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Er hat sie alle noch gekannt: Joseph Brodsky und Czesław Miłosz ebenso wie Wisława Szymborska, Anna Achmatowa, Boris Pasternak und die sowjetischen Dissidenten. Als Kind erlebte Tomas Venclova die Okkupation seiner Heimat – erst durch die Sowjets, dann durch die Nazis. Sein Hunger nach Welt war unstillbar: Er ging nach Leningrad, lernte Sprachen, befasste sich mit der modernen Poesie und geriet als Übersetzer und Dichter früh ins Visier des KGB. 1976 gehörte er zu den Mitbegründern der litauischen Helsinki-Gruppe für Menschenrechte. Während eines Aufenthaltes in den USA wurde ihm 1977 die sowjetische Staatsbürgerschaft entzogen. Er lehrte bis 2012 an der Yale University und lebt seit 1990 auf zwei Kontinenten – ein Emigrant, der am unabhängigen Litauen zu viel auszusetzen hatte, um in sein Heimatland zurückzukehren, und sein Exil als „Glücksfall“ empfand.
In Gesprächen mit seiner Dichterkollegin und Übersetzerin Ellen Hinsey rekapituliert er sein Leben und lässt das 20. Jahrhundert wiederauferstehen: Ob es um Freundschaften geht oder um Fragen der Poesie, ob er über die Politik der Großmächte oder über die verwickelte Geschichte Mittelosteuropas spricht – Venclovas Klugheit und Selbstironie geben dieser großen europäischen Erzählung von Entwurzelung und Heimatlosigkeit etwas heiter Gelassenes.
»Venclova ist ein nördlicher Dichter, geboren und aufgewachsen an der Ostsee, diese Landschaft ist monochrom, Grauschattierungen herrschen vor − das Licht des Himmels, zu Dunkelheit verdichtet. Beim Lesen finden wir uns in dieser Landschaft wieder.« Joseph Brodsky
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Seitenzahl: 794
Veröffentlichungsjahr: 2017
Als Tomas Venclova an einem Morgen im Mai 1975 seinen Brief abschickte, wusste er, dass er die wichtigste Entscheidung seines Lebens getroffen hatte. In Berufung auf die Menschenrechte und die sowjetische Verfassung bat er das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Litauens um Genehmigung zur Ausreise. In einem Land, in dem Andersdenkende unterdrückt und die absolute Herrschaft nur Unglück gebracht habe, könne er nicht länger leben.
Was diesem Schritt vorausging und was ihm folgte, entwickeln Tomas Venclova und Ellen Hinsey in ihrem fesselnden Dialog. Der magnetische Norden ist ein Dokument moralischer Unbestechlichkeit, das Selbstporträt eines der letzten großen Zeitzeugen der totalitären Epoche.
Als Kind erlebte er die Okkupation seiner Heimat – erst durch die Sowjets, dann durch die Nazis. Sein Hunger nach Welt war unstillbar: Er ging nach Moskau, besuchte Anna Achmatowa und Boris Pasternak, lernte Sprachen und geriet als Übersetzer und Dichter früh ins Visier des KGB. 1976 gehörte er zu den Mitbegründern der litauischen Helsinki-Gruppe für Menschenrechte. Kurz darauf wurde ihm während eines Aufenthaltes in den USA die sowjetische Staatsbürgerschaft entzogen. Seit 1990 lebt er auf zwei Kontinenten – ein Emigrant, der Litauens Weg in die Unabhängigkeit kritisch begleitete und sein Exil als »glückliche Fügung« empfand.
Tomas Venclova, 1937 in Klaipėda geboren, ist einer der bedeutendsten europäischen Lyriker seiner Generation. Seit den sechziger Jahren gehörte er zu den sowjetischen Dissidenten um Andrej Sacharow und Ljudmila Alexejewa. Er lebt seit 1977 in den USA und lehrte bis 2012 an der Yale University. Sein lyrisches und essayistisches Werk wurde vielfach übersetzt und ausgezeichnet. Auf Deutsch erschien sein Essay Vilnius. Eine Stadt in Europa (2006; es 2473) und der Gedichtband Gespräch im Winter (2007).
Ellen Hinsey, 1960 in Boston, Massachusetts, geboren, Lyrikerin, Essayistin und Performerin, lebt seit 1987 in Paris und unterrichtet Literatur und Schreiben. Für ihre Gedichtbände Cities of Memory (1996), The White Fire of Time (2002), Update on the Descent (2009) erhielt sie mehrere Auszeichnungen. Auf Deutsch erschien Des Menschen Element (2017).
Claudia Sinnig, 1965 geboren, studierte Anglistik, Russistik und Lituanistik in Leipzig und Vilnius. Seit 1992 freie Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin u.a. von Tomas Venclova, Jonas Mekas, Eugenijus Ališanka, Antanas Škėma, Sigitas Parulskis. 2002 erschien Litauen. Ein literarischer Reisebegleiter (it 2844).
Tomas Venclova
Der magnetische Norden
Gespräche mit Ellen Hinsey
Erinnerungen
Aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Sinnig
Suhrkamp Verlag
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2017
Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2017
© Suhrkamp Verlag Berlin 2017
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,
des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
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Karte mit freundlicher Genehmigung von Inga Genytė
Karte: Peter Palm, Berlin
Umschlaggestaltung: Hermann Michels und Regina Göllner Umschlagfoto: Ralph Velasco
eISBN 978-3-518-75099-5
Inhalt
EINFÜHRUNG
Der magnetische Norden – Eisen und Anmut von Ellen Hinsey
ERSTER TEIL
Kindheit und Familie
Die Sowjets 1939-1941
Die Kriegsjahre 1941-1944
Die Rückkehr der Sowjets
Nachkriegszeit
Gymnasium
Antanas Venclova
An der Universität Vilnius
Das Jahr 1956
ZWEITER TEIL
Boris Pasternak
Studiengruppe und KGB
Moskau 1961-1964
Anna Achmatowa
Sprachzeichen. Gedichte
Joseph Brodsky
Zivilgesellschaft und Dissens
Die litauische und die Moskauer Helsinki-Gruppe
Vorbereitung auf das Exil
DRITTER TEIL
Czesław Miłosz und Berkeley
Reisen. Exil als glückliche Fügung
Der Kreuzweg. Gedichte
ANHANG
Zeittafel
Bibliographie
Biographische Notiz
Dank
Register
EINFÜHRUNG
Der magnetische Norden – Eisen und Anmut von EllenHinsey
In seiner Einführung zu den Charles-Eliot-Norton-Vorlesungen für Poesie an der Harvard-Universität unterstrich Czesław Miłosz die Tatsache, dass das zwanzigste Jahrhundert – »proteushafter und vielgestaltiger als jedes andere« – sein Erscheinungsbild nicht nur in Abhängigkeit vom eigenen Blickwinkel wechselt, sondern auch in Abhängigkeit von den unbeständigen Koordinaten des Längen- und des Breitengrads – »den geographischen [Blickwinkel] eingeschlossen«. Miłosz führt weiter aus:
»Mein Winkel Europas ermöglicht aufgrund der dort stattfindenden außerordentlichen und todbringenden Ereignisse, für die nur verheerende Erdbeben die passende Metapher scheinen, eine besondere Perspektive, der zufolge alle, die von dort stammen, die Poesie unseres Jahrhunderts etwas anders zu beurteilen pflegen als die Mehrheit meiner Hörer: sie suchen in dieser Poesie einen Zeugen und Teilnehmer an der großen Umwandlung, die die Menschheit erlebt.«1
Tomas Venclova, der unter demselben Himmel aufgewachsen ist und dieselbe Universität besucht hat wie Miłosz, wenngleich in der umgetauften litauischen Hauptstadt Vilnius, hätte diese Zeilen ohne weiteres selbst schreiben können. Die »besondere Perspektive«, die Miłosz nur vage andeutet, ist eine fast achthundert Jahre alte intellektuelle Tradition, mit ihrer spezifischen, reichhaltigen und komplexen Identität und Geschichte. Und während der Erdball, wie uns John Donne erinnert, eine perfekte Kugel ist, einer Träne gleich, bleibt es ein menschliches Kuriosum, dass gewisse loci auf der Erde als weiter entfernt vom »Zentrum« wahrgenommen werden, selbst wenn ihr Magneterz einige der gewaltsamsten Erdbeben der Geschichte überdauert hat. Dieser Umstand – ergänzt durch das systematische Schweigen des Totalitarismus – hat für die Schriftsteller der »Grenzräume« Osteuropas zu der Notwendigkeit geführt, dessen Topographie zu erläutern, zu versuchen, die Konturen dieses kritischen kulturellen und geopolitischen Punktes im Raum zu erhellen. Hierbei ist die Poesie tatsächlich ein wesentlicher Zeuge und Teilnehmer gewesen.
Venclova ist diese Aufgabe zuteilgeworden, weil sein Leben einige der dunkelsten seismischen Bewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts durchlaufen hat. Geboren 1937 in Klaipėda, Litauen, auf dem Höhepunkt von Stalins Großem Terror, hat Venclova seine frühe Kindheit zunächst in Kaunas verbracht, dann in Freda, einem Vorort, im Haus von Merkelis Račkauskas, seinem Großvater mütterlicherseits. Nach Ausbruch des sowjetisch-deutschen Krieges 1941 wurde Venclovas Mutter, Eliza Venclovienė, von den Nazis verhaftet, und sein Vater, der Schriftsteller Antanas Venclova, damals Bildungsminister der litauischen Sowjetrepublik, wurde nach Moskau evakuiert.
Diese ersten Umbruchserfahrungen sind für Venclova bis heute von Bedeutung, wie etwa der Heimweg nach seinem ersten Schultag, als er sich in den Nachkriegsruinen von Vilnius verirrte. In diesen Augenblicken schon war für Venclova das chaotische Potenzial der Geschichte sichtbar geworden – das, was Jan Patočka als Erlebnis der »Erschütterung« bezeichnet. Zugleich jedoch barg dieses Terrain noch immer die Überreste einer einst kohärenten Welt. Als Venclova in der späten Stalinzeit erwachsen wurde, begannen diese Relikte auf ihn wie ein Zeichen zu wirken, das von »etwas sprach […] und Ansprüche« stellte. Aus dieser Herausforderung sollte ein Lebenswerk der intellektuellen Bergung und Wiederherstellung erwachsen.
