie falsch. Mein Mann ist achtunddreißig.«
»Hat sein Vater eventuell denselben Vornamen?«
»Nein, nein, da irren Sie sich!«, sagte die Frau und legte auf.
Er überlegte eine Weile. Man hatte die beiden immer die Neuhäuser genannt. Also konnten sie auch aus Neuhausen auf den Fildern stammen. Er suchte nun unter diesem Wohnort und siehe da, alleine sieben Einträge in der Umgebung von diesem Neuhausen. Das konnte ja heiter werden. Er hatte eigentlich keine Lust, den ganzen Tag hinter den Gebrüdern Fritz herzutelefonieren. Nun änderte er den Namen auf den Bruder Alfred. Dort fand sich nur einer in Ostfildern-Ruit. Aber auch da wurde er enttäuscht. Der dort wohnende Mann war weit über achtzig Jahre alt, also kam auch er nicht infrage. Das Ganze fing nicht so an, wie er es sich vorgestellt hatte. Leise fluchte er vor sich hin. Da der Nachname Fritz in der Umgebung von Stuttgart wohl sehr häufig vorkam, versuchte er es mit dem Nachnamen der Besitzerin des Taschenkalenders, dieser Sonia Mertens. Siebzehn Einträge gab es unter dem Namen Mertens in Stuttgart, aber erwartungsgemäß keine Sonia. Er erweiterte den Suchkreis um fünfzig Kilometer und fand in Pliezhausen, einem Ort etwa fünfundzwanzig Kilometer südlich von Stuttgart einen Robert Mertens. Sofort nahm er den Telefonhörer in die Hand, dann aber stutzte er. Was sollte er überhaupt sagen? Er musste eine Story erfinden, damit dieser Mertens nicht misstrauisch wurde. Er begann zu überlegen. Dann hob er doch ab und wählte die angegebene Telefonnummer.
»Hallo?«, meldete sich eine Frauenstimme.
»Guten Tag, bin ich bei der Familie Mertens?«
»Ja, was wünschen Sie?«
»Das ist so, wir sind ein paar Camper im fortgeschrittenen Alter, die sich schon lange Zeit kennen. Während eines Treffens kam einer auf die Idee, man könnte sich doch mit den alten Bekannten wieder treffen, mit denen man in den Siebzigerjahren zusammen am Bodensee den Urlaub verbrachte. So, nun war zu der Zeit auch eine Sonia Mertens dabei. Könnten Sie mir freundlicherweise deren jetzigen Namen und eventuell ihre Adresse verraten?«
»Das geht nicht.«
»Schade. Können Sie mir dann wenigstens sagen, wo sie heute wohnt?«
»Die wohnt nirgendwo mehr.«
»Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen!«
»Sie ist verstorben, in jungen Jahren. Ich glaube, das Mädchen war gerade mal vierzehn.«
»Das ist aber tragisch. Vierzehn sagen Sie? Wann war denn das genau?«
»Das weiß ich nicht, da muss ich meinen Mann fragen. Der ist aber im Moment nicht zu Hause.«
»Noch eine letzte Frage, bitte. Ihr Mann heißt Robert, nicht? Hat man ihn früher Roger genannt, so als Spitzname?«
»Ja, das kann schon sein, aber das ist schon lange her.«
»Dann war er ja auch mit uns am Bodensee. So um 1972 rum!«
»Mag sein, aber ich denke, das interessiert ihn heute nicht mehr!«, sagte sie und legte plötzlich auf.
Verstorben in jungen Jahren, mit vierzehn, was hatte das zu bedeuten? Wie alt war Sonia Mertens damals, als er sie kennenlernte? Er hatte das Mädchen auf mindestens sechzehn geschätzt, wenigstens sah Sonia damals so aus. Er musste diesen Helmut Fritz irgendwie erreichen. Inzwischen war ein weiterer Mitarbeiter der Jobinitiative gekommen und sah Manfred Wiegand interessiert über die Schulter.
»Gott, wie lange ist das denn her?«, sagte er und deutete auf die Bilder, die auf dem Tisch lagen.
»Über vierzig Jahre«, sagte Wiegand nachdenklich.
