Der Tote vom Seeburger Tal - Werner Kehrer - E-Book

Der Tote vom Seeburger Tal E-Book

Werner Kehrer

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Beschreibung

In einem Wald an einem Parkplatz im Seeburger Tal bei Bad Urach findet ein Lastwagenfahrer einen toten Kollegen. Nachdem der Lastwagen des Toten fehlt, vermutet Hauptkommissar Gerhard Meininger einen Zusammenhang zwischen dem Diebstahl und dem Mord. Seine Ermittlungen führen zu einer Bande, die wertvolle Lastwagenladungen stiehlt und verschiebt. Durch die Ortung eines der gestohlenen Handys gelingt es der Reutlinger Polizei, einen terroristischen Anschlag am Stadion Kreuzeiche zu vereiteln. Daraufhin schalten sich LKA und BKA ein. Die Überwachung der Täter führt zu deren Festnahme, aber Meininger ist sich nicht sicher, ob unter den Ladungsdieben auch der Mörder ist.

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Seitenzahl: 265

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Werner Kehrer

ist in Reutlingen geboren und lebt mit seiner Familie in Metzingen-Neuhausen. Er arbeitet als Ausbildungsmeister für Elektroniker, ist Hobby-Wengerter und schreibt seit 2007 Schwabenkrimis mit Hauptkommissar Gerhard Meininger als leitendem Ermittler.

Werner Kehrer

Der Tote vom Seeburger Tal

Schwabenkrimi

Oertel+Spörer

Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen.Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.

© Oertel+Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2017Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehalten.Titelbild: fotolia_117554301Gestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenLektorat: Bernd WeilerSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-88627-596-0

Besuchen Sie unsere Homepage und informieren Sie sich über unser vielfältiges Verlagsprogramm:www.oertel-spoerer.de

Es war wieder die Hölle los auf der A8. Karl-Heinz Mutschler stand zwischen den Anschlussstellen Karlsbad und Pforzheim-West im Stau. Er kam mit seinem Lkw aus Hamburg, wo er verschiedene Waren geladen hatte, die nach München transportiert werden sollten. Er hätte auch die A81 über Heilbronn fahren können, aber auch von dort wurde den ganzen Tag schon Stau gemeldet. Nach einer halben Stunde Stop-and-go lief es wieder einigermaßen. Dann kam die nächste Hiobsbotschaft: Zwischen Aichelberg und Ulm-West staute sich der Verkehr auf sechzehn Kilometern Länge. Mutschler beschloss, über die B28 nach Ulm und dann wieder zurück auf die Autobahn zu fahren. Dabei wollte er die Gelegenheit zu einem Treffen mit seiner Nachbarin nutzen. Schon lange bemühte er sich um die Gunst dieser Frau. Sie war zwar verheiratet wie er, das störte ihn aber wenig. Mutschler war seit zehn Jahren verheiratet. Mehr und mehr aber lebte sich das Ehepaar auseinander und er war froh, auf der Straße zu sein und seine Freiheit auszuleben, trotz dem ganzen Terminstress. Zu Hause fühlte er sich eingeengt, weil ihn seine Frau nach seinem Empfinden bevormundete. Da war Roswita Rempfer, die Nachbarin, ganz anders. Sie hatte Humor und strahlte eine ansteckende Lebensfreude aus, die sich auf ihre Umgebung auswirkte. Ihr Ehemann Thorsten hingegen war eine Trantüte, ein richtiger Waschlappen. Bei einem gemeinsamen Grillabend mit den Nachbarn kamen sich Karl-Heinz Mutschler und Roswita Rempfer zu später Stunde unter Alkoholeinfluss näher. Er hatte sich neben sie auf eine Bank gesetzt, als ihr Mann schon längst betrunken im Bett lag. Zuerst hatte man sich über Belangloses unterhalten und dann fasste sie seine Hand und legte sie um ihre Hüfte. Mutschler begann, ihren Hintern zart zu streicheln. Dabei beobachtete er aufmerksam, ob seine Frau davon etwas mitbekam. Diese war aber damit beschäftigt, den anderen Anwesenden ihr Lebensleid zu klagen. Roswita Rempfer sah Karl-Heinz Mutschler vielsagend in die Augen und lächelte dabei. Dann stand er auf und tat so, als ob er zur Toilette gehen würde. Einige Augenblicke später folgte sie ihm und so trafen sie sich hinter einem Holzschuppen und knutschten leidenschaftlich. Gerade als Mutschler die Bluse von Rosi, wie er Roswita Rempfer nun nannte, öffnen wollte, ging im benachbarten Haus ein Licht an. Sie mussten ihr lustvolles Tun unterbrechen und zur Grillstelle zurückkehren. Niemand hatte ihr Verschwinden bemerkt. Beide setzten sich nun aber getrennt zu den anderen. Von nun an kommunizierten sie über WhatsApp und tauschten ihre Sorgen und Sehnsüchte aus.