Trotz der Position von Venclovas Vater als Teil der sowjetischen Nomenklatura brach Venclova 1956, nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands, mit der in seiner Umgebung herrschenden Ideologie. Es war in dieser Periode, dass er seinem Gefühl, die Sowjetunion der Nachkriegszeit sei »aus den Fugen«, eine poetische Stimme zu geben begann. Bald schon kursierten seine Gedichte; im dritten Studienjahr warf ihm der litauische Schriftstellerverband antisowjetische Tendenzen vor – eine Tatsache, die Venclova nicht in Abrede stellte. Während seiner Aufenthalte in Moskau und Leningrad in den sechziger Jahren suchte er die Gesellschaft von gleichgesinnten Schriftstellern: Menschen, die noch mit dem sogenannten Silbernen Zeitalter verbunden waren wie Boris Pasternak, Anna Achmatowa und Nadeschda Mandelstam, aber auch Dichter der jüngeren Generation, darunter Joseph Brodsky und Natalja Gorbanewskaja. Venclova reiste auch nach Tartu, um Kontakt zu Juri Lotman zu knüpfen, dessen Untersuchungen zur strukturellen Poetik und Semiotik einen bedeutenden Einfluss auf sein Werk ausüben sollten. 1972 erhielt Venclova die Genehmigung zur Veröffentlichung von Sprachzeichen, seinem einzigen Gedichtband, der in Sowjetlitauen erschienen ist.
In der Stagnationszeit der Breschnew-Ära engagierte sich Venclova zunehmend in der litauischen und der sowjetischen Dissidentenbewegung. 1975 verfasste er einen offenen Brief an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Litauens, in dem er seine Ansichten über das kommunistische System darlegte und das Recht auf Emigration einforderte. Dieser riskante Schritt hatte die politische Ausgrenzung zur Folge und gefährdete seinen Lebensunterhalt; überdies bestand die Möglichkeit, wegen »Sozialparasitismus« angeklagt zu werden, wie es Joseph Brodsky ergangen war, der 1964 auf diese Weise vor Gericht gebracht und verurteilt wurde. 1976, ein Jahr nach der Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki, gehörte Venclova zusammen mit Viktoras Petkus, Eitan Finkelstein, Ona Lukauskaitė und Karolis Garuckas zu den Gründungsmitgliedern der litauischen Helsinki-Gruppe. Wegen seines öffentlichen Widerstands gegen das System und seines Engagements für dissidentische und »unsowjetische« kulturelle Aktivitäten erreichte Venclovas ohnehin schon angespanntes Verhältnis zu den Machthabern einen kritischen Punkt.
Bereits seit März 1971 war die Ausreise von sowjetischen Juden stillschweigend erleichtert worden, um unmittelbar vor dem vierundzwanzigsten Parteitag der KPdSU politische Gegner loszuwerden, entweder durch Ausweisung oder indem man ihnen die Emigration »nahelegte«. Mitte der siebziger Jahre sollte diese Taktik flächendeckend zur Demontage der sowjetischen Dissidentenbewegung genutzt werden. Nach seiner Rückkehr von der Moskauer Pressekonferenz am 1. Dezember 1976, bei der die Gründung der litauischen Helsinki-Gruppe verkündet wurde, luden die litauischen Machthaber Venclova vor und »empfahlen« ihm die Emigration – ein Schicksal, das er mit anderen bedeutenden Aktivisten teilte, darunter Juri Orlow, Ljudmila Alexejewa, Pawel Litwinow und Andrei Amalrik. Venclova hatte zu jenem Zeitpunkt keine Kenntnis davon, dass der offizielle Beschluss, ihn auszuweisen, auf höchster Ebene in Moskau getroffen und von Juri Andropow unterzeichnet worden war, dem damaligen Vorsitzenden des Komitees für Staatssicherheit (KGB). In einem Dokument vom 20. Januar 1977, das Maßnahmen gegen vier Dissidenten – Juri Orlow, Alexander Ginsburg, Mykola Rudenko und Venclova – festlegt, heißt es, Venclova solle die Emigration gestattet, über sein Schicksal jedoch »auf Grundlage seines Verhaltens im Ausland entschieden« werden.2
Nach seiner Ankunft in den USA am 25. Januar 1977 setzte Venclova sein politisches Engagement fort und sagte vor dem Komitee für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa über die religiöse und politische Unterdrückung in Sowjetlitauen aus. Der Einladung von Czesław Miłosz folgend, ein Semester an der University of California zu lehren, zog Venclova vorläufig nach Berkeley. Fünf Monate später wurde ihm »aufgrund von Aktivitäten, die den Ruf eines Sowjetbürgers beflecken«, die sowjetische Staatsbürgerschaft entzogen – Venclovas Exil in den USA begann. In Litauen war er unmittelbar nach der Emigration zur »Unperson« geworden: seine Bücher (in Buchhandlungen ohnehin nicht erhältlich) wurden aus den Bibliotheken entfernt. Und doch sollte sich Venclovas Exil, wenngleich es mit Herausforderungen belastet war, als Glücksfall für die Weltliteratur erweisen, wie bei Miłosz. In dieser Periode ist eine ganze Reihe von Venclovas wichtigsten Lyrikbänden, Essays und journalistischen Schriften erschienen, in denen er sich häufig mit verfolgten Autoren befasst. Wie andere litauische, polnische und russische Emigranten fand auch Venclova Zuflucht in der amerikanischen intellektuellen Gemeinschaft und begann ab 1980 eine herausragende Karriere als Professor an der Yale University.
Im vorliegenden Dialog werden die persönliche, die politische und die literarische Geschichte miteinander verwoben. Dieses Verfahren ist beabsichtigt, da Venclovas Leben und Schaffen auf komplizierte Weise mit seiner Epoche verquickt ist und mit den Herausforderungen, vor die er sich gestellt sah. Aus diesem Grund stößt man neben der Erkundung von Ereignissen und Erfahrungen auf eine parallel verlaufende moralische Untersuchung, die zu einem basso continuo des Buches geworden ist. Für den Magnetischen Norden ist die Frage wesentlich, wie es unter den real existierenden Bedingungen von Totalitarismus und Autokratie möglich war, ein Leben in Würde zu leben. Venclova beschreibt die Versuche, die er und seine Freunde unternommen haben, der Sowjetrealität zu widerstehen – einem konformistischen, absurden, gefährlichen Universum, das die Macht hatte, »menschliche Seelen zu verstümmeln«, wie der Dichter schreibt. Dieses Buch ist auch ein Bericht über die tagtägliche moralische Praxis, und es handelt nicht nur von Mut und Beharrlichkeit, sondern auch von menschlicher Gebrechlichkeit. Venclova traut dem Mitgefühl mehr zu, wenn es darum geht, eine solche Komplexität auszuhalten, als einem moralischen Rigorismus, der zu »bedingungsloser Verurteilung« führt. Bei einer Betrachtung über Thomas Manns Aufsatz »Lübeck als geistige Lebensform« beschreibt er diese schwierige, aber essentielle Herausforderung: »Wichtig in [Manns] Welt sind Kategorien wie Vernunft, Pflicht, Heim und Herd. Das hat sich bestimmt geändert. Diese Kategorien sind uns nicht mehr ›von Anbeginn‹ gegeben durch Tradition; sie können nur noch Aufgabe sein: das heißt, wir müssen erst reif werden für ein Pflichtgefühl, für ein vernünftiges, würdiges Leben, für einen eigenständigen, nichtmechanischen Platz, wenn nicht im Raum, dann in der Zeit, reif werden unter großen Mühen, immer darauf gefasst, zu verlieren. Das ist vor allem die Folge der Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts.«3
Die heutige Aktualität Venclovas und seiner Generation, die um eine ethische Haltung gerungen haben, war in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, dem angekündigten »Ende der Geschichte«, kaum vorauszusehen. Aber Venclova hatte längst verstanden, dass uns der Umstand, das Weltende schon hinter uns zu haben, »mitnichten der Verantwortung«4 enthebt.
Von Beginn an scheute Venclova nie vor schwierigen Themen zurück, und seine Einlassungen sind bis heute wesentliche Beiträge zum europäischen Dialog geblieben. Als erster Schriftsteller überhaupt hat sich Venclova in seinem Essay »Juden und Litauer« einer schmerzliche Realität angenommen: dass es bei den Verbrechen an den Juden im Zweiten Weltkrieg eine einheimische Kollaboration gab – ein Thema, das bis zum heutigen Tag höchst kontrovers diskutiert wird. In seinem berühmten Dialog mit Czesław Miłosz haben die beiden Dichter den historischen Konflikt um Vilnius oder Wilno erkundet – ihre »Stadt ohne Namen« –, ein Versuch, die polnisch-litauische Verständigung zu fördern. Wie in den siebziger Jahren für die Menschenrechte, so setzt sich Venclova auch nach 1989 weiterhin für Toleranz und Versöhnung ein, in einer Zeit, in der das Thema der territorialen Souveränität wieder aktuell ist und das Gespenst des Nationalismus umgeht und die Zukunft Europas infrage stellt.
Dennoch steht die Dichtung im Mittelpunkt seines Œuvres. In seinen acht Lyrikbänden, die in über zwanzig Sprachen übertragen worden sind, setzt Venclova die Tradition des »Augenzeugen und Teilnehmers« historischer Veränderungen fort. Einen Großteil der litauischen Literatur und Geschichte, die in seiner Kindheit verboten war, fand er in der umfangreichen Bibliothek seines Vaters; »Hunderte von Gedichtzeilen« prägte Venclova sich in seiner litauischen Muttersprache ein und machte früh die Erfahrung, dass er sich, konfrontiert mit einer unverständlichen Welt, am ehesten in diesen Versen zu Hause fühlte. Für Venclova war und ist die Dichtung einer jener Orte, wo dem Bewusstsein am wenigsten Beschränkungen widerfahren, ein ganz und gar freier Raum der Kontemplation. In der Dichtung kann die Rückbesinnung zur Grundlage des Widerstands werden – was auch die sowjetischen Machthaber am frühen Schaffen Venclovas bemerkten. In seinem Essay »Dichtung als Sühne« schrieb Venclova: »Jene Mächte, die den Geist der Menschheit erschüttern, zucken vor unserem Bewusstsein und Gedächtnis zurück.«5 Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass Venclovas Generation, die die antike Praxis der ars memoriae mit Leidenschaft wieder aufgenommen hat, indem sie sich nicht nur Gedichte, sondern auch die verbotene Geschichte, Wissenschaft und Literatur ins Gedächtnis rief, nur noch von ihren Vorläufern in der Renaissance übertroffen wurde. Venclovas Herkunft ließe sich sogar noch weiter zurückdatieren, bis zu Simonides von Keos, jenem altgriechischen Dichter, der als Begründer dieser Kunst gilt. Denn es war Simonides, der nach einer Gedichtrezitation das Festmahl vorzeitig verließ, deshalb dem Einsturz des Daches entging und nun die Aufgabe übernahm, die Namen der Toten aus dem Gedächtnis zu rekapitulieren.
