Reutlinger Schwarzgeld - Werner Kehrer - E-Book

Reutlinger Schwarzgeld E-Book

Werner Kehrer

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Beschreibung

Firma gut verkauft, das Geld sicher in der Schweiz, alles in Butter, denkt der Reutlinger Unternehmer Hans Hörmann. Doch dann erfährt er von einem Informanten, dass die Steuerbehörde eine CD mit den Daten von Steuerflüchtlingen aus Süddeutschland erworben hat. Auch sein Name könnte auf dieser CD sein. Also beschließt er, sein Geld irgendwie zurück zu holen. Dabei wendet er recht ungewöhnliche Methoden an und findet einen Weg, sein Geld vermeintlich sicher ins Land zu bringen. Durch die Indiskretion eines Bankangestellten geraten allerdings Informationen über den Geldschmuggel in die falschen Hände. Ein Gewohnheitsverbrecher und ein Rauschgiftdealer sind Hans Hörmann auf der Spur. Die Jagd auf die Frankenmillionen beginnt.

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Seitenzahl: 259

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Werner Kehrer,

ist in Reutlingen geboren und lebt mit seiner Familie in Metzingen-Neuhausen. Er arbeitet als Ausbildungsmeister für Elektroniker, ist Hobby-Wengerter und schreibt seit 2007 Schwabenkrimis mit Hauptkommissar Gerhard Meininger als leitendem Ermittler.

Werner Kehrer

Reutlinger Schwarzgeld

Schwabenkrimi

Oertel+Spörer

Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen. Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden. Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.

© Oertel + Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2018Postfach 1642 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehalten.Titelbild: © fotolia, Schlierner; Angela Hammer Fotografie

Gestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, Reutlingen

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-96555-017-9

Besuchen Sie unsere Homepage und informieren Sie sich über unser vielfältiges Verlagsprogramm:www.oertel-spoerer.de

Jedes Mal, wenn Hans Hörmann die Filiale der Credit Suisse in der Bahnhofstraße in Schaffhausen am Rheinfall betrat, schwitzte er ein bisschen. Obwohl er den Schalterbeamten inzwischen sehr gut kannte, misstraute er ihm trotzdem. Es ging schließlich um Geld, sehr viel Geld. Er hatte den Mann bei einem Beratungstermin so weit gebracht, dass er ohne große Formalitäten Tranchen von 250000 Schweizer Franken an ihn ausbezahlte. Dafür aber steckte der Mann einen Gefälligkeitsbeitrag ein. Hörmann hatte vor einigen Jahren seine florierende Firma an einen Schweizer Investor verkauft. Der bezahlte offiziell zwei Millionen Euro in Deutschland, welche Hörmann brav versteuerte, überwies aber weitere drei Millionen Euro auf ein Nummernkonto bei der Credit Suisse, welche durch den deutschen Fiskus nicht einsehbar waren. In letzter Zeit waren aber die Nummernkonten in der Schweiz keineswegs mehr sicher, nachdem Hacker in die Banksysteme eingedrungen waren und reihenweise Datenträger mit den Namen der Kontoinhaber an die Steuerbehörden in Deutschland verkauft hatten. Nun wollte Hans Hörmann das Restvermögen unauffällig zunächst nach Deutschland und dann nach Luxemburg oder Malta schaffen. Diese beiden Staaten waren zwar Mitglied in der EU, galten aber als sichere Länder um Vermögen zu verbergen. Die ganze Summe abzuheben, war Hörmann zu risikoreich, denn er musste das Geld diskret über die Schweizer Grenze schaffen. Hans Hörmann war ein schrulliger Zeitgenosse. Er war nie verheiratet gewesen, hatte die Firma von seinem Vater übernommen und weiterentwickelt, das war seine Welt. Er spezialisierte sich auf hochpräzise Messeinrichtungen in der Maschinebauindustrie und bediente dort eine Nische, die von den Japanern und Chinesen nicht erreicht werden konnte. Somit häufte sich ein schönes Vermögen an. Eigentlich galt er als bescheiden. Das einzige Hobby, das er pflegte, waren schnelle aber möglichst nicht auffällige Autos. Seine neuste Anschaffung war ein Brabus E 700, der sich von einer Serien-E-Klasse von Mercedes-Benz kaum unterschied, aber einen Motor mit über 600 PS besaß. Außer einer Schwester hatte er keine Verwandte. Als Hörmann die Firma von seinem Vater in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts übernahm, zahlte er seine Schwester aus. Dazu musste er einen Kredit aufnehmen, der ihn jahrelang schwer belastete. Deren beiden Söhne waren kurzzeitig im Unternehmen beschäftigt. Aber außer mit Verhältnissen zu diversen weiblichen Angestellten, glänzten sie nicht durch Leistung im Sinne des Unternehmens. Deshalb war das Verhältnis zu seiner Schwester nicht besonders gut, zumal sie ihm auch noch nach der Veräußerung an den Schweizer Inverstor vorwarf, seinerzeit hereingelegt worden zu sein. Um seine liebe Ruhe zu haben, bekam sie vom Erlös in Deutschland einen gewissen Anteil. Vom Geld in der Schweiz wusste sie zum Glück nichts. Nun betrat er also, nach vorheriger telefonischer Anmeldung, die Bankfiliale. Urs Knäbler, der Bankangestellte, erwartete ihn bereits und öffnete sofort eine Seitentür, die zu einem der Beratungsräume führte.