»Was willst du damit?«
»Ich habe gestern diesen Taschenkalender zugesandt bekommen. Er gehörte einem Mädchen, das vor über vierzig Jahren am Bodensee Urlaub gemacht hat. Und nun erfahre ich gerade, dass sie mit vierzehn verstorben ist. Das muss in der Zeit gewesen sein!«
»Was willst du jetzt machen?«
»Ich versuche, noch andere Leute ausfindig zu machen, die damals dabei waren. Das gestaltet sich aber schwierig, weil die Nachnamen in Stuttgart und Umgebung ziemlich verbreitet sind.«
»Wie heißen die denn? Müller?«
»Nein Fritz, die kamen damals aus Neuhausen auf den Fildern, aber dort wohnt natürlich keiner mehr!«
»Seit wann gehört Neuhausen auf den Fildern zum Landkreis Reutlingen?«
»Wie kommst du denn darauf?«
»Naja, weil auf einem der Mopeds da ein Reutlinger Kennzeichen angebracht ist, oder hat das jemand anderem gehört?«
Wiegand nahm das Bild an sich und sah zu seinem Erstaunen, dass sein Kollege recht hatte. Er hatte diese Tatsache doch glatt übersehen. Es war die Maschine von Helmut Fritz, die Kreidler. Gab es in Reutlingen einen Ort namens Neuhausen? So gut kannte er sich dort unten nicht aus. Gut, früher fuhr er mit seiner Familie oft auf die Schwäbische Alb, aber Reutlingen ließ er links liegen, wegen des starken Verkehrs. Er versuchte es nun erneut im Internet. In Reutlingen selber gab es niemanden mit dem Namen Helmut Fritz. Aber in Metzingen gab es deren drei. Interessanterweise in einem Teilort mit dem Namen Neuhausen. Sieh da! Er war fündig geworden. Sofort wählte er eine der drei Nummern. Niemand hob ab, dann die Zweite. Wieder hob niemand ab, ebenso bei der Dritten. Er sah auf die Uhr, es war mittlerweile halb zehn Uhr geworden. Dann suchte er nach dem Namen Alfred Fritz. Auch hier wurde er fündig, aber nur ein einziges Mal. Der wohnte in Neuhausen in der Kosterstraße. Wieder wählte Wiegand am Telefon.
»Jo?«, fragte eine raue, unfreundliche Stimme.
»Hallo! Ich bin der Manni Wiegand aus Stuttgart! Wir waren zusammen im Urlaub am Bodensee. 1973. Erinnerst du dich noch? Du hast immer den Kirschenschnaps mitgebracht!«
»Jo, ond jetzt?«
»Ich hab noch ein paar Bilder von damals. Sag mal, kannst du dich an die kleine Sonia erinnern? Die Sonia Mertens? Wusstest du, dass die erst vierzehn war?«
»Des woiß doch i nemme! Des isch doch schau so lang her!«
»Kann ich dich mal besuchen? Dann zeig ich dir was Interessantes! Einen Taschenkalender, da steht alles drin, was wir damals getrieben haben, ha, ha, ha!«
»Wenn de moischd«, sagte Fritz und legte auf.
»Komischer Kerl. Der war damals aber anders drauf. Der hat auf die Gäule reingehauen, dass es nur so krachte. Vielleicht hat der streng geheiratet und hat jetzt Angst, dass herauskommt, dass er damals gekifft hat«, sagte Wiegand vor sich hin und legte das Kuvert mit den Fotos und dem Taschenkalender beiseite. Dann begann er, ein defektes Bügeleisen zu demontieren, um es zu reparieren. Immer wieder kreisten seine Gedanken um das Schicksal des Mädchens von damals. Dann hielt er kurz inne und überlegte. Es könnte ja sein, dass sie während des Urlaubs am Bodensee verstorben war, dann wären die Einträge in den Kalender womöglich die letzten ihres Lebens gewesen. Er nahm den Kalender wieder aus der Hülle und blätterte bis zum letzten Eintrag. Am Sonntag, den 19. August 1973, war notiert: »Helmes will heute wieder mit mir auf den See, ich weiß, was er will. Ich will aber nicht. R. passt genau auf, was ich tue. Ich hab Angst, dass er mir was tut«. Er versuchte sich krampfhaft an das zu erinnern, was am Abend zuvor geschehen war, aber vergeblich. Es wäre ihm sicherlich in Erinnerung geblieben, wenn es eine Auseinandersetzung unter den