Auf den Seiten dieses Buches fällt es häufig Venclova zu, die Erinnerung an jene Menschen heraufzubeschwören, die in den Trümmern des zwanzigsten Jahrhunderts verloren gegangen sind, Erinnerung aber auch an die zahllosen Gebäude, Straßen und Denkmäler, die nicht mehr existieren, die zuweilen über Nacht verschwunden sind, ihren Namen wechseln mussten oder deren Fundamente gesprengt wurden. Die Wahl der Dialogform für Der magnetische Norden – polnisch wywiad-rzeka, »ein Interview wie ein Fluss« –ist deshalb nicht willkürlich. Während es sich auf eine Reihe von illustren Beispielen dieses Genres bezieht, darunter die gesprochenen Erinnerungen der Dichter Aleksander Wat, Czesław Miłosz und Joseph Brodsky6, verfolgt Der magnetische Norden nicht nur ein Zwiegespräch in Frage und Antwort, sondern bewahrt die Persönlichkeiten einer ganzen Generation, deren Stimmen auf diesen Seiten hörbar werden.
So rekonstruiert Venclova, mit der Gewissenhaftigkeit eines Genealogen, die Geschichten von Deportierten und anderen, deren Leben von der Stalin-Ära unwiderruflich zerstört worden sind. Wir erfahren von »prophylaktischen Gesprächen« der Geheimpolizei, von zwielichtigen Ritualen, in deren Verlauf die Machthaber ihre Rollen im Verhör wechselten wie eine vielköpfige Hydra. Auch familiäre Tragödien sind präsent, wie zum Beispiel die Tatsache, dass Venclovas Vater trotz seiner privilegierten Position seinen eigenen Bruder nicht vor Deportation, Zwangsarbeit und Tod bewahren konnte. Doch wird man auch Zeuge heimlicher Triumphe, etwa wenn eine Lehrerin von Venclova – eine weitere Meisterin der ars memoriae – den Machthabern die Stirn bietet und ihren Studenten ein verbotenes Geschichtsbuch aus der Vorkriegszeit vollständig aus dem Gedächtnis vorträgt. Wie ein Reigen auf einem arbor consanguinitatis der Renaissance erscheint hier eine Reihe von Porträts von litauischen, russischen, polnischen und ukrainischen Intellektuellen, Malern und Schriftstellern. Diese Hingabe an das Gedächtnis bestimmt auch viele andere Werke Venclovas, wie Vilniaus vardai (Personen in Vilnius) und Vilnius. Eine Stadt in Europa, die sein langjähriges Engagement für die Bewahrung der Archäologie der Stadt und ihre kulturellen Persönlichkeiten zeigen.
Giorgio Agamben stellt in Signatura rerum fest, dass die Archäologie eine Wissenschaft der Ruinen ist, eine Ruinologie. Der magnetische Norden kann verstanden werden als ein dialogischer Fluss, der die archäologische Stätte des zwanzigsten Jahrhunderts umgrenzt und zwischen ihren Ruinen fließt. Und während kein einzelner Text jemals das »empirische Ganze« der Vergangenheit zurückholen kann, gibt es Momente, in denen die verlorene Vergangenheit wiederaufersteht – wie an einem strahlenden Tag, wenn man auf einer Bank am Fluss sitzt und sie in den unruhigen Sätzen von Venclovas Prosa gespiegelt sieht.
Die Geschichte einer Generation zu rekonstruieren, die das Ziel von seelischer und oft auch physischer Vernichtung gewesen ist, bedeutet, einen stillschweigenden Sieg davonzutragen. Während es einem Leser im Westen durchaus gelingen könnte, die Beziehungen zwischen westlichen Malern, Intellektuellen und Schriftstellern der Nachkriegszeit nachzuvollziehen, ist das Wissen um das kulturelle und intellektuelle Milieu Litauens noch immer ein »weißer Fleck« in der europäischen Geschichte, ein Wissen, das vor der Löschung gerettet werden muss, solange es im lebendigen menschlichen Gedächtnis noch aufscheint. Denn wie Venclovas Mentorin Anna Achmatowa glaubte, ist es das Gedächtnis, das die Totalität der menschlichen Geschichte, Gut und Böse, versammelt. Und wie Gott hat das Gedächtnis letztlich die Macht, zu überdauern und auf diese Weise über die Ereignisse der Geschichte und ihre Tyrannen zu triumphieren.
*
Die Entstehung dieses Buches ist in vieler Hinsicht so erstaunlich wie die Geschichten, die es enthält. Tomas Venclova und ich sind uns im Sommer 2003 in der Schweiz begegnet, im Château de Lavigny, knapp zehn Kilometer von jenem Ort entfernt, an dem Miłosz 1954 mit seinen berühmten Erinnerungen Rodzinna Europa, deutsch: West und Östliches Gelände, begonnen hatte. Aufgrund einer rätselhaften Chemie, die sich nur durch die Tatsache erklären lässt, dass Dichter Angehörige ein und derselben erweiterten Familie sind, hatten Venclova und ich sofort eine Verbindung zueinander und haben Gedanken über die Dichtung ausgetauscht. An jenem ersten Nachmittag, im Schatten eines Baums, hat Venclova von seiner Kindheit, seinen Eltern und seiner Bekanntschaft mit Achmatowa, Pasternak und Brodsky erzählt. Ehe wir unsere Unterhaltung beendet hatten, war die Saat für dieses Buch gelegt worden, obwohl wir noch bis 2009 warten mussten, bevor wir mit der Arbeit beginnen konnten; es war ein Projekt, das sechs Jahre in Anspruch nehmen sollte.
Aufgrund der Gedrängtheit des Materials und unserer räumlichen Entfernung – Venclova befand sich an der Yale University in New Heaven, ich unterrichtete am Skidmore College in Paris – beschlossen wir, dass ein schriftlich geführter Dialog der Sache am förderlichsten wäre. Nach Recherchen und Vorbereitungen habe ich Venclova Fragen geschickt, die er einige Wochen später großzügig beantwortete, manchmal auf mehr als fünfundzwanzig Seiten. Viele Bücher und Artikel wurden herangezogen, von denen ich einige nennen möchte, die für mich von besonderer Bedeutung sind: Ljudmila Alexejewas Soviet Dissidence und The Thaw Generation, Natalja Gorbanewskajas Red Square at Noon und Donata Mitaitės Tomas Venclova.Speaking through Signs. Dankbar bin ich auch für Interviews mit Ljudmila Alexejewa in Moskau, Romas (Ramūnas) Katilius in Vilnius und Eitan Finkelstein in München. Romas Katilius und Eitan Finkelstein haben freundlicherweise einige der Kapitel gelesen, überprüft und hilfreich kommentiert. Gleichzeitige Aufenthaltsstipendien an der American Academy in Berlin und dem Berliner Künstlerprogramm des DAAD im Jahr 2015 haben Tomas Venclova und mir kostbare Zeit für die Endredaktion des Manuskripts gegeben. Wir sind unserer Lektorin Katharina Raabe beim Suhrkamp Verlag außerordentlich dankbar für ihre fortgesetzte Unterstützung des Projekts und danken auch Claudia Sinnig, Tomas Venclovas deutscher Übersetzerin, die nicht nur die enorme Aufgabe der Übersetzung ins Deutsche übernommen, sondern eine unschätzbar genaue Lektüre geleistet hat. Schließlich möchten wir Tatjana Milovidova-Venclova und Mark Carlson für ihre Geduld und Unterstützung danken.
Abschließend sei gesagt, dass Tomas Venclova und ich zwar versucht haben, das Buch so umfassend wie möglich zu gestalten, doch glauben wir beide nicht, dass der Mensch lediglich die Summe seiner Lebenserfahrungen ist oder diese den »Werdegang eines Dichters« erklären können. Im Unterschied zum deterministischen marxistischen Weltbild, dem Venclova früh entsagt hat, sind wir der Auffassung, dass der Mensch ein frei handelndes Individuum ist, dessen Leben, Schaffen und Leidenschaften das rein Biographische sowie die Grenzen von linearer Prosa übersteigen. Wie Achmatowas Überzeugung, dass alle große Lyrik »ein Mysterium enthalten muss«, hoffen wir, dass Der magnetische Norden – wie ein Werk von Rembrandt van Rijn, den Mandelstam einmal den »Vater der grünschwarzen Dunkelheit« genannt hat – in seinen Tiefen trotz allem jene Geheimnisse bewahrt, die sich, wenn überhaupt, nur in Venclovas Versen entdecken lassen. Denn das Leben besteht auch aus Dingen, die sich nur indirekt erschließen, die der Lichtstrahl des Leuchtturms in der Nacht nicht erreicht und die trotzdem ein spürbarer Teil der Erfahrung sind – ganz gleich, ob tragisch oder froh, gehören auch sie zu dem magnetischen Eisen und der Anmut des Lebens.
1 Czesław Miłosz: Das Zeugnis der Poesie. Aus dem Polnischen von Peter Lachmann. München / Wien 1984, S. 9 f.
2 Beschluss des Sekretariats des Zentralkomitees der KPdSU »Über Maßnahmen zur Beschneidung der kriminellen Aktivitäten von Orlov, Ginsburg, Rudenko und Venclov«. 20. Januar 1977. In: Soviet Archives, collected by Vladimir Bukovsky, Folder 3.2. Veröffentlicht auf der Internetseite INFO-RUSS am 1. Februar 1999.
3 Tomas Venclova an Czesław Miłosz, in: Czesław Miłosz: Die Straßen von Wilna. Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann. München 1997, S. 129f.
