Sie war die Tochter des Richters - Werner Kehrer - E-Book

Sie war die Tochter des Richters E-Book

Werner Kehrer

0,0

Beschreibung

In Langenargen am Bodensee entdeckt ein Urlauber an einem Sonntagmorgen vom Balkon seiner Ferienwohnung aus eine führerlos treibende Yacht, die offenbar am Ufer auf Grund gelaufen ist. Mit seinem Fernglas meint der Mann auf den Sitzen des Oberdecks Spuren von Blut zu erkennen. Er alarmiert die Wasserschutzpolizei, die Yacht wird geborgen und in den nahen Hafen geschleppt. Der Eigner ist ein gewisser Gernot Maier, Richter am Landgericht in Tübingen. Er lebt von seiner Frau getrennt und die Tochter, Zita Fee, Schülerin am Johannes Kepler Gymnasium in Reutlingen, ist seit einigen Tagen spurlos verschwunden. Kriminalhauptkommissar Meininger übernimmt die Ermittlungen in Reutlingen. Als die Leiche einer jungen Frau am Bodensee gefunden wird, erhöht sich der Druck auf die ermittelnden Beamten. Wer ist die Leiche und vor allem: Wer der Mörder?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Werner Kehrer

ist in Reutlingen geboren und lebt mit seiner Familie in Metzingen-Neuhausen. Er arbeitet als Ausbildungsmeister für Elektroniker, ist Hobby-Wengerter und schreibt seit 2007 Schwabenkrimis mit Hauptkommissar Gerhard Meininger als leitendem Ermittler.

Werner Kehrer

Sie war die Tochter des Richters

Ein Schwabenkrimi

Oertel+Spörer

Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen.Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.

© Oertel+Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2021Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehalten.Titelfoto: © Adobe StockGestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenLektorat: Bernd WeilerKorrektorat: Sabine TochtermannSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-96555-091-9

Besuchen Sie unsere Homepage und informieren Sie sich über unser vielfältiges Verlagsprogramm:www.oertel-spoerer.de

Ein laues Lüftchen wehte durch das geöffnete Fenster ins Büro von Gernot Maier. Der Vorsitzende Richter an der großen Jugendkammer des Landgerichts in Tübingen las sich gerade in eine Akte ein und erschrak, als sein Telefon klingelte. Das Display zeigte ihm die Nummer seiner Ex-Frau an und Maier wusste, dass ihn wieder Ärger erwartete. Dass dieser Anruf allerdings nur ein kleiner Teil der Probleme sein sollte, die auf ihn warteten, das ahnte er glücklicherweise zu diesem Zeitpunkt nicht.

»Ja, was gibt’s?«, fragte er gelangweilt.

»Deine Tochter ist wieder mal abgehauen! Ist die zufällig bei dir?«, fragte seine geschiedene Ehefrau.

»Wie oft soll ich dir das noch sagen, dass auch du bei der Zeugung dieses Menschen zugegen warst und es somit auch deine Tochter ist. Und nein, ich habe gerade andere Probleme, als mich um schlecht erzogene, pubertierende Teenager zu kümmern! Hast du sie wenigstens am Handy erreicht?«

»Nein! Das ist ja wieder typisch, wenn es Probleme gibt, wiegelt der Herr Richter ab. Ich danke für die erschöpfende Auskunft, Euer Ehren!«, schimpfte Margit Maier-Hof.

Gernot Maier, Sohn eines wohlhabenden Bauunternehmers, und seine Frau hatten sich vor einigen Jahren getrennt, die Chemie passte einfach nicht mehr zwischen den Eheleuten. Aus der Ehe ging ein Kind hervor, eine Tochter namens Zita-Fee. Der Mutter wurde das Sorgerecht zugesprochen, was Gernot Maier nicht unrecht war, denn er war nicht der geborene Familienvater. Zita-Fee war siebzehn Jahre alt und litt am meisten unter der Trennung der Eltern, vor allem vom Vater. Oft hörte sie stundenlang zu, wenn er im Wohnzimmer eine Urteilsbegründung formulierte. Gernot Maier hegte die Hoffnung, dass seine Tochter einmal in seine Fußstapfen treten könnte. Mit zunehmendem Alter aber entfremdete sie sich von ihm. Nun war sie also wieder mal von zu Hause weggelaufen, wie dies nach Disputen mit ihrer Mutter in letzter Zeit des Öfteren passierte. Meistens tauchte sie tatsächlich bei ihrem Vater auf und klagte ihm ihr Leid. Der konnte sie bisher jedes Mal überreden, nach Hause zurückzukehren, nachdem er ihr finanziell unter die Arme gegriffen hatte. Also war es nur eine Frage der Zeit, bis Zita-Fee in seinem Büro auftauchte. Eigentlich hatte er an diesem Tag aber keine Zeit für die Probleme seiner Tochter, denn es stand eine schwierige Verhandlung gegen vier Jugendliche wegen einer Gruppenvergewaltigung in einem Jugendzentrum in Tübingen an.