Anwesenden gegeben hätte. Vielleicht hat dieser Alfred Fritz noch Bilder aus dieser Zeit, die Anhaltspunkte liefern könnten. Dann fiel ihm noch eine Möglichkeit ein, das Zeitungsarchiv, natürlich! Einer seiner Kollegen hatte Beziehungen zur Stuttgarter Zeitung. Zu dem wollte er sofort hinübergehen, wenn er das Bügeleisen fertig hatte. Die Reparatur gestaltete sich dann doch nicht so problemlos, wie er sich das vorgestellt hatte, denn er arbeitete daran bis zur Mittagspause. Während dieser nahm er noch einmal den Taschenkalender zur Hand. Er blätterte darin und las die Einträge. Schließlich legte er ihn weg und überlegte. Ob der Bruder von dieser Sonia etwas mit ihrem Tod zu tun hatte? Eigentlich müsste er zur Polizei gehen, denn wenn sich die Vermutung als richtig herausstellen sollte, musste Robert Mertens zur Rechenschaft gezogen werden. Auch nach so langer Zeit, denn Mord verjährt nie. Dann kam ihm eine Idee. Er suchte im Internet nach dem Namen Robert Mertens, und siehe da, es tauchten mehrere Einträge auf. Er war Fraktionsvorsitzender einer Partei und saß als Abgeordneter im Landtag. Sein Aussehen hatte sich stark verändert. Er hatte inzwischen eine Glatze und trug einen Bart, der sein Kinn umrahmte. Auf dem abgebildeten Foto sah er entschlossen und kalt in die Kamera. So, so, der Herr Abgeordnete. In seinem Profil wurde er als Experte für Familienfragen und als Kenner der regionalen Kulturszene beschrieben. Sein jetziger Wohnort wurde nirgends erwähnt. Es war also reiner Zufall, dass Wiegand die Privatnummer von Mertens herausgefunden hatte. Mertens war inzwischen bestimmt ein vermögender Mann, der einflussreich zu sein schien. Manni Wiegand hatte einen Plan, er wollte aber zuerst das Ergebnis seiner Recherchen bei der Zeitung abwarten. Zu seinem Pech aber kehrte der Kollege nicht aus der Mittagspause zurück, weil er krankheitshalber nach Hause ging. Also musste Wiegand sich eben bis zum nächsten Tag gedulden.
Agnes Mertens saß in ihrem Fernsehsessel und löste gerade ein Kreuzworträtsel, als sie hörte, wie die Haustür aufgeschlossen wurde. Es war ihr Mann Robert, der vom Büro nach Hause kam. Er hatte es zum angesehenen Unternehmensberater gebracht und wohnte in einer Villa oberhalb von Pliezhausen, mit Sicht auf den Rand der Schwäbischen Alb. Agnes Mertens war bereits die dritte Ehefrau und die Ehe war nicht gerade harmonisch. Man konnte es einen Zweckverband nennen, denn Agnes war vor der Heirat die Sekretärin von Robert Mertens gewesen. Sie war es auch, die auf eine Heirat bestanden hatte, weil sie nicht nur die Gespielin von Mertens sein wollte. Nun war das Verhältnis nach einigen Jahren abgekühlt, und Agnes Mertens lebte nur noch in den Tag hinein und genoss das süße Leben des Reichtums.
»Bist du es?«, fragte sie ohne von ihrer Zeitung aufzublicken.
»Ja, oder hast du den Weihnachtsmann erwartet?«, fragte Mertens mürrisch zurück.
»Oh, hat man mal wieder einen harten Tag gehabt?«
»Was man von dir nicht unbedingt behaupten kann!«
»Tja so ist es, wenn man unbedingt seine Sekretärin rumkriegen will. Ach ja, was ich noch sagen wollte: Da hat ein Mann angerufen. Er hat sich nach deiner Schwester erkundigt. Er erzählte etwas von Urlaub am Bodensee in den Siebzigerjahren, bei dem deine Schwester wohl dabei war. Sagtest du nicht, dass die mit vierzehn ums Leben kam?«
»Wie hat der geheißen?«, fragte Robert Mertens neugierig zurück.
»Ich habe nicht auf seinen Namen geachtet. Er wollte sich mit den Kumpels von damals wieder treffen, deshalb hat er nach dem heutigen Namen deiner Schwester gefragt.«
»Und? Was hast du gesagt?«, zischte er seine Frau an und baute sich drohend vor ihr auf.
