Der letzte Tag des René B. - Daniela Bivour - E-Book

Der letzte Tag des René B. E-Book

Daniela Bivour

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Beschreibung

Es ist die Geschichte meines Bruders, der von 1963-2001 lebte. Er war ein gutmütiger, freundlicher und hilfsbereiter Mann. Obwohl er fast sein ganzes Leben lang verbal gedemütigt und körperlich misshandelt wurde, hörte er nie auf an Liebe und Anerkennung zu glauben, bis er keine Kraft mehr dazu hatte. Ein Buch gegen das Vergessen an diesen wunderbaren Menschen, der am Ende seines Lebens einsam und allein in seiner 1-Zimmer Wohnung in Berlin starb.

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Seitenzahl: 84

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Die Autorin

Daniela Bivour, geboren 1964, arbeitet seit vielen Jahren im therapeutischen Bereich. Mit dem Schreiben begann für sie ein Weg, ihre ganz persönliche Tragödie um den frühen Tod ihres Bruders und dem damit verbundenen Zerfall ihrer Herkunftsfamilie zu verarbeiten.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Nachtrag

Vorwort

Diese Geschichte als Buch auf Papier habe ich zur Erinnerung an meinen Bruder geschrieben. Der Wunsch dazu entstand aus meiner tiefen Betroffenheit darüber, dass es nur 3 Menschen gibt die sich gut an ihn erinnern. Dazu gehören unsere Mutter, die zweite Ehefrau unseres Vaters und ich; andere Personen kannten ihn, erinnern sich jedoch nur vage oder gar nicht. Dazu kommt natürlich meine Verarbeitung dieser Tragödie, aus der meine Motivation und die Verpflichtung entstanden sind, jeden Tag meines Lebens zu leben so gut ich kann, auf gar keinen Fall aufzugeben, egal wie schwierig es sein mag.

Ich möchte sie stellvertretend auch Menschen widmen, denen es ähnlich erging und damit etwas schaffen, das bleibt. Denn Bücher benötigen keine Elektrizität. Wenn sie dann noch warm und trocken gehalten werden und von Feuer verschont bleiben, überleben sie alles. Sie sind deshalb für die Ewigkeit.

In erster Linie beschreibe ich einige Erinnerungen um sich vorzustellen, wie mein Bruder als Mensch gewesen ist. Manches mag sich unschlüssig anhören, vor allem für Leser die unsere Familiensituation nicht kannten.

Ursprünglich wollte ich gleich in die Geschichte einsteigen. Nachdem ich diese jedoch vorab einem kleinen Teil meiner Familie zu lesen gab und erfahren habe wie sie darüber denken und auf Grund der Fragen die sie mir stellten, bin ich jetzt anderer Meinung.

Auf die Frage eines Onkels weshalb ich erst jetzt schreibe antworte ich, weil es eher nicht möglich war. Persönliche und berufliche Entscheidungen bis zum völligen finanziellen Ruin brachten mich dazu, mehrmals neu anzufangen. Erst 2015 habe ich einen Ruhepol gefunden und kann seitdem meine innere Balance wieder herstellen. Dadurch habe ich zur nötigen Geduld und Liebe gefunden habe, um diese Zeilen schreiben zu können. Vorher wäre es ein einziges wütendes und enttäuschtes Durcheinander geworden. Außerdem steht mir erst jetzt genügend Geld zur Verfügung, um mein Andenken zu beenden. Es geht mir auch nicht um ein perfektes Buchprojekt. Kein Lektor hat je die Zeilen nach Grammatik, Rechtschreibung, Satzstellung oder meinen Schreibstil geprüft. Mir geht es darum, meine Erinnerung mit meinen Worten zu beschreiben. Deshalb bitte ich um Nachsicht für alle Fehlerteufel, die beim Lesen entdeckt werden.

Wir alle werden in diese Welt hineingeboren und niemand kann sich seine Eizelle aussuchen, auch wenn es Menschen gibt, die dazu eine andere Meinung haben, was jedoch nicht das Thema ist.

