Der liebe Gott heißt Ingeborg - Ingeborg Schulz - E-Book

Der liebe Gott heißt Ingeborg E-Book

Ingeborg Schulz

0,0

Beschreibung

Diese Erinnerungen sind eine Zeitreise durch 28 Jahre des Lebens in der DDR als auch über 40 Jahren in der Bundesrepublik. Mit vielen Anekdoten werden von Ingeborg unvergessliche Momente einer glücklichen Kindheit aufgezeigt. Einer dieser Anekdoten erklärt auch, wie es zu dem Spitznamen »Der liebe Gott« kam. Ebenso zeigt es Erinnerungen an den Ehemann, die Tochter, die Eltern und des Bruders auf. Des Weiteren wird die Ausreise aus der DDR beschrieben sowie der Neuanfang im »Westen«. Es ist eine Lebens- und Zeitgeschichte, ohne in »Ostalgie« zu schwelgen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 154

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ingeborg Schulz wurde 1949 in Zeitz bei Halle an der Saale geboren.

Die Schulzeit verbrachte sie zum Teil in Leipzig und in den Sommermonaten an der Ostsee, weil die Eltern saisonal als Gaststättenleiterehepaar beschäftigt waren.

28 Jahre lebte sie bis zum 11. Februar 1977 in der ehemaligen DDR.

Dann reiste sie mit ihrer Familie per Ausreiseantrag in die Bundesrepublik aus und lebt seit 1977 in Bensheim an der Bergstraße.

Ingeborg Schulz

DER LIEBE GOTT HEIßT INGEBORG

Engelsdorfer VerlagLeipzig2020

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de/DE/Home/home_node.html abrufbar.

Copyright (2020) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Illustration © Paula Merk

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Kapitel 1

Ausreise

Kapitel 2

Einschulung in Bad Elster

Kapitel 3

Umzug nach Leipzig

Kapitel 4

Die erste Saison an der Ostsee auf dem Darß

Kapitel 5

Zurück in Leipzig

Kapitel 6

Zum ersten Mal auf Usedom

Kapitel 7

Wie es zum Namen „Der liebe Gott“ kam

Kapitel 8

Ingeborg lernt Dieter kennen

Kapitel 9

Ingeborg heiratet und bekommt ein Kind

Kapitel 10

Tod des Babys

Kapitel 11

Das Leben geht weiter

Kapitel 12

Eine Tochter wird geboren

Kapitel 13

Ingeborgs Bruder haut schon wieder ab

Kapitel 14

Ingeborg macht den Führerschein

Kapitel 15

Ingeborg macht eine Berufsausbildung

Kapitel 16

Ingeborg wechselt den Job

Kapitel 17

Im Westen

Kapitel 18

Übersiedlung von Ingeborgs Eltern

Kapitel 19

Feuer im Hochhaus

Kapitel 20

Gerti und Ingeborg suchen Arbeit

Kapitel 21

Ingeborg eröffnet ein Nagelstudio und macht sich selbstständig

Kapitel 22

Ingeborg und Dieter werden Großeltern

Kapitel 23

Dieter macht sich selbständig

Kapitel 24

Claudia heiratet und bekommt ein 2. Kind

Kapitel 25

Akteneinsicht

Abbildung 1 Bericht 1 Stasi-Akte

Abbildung 2 Bericht 2 Stasi-Akte

Abbildung 3 Bericht 3 Stasi-Akte

Abbildung 4 Bericht 4 Stasi-Akte

Abbildung 5 Anschreiben Stasi Seite 1

Abbildung 6 Anschreiben Stasi Seite 2

Abbildung 7 Bericht Brinkmann Seite 1

Abbildung 8 Bericht Brinkmann Seite 2

Abbildung 9 Bericht Brinkmann Seite 3

Abbildung 10 Ausreiseantrag

Kapitel 26

Ingeborgs Vater wird dement und kommt ins Heim

Kapitel 27

Jürgen kommt von Chile zurück nach Deutschland

Kapitel 28

Jürgen hat Krebs

Kapitel 29

Tod der Eltern

Kapitel 30

Tod des Bruders

Kapitel 31

Dieters Diagnose

Kapitel 32

Das letzte gemeinsame Jahr

Kapitel 33

Die Seebestattung

KAPITEL 1

Ausreise

Endlich war er da, der Tag, auf den Ingeborg mit ihrem Mann Dieter und ihrer Tochter Claudia schon 2 Jahre gewartet hatte: der 11. Februar 1977.