»Ischt alles in Ordnung gegangen mit der letzten Zahlung?«, fragte Knäbler geschäftig.

»Ja, sehr sogar. Die Baustelle am Bodensee-Ufer schreitet zügig voran, sodass wir mit einem Erstbezug Ende des Jahres rechnen können!«, log Hörmann.

Er hatte dem Bankangestellten erzählt, dass er am Bau eines exklusiven Seniorenzentrums am Schweizer Ufer des Bodensees beteiligt sei. Die Kosten des Projekts beliefen sich auf mehrere Millionen Schweizer Franken. Da er aber Angst hatte, vom Bauträger hereingelegt zu werden, überwies Hörmann das Geld nur nach erfolgtem Baufortschritt, eine reine Vorsichtsmaßnahme also. Knäbler glaubte Hörmann natürlich kein Wort, denn er hatte sich über Investitionsobjekte am Bodensee-Ufer informiert, aber kein derartiges gefunden. Er spielte das Spiel einfach mit, weil für ihn am Ende ebenfalls eine nicht unbedeutende Summe abfiel. Das Geld hatte er bitter nötig, denn so konnte er seine Spielsucht finanzieren.

Nachdem Hörmann das Geld übernommen hatte, quittierte er den Empfang. Er hatte sich ausschließlich Banknoten mit Tausend-Franken-Scheinen ausbezahlen lassen, denn er wollte das Geld am Körper verstecken. Da es aber zumeist gebrauchte Scheine waren, musste er es auf zwei Häufchen aufteilen. Er verstaute das Geld zunächst in einem kleinen Aktenkoffer und verließ dann diskret die Bank. Davor wartete sein Fahrer Georg Iaschwilli auf dem Bushaltestreifen vor dem Gebäude. Hörmann hatte den gebürtigen Georgier auf Empfehlung eines Freundes eingestellt, weil Iaschwilli in seiner Heimat als Personenschützer ausgebildet und eingesetzt war. Alleine war es Hörmann zu gefährlich, mit so viel Geld in der Gegend herumzufahren. Außerdem hatte er einen Trick auf Lager, wie er die Zollkontrollen an der Schweizer Grenze umgehen konnte. Iaschwilli steuerte die Limousine aus der Stadt in Richtung Grenze. Er fuhr aber nicht auf direktem Weg zum Grenzübergang Bietingen, über den er dann auf die A 81 in Richtung Heimat käme, sondern blieb auf der Schweizer Seite. Dort folgte er der Schnellstraße in Richtung Kreuzlingen. Kurz vor dem Grenzübergang auf Höhe der Ortschaft Gottlieben ließ Hörmann anhalten und machte sich zu Fuß auf den Weg zur Grenze. Der Fahrer Iaschwilli fuhr weiter zur Grenze, wo er mit Sicherheit aufs Schärfste gefilzt wurde. Hans Hörmann dagegen machte sich auf den Weg an das nahe Bodensee-Ufer. Nach etwas weniger als einem Kilometer kam er bei einer Süßwarenfabrik vorbei, in der die bekannten Gottlieber Hüppen, mit Schokolade gefüllte Waffeln, hergestellt wurden. Er ging in den Werksverkaufsladen hinein und kaufte eine schöne Blechdose, die mit der Spezialität gefüllt war. Dann schlenderte er den Uferweg entlang zur Grenze. Er hatte zur Tarnung Wanderkleidung angelegt und einen Rucksack auf dem Rücken. In dem befand sich eine Flasche Wasser und besagte Blechdose mit den Waffeln. Das Geld hatte er sich mit Klebeband am Körper befestigt, was so langsam mächtig juckte. Er hatte auf diese Weise schon fast eine Million Schweizer Franken außer Landes geschafft. Immer wieder sah er sich um, ob ihm jemand folgte. Zeitweise war er ganz alleine auf dem schönen Weg direkt am Ufer des Bodensees unterwegs. An einem großen Gehöft bog der Weg links ab und traf wieder auf die Schnellstraße. Für die fast vier Kilometer benötigte er etwa eine Stunde. Schon kam das Gebäude der Grenzstation Tägerwilen in Sicht. Auf dem rechten Fahrbahnrand abgestellt und von Zollbeamten umringt, stand sein Auto. Sämtliche Türen, die Motorhaube und die Kofferraumklappe waren geöffnet. Gelangweilt lehnte Georg Iaschwilli am Fahrzeug und versuchte den Beamten Rede und Antwort zu stehen. Je näher Hörmann dem Fahrzeug kam, desto nervöser wurde er. Jetzt galt es, Coolness zu bewahren. Er schlenderte an dem Fahrzeug vorbei, ohne sich um die ganze Szenerie zu kümmern. Nach wenigen Metern überquerte er die B 33 über eine Brücke und ging weiter in Richtung Innenstadt von Konstanz. Iaschwilli hatte die Order erhalten, ins Einkaufszentrum Lago in der Nähe des Bahnhofes zu fahren und dort das Fahrzeug zu parken. Dann sollte er sich auf den Weg zum Hafen machen, wo Hörmann ihn in der Hafenhalle erwartete. Auf der Toilette des Biergartens entfernte Hörmann die Geldscheine von seinem Oberkörper. Das Jucken war kaum mehr auszuhalten. Er verstaute das Geld in einer Plastiktüte und stopfte diese in den Rucksack. Wenig später entdeckte er seinen Fahrer, wie er suchend im Biergarten umherstreifte. Beide setzten sich an einen Tisch und tranken schweigend eine Tasse Kaffee. Wieder war der Geldschmuggel erfolgreich durchgeführt worden.