Heute wollte er sich mit ihr treffen und dieses Mal ungestört sein. Mutschler hatte schon vor einer halben Stunde eine Nachricht verschickt, hatte aber bisher noch keine Antwort erhalten. Dann, kurz vor Metzingen, meldete sich sein Handy. Es war Rosi, die sich entschuldigte, weil ihre Schwiegermutter mal wieder zu Besuch war und sich einfach nicht verabschieden wollte. Sie hatte die Nachricht auf der Toilette abgeschickt, weil sie Angst hatte, die Schwiegermutter könnte etwas bemerken. Rosi wollte versuchen, in etwa einer halben Stunde von zu Hause loszukommen. Mutschler schlug als Treffpunkt den Parkplatz oberhalb von Seeburg an der B465 Richtung Münsingen, kurz vor der Abzweigung nach Rietheim vor. Als Antwort kam nur ein kurzes »Okay«.

Mutschler fuhr nun mit einem Lächeln auf den Lippen weiter. Er konnte es kaum erwarten, den Parkplatz zu erreichen.

Thorsten Rempfer trommelte ungeduldig auf das Lenkrad seines Geschäftswagens. Er stand an einer Ampel in Münsingen und war auf dem Weg nach Hause. Ausnahmsweise hatte er heute ein neutrales Fahrzeug aus dem Fuhrpark seiner Firma mitgenommen. Sonst fuhr er immer einen Transporter mit buntem Aufdruck, der zeigen sollte, wo er als Außendienstler unterwegs war. Er war Gebietsvertreter für Industrieausrüstung bei einem großen Konzern. Sein Wirkungskreis erstreckte sich vom Landkreis Ulm bis an den Bodensee. Deshalb kam er oft spätabends oder erst am nächsten Tag von Kundenbesuchen nach Hause. Seine Frau Roswita hatte sich anfangs daran gestört, weil sie befürchtete, ihr Mann könnte sich nebenher eine Andere anlachen. Gewiss hatte er so manche Nacht in einem Hotel nicht alleine verbracht, aber das brauchte ja seine Frau nicht zu erfahren.

Nun aber war er auf dem Weg zu einem Parkplatz oberhalb von Seeburg, kurz vor der Abzweigung nach Rietheim. Er hegte schon seit einiger Zeit den Verdacht, dass seine Frau fremdging. Ein Bekannter hatte das Handy seiner Frau Roswita so manipuliert, dass er ihre WhatsApp-Nachrichten auch auf seinem Handy empfangen konnte. Vor ein paar Minuten hatte er gelesen, dass sich seine Frau mit seinem Nachbarn Mutschler treffen wollte. Deshalb fuhr er schleunigst zu dem Parkplatz, um die beiden bei ihrem schändlichen Tun überraschen zu können. Ausgerechnet der Mutschler, ein einfacher Lastwagenfahrer! Was sie wohl an diesem groben Klotz so toll fand? Wenn man mit ihm zusammensaß, faselte er von seinen Fahrten und jammerte über die Disponenten und deren Versagen. Immer die gleiche Leier. Mutschlers Frau hingegen müsste schon längst tot sein, so wie sie über ihre Krankheiten berichtete. Bei ihr war eine einfache Erkältung gleich eine Nasennebenhöhlenentzündung mit extrem fiebrigem Verlauf. Zwei Tage später war sie wieder wohlauf und quatschte den Nachbarn die Ohren voll. Sie war nicht sein Typ, sonst hätte er es bei ihr schon längst probiert.

Nun bog er auf den Parkplatz ein und verließ den Fahrersitz, um nach hinten in den Frachtraum zu klettern. Er hatte das Fahrzeug so geparkt, dass er den ganzen Parkplatz übersehen konnte. Durch eine kleine Scheibe konnte er nach vorne durch die Windschutzscheibe blicken. Er hatte zuvor ein Warndreieck im Fahrerraum aufgestellt, um eine Panne vorzutäuschen. Dann sah er den Kleinwagen seiner Frau auf den Parkplatz einbiegen. Sichtlich nervös schaute sie sich um. Als nach ein paar Minuten niemand kam, fuhr sie wieder weiter in Richtung Seeburg das Tal hinunter. Hatte ihr Liebhaber kalte Füße bekommen? Oder stand er im Stau? Dann hätte er schon längst eine Nachricht geschrieben! Langsam wurde es unbequem im Laderaum des Transporters. Er war nicht so hoch, dass man stehen konnte, deshalb musste Mutschler in gebeugter Haltung verharren, was ihm langsam Rückenschmerzen verursachte. Hinsetzen konnte er sich auch nicht, sonst sah er nicht, was sich draußen abspielte. Zur Sicherheit kramte er sein Handy hervor und sah nach, ob nicht etwa eine neue Nachricht von Mutschler verschickt worden war, in der ein anderer Treffpunkt vereinbart wurde. Das war aber nicht der Fall. Wieder verrannen die Minuten, ohne dass sich etwas tat. Dann klingelte auch noch das Handy. Es war seine Mutter, die hatte ihm gerade noch gefehlt. Er schaltete das Telefon auf lautlos und ließ es einfach vibrieren, ohne abzuheben. Dann tauchte plötzlich ein Lastwagen auf und bog direkt auf den Parkplatz ein. Wenige Augenblicke später fuhr auch seine Frau auf den Parkplatz und parkte direkt neben dem Führerhaus des Lastwagens. Hinter ihm folgte ein weiterer Lkw, der kurz anhielt, dann aber wieder weiterfuhr. Mutschler unterhielt sich durch die geöffnete Seitenscheibe mit Roswita Rempfer und beobachtete dabei aufmerksam das abgestellte Fahrzeug, in dem Rempfer saß. Dann stieg sie aus, ging um den Lastwagen herum und kletterte in das Fahrerhaus. Mutschler hob Roswita Rempfer in die Schlafkabine des Lkws und zog den Vorhang zu. Hin und wieder sah man den Fuß der Frau hervortreten und sich wippend bewegen. Torsten Rempfer stand der kalte Schweiß auf der Stirn. Im Augenblick hatte er keine Ahnung, wie er reagieren sollte. Da fasste er einen Entschluss.

