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Auf einem Hofgut der Schwäbischen Alb findet eine Veranstaltung zum Thema "Fremdenverkehr im ländlichen Raum" statt. Initiiert und durchgeführt wird dieses Event von Staatsrätin Christina Baader vom Ministerium für Landwirtschaft und Tourismus. Sie kennt sich in der Materie bestens aus, da sie von einem Bauernhof auf der Schwäbischen Alb stammt. Es ist vorgesehen, dass Baader und ihre Vorgesetzte, Staatssekretärin Melissa Sawatzki, in einem Schäferkarren übernachten. Am anderen Morgen findet ein Elektriker, der zur Reparatur einer Lampe gerufen worden war, beide Frauen tot auf. Aufgrund der politischen Brisanz zieht das LKA die Ermittlungen an sich. Der Reutlinger Kriminalhauptkommissar Gerhard Meininger gibt sich jedoch mit einer Nebenrolle nicht zufrieden und untersucht den Fall auf seine Weise. Dabei riskiert er nicht nur seinen Job.
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Seitenzahl: 321
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Werner Kehrer
ist gebürtiger Reutlinger, verheiratet und lebt in Metzingen-Neuhausen. Er ist inzwischen im Ruhestand und verbringt seine Freizeit neben sozialen Ehrenämtern in seiner kleinen Landwirtschaft. Er schreibt seit 2007 Krimis mit Hauptkommissar Meininger und seinem Team als Ermittler.
Werner Kehrer
Schwabenkrimi
Oertel+Spörer
Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen.Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© Oertel + Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2024Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehalten.Titelfoto: AdobeStockGestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenLektorat: Bernd WeilerKorrektorat: Sabine TochtermannSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-96555-183-1
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Der Scheibenwischer verrichtete seine Tätigkeit mit einem lang gezogenen Ächzen. Ein leichter Sommerregen ging über dem Land nieder, als sich Christina Baader auf den Weg auf die Schwäbische Alb machte. Sie sollte sich mit ihrer Chefin, der Staatssekretärin Melissa Sawatzki, im Hofgut Hopfenburg nahe Münsingen treffen. Dort wurde auf Initiative des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus zu einer Tagung mit Unternehmern, Bauern und den Vertretern der Kommunen eingeladen. Es ging um die Probleme mit dem Tourismus nach der Bewältigung der Coronakrise und den Abbau von bürokratischen Hürden bei der Erteilung von Lizenzen zur Vermietung von Ferienwohnungen. Christina Baader hatte von ihrer Chefin die Aufgabe zugeteilt bekommen, Themen als Diskussionsgrundlage zusammenzutragen. Die Vertreter der Tourismusbranche auf der einen und die der Behörden auf der anderen Seite sollten sich gegenübersitzen. Anschließend wollte die Staatssekretärin vorbildlich wirtschaftende Betriebe mit Urkunden und Medaillen auszeichnen. Dem sollte ein lockeres Gespräch unter allen Beteiligten bei einem Büfett und Getränken von einem lokalen Caterer folgen.
Christina Baader war zwar »nur« Ministerialrätin, aber sie besaß das Talent und das Fachwissen, Meinungsverschiedenheiten diplomatisch auszuräumen. Nur deshalb hatte sie Staatssekretärin Sawatzki auf die Alb beordert. Christina Baader konnte ihre Chefin nicht ausstehen, war diese doch in ihren Augen nichts anderes als ein »Karriereflittchen«. Tatsächlich hatte man für diese Frau extra eine Stelle geschaffen, um sie zu beschäftigen. Dies ging aber nur mit besten Beziehungen zur neu gewählten Landesregierung. Sawatzki war nach ihrer Berufung in das Amt der Staatssekretärin für die Weiterentwicklung des Tourismus im ländlichen Raum zuständig. Ein Bereich, in dem es fast nie größere Probleme gab. Trotzdem musste man sich hin und wieder vor Ort sehen lassen, um zu zeigen, dass sie gebraucht wurde. Christina Baader hatte auch die Eröffnungsrede der Tagung für die Staatssekretärin geschrieben. Baaders Ziel war es, über kurz oder lang den Posten von Sawatzki zu übernehmen. Sie hatte in den vergangenen Wochen und Monaten alles daran gesetzt, in Regierungskreisen für Gesprächsstoff zu sorgen, um auf ihre Fachkompetenz hinzuweisen.
Auf Höhe der Ausfahrt Metzingen West verließ Christina Baader die B 312, denn sie hatte noch eine wichtige Verabredung mit einem Freund aus früheren Tagen. Er sollte sie bei dem Vorhaben unterstützen, die Sawatzki von ihrem Posten zu verdrängen. Koste es, was es wolle. In der Innenstadt gab es ein Café, wo sie sich mit dem Mann treffen wollte. Baader hatte vor, dem Mann Vorschläge zu unterbreiten, wie er verhindern sollte, dass die Staatssekretärin zum Veranstaltungsort gelangen konnte. Wenn dies gelänge, wollte Christina Baader in Vertretung die Eröffnungsrede halten und die Moderation der Veranstaltung übernehmen. Dann konnte sie endlich zeigen, was in ihr steckte. Baader fand einen Parkplatz im Parkhaus des Rathauses. Sie wollte nicht, dass ihr Auto so einfach gesehen werden konnte. Das war durchaus möglich, weil sich im Outlet von Metzingen die halbe Welt traf. Es konnte durchaus sein, dass einer ihrer Kollegen zufällig vor Ort war. Sie wollte sich dumme Fragen einfach ersparen. Da sie noch etwas Zeit hatte, ging sie nicht den direkten Weg zum Café, sondern hinter dem Rathaus zur Kronengasse. Dann gelangte sie schließlich zur Reutlinger Straße und wieder zurück zum Rathaus. Nach wenigen Metern erreichte sie das Café. Da es regnete, ging sie hinein. Es war zu dieser Zeit wenig los, denn es war kurz nach ein Uhr, also noch keine Kaffee- und Kuchenzeit. Da Christina Baader noch keine Zeit für ein Mittagessen hatte, genehmigte sie sich als Ausgleich ein Stück Torte. Am Eingang erspähte sie Mohammed Elias, den Mann, den sie erwartete. Neugierig schaute er sich um und ging dann freudestrahlend auf den Tisch von Christina Baader zu.