4 ebenda, S. 129.
5 Tomas Venclova: Forms of Hope. Riverdale-on-Hudson 1999, S. 134.
6 Aleksander Wat: Jenseits von Wahrheit und Lüge. Mein Jahrhundert. Gesprochene Erinnerungen. 1926-1945. Mit einem Vorwort von Czesław Miłosz. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Matthias Freise. Frankfurt am Main 2000. – Ewa Czarnecka, Aleksander Fiut: Conversations with Czesław Miłosz. Translated by Richard Lourie. New York 1987. – Solomon Volkov: Conversations with Joseph Brodsky. A Poet’s Journey Through the Twentieth Century. Translated by Marian Schwartz. New York 1998.
ERSTER TEIL
Kindheit und Familie
Beginnen wir mit Ihren frühesten Erinnerungen, dem Haus, in dem Sie zur Welt gekommen sind.
Das Haus stand in Klaipėda (früher Memel), einer Hafenstadt an der Ostsee. Ich war noch nicht zwei Jahre alt, als unsere Familie von dort fortzog, ich habe keinerlei Erinnerung daran. Die Geschichte von Memel ist so kompliziert wie jede andere in diesem Teil Europas. Die Stadt war ursprünglich eine Festung, die 1252 von den deutschen Ordensrittern errichtet wurde – in einem Gebiet, auf dem damals heidnische Litauer lebten. (Um diese Zeit gründeten die Deutschen auch viel größere und bekanntere Ostseestädte wie Riga und Königsberg.) Die Ritter versuchten, die Litauer zu unterwerfen und zu christianisieren, ohne viel Erfolg; sie brachten nicht mehr als einen schmalen Streifen Land rings um die Stadt in ihre Gewalt, der später einige Berühmtheit als Memelland oder Memelgebiet erlangt hat. Jedenfalls galt dieses Gebiet mehr als siebenhundert Jahre lang als Teil von Deutschland. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es gemäß dem Versailler Vertrag vom Deutschen Reich abgetrennt und kam als autonomes Gebiet zu Litauen.
Können Sie das damalige Klaipėda beschreiben?
1937 war Klaipėda eine kleine deutschsprachige Provinzstadt. Die Architektur war typisch preußisch: Fachwerkhäuser und evangelische Kirchen mit spitzen Türmen. Thomas Mann hat hier einige Jahre lang seine Sommerferien verbracht, in Nida, einem Dorf ganz in der Nähe. (Hier begann er mit der Arbeit an Joseph und seine Brüder.) Nach seiner Emigration in die Schweiz 1933 ist er nicht mehr zurückgekehrt. In der Umgebung von Klaipėda wurde überwiegend Litauisch gesprochen; die Memelländer waren evangelisch und sahen auf die katholischen und weniger gebildeten Bewohner des litauischen »Mutterlandes« herab. Die meisten von ihnen waren für die Losungen der Nazis überaus empfänglich. Im März 1939 gliederte Hitler Memel und das Memelland wieder an Deutschland an: Noch heute erinnert man sich daran, wie er auf einem Kriegsschiff eintraf und vom Balkon des alten Theaters eine Rede hielt, die von der Mehrheit der Memelländer mit herzlichem Applaus bedacht wurde (die Rede war kurz, weil er seekrank war).
Ihr Vater ist einige Jahre vor Ihrer Geburt nach Klaipėda gezogen. Was war er von Beruf?
Mein Vater, ein linker Schriftsteller, der bis dahin in Kaunas wohnte, hatte 1934 eine Anstellung als Lehrer in der einzigen litauischen Oberschule Klaipėdas erhalten. (Es gab eine Reihe anderer Schulen, die aber deutschsprachig waren.) Er stand auch einer litauischen Schauspielgruppe nahe, die vor der Ankunft des Führers in dem alten Theater auftrat. Wie von den anderen Lehrern und Schauspielern wurde auch von ihm die Teilnahme an der Lituanisierung des Memelgebiets erwartet – ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen, um die Wahrheit zu sagen. Viele Jahre später, bei der Lektüre der Blechtrommel von Günter Grass, hat mich die Ähnlichkeit zwischen Klaipėda und dem Danzig der Vorkriegszeit überrascht. Natürlich war unsere Stadt klein und unbedeutend im Vergleich mit der Freien Stadt Danzig, aber die ethnische Zusammensetzung und die Spannungen waren die gleichen. Das unabhängige Litauen bemühte sich sehr um die Region. Die Oberschule, an der mein Vater unterrichtete, war für die damalige Zeit recht modern – noch heute zählt das Gebäude zu den architektonischen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Das Krankenhaus, ebenfalls unter litauischer Ägide gebaut, war ähnlich großzügig und gut ausgestattet. Dazu gehörte auch die Entbindungsstation, in die mein Vater seine junge Frau begleitete, als meine Geburt bevorstand. Sie lebten in einer Dachwohnung gleich um die Ecke, die einer deutschen Familie gehörte.
Woran erinnern Sie sich aus dieser Zeit?
Die einzige Geschichte, die meine Mutter mir über jene Jahre erzählt hat, ist nicht sonderlich angenehm. Sie ging mit mir und einer anderen Mutter, einer Schauspielerin, in einem Park spazieren. Ein paar Hitlerjungen, die gehört hatten, dass sie Litauisch miteinander sprachen, warfen Sand in unsere Kinderwagen. (Der Sohn der Schauspielerin, Pranas Morkus, wurde später mein enger Freund – wir kommen noch auf ihn zu sprechen.) Als Hitler 1939 in Klaipėda einmarschierte, blieb uns nichts anderes übrig, als zu gehen. Die Mehrheit der nicht sehr zahlreichen Litauer und die kleine jüdische Bevölkerung trafen die gleiche Entscheidung. Wir zogen in einen Vorort von Kaunas, der damaligen Hauptstadt des noch immer unabhängigen Litauen, wo wir eine vorläufige Bleibe in der Nähe meines Großvaters fanden.
Als Memel am Ende des Krieges kapitulierte, fanden die Sowjets in der zerstörten Stadt nur sieben Personen vor. Die etwa vierzigtausend Einwohner waren nach Königsberg geflohen und von dort, quer durch Polen, nach Deutschland. Stalin beschloss, die Stadt wieder an Litauen – damals bereits eine Sowjetrepublik – anzugliedern und ihr den litauischen Namen zurückzugeben. Ich habe meine Geburtsstadt erst in meiner Jugend kennengelernt und mich gleich in sie verliebt. Es war ein romantischer Ort, zerstört, beinahe verwüstet, sehr finster, mit einem schwarz-weißen Leuchtturm am Ende eines steinernen Piers, der in die oft aufgewühlte Ostsee hinausragte. Der Leuchtturm war wie viele andere Gegenden der Stadt militärisches Sperrgebiet, auf das ich trotzdem einige Blicke werfen konnte. Einige meiner frühesten Gedichte sind über Klaipėda.
Klaipėda hat sich mittlerweile von Grund auf verändert: Gibt es noch sichtbare Spuren dieser früheren Periode?
Mit der Stadt aus Vorkriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeiten hat Klaipėda nicht mehr viel gemein. Es ist keine Kleinstadt mehr, sondern eine echte Stadt mit Industrie und einem Hafen, den Kreuzfahrtschiffe anlaufen. Umringt ist sie von scheußlichen Vororten aus der Sowjetzeit, fast identischen vier- und fünfgeschossigen Wohnblocks, zwischen denen hie und da höhere Gebäude im westlichen Stil aufragen. Die Deutschen sind weg; Litauisch ist Amtssprache, auch die der aus Russland stammenden Bewohner, die etwa ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. Das alte Stadtzentrum ist nur noch zum Teil erhalten, die Kirchen sind verschwunden. Ich bin zwei oder drei Mal dorthin zurückgekehrt. Selbst die einstige Dachgeschosswohnung unserer Familie gibt es noch. Von dem kleinen, vernachlässigten Garten aus kann man ihre Fenster sehen. Einmal, als mein Vater noch lebte, haben wir angeklopft und gebeten, uns umschauen zu dürfen. Die russische Familie, die dort wohnte, war etwas verärgert – sie befürchteten wahrscheinlich, wir seien die ehemaligen Hausbesitzer und würden nun unser Eigentum zurückverlangen (in der Sowjetzeit waren solche Forderungen zwar meist zwecklos, aber man konnte nie wissen). Sie haben uns dennoch hineingelassen. Die Wohnung war beengt und heruntergekommen, zweifellos heruntergekommener als vor dem Krieg. Ein kleiner Schreibsekretär mit zwei rostigen Scharnieren, an dem mein Vater in Klaipėda seinen ersten Roman geschrieben hatte, entging 1939 den Unbilden der Geschichte und steht noch heute in unserer Vilniuser Wohnung.
Lassen Sie uns zunächst ein wenig über Ihre Großeltern sprechen –
Meine Großeltern väterlicherseits waren Bauern. Sie lebten in Südlitauen, ungefähr fünf Kilometer von der heutigen Grenze zu Polen entfernt. Mein Großvater Tomas Venclova (ich heiße nach ihm) war ziemlich wohlhabend und gescheit: Er las den weniger gebildeten Menschen aus der Umgebung in seinem Haus litauische Zeitungen vor – es war also eine Art Bibliothek oder Dorfklub. Er starb 1919 noch als junger Mann an Typhus. Zu Sowjetzeiten hat sich unsere Familie um sein Grab gekümmert. Durch einen merkwürdigen Zufall liegt Krasnogruda, das Gut, auf dem Czesław Miłosz in den zwanziger und dreißiger Jahren einen Teil seiner Jugend verbracht hat, ganz in der Nähe, gleich hinter der Grenze. Meine Großmutter, die Bäuerin Elzbieta Vėlyviūtė, hat ihren Mann um achtunddreißig Jahre überlebt. Obwohl sie meine Mutter und mich während der Nazizeit bei sich aufgenommen hat, habe ich nie eine nennenswerte Bindung an sie entwickelt. 1957 war ich mit meinem Vater bei ihrer katholischen Beisetzung. Für meinen Vater war die Teilnahme an der Totenmesse ein politisches Vergehen – hochrangige Kommunisten durften dem »Aberglauben« keinen Vorschub leisten. Wie in vielen Bauernfamilien lässt sich unsere Genealogie nur schwer zurückverfolgen; mein Urgroßvater hieß Martynas Venclova, aber das ist alles, was ich über ihn weiß.