Im dezent beleuchteten Saal der Spielbank Stuttgart saß Burghard Raiser an einem der Roulettetische. Er hatte soeben tausend Euro auf Nummer und Farbe gesetzt und verfolgte nun gebannt die Bewegung der Kugel im Roulettekessel. Seinem Nebenmann standen sichtbar Schweißperlen auf der Stirn. Raiser spielte emotionslos, denn es war nicht sein Geld, das er verspielte. Es stammte aus einem Raubüberfall, den er am Vortag verübt hatte. Dabei hatte er einem Gebrauchtwagenhändler zwanzigtausend Euro abgenommen. Obwohl er erst seit wenigen Wochen wieder aus dem Knast entlassen worden war, wo er wegen desselben Deliktes eingesessen hatte, konnte er nicht aufhören. Außerdem hatte er noch alte Schulden, die er abzahlen musste. Dann kam doch tatsächlich der große Moment. Die Kugel kullerte genau in das Loch, auf das er gesetzt hatte. Da er der Einzige war, der gewonnen hatte, wurde ihm alles was auf dem Tisch lag, zugeschoben. Die neidischen und verärgerten Blicke der Mitspieler störten ihn nicht. In aller Ruhe sortierte er die Chips, gab dem Croupier ein Trinkgeld und erhob sich, um an die Bar zu gehen und ein Gläschen zu trinken. Kaum hatte er sich gesetzt und einen Bourbon bestellt, da gesellte sich der Mann, der neben ihm am Roulettetisch gesessen hatte, dazu.

»Heute isch wohl der Tag der Glücksträhne, was?«, fragte der mit deutlichem Schweizer Akzent.

»Kann man wohl sagen. Man muss nur wissen, wann man aufhört, sonst ist alles wieder weg!«, antwortete Raiser.

»Und höret Sie auf?«

»Klar, ich hab ja genug für heute!«

»Das kann ich nicht sagen, ich hab gar nichts mehr für heute.«

»Wie alles verzockt?«

»Ja so kann man es sagen.«

Raiser schob dem Mann einen Chip hin und sagte: »Jetzt gehst Du rüber und setzt das auf vierundzwanzig Schwarz!«

»Und wenn ich verlier?«

Raiser zuckte nur schweigend mit der Schulter. Der Mann eilte zum Spieltisch und setzte, wie von Raiser geraten auf die schwarze Vierundzwanzig. Wenig später hörte man ein Raunen vom Spieltisch. Tatsächlich hatte der Schweizer gewonnen und kam freudestrahlend zurück an die Bar.

»Hey Mann, wir sollten ein Team bilden, dann nehmen wir den Laden auseinander, Gottfriedstutz noch einmal!«, rief der Schweizer und klopfte Raiser auf die Schulter.

»Nicht jeden Tag hat man so viel Glück. In der Summe steckt man immer mehr rein, als man gewinnt!«, beruhigte Raiser den Mann.

»Ich bin der Urs, Urs Knäbler, wie du schon sicher bemerkt hast, bin ich aus der Schweiz.«

»Ich bin der Franz!«, log Raiser. Er hatte keine Lust dem Mann seinen richtigen Namen zu nennen, man wusste ja nie.

»Bist du öfter hier?«, fragte Knäbler.

»Früher schon, aber in letzter Zeit nicht mehr.«

Knäbler gab Raiser den Chip zurück, den er als Einsatz bekommen hatte. Dann trank auch er einen Whiskey und prostete Raiser freundlich zu. Es blieb nicht bei dem einen und so stellte sich nach einiger Zeit die Wirkung des Alkohols ein. Knäbler war sichtlich angetrunken, was die Lockerung seiner Zunge zur Folge hatte.

»Also wenn ich mal ehrlich sein darf«, begann er, »du siehst mir nicht gerade wie ein Geschäftsmann aus!«

Raiser schwieg zunächst, dann nahm er einen kleinen Schluck Whiskey und sah langsam zu seinem Nebenmann hinüber.

»Woran sieht man das deiner Meinung nach?«

»Ich weiß nicht, aber ich habe mit Kunden zu tun. Jeden Tag, und da bekommt man ein Gespür für so was!«

»So, so, was verkaufst du denn?«

»Nichts, ich arbeite bei einer Bank!«

»Naja, dann bist du ja von Berufswegen auf das Erkennen von Ganoven trainiert! Was machst du bei der Bank?«

»In der Verwaltung, Kontenverwaltung«, log Knäbler.