Den ganzen Nachmittag war Joachim Dehner, genannt Jacky, dem Lastwagen gefolgt, der laut einem Informanten aus Hamburg eine lukrative Ladung transportierte. Sein Partner Bob, wie er kurz genannt wurde, saß gelangweilt neben ihm und zockte auf dem Handy.

»Sag mal, der muss doch irgendwann mal anhalten, sonst überschreitet der doch seine Fahrzeiten!«, schimpfte Bob.

»Ist doch egal, wir haben Zeit. Den kriegen wir schon«, beruhigte Jacky seinen Partner.

Die beiden gehörten einer Bande an, die sich auf Lkw-Diebstahl spezialisiert hatte. Ein Komplize arbeitete bei der Hamburger Hafen und Logistik AG kurz HHLA und hatte Einsicht in die Ladungen, die auf die jeweiligen Lkw verteilt wurden, nachdem sie aus Überseecontainern gelöscht worden waren. Solch eine Ladung war gerade auf dem Weg nach München. Es handelte sich dabei unter anderem um eine Palette der neusten Handys der Marke Apple, die am anderen Tag in München bei einer Exklusivparty der Weltöffentlichkeit präsentiert werden sollten. Osteuropäische Kunden zahlten horrende Preise für diese Apparate, daher lohnte sich ein Diebstahl. Außer den Handys hatte der Lkw aber auch noch Kunstgegenstände geladen, die zwar nicht übermäßig wertvoll waren, aber die ebenfalls im Osten Europas viele Liebhaber finden würden. Die Sache lief immer nach dem gleichen Schema ab: Der betroffene Fahrer musste irgendwann anhalten, um eine nach dem Gesetz verordnete Pause einzulegen. Die Diebe folgten dem Fahrer mit einem zweiten Lkw, der keinen Anhänger oder Sattelauflieger zog. Sobald der Fahrer anhielt, ging dieser meistens zuerst in einer Raststätte auf die Toilette. Entweder brach dann einer der Diebe das Führerhaus auf und fuhr mit dem Lastwagen davon oder der Fahrer wurde auf der Toilette überwältigt und betäubt, sodass er mehrere Stunden aus dem Verkehr gezogen war. Eine weitere Variante war, dass wenn der Fahrer auf freiem Gelände anhielt, die Diebe sich zu zweit an den Lastwagen heranschlichen. Der eine verwickelte den Fahrer in ein Gespräch, während der andere sich von hinten anschlich und mit einem Hieb auf den Kopf den Fahrer betäubte. Dann wurde die Zugmaschine abgekoppelt und der Auflieger an den Lastwagen der Diebe angehängt. Wenn der Fahrer wieder zu sich kam, waren die Diebe längst über alle Berge. So sollte es heute wieder ablaufen. Es war ziemlich schwierig, dem Fahrer zu folgen, denn er befuhr eine Bundesstraße, die durch mehrere Ortschaften führte. Immer wieder musste er an Ampeln anhalten. Dann wurde es kompliziert, weil die Ganoven zum einen nicht zu dicht auffahren wollten, um nicht aufzufallen, aber auch nicht zu großen Abstand haben sollten, um ihr Opfer nicht aus den Augen zu verlieren. Sie folgten einfach dem Lastwagen so lange, bis sich die Gelegenheit zu einem Überfall ergab.

»Wo sind wir hier eigentlich?«, fragte Dehner ungeduldig.

»Kurz vor Bad Urach. Ich frag mich nur, warum der Idiot nicht auf der Autobahn geblieben ist. Jetzt stehen wir doch auch nur im Stau!«, schimpfte Bob.

Tatsächlich kam es jeden Tag in der Feierabendzeit zu einem kilometerlangen Stau vor Bad Urach. Das Verkehrsaufkommen war einfach zu groß für das Nadelöhr der Bundesstraße 28 am Eingang der Stadt. Nur sehr langsam kamen die beiden vorwärts. Kurz bevor die Straße nach links abbog, verloren die beiden Gangster den Lastwagen aus den Augen.

»Scheiße, hoffentlich biegt der nicht irgendwo ab!«, fluchte Bob.