Venclova scheint kein litauischer Name zu sein. Haben Sie eine Vermutung, woher er stammt?
Unser Familienname klingt eher tschechisch – oder deutsch. Mein Vater hat mit der Vorstellung kokettiert, wir würden von hussitischen Einwanderern abstammen; im fünfzehnten Jahrhundert hatte Litauen einigen Hussitenfamilien Asyl gewährt. Manchmal sagte er scherzhaft: »Weißt du, Václavské náměstí, der Wenzelsplatz in Prag gehört uns.« Das ist natürlich absurd.
Sprechen wir von der Familie IhrerMutter.
Der Vater meiner Mutter kam aus völlig anderen Verhältnissen. Merkelis Račkauskas wurde im katholischen Nordwesten von Litauen geboren, in der Žemaitija. Dort wird ein besonderer Dialekt gesprochen, im Grunde eine eigene Sprache. Sie unterscheidet sich vom Litauischen in etwa so wie Portugiesisch von Spanisch. Auch in sozialer Hinsicht ist – oder war – die Žemaitija einzigartig. Sie hatte eine große, jedoch überwiegend arme aristokratische Bevölkerung, deren Lebensstandard sich kaum von dem der Bauern unterschied. Sie waren stolz und hielten starrsinnig an alten Traditionen fest. Die Alltagssprache dieser Hidalgos war Žemaitisch, ihre Kultursprache Polnisch – sie waren zweisprachig, bevorzugten jedoch entschieden die polnische Form ihrer Familiennamen: Raczkowski anstelle von Račkauskas. Die Žemaiten nahmen aktiv an den Aufständen gegen das zaristische Regime von 1831 und 1863 teil. Als die litauische und die polnische Nationalbewegung Ende des neunzehnten Jahrhunderts erstarkten, entschieden sich die meisten Žemaiten für die Seite der Litauer. Žemaitischer Herkunft waren aber beispielsweise auch Józef Piłsudski, der polnische Diktator der Zwischenkriegszeit, und Gabriel Narutowicz, der erste Präsident des unabhängigen Polen.
Die litauische Nationalbewegung hat im Leben Ihres Großvaters eine wichtige Rolle gespielt. Können Sie den historischen Kontext skizzieren, vor allem auch, was die litauische Sprache anbelangt?
Das ist eine lange und verwickelte Geschichte. Czesław Miłosz und andere haben Polen oft mit England und Litauen mit Irland verglichen (Schottland wäre vielleicht ein noch besseres Beispiel). Beginnen wir also mit der Tatsache, dass das mittelalterliche Litauen das letzte noch nicht christianisierte Gebiet von Europa war. Diese kriegerischen Heiden schufen im dreizehnten und im frühen vierzehnten Jahrhundert einen starken Staat mit Vilnius als Hauptstadt – das Litauische Großfürstentum. Es umfasste die Gebiete des heutigen Weißrussland, einen Großteil der Ukraine und den Westen von Russland, fast bis an die Außenbezirke Moskaus heran. Die slawischen Territorien hatten den orthodoxen Glauben aus Byzanz übernommen. Im Allgemeinen war ihre Einwohnerschaft zivilisierter als der heidnische »Kern« des Staates rings um Vilnius.
Die slawischen Sprachen – Russisch, Weißrussisch, Ukrainisch und Polnisch – sind eng miteinander verwandt, während sich das Litauische von ihnen unterscheidet wie das Gälische vom Englischen. Es ist für Außenstehende völlig unverständlich und nicht leicht zu erlernen. Litauisch ist eine indoeuropäische Sprache und hat daher einige Gemeinsamkeiten mit den slawischen und den meisten anderen europäischen Sprachen, aber das Vokabular und die grammatikalischen Strukturen sind sehr archaisch. Wenn ich mich nicht irre, war es der französische Linguist Antoine Meillet, der feststellte, dass das Litauische am ehesten dem vorklassischen Latein des dritten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung entspricht. Bis ins Mittelalter hinein war es nicht verschriftlicht. Die offizielle Sprache des Großfürstentums war Ostslawisch. Im heidnischen Kernland sprach man Litauisch, das die Eliten als eine Art Geheimcode benutzten, wenn sie von Außenstehenden nicht verstanden werden wollten.
Das sollte sich gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts ändern …
… als Litauen eine dynastische Union mit Polen einging. Seitdem galt Litauen, wie Schottland, als der »wilde«, romantische Teil des gemeinsamen Königreichs, als ein Land mit Urwäldern und einem tapferen, wenn auch nicht besonders zivilisierten Volk. Polen gelang, was die deutschen Ritter nicht geschafft hatten – die Christianisierung der litauischen Heiden –, und es ersetzte das Ostslawische als Amtssprache durch das Polnische. Der Adel vollzog den Übergang zum Polnischen ohne Schwierigkeiten. Die Vorfahren von Miłosz zum Beispiel sind damals wie Tausende andere aristokratische Familien zu »polnischsprachigen Litauern« geworden. Obwohl im sechzehnten Jahrhundert die ersten Bücher in litauischer Sprache erschienen, blieb es die Sprache der einfachen Bauern (und von manch ärmeren Aristokraten). Im neunzehnten Jahrhundert war Litauisch im Begriff auszusterben, so wie das Gälische oder Walisische. Vilnius, damals polnisch Wilno genannt, glich Edinburgh – einer alten Hauptstadt mit eigener Geschichte und eigenen Traditionen, die jedoch zu einem Staatenbund gehörte.
Aber die litauische Sprache überlebte, obwohl sie Aufstände und Teilungen überstehen musste.
1795 wurde der im Niedergang begriffene polnisch-litauische Doppelstaat unter den drei Kontinentalmächten Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt. Litauen kam nun unter russische Herrschaft, die harscher war als die preußische oder österreichische. Das Ziel der beiden Aufstände 1831 und 1863 bestand in der Wiederherstellung des polnisch-litauischen Doppelstaates. Die Litauer haben tapfer gekämpft und keinen Unterschied zwischen sich und den Polen gemacht. Der zweite Aufstand endete mit einem furchtbaren Blutbad und dem Beschluss der zaristischen Machthaber, die litauischen Bauern durch Russifizierung von weiteren Aufständen abzuhalten. Der offiziellen russischen Version zufolge waren sie loyal, aber naiv und hatten sich von der verräterischen polnischen Aristokratie aufstacheln lassen, dabei hätten sie ein besseres Schicksal verdient. Zu jener Zeit hatte die alte litauische Sprache eine literarische Nische gefunden – es wurden bereits litauische Gedichte, Geschichten und sogar Abhandlungen verfasst. Noch handelte es sich um lokale Ausnahmeerscheinungen, diese Werke wurden selten publiziert.
Gab es hier einen Zusammenhang mit dem sogenannten Druckverbot?
Die Bezeichnung »Druckverbot« ist etwas irreführend. Die Russen haben nicht explizit die Publikation von litauischen Büchern, sondern das lateinische Alphabet verboten und stattdessen die Verwendung von kyrillischen Buchstaben vorgeschrieben. Dies war vermutlich eine der kontraproduktivsten Entscheidungen der Geschichte. Die litauischen Bauern erblickten darin, nicht ohne Grund, einen unzureichend getarnten Angriff auf ihren katholischen Glauben und ihre ureigene Identität und boykottierten litauische Bücher in kyrillischer Schrift (die bald zu Raritäten wurden). Einigen Priestern und Intellektuellen gelang es, Verlage zu gründen – nicht im Memelland, sondern im nahe gelegenen Tilsit. Von dort aus wurden Bücher und Zeitungen, die in verbotenen lateinischen Buchstaben publiziert worden waren, nach Litauen geschmuggelt – und eifrig gelesen, obwohl es strafbar war. Das Druckverbot bestand vierzig Jahre, von 1865 bis 1904. Es hat letztlich zur Herausbildung einer beachtlichen litauischen Literatur, zu folgenreichen intellektuellen Gärungsprozessen und einem aufkeimenden politischen Leben geführt.
Diese nationalen Bestrebungen waren Teil einer umfassenderen Entwicklung …
Sie waren Teil der europäischen Nationalbewegungen des neunzehnten Jahrhunderts, begleitet von einem Wiederaufleben der Nationalsprachen wie des Tschechischen, Finnischen, Lettischen und so weiter. Doch die litauische Sprache entwickelte sich unter weitaus ungünstigeren Bedingungen. Auch hier lassen sich Parallelen mit der Renaissance des Gälischen in Irland ziehen. Bei der Lektüre von Yeats und Joyce sind mir die offenkundigen Ähnlichkeiten ins Auge gesprungen: dieselbe Liebe zu einer archaischen und ungewöhnlichen Sprache, die sich vornehmlich in entlegenen Dörfern erhalten hatte, dasselbe Interesse an lokalen Mythen – an einer fernen Vergangenheit und ihren gewissermaßen göttlichen Helden. Litauen war wie Irland katholisch, ziemlich arm und hatte seit dem späten neunzehnten Jahrhundert eine große und einflussreiche Diaspora in den USA. Aber die litauische Nationalbewegung war erfolgreicher als ihr gälisches Pendant. Sie hat nicht nur 1918 eine unabhängige Republik hervorgebracht, sondern auch das Litauische, heute die Muttersprache von drei Millionen Menschen, mich eingeschlossen.
Aber all das ist nur gegen beträchtlichen Widerstand erreicht worden.
Das stimmt, die litauische Nationalbewegung hatte mächtige Gegner. Sie hatte nicht nur die zaristischen Machthaber gegen sich, sondern auch einen bedeutenden Teil der öffentlichen Meinung, die gegen die sogenannten »Litwomanen«, also die Lituanophilen, eingestellt war. Die Einwohner von Vilnius und Umgebung sprachen zwar vornehmlich polnisch, hielten sich aber für Litauer und blickten vermutlich ein wenig auf die Polen in Warschau und Krakau herab – die besten polnischen Patrioten und Dichter, darunter Adam Mickiewicz, der bedeutendste, stammten aus den litauischen Gebieten. Aber für sie war dies nur eine lokale Variante der polnischen Identität, und sie hegten keinerlei Absicht, eine uralte »barbarische« (und zudem sehr schwierige) Sprache zu lernen oder einen von Polen unabhängigen Staat zu gründen. Miłosz hat stets darauf bestanden, ein solcher polnischsprachiger Litauer zu sein – »der letzte Bürger des Großfürstentums«. Er hat mit der litauischen Nationalbewegung sympathisiert und verfügte über einige Kenntnisse des Litauischen, aber das war die Ausnahme (und der Grund dafür, dass ihn manche Polen für einen Verräter hielten, was sie sogar bei seiner Beisetzung zum Ausdruck brachten).