Gerd Fröhlich sah auf den Wecker. Es war halb sieben und Sonntag. Die Vögel am Ufer des Bodensees in Langenargen machten schon mächtig Lärm und die Sonne schien bereits ins Wohnzimmer der Ferienwohnung. Also stand er auf und ging zur Tür, die auf den Balkon führte. Um diese Zeit lag der See ruhig da, nur ein paar Fischer sorgten mit ihren Booten für Bewegung auf dem Wasser. Er schaute mit dem bereitliegenden Fernglas hinüber zu den Schweizer Alpen. Der Säntis war an diesem Morgen zum Greifen nahe, was bezüglich des Wetters nichts Gutes zu bedeuten hatte. Nachdem er das Fernglas wieder beiseitegelegt hatte, fiel ihm das Motorboot auf, das, ein wenig zur Seite geneigt, etwa fünf Meter vom Ufer entfernt lag. Wieder nahm er das Fernglas zur Hand und sah hinüber. Da er keine Ankerleine oder Ähnliches erkennen konnte, nahm er an, dass sich das Boot irgendwo losgelöst hatte und bis hierher abgetrieben worden war. Anhand der Kennung »FN« sah er, dass es in Friedrichshafen registriert worden war. Es handelte sich um eine stattliche Jacht, deren Oberdeck mit weißen Sitzgarnituren ausgestattet war. Auf einer dieser Sessel meinte Gerd Fröhlich deutliche Spuren, die er für Blut hielt, erkannt zu haben. Aufgeregt ging er zurück ins Wohnzimmer, um sein Handy zu suchen. Inzwischen war auch seine Frau aufgewacht und protestierte gegen den Lärm, den ihr Mann verursachte. Der suchte fluchend weiter nach dem Telefon.

»Was suchscht du denn om dui Zeit, um Gottes willen?«, schimpfte sie.

»Mei Handy, mo hosch du denn des wieder verschoppet?«

»Gugg halt em Bad, wahrscheinlich hoschs do liega glassa! Was isch denn los?«

Inzwischen war sie ebenfalls aufgestanden. Tatsächlich kam ihr Mann mit dem Handy zurück aus dem Bad. Sofort wählte er die Notrufnummer der Polizei.

»Ja, hallo! Hier spricht Fröhlich, Gerd Fröhlich! Bei uns am Ufer liegt eine Motorjacht. Es sieht so aus, wie wenn die sich losgerissen hätte. Und am Oberdeck sieht alles blutverschmiert aus! Ach so, ja! Langenargen, Obere Seestraße! Residenz am See, die Hausnummer weiß ich im Moment net!«

Keine fünf Minuten nach dem Anruf traf eine Streife vom Polizeiposten in Langenargen ein. Gerd Fröhlich ging vor die Haustür, um die Beamten in Empfang zu nehmen. Er führte sie in seine Ferienwohnung und zeigte ihnen aufgeregt das Boot auf dem Wasser. Einer der Beamten hatte selber ein Fernglas dabei und sah nun hinüber zu der Jacht.

»Ich sehe Blut oder so was Ähnliches auf dem Sitz am Oberdeck. Ans Boot kommt man aber nur von der Wasserseite her. Da müssten die Kollegen vom Wasserschutz heranfahren, um das Boot abzuschleppen!«, sagte der Beamte zu seinem Kollegen.

Dieser zückte ein Funkgerät und gab den Sachverhalt durch. Dann gingen die Beamten wieder zurück zu ihrem Fahrzeug. Wenig später hörte man das Brummen des Wasserschutzpolizeibootes. Gerd Fröhlich beobachtete, wie ein Schlauchboot zu Wasser gelassen wurde, um näher an die Jacht zu kommen.

»Do wird doch nix Schlemms passiert sei!«, jammerte seine Frau.

»No kennat mir ’s au nemme verheba«, antwortete Fröhlich.

Inzwischen wurde die Jacht über ein Tau mit dem Polizeiboot verbunden und in Richtung Hafen abgeschleppt. Da Fröhlich einen sehr guten Rundumblick von seinem Balkon hatte, konnte er erkennen, dass im Hafen von Langenargen inzwischen mehrere Fahrzeuge der Polizei eingetroffen waren.

»I gang gschwind hoch zum Bäcker und hol a baar Weckla!«, sagte Fröhlich und zog sich die Schuhe an.

Als er auf dem Weg zum Bäcker am Hafen vorbei kam, sah er, dass der Liegeplatz der Jacht weiträumig abgesperrt worden war. Männer in weißen Schutzanzügen machten sich an dem Boot zu schaffen.

Kurz nach Dienstbeginn wurden die beiden Polizeikommissare Heiner Kromer und Hans Auwärter von der Wasserschutzpolizei Friedrichshafen informiert, dass sich unweit des Ufers vor Langenargen ein führerloses Boot befindet. Die Kollegen von der Nachtschicht hatten schon allerhand zu tun, da in der lauen Samstagnacht überall am und auf dem See gefeiert worden war. Es war gang und gäbe, dass nach einer Feier auf den Booten geschlafen wurde.

»Isch wieder einer besoffen gewesen und hat den Anker vergessen!«, maulte Heiner Kromer.

»’S däd mi nett wundere!«, antwortete Hans Auwärter.

Sie starteten die Maschine des Polizeibootes und fuhren hinaus auf den See. Es waren bis zur Einsatzstelle wenige Hundert Meter. Da der Wasserstand des Bodensees in diesem Jahr sehr niedrig war, mussten die beiden Beamten das Beiboot benutzen, um zu der herrenlosen Jacht zu gelangen. Als sie am Heck festgemacht hatten, ging Auwärter über eine Leiter an Bord.