»Ich denke, der fährt den nächsten Weg zurück auf die Autobahn. Den holen wir schon wieder ein.«

Als die Ampel wieder grün zeigte, fuhr Jacky etwas schneller als erlaubt, um wieder aufzuholen. Zu beider Beruhigung sahen sie, dass der Lastwagen auch nicht wesentlich weiter vorangekommen war. Keine hundert Meter vor ihnen tauchte er wieder auf. Nun ging es geradeaus weiter eine ziemlich enge Steige hinauf. Der Lastwagen vor ihnen musste mehrere Gänge zurückschalten, was der Motor jedes Mal mit einer Rauchwolke aus dem Auspuff quittierte. Zwischen den Gangstern und ihrem Opfer befand sich nur noch ein japanischer Kleinwagen. Als sie am Ende der Steige angekommen waren, bog der Lkw plötzlich links auf einen Parkplatz ein. Der Kleinwagen folgte ihm.

»Scheiße!«, fluchte Bob.

»Dann fahren wir halt weiter und kommen nachher wieder. Wir sollten uns irgendwo postieren, von wo aus wir den Parkplatz einsehen können«, sagte Jacky, und bog bei der nächsten Möglichkeit rechts ab. Er steuerte den Lkw in die nächste Ortschaft mit dem Namen Rietheim. Etwa in der Ortsmitte, vor der Kirche, wendete er und fuhr wieder zurück in Richtung Münsingen. Kurz nach dem Ortsausgang von Rietheim sah man recht gut auf die Bundesstraße 465 hinunter. Die Sicht auf den Parkplatz allerdings war verdeckt. Dehner hielt den Lkw an und schaltete die Warnblinkanlage ein.

»Jetzt wollen wir hoffen, dass das andere Auto bald wieder wegfährt. Sieht so aus, als trifft der Kerl da jemanden«, sagte Jacky, der den Parkplatz durch ein Fernglas beobachtete.

»Eine Romanze, wie?«, fragte Bob belustigt.

Nach einer halben Stunde war es dann so weit. Der Kleinwagen verließ den Parkplatz und kam die Straße nach Rietheim heraufgefahren. Kurze Zeit später fuhr auch ein grauer Lieferwagen vom Parkplatz.

Eine ganze halbe Stunde schon verbrachte Torsten Rempfer im Laderaum des Lieferwagens. Langsam schmerzten seine Beine, und er wusste bald nicht mehr, wie er sich noch verbiegen konnte, damit er zu dem kleinen Fenster nach vorne hinaussehen konnte. Dann endlich tat sich etwas im Lkw gegenüber. Die Beifahrertür wurde geöffnet und seine Frau stieg aus. Sie ging um den Lastwagen und winkte freundlich hinauf in das Führerhaus, dann stieg sie in ihr Auto ein und fuhr weg. Wenig später verließ Mutschler ebenfalls das Führerhaus und ging auf das Fahrzeug von Rempfer zu. Er sah kurz in das Fahrzeuginnere, schlug dann aber den Weg in den nahen Wald ein. Rempfer öffnete vorsichtig die seitliche Schiebetür und folgte seinem Nebenbuhler. Er hatte vorher einen Drehmomentschlüssel vom Werkzeugbrett genommen. Etwa zehn Meter vor ihm stand nun Mutschler und pinkelte an einen Baum. Offenbar bemerkte er nicht, dass Rempfer hinter ihm war,denn er pfiff ein Liedchen vor sich hin. Als Rempfer den Mann erreicht hatte, schlug er zweimal hart zu. Mutschler sank stöhnend zu Boden. Rempfer schleppte den Bewusstlosen weiter in den kleinen Wald hinein und legte ihn hinter einem vermoderten Baumstamm ab. Ein Gefühl der Genugtuung und des Triumphes machte sich in ihm breit. Er hätte nicht geglaubt, dass er zu so etwas fähig wäre. Die Wut, die beim Anblick des Geschehenen in ihm aufgestiegen war, setzte offenbar ungeahnte Kräfte frei. Er stieg wieder in den Lieferwagen und fuhr in Richtung Ulm davon. Das Tatwerkzeug wollte er später irgendwo entsorgen.

Als er am Firmengelände ankam, waren schon alle Angestellten in den Feierabend gegangen. Somit konnte er unbemerkt den grauen Lieferwagen in der Garage wieder einparken. Er war in letzter Zeit fast immer der Letzte, der das Firmengelände verließ. Oft kam es auch vor, dass er einfach in seinem Büro übernachtete, was eigentlich nicht erlaubt war. So sparte er sich aber zwei Stunden An- und Abfahrt. Eigentlich war heute sein Bürotag, was bedeutete, dass er viele Kundengespräche am Telefon zu erledigen hatte. War dies der Fall, wollte er unter keinen Umständen von seinen Kollegen gestört werden. So war das auch heute gewesen, nur hatte er eben für ein paar Stunden unbemerkt das Firmengelände mit dem neutralen Lieferwagen verlassen. Er konnte, nach dem was er gesehen hatte und vor allem was geschehen war, heute Nacht nicht nach Hause gehen. Er war immer noch sehr aufgewühlt und so langsam wurde ihm klar, dass er seinen Nachbarn zumindest schwer verletzt hatte. Ob ihn schon jemand gefunden hatte? Sollte er zu Hause anrufen und die Lage checken? Er nahm den Telefonhörer ab und wählte die Nummer seines Anschlusses in Rietheim. Es dauerte eine Weile, dann wurde abgehoben.