Mit dem Erstarken der polnischen und der litauischen Unabhängigkeitsbewegung wurde das Schicksal von Vilnius immer ungewisser –
Die Aufspaltung in eine polnische und eine litauische Nationalbewegung führte im neunzehnten Jahrhundert zu heftigen politischen Konflikten. Mit der Wiedergeburt ihrer unabhängigen Staaten am Ende des Ersten Weltkriegs waren beide Länder im Grunde zu ihrer prädynastischen Konstellation zurückgekehrt. Vilnius ausgenommen, das dem stärkeren und aristokratischen Polen zufiel, weil die meisten Einwohner der Stadt sich mit Polen identifizierten. Neue Hauptstadt der Litauischen Republik wurde Kaunas. Laut litauischer Verfassung war dies aber nur ein Provisorium: Vilnius musste zurückgewonnen werden. Stellen wir uns ein unabhängiges (und gälischsprachiges) Irland mit Galway als provisorischer Hauptstadt vor, während das englischsprachige Dublin zu England gehört. Angesichts der Tatsache, dass Polen nach Größe und Stärke Litauen überlegen war, schien jeder Kampf um Vilnius hoffnungslos. Doch 1939 wurde die alte Hauptstadt wieder an Litauen angegliedert, vermutlich eine der überraschendsten Entwicklungen jener Zeit.
Um zu Ihrem Großvater und seiner Beziehung zur litauischen Unabhängigkeitsbewegung zurückzukehren – für welche Seite hat sich Merkelis Račkauskas bzw. Melchior Raczkowski entschieden?
Mein Großvater stand auf Seiten der Litauer, aber nicht von Anfang an. Er war in einer jener litauischen Familien geboren, die das Polnische bevorzugten. Sein Vater entstammte dem niederen Adel. Er war Organist in einem Dorf, seine Mutter eine echte Aristokratin. Mein Großvater hatte die musikalische Begabung geerbt. Als Kind nahm er mich gelegentlich in Kaunas in die Kathedrale mit, wo er es liebte, Orgel zu spielen – der dortige Organist war ein Freund von ihm. Im Ersten Weltkrieg schloss sich Melchior Raczkowski der litauischen Nationalbewegung an und entschied sich damit folglich auch für die litauische Sprache. Schon in der Zeit des »Druckverbots« hatte er ein patriotisches Gedicht für eine Untergrundzeitschrift verfasst, später war er in litauischen intellektuellen Kreisen aktiv.
Wie es sich für einen Aristokraten gehört, wusste Merkelis viel über seine Vorfahren. Sie waren für ihre hohe Lebenserwartung bekannt. Sein Urgroßvater, Martynas Račkauskas, starb im Alter von einhundertfünf Jahren (er war 1770 im noch unabhängigen polnisch-litauischen Doppelstaat, vor der zaristischen Besatzung, geboren). Ein Sohn von Martynas, Juozapas, wurde hunderteins Jahre alt (er nahm am Aufstand von 1831 teil). Und so weiter. Meine Mutter, die diese Gene geerbt hat, starb 2007, nach ihrem 95. Geburtstag. Kurz vor ihrem Tod hat sie einer Vilniuser Zeitschrift noch bei völlig klarem Verstand ein Interview gegeben.
Merkelis ist, wie er gern erzählte, einigen illustren Gelehrten begegnet …
Merkelis hat sich überwiegend aus eigener Kraft emporgearbeitet. Er schaffte es trotz widriger Umstände, die Oberschule abzuschließen (damals war Russisch die Unterrichtssprache an litauischen Gymnasien) und sich an der renommierten Sankt Petersburger Universität einzuschreiben. Während der Sowjetzeit hat er Erinnungen an seine Kindheit und frühe Jugend verfasst, die er nicht veröffentlichen konnte. Die Abenteuer eines armen Jungen, der unter Dorfpriestern und Gutsbesitzern à la Gogol aufwächst, und die offene Beschreibung seiner sexuellen Initiation missfielen den Zensoren. Merkelis’ Memoiren erschienen erst nach 1990, Jahrzehnte nach seinem Tod, und fanden einigen Anklang. An eine Geschichte, die nicht im Buch stand und die er mir gern erzählte, als ich ein Kind war, kann ich mich gut erinnern: Großvater wollte sich in Sankt Petersburg bei Mendelejew, dem berühmten Chemiker, für eine Vorlesung einschreiben, aber der Saal war überfüllt, kein Platz mehr frei. Daraufhin ging er zum Physiologie-Seminar des illustren Pawlow, doch der Ansturm dort war noch entmutigender. Schließlich betrat er einen Raum, in dem ein Professor mit nur zwei Studenten den außerordentlich schwierigen lateinischen Satiriker Persius las – und blieb. Später ging Merkelis an die Universität von Odessa und machte einen Abschluss in klassischer Philologie.
Warum hat Ihr Großvater nach dem Universitätsabschluss nicht in Litauen unterrichtet?
Nach den Gesetzen des vorrevolutionären Russland durften gebildete Litauer nicht in ihrem Heimatland angestellt werden (die einzige Ausnahme waren katholische Priester, was zum Teil deren wichtige Rolle in der litauischen Nationalbewegung erklärt). Aus diesem Grund arbeitete Melchior Raczkowski als Lehrer an einer Oberschule in Bolgrad bei Odessa. Er war damals bereits mit meiner zukünftigen Großmutter Helena Łatyńska verheiratet, einer polnisch-ukrainischen Aristokratin (gleichfalls aus einer verarmten Familie), die in dem Dorf Kriwin bei Kiew geboren wurde. Sie hatten drei Kinder: Witold (Vytautas auf Litauisch), Eliza und Maria. Maria wurde eine impressionistische Malerin, eine der bekanntesten litauischen Künstlerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts. Und Eliza ist meine Mutter.
Ich muss gestehen, dass ich erst in letzter Zeit angefangen habe, mich für meine Ahnen zu interessieren. So habe ich Bolgrad und sogar Kriwin besucht, die heute beide zur Ukraine gehören. Die Oberschule in Bolgrad steht noch, ein beeindruckendes Gebäude aus der Zarenzeit, das ein kleines Museum über seine Geschichte beherbergt. Spuren meines Großvaters fand ich dort keine, nur eine alte Büste von Herodot, die er möglicherweise seinen Schülern im Unterricht gezeigt hat. Das Geburtshaus meiner Mutter konnte ich nicht ausfindig machen. Kriwin ist ein großes, von der Kollektivierung verunstaltetes Dorf – ich bezweifle, dass meine Großmutter Helena es wiedererkennen würde.
Nach 1917 herrschte in Russland große Unsicherheit – inwiefern waren Ihre Großeltern davon betroffen?
Unmittelbar nach der Oktoberrevolution zog dieser Zweig meiner Familie aus der Südukraine nach Litauen. Eine kluge Entscheidung, denn das Leben in Litauen gestaltete sich für europäische Verhältnisse relativ normal (wenn auch ohne allzu großen Wohlstand), während die Lage in der zukünftigen UdSSR, milde ausgedrückt, ziemlich prekär war. Die Reise von Bolgrad zog sich über mehrere Wochen hin. Es war ein abenteuerliches Unterfangen, während der Revolution mit drei Kleinkindern in sehr langsamen Eisenbahnzügen durch die Provinz zu fahren – bei Babel, Pilnjak und anderen sowjetischen Schriftstellern bekommt man einen anschaulichen Eindruck. Meine Großmutter hat viele Geschichten aus dieser Zeit erzählt, manche waren komisch, manche erschreckend.
Schließlich erreichte die Familie Litauen und ließ sich nach einigen weiteren Komplikationen in Kaunas nieder.
Damals begann Ihr Großvater an der Kaunaser Universität zu unterrichten?
Unter dem Namen Merkelis Račkauskas erhielt er eine Professur für klassische Philologie an der neu gegründeten Universität. Nach dem Erwerb der litauischen Staatsbürgerschaft (man konnte nach der Revolution zwischen der sowjetischen und der litauischen Staatsbürgerschaft wählen) wechselte meine gesamte Familie von der polnischen zur litauischen Sprache. Großmutter Helena hatte im Litauischen ihr Leben lang einen starken Akzent und las nur polnische Klassiker, vornehmlich Sienkiewicz (einen polnischen Walter Scott), aber Onkel Vytautas und die Mädchen wurden Litauer sensu stricto. Sie bauten sich in einem Vorort von Kaunas ein Haus mit einem großen Garten. Es gab kein fließendes Wasser (man benutzte Eimer, Waschschüsseln und ein Häuschen im Hof), aber ein Telefon, damals eine Seltenheit – die Familie beschaffte die Masten und Kabel auf eigene Kosten.
Die Kaunaser Universität sollte eine wichtige Rolle im Leben Ihrer Eltern spielen.
Meine Mutter Eliza, die dort in den dreißiger Jahren studierte, verliebte sich in einen linken Schriftsteller, meinen künftigen Vater. Auch Marija, Mutters jüngere Schwester, Studentin an der Kunsthochschule in Kaunas, heiratete einen Schriftsteller: Petras Cvirka, einen engen Freund meines Vaters. Die beiden hatten einige Jahre zuvor eine Literaturzeitschrift herausgegeben, Trečias Frontas (Die Dritte Front). Das war zweifellos ein »rotes« Unternehmen und wurde von der Zensur nach der fünften Ausgabe verboten, was dem Ruf der jungen Männer nur nützte. So wurde Merkelis, ein Liberaler, aber kein Kommunist, zum »Schwiegervater zweier Bolschewiken«. Dadurch geriet er während der Naziokkupation ab 1941 in eine gefährliche Lage. Er verlor seine Stelle an der Universität und wurde wieder Lehrer an einer Oberschule. Damals begann er zu trinken. Trotzdem schaffte er es, das Haus zu halten. Seine Lage besserte sich, als die Sowjets 1944 zurückkehrten. Er erhielt seine Professur zurück, doch dann wurde die Kaunaser Universität von den neuen Machthabern geschlossen: Jede Sowjetrepublik (außer Russland und der Ukraine) sollte fortan nur eine Universität haben, und zwar in der Hauptstadt – das war Vilnius. Eine Zeit lang pendelte Merkelis nach Vilnius, das nur gut einhundert Kilometer von Kaunas entfernt ist.
