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Sie heißen Catturandi und bilden die sagenumwobene Elite-Truppe der Polizei von Palermo, die sich darauf spezialisiert hat, flüchtige Mafiabosse aufzuspüren. I.M.D., der aus Sicherheitsgründen nicht mit seinem Namen in Erscheinung treten kann, ist seit mehr als 15 Jahren einer von ihnen. Er hat sein Leben dem Ziel gewidmet, die Strippenzieher der Cosa Nostra zu fassen, auch wenn er damit sich und seine Familie tagtäglich in Gefahr bringt. In diesem Buch berichtet er von seinem Leben als Mafia-Jäger. Von hochgeheimen Operationen, von den Methoden und Techniken modernster Polizeiarbeit und nicht zuletzt von spektakulären Festnahmen. Daneben erfährt der Leser aber auch so manches über die Vorlieben und Ticks der Gejagten, die ihnen nicht selten zum Verhängnis werden: Mal ist es eine vom Boss gewünschte Lasagne, die den entscheidenden Hinweis auf seinen Aufenthaltsort liefert, mal das Schäferstündchen mit der Geliebten. Die gedruckte Ausgabe dieses Buchs erschien unter dem Titel "100% Bulle. Aus dem Alltag eines Mafia-Fahnders".
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Seitenzahl: 347
Veröffentlichungsjahr: 2014
I.M.D. / Raffaella Catalano
Der Mafia-Jäger
Spezial-Ermittler auf der Spur der Cosa Nostra
Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann und Petra Kaiser
Knaur e-books
Sie heißen Catturandi und bilden die sagenumwobene Elite-Truppe der Polizei von Palermo, die sich darauf spezialisiert hat, flüchtige Mafiabosse aufzuspüren. I.M.D., der aus Sicherheitsgründen nicht mit seinem Namen in Erscheinung treten kann, ist seit mehr als 15 Jahren einer von ihnen. Er hat sein Leben dem Ziel gewidmet, die Strippenzieher der Cosa Nostra zu fassen, auch wenn er damit sich und seine Familie tagtäglich in Gefahr bringt. In diesem Buch berichtet er von seinem Leben als Mafiajäger. Von hochgeheimen Operationen, von den Methoden und Techniken modernster Polizeiarbeit und nicht zuletzt von spektakulären Festnahmen. Daneben erfährt der Leser aber auch so manches über die Vorlieben und Ticks der Gejagten, die ihnen nicht selten zum Verhängnis werden: Mal ist es eine vom Boss gewünschte Lasagne, die den entscheidenden Hinweis auf seinen Aufenthaltsort liefert, mal das Schäferstündchen mit der Geliebten.
Die gedruckte Ausgabe dieses Buchs erschien unter dem Titel »100 % Bulle. Aus dem Alltag eines Mafia-Fahnders«.
von Gian Carlo Caselli, leitender Oberstaatsanwalt von Turin
Die blutigen Attentate des Jahres 1992 gegen die Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino beschworen in Italien ernsthaft die Gefahr herauf, dass sich die Demokratie – so unvollkommen sie auch sein mag – nach dem Vorbild Kolumbiens in einen Mafia- oder Drogenstaat unter der erbarmungslosen Herrschaft der Cosa Nostra verwandeln könnte. Glücklicherweise ist unser Land nicht in diesen bodenlosen Abgrund gestürzt, sondern hat es geschafft, sich dagegen zu wehren.
Für diesen Abwehrkampf, für diese Form der Resistenza, spielte die Verhaftung einer großen Zahl von untergetauchten Bossen eine entscheidende Rolle. Auf diesem Gebiet hat der Staat bis heute konsequent auf die Herausforderung durch die Mafia reagiert. Dies war das Verdienst aller (der Ordnungskräfte und Staatsanwälte), ohne Zweifel aber vor allem der Sonderkommission Catturandi, die im Polizeipräsidium von Palermo für die Ermittlungen gegen die Mafia zuständig ist.
Eine eingeschworene Truppe von hochprofessionellen Spezialisten, die durch die beeindruckenden Erfolge ihrer gefährlichen und überaus schwierigen Tätigkeit weit über den Kreis ihres Arbeitsumfelds hinaus berühmt geworden ist, denn es ist ihr gelungen, viele der wegen ihrer Verbrechen, ihrer Rolle in der Organisation und ihrer Kaltblütigkeit gefürchteten Mafiabosse aufzuspüren und zu verhaften. Die Männer dieses Polizeikommandos sind bereit, Tag und Nacht präzise wie ein Uhrwerk zu funktionieren, und sie wenden dabei immer ausgefeiltere technische Methoden an. Ein perfektes »Uhrwerk«, dessen Triebfedern nach eigener Aussage »Blut und Schweiß, Idealismus und Pflichtgefühl, Stolz und, warum nicht, auch der Wunsch nach Vergeltung« sind. Wo »Wunsch nach Vergeltung« so viel bedeutet wie: »die eigene Heimat und die eigene Stadt vom Joch des organisierten Verbrechens zu befreien und die Kriminellen hinter Gitter bringen zu wollen, die der Gesellschaft so viel Schmerz und Schaden zugefügt haben«. Einziges Ziel dieser Männer ist und bleibt es, »die Mafia zu besiegen und möglichst viele ihrer Bosse zu verhaften«. Dieses Ziel verfolgen sie immer wirksamer und intensiver, weil sie ihre Strategie und Methode erfolgreich perfektioniert haben.
Die Arbeitsweise der Polizisten der Catturandi von Palermo wird in diesem Buch von zwei außergewöhnlichen Autoren detailliert beschrieben: von I.M.D., der (als Mitglied der Abteilung aus verständlichen Sicherheitserwägungen nur unter seinen Anfangsbuchstaben firmierend) bereits vor 2009 ein Buch mit dem Titel Catturandi herausgegeben hat, und von Raffaella Catalano, die alles, was ihr Coautor vom 4. Dezember 1995 bis heute an Außergewöhnlichem erlebt hat, wirkungsvoll in Worte fasst.
Der Text ist weder Sachbuch noch Roman, sondern am ehesten ein Action-Buch, in dem wie in einem guten Film ständig eine atemberaubende Spannung herrscht.