»Hallo, schön dich mal wieder zu sehen!«, sagte er und drückte Baader an sich.
»Freut mich, dass du gekommen bist!«, sagte sie.
Er holte sich ein Wasser und einen Kaffee und setzte sich neben sie.
»Was kann ich für dich tun?«, fragte er und kam sofort auf den Punkt.
»Du kennst doch meine Chefin, die Sawatzki?«
»Ja, wer kennt die nicht?«, sagte Mohammed und verdrehte die Augen.
»Die kann nichts! Die ist eine Zumutung für unsere Abteilung. Ich arbeite daran, die abzusägen.«
»Und wer soll dann ihre Arbeit machen?«
»Ich, wer sonst. Ich mache doch sowieso alles! Die liest die Texte vom Blatt ab, die ich ihr formuliere, ich löse alle Probleme, die an uns angetragen werden! Ich mache alle Termine, die würde doch ihren Arsch nie und nimmer aus ihrem Büro erheben, wenn ich nicht mit den Bürgern und den anderen Behörden Termine machen würde!«
»Wie willst du das anstellen?«
»Ich brauche deine Hilfe. Du musst verhindern, dass sie heute Abend in Münsingen auftaucht«, sagte Baader leise.
»Wie stellst du dir das vor? Soll ich die etwa umbringen?«
»Mach, was du willst, du hast mir doch immer erzählt, dass du Beziehungen zu besonderen Jungs hast. Ich übernachte übrigens heute in Münsingen. Sollen wir uns noch nach der Veranstaltung da oben treffen?«
Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, sodass ihr üppiger Busen noch mehr zur Geltung kam. Sie wusste, dass es Mohammed schon lange auf sie abgesehen hatte. Ihre Haltung blieb nicht ohne Wirkung, denn der gebürtige Araber starrte lüstern auf ihre Oberweite. Dann legte er seine Hand auf ihren Oberschenkel und sagte: »Ich werde schauen, was ich tun kann.«
Er stand auf und verschwand wieder. Nachdenklich genoss Christina Baader ihre Torte. Sie hatte diesen Elias in der Hand, denn sie wusste von einigen seiner Geschäfte, die sich weit jenseits der Legalität bewegten.
Mohammed Elias war der Sohn eines Gewürzhändlers, der aus dem Libanon stammte, und in Stuttgart seinen Geschäftssitz hatte. Der Vater Achmed war ein honoriger Geschäftsmann und ein engagierter Unterstützer von mehreren Mildtätigkeitsorganisationen und Sportvereinen. Dementsprechend war sein Ansehen in der Öffentlichkeit hoch angesiedelt. Er hatte seinen Sohn Mohammed auf die besten Schulen geschickt. Im Anschluss an das Abitur musste Mohammed auf Geheiß des Vaters in Ludwigsburg Verwaltungsmanagement studieren, um danach in die Politik einsteigen zu können. Dort hatte er auch Christina Baader kennengelernt, die unter den anderen Studenten nicht nur durch ihre Oberweite, sondern auch durch ihren Ehrgeiz und ihren Wissensdurst auffiel. Sie war schon damals keine besondere Schönheit, wusste aber mit ihrem Körper zu punkten. Elias versuchte immer, an Christina heranzukommen. Die schaffte es aber, ihn auf Distanz zu halten. Mit der Zeit entwickelte sich dann doch ein freundschaftliches, aber auf Abstand bedachtes Verhältnis. Christina machte Karriere beim Staat, und Mohammed gab sich eher als Sohn reicher Eltern aus, als beruflich durchzustarten. Immer wieder versuchte er zwar, als Geschäftsmann Fuß zu fassen, was ihm aber nie richtig gelang. Im Gegenteil, sein Vater musste immer wieder seine Beziehungen spielen lassen, um seinen Sohn vor einer Bestrafung wegen illegaler Geschäfte zu bewahren. Christina Baader kannte einige dieser Geschichten und die Namen der Personen, die dafür gesorgt hatten, dass die Staatsanwälte die Füße ruhig hielten. Dementsprechend konnte sie auch Druck auf Elias ausüben. Einige der »Paten« von Elias waren heute in hohen Ämtern in der Verwaltung des Landes tätig. Dieses Wissen spielte in Christina Baaders Zukunftsplänen eine große Rolle.
Ihre Karrierepläne waren schon immer von krankhaftem Ehrgeiz gekennzeichnet. Da hatten eine Partnerschaft oder gar Familie mit Kindern keinen Platz. Sie war seit ihrer Jugend ohne richtige Freunde geblieben. Das hatte sie geprägt, denn sie kannte kein Gefühl der Rücksicht und war wenig anpassungsfähig. Da sie eher eine burschikose Erscheinung vom Lande war, interessierten sich auch kaum Männer für sie. Außer die waren betrunken und wollten ihr an die Wäsche. Da sie ihn ihrer Jugend eine Zimmererlehre begonnen hatte, war sie kräftig genug, sich dagegen zu wehren.
Christina Baader stand auf und räumte das Tablett in einen dafür vorgesehenen Behälter. Dann machte sie sich schließlich auf den Weg nach Münsingen. Die Veranstaltung sollte im Hofgut Hopfenburg stattfinden. Dieses befand sich ein paar Hundert Meter außerhalb Münsingens in Richtung Mehrstetten. Die Staatssekretärin hatte die glorreiche Idee gehabt, dass sie und Christina Baader jeweils in einem Schäferkarren übernachten sollten. Sawatzki wollte mit der Übernachtung ein Zeichen der Verbundenheit mit den örtlichen Fremdenverkehrsbetrieben setzen. In Kreisen der Verwaltung war sie bekannt für ihre Vorliebe für Rotwein, vor allem wenn der nichts kostete. Und an diesem Abend war alles kostenlos. Das bedeutete, dass Sawatzki im Anschluss ganz sicher nicht mehr fahrtüchtig sein würde. Baader widerstrebte das Ganze, sie kam vom Land und wusste, was es bedeutete, in einem Schäferkarren zu nächtigen, und welche gewohnten Annehmlichkeiten dabei fehlten.