Wie hat er auf diese Entwicklungen reagiert?
Merkelis, oder »Telė«, wie ich ihn nannte, war ein Freigeist und legte gegenüber den jeweiligen Machthabern eine recht ironische Haltung an den Tag. Seine anachronistische Tätigkeit als Professor für Altphilologie ermöglichte es ihm, Distanz zu halten zum Marxismus und zu all dem, was dieser mit sich brachte. Wie sehr sich die Sowjets auch bemühen mochten, sie konnten ut consecutivum oder auch passer mortuus est meae puellae in kein stalinistisches Schema pressen, ohne sich lächerlich zu machen. Latein wurde zwar aus den Lehrplänen der Oberschule gestrichen, aber an der Universität blieb eine kleine Nische für die klassischen Sprachen. Telė brachte mir etwas Latein und sogar Griechisch bei. Ich erinnere mich noch gut an seine Worte: »Grundsätzlich ist Griechisch leichter als Latein – man kann es in zwei Jahren erlernen, aber dann kommen die Verben, die auf -mi enden, wofür man noch einmal mindestens drei Jahre braucht.« Ich kann heute noch Catull und Ovid im Original lesen (Horaz ist viel komplizierter) und, wenn auch mit Mühe, Passagen von Homer entschlüsseln. In meiner frühen Jugend gab Großvater mir ein Exemplar der Odyssee, das in den Oberschulen des russischen Reichs verwendet worden war und ausführliche Kommentare enthielt.
Unsere Alltagsgespräche würzte er mit lateinischen Redewendungen, von denen manche nicht gerade dekorativ waren – ich vermute, er hatte sie selbst erfunden. Großvater konnte mühelos ein Scherzgedicht in litauischer Sprache schreiben, übrigens auch auf Polnisch. Und schließlich war er ein guter Schachspieler – er hatte diese Kunst in Odessa gelernt, jener Stadt, die einige der besten russischen Schachmeister hervorgebracht hat. Mein Cousin Andrius besitzt heute noch ein kleines Schachbrett mit Miniaturfiguren aus Elfenbein und Mahagoni, ein Erinnerungsstück aus jener Zeit. Solange Großvater da war, ließ sich das düstere System, das uns während meiner Schul- und Studienzeit umgab, ertragen. Er war die Verbindung zu besseren Zeiten, nicht nur zum Litauen der Vorkriegszeit oder zum vorrevolutionären Russland, sondern auch zu Aufklärung, Renaissance und Antike.
Ihr Großvater war auch ein versierter Übersetzer. Bestand hier ein Zusammenhang zur kulturellen Entwicklung des unabhängigen Litauen in der Zwischenkriegszeit?
Zwischen den beiden Weltkriegen war die Republik Litauen nach Kräften um die Entwicklung einer Kultur in der Landessprache bemüht. Das Litauische war eine alte und zugleich sehr junge Sprache: Es musste gewissermaßen aus einer Mischung von Dialekten – darunter auch dem Žemaitischen – geschaffen und standardisiert werden. Die literarische Tradition war ziemlich spärlich, obwohl es im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert einige passable litauische Lyriker und Erzähler gegeben hat. Der Buchmarkt war klein, denn Litauisch sprachen nur drei Millionen Menschen, viele von ihnen Analphabeten. Ihnen und ihren Kindern sollte die gesamte Weltliteratur auf Litauisch zugänglich gemacht werden: von Homer bis Dante, Shakespeare, Goethe und Tolstoi, natürlich auch die einheimischen Autoren, die auf Polnisch schrieben, wie Mickiewicz. Das Übersetzen war eine patriotische Pflicht, eine kreative Tätigkeit und zweifellos auch ein großes Vergnügen – vielleicht vergleichbar mit der Wiedergeburt des Hebräischen in Israel.
Mein Großvater hat unter anderem Erasmus, Lukrez, Plautus und Platon übersetzt. Was Platon betrifft, so hatte er darin einen ernstzunehmenden Konkurrenten, und zwar Antanas Smetona, den Präsidenten von Litauen, der Griechisch konnte und davon träumte, eine litauische philosophische Republik zu gründen. Aber Telės Übersetzungen waren meiner Ansicht nach besser. Ich erinnere mich daran, wie ich in Großvaters Garten gesessen und unter schallendem Gelächter Menaechmi gelesen habe, das lustigste von Plautus’ Stücken, das als Quelle für Die Komödie der Irrungen gedient hat. Viele Jahre später stieß ich in der albanischen Stadt Durrës in einem Labyrinth von schmutzigen, halb orientalischen, halb sozialistischen Straßen auf ein antikes Amphitheater. Da fiel mir plötzlich ein, dass Durrës (damals Epidamnus) der Schauplatz der Handlung von Menaechmi ist und dass das Stück auf dieser Bühne aufgeführt worden sein könnte. Dieses Erlebnis ist das Thema meines Gedichts »Hommage an Shqipëria«. Die Inspiration verdanke ich den vorklassischen lateinischen Versen, die mein Großvater zusammen mit einem eher unbekannten litauischen Dichter übersetzt hat.
Was ist aus Ihrem Großvater geworden?
Telės Exzentrik war bisweilen geradezu lebensgefährlich. Wir wussten, dass er in einer verschlossenen Schublade eine Pistole aufbewahrte. Es war ein Familiengeheimnis, weil unerlaubter Waffenbesitz eine langjährige Gefängnisstrafe oder gar die Hinrichtung nach sich ziehen konnte – zumindest in der Stalinzeit. Er hatte sie gegen Ende des Krieges im Tausch gegen ein Stück Speck von einem russischen (oder deutschen?) Offizier erworben. Nach Stalins Tod hat er sie dann ein- oder zweimal zu besonderen Anlässen, etwa an Silvester, abgefeuert. Geschossen hat er von unserer Veranda aus; damals fiel ein einzelner Schuss unter all den anderen nicht auf, sowjetische Militärangehörige, in Kaunas zahlreich, taten auf anderen Veranden dasselbe. Im Januar 1968, an seinem einundachtzigsten Geburtstag, hat er in seinem Arbeitszimmer eine Flasche Cognac getrunken und sich dann erschossen. Durch einen merkwürdigen Zufall befand ich mich gerade in Kaunas, auf der Durchreise nach Palanga, wo sich Joseph Brodsky aufhielt, nachdem ihn seine Freundin Marina verlassen hatte. Ich bin am nächsten Tag von der Ostseeküste zurückgekehrt, um meiner Mutter und den anderen Angehörigen beizustehen. Sie erzählte mir, dass Merkelis über vermeintliche Symptome von Prostatakrebs beunruhigt war und der Familie vermutlich nicht zur Last fallen wollte. Bei der Autopsie wurden jedoch keinerlei Anzeichen für Krebs gefunden. Er hätte, wie seine Vorfahren, noch mindestens zwanzig Jahre leben können.
Die Sowjets 1939-1941
Können Sie die Situation Ihrer Familie unmittelbar vor der ersten sowjetischen Okkupation Litauens schildern?
Wir waren von Klaipėda nach Kaunas gezogen. Petras Cvirka und meine Tante Marija wohnten in Großvaters Haus, also mieteten wir ein kleines Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft. Mein Vater fand eine Anstellung als Lehrer an einer Oberschule, die er aber Anfang 1940 wieder verlieren sollte, weil er ein pazifistisches und vorsichtig prosowjetisches Gedicht in der Presse veröffentlicht hatte. Es zog die Aufmerksamkeit von Präsident Smetona persönlich auf sich, der den Bildungsminister anrief und empfahl, Maßnahmen gegen diesen politisch verdächtigen Autor zu ergreifen. Derlei war Usus im autoritären Litauen, obwohl das Land von einem Faschismus weit entfernt war, auch wenn die Stalinisten das Gegenteil behaupteten. Mein Vater fand einige Zeit später eine Stelle bei einer linken Zeitung, aber unsere Familie steckte in großen Schwierigkeiten.
Der Krieg rückte näher und das unabhängige Litauen befand sich in einer nicht eben beneidenswerten Lage.
Litauen unterhielt aufgrund der Vilnius-Frage keine diplomatischen Beziehungen mit Polen. Nazideutschland, der westliche Nachbar, war eine echte Bedrohung. 1938 hatte die polnische Regierung die sofortige Aufnahme von diplomatischen Beziehungen verlangt, was in Litauen als Aufforderung zum Verzicht auf alle Ansprüche auf die Hauptstadt verstanden worden war. Nach einigem Zögern gab die litauische Regierung nach – sie hatte auch keine andere Wahl, denn ein polnisch-litauischer Krieg hätte mit der Niederlage Litauens geendet. In der Folge verlangte Hitler Klaipėda und das Memelland. Die Regierung wusste, dass Widerstand zwecklos war, weil Hitler das Land ohne weiteres in wenigen Tagen hätte besetzen können. Diese Kalamitäten hatten eine enorme psychische Wirkung auf die Bevölkerung. Man darf nicht vergessen, dass Smetona mit einem Staatsstreich an die Macht gekommen war und ein autoritäres Regime errichtet hatte. Jetzt wirkte er hilflos, den umliegenden Mächten ausgeliefert. Im nationalen Bewusstsein war Vilnius das Herz von Litauen und Klaipėda – der einzige Hafen des Landes – die Lunge. Es schien unwahrscheinlich, dass das Land ohne beide überleben könnte.
Dies berührt die komplexen geopolitischen Beziehungen vor dem Zweiten Weltkrieg.