Raffinierte Ermittlungstechniken, der Einsatz hochentwickelter Technologien, Intuition, Geduld und Hartnäckigkeit, die Fähigkeit, Einsätze strategisch zu planen, aber auch im Lauf der Ereignisse kurzfristig umzudisponieren, Einfallsreichtum und Effizienz in Notsituationen, häufig überlegene Kühnheit, Geschick und Glück, die Fähigkeit (beim Abhören von Telefonen und bei der akustischen Raumüberwachung), die geheime Botschaft und die Codewörter zu entschlüsseln; aus diesen Zutaten entsteht in den zahllosen von I.M.D. erzählten Episoden die ständig steigende Spannung eines Actionthrillers, der interessante Einblicke in das Leben der Mafiosi bietet: ihre öffentlichen und privaten Laster, ihre Charaktereigenschaften und kriminellen »Eigenheiten«, ihre manchmal fast obsessiven Gewohnheiten, ihre mehr oder weniger geordneten Frauenbeziehungen …
Die an vielen Stellen fein dosierte Ironie macht das Buch noch ansprechender und verleiht vielen wirklich heldenhaften Aktionen einen menschlichen Touch, der sie uns noch sympathischer macht.
Das Leben eines Mafiajägers erfordert Opferbereitschaft. Unvermeidlich und besonders bedrückend ist der dauernde Verzicht im Umgang mit Familie und Freunden. Einen ungenügenden Ausgleich dazu bilden die zahllosen Feiern, Grillfeste, Ess- und Trinkgelage im Kreis der Kollegen, die vor allem dazu dienen sollen, den Teamgeist, die Solidarität und die bedingungslose Hingabe der Männer zu stärken, denn nur wenn sie als geschlossene Einheit agieren, haben sie Aussicht auf Erfolg. Diese Opfer weiß I.M.D. mit größter Leichtigkeit und Selbstironie zu beschreiben, wie in der Episode, wo er seine Geburtstagsfeier sausen lassen muss, weil er im letzten Augenblick abkommandiert wird, um einen untergetauchten Mafiaboss zu fassen.
Doch bei der Darstellung der unvermeidlichen Opfer schwingt auch Bitterkeit mit, wenn es um die unbezahlten Überstunden geht, um Geld, das die Polizisten notwendig gebraucht hätten, oder wenn mehr Zeit dafür verwendet wird, irgendwo Finanzierungsquellen aufzutun, statt Ermittlungen durchzuführen, wenn Ferien und Erholungspausen gestrichen oder nie bezahlt werden. Ganz zu schweigen von der ständig drohenden Gefahr für diejenigen, die bei der Jagd nach den Verbrechern keinen anderen Schutz genießen als den der Kollegen, die sich manchmal freiwillig als Bodyguards zur Verfügung stellen.
Da die Herrschaft der Mafia nicht nur auf Gewalt beruht, weiß I.M.D. genau, dass sich unter der Maske der Gewalt ein ganzes System aus geheimen Verbindungen und Hintermännern verbirgt, das eigentliche Rückgrat der Mafia. Während seiner Ermittlungen stieß I.M.D. direkt auf die stillschweigende Komplizenschaft von Banken und öffentlichen Einrichtungen: »Bei unseren Ermittlungen wurden zahllose Fälle von manipulierter Auftragsvergabe, getürkten Ausschreibungen, Absprachen zwischen Politik und Mafia, illegalen Investitionen und Geldwäsche, Verstößen gegen die gesetzlichen Vorschriften über Bankkredite und Girokonten und vieles andere aufgedeckt.« Er erlebte, »dass diverse Gemeinden unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt wurden, viele Gemeinderäte auf der Anklagebank endeten und manche auch verurteilt wurden«. Sogar ein Staatsminister deckte indirekt den gefährlichen Boss Vito Vitale, ja, die Schwester von Fardazza (ebenfalls Mitglied der Mafia) war die Geliebte des Gemeinderatsvorsitzenden. An dieser Beziehung lassen sich besonders deutlich die Verflechtungen von Politik und Mafia ablesen, denn daraus ergaben sich beträchtliche Synergien und ein gewaltiger Informationsvorsprung für beide Seiten.
Die unglaublichen Leistungen der Catturandi von Palermo stützen sich, wie alle Ermittlungen gegen jede Form von Kriminalität überall in Italien, auf abgehörte Telefongespräche und akustische Raumüberwachung als ein entscheidendes und unersetzliches Werkzeug im Dienst der Sicherheit der Bürger. Da I.M.D. in dieser Hinsicht aus direkter Erfahrung spricht, ist es umso ernster zu nehmen, wenn er in diesem Zusammenhang dringend vor allen Bestrebungen warnt, die Abhörmöglichkeiten einschränken oder sogar abschaffen wollen. Denn nur durch »diesen Analyse- und Rechercheaufwand erhielten wir wertvolle Informationen über Milieus, Gebiete, Sitten und Gebräuche, Familienangelegenheiten und schmutzige Geschäfte der gesuchten Mafiosi, und dabei wurden nie, und damit meine ich wirklich nie, Namen oder Umstände enthüllt, die nichts mit den kriminellen Machenschaften zu tun hatten«.
I.M.D. und seine Kollegen von der Catturandi sind hundertprozentige Profis, die einzig und allein dazu ausgebildet sind – unter Einhaltung der Gesetze –, diejenigen Kriminellen vor Gericht zu bringen, die das gesellschaftliche Gewebe, zu dem wir alle gehören, zerreißen. Sie handeln ausschließlich im Auftrag des Staates, sind aber zugleich in der Lage, die staatsbürgerlichen, moralischen und juristischen Verpflichtungen, von denen sie sich leiten lassen, mit Respekt vor den Menschen zu verbinden. Sie fühlen sich gezwungen, die Mafiosi zu verhaften, das heißt »dass wir das, was wir tun, nicht aus Hass oder Groll tun. Es ist notwendig und manchmal eben auch schmerzhaft. Einem Kind den Vater, die Mutter oder einen Bruder wegzunehmen, ist immer traumatisch«. Und »auch wenn man das nicht erwarten würde«, bemerkt I.M.D. vollkommen ehrlich, gilt das auch für die Polizisten, die einen ihnen erteilten Auftrag pflichtgemäß erfüllen.