»Hallo! Ist jemand an Bord?«, rief er.

Dann folgte ihm sein Kollege Kromer. Vorsichtig öffneten sie eine Tür, die in den unteren Bereich des Bootes führte. Es schien niemand anwesend zu sein. Hans Auwärter ging nun über eine Treppe nach oben.

»Heiner, komm amol! Guck dir das mal an!«, rief er aufgeregt.

Eine große Blutlache breitete sich auf dem Boden vor dem Ruderstand aus.

»Da isch jemand abgschdocha worda!«, antwortete Kromer und nahm sein Funkgerät in die Hand.

Er meldete die ersten Beobachtungen an die Zentrale und ging wieder vorsichtig die Treppe hinunter, um keine Spuren zu verwischen. Hans Auwärter folgte ihm. Die Ermittlungsmaschinerie der Kriminalpolizei lief nun in vollem Umfang an. Polizeikommissar Heiner Kromer fuhr mit dem Schlauchboot zurück, um ein Seil zu holen, welches zum Freischleppen der Jacht benötigt wurde. Nachdem das Seil am Bug festgemacht worden war, begann die Bergung der Jacht. Diese wurde zunächst in den Hafen von Langenargen geschleppt und dann dieser weiträumig abgesperrt, damit Neugierige auf Abstand gehalten wurden, die die Arbeit der Ermittler behindern konnten. Nach und nach trafen Einsatzkräfte der verschiedensten Abteilungen der Polizei ein. Da der Verdacht auf ein Kapitalverbrechen bestand, war auch der diensthabende Staatsanwalt vom Landgericht in Ravensburg verständigt worden. Da es Sonntagmorgen war und der Staatsanwalt in Meersburg wohnte, war dieser schon nach einer halben Stunde da. Die ersten Beamten, die nach Kromer und Auwärter die Jacht betraten, waren die Spezialisten der Spurensuche in ihren weißen Schutzanzügen. Da die Sonne bereits ihre Wärme mächtig an die Umgebung abgab, standen den Spurensuchern bereits jetzt die Schweißperlen auf der Stirn. Sofort begannen sie mit ihrer Arbeit. Auf dem Kai am Anlegeplatz standen nun mehrere Beamte und beratschlagten das weitere Vorgehen. Die Ermittlungen vor Ort wurden auf Kriminalhauptkommissar Hein Mommsen und Kriminalkommissar Franz Bäuerle übertragen. Beide waren gerade eingetroffen und gesellten sich zu der Gruppe.

»Was können wir schon zur Sache sagen?«, fragte der Staatsanwalt die Anwesenden.

»Eigentlich noch gar nichts, weil wir erst einmal abwarten müssen, ob es sich um Menschenblut handelt«, antwortete Hans Auwärter.

»Wurde der Halter des Bootes schon ermittelt?«, fragte der Staatsanwalt weiter.

»Das wurde schon veranlasst, ja! Das dauert noch ein wenig, da die Dienststelle im Schifffahrtsamt heute nicht besetzt ist.«

Einer der Spurensucher kam von Bord und ging auf die Beamten zu.

»Also es handelt sich eindeutig um Menschenblut. Der Menge nach zu urteilen, hat die Person den Blutverlust erfahrungsgemäß nicht überlebt. Dem Gerinnungsgrad nach zu urteilen, war der Blutaustritt vor etwa fünf bis sechs Stunden«, berichtete er.

»Hm, das wäre also Samstagnacht. Und wo ist die Person jetzt?«, fragte Kriminalkommissar Franz Bäuerle.

»Wenn wir Pech haben, auf dem Grund des Sees. Und dann finden wir sie nie wieder!«, antwortete Hans Auwärter.

»Wenn sich die Faktenlage einigermaßen geklärt hat, müssen wir uns wohl an die Öffentlichkeit wenden. Wo ist denn das Boot registriert, weiß man das schon?«

»Das alles werden wir in den nächsten Minuten erfahren!«, gab Hans Auwärter zur Antwort.

»Gut, meine Herren! Ich werde mich dann mal verabschieden! Halten Sie mich bitte auf dem Laufenden!«, sagte der Staatsanwalt und stieg in sein Auto.

Wenig später klingelte das Handy von Heiner Kromer. Er nahm ein Notizbuch zur Hand und notierte ein paar Zeilen. Dann bedankte er sich und beendete das Telefonat.

»Soeben hat das Seeamt angerufen. Die Jacht ist hier in Langenargen im Ultramarin angemeldet. Der Eigner ist ein gewisser Gernot Maier aus Reutlingen. Ich gebe euch die Kontaktdaten, damit ihr den Mann erreichen könnt, falls er nicht das Opfer ist.«

Kriminalhauptkommissar Hein Mommsen notierte sich die Daten und sah auf die Uhr.

»Halb neun, ich denke mal, da dürfte schon jemand zu erreichen sein!«, sagte er mit norddeutschem Akzent.