Urs Knäbler war zwar mit der Kontoverwaltung in einer Credit-Suisse-Filiale vertraut, aber in erster Linie war er für die Auszahlung und Überweisung großer Summen an Geschäftskunden im In- und Ausland zuständig.

Er lebte privat auf großem Fuß, genau genommen über seine Verhältnisse. Eigentlich sollte er schon längst zum Filialleiter aufsteigen, aber dieser Karriereschritt war ihm zum wiederholten Male verwehrt worden. Um seinen Lebenswandel finanzieren zu können, bediente er sich einiger Kundeneinlagen, die er auf ein Konto im Ausland verschob. Anschließend schönte er die Bücher, um bei einer Revision nicht aufzufallen. Bei seinen Opfern handelte es sich in der Mehrheit um ältere Leute, auf deren Konten über Jahre hinweg keine Geldbewegungen mehr stattgefunden hatten. Bei seinem letzten Coup handelte es sich um eine alte Dame, die immer wieder zu ihm kam, um die Zinsen ihres Guthabens in ihr Sparbuch eintragen zu lassen. Knäbler erschlich sich das Vertrauen der alten Dame und schob ihr bei ihren Bankbesuchen immer wieder ein Blankoformular unter, auf der die Dame eine Unterschrift leistete. Er überredete sie, ihr Sparbuch im Tresor der Bank zu deponieren. Als sie dann einige Zeit nicht mehr auftauchte, durchsuchte Knäbler die Tageszeitungen nach gemeldeten Todesfällen. Und tatsächlich war die alte Dame in ihrer Wohnung von ihren Nachbarn tot aufgefunden worden. Da auch nach Wochen kein Angehöriger auftauchte und Anspruch auf das Sparbuch anmeldete, nahm Knäbler eines der unterschriebenen Blankoformulare, datierte es vor den Todestag zurück und tätigte eine Barauszahlung. Immerhin wanderten so zweihunderttausend Schweizer Franken auf sein Konto in Luxemburg. Nun aber war das Geld aufgebraucht und er musste sich langsam nach einer neuen Einnahmequelle umschauen. Als er so neben diesem Ganoven saß, kam ihm eine Idee.

»Und, in welcher Branche bist du unterwegs?«, fragte Knäbler vorsichtig.

»Im Augenblick in keiner, ich versuche gerade, einen Lottogewinn zu vermehren«, antwortete Raiser.

Knäbler glaubte ihm kein Wort. Dass der Mann neben ihm das Geld ehrlich verdient oder gar gewonnen hatte, glaubte er nicht. Aber vielleicht war er genau der richtige Mann für sein Vorhaben.

»Ich weiß, wie man ohne großes Aufsehen an viel Geld kommen kann!«, murmelte Knäbler leise und sah sich dabei um, ob auch niemand anderer mithören konnte.

»Ach ja? Das klingt interessant. Lass hören!«

»In unregelmäßigen Abständen kommt ein Mann zu mir auf die Bank und holt jedes Mal eine größere Summe Bargeld. Es sagt zwar immer, dass er das Geld brauche, weil er sich in einem Altenzentrum auf der Schweizer Seite des Bodensees eingekauft habe. Das stimmt aber nicht, weil ich das nachgeprüft habe. Man hat da so seine Connections. Ich glaube eher, dass er das Geld über die Grenze schmuggelt.«

»Um wie viel handelt es sich dabei?

»Zweihundertfünfzigtausend Schweizer Franken. Jedes Mal.«

»Klingt interessant. Und woher weiß ich, dass du kein Bullenspitzel bist?«

Knäbler grinste und antwortete dann: »Das könnte sein, ja. Aber dann wäre der Mann schon längst aufgeflogen und das Geld wäre vom Zoll beschlagnahmt worden.«

»Und wie viel hat der Mann noch auf dem Konto?«

»Etwa zwei Millionen.«

Raiser verschlug es den Atem. Wenn er an das Geld kommen könnte, wäre er saniert. Zumindest für ein paar Jahre. Trotzdem traute er diesem Schweizer nicht.

»Und wie stellst du dir das vor? Ich gehe einfach in eure Bank rein und hole mir die Kohle in dem Augenblick, in dem du sie übergibst?«

»Quatsch, das wäre zu auffällig. Der Mann wird nach der Geldübergabe von einem Fahrer abgeholt. Er fährt einen Brabus, kennst du solch ein Auto?«

»Nein, Autos sind nicht so meine Leidenschaft.«

»Solch ein Auto kostet locker eine halbe Million. Das Auto fällt einem Kenner sofort auf, wenn es auf der Straße bewegt wird. Man müsste eine Panne vortäuschen und den Fahrer dadurch zum Anhalten zwingen. Das Ganze müsste aber in der Schweiz passieren, denn er will die Summe immer in Schweizer Franken.«

»Das spielt doch keine Rolle. Wenn man dem das Geld in Deutschland abnehmen würde, wäre es doch schon über die Grenze geschmuggelt«, wandte Raiser ein.