»Rempfer!«, meldete sich eine weibliche Stimme.

»Ja, hier auch. Du, ich bleibe heute in Ulm, ich hab bis gerade mit Kunden telefoniert, und ich muss noch das Auto für morgen früh richten!«, log er.

»Sag mal, hast du eine andere? Das kommt in letzter Zeit immer öfter vor, dass du im Büro bleibst?«, fragte seine Frau misstrauisch.

»Blödsinn! Ich kann dir ja ein Bild schicken, dann siehst du, dass ich alleine bin!«

»Na dann, gute Nacht!«, sagte seine Frau und legte einfach auf.

Kopfschüttelnd legte er den Hörer wieder zurück. Ausgerecht sie musste das sagen, ausgerechnet! Am liebsten hätte er sie gefragt, was sie denn so am Nachmittag getrieben hatte. Aber das war nicht möglich, sonst verriet er sich womöglich noch. Aus ihrem Verhalten zog er den Schluss, dass Mutschler noch nicht gefunden worden war oder es sich noch nicht herumgesprochen hatte, dass er fehlte. Nun machte er sich in aller Ruhe seine Liege zurecht. Dann trank er noch eine Flasche Bier, damit er einschlafen konnte.

Dehner fuhr die Zugmaschine hinter den Auflieger von Mutschler. Dann verließen er und Bob das Fahrzeug und schlichen sich nach vorne zum Führerhaus. Bob sollte den Fahrer ablenken und Dehner würde den Mann dann mit einem starken Narkotikum betäuben. Doch dieses Mal war alles anders. Vom Fahrer keine Spur und das Fahrerhaus nicht abgeschlossen. Achselzuckend sahen sich die beiden Gangster an und begannen dann sofort, den Sattelauflieger vom Lastwagen abzukoppeln. Nach einer Viertelstunde fuhr Dehner mit der Zugmaschine von Mutschler davon, während Bob den Sattelauflieger an seine Zugmaschine anhängte und ebenfalls davonfuhr, aber in eine andere Richtung. Dehner hatte die Anweisung erhalten, weiter in Richtung München zu fahren, bis er Bescheid bekam, wo er den Lkw abstellen sollte. Danach sollte er dann mit einem Auto abgeholt und zurückgefahren werden. Er sah sich im Führerhaus um. Der Fahrer hatte alles, was wichtig war, im Fahrzeug gelassen. Das war nicht normal. Irgendetwas stimmte hier nicht. Langsam wurde ihm mulmig zumute, ob er wohl hereingelegt worden war? Es war sein erster Job bei der Bande, zuvor hatte er sich als Gelegenheitsarbeiter durchgeschlagen. Eines Tages fragte ihn ein Typ in einer Kneipe, ob er sich etwas dazuverdienen wolle. Da sagte er nicht Nein, klar! Geld konnte er immer gebrauchen. Zunächst wurde er nur als Helfer beim Entladen von Kleintransportern eingesetzt. Dabei handelte es sich um Hehlerware, die aus den Raubzügen auf Lastwägen stammten. Das Ganze fand aber immer im norddeutschen Raum statt. Nun war er hier im Süden unterwegs. Irgendwo hier musste sich der zentrale Umschlagplatz für das Diebesgut befinden. Den musste er unbedingt finden, denn er war auch noch V-Mann des BKA. Er war heute dicht dran, hatte aber zunächst keine Möglichkeit, seinem Komplizen zu folgen, um den Umladeplatz auszukundschaften. Für die Nachrichtenübermittlung zu seinem Kontaktmann beim BKA benutzte er ein separates Handy, das er in seine Jacke eingenäht hatte. Er hoffte, dass er am heutigen Abend eine erfolgreiche Nachricht übermitteln konnte, denn dann lockte eine dicke Belohnung. Als er sich etwa auf Höhe von Ulm auf der Autobahn befand, klingelte sein Handy. Der Anrufer teilte ihm mit, dass er bis zum Autohof Dasing fahren sollte, um dort den Lkw abzustellen. Ein Auto sollte ihn dort dann aufnehmen. Bis er dort ankommen würde, sollte noch eine gute Stunde ins Land gehen. Kurz, nachdem er Augsburg passiert hatte, bekam er eine Nachricht auf sein Handy. Er wurde angewiesen, im Autohof auf der rechten Seite ganz hinten den Lastwagen zu parken. Dort würde er dann abgeholt. Eine halbe Stunde später verließ er die A8 und fuhr kurz danach in den Autohof hinein. Da er hier zum ersten Mal war, musste er sich erst einmal orientieren. Zum Glück hatte er keinen Sattelauflieger angehängt, denn es ging recht eng zu. Er fuhr in Schrittgeschwindigkeit etwa hundert Meter bis zum Ende des Parkplatzes. Dort angekommen, stellte er den Motor ab und wartete. Wenig später sah er, wie sich ein Kleintransporter ebenfalls langsam näherte und hinter dem Lkw hielt. Es dauerte eine Weile, bis der Fahrer ausstieg und auf den Lastwagen zuging. Offensichtlich wollte er Dehner etwas mitteilen. Also öffnete er die Seitenscheibe, um zu sehen, was der Typ von ihm wollte. Zu spät bemerkte er, wie die Beifahrerseite des Führerhauses geöffnet wurde. Das »Plopp« aus dem Schalldämpfer der Pistole bemerkte er nicht mehr.