Mommsen war Hamburger und der Liebe wegen an den See gezogen. Er hatte seine Frau an einem frühen Sonntagmorgen in der Fischauktionshalle in Hamburg-Altona kennengelernt. Sie war bei einem Junggesellenabschied und er auf Ermittlungen in Sachen Rauschgiftkriminalität unterwegs. Auf dem Gang zur Toilette war er mit ihr zusammengestoßen, als er einen Dealer verfolgte. Nach der Festnahme des Mannes entschuldigte er sich bei ihr und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Er wohnte schon seit über zehn Jahren in Litzelstetten und fühlte sich sehr wohl. Probleme gab es am Anfang nur mit der Bedächtigkeit seiner badischen Kollegen; das hatte sich aber inzwischen gelegt. Seine Erfahrung aus der Großstadt half ihm hier im ländlichen Raum weiter, weshalb er als Ratgeber bei seinen Kollegen sehr geschätzt war.

»Da geht keiner ran!«, sagte Mommsen und steckte sein Handy wieder in die Tasche.

»Da wird uns nichts anderes übrig bleiben, als mit den Kollegen in Reutlingen in Verbindung zu treten«, sagte Franz Bäuerle.

Kurze Zeit später verließen die Spurensucher die Jacht und verstauten ihre Koffer in ihrem weißen Sprinter.

»Den Schuh haben wir unter einem Bett gefunden. Ansonsten fanden wir keine Hinweise auf Kleidung oder so was. In der Kochecke steht ein Messerblock, bei dem ein Exemplar fehlt. An Bord konnten wir es nicht finden. Das Boot ist zwar schon etwas älter, aber es ist mit moderner Funk- und Radartechnik ausgestattet. Unter Umständen kann man dadurch ein Bewegungsprofil des Bootes erstellen. Vorausgesetzt, es war während der Fahrt in Betrieb. Jemand hat wohl versucht, die Blutspuren zu beseitigen, ist aber am Aufwand gescheitert. Wir konnten einige DNA-Spuren und viele Fingerabdrücke sichern, die müssen wir aber erst auswerten«, berichtete der Mann.

»Ja gut, danke. Dann wünschen wir noch einen schönen Sonntag!«, verabschiedete Mommsen die beiden.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Bäuerle.

»Ich schau mich mal auf dem Boot um«, antwortete Mommsen und stieg die Leiter hinauf. Franz Bäuerle folgte ihm. In der Kombüse fiel sofort der Holzblock auf, in dem eines der Messer fehlte. Mommsen öffnete diverse Schubladen, um deren Inhalt zu untersuchen. Er öffnete den Kühlschrank und fand zu seiner Überraschung frische Lebensmittel.

»Sag mal, wenn du den Kühlschrank füllst, dann bleibst du doch für länger. Aber warum finden wir dann keine Kleidung? Oder nur diesen einen Schuh?«, fragte Bäuerle.

»Da wollte jemand unbedingt Spuren beseitigen. Und offensichtlich hat das ja ganz gut geklappt.«

Beide gingen wieder nach oben zum Steuerstand.

»Das Boot ist auf dem neuesten technischen Stand! Da ist sogar ein Radar verbaut. Solche Boote werden sehr gerne zum Drogenschmuggel verwendet. Wir sollten uns den Eigner einmal unter die Lupe nehmen!«, murmelte Mommsen vor sich hin, während er an der technischen Bordeinrichtung herumspielte. Plötzlich wählte sich ein Telefon irgendwo lautstark ein. Mommsen drückte einen Knopf auf dem Tableau und schon war es wieder aus.

»Da war die ganze Zeit ein Telefon im Hintergrund aktiv. Das könnte uns helfen, den Aktionsradius des Bootes aufzuzeichnen. Das ist vielleicht noch sehr wichtig für unsere Ermittlungen«, sagte Mommsen und ging wieder zurück an Land.

Franz Bäuerle folgte ihm und ging zum Dienstfahrzeug, um ein Funkgerät zu holen, das er vergessen hatte. An der Uferpromenade standen nun viele Neugierige und beobachteten die Arbeit der Polizei. Sogar ein Reporter hatte sich eingefunden und löcherte die Beamten des Langenargener Reviers mit seinen Fragen.

Mommsen versuchte abermals, den Eigner des Bootes zu erreichen. Nach wenigen Augenblicken wurde auch tatsächlich abgehoben.

»Maier«, war die kurze Ansage.

»Guten Tag, Herr Maier! Mein Name ist Kriminalhauptkommissar Mommsen vom Kriminalkommissariat Konstanz. Sind Sie der Eigner des Bootes mit der Kennung FN-23045?«

»Kriminalpolizei? Was ist los? Ich weiß doch die Nummer von dem Boot nicht auswendig!«

»Im Seeamt sind Sie als Eigner eingetragen.«

»Warten Sie, ich schau mal kurz nach!«, antwortete Maier.

Mommsen hörte im Hintergrund, wie er mit irgendwelchen Papieren raschelte.