»Das stimmt schon, aber geh mal in Deutschland auf eine Bank und wechsele einen Tausender, da schrillen doch sofort die Alarmglocken!«

»Was sollen wir dann mit dem Geld anfangen?«

»Ich kann das in Euros tauschen, ohne dass es groß auffällt. Du kommst mit dem Geld zu mir und bekommst deinen Anteil in Euro ausbezahlt.«

»Und wie viel ist das?«

»Die Hälfte natürlich!«

»Das bedeutet, wir beide würden die Sache durchziehen!«

»Nein, ich kann da nicht mitmachen, der Verdacht fällt doch ohnehin sofort auf mich.«

»Das kann ich nicht alleine durchziehen, da muss ich mir ein paar Leute an die Seite holen.«

»Das ist dann dein Problem. Ich will die Hälfte.«

»Okay, ich überlege mir die Sache, wie kann ich dich erreichen?«

»Nur über diese Handynummer. Aus Sicherheitsgründen.«

Raiser notierte sich die Nummer und tätigte einen Probeanruf. Dann tranken beide »Geschäftspartner« noch ein Gläschen auf die zukünftige Zusammenarbeit.

Zwei Tage später saß Burghard Raiser im Intercity nach Schaffhausen. Er wollte sich davon überzeugen, dass dieser Knäbler tatsächlich bei der Credit Suisse beschäftigt war. Da er im Moment kein Auto besaß, blieb ihm nur die Bahn als Reisemittel übrig. Er war nach elf Uhr in Reutlingen abgefahren und sollte planmäßig gegen drei viertel drei Uhr in Schaffhausen ankommen. Nachdem er sich von der Richtigkeit der Angaben Knäblers überzeugt hatte, wollte er mit dem nächsten Zug wieder zurückfahren. Während der Fahrt döste Raiser vor sich hin. Wenn dieser Knäbler recht hatte, dann konnte er dieses Mal einen richtig dicken Fisch an Land ziehen. Natürlich hatte Raiser nicht die Absicht, mit diesem Schweizer Trottel zu teilen. Der wusste ja nicht einmal seinen richtigen Namen, ziemlich naiv der Kerl. Mit dem Geld wollte er in den Süden gehen, um sich dort irgendwo niederzulassen und das Leben zu genießen. Was ihm mehr Sorge bereitete, war die Tatsache, dass er noch einen Komplizen an Bord nehmen musste. Er hatte auch schon so seine Kandidaten herausgesucht, aber mit denen musste er erst einmal in Kontakt treten. Der Zug unterquerte gerade die Autobahn 81, dann bremste er scharf ab. Von draußen hörte man das Signalhorn der Lok unaufhörlich hupen. Schließlich kam der Zug zum Stillstand. Überall hörte man, wie heruntergefallene Gegenstände aufgesammelt wurden. Raiser schob das Fenster herunter und sah hinaus. Über einen Feldweg, der parallel zum Bahngleis führte, sah er einen Mann weglaufen. Es gab keinerlei Durchsage, weshalb diese Notbremsung durchgeführt worden war. Nach etwa zehn Minuten kam von der nahen Bundesstraße her ein Polizeifahrzeug angefahren. Dann folgten weitere. Raiser wurde es langsam mulmig. Die werden ihm doch nicht schon auf die Schliche gekommen sein, dachte er noch. Dann aber sah er, wie der Mann, den er vorhin weglaufen sehen hatte, abgeführt wurde. Langsam setzte er sich wieder. Wenn das noch eine Weile dauerte, kam er zu spät, um diesen Knäbler zu beobachten. Dann endlich setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Kurz vor dem Bahnhof in Rottweil kam die Durchsage, dass der ungeplante Stopp aufgrund einer Personenfahndung notwendig geworden war. Die Ankunft des Zuges in Schaffhausen würde sich um eine halbe Stunde verschieben. Raisers Glück war, dass sich die Filiale der Credit Suisse in Schaffhausen genau gegenüber vom Bahnhof befand. Er musste also nicht durch die halbe Stadt irren und nach der Bank suchen. Innerlich war er schon ein wenig angespannt, denn es ging um richtig viel Geld. Er hatte sich überlegt, den Alten, der das Geld holte, zu kidnappen, um ihm sein Restvermögen auch noch abzunehmen. Dazu brauchte er aber zu viele Helfer, mit denen er teilen musste. Vielleicht fiel ihm doch noch eine andere Lösung ein. Zwei Millionen, oder waren es drei? Er wusste es nicht mehr. Mit dem vielen Geld würde er sofort nach Italien oder besser noch, über den Teich nach Südamerika fliegen. Er wurde in seinen Gedanken aufgeschreckt, weil plötzlich der Schaffner erschien. Raiser reichte dem Mann seinen Fahrschein. Der Schaffner musterte Raiser auffällig, so als würde er ihn kennen.

»Ist etwas nicht in Ordnung?«, fragte Raiser.