Als Familie waren wir nichts Besonderes und sie endet mit uns, weil wir keine Kinder haben. So wie es sich bei uns zugetragen hat, wiederholt sich häufig. Ich glaube, dass es viele Menschen weltweit gab, die ebenso ein einfaches unspektakuläres Leben gelebt haben, wie mein Bruder. Sie waren weder prominent noch auffällige Persönlichkeiten, bewältigten ihren Alltag so gut sie konnten, zurückhaltend, bescheiden ohne große Ansprüche an ihr Leben, zufrieden mit dem, was sie hatten, ohne Jammern oder Klagen. Sie gingen ihrer Arbeit nach, waren fleißig und zuverlässig, friedlich und ruhig, niemand interessierte sich für sie, schon gar nicht, wie ihre Kindheit, Jugend oder wie ihr Leben verlief.

Nichts ist bekannt über ihre Freude, ihre Liebe, ihr Lachen, ihre Wünsche und Träume oder ihre Verzweiflung, ihre Tränen, ihren Kummer oder ihr Leid. Ungeachtet dessen passieren in jedem Leben unvorhergesehene Dinge, die Menschen komplett aus der Bahn werfen. Während die meisten es schaffen einen Weg ins Leben zurück zu finden, ist es für andere schier unmöglich. Wenn dann erschwerend hinzukommt, dass niemand unterstützend da ist, wird es noch schwerer für sie, es aus eigener Kraft zu schaffen. Dann passiert das, was meinem Bruder geschehen ist. Sie geben auf, ziehen sich zurück und nehmen nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teil. Für sie gibt es kein Zurück mehr. Sie sterben so wie sie gelebt haben, einsam und unbemerkt und werden erst viel zu spät gefunden.

Ich betone, dass es meine Wahrheit ist, so wie ich unsere Familie erlebt habe und es kann sein, dass Menschen die uns kennenlernten, einige Erlebnisse anders wahrgenommen haben. Das unsere Eltern teilweise nicht so gut wegkommen, ist unbeabsichtigt, auch wenn es stellenweise anders klingen mag. Es ergab sich aus den Geschehnissen.

René war ein toller Bruder für mich und ein großartiger Mensch. Das ist meine Liebeserklärung als Schwester an ihn, nicht mehr und nicht weniger.

Kapitel 1

René lag allein in seiner kleiner Einzimmer Wohnung auf seinem Bett, dass sich schon so richtig durchgelegen anfühlte. Sein Bauch tat ihm weh, und sein ganzer Körper fühlte sich so richtig krank an. Er war unfähig, Hilfe zu holen oder jemanden anzurufen. Wen hätte er auch anrufen sollen?

Er hatte das Gefühl, dass die Welt sich seit der Maueröffnung vor zwölf Jahren mit einer Geschwindigkeit veränderte, mit der er nicht Schritt halten konnte.

Seit über zehn Jahren lebte er in einem neu entstandenen aber langweiligen und öden Stadtteil im Osten von Berlin. Seine gesamte Familie war weggezogen und er hatte das Gefühl, von allen verlassen worden zu sein.

Als Langzeitarbeitsloser war er mittlerweile schwer vermittelbar, eine Umschulung lehnte er ab. Die Schule und Lehrzeit waren schlimm genug.

Er bezog kein Geld mehr vom Arbeitsamt, war nicht mehr krankenversichert, denn zum Sozialamt zu gehen, fehlte ihm die Kraft.

Seine Zukunft war ungewiss, und Pläne für sein weiteres Leben gab es keine. Hatte er überhaupt jemals Pläne gehabt und an seine Zukunft gedacht? Er konnte sich an nichts erinnern und dachte darüber nach, wie es so weit mit ihm kommen konnte. Vom vielen Denken tat ihm schon der Kopf weh. Außerdem überfiel ihn eine so tiefe Müdigkeit, dass er langsam wegdämmerte und Worte seiner Schwester kamen ihm in den Sinn, die sie bei einem ihrer seltenen Besuche zu ihm sagte: „Auf den Flügeln deiner Phantasie...“.