Seit einer halben Stunde warteten Zoran Rajco und seine Kollegen auf die Ankunft des Lastwagens. Langsam wurden alle nervös, denn die Polen mit ihren Sprintern wollten so schnell wie möglich wieder zurückfahren. Auch der Boss, sonst die Ruhe selbst, trommelte nervös auf das Dach seiner Luxuslimousine. Rajco war seit einiger Zeit bei einer Firma beschäftigt, die Ware über Polen nach Russland lieferte, deren Herkunft keinen der Anwesenden zu interessieren hatte. Immer mal wieder bekam er einen Anruf, sich in einer abgelegenen Halle einzufinden, um dort in aller Eile Waren umzuladen. Heute war er wieder in so einer stillgelegten Fabrikhalle und wartete auf die Ankunft der Ladung. Zum ersten Mal war auch der Boss anwesend, offenbar ging es dieses Mal um besonders wertvolle Stücke. Die Helfer wurden schon vorab instruiert, wie sie beim Verpacken vorzugehen hatten. Nun standen sie also da und rauchten eine Zigarette nach der anderen. Keiner sprach ein Wort, alle starrten nur den Mann mit seinem edlen Anzug an. Keiner von ihnen kannte seinen Namen. Er war aber sicher ein Deutscher, denn er sprach Deutsch mit schwäbischem Akzent.

Er trug eine große dunkle Sonnenbrille wie Udo Lindenberg. Damit konnte er große Teile seines Gesichts verbergen. Plötzlich klingelte sein Handy. Er meldete sich mit einem kurzen: »Ja!«.

Dann hob er den Finger, was zu bedeuten hatte, dass es bald losging. Tatsächlich hörte man das Brummen eines Lastwagens. Wenige Augenblicke später rollte ein weißer Hängerzug rückwärts in den Hof. Der Fahrer hatte einige Mühe durchzukommen, denn er hatte links und rechts nur etwa einen halben Meter Platz. Nachdem er den Motor ausgeschaltet hatte, wurde sofort mit dem Entladen begonnen.

»Zuerst die Palette mit den Handys entladen und in jedem Karton nur die unterste Lage befüllen!«, befahl einer, der wohl die rechte Hand des Bosses war.

Einer der Arbeiter begann mit einem scharfen Messer die Verpackungsfolie um die Palette zu zerschneiden. Darunter kamen kleine, weiße Kartons zum Vorschein, in denen sich die begehrten Handys befanden. Sofort packte jeder ein paar der Päckchen und verstaute sie in den Kartons. Danach füllten sie diese wieder auf. Eine andere Kolonne war damit beschäftigt, die Kartons wieder mit dem originalen Klebeband zu verschließen. Es mussten Hunderte von Handys sein, dachte sich Zoran, da fiel es sicherlich nicht auf, wenn das eine oder andere fehlte. Er achtete immer drauf, wo sich der Aufseher gerade aufhielt. Als dieser nicht in seine Richtung blickte, ließ er eines der Päckchen in die Seitentasche seiner Cargohose gleiten. Auf diese Weise klaute er drei Stück. Die Handys würden ihm ein schönes Sümmchen einbringen. Da er bei dieser Arbeit sowieso wenig verdiente, kam ihm dieses Zubrot gerade recht. Nachdem die Handys versorgt worden waren, startete der Sprinter und verließ den Hof über einen Nebeneingang. Danach wurden die Porzellanwaren auf dieselbe Weise verpackt. Der Rest der Ladung war für die Bande unbrauchbar, er wurde deshalb auf dem Anhänger belassen. Nach etwa einer Stunde war der ganze Spuk vorüber und das Gelände wurde geräumt, nachdem jeder ausbezahlt worden war.