»Nein, nein, alles bestens«, antwortete der Mann.

Er tippte an seine Mütze und ging weiter. Raiser sah dem Mann nach. Der ging von Sitzreihe zu Sitzreihe, um die Tickets zu kontrollieren. Nachdem der Schaffner den Wagen verlassen hatte, folgte ihm Raiser, um zu sehen, ob er eventuell telefonierte. Zu seiner Erleichterung sah er, dass der Mann einfach seinen Job erledigte. Also kehrte Raiser wieder an seinen Platz zurück. Er war plötzlich nervös, so etwas kannte er vorher gar nicht. Beim Halt in Rottweil checkte er genau ab, wer sich zu ihm in das Abteil gesetzt hatte. Bullen roch er normalerweise schon einige Kilometer gegen den Wind. Er hatte aber den Eindruck, dass sich unter den Passagieren, die zugestiegen waren, keine Schnüffler befanden. Die meisten waren wohl Tagesausflügler, die an den Bodensee wollten. Viele erkundigten sich beim Schaffner nach den Verbindungen in Richtung Konstanz, da der Zug ja etwa eine halbe Stunde Verspätung hatte. Ein lautes Stimmengewirr machte sich im Wagen breit. Heftig wurde wegen der Verspätung mit dem Schaffner diskutiert, der arme Kerl konnte einem richtig leidtun. In Tuttlingen stiegen weitere Personen zu, sodass es im Wagen langsam eng wurde. Einige der Passagiere mussten sogar stehen. Eine junge Frau hatte sich zu ihm gesetzt und tippte flink auf ihrem Smartphone. Hin und wieder grinste sie, wenn sie eine Nachricht erhalten hatte. Im Augenwinkel sah Raiser, dass sie unseriöse Bilder erhalten hatte. Erschrocken blickte sie sich um. Dann löschte sie den Inhalt der Nachricht schnell wieder. Sie war ziemlich leicht gekleidet, ihr üppiger Busen quoll beinahe aus ihrem T-Shirt. Raiser musste sich zwingen, nicht dauernd hinüber zu schauen. Eine halbe Stunde später traf der Zug in Singen ein. Nun leerte sich der Wagen schlagartig. Draußen auf dem Bahnsteig fand ein Gerenne statt, weil ein Anschlusszug schon wartete. Dann gab es einen leichten Ruck und der Zug fuhr in Richtung Schweiz weiter. Etwa eine drei viertel Stunde später fuhr der Zug in den Bahnhof Schaffhausen ein. Es war kurz vor halb vier Uhr als Raiser die Bahnhofshalle verließ und sich unsicher umschaute. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erkannte er sofort die Filiale der Credit Suisse. Er überquerte die Straße und setzte sich auf eine Wartebank an einer Bushaltestelle unmittelbar vor dem Eingang der Bank. So konnte er den Eingang sehr gut beobachten. Als er die Filiale so beobachtete, kamen ihm Zweifel auf, dass dort so viel Geld auf einmal ausbezahlt werden konnte. Summen, wie die von diesem Knäbler genannten zweihundertfünfzigtausend Franken, musste sicherlich erst bei der Zentrale vorbestellt werden. Langsam kamen ihm Zweifel an der Realisierung des Unternehmens. Am liebsten wäre er in die Bank gegangen und hätte nach diesem Knäbler gefragt. Das war aber gefährlich, da sicherlich alles auf Video aufgezeichnet wurde. Von Zeit zu Zeit gingen Kunden in die Bank, die nicht wirklich ärmlich aussahen. Immer wieder hielt eine Limousine vor dem Eingang und ein gut gekleideter Mann entstieg, um in die Bank zu gehen. Jeder hatte zumindest einen Aktenkoffer dabei, andere sogar zwei. Das war schon dubios, was da vorging. Die Mehrzahl der Fahrzeuge, die vor der Bank hielten, trugen deutsche Kennzeichen. Und plötzlich, da sah er ihn! Mit einem sommerlichen Anzug bekleidet kam Knäbler aus der Bank und verabschiedete einen älteren Mann per Handschlag. Also arbeitete er tatsächlich bei der Credit Suisse. Während der Zugfahrt nach Schaffhausen hatte sich Raiser nach dem Wohnort von Knäbler erkundigt. Er suchte dafür auf der Seite der Lokal.ch. Seine Recherche ergab, dass Knäbler in Schlatt, einem Vorort von Schaffhausen wohnte. Von oben im Google Earth betrachtet, besaß er ein ziemlich großes Anwesen mit Pool. Entweder er verdiente gut oder er machte nebenher krumme Geschäfte. Raiser glaubte nun eher an die zweite Möglichkeit, denn wie sonst sollte der Kerl auch noch seine Spielsucht finanzieren. Er machte noch ein paar Bilder vom Bahnhofsvorplatz und ging dann hinter den Gebäudekomplex, um zu sehen, ob es einen Hinterausgang gab. Diesen konnte er aber nicht finden, deshalb ging er wieder zurück in den Bahnhof und wartete auf den Zug, der ihn wieder zurück nach Reutlingen bringen sollte.