»Hören Sie, ich finde im Augenblick die Zulassungspapiere nicht, die sind mir abhandengekommen, obwohl ich sie immer bei mir trage. Warum rufen Sie überhaupt an?«

»Ihr Boot wurde führerlos an das Ufer von Langenargen angetrieben. Wir haben Anlass zu der Vermutung, dass an Bord eine Gewalttat verübt wurde. Waren Sie gestern oder an den Vortagen hier vor Ort?«

»Eine Gewalttat sagen Sie? Was für eine Gewalttat?«

»Darüber können wir aus ermittlungstaktischen Gründen keine Auskunft geben!«

»Hören Sie, Herr Kriminalhauptkommissar! Sie sprechen mit Gernot Maier, ich bin Richter am Landgericht in Tübingen. Also geben Sie mir bitte detaillierte Auskunft, was vorgefallen ist!«

Mommsen nahm das Telefon einen Augenblick vom Ohr und schrieb den Namen des Richters auf einen Zettel. Den reichte er seinem Kollegen, der ihn aufmerksam durchlas und dann sein Laptop aufklappte, um nach Richter Maier am Landgericht Tübingen zu suchen. Nachdem Bäuerle den Daumen nach oben gerichtet hatte, sprach Mommsen weiter.

»Also Herr Maier, wir haben folgende Situation vor Ort: Ihr Boot wurde am Ufer treibend von einem Passanten entdeckt. Nachdem es von den Kollegen der WAPO geborgen wurde, entdeckten wir massive Blutspuren am Oberdeck. Die Spurensucher haben es eindeutig als menschliches Blut identifiziert. Können Sie sich vorstellen, von wem die Blutspuren stammen könnten?«

»Von mir jedenfalls nicht! Ich werde mich sofort auf den Weg machen, und mir das vor Ort anschauen. Ich bitte Sie, keine Details an die Öffentlichkeit zu geben!«, sagte Maier und legte sofort auf.

»Also, dann warten wir mal, bis der Herr Richter hier auftaucht«, sagte Mommsen zu Bäuerle.

Die beiden gingen die paar Meter zum Polizeirevier, das sich in der Nähe des Rathauses in Langenargen befand. Später wollten sie dem Hafenmeister des Ultramarin-Geländes einen Besuch abstatten.

Gernot Maier rief nach dem Telefonat mit der Kripo Konstanz sofort bei seiner Ex-Frau an. Es dauerte eine ganze Weile, bis jemand ans Telefon ging.

»Jaaa?«, meldete sich eine verschlafene Stimme.

»Ich bin es, Gernot!«, sagte Maier aufgebracht.

»Was willst du schon so früh am Morgen?«, blaffte Margit Maier-Hof zurück.

»Warst du unten am See?«

»Ich? Was soll ich da?«

»Wo ist unsere Tochter?«

»Ich dachte, die ist bei dir!«

»Sie ist nicht bei mir, wozu auch! Du hast doch das Sorgerecht erstritten! Hast du eine Ahnung, wo sie sich aufhalten könnte und mit wem?«

»Nein. Ich habe dir doch gesagt, dass die mal wieder ausgebüxt ist! Darf man wissen, was los ist?«

»Auf meinem Boot sind Blutspuren von einem Menschen gefunden worden. Außerdem fehlen meine Bootspapiere und der Schlüssel. Die muss mir Zita gestohlen haben, als sie das letzte Mal da war! Ich hoffe nur, dass die keinen Mist gebaut hat! Ich fahre jetzt sofort an den See und schaue mir die Sache an!«

»Es wird ihr doch nichts passiert sein?«

»Deiner Tochter passiert schon nichts, ich fürchte, dass jemand anderes das Opfer ist!«

»Na, das nennt man Vaterliebe, vielen Dank!«, Margit Maier-Hof unterbrach die Verbindung.

Gernot Maier stieg in sein Auto und machte sich auf den Weg an den Bodensee. Er nahm einen Schal mit, den seine Tochter bei ihm liegen gelassen hatte. Unterwegs machte er sich Gedanken über sein Verhalten gegenüber seiner geschiedenen Frau. Warum hatte er sich so benommen? Traute er tatsächlich seiner Tochter eine Gewalttat zu? Völliger Blödsinn! Genauso wenig wollte er wahrhaben, dass seine Tochter Opfer einer Gewalttat sein konnte. Das Ganze würde sich schon irgendwie aufklären!

Es dauerte fast zwei Stunden, bis Maier die Ortsgrenze von Langenargen erreicht hatte. Er fuhr direkt ins Ortszentrum, wo er vor einer Apotheke einen Parkplatz fand. Er hastete die paar Meter hinüber zum Hafengelände. Da sah er auch schon sein Boot, das hinter einer Absperrung am Kai festgemacht worden war. Zwei Polizeibeamte waren davor postiert, damit keine Neugierigen zu nahe kamen. Maier ging direkt auf die Beamten zu.

»Das ist mein Boot, wo sind die beiden Kripobeamten, mit denen ich telefoniert habe?«

»Können Sie sich ausweisen?«, fragte einer der Uniformierten.

Genervt kramte Maier seinen Ausweis hervor und hielt ihn dem Beamten unter die Nase.

»Also, Herr Maier, die Kollegen sind drüben in der Dienststelle. Wir dürfen Sie nur mit Genehmigung auf das Boot lassen.«

»Ich bin Richter am Landgericht in Tübingen! Holen Sie mir die Kollegen her, sofort!«

Einer der Beamten nahm ein Funkgerät in die Hand und gab die Meldung durch, dass der Bootseigner inzwischen eingetroffen war. Wenig später erschienen Franz Bäuerle und Hein Mommsen am Kai.

»Hab ich mit Ihnen telefoniert?«, fragte Gernot Maier aufgeregt.

»Ja, haben Sie, Herr Richter!«, antwortete Mommsen sarkastisch.