Als Christina Baader am Eingang des Hofguts ankam, war sie viel zu früh dran. Der Veranstalter war noch mitten in den Vorbereitungen für den Abend. Überall standen Lieferfahrzeuge, aus denen Lichtequipment und Lautsprecher ausgeladen wurden. Sie meldete sich am Eingang an. Völlig überrascht reagierte der Mann auf die frühe Ankunft der Ministerialrätin.
»Sie überraschet mich jetzt vollkomma!«, sagte der Mann in seinem kleinen Büro. »Kommt die Frau Staatssekretärin dann auch so früh?«
»Nein, nein! Ich wollte nur ein wenig vorher ausspannen, das ist alles!«, antwortete Baader.
»Sie wohnen, wie gewünscht, in einem Schäferwagen, gleich neben der Frau Staatssekretärin. Ihr Auto können Sie direkt davor abstellen. Hier ist die Nummer des Wagens und die dazugehörigen Schlüssel. Wenn Sie noch etwas benötigen, dann melden Sie sich einfach. Ich wünsch Ihnen einen schönen Aufenthalt bei uns!«, sagte der Mann geschäftig. Er sah ihr mit zusammengekniffenen Augen nach. Dann hob er den Telefonhörer ab.
Christina Baader nahm den Schlüssel entgegen und stieg wieder in ihr Auto. Dann fuhr sie nicht, wie empfohlen, direkt vor den Schäferwagen, sondern stellte ihr Auto etwas abseits auf dem Wanderparkplatz in unmittelbarer Nähe zum Gelände ab. Sie hatte einen Ausdruck erhalten, auf dem der Lageplan abgebildet war. Ihr Schäferwagen stand dem Wanderparkplatz am nächsten. Außerdem bot er einen sehr guten Überblick auf die Einfahrt und die Festscheune des Feriengeländes. Der Wagen war einfach eingerichtet: ein Doppelbett, ein Tisch und ein Waschbecken. Die Sanitäranlagen lagen etwas weiter weg. Das war nun nicht so ihre Sache, denn sie wollte auf ihre eigene Toilette gehen und vor allem nicht bei Nacht und Nebel über das Gelände laufen. Für eine Nacht tolerierte sie aber das Ganze mit Zähneknirschen. Sie stellte ihre Reisetasche auf den Tisch und öffnete die Fensterläden. Dann schloss sie die teilbare Eingangstür und legte sich auf das Bett. Sie dachte über den weiteren Verlauf des Abends nach. Sollte es Elias tatsächlich gelingen, die Staatssekretärin an der Teilnahme der Veranstaltung zu hindern, so musste sich Christina Baader in die Unterlagen und Redeprotokolle einlesen. Also ging sie zu ihrer Reisetasche und kramte einen Ordner hervor. Dann blätterte sie lustlos in den Unterlagen. Da sie Urheberin der Texte war, kannte sie das meiste. Aber sicher ist sicher, dachte sie und zwang sich, einige Blätter durchzulesen. Immer wieder warf sie einen Blick zum Fenster hinaus. Unten in der Festscheune wurde immer noch gewerkelt. Über ihr Handy verfolgte Christina Baader eine Radiosendung. Der Sprecher verlas gerade eine Verkehrsmeldung, die einen Stau in der Seeburger Steige zwischen Bad Urach und Münsingen meldete. Die Bundesstraße war wegen eines Unfalls komplett gesperrt, der Verkehr wurde weiträumig umgeleitet. Hatte Elias ihren Auftrag ausgeführt? Baader wurde ein wenig nervös. Sie schwitzte leicht und hatte plötzlich eine trockene Kehle. In ihrem Auto hatte sie immer eine Flasche Mineralwasser deponiert, die wollte sie jetzt holen. Zuvor wollte sie aber Mohammed Elias anrufen, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Dazu benutzte sie weder ihr Diensthandy noch ihr Privathandy. Für solche Zwecke hatte sie sich ein billiges Gerät angeschafft, das sie im Falle eines Falles vernichten konnte. Elias meldete sich aber nicht. Also lief sie schnell hinunter zu ihrem Auto. Vor der Einfahrt sah sie, dass sich eine Menschengruppe gebildet hatte. Es handelte sich dabei sicherlich um Funktionäre der örtlichen Tourismusbehörde und um Landwirte, die angereist kamen. Auch sie waren wohl zu früh dran und versammelten sich deshalb vor dem Eingang zur Festscheune. Eine Bedienung reichte Getränke. Christina Baader überlegte, ob sie sich dazu gesellen sollte. Aber da entschied sie sich doch anders, denn sie erkannte unter den Anwesenden jemanden, mit dem sie nicht gerechnet hatte, und den sie auch nicht wiedersehen mochte! Es war ihr älterer Bruder Gerd, den sie schon lange nicht mehr gesehen hatte. Was hatte der auf dieser Veranstaltung zu suchen? Neben ihm stand zu allem Unglück auch noch die Frau ihres anderen Bruders Josef, Silvia. Alle Pläne, die sich Christina Baader ausgedacht hatte, waren nun in Gefahr, sich in Luft aufzulösen. Sie ging eilends zurück in den Schäferwagen und achtete darauf, nicht gesehen zu werden. Inzwischen war die Sonne hervorgekommen, im Schäferwagen wurde es langsam warm. Christina Baader schloss die Fensterläden wieder, ließ aber das Fenster geöffnet, um durch die Ritzen hinausschauen zu können. Sie starrte hinunter zur Festscheune. Immer mehr Besucher fanden sich ein. Sie legte sich auf das Bett und überlegte. Sollte sie unter diesen Umständen überhaupt da hinuntergehen? Sie musste, denn so wie es aussah, hatte Elias seinen Job gemacht. Sie durfte sich nicht aus dem Konzept bringen lassen. Ob ihr Bruder sie wiedererkennen würde? Es war ja schon viele Jahre her, dass sie mit ihrer Familie den Kontakt abbrach und sich geschworen hatte, niemanden von denen mehr zu begegnen zu wollen. Zu viel Schlimmes war geschehen in jenen Tagen. Wieder kamen diese bedrückenden Gefühle des Erlebten in ihr hoch. Eigentlich hatte sie gedacht, damit ein für alle Mal abgeschlossen zu haben.