Das war der Tag der Ausreise aus der DDR in die Bundesrepublik.

Sie haben sich lange darauf vorbereitet und alle Formalitäten, die man erledigen musste, waren abgeschlossen. Der Hausrat war in doppelter Ausführung aufgelistet, die Bank hatte signalisiert, dass sie keinerlei Schulden hatten und die Schule des Kindes hatte ebenfalls ihr Okay zur Ausreise gegeben. Jetzt hatten sie noch 48 Stunden Zeit, ihre Koffer zu packen, die Fahrkarte zu kaufen und sich von Freunden zu verabschieden. Die 2 Jahre voller Repressalien, vom Antrag bis zur Ausreise, waren in dem Moment, als sie die Fahrkarten nach Minden (in Minden lebte ihr Bruder Jürgen, seit er 1971 aus der DDR aus dem Gefängnis Cottbus freigekauft worden war) in der Hand hielten, vergessen.

Pünktlich 11.20 Uhr am 11.2.77 standen die drei samt Meerschwein „Ali“ auf dem Leipziger Hauptbahnhof und warteten auf die Ankunft ihres Zuges in die Freiheit. Es waren noch einige Freunde zum Verabschieden mitgekommen, die traurig, mit Tränen im Gesicht Lebewohl sagten. Die drei hatten ihren Sitzplatz in einem Abteil, das nur mit Rentnern besetzt war, da nur diese in die Bundesrepublik reisen durften, gefunden.

Kurz bevor sich die Zugtüren geschlossen hatten, stiegen noch schnell 3 Männer mit den gleichen Aktentaschen in den Zug. Alle wussten sofort, dass diese 3 zum MfS (Ministerium für Staatssicherheit) gehörten. Sie begleiteten die drei tatsächlich bis zum Grenzübergang Marienborn. Dort stiegen sie wieder kurz vor Abfahrt des Zuges aus, um sicher zu sein, dass die ausgebürgerten DDR-Bürger auch wirklich ausreisen. Im Zug wurden dann Pässe und Ausweise sowie die Ausreisegenehmigung kontrolliert. Alle Reisenden mussten das Abteil verlassen, und Ingeborgs Tochter Claudia sagte entsetzt: „Hoffentlich klaut mir keiner mein Meerschwein.“

Die Zollbeamtin reagierte total pikiert und meinte nur: „Hier wird nichts geklaut.“

Nachdem alles kontrolliert war, fuhr der Zug endlich weiter und alle passierten die Grenze.

Ingeborg durfte zum Zweck ihrer Ausreise in der DDR noch 25,-- Mark Ost in 25,-- DM West für die gesamte Familie tauschen. Bevor der Zug in Minden ankam, war das Geld schon längst für Cola und Bier ausgegeben.

Die Fahrt verging wie im Flug. Ingeborg schaute aus dem Fenster und konnte es kaum fassen, dass sie jetzt im „Westen“ war. Selbst die Felder und Wiesen, die sie im vorbei fahren sah, kamen ihr schöner und grüner vor, als in der DDR (obwohl es ja Februar war, aber es lag kein Schnee). Alles sah sauber und gepflegt aus. Die Dörfer waren einfach nur schön. Die Dächer sahen wie neugedeckt aus, die Vorgärten wie neu angelegt.