»Jetzt lassen Sie mich auf mein Boot, ich will sehen, was passiert ist!«, sagte Maier schnaubend und schob den uniformierten Beamten einfach zur Seite.

Mommsen zeigte Maier hinterrücks den Vogel, was seine Kollegen zu einem zustimmenden Nicken veranlasste. Gebannt blieb der Richter an der Stelle stehen, an der sich die Blutlache befand. Dann hielt er inne und senkte den Kopf.

»Haben Sie eine Vermutung, von wem das Blut stammen könnte?«, fragte Bäuerle.

»Nein! Nein! Ich hoffe, dass ich es nicht weiß!«, antwortete Maier mit belegter Stimme. »Vor ein paar Tagen ist meine Tochter von zu Hause ausgebüxt. Sie wohnt bei meiner geschiedenen Frau. Meine Bootsschlüssel fehlen und auch die Chipkarte, die zum Einlass in das Bootsgelände nötig ist. Die Sachen hat meine Tochter wohl bei ihrem letzten Besuch bei mir mitgenommen.«

»Wie alt ist Ihre Tochter?«

»Siebzehn, sie ist vor einem Monat siebzehn geworden.«

»Hat sie ein Handy?«

»Ja, aber sie ist nicht erreichbar.«

»Haben Sie einen persönlichen Gegenstand …«

»Ja, ich habe einen Schal dabei. Da hat es genug Haare für eine DNA-Analyse dran. Ich habe ihn in meinem Auto.«

»Wie kam Ihre Tochter hierher?«

»Sie hat eine Bahncard. Sie ist sicher mit dem Zug gekommen. Das hat sie schon öfter gemacht.«

»Jetzt würden wir gerne zum Liegeplatz hinüber in den Ultramarinhafen fahren, um mit dem Hafenmeister zu sprechen. Würden Sie uns dahin begleiten?«

»Ja, natürlich!«

Gernot Maier setzte sich zu den beiden Kripobeamten in den Dienstwagen. Wenig später hielten sie vor dem Eingang des hochmodernen Ultramaringebäudes an und gingen direkt zum Büro des Hafenmeisters.

Dort war natürlich an diesem Sonntag viel los. Einige der Nachtausflügler hatten nicht mehr ihren Liegeplatz gefunden und hatten einfach am nächstbesten angelegt, was natürlich zu Differenzen mit den rechtmäßigen Anliegern führte. Kriminalkommissar Hein Mommsen unterbrach die Diskussion zwischen dem Hafenmeister und den Skippern, indem er seinen Dienstausweis zog und in die Höhe hielt.

»Darf ich mal kurz unterbrechen!«, rief er. »Wir haben ein paar Fragen an den Hafenmeister in einer wichtigen Sache!«

»Was gibt’s denn so brennendes?«, antwortete der Hafenmeister sichtlich genervt.

»Können wir uns irgendwo in Ruhe unterhalten?«

»Da kann ja jeder kommen!«, maulte einer der Segler.

»Gehen Sie einen Augenblick raus aus dem Büro! Hier geht es um Ermittlungen«, sagte Franz Bäuerle und schob die Freizeitkapitäne aus dem Büro.

»Mein Name ist Gernot Maier, mein Boot liegt normalerweise da hinten am Steg 1, kurz vor der Hafenausfahrt. Offenbar ist meine Tochter mit dem Boot am Freitag letzte Woche auf den See hinausgefahren und nicht mehr zurückgekehrt.«

»Maier sagten Sie?«, fragte der Hafenmeister nach und setzte sich an seinen Schreibtisch. Er rief den Hafenplan auf dem Computer auf.

»Ja stimmt, da sind Sie eingetragen und sogar noch mit einem Besetztschild markiert. Das heißt also, das Boot sollte eigentlich wieder zurückkommen.«

»Sie haben doch eine Webcam, die die Hafenausfahrt und den Hafen zeigt. Werden die Bilder gespeichert?«, fragte Hein Mommsen.

»Nein, das dürfen wir nicht mehr.«

»Sie können uns dann auch nicht sagen, wann das Boot von Herrn Maier das Gelände verlassen hat?«

»Eigentlich nicht. Aber wir haben zur Sicherheit gegen den Diebstahl von Außenbordern natürlich eine nicht offizielle Überwachungskamera installiert. Die speichert schon Bilder.«

»Welche Bereiche deckt die Kamera ab? Und wie lange werden die Daten gespeichert?«

»Den gesamten Hafen. Die Aufzeichnungen werden eine Woche gespeichert. Warum fragen Sie?«

»Wir vermuten, dass auf Herrn Maiers Boot ein Gewaltverbrechen geschehen ist. Wir wollen wissen, wer mit dem Boot den Hafen verlassen hat und wann«, mischte sich Bäuerle ein.

»Ich weiß nicht, ob ich das darf!«

»Sie dürfen! Ich bin Richter am Landgericht in Tübingen. Ich kann das anordnen!«, fügte Gernot Maier hinzu.

Der Mann rief eine Datei auf seinem Bildschirm auf und öffnete sie.

»Wann soll denn das gewesen sein?«, fragte der Hafenmeister sichtlich genervt.

»Ich denke so am Freitagnachmittag«, antworte Maier.