Christina Baader kam aus ziemlich ärmlichen Verhältnissen. Sie wurde als siebtes Kind eines Bauern auf der Alb geboren. Ihre Kindheit war geprägt von viel Arbeit und Gewalt. Sie war das Jüngste der Geschwister, eine Nachzüglerin und wurde von Anfang an als »unnötige Fresserin« angesehen und vom Vater auch so behandelt. Den Begriff »Nesthäkchen« kannte sie nur aus dem Wörterbuch. Schon früh entwickelte sie ein Gespür für das Organisieren von Arbeitsabläufen und den Umgang mit Zahlen. In der Schule und auf dem Hof ihrer Eltern wurde dieses Talent aber nicht gefördert, denn man brauchte billige Arbeitskräfte, die die Kühe zum Melken brachten und bei der Heu- und Getreideernte halfen. Später, als dann auch auf dem Hof die zunehmende Automatisierung Einzug hielt, wurde sie die Küchenmagd der Mutter. Ihr Vater war ein einflussreicher Bauer und in der Lokalpolitik engagiert. So kam es, dass Christina Baader eine Lehre bei einem Zimmergeschäft begann, alles auf Geheiß des Vaters.
Als sie in die Pubertät kam, entwickelte sich ihre üppige Oberweite. Sie schämte sich dafür und versuchte, mit weiter Kleidung das Ganze zu verstecken. Natürlich wurde sie ein Objekt der Begierde, vor allem bei den Dorfjugendlichen. Der Vater erkannte die Vorteile sofort und versuchte, die Tochter mit gut situierten Bauernsöhnen der Umgebung zu verbandeln. In dieser Zeit entwickelte sie eine gewisse Abscheu vor Männern und dies ließ sie jeden spüren, der sich ihr näherte. Selbst in der eigenen Familie gab es Übergriffe, die aber zumeist bei Versuchen blieben, weil sie sich zu wehren wusste. Eines Morgens stand ihr Vater plötzlich im Bad, als sie aus der Dusche trat. Da ergriff Christina die Klobürste, aus Ermangelung an besseren Waffen, und warf sie nach ihm. Er konnte ausweichen und versuchte, seine Tochter zu verprügeln. Dies gelang ihm aber nicht mehr, denn sie war inzwischen stark genug, um sich zu wehren. Sie erzählte ihrer Mutter davon, wusste aber, dass sie von deren Seite keine Unterstützung zu erwarten hatte. Dann kam dieser Sonntag im Juli. Die Heuernte stand an und man musste sich beeilen, weil schwere Unwetter vorhergesagt worden waren. Der Vater hatte sich eine Heupresse zugelegt, die rechteckige Ballen produzierte. Diese Ballen waren schwer und mussten über ein Förderband auf den Heuboden transportiert werden. Diese Arbeit war äußerst gefährlich, weil man bei der Abnahme aus dem Förderband in die Tiefe stürzen konnte. Christina wurde zu dieser Arbeit eingeteilt, weil nach Ansicht ihres Vaters ein Unfall mit ihr keine größeren Auswirkungen auf dem Hof haben könnte. Zunächst ging die Arbeit sehr gut voran. Ihre Brüder und der Vater kamen mit den Traktoren in die Scheune gefahren und entluden die Heuballen auf das Förderband. Unter dem Dach der Scheune war es an diesem Tag sehr warm. Die Sonne schien unbarmherzig auf das Dach. Christina hatte sich deshalb nur ein Bikinioberteil angezogen. Während des Transportes eines Ballens, blieb plötzlich das Transportband stehen. Der Motor brummte laut und fing an zu rauchen, wenig später stellte er seinen Dienst ganz ein. Der älteste Bruder, der die Ballen auf das Band lud, schimpfte und fluchte. Dann kam er die Leiter herauf und schrie seine Schwester an.
»Du bleeda Sau, was hoschd denn scho wieder dau, dass der Modor nemme duad?«
»Gar nix han i do!«
Dann sah er plötzlich auf ihre Brüste und ging auf sie zu. Grinsend zog er seine Hose aus und wollte Christina zu sich herziehen, da verpasste sie ihm einen Faustschlag mitten ins Gesicht. Ihr Bruder taumelte zurück und fiel vom Heuboden hinunter in die Tiefe. Wie zu einer Salzsäule erstarrt, stand Christina da. Dann begann sie am ganzen Körper zu zittern. Vorsichtig ging sie nach vorne, um nach unten zu sehen. Ihr Bruder lag völlig verdreht auf dem Transportband. Es bestand kein Zweifel, dass er tot war. Jetzt erst bemerkte sie, dass seine Hose noch auf dem Heuboden lag. Sie überlegte, was sie tun sollte. Es herrschte eine seltsame Ruhe. Nicht einmal die Hühner, die sonst auf dem Hof herumliefen, gackerten. Ihr wurde so langsam bewusst, dass sie am Tod ihres Bruders schuldig war. Aber sie hatte sich doch nur gewehrt! Der Kerl war verheiratet und hatte zwei kleine Kinder. Er war als Hoferbe vorgesehen und dann so etwas. Sie überlegte weiter. Wenn man die Hose dort oben fand, war sofort klar, was geschehen war. Also nahm Christina die Hose, riss sie ein und hängte sie an der Leiter auf. Es sollte so aussehen, dass der Bruder auf der Leiter ausgerutscht und die Hose an einem Haken hängen geblieben war. Dann hörte sie plötzlich, dass sich ein Traktor näherte. Sie ging zurück und stapelte die Heuballen, die noch nicht versorgt waren, aufeinander. Der Traktor fuhr in die Scheune ein. Da erklang plötzlich ein greller Schrei! Der Vater schrie, wie sie es noch nie gehört hatte.
»Mai Bua, mai liaber Bua!«, schrie er.
Dann hörte sie, wie er die Leiter hochstieg.
»Du domma Sau, hosch du des ett gmerkt, dass dai Bruader verogliggt ischd?«
In diesem Augenblick überlegte sie, ob sie ihm nicht auch einen Hieb versetzen sollte.
»Was isch denn los? ’S Förderband ischd schdanda blieba. Der Josef hot danoch gugga wella!«
Sie ging langsam nach vorne und nahm eine Mistgabel in die Hand, nicht, dass der Vater auch noch auf dumme Gedanken kam und sie hinabschubste.