Hans Hörmann saß auf der Terrasse seines Landhauses auf dem Göllesberg, einem Teilort der Gemeinde Lichtenstein und telefonierte mit seinem Bankberater bei der Credit Suisse. Er hatte vor, in den nächsten Tagen eine weitere Tranche seines Vermögens abzuheben. Die Sache wollte er in diesem Sommer noch über die Bühne bringen, denn im Herbst oder im Winter wollte er nicht am Bodensee entlang laufen. Die Story mit dem Wanderer würde ihm kein Mensch mehr glauben. Den Weg, über den er das Geld nach Deutschland schmuggelte, war er schon viele Male im Urlaub gewandert. Dabei war er mit dem Schiff von der Insel Reichenau zu dem am Schweizer Ufer liegenden Mannenbach übergesetzt und dann über Gottlieben nach Konstanz gegangen. In Gottlieben kaufte er dann immer die bekannten Hüppen. Dabei war er immer über die Grenze in der Gottlieber Straße nach Konstanz gegangen. Ein paarmal wurde er von den Beamten kontrolliert, hatte aber nichts anderes als eine Flasche Wasser und ein paar von diesen Hüppen dabei. Er tischte den Zöllnern die Story mit den Enkeln auf, die diese Süßigkeiten doch so gerne bei ihrem Opa aßen. Er zeigte dann den Beamten Bilder von zwei süßen kleinen Kindern. Hörmann hatte aber weder Kinder noch Enkel. Inzwischen wurde er nicht mehr kontrolliert, er wurde sogar beauftragt den Enkeln von den Onkeln an der Grenze einen Gruß zu sagen, was er dann auch zu tun versprach. Nun telefonierte er also mit Urs Knäbler, seinem Bankberater. Dieser gab ihm zur Auskunft, das Geld frühestens in einer Woche bereitstellen zu können. Er musste es in Blöcken bei der Zentrale bestellen, sonst kam noch jemand auf die Idee, eine Revision durchzuführen. Dann wäre Knäbler fällig gewesen. Er hatte es bisher immer geschafft, die Bücher bis zum Jahresabschluss zu bereinigen. Daher brauchte auch keine Revision vonseiten der Zentrale durchgeführt werden. Hörmann beendete das Gespräch und goss sich einen teuren schottischen Whiskey ein. Er trank ihn pur und in kleinen Schlucken. Er genoss dabei das rauchige Aroma. Dann drückte er auf einen Knopf. Wenig später kamGeorg, sein Fahrer und Bodyguard lautlos aus dem Haus und trat hinter Hörmann.

»Sie haben gerufen?«, fragte er mit deutlichem Akzent.

»Eine neue Fahrt steht an, vielleicht nächste Woche. Wir sollten vorher vielleicht noch mal die Verkehrslage checken. Nicht, dass es unvorhergesehene Hindernisse, wie Baustellen und dergleichen gibt.«

»Ich schaue sofort danach, kein Problem!«, sagte Georg Iaschwilli.

Iaschwilli war Georgier. Er hatte im Bürgerkrieg gegen die Russen gekämpft. Zuvor war er aber bei der russischen Armee zum Fallschirmspringer und Einzelkämpfer ausgebildet worden. Die Ausbildung half ihm im Westen bei der Jobsuche. Er kam ohne Probleme im Türstehermilieu unter. Dort arbeitete er mehrere Jahre, bevor er sich dann als Personenschützer ausbilden ließ. Dabei geriet er auf die schiefe Bahn. Sein Chef war ein Bordellbesitzer, der es mit den Gesetzen nicht so ernst nahm. Iaschwilli geriet in eine Auseinandersetzung zwischen Zuhältern, wobei er einen der Männer zum Krüppel schlug. Da die Justiz seine Schuld nicht eindeutig nachweisen konnte, wurde er wegen Beihilfe zur schweren Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Nun war er auf Empfehlung eines Bekannten bei Hans Hörmann untergekommen. Für den Georgier ein Traumjob. Er fuhr eines der teuersten Autos in Deutschland und verdiente nicht schlecht. Deshalb war er seinem jetzigen Chef sehr dankbar.

»Es gibt keine verkehrsbedingten Probleme auf unserer Strecke«, sagte Iaschwilli wenig später, nachdem er sich im Internet kundig gemacht hatte.

»Und auf den Ausweichstrecken B und C?«

»Auch nicht, keine Probleme.«

»Gut, sehr gut!«, sagte Hörmann, und nippte noch einmal an seinem Glas. Dann fragte er: »Willst du auch einen?«

»Nein, ich trinke keinen Alkohol. Sie wissen doch. Mein Opa sagte immer: Alkohol macht Birne hohl!«

»Manchmal schon! Das stimmt.«

Iaschwilli zog sich wieder diskret zurück. Die Ausweichstrecken, wie Hörmann die Fahrtrouten nannte, hatten Hörmann und sein Fahrer ausgekundschaftet. Sie sollten befahren werden, wenn es zu unerwarteten Schwierigkeiten kommen sollte. Wobei die Route A diejenige war, welche von Schaffhausen direkt nach Konstanz führte. Die Route B führte am Rhein entlang bis Stein am Rhein und dann weiter bis Konstanz, mit der Option jederzeit in ein Schiff der Bodensee-Flotte einzusteigen und bis zu einer deutschen Anlegestelle zu fahren. Strecke C führte direkt von Schaffhausen über die Grenze bei Thayngen und dann über die A 81 direkt zurück. Das war der auch schnellste Weg.