Zu unterstreichen ist zuletzt die hellsichtige Analyse, mit der I.M.D. seine Erzählung beschließt: »Trotz zahlloser Festnahmen regeneriert sich die Mafia scheinbar kontinuierlich, und offensichtlich ist ihr allein mit Repression nicht beizukommen.« Es ist denkbar, die Mafia eines Tages wirklich einzudämmen. Aber in der Zwischenzeit haben sich neue Formen der Kriminalität herausgebildet (die sogenannte Massenkriminalität, die dadurch zustande kommt, dass illegale Einwanderer durch Rassismus kriminalisiert werden). »Dabei ist die neue Generation noch dreister und skrupelloser, und das Einzige, woran sie sich noch hält, sind die alten Bezirke. Ansonsten wird unser armes, geschundenes Palermo erneut von Drogen, Raubüberfällen und Gewalttaten überschwemmt.«
von Raffaella Catalano
Die Welt eines Bullen zu betreten ist ein echtes Abenteuer, auch wenn ich nicht mit im Streifenwagen sitze oder dabei bin, wenn das Team zur Verhaftung eines Mafiabosses aufbricht. Es ist ein Abenteuer, auch wenn es der Polizist, den ich beim Schreiben unterstütze, lediglich erzählt. Ich kenne ihn seit langem und schätze ihn für seine Leistung, die er trotz der spärlichen Mittel und Gelder, über die die Polizei verfügt, erbracht hat. Die mangelnden Ressourcen machen aus dieser Tätigkeit mehr als einen Beruf, sie verlangen Hingabe und Opferbereitschaft. Dennoch engagieren sich I.M.D. und unzählige Kollegen wie er unbeirrt und leidenschaftlich, auch wenn sie dafür – zu bestimmten Zeiten – durchwachte Nächte, unbezahlte Überstunden und nicht erstattete Benzinkosten in Kauf nehmen, auch wenn sie endlose Stunden beim Abhören und Entziffern von Telefongesprächen verbringen müssen, eingezwängt in enge, heruntergekommene Räume, in denen nicht einmal eine Klimaanlage Kühlung verschafft.
Kein Polizist ist ein Superman, das will ich hier betonen, obwohl das für jedermann klar sein müsste, aber leider ist es mit der technischen Ausrüstung, der persönlichen Sicherheit und der Arbeitsatmosphäre keineswegs immer zum Besten bestellt, obwohl viele der Männer in einem gefährlichen Umfeld und in lebensgefährlichen Situationen agieren.
Dennoch hält das Leben als Bulle nicht selten Erfolgserlebnisse und starke positive Emotionen bereit, und es bleibt – zwischen den Momenten der Anspannung – Zeit für ein befreiendes Lachen, für einen Scherz mit den Kollegen, für ein gemeinsames Essen. Und dann gibt es natürlich spannende, überraschende, erstaunliche und geheimnisvolle Momente, genau wie in einem Kriminalfilm. Phasen, in denen sich alle Sinne anspannen, weil man spürt, dass die Bemühungen zum Ziel führen. Wenn dann ein gefährlicher Mafiaboss verhaftet wird, wenn ein Gipfeltreffen der Bosse vereitelt oder ein Erpresserring gesprengt wird, dann wird die Kinophantasie Wirklichkeit und gewinnt reale Bedeutung.
All das hat mich I.M.D. miterleben lassen, durch seine Worte und Aufzeichnungen während der Zusammenarbeit für dieses Buch und andere frühere Arbeiten, darunter das Vorgängerbuch Catturandi. Und diese Erlebnisse sind, um es noch einmal zu betonen, echte Abenteuer, die der Polizist nun mit jedem Leser teilt.
Die Durchsicht des Buches verlief übrigens mit Hindernissen. Am 15. November 2009 rief I.M.D. mich an und sagte: »Hör auf, wir müssen alles neu schreiben. Wir haben in Calatafimi gerade Domenico Raccuglia verhaftet.« Er war seit über dreizehn Jahren untergetaucht.
Ich gratulierte ihm und seinem ganzen Team überschwenglich zu diesem Erfolg und wartete, bis wir am nächsten Tag die Passagen des Textes ändern konnten, wo davon die Rede war, dass der palermitanische Boss nicht zu fassen sei – was ja jetzt nicht mehr stimmte. Als ich schließlich nur noch zehn Seiten durchzuarbeiten hatte, kamen weitere Neuigkeiten. Am 5. Dezember um drei Uhr nachmittags rief mich I.M.D. wieder an und sagte: »Stopp. Wir haben auch Gianni Nicchi erwischt.«
Ich konnte es kaum glauben. Noch einmal zwanzig Tage später wurde ein weiterer wichtiger Boss gefasst, der junge Aufsteiger in der Mafiaführung von Palermo, die Nummer zwei auf der Liste der meistgesuchten Bosse. Er wurde durch einen glücklichen Zufall am selben Tag gestellt, an dem für Gaetano Fidanzati, den Ältesten der gesuchten Paten, in Mailand die Handschellen zuschnappten.
Deshalb mussten wir an dem Buch erneut viel ändern. Aber wir waren von diesen Erfolgen so beflügelt – er als Polizist und ich als Staatsbürgerin –, dass wir das Buch auch tausend Mal umgeschrieben hätten.
Das vorliegende Buch ist kein objektiver Bericht über meine mehr als fünfzehnjährige Zeit bei der Kripo. Es bietet, wenn überhaupt, das Gegenteil: bruchstückhafte, von der verflossenen Zeit getrübte und von starken Emotionen geprägte Erinnerungen. Deshalb wird ein Leser, der diese Themen in der Presse verfolgt, über manche Ungenauigkeit hinwegsehen müssen, denn jemand wie ich, der die Ereignisse hautnah miterlebt hat, schildert zwangsläufig seine subjektive Wahrnehmung der Umstände, die andere vielleicht vollkommen anders im Gedächtnis haben.
Darüber hinaus muss der Leser auch über manche logischen und zeitlichen Sprünge vor allem im vierten Kapitel des Buches hinwegsehen. Denn die neun Jahre dauernden Ermittlungen, die schließlich zur Verhaftung von Bernardo Provenzano geführt haben, handle ich in wenigen Zeilen und ohne Benutzung von Unterlagen oder genauen Daten ab. Für diese Vorgehensweise habe ich mich ganz bewusst entschieden, denn ich wollte keinen Text über die Verhaftung von zio Binnu schreiben, das war nicht meine Absicht.
Das vorliegende Buch ist und bleibt nichts anderes als die Niederschrift meiner eigenen Erinnerungen.
1995–1996
Als ich zum ersten Mal einen Fuß in die Abteilung Catturandi der Kripo von Palermo setzte, hätte ich eigentlich sofort merken müssen, dass sich dadurch mein Leben, wenigstens so wie ich es bisher verstanden hatte, grundlegend ändern würde.