»Nichts natürlich, gar nichts! Warum bist du so nervös? Stimmt da etwas nicht?«
»Quatsch! Alles stimmt! Wenn der Kerl noch mal anruft, fragst du ihn nach seinem Namen, verstanden?«
Robert Mertens drehte sich um und verließ den Raum. Agnes sah ihm verwundert nach. Nach einer Weile erhob sie sich leise und schlich vor die Tür des Arbeitszimmers ihres Mannes. Da die Tür nur angelehnt war, öffnete sie diese einen Spaltbreit und schaute ins Innere. Agnes sah, wie ihr Mann etwas in ein Briefkuvert stopfte und dann mit ein paar alten Zeitungen in den Papierkorb warf. Dann überlegte er es sich noch einmal, nahm das Papierbündel wieder aus dem Papierkorb und ging zur Tür. Agnes Mertens wich zurück und huschte in die Küche, um im Kühlschrank nach einem Saft zu schauen. Über die Schulter sah sie ihrem Mann zu, wie er zur Altpapiertonne ging und ein Zeitungsbündel darin entsorgte. Was er wohl da verschwinden ließ? Agnes wollte sich darum kümmern, sobald er das Haus verließ. Sie setzte sich wieder in ihren Sessel und las ein Buch. Robert Mertens schaltete den Fernseher ein und schaute Nachrichten. Das Ehepaar sprach kein Wort miteinander. Nach einer Weile klingelte das Telefon. Agnes nahm ab und reichte den Hörer an ihren Mann weiter. Der meldete sich kurz und legte nach ein paar belanglosen Sätzen auf. Dann stand er auf.
»Ich muss noch mal weg zur Fraktion«, sagte er und verließ das Haus.
Agnes wartete ein paar Minuten und ging dann vor die Haustür. Sie tat so, als schaute sie nach dem Müll. Dann sah sich sie um, ob sie beobachtet wurde. Niemand war in der Umgebung wahrzunehmen. Agnes öffnete den Deckel der Papiertonne und nahm das Bündel mit den Zeitungen heraus. Sie ging damit in die Garage und faltete es auseinander. Es enthielt unter anderem ein Foto, das in der Mitte zerrissen worden war. Es handelte sich um ein Foto von Sonia Mertens. Sie musste bei der Aufnahme etwa zwölf Jahre alt gewesen sein. Ein unbekümmertes Lächeln umspielte ihr hübsches Gesicht. Auf der Rückseite war ein Datum aufgeführt und daneben ein Kreuz gemalt, der Zeitpunkt des Todes. Agnes nahm das Bild an sich und stopfte das Zeitungsbündel wieder in die Tonne. Dann setzte sie sich wieder in ihren Sessel und betrachtete mit Tränen in den Augen das Foto. Ob ihr Mann mit dem Tod des Mädchens etwas zu tun hatte? Warum wollte er das Foto loswerden? Agnes wollte es herausfinden, denn sie hatte ja Zeit, genug Zeit!
Am nächsten Tag hatte sich Manni Wiegand um zehn Uhr mit seinem Kollegen in der Innenstadt von Stuttgart verabredet. Mit der U-Bahn-Linie 3 fuhren sie hoch zur Haltestelle Landhaus, in deren Nähe sich das Pressehaus Stuttgart befand. Wiegand trottete seinem Kollegen hinterher, der anscheinend den Weg wusste. Beide mussten am Empfang kurz warten, bis sie von einer Dame abgeholt und in einen Raum im Keller geführt wurden.
»Welchen Jahrgang möchten Sie einsehen?«, fragte die Dame freundlich.
»Dreiundsiebzig, August«, sagte Wiegand beflissen.
Daraufhin drehte sie an einem riesigen Rad, das die Regale auseinanderschob. Dann nahm die Frau einen großen Ordner heraus, in dem ein ganzer Packen Zeitungen gebunden war. Den legte sie auf einen großen Tisch.
»So, bitte schön, das sind alle Ausgaben vom August 1973«, sagte sie freundlich.
»Das ist sehr nett, vielen Dank!«, sagte Wiegand und verbeugte sich leicht.
Es war nicht einfach, den Ordner zu öffnen, denn die Zeitungen waren richtig schwer. Wiegand schlug den 19. August auf, den Tag nach dem letzten Eintrag des Taschenkalenders. Die Schlagzeile der Zeitung berichtete von einem fehlgeschlagenen Putsch in Laos. Das Wetter war zu dieser Zeit beständig warm. Der VfB Stuttgart hatte bei Werder Bremen 1:1 gespielt. Es wurde aber nichts von einem Mädchen berichtet, das ums Leben gekommen war. Auch die Ausgaben der folgenden Tage gaben keine weitere Auskunft. Wiegand blätterte dennoch weiter in der Hoffnung, irgendetwas zu finden. Er wurde enttäuscht, denn auch in den Todesanzeigen fand er nichts. Schließlich klappte er den Ordner zu und zuckte mit den Schultern.