Als sie endlich in Minden ankamen, wartete schon Ingeborgs Bruder mit Familie auf dem Bahnhof auf sie. Für Ingeborg war dies ein fast unwirklich anmutender Moment. Sie konnte einfach nicht begreifen, dass sie jetzt im Westen war und ein völlig neues Leben begann.

Die gesamte Familie fuhr in die Wohnung des Bruders, die für die nächsten Wochen auch ihre sein sollte. Sie schliefen im Wohnzimmer und Claudia schlief im Kinderzimmer bei ihrer Cousine Ines. Sie war zwar 7 Jahre jünger, aber die beiden verstanden sich gut und Claudia betrachtete sie bald als eine Art Schwester. Am lustigsten war es abends, wenn die Kinder in die Dusche gingen. Claudia sang anfangs immer noch ziemlich kommunistische Lieder wie: Das Lied vom kleinen Trompeter. Jürgen flippte jedes Mal völlig aus und meinte sie solle aufhören, sonst denken die Leute hier wohnt ein „Roter“.

Aber die Kinder fanden es toll. Claudia ging auch gleich in die Schule und war erst einmal entsetzt, als sie sah, wie sich die Kinder auf dem Schulhof benahmen. Alle rannten kreuz und quer durcheinander. Das kannte sie ja gar nicht. In Leipzig liefen alle ganz langsam immer im Kreis. Und eine Aufsichtsperson stand auch immer auf dem Schulhof.

Eine Wohnung brauchten sie nicht zu suchen. Jürgen hatte gegenüber seiner Wohnung in einem Haus sein Antiquitätengeschäft und genau darüber war die frühere Wohnung von ihm noch frei. Also wohnten sie nur so lange in einer gemeinsamen Wohnung, bis der Hausrat per Container mit der Bahn in Minden eintraf.

Dadurch, dass sie bei ihrem Bruder wohnten, brauchten sie nicht in das Notaufnahmelager nach Gießen. Was aber gleichwohl bedeutete, dass sie alle Formalitäten selbst auf den verschiedensten Ämtern erledigen mussten.

Hier wurden sie zum ersten Mal von der westlichen Bürokratie überrollt und überfordert. Große Hilfe hatten sie da von der Schwägerin, Roswitha, die diese Prozedur Jahre vorher schon hinter sich gebracht hatte (sie wurde auch 1971 aus dem Gefängnis der DDR als politischer Häftling freigekauft).

Ingeborgs Mann, der von Beruf Zahntechniker war, suchte in Minden Arbeit.

Leider war die Nachfrage größer als das Angebot und so entschied er sich, bundesweit zu suchen. Die erste Suche führte sie nach Hamburg. Ingeborgs Tante wohnte dort und sie wären gern in den Norden gezogen. Eine Arbeit hat Dieter auch schnell dort gefunden, nur mit dem Wohnraum, da sah es nicht so gut aus. Jürgen meinte, dass müsse man sich gut überlegen, weil es da 300 Tage im Jahr regnen würde. Sie sollten doch lieber im Süden suchen. Also wurde im gesamten süddeutschen Raum inseriert. Dies sollte sich später als die beste Idee des Lebens herausstellen.

Es kamen viele Angebote aus ganz Deutschland. Es wurde in die Karte geschaut, wo denn die Städte lagen und es ging auf Vorstellungsreise. Unter anderem gab es auch ein Angebot aus Bensheim an der Bergstraße. Der erste Eindruck von diesem wunderschönen Städtchen mit seinen bunten Fachwerkhäusern, den verwinkelten Gassen, dem historischen Marktplatz und immer der Blick in die Weinberge und auf den Höhenzug des Odenwaldes, waren für alle faszinierend. Also wurde der Arbeitsvertrag unterschrieben und Ingeborgs Mann fing am 2. Mai in einem Labor in Bensheim an.