Im Schatten eines Baumes im Biergarten gegenüber dem Hauptbahnhof in Reutlingen saß Burghard Raiser und versuchte, alte Weggefährten per Handy zu erreichen. Bei einigen hatte es auch geklappt, aber bisher sagten ihm alle ab, als er ihnen den Plan für sein neues Projekt unterbreitete. Er war enttäuscht, denn eigentlich erwartete er Begeisterung statt einer Absage. Langsam aber sicher gingen ihm die Ideen aus, wen er noch für den Überfall gewinnen konnte. Vor allem hätte er sich auf die, die er schon gefragt hatte hundertprozentig verlassen können. Alle anderen, die er noch kannte, waren ihm nicht vertrauensvoll genug. Alleine konnte er das Ding nicht durchziehen, das war ihm klar. Sollte der Plan etwa an Personalmangel scheitern? Einer seiner früheren Kumpane nannte ihm einen Namen, den er vor früher zwar kannte, aber mit dem hatte er noch nie eine Sache durchgezogen. In der Szene galt dieser Barny als eiskalter Killer. Dementsprechend gefährlich war es, mit ihm zusammenzuarbeiten. Das nächste Problem bestand darin, an diesen Barny heranzukommen. Der Informant gab ihm einen Tipp, wo er den Mann treffen konnte. Es handelte sich dabei um einen Klub in Stuttgart, wo nicht jedermann willkommen war. Mitten in seine Überlegungen hinein klingelte sein Handy. Vielleicht hatte es sich doch der ein oder andere überlegt mitzumachen.

»Raiser«, meldete er sich.

»Hier spricht ein guter Bekannter aus der Spielbank«, sagte der andere.

Raiser erkannte am Schweizer Dialekt sofort, dass es sich nur um Knäbler, den Schweizer Banker handeln konnte.

»Was gibt es zu berichten?«

»Im Laufe der nächsten Woche könnte wieder ein Gewinn abgeholt werden. Den genauen Zeitpunkt teil ich dann noch rechtzeitig mit!«, sagte der Schweizer und legte sofort wieder auf.

Schweißperlen bildeten sich auf Raisers Stirn. Jetzt musste er handeln. Er rief seinen Tippgeber an und erkundigte sich, wie er an diesen Barny herankommen konnte. Dieser nannte ihm einen weiteren Namen, dabei handelte es sich um eine Frau, die diesem Barny ziemlich nahestand. Sie bediente in einer Kneipe in der Reutlinger Innenstadt. Raiser bezahlte sein Weizenbier und machte sich sofort auf den Weg. Die Kneipe befand sich unweit des Rathauses. Raiser ging hinein und sah sich nach einer Bedienung um. Zunächst sah er aber keine, sondern nur Männer. Deshalb ging er an die Theke und fragte nach dieser Sandra.

»Bedient bei euch eine gewisse Sandra?«, fragte er den Mann an der Theke.

»Ja, aber die hat gerade Pause. Die ist kurz weggegangen, müsste aber in fünfzehn Minuten wieder da sein. Soll ich ihr was ausrichten?«, sagte der Mann und polierte dabei lustlos frisch gespülte Gläser.

»Nö, ich warte am besten auf sie. Kann ich mich irgendwo setzen?«

»Ja, klar! Bedienung kommt gleich!«

Raiser setzte sich an einen Tisch, von dem er aus die Straße beobachten konnte. Wenig später kam ein Ober und fragte ihn, was er zu trinken haben wollte. Er bestellte sich ein Bier und einen kleinen Imbiss, da er Hunger verspürte. Kaum hatte an dem Bier genippt, da tauchte eine Frau neben ihm auf, die er von früher her kannte. Na klar! Das konnte nur diese Sandy sein. Sie hatte in verschiedenen Kneipen gearbeitet, in denen er vor seiner Inhaftierung verkehrte. Sie war ein ziemlich heißer Feger, auch heute noch.

»Na biste wieder draußen?«, fragte sie ohne Umschweife.

»Ja, schon eine Weile. Sag mal, weißt du, wo ich den Barny erreichen kann?«

»Was willst du denn von dem?«

»Ich muss mit ihm was Geschäftliches bereden.«

Die Frau hob vielsagend die Augenbraue.

»Du wirst doch nicht schon wieder Geschäfte machen?«

»Das lass mal meine Sorge sein!«

»Wenn du ein wenig Geduld hast, kannst du Barny noch sprechen. Der wollte nachher noch vorbeikommen.«

»Okay, dann warte ich. Nett von dir, dass du mir helfen willst.«

»Ich möchte nichts damit zu tun haben«, sagte sie, und wandte sich ab, um ihre Arbeit wieder aufzunehmen.