»Schade, aber der Versuch war es wert. Nochmals danke schön!«, sagte er zu der Dame.
Wenig später saßen beide Männer wieder an der Haltestelle der U-Bahn.
»War das Mädchen eigentlich zur damaligen Zeit in Stuttgart wohnhaft?«, fragte der Kollege Wiegand.
»Ich glaube schon, denn sie war mit der Bahn an den Bodensee gekommen, oder getrampt. Ganz genau weiß ich es nicht mehr.«
»Steht darüber nichts in dem Büchlein drin?«
»Das ist ja das Komische! Die Adressen aller Freunde der damaligen Zeit waren vermerkt, aber ihre eigene nicht. Vielleicht finde ich in den Aufschriften einen Hinweis, da hast du recht.«
Sie fuhren mit der U-Bahn wieder zurück in die Stadtmitte und weiter in die Nordstadt, wo sie sich noch eine Weile in der Arbeitsinitiative aufhielten. Wiegand ging gegen achtzehn Uhr nach Hause und las nun, am Küchentisch sitzend, die Notizen in dem blauen Taschenkalender. Das Gekritzel war nur mit sehr viel Mühe zu lesen. Er kam so einfach nicht weiter, deshalb beschloss er, noch einmal bei Mertens anzurufen. Er hatte bei der Arbeitsinitiative ein altes Handy bekommen und beim Discounter um die Ecke eine Telefonkarte gekauft. Nun konnte er wieder mobil telefonieren.
Er wählte wieder die Nummer von Robert Mertens. Wieder war die Frau am Telefon.
»Hallo, ja?«, fragte sie fast ängstlich.
»Ja, guten Tag, ich habe Sie schon mal angerufen. Es geht um Sonia Mertens. Nun ist das so, Frau Mertens, ich habe einen Taschenkalender zugesandt bekommen. Der gehörte offenbar Sonia Mertens, das steht jedenfalls drin. Das wäre ja nicht so ein Problem, wenn da nicht ein paar Bemerkungen notiert wären, die höchst süffisant sind«, erzählte Wiegand.
»Aha, und Sie glauben, diese Sonia Mertens ist die Schwester meines Mannes gewesen? Ich denke, dass es noch mehr Frauen mit diesem Namen gibt.«
»Mag sein, aber nicht in Stuttgart«, entgegnete Wiegand.
»Sehen Sie, das kann schon mal gar nicht sein, denn Sonia wohnte bis zu ihrem Tod in Kirchentellinsfurt. Also kann das schon gar nicht sein. Wer sind Sie überhaupt? Wie kommen Sie zu unserer Telefonnummer?«
»Frau Mertens, ich möchte Ihnen mal eine Passage aus dem Taschenkalender vorlesen. Vielleicht interessiert es Sie dann doch noch. Also am 30. Juni 1973 steht da: R., für Robert: …ist wieder in mein Zimmer gekommen. Ich habe mich tot gestellt, hat aber nichts genutzt. Er tat mir sehr weh!«
»Woher weiß ich, dass Sie mir keinen Bären aufbinden?«
»Ich kann Ihnen ja die Originalseite zukommen lassen!«
»Sie wollen doch bestimmt was dafür! Also?«
»Sagen wir für diese eine Seite, die die Karriere Ihres Mannes schlagartig beenden könnte, fünfhundert?«
»Sie sind ja verrückt! Niemals!«, rief Agnes Mertens empört.
»Okay, dann schick ich den Kalender an die Grünen im Landtag. Mit denen rupft sich doch Ihr Mann öfters, gell?«
»Hören Sie! Sie Schuft, das werden Sie nicht tun!«
»Also, dann zahlen?«, fragte Wiegand und legte auf. Er wollte ihr Zeit geben, die Sache zu überdenken. Nun war er kriminell geworden, denn das war eindeutig Erpressung. Er hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei, denn Robert Mertens war nach seinen Informationen kein unbeschriebenes Blatt. Er hatte einige politische und private Affären hinter sich, hatte seinen Kopf aber jedes Mal aus der Schlinge ziehen können. Großen Anteil daran hatten seine Partnerinnen, mit denen er zum jeweiligen Zeitpunkt liiert war. Nun wusste er, dass Sonia Mertens aus Kirchentellinsfurt, einem Ort nahe Tübingen, stammte. Also galt es, nach Zeitungsarchiven in Reutlingen und Tübingen zu suchen.
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