Leider musste die Familie noch 2 Monate in Minden wohnen bleiben, bis eine geeignete Wohnung gefunden war. Am 1. Juli 1977 zog die gesamte Familie nach Bensheim in die frisch renovierte Wohnung, die Ingeborg nie zuvor ansehen konnte, da sie es sich nicht leisten konnte, mal eben so nach Bensheim zu fahren. Sie verließ sich voll auf ihren Mann und sah die Wohnung, die sich in einem Hochhaus befand, am 1. Juli 77 das erste Mal. Ingeborg wollte zwar nie in ein Hochhaus ziehen, aber diese Wohnung gefiel ihr ausgesprochen gut. Es war jetzt nach Minden die zweite eigene Wohnung. Wobei in Bensheim die Wohnung super schön war. 3 Zimmer mit großer Wohndiele, die als Esszimmer genutzt wurde, mit Balkon, Bad und Gäste-WC. Die Wohnung befand sich im Erdgeschoß dieses 14-stöckigen Hochhauses. Einerseits war es gut, da man immer den Bodenkontakt hatte und nie einen Fahrstuhl brauchte, andererseits wäre Ingeborg lieber etwas höher gezogen, damit niemand einsteigen kann. Aber die Sorge erwies sich als unbegründet, da in den 14 Jahren, die sie in dieser Wohnung lebten, nie so etwas vorgekommen ist.

Außerdem konnte in so einem Haus schnell Kontakt geknüpft werden, weil auch einige Kinder in Claudias Alter waren und sie zusammen dieselbe Klasse besuchten. Ingeborg schloss schnell Freundschaft mit 2 Familien, deren Kinder auch in Claudias Klasse gingen.

KAPITEL 2

Einschulung in Bad Elster

Ingeborg ist 6 ½ Jahre, als sie in Bad Elster eingeschult wird. Sie ist ein eher kleines Kind mit kinnlangen, mittelblonden Haaren. Eine Klemme, so nannte man damals die Spangen, die Haare aus dem Gesicht halten sollten, trug sie rechts im Haar.

Ingeborg war schon seit Mai in Bad Elster, weil ihre Eltern dort in einem Café als Saisonkräfte arbeiteten. Die Sommermonate waren für sie und ihren Bruder in Bad Elster sehr schön. Hinter dem Badecafé, so hieß das Café, in dem die Eltern arbeiteten, wurde zu dieser Zeit gerade eine neue Heilquelle, die Marienquelle, gebaut. So gab es da viel Baumaterial, mit dem man wunderbar spielen konnte. Ihr Bruder Jürgen, der 4 ½ Jahre älter war als sie, war da sehr erfinderisch. So bauten die Kinder ein kleines Haus, ohne Dach, so dass man darin bequem sitzen konnte. Es hatte auch einen kleinen Vorgarten. Der wurde richtig mit Ziegelsteinen ummauert, damit sich darin kleine Tiere wie Schlangen oder Frösche aufhalten konnten. Jürgen brachte die Tiere dorthin und Ingeborg spielte mit ihnen. Das war wunderschön. Bis eines Tages die Bauarbeiter auch diese Steine holten und das schöne Haus kaputt ging. Aber in Bad Elster gab es noch mehr Plätze, wo die Kinder wunderbar spielen konnten. Es gab da einen Gondelteich, auf dem sie Boot fahren konnten. Jürgen hatte eines Tages die Idee, den Teich zu Fuß zu durchqueren. Es gelang ihm. Allerdings wurde er anschließend von der Mutter ausgeschimpft, weil er total durchnässt nach Hause kam.

Mittags kamen die Kinder immer zum Essen in das Badecafé zu ihren Eltern. Ingeborg hatte da auch einen netten älteren Herrn kennengelernt, der sehr gern in ihrer Gesellschaft sein Essen einnahm, weil er von ihren guten Manieren sehr angetan war. Ja, wenn sie wollte, konnte sie sich auch richtig gut benehmen. Sie aß mit Messer und Gabel, sagte Bitte und Danke und war sehr schnell der Liebling des Cafés. Nur ihr Bruder, der ärgerte sie oft. So auch, wenn sie abends allein in ihrem Zimmer waren, dann machte er ihr Angst mit allerlei Gruselgeschichten. Sah an den Wänden Geister und Ingeborg kroch schnell unter ihre Bettdecke. In Bad Elster wurde Ingeborg im September eingeschult.