»Du hosch da Josef do nagschmissa, du! Du Hex! Des bischd blos du gwea!«, zischte der Vater und stieg die Leiter wieder hinunter.
Christina zog es vor, oben zu bleiben, denn hier konnte sie sich besser verteidigen. Der andere Bruder, Gerd, war inzwischen dazugekommen und sah ebenfalls das Unglück. Sofort ging er zum Telefon und verständigte den Rettungsdienst. Dann begannen Vater und Sohn den Verunglückten zu bergen. Beide wussten, dass nichts mehr zu machen war. Es dauerte eine Weile, bis die Martinshörner der Einsatzfahrzeuge zu hören waren. Wenig später trafen dann auch die ersten Helfer ein. Kurz darauf auch die Polizei. Die Beamten sahen sich alles ganz genau an. Einer von ihnen nahm die Hose von der Leiter und untersuchte sie eingehend. Dann gab er sie seinem Kollegen und besprach sich mit ihm. Währenddessen wurde dem Bauern eine Beruhigungsspritze verabreicht. Immer wieder sah er zu Christina hinauf und wimmerte etwas von schuldig. Einer der Polizeibeamten hatte das mitbekommen und erklomm nun die Leiter. Er erblickte eine völlig verängstigte junge Frau, die mit einer Mistgabel bewaffnet, in der Ecke saß.
»Was ist passiert?«, fragte er Christina.
»Ich woiß et …«, stammelte sie.
»Was machst du hier oben?«
»Schaffa, Heu verteilen«
»Komm runter, wir wollen mit dir reden!«
»Noi, die brenget mi om!«
»Wer bringt dich om?«
»Der Vater und der Gerd«
»Warum sollen die das tun?«
»Weil se’s gesait hant!«
Der Polizeibeamte drehte sich um und stieg wieder die Leiter hinab. Er bat einen der Sanitäter, nach dem Mädchen zu schauen. Wenig später kam der ebenfalls wieder vom Heuboden herunter und schüttelte den Kopf.
»Die will sich nicht helfen lassen!«, berichtete der Mann.
Da der alte Bauer nicht zu beruhigen war, wurde er in die psychiatrische Abteilung des Kreiskrankenhauses nach Reutlingen gebracht. Sein Sohn Gerd war damit beschäftigt, die beladenen Wagen in die Scheune zu fahren. Draußen fielen schon die ersten schweren Tropfen vom Himmel.
»Ich glaube, wir benachrichtigen unsere Kollegen von der Kripo, das hier sieht nicht nach einem Unfall aus!«, sagte er zu seinem Kollegen.
Die Rettungssanitäter und der herbeigerufene Arzt verabschiedeten sich. Inzwischen regnete es in Strömen. Der Sohn war in das Haus gegangen, sodass die beiden Polizisten mit der eingeschüchterten jungen Frau alleine waren.
»Du kannst jetzt herunterkommen, es ist außer uns niemand mehr da!«, rief einer der Polizisten nach oben.
Da plötzlich erschien das Gesicht des Mädchens. Sie überzeugte sich, dass das auch stimmte, was der Beamte gesagt hatte. Dann stieg sie vorsichtig die Leiter herunter. Immer wieder schaute sie sich dabei um. Als sie bei den beiden Beamten angekommen war, sagte sie: »Bringet Sie mich hier weg. Egal wo no, aber Hauptsache weg von hier. Die bringet mich sonscht um!«
»Solange wir da sind, tut Ihnen niemand etwas«, beruhigte sie einer der Beamten.
»Außerdem müssten in wenigen Minuten die Kollegen vor der Kriminalpolizei eintreffen!«, fügte der andere hinzu.
»Wir gehen jetzt hinüber in die Wohnung und besprechen das Weitere!«
Einer der Beamten ging durch eine Tür, die in den Wohnbereich führte. Es war ein typisches Bauernhaus mit einem breiten Gang, in dessen Mitte sich die Feuerungstür zu einem Kachelofen befand. Ganz hinten war die Küche, von der man in den Garten gelangen konnte. Auf einer Eckbank saßen der junge Bauer und neben ihm eine Frau, die bisher nicht in Erscheinung getreten war. An einem großen Herd, der mit dem Kachelofen verbunden war, stand eine weitere, ältere Frau, über ein paar kochende Töpfe gebeugt. Beide Frauen weinten, wobei die Jüngere die Hände vors Gesicht hielt. Der Sohn stand beim Anblick seiner Schwester auf und ballte die Fäuste.
»Dui Schlutt hot da Josef ombrocht!«, schrie er.
»Warum sollte sie das tun?«, fragte einer der Beamten den aufgebrachten Mann.
»Des wois doch i ett, weil se koi Luschd zom Schaffa ghet hot! Weil ma liaber ent Schdadt zom romlandra ganga däd ond da Busa nausschdella, dass d’ Kerle wild went!«
»Haben Sie den Sturz Ihres Bruders verursacht?«
»Noi, der ischd von selber nagfalla!«, schrie Christina.
»Wie heißen Sie eigentlich?«
»Angelika.«
»Warum ist Ihr Bruder auf dem Heuboden hinaufgestiegen?«
»Weils Förderband schdanda blieba ischd. Der hot behauptet, i hätt’s he gmacht!«
»Und was war denn dann die genaue Ursache?«
»Da Schalter hot’s nausghaua, weil’s d’r Modor hoiß gloffa ischd!«
»Und wo befindet sich der Schalter?«
»Ha, em Sicherungskaschda!«
»Der ist aber sicherlich nicht auf dem Heuboden!«
»Ha noi! Der isch do hanna em Gang!«
»Was wollte Ihr Bruder dann da oben?«
Die junge Frau senkte den Kopf und sagte leise vor sich hin: »Der hot mir an d’ Wesch ganga wella!«
»Wie? Sagen Sie das bitte lauter?«
»Ha, der hot mi packa wella!«
Bedrückende Ruhe herrschte nun im Raum.
»Dui luigt doch ’s Blaue vom Hemmel ra! Dui Schlamp, dui elenda!«, entrüstete sich der Bruder.