Damals war ich seit gut zwei Jahren Polizist, und meine Berufserfahrung beschränkte sich auf Wacheschieben, Streifefahren und die Verhaftung eines an Aids erkrankten Drogenabhängigen namens Lorenzo. Um sich Geld für einen Schuss zu besorgen, hatte der Typ den Pfarrer der Kirche an den Quattro Canti in der Nähe des Polizeipräsidiums bedroht und wollte ein altes Kruzifix und ein paar Bilder aus dem 15. Jahrhundert mitgehen lassen. Die Beute besaß zwar einen gewissen Wert, aber auf dem Schwarzmarkt hätte Lorenzo höchstens ein paar tausend Lire dafür bekommen. Rein zufällig fuhren wir mit unserem Streifenwagen nach Dienstende gerade in dem Augenblick an der Kirche vorbei, als der Priester mit einer blutenden Kopfwunde auf die Straße stürzte und um Hilfe rief.
Ich war damals kaum zwanzig, voller Gerechtigkeits- und Tatendrang, und griff zusammen mit einem Kollegen sofort ein, während der etwas ältere Streifenführer nicht kapierte, was vor sich ging, und im Wagen zurückblieb. Mit gezückter Pistole stürmte ich in die Kirche und forderte den Dieb auf, stehen zu bleiben. Doch der – der dachte nicht im Traum daran, rannte quer durch die Apsis und drohte, umzingelt vom Rest der Truppe, die uns beigesprungen war, uns mit seinem Blut anzustecken. Er brüllte, er habe Aids im Endstadium, und fuchtelte mit einer Spritze als Waffe herum.
Diese verzweifelte und zugleich unmissverständliche Geste schüchterte die Kollegen ein. Aus Angst vor einer Ansteckung wichen sie einige Schritte zurück. Ich hatte schon immer eine tief sitzende Angst vor Nadeln und Spritzen und reagierte, als hätte Lorenzo mit einer Pistole auf mich gezielt: Da ich nahe genug bei ihm stand, steckte ich die Beretta weg, zog den Schlagstock und holte von unten zum Schlag auf seine Hände aus.
Damit hatte der Ärmste überhaupt nicht gerechnet, er ließ sofort die Spritze fallen, war innerhalb weniger Sekunden in die Knie gezwungen und mit Handschellen gefesselt.
Zunächst war das ein großer Erfolg. Ich war stolz darauf, einen richtigen Kriminellen dingfest gemacht und dem Priester das Eigentum der Kirche zurückgegeben zu haben. Nach ein paar Tagen jedoch besuchten mein Kollege und ich diesen Lorenzo, der wirklich an Aids erkrankt war, in der überwachten Abteilung des Ingrassia-Krankenhauses. Wir brachten ihm Zigaretten und etwas zu essen. Am Ende wurde das Gespräch sogar vertraulich, und er nannte uns den Namen des Hehlers, dem er die gestohlenen Gegenstände hätte bringen sollen. Damit begann ein neues Abenteuer à la Starsky and Hutch, das ich dem Leser erspare, denn es brachte uns lediglich Ärger mit dem Kommissariat von Oreto Stazione ein, an das wir die Information weitergegeben hatten. Statt auf einen Hehler stießen die Kollegen bei der Adresse, die Lorenzo uns genannt hatte, auf illegale Einwanderer und Landstreicher.
So hatte meine Karriere als Polizist im Wesentlichen ausgesehen. Bis zu jenem schicksalhaften 4. Dezember 1995, als ich – aus purem Zufall und durch die Hilfe meines Kollegen Giuseppe – in die Catturandi der Kripo versetzt wurde.
Schon allein durch die Art und Weise, wie ich dorthin kam, hätte mir aufgehen müssen, dass es bei dieser Abteilung ganz anders zuging.
An jenem Tag absolvierte ich ganz normal meinen Streifendienst, als das erste Handy meines Lebens klingelte. Der Anrufer meldete sich als Inspektor V.
»Bist du I.M.D.?«
»Mit wem spreche ich?«
»Hier ist Polizeihauptmeister V. Aber wo zum Teufel bist du?«
»Ich … Herr Polizeihauptmeister … Ich bin auf Streife.«
»Und was zum Teufel machst du auf Streife, wenn du doch schon seit heute Morgen um acht Uhr bei uns sein solltest? Du kommst jetzt sofort aufs Revier, ziehst die Uniform aus und meldest dich umgehend hier, wenn du dir ein Donnerwetter von deinem Vorgesetzten ersparen willst!«
»Aber … Was soll das heißen? Hallo! Hallo!«
Aufgelegt.
So lief das Gespräch mit dem angeblichen Polizeihauptmeister V. Das konnte doch nur ein Scherz sein, da war ich mir sicher, da wollte mich einer reinlegen. Doch vorsichtshalber rief ich in meiner Dienststelle an und fragte nach, ob es bei der Kripo wirklich einen Polizeihauptmeister V. gab, der mich erwartete.
Der ziemlich phlegmatische Kollege sagte mir gleich: »Und ob es einen Polizeihauptmeister V. gibt. Pietro V. ist der Dienststellenleiter der Kripo.«
Ich hatte den Namen noch nie gehört.
Und der Kollege fuhr fort: »Du sollst heute bei der Kripo anfangen.«
Ich fiel aus allen Wolken.
»Und wieso hat mir dann keiner etwas gesagt?«
»Weil die hier gedacht haben, dass du nicht gleich wechseln willst. Deshalb hat man dich deinen Streifendienst noch machen lassen. Außerdem glaube ich, dass die bei der Kripo am Vormittag ganz gut ohne dich auskommen …«
Ich musste an mich halten, um ihn nicht zu beschimpfen. In fünf Minuten war ich auf dem Revier, verabschiedete mich von allen, packte meine Tasche und meldete mich, mit dem Fax über die Versetzung, bei meinem neuen Vorgesetzten: besagtem V. Der wurde von allen liebevoll Pietro il cane (»der Hund«) genannt. Um halb elf war ich da: Sogar an die genaue Uhrzeit kann ich mich noch erinnern. Und ich will nicht verhehlen, dass ich etwas Angst vor dem hatte, was da auf mich zukam. Ich hatte gerade einmal zwei Jahre in der Grundausbildung bei der Polizei hinter mir: Mein Berufsalltag konzentrierte sich auf Streifendienste und öffentliche Ordnung, inklusive Spätschichten und Nachtdienste. Von Ermittlungs- und Fahndungsaufgaben hatte ich keine Ahnung.