Als die Saison im Oktober endete, fuhren sie in ihren Heimat- und Geburtsort Zeitz. Dort kam sie in eine neue Schule und musste erst einmal die Kinder und Lehrer kennenlernen. Der Schulwechsel war für sie kein großes Problem, eher ein aufregendes Abenteuer. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie allerdings noch nicht, dass sie im Laufe ihrer Schulzeit dieses Abenteuer noch 14 Mal erleben sollte. Als Ingeborg die 2. Klasse besuchte, beschlossen ihre Eltern, nach Leipzig zu ziehen. Für Ingeborg stand der 2. Schulwechsel an. Dieser war etwas trauriger, weil sie sich von ihrer besten Schulfreundin und von den Großeltern, die ebenfalls in Zeitz wohnten, trennen musste. Sie fragte ihre Mutter: „Mama, müssen wir denn wirklich umziehen?“

Die Mutter sagte nur: „Ja, das muss sein, und basta.“

Ingeborg packte ihr kleines Köfferchen mit all ihren Spielsachen und die Reise ging los. Vorher versprach sie aber allen, dass sie recht bald wieder kommen würde, um alle zu besuchen.

KAPITEL 3

Umzug nach Leipzig

In Leipzig bezogen sie zur Teilhauptmiete eine 7-Zimmer-Wohnung, die sie mit einer alleinstehenden älteren Dame teilen mussten (daher der Begriff – Teilhauptmiete). Diese ältere Dame hieß Hedda und hat sich um die Kinder rührend gekümmert. Für Ingeborg war das wunderschön, da die Eltern in der Gastronomie arbeiteten und ihr Bruder schon sehr selbständig war. Hedda konnte auch interessante Geschichten erzählen, da sie in der Zeit vor dem 2. Weltkrieg mit ihrem Mann und ihren Kindern einige Jahre in Indien gelebt hatte. Ihr Mann war dort als Arzt tätig.

Heddas Zimmer lag direkt neben Ingeborgs Zimmer und die Verbindungstür war immer offen. Eines Tages, Ingeborg war allein zu Haus, war sie so von ihrer Neugier geplagt, dass sie es einfach nicht mehr aushielt auf Hedda zu warten, sondern sie ging einfach in Heddas Zimmer und schaute sich all die exotischen Sachen an. Sie war so vertieft, sich mit dem indischen Fächer Luft zuzuwedeln, dass sie Hedda einfach nicht bemerkte, als diese ins Zimmer kam. Hedda zog die Augenbraue hoch und sagte: „Ingeborg, was machst du hier? Ich möchte nicht, dass du allein in mein Zimmer gehst.“

Ingeborg drehte sich erschreckt um und konnte nur kleinlaut antworten: „Das ist alles so aufregend und schön, dass ich nicht widerstehen konnte, diesen Fächer in die Hand zu nehmen. Entschuldigen Sie bitte!“

Hedda nahm die Entschuldigung an und versprach Ingeborg, dass sie sich die ganzen Sachen mit ihr zusammen ansehen durfte. Überhaupt, Hedda war so etwas wie Oma-Ersatz. Ingeborg hatte in Leipzig keine Verwandten. Die Großeltern lebten in Zeitz und die andere Oma, mütterlicher Seite, lebte in einem Dorf bei Zeitz, Osterfeld. Sie konnte da nicht einfach mal hin. Also war für Ingeborg Hedda so eine Art Oma. Sie saß gern bei ihr und am Nachmittag tranken sie zusammen Tee. Ingeborgs Eltern hatten zu dieser Zeit eine Gaststätte als Gaststättenleiterehepaar übernommen und waren oft nicht zu Hause. Jürgen war viel mit Freunden unterwegs und Ingeborg war froh, dass es Hedda gab. Hedda war zu diesem Zeitpunkt schon Rentnerin und wollte deshalb in die Bundesrepublik übersiedeln. Sie hatte dort ihre ganze Verwandtschaft, außer ihrer Tochter. Ingeborg war bei Heddas Abschied sehr traurig, sie bekam den Fächer und hält ihn bis heute in Ehren.