»Kam das öfter vor?«
»Jo. Ond der do, hots au scho doa! Ond dr Vadder au!«
»Halt jetzad bloß dai Gosch! I schlag dr glei mit dem Beil dohanna da Scheadl ai!«, schrie der Bruder und nahm ein neben dem Herd liegendes Beil in die Hand.
Den Polizeibeamten gelang es mit Mühe, den Mann zu überwältigen. In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet und die Kollegen von der Kripo kamen herein.
»Müssen wir einschreiten?«, fragte der junge Kommissar.
»Nein! Nicht mehr, aber am besten nehmt ihr die junge Frau mit. Sie muss vor ihren Angehörigen geschützt werden!«
»So a Schand! So a elende Schand!«, sagte die ältere Bäuerin und verließ die Küche mit einer Schüssel in der Hand.
»Wo geht sie hin?«, fragte der Polizist den Bauern.
»En da Keller na, zom Zwiebel hola, was denn sonschd! Was wellet ihr iberhaupt do, wer hot noch uich gschria?«, ereiferte sich der Mann.
»Mein Name ist Meininger und das ist mein Kollege Fromm, wir sind von der Kripo in Reutlingen. Wir sind hier, weil der Verdacht besteht, dass es hier zu einer strafbaren Handlung gekommen ist!«
»Hajo, dui do hiba hot ihren Bruader d’ Loider na gschmissa!«
»Warum sollte sie das tun?«
»Weil se ett ganz bacha ischd!«
»Die junge Frau hat ausgesagt, dass sie von ihrem Bruder sexuell angegangen wurde!«, ergänzte der Polizist.
»War das so?«, fragte Meininger die junge Frau.
»Jo ond ett zom erschda Mol!«
»Das sind aber schwerwiegende Vorwürfe!«
»I kos aber beweisa«, stammelte die junge Frau.
»Und wie wollen Sie das beweisen?«
»I han meine Onderhosa aufghebt. Do isch iberaal denne ihr Rotz drenna!«
»Du Drecksau, du verkommane!«, schrie der Bruder.
Wieder musste er überwältigt werden.
»Das Beste wird sein, wenn wir den Herrn da in Verwahrung nehmen, damit wir die Beweise sichern können. Bringt ihn in einen anderen Raum und bewacht ihn!«, sagte Meininger.
Kommissar Meininger war gerade erst zur Kriminalabteilung der Polizei in Reutlingen gestoßen. Dies sollte sein erster großer Fall werden.
»Warum wollen Sie Ihr Elternhaus verlassen?«, fragte er die junge Frau.
»Weil dia mi misshandlet hent!«
»Saget amol, mo bleibt denn d’ Muader? Dui ischd aber lang em Keller donna!«, meldete sich die Schwiegertochter zu Wort.
Sie hatte sich die ganze Unterhaltung schweigend angehört. Immer wieder blickte sie auf und warf der jungen Schwägerin einen gehässigen Blick zu. Nun ging sie aus dem Raum hinaus.
»Wir können Sie vorübergehend in einer Unterkunft für misshandelte Frauen unterbringen. Wäre Ihnen das recht?«
»Wenn ’s goht glei, sofort! I will dohanna raus! I will au nemme so hoißa, wia dia! I will an andra Nama«, sagte die junge Frau mit gesenktem Kopf.
»Das geht nicht so einfach! Wo arbeiten Sie denn?«
»Beim Zemmermo. I mach dort a Ausbildung, aber do will i au nemme no. Der ischd meim Vadder sai Fraind!«
»Können Sie uns etwas zum Unfallhergang sagen?«
Sie wollte gerade antworten, da kam von draußen ein markerschütternder Schrei.
Die Küchentür wurde aufgerissen. Die Schwiegertochter stand im Rahmen und war kreidebleich.
»D’ Muadr! Se hot sich aufghengt, em Keller!«
Meininger drängte sich an der Frau vorbei und hastete durch die Tür hinab in einen riesigen Gewölbekeller. An einem von der Decke abgehängten Brett, baumelte die Bäuerin. Sie hatte sich mit einem Strick erhängt. Daneben lag ein Schemel. Meininger versuchte die Frau anzuheben, was ihm aber nicht gelang. Erst als einer der Polizisten und sein Kollege Fromm zu Hilfe kamen, gelang es, die Frau von dem Seil zu lösen. Sie war tot. Da niemand mehr vom Rettungsdienst da war, ging Meininger nach oben, um ihn noch einmal über Funk zu verständigen. Inzwischen waren alle in den Keller hinabgestiegen. Sofort entzündete sich ein Konflikt zwischen den Geschwistern.
»Do bischd du schuld dro, du Deifel, du Urian!«, schrie der junge Bauer, der Gerd hieß.
Er packte seine Schwester am Kragen und wollte sie erwürgen. Diese konnte sich aber befreien und mit einem Faustschlag ins Gesicht ihres Bruders den Kampf beenden. Der Mann sank auf die Knie und blieb benommen liegen. Die Polizisten hatten alle Mühe, die junge Frau zu beruhigen. Inzwischen waren auch die Spurensucher und weitere Polizeibeamte eingetroffen. Sie nahmen sofort ihre Arbeit auf, während die junge Frau in einen Streifenwagen gesetzt und nach Reutlingen zur Kripo gebracht wurde. Dort erzählte sie ausführlich den Tathergang und ihre Version der Geschichte. Sie wurde später vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen, weil es erwiesene Notwehr war. Sie verbrachte dann einige Zeit in einer sozialen Einrichtung. Dort hatte sie dann auf ihren Antrag hin einen neuen Namen angenommen. Sie nannte sich von nun an Christina, einem ihrer Zweitnamen und als Nachname Baader, dem Mädchennamen ihrer verstorbenen Großmutter, die sie sehr geliebt hatte. Christina Baader entwickelte sich zur ehrgeizigen und lernwilligen Frau. Sie erlangte das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, studierte Politik- und Verwaltungswissenschaften und machte ihren Abschluss mit Auszeichnung.