Das Verhältnis zu Kollegen und Vorgesetzten war, wie ich bald feststellen sollte, hier ganz anders. Bei der Bereitschaftspolizei war alles noch ein bisschen militärischer zugegangen. Man kannte den Dienststellenleiter zwar, hatte aber fast nie direkt mit ihm zu tun, während Polizeimeister und Polizeiobermeister die Bezugspersonen für den täglichen Dienst waren. Bei der Kripo dagegen gab es keine Uniform, so dass man nie genau wusste, wen man vor sich hatte. Es konnte ein einfacher Polizist sein wie du und ich oder der Polizeipräsident. Fast alle duzten sich und kannten sich schon lange. Mich aber kannten sie noch nicht …
Ich meldete mich bei V., der mich nur kurz musterte. Weder ich noch er erwähnte unser Telefongespräch. Nachdem er mich eingewiesen hatte – in solchen Fällen gibt es immer eine Menge Papierkram zu erledigen –, schenkte er mir schließlich ein freundliches Lächeln. Da merkte ich, dass sich unter seiner harten Schale und seinem Bart kein Ungeheuer verbarg, sondern ein wenn auch etwas bärbeißiger Mensch. Er verabschiedete mich mit einem Händedruck und erklärte mir, dass ich in ein paar Minuten mit Kriminaldirektor Luigi Savino sprechen könne. Zunächst solle ich in der Catturandi bleiben und dann nach ein paar Tagen in die Abteilung wechseln, für die ich eigentlich vorgesehen war: zur Mordkommission. Doch dazu ist es nie gekommen. Seit jenem 4. Dezember 1995 bin ich bei der Sonderfahndung, der Catturandi, und mit diesem Team habe ich die gefährlichsten Mafiabosse des Hinterlands von Palermo verhaftet. Angefangen von Fifetto Cannella, der ersten Aktion, an der ich 1996 beteiligt war, bis zum Einsatz gegen Gianni Nicchi 2009.
Seit jenem Tag habe ich das Leben eines Spürhunds geführt. Als kaum Zwanzigjähriger wurde ich wie ein Jungtier darauf trainiert, und noch heute mit meinen fast vierzig Jahren werde ich immer wieder von der Leine gelassen, um untergetauchte Mafiosi in ihren Schlupfwinkeln aufzuspüren.
Ein Leben voller bitterer und begeisternder Erfahrungen, voller Befriedigung und Verzweiflung. Aber auch voller Vergnügen. Wie es jedem von uns zusteht. Wenn die Spannung nachlässt, darf sich auch ein Polizeifahnder, der von Berufs wegen zur Geheimhaltung, zur Risiko- und zur Opferbereitschaft verpflichtet ist, mal einen Spaß erlauben.
Vor der überraschenden Wende in meinem Leben, die mich zur Catturandi verschlagen hat, hatte ich mir in den Kopf gesetzt, in der Mordkommission zu arbeiten. Darüber hatte ich mit dem damaligen Kriminaldirektor gesprochen und vor allem mit dem Leiter der Kripo, dem legendären Arnaldo La Barbera.
Der Grund dafür hatte nichts mit meinem persönlichen Willen und meinen Wünschen zu tun. Ein Kollege und Freund von mir, der aus der Gegend von Palermo stammte, hatte von jemand aus seinem Heimatort einen Hinweis über illegalen Waffenbesitz bekommen. Weil er aber nicht wusste, was er damit anfangen sollte, und vielleicht noch unerfahrener war als ich, bat er mich um Hilfe, wie man in einem solchen Fall vorschriftsmäßig vorzugehen habe.
Die Vorschriften sahen eigentlich vor, dem Vorgesetzten über den vertraulichen Hinweis Bericht zu erstatten. Doch die Polizei von Palermo befand sich nach den Attentaten auf die Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino und durch die Ermittlungen gegen Bruno Contrada in einer schwierigen Phase. Weil es sich außerdem bei dem Informanten um einen Mann aus seinem Heimatort handelte, hatte der Kollege Angst, sich seinem Vorgesetzten anzuvertrauen. Stattdessen reichte er das heiße Eisen an mich weiter, und so musste ich mit der Situation fertigwerden.
Ich war schon immer ein bisschen übereifrig und manchmal auch unbedacht gewesen, und so verfasste ich einen mehrseitigen Dienstbericht, in dem ich Namen, Tatsachen und Umstände dessen, was mir zu Ohren gekommen war, aufzählte.
Da mein Vorgesetzter wohl erkannte, dass in meinem Bericht alles Hand und Fuß hatte, gab er ihn an die Kripo weiter. Daraufhin wurde ich vom Leiter der zuständigen Mordkommission vorgeladen, der sich gemeinsam mit einigen Kommissaren meinen Bericht anhörte und nach weiteren Details der vertraulichen Mitteilung fragte.
Das Gespräch hinterließ einen schlechten Nachgeschmack bei mir, denn ich hatte den Eindruck, die Ermittler hätten keinerlei Interesse an dem, was ich referierte, oder zweifelten sogar am Wahrheitsgehalt der Informationen.
Deshalb machte ich mich in meinem jugendlichen Leichtsinn und unter Verletzung jedweder Vorschrift, einschließlich des gesunden Menschenverstands, mit meinem Kollegen daran, Nacht für Nacht auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen. Wir fühlten uns wie Batman und Robin und schlichen uns in das Territorium eines Mafiabosses ein, um herauszubekommen, ob die vertraulichen Hinweise zutrafen.
Der Informant hatte unter anderem von Waffen gesprochen, die auf dem besagten Grundstück in einem Fass vergraben seien. Um das Versteck zu finden, müsse man einen großen Stein, der sich etwa zwei Meter neben einem Zitronenbaum befinde, anpeilen. Dort sei ein Fass mit Waffen vergraben, darunter sogar eine Kalaschnikow und reichlich Munition.
Wir parkten meinen Fiat Ritmo einen halben Kilometer entfernt von der steinernen Einfassungsmauer des Grundstücks, über die wir leicht hinüberklettern konnten. Als wir uns dem Haus näherten, schlug mir das Herz bis zum Hals, denn obwohl wir die Beretta griffbereit hatten, war die Vorstellung, im Dunkeln auf jemanden zu stoßen oder gar mit jemandem zusammenzustoßen, alles andere als angenehm. Dieser Gedanke war der letzte Funken Vernunft, den wir uns noch bewahrt hatten …
Tastend erreichten wir die Stelle, von der der Informant gesprochen hatte. Tatsächlich gab es einen Zitronenbaum und in einiger Entfernung einen großen Stein. Allerdings nicht so groß, dass ihn zwei vermeintliche Supermänner nicht hätten hochheben können.