Die Ermittler der Reutlinger Kriminalpolizei saßen in einer Besprechung, in der es um eine Razzia gegen den Rauschgifthandel in Metzingen ging. Durch mehrere Hinweise waren die Beamten auf einen Treffpunkt aufmerksam geworden, der offenbar als Umschlagplatz für Drogen diente. Man hatte schon mehrfach Beamte in Zivil dorthin beordert, um die Lage unauffällig zu sondieren. Der Parkplatz befand sich in der Nähe des Freibades, direkt an der Bahnlinie Tübingen-Stuttgart. Lastwagenfahrer parkten dort sehr oft und nutzten den Platz als Schlafstätte, da er zwar neben der Straße lag, aber durch einen Erdwall gegen den Lärm geschützt war. Dieser Erdwall verhinderte auch die freie Einsicht auf den Platz, was Rauschgiftdealer und deren Kunden offenbar ausnutzten. In der Bevölkerung wurde schon offen darüber diskutiert. Man erzählte sich, dass man nach Einbruch der Dunkelheit den Platz tunlichst meiden sollte. Nun wollte man diesem Treiben von Behördenseite ein Ende bereiten. Vorgesehen war die Aktion am kommenden Freitagabend, weil zu diesem Zeitpunkt nach Auskunft der Beobachter am meisten los war. Das bedeutete für die Beamten viele Überstunden, was wenig Begeisterung auslöste. Der ebenfalls anwesende Kriminalhauptkommissar Gerhard Meininger würde Ärger mit seiner Frau Renate bekommen, denn die beiden waren an diesem Tag zum Geburtstag der Schwiegertochter eingeladen. Dorthin ging er nicht so gerne, denn sein Gegenschwager gab bei solchen Gelegenheiten gerne total veraltete Beamtenwitze zum Besten. Und immer wenn Meininger zum verbalen Gegenschlag ausholen wollte, wurde er von seiner Frau mit einem Rippenstoß darauf hingewiesen, dies zu unterlassen. Also war es ihm ganz recht, wenn so eine immens wichtige Razzia bevorstand. Seine anderen Kollegen aber waren nicht begeistert. Sie quittierten die Bekanntgabe des Einsatzes mit einem deutlich hörbaren Murren. Gerade als die Situation in regelrechten Streit auszuarten drohte, läutete das Telefon.

»Gerhard, Arbeit für dich!«, sagte ein Kollege zu Meininger.

Der nahm den Hörer in die Hand und antwortete nur: »Ja, wir kommen. Ja, sofort!«

»Was ist los?«, fragte sein langjähriger Kollege, Kriminalkommissar Christian Fromm.

»Ein Lastwagenfahrer hat beim Pinkeln auf einem Parkplatz an der B465, kurz nach Seeburg, eine Leiche gefunden. Die Kollegen aus Metzingen vermuten, dass es sich um ein Gewaltverbrechen handelt. Die Spurensicherung ist ebenfalls auf dem Weg. Also, gehen wir!«

Die beiden verließen die Besprechung, in der sowieso nur noch über Überstunden und deren Notwendigkeit diskutiert wurde.

»Wo ist denn das genau?«, fragte Fromm.

»So wie die Kollegen den Ort beschrieben haben, muss das gegenüber der Abzweigung nach Rietheim sein, also schon auf der Albhochfläche.«

Zu dieser Zeit, es war am frühen Abend, kam man von Reutlingen recht schnell nach Metzingen. Aber dann, kurz vor Dettingen, staute sich der Verkehr wegen einer Ampel am Ortsausgang. Meininger fuhr mit Sondersignal, sodass er an den wartenden Verkehrsteilnehmern vorbeifahren konnte. Trotzdem benötigte er etwa eine drei viertel Stunde, bis er den Parkplatz erreicht hatte. Die Spurensucher aus Stuttgart waren schon da, was ihn verwunderte, denn die hatten doch den weiteren Weg zum Tatort. Meininger parkte den Dienstwagen neben dem weißen Transporter der Kollegen. Der Fundort der Leiche war mit Scheinwerfern ausgeleuchtet worden, obwohl es eigentlich noch hell war. Meininger trat zu den am Boden arbeitenden Kollegen in ihren weißen Schutzanzügen. Zwei Beamte in Uniform standen in der Nähe und sprachen mit einem Mann. Es war der Lastwagenfahrer, der auf dem Parkplatz angehalten hatte, um seine Notdurft zu verrichten. Da zum gleichen Zeitpunkt auch ein Reisebus angehalten hatte, weil er wohl seinen Fahrgästen ebenfalls dieselbe Gelegenheit bieten wollte, ging der Lastwagenfahrer tiefer in den kleinen Wald hinein. Dort hatte er dann hinter einem umgestürzten Baum die Leiche gefunden. Kriminalhauptkommissar Gerhard Meininger trat zu den Kollegen aus Metzingen.

»Haben Sie die Leiche gefunden?«, fragte Meininger den Mann.

»Ja, ja!«, sagte er und nickte eifrig.

»Fahren Sie hier öfter lang?«

»Nein, ich bin eigentlich nur dem Stau auf der A8 ausgewichen. Und dann zog sich das auch hier rauf, weil da unten ebenfalls Stau war. Na ja und dann konnte ich nicht mehr warten bis Ulm, wo ich meine Pause einlegen wollte. Eigentlich hab ich den Toten erst gar nicht gesehen, ich dachte zuerst, da hat jemand alte Klamotten entsorgt. Und beim genaueren Hinsehen hab ich dann eine Hand gesehen und sofort den Notruf gewählt.«

»Der Notarzt hat den Tod des Mannes festgestellt. Über die Todesursache kann man nur so viel sagen, dass der Tod durch Gewalteinwirkung auf den Schädel eingetreten ist. Der Todeszeitpunkt ist noch spekulativ«, berichtete einer der Metzinger Beamten.