Nun war sie also hier oben in Münsingen und sah ihren Bruder nach all diesen Jahren wieder. Sie drehte sich um und überlegte. Sie musste in die Festscheune, sie hatte keine andere Wahl. Heute sollte ihr Tag werden und da ließ sie sich nicht von diesem Bauerntölpel abhalten. Also richtete sie ihre Unterlagen zusammen und wollte gerade aufstehen, als sie Stimmen in unmittelbarer Nähe wahrnahm. Vorsichtig öffnete sie den oberen Teil der Eingangstüre einen Spalt weit. Offensichtlich fand gerade eine Besichtigung statt. Eine Menschentraube hatte sich vor dem benachbarten Schäferkarren gebildet. Mittendrin stand Staatssekretärin Melissa Sawatzki. Christina Baader wurde warm und kalt zugleich. Dieser Elias hatte also seinen Job nicht gemacht. Viel schlimmer noch, es kam eine Limousine vorgefahren, die von dem Verräter gesteuert wurde. Er parkte in unmittelbarer Nähe des Schäferkarrens und blieb im Fahrzeug sitzen. Christina konnte Wortfetzen verstehen, die gesprochen wurden. Einer der Vertreter des Hofguts deutete auf Christinas Wagen. Sawatzki wusste offenbar nicht, dass Christina schon eingetroffen war. Dann wurde noch allerlei Unwichtiges geredet, bis sich endlich die Versammlung aufgelöst hatte und fast alle Beteiligten sich wieder auf den Weg zurück zur Festscheune machten. Das Auto mit Elias darin, blieb stehen. Er wartete geduldig. Christina Baader war nicht mehr so stark wie früher, als sie noch auf dem Bau arbeitete. Zu der Zeit hätte sie den Schäferkarren verlassen und den Kerl nach allen Regeln der Kunst verdroschen. Nun aber wartete sie ab, denn ohne Grund, wartete der Kerl nicht im Auto. Als die Besucher außer Sichtweite waren, stieg Elias aus und schloss den Schäferwagen auf. Dann deponierte er eine große Reisetasche und ein Laptop darin. Immer wieder blickte er abwechselnd hinunter zur Festscheune und dann zum benachbarten Wagen, in dem sich Christina befand. Plötzlich meldete sich ihr Diensthandy. Es war die Staatssekretärin Sawatzki, die nachfragte, wann Christina gedenke, hier einzutreffen. Sie benötige noch die Unterlagen für die Ehrungen am Abend. Diese blöde Kuh hatte wieder mal nur die Hälfte mitgenommen. Zum Glück hatte Christina vor ihrer Abfahrt daran gedacht und die Unterlagen eingepackt. Sie antwortete, dass sie in der nächsten halben Stunde vor Ort sein werde. Durch die Sperrung der Seeburger Steige müsse sie eine weite Umleitung fahren. Das war natürlich alles gelogen. Christina machte sich keine Gedanken darüber, mit der Wahrheit nahm man es in ihrer Abteilung sowieso nicht so genau. Sie überlegte sich, wie sie unbemerkt an diesem Elias vorbei kommen konnte. Der saß wieder im Auto und spielte mit dem Handy. Dann tauchte plötzlich die Sawatzki auf.
Gespannt schaute Christina hinüber. Elias öffnete langsam die Tür und stieg aus. Sawatzki fragte ihn, ob er ihr Gepäck eingeräumt habe. Sie öffnete die Tür des Karrens und holte ihren Laptop. Als sie wieder heraustrat, stand Elias vor ihr und umfasste ihre Waden. Dann hob er sie hoch und ließ sie langsam an sich heruntergleiten.
»Nicht jetzt, wenn uns jemand sieht!«, protestierte Sawatzki halbherzig.
Dann küssten sich die beiden leidenschaftlich.
Geistesgegenwärtig filmte Christina Baader die Szene mit dem Handy. Dieser Schweinekerl hatte sie die ganze Zeit belogen. Insgeheim hatte sie schon gehofft, mit dem Kerl eine Affäre anzufangen. Die Sawatzki war verheiratet, und zwar mit einem Unternehmer. Das war der Trumpf in den Händen von Christina Baader und in ihr formte sich ein Gefühl der Rache. Dass sie diesen Trumpf nun gnadenlos auszuspielen gedachte, lag wohl auf der Hand. So konnte sie eventuell zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Melissa Sawatzki löste sich aus der Umklammerung und richtete ihre Kleidung. Dann sprach sie ihrem Gegenüber etwas ins Ohr, der daraufhin grinste. Christina Baader hoffte, dass die beiden bald verschwinden würden, denn sie wollte ja schließlich unerkannt zur Festscheune kommen. Sie griff zum Handy und rief Elias an. Sie war gespannt auf seine Reaktion. Als das Handy klingelte, nahm er es aus der Hosentasche und schaute auf das Display. Dann zeigte er es seiner Geliebten. Die schüttelte nur den Kopf und machte eine abfällige Bewegung. Elias schob das Handy in die Tasche zurück und stieg ins Auto. Melissa Sawatzki stieg ebenfalls ein, nahm aber auf dem Rücksitz Platz. Dann fuhren die beiden hinunter zur Festscheune. Christina Baader ging nun zum Wanderparkplatz hinunter. Sie hatte ihre Tasche wieder gepackt, denn sie wollte hier keinen Augenblick länger als nötig bleiben. Dann stieg sie in ihr Auto und fuhr die wenigen Meter zum Haupteingang des Hofgutes Hopfenburg. Dort wurde sie bereits erwartet. Eilig öffnete der Mann am Empfang die Schranke, nachdem sie sich zu erkennen gab. Dann fuhr sie den Weg auf den Parkplatz des Anwesens. Im Vorbeifahren sah sie eine Menschentraube vor der Festscheune und mittendrin Melissa Sawatzki. Sie gab gerade ein Interview. Mehrere Journalisten umringten sie und hielten ihr Mikrofone hin. Mit gemischten Gefühlen trat Christina Baader hinzu.
»Ach, da ist sie ja!«, sagte Sawatzki, als sie ihre Mitarbeiterin erblickte. »Das ist meine Mitarbeiterin, die Frau Ministerialrätin Baader.«
Christina nickte den Anwesenden leicht zu. Da erkannte sie das Gesicht ihres Bruders, der sie mit großen Augen ungläubig anstarrte. Er war alt geworden, hatte müde Augen und kaum mehr Haare auf dem Kopf. Sicherlich zweifelte er an sich selber, weil er nicht begriff, wen er da gerade sah. Er machte aber keine Anstalten, sich zu erkennen zu geben. Genauso machte es Christina auch. Ein Gefühl der Angst stieg in ihr auf. Sie wollte weg hier, und zwar so bald, wie möglich. Nach dem Interview wurden die Anwesenden in die Festscheune gebeten.