Wir dachten, wir könnten den Stein ein bisschen verschieben, um zu sehen, ob Spuren des vergrabenen Fasses erkennbar waren. Bei genauerem Nachdenken wurde uns dann aber angst und bange, und wir fragten uns: »Wenn wir die Waffen jetzt tatsächlich finden, was machen wir dann? Wir können sie doch nicht einfach dalassen.«
»Aber auch nicht fortschaffen …«
»Könnten wir nicht als anonyme Anrufer die Polizei oder die Carabinieri verständigen?«
»Dann würde unser Informant auffliegen.«
»Und was ist, wenn wir alles alleine machen und damit vielleicht laufende Ermittlungen sabotieren? Woher wissen wir denn, dass nicht schon ermittelt wird?«
Wir zerbrachen uns die Köpfe, gaben aber schließlich auf und beschlossen, zu verschwinden, ohne die Waffen zu suchen. Am nächsten Tag wollte ich einen weiteren Bericht für die Mordkommission verfassen, in dem außer den bisherigen Sachverhalten auch auf das mögliche Waffenversteck hingewiesen wurde, ein Detail, das ich in meinem ersten Bericht nicht erwähnt hatte.
Leider – oder zum Glück – geschah etwas Unerwartetes.
Der Informant aus dem Heimatort meines Kollegen hatte sich nicht nur ihm anvertraut, sondern auch dem dortigen Wachtmeister der Carabinieri. Der Wachtmeister nahm die Hinweise sofort ernst oder hatte vielleicht mit seinen Kollegen schon selbst ermittelt, so dass er nur noch Beweise brauchte.
Jedenfalls waren die Carabinieri schneller als die Polizei. Und die Sache stellte sich als viel schwerwiegender heraus, als wir erwartet hatten: Mehrere Personen wurden verhaftet, und der Informant erklärte sich wenig später bereit, als Kronzeuge aufzutreten. Seine Aussagen brachten Licht in eine Reihe von Mordfällen im Umland von Palermo und versetzten der Cosa Nostra einen schweren Schlag.
Ich war darüber sehr erleichtert, zugleich aber tat es mir auch leid, dass die Carabinieri, mit denen die Polizei stets im friedlichen Wettstreit liegt, die Nase vorn gehabt hatten und dass wir, Batman und Robin, leer ausgegangen waren. Letztendlich aber zählte das Ergebnis.
Meine eigenmächtigen Ermittlungen waren dem damaligen Leiter der Kripo, Arnaldo La Barbera, nicht entgangen, und er bestellte mich in sein Büro. Dieses Gespräch werde ich nie vergessen, denn eigentlich war es gar kein Gespräch, sondern eine Art Vernehmung:
»I.M.D.?«
»Ja, Herr Kriminaldirektor.«
»Willst du zur Kripo?«
»Ja … das gefiele mir schon, aber ich verstehe nichts davon, ich bin dafür nicht ausgebildet.«
»Das ist mir egal. Du wirst es schon lernen! Sag mir lieber, was dein Vater macht. Hast du vorbestrafte Verwandte? Sag die Wahrheit, denn ich würde es sowieso herauskriegen, und dann hast du Pech gehabt.«
»Mein Vater ist Arbeiter, meine Mutter betreibt eine kleine Schneiderwerkstatt, und vorbestrafte Verwandte habe ich nicht. Das kann ich Ihnen versichern.«
»Okay. Du kannst gehen.«
Nach den Attentaten auf Giovanni Falcone und Paolo Borsellino hatte Arnaldo La Barbera die Kripo von Palermo vollkommen neu strukturiert. Er hatte nur ganz wenige Kommissare behalten, auf die er sich absolut verlassen konnte, die meisten anderen dagegen, die schon seit Ewigkeiten dabei waren, waren entlassen worden, woraufhin neue, teilweise ganz junge Kommissare und Polizisten von außerhalb in sein Team geholt wurden.
Diese neuen Mitarbeiter besaßen zwar weniger Erfahrung, hatten dafür aber den Vorteil, dass sie weder korrupt noch resigniert waren. Natürlich traf das nicht auf alle zu, die gehen mussten, doch La Barbera wollte einen kompletten Neuanfang, und dieses Konzept führte im Lauf der nächsten zehn Jahre zu hervorragenden Resultaten.
Mit meinen kaum zwanzig Jahren wurde ich Teil dieses neuen Teams, obwohl ich keinerlei Erfahrung hatte, dafür aber ein einziges Ziel vor Augen: die Verantwortlichen für die Attentate zu finden und mich so als Palermitaner, der die Mafia bekämpft, zu beweisen.
La Barbera hatte das verstanden und er brauchte Leute wie mich. Und wir brauchten einen Kopf wie ihn.
Als Leiter der Kripo bekam ich ihn allerdings nur dieses eine Mal zu Gesicht, denn bei meinem Wechsel zur Catturandi war er schon Polizeipräsident geworden, und seinen Posten hatte formell bereits Luigi Savina inne.
Ich sage formell, denn Savina war einer von La Barberas engsten Mitarbeitern, und deshalb gab es keinerlei Bruch in der Führung der Kripo von Palermo. Eine vergleichbare Übereinstimmung der Zielsetzungen von Polizeipräsident und Leiter der Kripo sollte es künftig nur noch selten geben.
Um wieder auf den Tag meines Wechsels zur Catturandi zurückzukommen: Nach der Erledigung des notwendigen Papierkrams meldete ich mich im Büro der Catturandi, das sich damals im Erdgeschoss eines ehemaligen Klosters aus dem 17. Jahrhundert an der Piazza Vittoria befand.
Dort erwartete mich bereits mein Freund Peppino, der ebenfalls zu meinem Wechsel in die Fahndungsabteilung beigetragen hatte. Er brachte mich zu seinem Cousin, der bis heute einer der wichtigsten Männer der Abteilung ist, und dort wurde ich Claudio Sanfilippo, dem Leiter der Catturandi, und seinem Stellvertreter Renato Cortese vorgestellt. Nach einem kurzen Gespräch begleiteten sie mich in den Abhörraum, damit ich dort meine ersten Erfahrungen als Ermittler machen konnte.
In diesem kleinen Raum, in dem alle abgehörten Gespräche zusammenlaufen, stehen die Anlagen aufgereiht, die die einzelnen Telefonate aufnehmen. Jeder Polizist hat einen bestimmten Platz und seine Kopfhörer, von denen er sich selten trennt.