Gernot Maier stand nun hinter dem Hafenmeister und sah auf den Bildschirm. Es waren Videosequenzen von ein paar Sekunden zu sehen, die das Hafengelände abbildeten.

»Da, da liegt mein Boot. Sehen Sie?«, rief Maier aufgeregt.

»Es ist noch abgedeckt, also war auch noch niemand an Bord«, bemerkte Bäuerle, der eine Lesebrille aufgesetzt hatte.

Nun konnten alle Sequenzen übersprungen werden, auf denen das abgedeckte Boot sichtbar war. Dann plötzlich, am Freitagnachmittag um fünf Uhr, fehlte die Abdeckung. Der Hafenmeister klickte die Sequenz davor an und ließ sie ablaufen. Im letzten Augenblick, bevor die Kamera umschwenkte, sah man eine Frau auf dem Boot, wie sie die Schutzplane entfernte.

»Das ist meine Tochter«, sagte Gernot Maier leise.

Bei der nächsten Aufnahme sah man, wie die Frau eine Reisetasche an Bord brachte. Später dann, war das Boot plötzlich weg.

»Sie verließ also kurz nach sieben Uhr am Abend den Hafen«, bemerkte der Hafenmeister.

»Jetzt wäre interessant, ob sie in der Nacht wieder zurückkehrte, oder ob sie zwei Tage auf dem See verbrachte«, sagte Hein Mommsen.

»Um die ganzen Videos anzuschauen, fehlt mir die Zeit! Sie sehen ja, was da draußen los ist«, erklärte der Hafenmeister.

»Da können wir helfen, speichern Sie die ganzen Dateien auf diesem Stick und wir schauen uns alles in Ruhe an!«, sagte Bäuerle und hielt dem Mann einen USB-Stick vor die Nase.

»Ich weiß nicht, ob ich das darf!«, sagte der Mann zweifelnd.

»Sie dürfen, Sie haben meine richterliche Anweisung. Ich spreche mich noch mit dem Amtsgericht in Tettnang ab und gebe es Ihnen gerne schriftlich!«, beruhigte ihn Gernot Maier.

Dann nahm der Mann den USB-Stick und verschob sämtliche Dateien darauf. Anschließend verabschiedeten sich Mommsen, Bäuerle und Maier und fuhren zurück zur Dienststelle nach Langenargen. Dort begann ein Beamter sofort, das Bildmaterial auszuwerten. Diese Arbeit würde bestimmt ein paar Stunden in Anspruch nehmen. Inzwischen bekam Gernot Maier von der Staatsanwaltschaft die Freigabe seines Bootes und brachte es zurück zum Ultramarinhafen. Anschließend fuhr er wieder zurück nach Hause.

Am späten Nachmittag klingelte Gernot Maier bei seiner Ex-Frau. Auf dem Weg dorthin war ihm ein Mann aufgefallen, den er zu kennen schien. Er wusste aber nicht recht, wo er diesen einordnen sollte. Er konnte das Gesicht nicht genau erkennen, da sich der Mann in dem Augenblick umdrehte, als Maier ihn mit dem Auto passierte. Er musste eine Weile warten, bis aufgemacht wurde. Margit Maier-Hof öffnete, nur mit einem Handtuch bekleidet, die Tür.

»Du? Was willst du?«, fragte sie erstaunt.

»Ja ich. Hast du jemand anderes erwartet?«

»Das geht dich nichts an«, wandte sie sich ab und wollte die Tür schließen, um Gernot Maier den Zutritt zu verwehren.

»Ich möchte das Zimmer unserer Tochter sehen!«

»So wie früher, wo du ihr immer nachspioniert hast? Kannst du sie nicht in Ruhe lassen?«

»Hör zu, es kann sein, dass Zita einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist! Sollte sich der Tatbestand bestätigen, tauchen bei dir demnächst Kriminalbeamte auf und wollen das Zimmer sehen. Wir sollten ein paar Dinge entfernen, um nicht ins Gespräch der Leute zu kommen!«

»Du meinst doch sicher, dass deine Tochter gekifft hat, oder?«

»Ja, das auch. Das muss nicht unbedingt an die Öffentlichkeit gelangen!«

»Du hast doch nur Angst um deinen Ruf, sonst nichts. Dich interessiert nicht, was deiner Tochter passiert ist! Das hat dich noch nie interessiert! Für dich gab es doch nur deine Karriere bei Gericht. ›Vielleicht hab ich die Chance nach Karlsruhe berufen zu werden‹, hör ich dich noch predigen. Dass aber deine Tochter in der Schule ein ums andere Mal eine Fünf schreibt, kümmerte dich nicht! Dazu ist ja die Mutter da, die ist doch schließlich Sonderschullehrerin! Geh jetzt, es ist genug geredet! Zita wird wieder nach Hause kommen, das weiß ich! Und untersteh dich, in ihr Zimmer zu gehen!«, brüllte Margit Maier und schob ihren Ex-Ehemann zur Wohnung hinaus.