Im Licht der damaligen Situation machte die Sowjetunion, zumindest auf einige, nicht den allerschlechtesten Eindruck. Eine gemeinsame litauisch-sowjetische Grenze gab es damals noch nicht; sie entstand erst, nachdem Nazideutschland und die UdSSR Polen gemäß dem Molotow-Ribbentrop-Pakt unter sich aufgeteilt hatten. Die Sowjetunion unterstützte Litauens Anspruch auf Vilnius, wenn auch nur deshalb, weil Polen der Erzfeind Russlands war. Freilich, die Sowjets waren brutal, aber das ganze Ausmaß ihrer Verbrechen war in Litauen damals noch nicht bekannt, übrigens auch nicht in den anderen europäischen Staaten. Jene, die versuchten, in der Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, ließen sich leicht als »Kämpfer für eine hoffnungslose Sache« oder als »unverbesserliche Rechte« abtun. Jene, die sich für eine Verbesserung der durchaus ernsten politischen und sozialen Bedingungen in Osteuropa engagierten, neigten dazu, den Kommunismus für ein Patentrezept zu halten – gegen diese Verlockung waren auch mein Vater und Cvirka nicht immun, ebenso wenig wie Miłosz, der sich in Polen davon angezogen fühlte, jedenfalls eine Zeit lang. Mein Vater und Cvirka hatten in den dreißiger Jahren zusammen mit einer Gruppe von litauischen Kulturschaffenden die Sowjetunion besucht. Sie bekamen dort die üblichen potjemkinschen Dörfer zu sehen und verließen das Land unter dem Eindruck, dass es sich um eine brauchbare Alternative zum Kapitalismus handelte.
Das sind zumindest die Gründe, die zur Rechtfertigung jener Linken der Zwischenkriegszeit vorgebracht werden, die dem Kommunismus Stalinscher Prägung erlegen waren. Diese Argumentation mag auf Westeuropäer und Amerikaner zur damaligen Zeit überzeugend gewirkt haben, doch sie hatten die Sowjetherrschaft nicht selbst erlebt, die über Litauen und die beiden anderen baltischen Staaten hereinbrach. (Lettland und Estland waren kleiner, etwas wohlhabender und demokratischer, doch ihre Erfahrung unterschied sich wenig von der litauischen.)
Sie haben gerade den Molotow-Ribbentrop-Pakt erwähnt. Da dieses Abkommen für Litauen und das Leben Ihres Vaters weitreichende Auswirkungen hatte, sollten wir vielleicht an dieser Stelle darüber sprechen.
Dieser Pakt wurde Ende August 1939 von Deutschland und der Sowjetunion unterzeichnet. Er beinhaltete, wie hinreichend bekannt ist, ein geheimes Zusatzprotokoll, dessen Existenz von der Sowjetunion bis zur Gorbatschow-Ära vehement bestritten wurde. Dieses Protokoll teilte Polen in »Einflusssphären« der Nazis und der Sowjets auf; die territoriale Aufteilung ähnelte der Teilung Polens von 1795, war aber brutaler, dem brutaleren Zeitalter entsprechend. Lettland und Estland sollten an Stalin gehen, während Litauen, das eine gemeinsame Grenze mit Deutschland hatte, Hitler zufallen sollte. Der deutsche Botschafter in Kaunas machte den Vorschlag, die Litauer sollten sich im Gegenzug zu einem Militärbündnis mit Deutschland und unterstützt von der vorrückenden siegreichen Wehrmacht ihre Hauptstadt Vilnius wieder angliedern. Litauen würde Vilnius von den Polen zurückerobern, die von der militärischen Übermacht der Deutschen bereits geschwächt waren.
Wie hat das unabhängige Litauen darauf reagiert?
Präsident Smetona lehnte klugerweise ab, obwohl einige litauische Sympathisanten in politischen Kreisen das Angebot für ein Geschenk des Himmels hielten. Nach diesem Affront gab Hitler den Gedanken an Litauen als möglichen Bundesgenossen auf und überließ das Land Stalin im Tausch gegen anderthalb Provinzen von Polen: die Wojwodschaft Lublin und den Ostteil der Wojwodschaft Warschau. Nach der Eroberung Polens durch Deutschland und die UdSSR im September 1939 nahm Stalin Vilnius ein und übergab es mit großzügiger Geste dem noch immer unabhängigen und neutralen Litauen. Es war eine schicksalhafte Entscheidung, die Stalin und sogar die Sowjetunion überdauert hat: Vilnius gehört bis heute zu Litauen, als seine Hauptstadt.
Wir neigen zu der Annahme, dass Litauen bereits infolge des Feldzugs im September 1939 seine Unabhängigkeit verloren hatte …
… was nicht richtig ist. Nach dem Kriegsbeginn in Polen verfügte Litauen, ebenso wie Lettland und Estland, für weitere neun Monate noch über ein Mindestmaß an Unabhängigkeit. Im Oktober 1939 forderte Stalin die Genehmigung zur Einrichtung von Militärbasen in allen drei Ländern, angeblich, um sie und die UdSSR vor westlichen Aggressoren oder, allgemeiner, vor den Unbilden des Krieges, zu schützen. Selbstverständlich wurde seiner Forderung entsprochen. Der Druck von Seiten des neuen Bündnispartners Sowjetunion war so groß, dass ein Nachgeben unausweichlich war. Einige hofften – beteten, dass diese noch erträglichen Bedingungen andauern würden. Andere bereiteten sich heimlich auf die Flucht vor, während die litauischen Kommunisten, eine verschwindende Minderheit, eine echte und endgültige sowjetische Besatzung kaum erwarten konnten.
Doch das sollte sich im Juni 1940 radikal ändern.
Im Juni 1940 stellte Stalin Litauen ein Ultimatum, mit dem er die Stationierung einer unbegrenzten Zahl sowjetischer Truppen sowie einen Regierungswechsel durchsetzen wollte. Gleichlautende Forderungen ergingen an Lettland und Estland. Die litauische Regierung erkannte, dass Widerstand zwecklos war, und kapitulierte. Smetona, der dagegen war, wurde zum ersten und letzten Mal während seiner Herrschaft überstimmt. Er floh, zuerst nach Deutschland, dann in die USA – eine glückliche Entscheidung, wenn man bedenkt, dass die Präsidenten von Lettland und Estland, die nicht geflüchtet waren, in Straflagern endeten. Die Invasion erinnerte stark an Hitlers Einmarsch in der Tschechoslowakei im März 1939 und war ihm eindeutig nachempfunden. Obwohl es sich technisch gesehen eher um eine Annexion als einen Kriegszustand handelte, hatte sie auf die Situation unserer Familie fundamentale Auswirkungen.
Was meinen Sie damit?
Die neue litauische Regierung, die von den Sowjets eingesetzt worden war, bestand aus Personen, die gegen Smetonas Herrschaft opponiert hatten, darunter einige respektable Liberale, die das Geschehen vielleicht nicht vollständig durchschauten, während die Kommunisten alles sehr gut verstanden. Mein Vater, zu jener Zeit vierunddreißig Jahre alt, befand sich gerade als Vertreter des litauischen Schriftstellerverbands in Estland. Am 17. Juni 1941 las er im Zug von Tallinn nach Kaunas in der Zeitung, dass er zum litauischen Bildungsminister ernannt worden war, zweifellos auch aufgrund des Ansehens, das er sich in linken Kreisen erworben hatte, nachdem er als Lehrer gefeuert worden war. Nach einigem Zögern nahm er den Posten an: andere Mitglieder der Regierung hatten ihm zu verstehen gegeben, dass jegliche Ausflucht undenkbar war. Alle Schulen in Litauen, die Universität, die Theater und so weiter waren jetzt ihm unterstellt – nominell, natürlich. (Petras Cvirka, sein Freund und Schwager, erhielt keinen Posten in der Regierung, begrüßte das neue Regime aber trotzdem.)
Innerhalb von anderthalb Monaten wurde Litauen zu einer dem Standard entsprechenden Sowjetrepublik und gnädig in die UdSSR aufgenommen. Mein Vater fuhr mit anderen Mitgliedern der Regierung zur offiziellen Unterzeichnung der entsprechenden Dokumente nach Moskau. Zusammen mit einigen wenigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Litauen wurde er zu einem Treffen mit Stalin eingeladen. Diese Begegnung dauerte etwa zwei Stunden.
Es ist eine traurige Geschichte, komplizierter, als es den Anschein hat. Auf dieses Jahr gehen meine frühesten Erinnerungen zurück (mein dritter Geburtstag fiel auf den 11. September 1940, einen Monat nach der sowjetischen Annexion).
Bleiben wir bei diesen frühesten Eindrücken Ihres Lebens.
Die früheste Erinnerung – war es die Beerdigung von Pranas Mašiotas, einem alten, von Generationen von Menschen geliebten Kinderbuchautor? (Er war im Gebäude des Bildungsministeriums aufgebahrt, und ich wurde zu ihm gebracht, um mich von ihm zu verabschieden.) Oder war es die Großkundgebung, auf der mein Vater eine Rede gehalten hat? Ich erinnere mich noch deutlich an die Menschenmenge, die roten Fahnen und die Porträts der sowjetischen Staatsführer. Ein Moment jedoch hat sich ganz besonders in meinem Gedächtnis festgesetzt: Meine Eltern mussten eines Abends aus dem Haus gehen, und ich war außer mir, weil ich nicht wollte, dass meine Mutter mich verlässt. Sie sagten, dass mir das Dienstmädchen (wir hatten schon ein Dienstmädchen) die Tauben auf dem Dachboden zeigen würde. Ich ging neugierig hinauf, doch es waren keine Tauben zu sehen, und als ich zurückkam, waren meine Eltern gegangen. Ich verstand zum ersten Mal im Leben, dass man betrogen werden kann. Von diesem Augenblick an habe ich Täuschung von ganzem Herzen gehasst.
Meine erste wirklich bedeutsame Erinnerung kommt aus jener Zeit, als wir nach Vilnius zogen. Nach dem Beginn der sowjetischen Besatzung sollten einige litauische Ministerien von Kaunas nach Vilnius umziehen, 1940 wurde zunächst nur das Bildungsministerium umgesiedelt. Die Stadt war damals fast ausschließlich polnischsprachig und nicht allzu begeistert von den Litauern, ganz zu schweigen von den Sowjets. Mein Vater erhielt eine Wohnung in einem wohlhabenden Stadtviertel, in dem sich auch andere litauische Neuankömmlinge, zumeist Untergebene oder Freunde von ihm, niederließen.
Einer dieser Freunde war Kazys