In dieser Umgebung lernte ich die seltsamsten Menschen kennen, die mir je begegnet sind. Es herrschte eine kafkaeske Atmosphäre, und ich wartete nur darauf, mich plötzlich in einen Käfer zu verwandeln.
Einige lasen, schrieben und hörten gleichzeitig zu. Manche beäugten mich misstrauisch, ohne zu grüßen, und verbargen mit dem Arm, was sie auf ihren Block notierten. Andere dagegen grüßten freundlich, fragten mich nach allem Möglichen aus und informierten sich auch noch bei Kollegen über mich.
Alle waren jung, aber selbst diejenigen, die höchstens einen Tag älter waren als ich, verhielten sich mir gegenüber misstrauisch oder herablassend.
Ich hatte es nicht leicht.
Glücklicherweise war ich einem älteren und einem jungen Kollegen sympathisch, so dass sie mich unter ihre Fittiche nahmen und mir das Handwerk beibrachten.
Ich merkte schnell, dass das Misstrauen der anderen nichts mit Ablehnung zu tun hatte, denn es gibt gute Gründe dafür, einen Neuling nicht sofort in alle Details von Ermittlungen einzuweihen, die schon seit Jahren andauern. Zum einen erkennen die anderen erst mit der Zeit, ob du zuverlässig bist oder nicht. Wenn du es beispielsweise nicht lassen kannst, deiner Freundin oder deinen Freunden zu erzählen, was im Dienst passiert, dann entfernen dich die Vorgesetzten höflich aus der Catturandi oder der Kripo, und wenn das passiert, kannst du mit dem bisschen, was du am Anfang erfahren hast, keinen großen Schaden anrichten. Außerdem würde man den Neuling völlig überfordern, wenn man ihn gleich zu Beginn mit allen verfügbaren Informationen überschüttet. Es hat keinen Sinn, ihm die Namen der Abgehörten und ihrer Familien mitzuteilen, die Adressen ihrer Arbeitsplätze und Wohnungen, die Autos, die sie benutzen, oder ihnen Fotos von Orten und Personen zu zeigen, die etwas mit ihnen zu tun haben. Der Anfänger könnte es mit der Angst zu tun kriegen und alles hinschmeißen. Neue Kräfte sind aber wichtig und können, wenn sie gut geführt werden, zu nützlichen Mitgliedern des Teams werden.
Seit dem Tag, an dem ich zum ersten Mal den Abhörraum betrat, sind inzwischen mehr als fünfzehn Jahre vergangen, und von dem unbedarften Polizisten ist nicht mehr viel übrig geblieben.
Erfahrung habe ich in der Praxis gewonnen, bei der Verhaftung von Giovanni Brusca, dem ersten der großen Bosse, der von der Catturandi im Mai 1996 in der Provinz Agrigent gefasst wurde, und dann weiter bis zu Gianni Nicchi, der im Dezember 2009 mitten in Palermo in unmittelbarer Nähe des Gerichtsgebäudes gestellt wurde. Dazwischen lagen zahlreiche Verhaftungen, nicht zuletzt die von Bernardo Provenzano – in Zusammenarbeit mit der Zentralstelle für operative Einsätze in Rom –, die von Sandro und Salvatore Lo Piccolo und die von Domenico Raccuglia, dem Boss von Altofonte.
Die ersten Tage bei der Catturandi vergingen wie im Flug. Die Abteilung ermittelte gegen zwei wichtige untergetauchte Mafiabosse, und die Abhörräume lagen in verschiedenen Gebäuden: In der Kripo wurden die Angehörigen der Familie La Mattina abgehört, im Polizeipräsidium die der Familie Tinnirello.
Ich gehörte zu der Gruppe, die auf Peppuccio La Mattina angesetzt war, einen Killer und führendes Mitglied des Mafiaclans im Stadtteil Santa Maria di Gesù von Palermo.
Der Abhörraum lag im Dachgeschoss eines ehemaligen Klosters aus dem 17. Jahrhundert, in dem die Kripo auch heute noch haust. Auf wenigen Quadratmetern waren zahlreiche Kabinen mit Arbeitstischen und den Abhöranlagen untergebracht.
Damals nahm man die Gespräche noch auf Band auf, und die Geräte hatten mehrere Spuren. Wenn während des Abhörens und Transkribierens ein Anruf »live« – wie wir sagen – ankam, dann wurde er auf einer anderen Spur mitgeschnitten. Im Unterschied zu heute, wo alles in den Computer getippt wird, schrieb man die Protokolle damals noch mit der Hand, sogar die Paginierung erfolgte handschriftlich. Der Einfachheit halber fügten wir die Seitenzahlen immer erst am Ende ein, so dass wir nach dem Abschluss einer Ermittlung ganze Tage damit verbrachten, Zahlen und Unterschriften nachzutragen. Und wenn man eine Seite übersprungen hatte, musste man irgendwelche Tricks erfinden, z.B. Seite 1342a, b usw.
Mit den Kollegen und Kolleginnen, mit denen ich damals Seite an Seite auf diesem beengten Raum arbeitete, bin ich bis heute befreundet. Da die Zimmerchen der Catturandi und der Antimafia-Abteilung, die damals nach Fachdezernat Fahndung V hieß, direkt nebeneinanderlagen, konnten wir uns schlecht aus dem Weg gehen und freundeten uns trotz des anfänglichen Misstrauens schließlich an.
Obwohl sie im Lauf der Jahre andere Wege eingeschlagen haben, bin ich mit diesen Kollegen nach wie vor eng verbunden. Anto, mein Schutzengel, leitet heute eine der schwierigsten Polizeidienststellen in der Provinz Trapani. Mein enger Freund Pinta koordiniert ein Team der neu gebildeten Abteilung für Kleinkriminalität. Pi Gi ist inzwischen nicht nur stellvertretender Polizeipräsident, sondern auch ein erfolgreicher Romanschriftsteller, während Fofò seinem Leben eine radikale Wendung geben wollte und mit seiner Frau, die ebenfalls Polizistin ist, in eine schöne Stadt der Emilia gezogen ist. Aus Liebe zu seiner Familie hat er Schluss gemacht mit dem Kampf gegen die Mafia. Wer wollte ihm das verübeln?
Wenn wir uns trotz aller Schwierigkeiten sehen oder miteinander telefonieren, fassen wir immer ein Treffen aller ehemaligen Kollegen ins Auge, aber es wird wohl nie zustande kommen.