»Haben Sie alle Unterlagen dabei?«, fragte die Staatssekretärin kühl.
»Ja, die sind hier alle in der Mappe. Da in dem Kuvert sind die Medaillen.«
»Wir haben den Ablauf des Abends kurzfristig geändert. Sie werden nicht hierbleiben. Sie können also Feierabend machen! Und morgen werden wir ein Vieraugengespräch haben. Nur so viel jetzt schon, ich möchte Sie nicht mehr in meiner Abteilung beschäftigen. Sie können jetzt schon ins Büro fahren und Ihren Schreibtisch räumen!«
»Das würde ich mir noch einmal überlegen! Ich habe Sie gefilmt. Vorher, als Sie sich mit Ihrem Lover vergnügt haben! Mal sehen, was Ihr Mann dazu sagt, wenn ich ihm das schicke!«
»Miststück, elendes!«, zischte Sawatzki.
Alle anderen Anwesenden hatten sich bereits an ihre Plätze gesetzt. Sawatzki und Baader hatten sich im Eingang zur Scheune gestritten, ohne dass es jemand mitbekommen hatte. Christina Baader machte kehrt und ging zu ihrem Auto. Dann fuhr sie direkt nach Hause. Die Anordnung, noch heute ihren Schreibtisch zu räumen, ignorierte sie. Als sie kurz vor ihrer Wohnung ankam, vergewisserte sie sich, ob niemand auf sie wartete. Dann schloss sie die Wohnungstür auf und verriegelte sie sofort wieder. Sie hatte noch einiges vor an diesem Tag. Zunächst einmal sicherte sie alles Material, das die Sawatzki und Elias belastete, auf einer Speicherkarte. Dann kopierte sie diese vier Mal. Im Anschluss setzte sie ein Schreiben auf, das sie an die interne Poststelle des Landtages und weiter an den Ministerpräsidenten und den Innenminister schickte. Eine weitere Speicherkarte klebte sie mit Tesafilm auf ein Schreiben und schickte es an den Kriminalbeamten, der ihr in der Zeit nach dem Tod ihres Bruders, geholfen hatte. Über die Jahre hinweg erkundigte sich dieser hin und wieder nach ihrem augenblicklichen Wohlergehen. So war eine freundschaftliche Beziehung entstanden, ohne dass man sich seitdem persönlich begegnet wäre. Sie legte die Machenschaften von Elias und die Zusammenhänge mit der Ernennung Sawatzkis zur Staatssekretärin offen. Außerdem erläuterte sie die auf der Speicherkarte abgelegten Dokumente. Da diese äußerst brisant waren, riet sie dem Empfänger, nicht sofort damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Weiterhin notierte sie eine Telefonnummer, unter der sie zu erreichen war. Dabei handelte es sich um ein Handy, das sie für spezielle Beziehungen, angemeldet hatte. Dieses hatte sie auch für Telefonate mit Mohammed Elias benutzt. Um sicher zu gehen, dass bei einer Durchsuchung keine verräterischen Dateien gefunden werden konnten, hatte sie das Handy mehrmals mit Daten überschrieben und auf den Werksmodus zurückgesetzt. Sie befürchtete, dass sie nach ihren Enthüllungen des Geheimnisverrates angeklagt würde. Die letzte Speicherkarte schickte sie an einen Abgeordneten der Koalitionspartei der Landesregierung. Er war eigentlich für den Posten des Staatssekretärs vorgesehen gewesen, fiel aber der Frauenquote zum Opfer. Seitdem hasste dieser Mann die Sawatzki abgrundtief. Mit der Zusendung der Speicherkarte wollte Christina Baader den Mann noch mehr aufhetzen. Sie wusste, dass dieser schon seit geraumer Zeit am Stuhl der Staatssekretärin sägte. Dann nahm sie die Umschläge und steckte sie in ihre Handtasche, dabei bemerkte sie, dass sie den Schlüssel des Schäferwagens noch in der Tasche hatte. Sollte sie noch einmal nach Münsingen fahren, um den Schlüssel abzugeben? Eigentlich hatte sie keine Lust dazu, aber andererseits war sie neugierig, wie die Sawatzki ohne ihre Hilfe auskam. Zuerst einmal wollte sie die Post wegbringen, dann wollte sie nachdenken, was noch zu tun war. Auf dem Weg zum Briefkasten keimte in ihr ein schlimmer Gedanke. Wie wäre es, wenn sie selbst die Sawatzki aus dem Weg räumen würde? Einfach umbringen und die Sache so konstruieren, dass der Verdacht auf Elias fiel? Christina hatte ja belastendes Material genug. Aber wie sollte die Tat ablaufen? Vergiften? Ein Messer wäre eine Lösung. Als sie noch auf dem Bauernhof lebte, musste sie immer die Hühner und Stallhasen töten, die zum Schlachten vorgesehen waren. Ihr Vater und ihre Brüder waren dazu zu feige. Anfangs hatte sie Skrupel, aber mit den Jahren wurde daraus Routine. Mit einem Schlag auf den Kopf betäuben und dann stechen, das ging im Minutentakt. Aber einen Menschen zu töten, war doch eine ganz andere Angelegenheit. Dann verwarf sie den Gedanken wieder und kehrte zurück zu ihrer Wohnung. Als sie wieder in ihr Bürozimmer ging, bemerkte sie, dass sie ihr dienstliches Handy liegen gelassen hatte. Es waren mehrere Anrufe in Abwesenheit eingegangen. Unter anderem einer von der Sawatzki. Das war ja zu erwarten! Die Anruferin hinterließ eine Sprachnachricht. In der teilte sie mit, dass sich Christina Baader sofort einzufinden habe, weil Sawatzki die Medaillen für die Auszeichnung als herausragender Betrieb im Segment »Ferien auf dem Bauernhof« nicht finden konnte. Christina war sich sicher, dass sie diese der Sawatzki mit dem Ordner, in dem sich die Urkunden befanden, übergeben hatte.