Das Wohnungsamt Leipzig vermietete Heddas Räume wieder zur Teilhauptmiete – diesmal an eine Schauspielerin vom Theater.

Sie hieß Carla, war Mitte 30 und ganz blond. Das gefiel Ingeborg außerordentlich und sie bewunderte Carla. Auch ihr Bruder war von Carla begeistert. Leider wohnte Carla nur kurze Zeit mit Ingeborg und ihrer Familie zusammen. Bald lernte Carla einen netten Mann kennen und heiratete ihn und zog aus. Jetzt wollten Ingeborgs Eltern keinen Teilhauptmieter mehr haben. Zum Glück wohnte im Nachbarhaus eine Familie mit 7 Kindern in einer 3-Zimmer-Wohnung, die schon längere Zeit eine größere Wohnung suchten. Ingeborgs Mutter kam mit der Frau beim Einkaufen in ein Gespräch, welches sich um die Wohnung drehte.

Da man aber in der DDR nicht einfach ausziehen und in eine andere Wohnung einziehen konnte, musste man das Einverständnis vom Wohnungsamt haben, um so einen Tausch zu vollziehen. Da kinderreiche Familien in der DDR bevorzugt wurden, war es kein Problem, die große Wohnung gegen die kleinere zu tauschen.

Ingeborgs Eltern gefiel die kleinere Wohnung sehr gut. Obwohl Ingeborg dort nur ein ganz kleines Zimmer mit Fenster zum Balkon bekam.

KAPITEL 4

Die erste Saison an der Ostsee auf dem Darß

Ingeborgs Eltern arbeiteten zu dieser Zeit im Winterhalbjahr in Leipzig als Gaststättenleiterehepaar. Jedes Jahr von Mai bis Oktober übernahmen sie eine Saisongaststätte an der Ostsee. In dieser Zeit blieb die Wohnung in Leipzig unbewohnt. Die Polstermöbel wurden mit weißen Betttüchern abgedeckt, die restlichen Lebensmittel eingepackt und die Fahrt mit dem Zug ging los. Die erste Saison an der See war in Prerow, auf dem Darß. Der Schulwechsel war für Ingeborg mal wieder kein Problem. Sie fand schnell neue Freunde und sie genoss den Sommer auf dem Darß. Sie wohnten über den Gasträumen und im Anbau befand sich das Kino. Das war natürlich für Ingeborg und ihren Bruder sehr spannend, weil man zwar vom Film nichts sah, aber man konnte die Handlung hören. So hörten die Kinder oft Filme, die sie viel später erst sahen. Die Gaststätte hatte auch einen großen Garten, an den ein kleiner Bachlauf grenzte. Um auf die andere Seites des Baches zu gelangen, musste man entweder darüber springen oder durch den Bach waten. Jürgen war da sehr schlau und besorgte sich ein dickes Brett, um es über den Bach zu legen. So konnten die Kinder immer bequem auf die andere Seite gelangen. Nur einmal, da versperrte ihr Jürgen den Steg und sie war wütend und sagte zu ihm: „Du müsstest jetzt gleich in den Bach fallen!“ Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen und schon lag sie selber in dem Bach. Sie ekelte sich vor dem Wasser und versuchte so schnell wie möglich dort wieder herauszukommen. Unter Schimpfen kletterte sie aus dem Bach und entdeckte an ihrem Bein einen Blutegel. Da schrie sie erst richtig laut und lief zu ihrer Mutter. Diese konnte sie nur schwer beruhigen und Jürgen wurde wegen