M. und F. waren für mich in diesen Jahren wie größere Schwestern. Wenn die Kollegen F. auf den Arm nehmen wollten, nannten sie sie maman, weil sie sich stets fürsorglich um mich bemüht hat. Obwohl sie beruflich oft außerhalb Palermos zu tun hat, ist sie mir bis heute eine echte Freundin. Nur wenn sie sich schlecht behandelt fühlt, wird sie fuchsteufelswild und gibt dir Saures.
Meine Freundschaft mit Oscar entstand hingegen unter ganz besonderen Umständen. An einem Ostersonntag, ich glaube 1995, hatten nur wir beide Dienst. Ich war für die Telefone der Catturandi zuständig, er für die der Antimafia. Es war ein wunderschöner Tag und so warm wie im August. Die Aussicht, ausgerechnet bei diesem Wetter den ganzen Tag in unseren Zellen zu verbringen, war so deprimierend, dass er mir folgenden Vorschlag machte: »Hör mal, heute habe ich keine Lust, nur ein belegtes Brötchen an der Bar zu essen. Wo doch hier ohnehin nichts los ist, hättest du nicht Lust, mit nach Mondello zu kommen? Ich lade dich ein.«
Tatsächlich gab es um diese Zeit nicht viel zu ermitteln, denn die von mir abgehörten Zielpersonen waren zum Mittagessen in ein Restaurant gegangen, und schließlich mussten ja auch wir eine Pause machen.
Deshalb nahm ich an, unter der Bedingung, dass wir uns die Rechnung teilten.
Oscar brachte mich in die Trattoria eines Freundes in der Nähe der Piazza von Mondello direkt am Meer. Zur Vorspeise aßen wir Unmengen einer Thunfisch-Caponata, dann gab es Linguine mit Langusten (pro Portion 40000 Lire, an diesen Preis erinnere ich mich noch genau), und danach vertilgten wir als Secondo alle Arten von Fischen, die im Bassin des Restaurants herumschwammen.
Soweit ich mich erinnere, wollte der Kellner eine so umfangreiche Bestellung erst gar nicht annehmen, denn er meinte, allein die Linguine, die in einer aufgeschnittenen Languste serviert wurden, seien eine vollständige Mahlzeit, weitere Gänge daher überflüssig.
Oscar schaute ihn mit seinem sympathischen, etwas schiefen Gesicht an, erklärte, dass wir großen Hunger hätten, und bestellte eine zweite Flasche Weißwein.
Bei diesem Essen erzählte er mir zum ersten Mal etwas sehr Persönliches, denn wir waren – vielleicht unter dem Einfluss des Weines, den wir zu dem Fisch genossen hatten – freundschaftlich ins Plaudern gekommen. Oscar vertraute mir an, er feiere bei dieser Gelegenheit die Trennung von seiner langjährigen Freundin. Ich blickte ihn erstaunt an und erkannte, dass dieser gutmütige, zwei Meter große Riese eine Schulter brauchte, um sich anzulehnen. Deshalb erwiderte ich nichts, sondern füllte ein Glas mit Wein und stieß zum zigsten Male mit ihm an.
Als die Rechnung kam, ließ er nicht mit sich reden, sondern zahlte die ganzen 150000 Lire, die der Wirt als Freundschaftspreis berechnet hatte. Danach kehrten wir unter erheblichen Schwierigkeiten ins Büro zurück.
Ich könnte noch von anderen Erlebnissen und Abenteuern mit meinem Freund Oscar erzählen, beispielsweise von einer denkwürdigen Silvesterparty in einer Art Manege, oder von der Verhaftung der Brüder Garofalo. Weil niemand wissen durfte, dass wir sie erwischt hatten, zwang Oscar einen von ihnen, sich auf der Rückbank hinzulegen, und setzte sich – natürlich möglichst sachte – auf ihn drauf, so dass er selbst wegen seiner Größe eigentlich gar nicht mehr ins Auto passte und praktisch Kopf und Hals zum Fenster hinausstrecken musste.
Ich könnte auch von seinem untrüglichen Gespür als Ermittler erzählen und von seiner Fähigkeit, Dinge und Ereignisse zu verknüpfen, die scheinbar nichts miteinander zu tun hatten.
Damit würde ich seine Verdienste als guter Polizist würdigen.
Aber jetzt, da er tot ist, erinnere ich mich lieber an meinen Freund Oscar, wie er an jenem strahlenden Tag in Mondello in der Trattoria saß. Wie er lächelte und mit Genuss einen Teller Linguine mit Languste verspeiste. So will ich ihn im Gedächtnis behalten. Addio, Oscar.
Der erste gesuchte Mafioso, der nach meinem Eintritt in die Abteilung gefasst wurde, war Cristoforo Cannella, genannt Fifetto, das war am 24. April 1996. Wie wir sein Versteck fanden, weiß ich nicht mehr genau, aber ich glaube, dass es einem Zufall zu verdanken war. Bei Ermittlungen gegen mutmaßliche Unterstützer von Peppuccio La Mattina, der, wie gesagt, ebenfalls gesucht wurde, stießen einige Männer der Catturandi auf Fifetto Cannellas Freundin und verfolgten sie bis zu einer Wohnung. Nachdem ein Observierungsteam vor dem Haus postiert war, wurden wir alle in Alarmbereitschaft versetzt: An diesem Abend durfte niemand nach Hause, auch ich nicht, obwohl es mein dreiundzwanzigster Geburtstag war.
Das geplante Geburtstagsessen mit Torte musste ausfallen. Eigentlich sollte es nur ein Fest im Kreise der Familie werden, mit einer Besonderheit allerdings: An diesem Abend wollte ich zum ersten Mal meine Freundin mitbringen, um sie, wie das in Sizilien üblich ist, meinen Eltern offiziell vorzustellen. Der Abend war also wichtig für mich und für sie.
Meine Freundin, die heute meine Frau ist, sollte mit dem Bus aus einem kleinen Dorf kommen und an der Piazza Alcide De Gasperi, heute Piazza Giovanni Paolo II, aussteigen. Meine Eltern hatten sie noch nie gesehen, deshalb konnte ich niemanden schicken, um sie abzuholen, aber absagen konnte ich ihr auch nicht mehr. Damals waren Handys noch teuer, ich hatte zwar schon eines, sie aber noch nicht. In meiner Verzweiflung bat ich einen gemeinsamen Freund, der beim Begleitschutz arbeitete, meine nichtsahnende Freundin abzuholen und sie zu meinen Eltern zu begleiten. Ich ließ ihr ausrichten, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauche, denn ich würde rechtzeitig kommen, um sie nach Hause zu bringen.