»Weiß man schon, um wen es sich handelt?«

»Nein, wir haben keinerlei Papiere gefunden. Gar nichts. Wie der hier hergekommen ist, ist noch ein Rätsel.«

»Sieht nicht wie ein Wanderer aus oder?«

»Nein, den Schuhen nach eher wie ein Reisender oder so was. Aber wir haben kein herrenloses Auto gefunden. Weder hier noch in der Umgebung.«

»Kann man schon das ungefähre Alter des Opfers bestimmen?«

»Ja, die Kollegen vom Erkennungsdienst schätzen das Alter auf zwischen dreißig und vierzig.«

»Ist schon jemand von der Presse da?«

»Ich glaube kaum, sonst würde hier schon jemand rumschnüffeln.«

»Okay, dann sollten wir eine Meldung für die Medien vorbereiten. Ich denke, dass beim Regionalfernsehen schon Redaktionsschluss ist, aber bei der Presse könnten wir noch was erreichen.«

»Ja, das machen wir dann sofort«, sagte ein Beamter des Reviers in Metzingen.

Kriminalhauptkommissar Gerhard Meininger ging wieder hinüber zu den Beamten des Erkennungsdienstes. Zwei städtische Bedienstete verluden gerade die Leiche in einen Zinksarg, um sie mit einem Leichenwagen nach Tübingen ins Gerichtsmedizinische Institut zu bringen. Meiningers alter Freund Professor Haimerl würde sich dann um das Weitere kümmern.

»Also, ergänzend zu dem was wir vorher festgestellt haben, ist zu sagen, dass der Mann etwa hier von hinten niedergeschlagen wurde und dann da hinübergeschleift worden ist. Da der Platz geschottert ist, sind keine verwertbaren Reifenspuren festzustellen. Am Opfer selber sind ebenfalls keine Spuren sichtbar. Etwaige Haare oder Hautspuren können wir erst nach eingehender Untersuchung der Kleidung nachweisen. Das Opfer ist zwischen dreißig und vierzig Jahre alt. So wie wir das sehen, ist der Mann noch keine zwei Stunden tot«, berichtete der Kollege, und packte dabei seine Apparaturen zusammen.

»Okay, danke schön«, sagte Meininger, und tippte sich dabei mit dem Zeigefinger an die Stirn.

»Was machen wir jetzt?«, fragte sein Partner, Kriminalkommissar Christian Fromm.

»Eigentlich können wir hier nichts mehr tun. Ich denke, wir fahren zurück in die Dienststelle.«

Da Kapitalverbrechen über die neue zentrale Dienststelle in Esslingen abgewickelt wurden, fand auch dort eine Pressekonferenz zum Fund der Leiche von Rietheim statt. Meininger übermittelte die nötigen Daten den Kollegen und dem zuständigen Staatsanwalt. Der Kriminalhauptkommissar verabschiedete sich in den Feierabend und überlegte auf der Heimfahrt, wie er seiner Frau am besten die Sache mit der Razzia glaubhaft darstellen konnte. Natürlich war sie dann stinksauer, denn sie äußerte tatsächlich den Verdacht, dass ihr Mann das eingefädelt haben könnte.

Kriminalhauptkommissar Gerhard Meininger stattete am anderen Morgen seinem alten Freund Professor Haimerl im Gerichtsmedizinischen Institut in Tübingen einen Besuch ab. Haimerl hatte ihm noch spät am Abend angerufen und ihm mitgeteilt, dass er den unbekannten Toten vom Parkplatz bei Rietheim unter sein Skalpell nehmen wolle. Er könne ihn ja dann am anderen Morgen besuchen, bevor der Hauptkommissar seinen Dienst antrete. So geschah es dann auch. Gerhard Meininger schlenderte die Flure entlang und schnupperte, ob es nach Zigarrenrauch roch. Es war eine alte Marotte des Professors, bei jeder Sezierung einer Leiche eine Zigarre anzuzünden, damit die üblen Gerüche etwas minimiert wurden. Haimerls Kollegin, Dr. Annemarie Schweizer, versuchte immer wieder, dem Professor seinen Spleen abzugewöhnen, denn sie störte sich an dem Geruch des Tabaks. Heute aber roch es nicht danach, weshalb Meininger etwas orientierungslos wirkte. Er konnte ja nicht einfach eine der vielen Türen öffnen, um zu schauen, wo sich der Professor aufhielt. Oftmals fanden in den Räumen Vorlesungen statt. Aber dann wurde plötzlich eine Tür aufgerissen und der schwergewichtige Rechtsmediziner trat hinaus, um nach dem Kriminalhauptkommissar Ausschau zu halten.

»Da bin ich, mein Lieber!«, rief er den langen Flur hinunter.

Gerhard Meininger drehte sich um und ging sofort auf Haimerl zu. Sie schüttelten sich lange und schweigend die Hände.

»Lange nicht mehr gesehen, was?«, fragte Meininger.

»Ja, zu lange«, antwortete Haimerl. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen was!«

Der Kriminalhauptkommissar folgte ihm in einen der Räume. Auf einer Bahre lag unter einer Decke die aufgebahrte Leiche vom Parkplatz.