Ja, sie hatte bestimmt Phantasie, denn schließlich arbeitet sie als Fitness Trainerin, gibt die unterschiedlichsten Kurse und sollte demnach welche haben, aber sicher war er sich nicht. Und dennoch kamen die Worte erneut in seinen Sinn „Auf den Flügeln deiner Phantasie“, wiederholte sie und noch einmal und plötzlich hatte er das Gefühl zu träumen und sah sich als kleinen Junge auf dem Arm seiner Mutter, die ihm gerade einen Kuss auf die linke Wange gab.

In diesem Augenblick fühlte er sich wie in einem Kokon von so viel Liebe umhüllt, die ihm ein ganz winziges Lächeln auf seine Lippen zauberte. Er konnte sich gut an dieses Foto erinnern. Sein Vater hielt damals den Moment mit seiner Kamera fest.

In den Armen seiner Mutter fühlte er sich geborgen. Obwohl René kein Wunschkind war kümmerte sie sich rührend um ihn. Er war ihr erstes Kind und sie nannte ihn liebevoll „mein Kleiner“. Wenn Gäste zu Besuch kamen, lächelte er friedlich und freundlich. Alle fanden, dass er mit seinen blonden Haaren und blaugrauen Augen ein süßer Junge war.

Von seinem Vater bekam er ab dem ersten Tag seiner Geburt die Strenge zu spüren, mit der dieser selbst erzogen worden war. Weinte René oder bewegte sich in seinem Bettchen unruhig hin und her, weil er Hunger hatte oder einfach Lebendigkeit zeigte, brüllte ihn sein Vater an oder schlug zu, damit er endlich Ruhe gab. Besonders schlimm war es, wenn der Vater trank. Seine Mutter stellte sich anfangs noch dazwischen, hörte jedoch irgendwann damit auf. Meistens weinte sie nur oder bekam selbst eine Ohrfeige. In seiner Kindheit hatte René sich deshalb so oft gewünscht, groß und stark zu sein, um seinem Vater widersprechen zu können. Aber weil er zu klein war, fühlte er sich ohnmächtig, um etwas zu sagen und war oft völlig erstarrt, unfähig sich zu wehren. Trotzdem liebte er seine Eltern. Das muss man doch, dachte er sich, denn schließlich wäre er ohne sie nicht auf der Welt. Außerdem kannte er es nicht anders. Für ihn war das alles normal. Und obwohl die Familie des Vaters im gleichen Haus wohnte, traute sich niemand einzuschreiten. Als er im Oktober 1963 geboren wurde, bewohnte die kleine Familie ein Zimmer mit einer großen Terrasse im Haus seines Großvater in einem kleinen Vorort im Süden von Berlin. Der Großvater hatte nach dem Tod seiner ersten Frau erneut geheiratet und lebte mit seiner zweiten Ehefrau ebenfalls dort. Es war ein großes Familienhaus, das sich auf zwei Etagen, eine Mansarde und einen großen Garten ausdehnte. Die Berliner Mauer war erst vor 2 Jahren gebaut worden und sein Vater erwähnte mehr als einmal, lieber im Westen der Stadt leben zu wollen und ließ durchblicken, dass ihm jedoch der Mut dazu fehlte, alles hinter sich zu lassen um dorthin auszureisen.

Denn hier waren seine Familie, sein soziales Umfeld und seine Arbeit.

Allerdings war es offensichtlich, dass ihn sein Leben nicht glücklich machte. Im selben Haus lebten auf der selben Etage 2 alte Damen. Eine dieser Damen hatte René von Anfang an ins Herz geschlossen und liebte ihn wie ihr eigenes Kind, dass sie nie hatte. Er nannte sie liebevoll Oma Mariechen. Wenn er sie besuchte, spielte sie mit ihm, erzählte Geschichten oder bereitete ihm „arme Ritter“ aus Brötchen, Milch und Zucker zu. Das war eine seiner Lieblingsspeisen, ein einfaches Gericht, das ihm köstlich schmeckte. Durfte er über Nacht bleiben, schlief er neben ihr im Bett und fühlte sich sicher und geborgen. Als die Familie aus diesem Haus weg zog, besuchte er sie Zeit ihres Lebens.

Kapitel 2