Ziemlich bedröppelt stieg er in sein Auto und blieb noch eine Weile sitzen, um nachzudenken. Seine Ex-Frau hatte die Situation anscheinend überhaupt nicht begriffen. Er hatte aber keine Möglichkeit einzugreifen und die Lage so zu lenken, dass er und sein Ruf unbeschadet blieben. Tatsächlich hatte er seine Tochter verdächtigt, Drogen zu konsumieren. Zwar beteuerte sie ihm gegenüber immer wieder, dies nicht zu tun, aber er wusste aus Erfahrung, dass auf Partys der jungen Leute die Joints reihum gingen. Sollte die DNA-Probe der Haare am Schal seiner Tochter, den er den Polizeibeamten übergeben hatte, mit der aus der Blutlache übereinstimmen, würde es tatsächlich nicht lange dauern, bis die Kripo bei seiner Ex-Frau auftauchte. Er startete sein Auto und fuhr nach Hause. Den ganzen Abend dachte er nach, wie er sich in den nächsten Tagen verhalten sollte. Bisher war er immer auf der anderen Seite eines Kriminalfalles. Diese Situation war neu für ihn und belastete ihn zusehends. Den ganzen Abend versuchte er, seine Tochter auf ihrem Handy zu erreichen. Er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Aber zu seiner Enttäuschung kam keine Verbindung zustande.

Am Wochenende ging es in der Bundesliga heiß her. Die Favoriten auf die Meisterschaft hatten allesamt verloren, sogar der alles beherrschende FC Bayern München. Kriminalhauptkommissar Gerhard Meininger war Anhänger des VfB Stuttgart und musste sich der Angriffe der Bayernfans unter seinen Kollegen erwehren. Die Stuttgarter hatten auswärts gewonnen, was Meininger zum Anlass nahm, die Vorzüge der Mannschaft hervorzuheben. Die Diskussion wurde durch ein Telefonat unterbrochen. Es war der Oberstaatsanwalt aus Tübingen, der mitteilte, dass ihm und der Kripo Reutlingen ein Vermisstenfall mit vermutlicher Todesfolge von der Staatsanwaltschaft in Ravensburg zugestellt werde. Dabei ging es um eine vermisste Siebzehnjährige aus Reutlingen, die in Langenargen vermutlich einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen sei. Meininger hörte sich den Sachverhalt kommentarlos an und legte, nachdem er mit einem kurzen »Ja«, geantwortet hatte, auf.

»Wer war denn das am frühen Montagmorgen?«, fragte sein langjähriger Kollege Christian Fromm.

»Der Oberstaatsanwalt, er wird uns eine Vermisstensache zukommen lassen«, antwortete Meininger gelangweilt.

Wenig später brachte der Amtsbote einen Aktenordner und legte ihn direkt vor Meininger auf den Schreibtisch. Der öffnete den Ordner und las halblaut vor sich hin.

»Maier. Zita-Fee. Alter siebzehn Jahre …«, brummte er vor sich hin. »Seltsamer Name, Zita-Fee.«

»Moment mal, was sagst du da gerade?«, fragte Carsten Dombrowski.

»Hm? Ach so, ja da wird eine Siebzehnjährige mit dem Namen Zita-Fee Maier vermisst. Die soll wohl auf dem Bodensee verschwunden sein.«

»Auf dem Bodensee? Was geht das uns an?«, mischte sich Christian Fromm ein.

»Die stammt aus Reutlingen, wohnhaft …«

»Nördlinger Straße!«, fiel ihm Dombrowski ins Wort.

»Woher weißt du, wo die wohnt?«, fragte Meininger verwundert.

»Sagt dir der Name Maier nichts?«

»Davon gibt’s in Reutlingen bestimmt mehrere Hundert.«

»Aber niemand dessen Tochter Zita-Fee heißt. Da gibt es nur einen.«

»Ach du Scheiße! Na klar!«, Meininger schlug sich mit der Hand auf die Stirn und setzte sich ruckartig in seinem Bürosessel auf. »Das ist doch das Töchterlein vom Richter ›Gnadenlos‹!«

»Stimmt«, fügte Fromm hinzu.

Gernot Maier war Vorsitzender Richter bei der Jugendstrafkammer am Landgericht in Tübingen. Er galt als Verfechter einer harten Linie im Jugendstrafrecht, vor allem wenn es um Drogenmissbrauch ging. Nun also war ausgerechnet dessen Tochter verschwunden. Die junge Frau hatte schon mehrmals mit der Polizei zu tun gehabt, ihr Vater konnte sie aber jedes Mal vor einer Strafe retten.

»Die heißt doch in Fachkreisen die ›Rote Zora‹ oder nicht?«, fügte Dombrowski hinzu.

»Wie heißt der Spruch? Pfarrers Tochter, Müllers Vieh, die geraten selten oder nie! Im übertragenen Sinne natürlich«, meinte Fromm

»Der Herr Philosoph wächst wieder über sich hinaus!«, brummte Meininger.

Der Kriminalhauptkommissar blätterte nachdenklich in der Akte. Er wusste aus Erfahrung, dass dieser Fall schwierig werden würde. So dauerte es auch nicht lange, bis Gernot Maier persönlich in der Dienststelle der Kripo in Reutlingen auftauchte. Ohne anzuklopfen, betrat er den Raum.

»Guten Morgen, die Herren!«, begann er hektisch. »Haben Sie die Akte Maier schon bekommen?«

»Ja, Herr Richter. Wir haben die Akte soeben erhalten«, antwortete Meininger seelenruhig.

Er gab sich mit Absicht gelassen, um Maier seine lästige Hektik zu nehmen.