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New York Times-Reporter und Bestsellerautor David Gelles zeigt, wie Patagonia zu einem weltweit führenden Unternehmen wurde, das für sein Engagement für Nachhaltigkeit und Umweltschutz bekannt ist, und wie andere Unternehmen diese Prinzipien übernehmen können. Dies ist die Insider-Geschichte einer der außergewöhnlichsten Marken in der Unternehmenswelt, eines Unternehmens, das von Umweltbewusstsein statt von knallhartem Kapitalismus angetrieben wird. Patagonia wurde 1973 gegründet und hat sich mit einem Jahresumsatz von mehr als 1 Milliarde Dollar zu einem der bekanntesten Hersteller von Outdoor-Bekleidung und -Ausrüstung entwickelt, Der Journalist David Gelles hatte wie kein anderer zuvor persönlichen und exklusiven Zugang zum legendären Firmengründer Yvon Chouinard und dessen engsten Vertrauten. Als ewiger Außenseiter schaffte es Chouinard, sich als Schlüsselfigur innerhalb der amerikanischen Wirtschaft zu etablieren. Er begann als „Dirtbag“ - als „armer, umherziehender Naturbursche“ - und wurde zum Milliardär. Am Ende seiner Karriere verschenkte er Patagonia, verzichtete auf sein Vermögen und widmete alle künftigen Gewinne dem Kampf gegen die Klimakrise. Dieses Buch bietet einen noch nie dagewesenen exklusiven Einblick in das Leben eines der beeindruckendsten Unternehmer unserer Zeit.
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Seitenzahl: 436
Veröffentlichungsjahr: 2025
Der Mann,der patagonia verschenkte
Wie Yvon Chouinardpatagonia aufbaute,ein Vermögen machteund alles verschenkte
David Gelles
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel dirtbag billionare. How Yvon Chouinard Built Patagonia, Made a Fortune, and Gave It All Away bei Simon & Schuster LLC.
1. Auflage 2025
© der Originalausgabe 2025 by David Gelles
© der Übersetzung: 2025 Next Level Verlag,
NXT LVL GmbH, An der Dornwiese 2, 82166 Gräfelfing
www.next-level-verlag.de
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Übersetzung aus dem Amerikanischen: Thomas Gilbert
Redaktion: Christiane Otto und Peter Peschke
Satz: ZeroSoft, Timisoara
Cover- und Umschlaggestaltung: www.b3k-design.de. Andrea Schneider & diceindustries
Umschlagabbildung: © Ben Baker/Redux/laif
eBook: ePUBoo.com
ISBN druck: 978-3-68936-093-1
ISBN ebook (PDF): 978-3-68936-094-8
ISBN ebook (EPUB, Mobi): 978-3-68936-095-5
Einleitung
Kapitel 1. Ein ganz eigener Rhythmus
Kapitel 2. Dirtbags
Kapitel 3. Grenzen überwinden
Kapitel 4. Patagoniacs
Kapitel 5. Die Rückeroberung der Wildnis
Kapitel 6. Schwere Zeiten
Kapitel 7. Ein Sprung ins kalte Wasser
Kapitel 8. Leadership
Kapitel 9. Kämpfe
Kapitel 10. Alles wird verschenkt
Kapitel 11. Die nächsten 50 Jahre
Danksagungen
Anmerkungen
Für AliDanke für das Abenteuer meines Lebens
Während ich ihm zusah, wie er seinen Fliegenköder in einen entlegenen Fluss am Fuße der Anden auswarf, kam mir der Gedanke, dass Yvon Chouinard, fünf Jahre vor seinem 90. Geburtstag, endlich seinen Frieden gefunden haben könnte.
Fast ein ganzes Jahrhundert lang hatte eine unermüdliche Energie diesen ebenso stämmigen wie rätselhaften, brillanten und streitbaren Mann bis ans Ende der Welt und an die Grenzen des Unternehmertums getrieben, ihn zu einer Legende gemacht und ihm ein Vermögen eingebracht. Trotz seiner bescheidenen Herkunft und ohne je einen College-Abschluss gemacht zu haben, schuf Chouinard ein bemerkenswertes Lebenswerk. Seine Leistungen machten ihn nicht nur zu einem herausragenden Outdoorsportler, sondern auch zu einem der erfolgreichsten Unternehmer seiner Generation. Als Pionier des Felskletterns gelang Chouinard die Erstbegehung einiger der anspruchsvollsten Granitwände der Welt. Als Kajakfahrer bezwang er als Erster reißende Flüsse. Als Surfer suchte er unberührte Wellen an einsamen Stränden. Er erklomm Gletscher in der Arktis, pirschte sich an wilde Tiger in Sibirien heran und verirrte sich in den Bergen von Bhutan. In Wyoming wäre er beinahe bei einem Sturz gestorben, in China um Haaresbreite von einer Lawine begraben worden und in Chile fast ertrunken. Zweimal revolutionierte er den Klettersport: zuerst durch die Erschließung zuvor undenkbarer Routen und dann durch die innovative Neugestaltung nahezu jeder Ausrüstungskomponente. Er war Mitbegründer des modernen Eiskletterns und entwickelte Werkzeuge und Techniken für das Erklimmen gefrorener Wasserfälle. Und er avancierte zu einem der weltweit besten Fliegenfischer, der Regenbogenforellen mit einer Mühelosigkeit fing, die selbst die erfahrensten Angelführer verblüffte.
Chouinard gründete zwei Unternehmen, von denen jedes mehr als ein halbes Jahrhundert überdauert hat. Chouinard Equipment, sein Unternehmen für Kletterausrüstung, ist zwar nicht mehr unter seiner Leitung, aber ist unter dem Namen Black Diamond nach wie vor eine treibende Kraft auf dem Markt für Outdoor-Ausrüstung. Patagonia, sein Unternehmen für Outdoor-Bekleidung, floriert mehr denn je und verzeichnet einen Jahresumsatz von über 1 Milliarde US-Dollar. Als Führungskraft erwarb sich Chouinard den Ruf eines kompromisslosen und handwerklich begabten Gestalters mit einem intuitiven Gespür für großartiges Design, aber auch den eines visionären Vordenkers, der seiner Zeit um Jahrzehnte voraus war. Unter seiner Ägide wurde Patagonia zu einem der fortschrittlichsten Unternehmen der Welt und setzte mit seinem Engagement für Kinderbetreuung, seiner Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, seinem Fokus auf Nachhaltigkeit und seinem politischen Aktivismus neue Maßstäbe für den Rest der amerikanischen Unternehmenswelt. Trotz all dieser Errungenschaften spürte Chouinard jedoch am Ende seiner Karriere eine tiefe Unruhe in sich. Die Tatsache, dass er eine lebende Legende war, war allerdings nicht wirklich das, was ihm missfiel.
Es war das Geld.
Weil Chouinard über all die Jahre die volle Kontrolle über Patagonia behielt, konnte er das Leben führen, das er sich wünschte: Jahrzehnte verbrachte er damit, die wildesten Winkel der Erde zu erkunden. Ganz nebenbei schuf er dabei eine völlig andere Art von Unternehmen. Es gab ihm die Möglichkeiten, ein bedeutender Geldgeber für groß angelegte Naturschutzprojekte zu werden. Doch in seinen letzten Jahren wurde ihm der Besitz eines milliardenschweren Unternehmens zur Last. Auf dem Papier war er Milliardär. Finanzmagazine schätzten sein Nettovermögen auf 1,2 Milliarden Dollar, eine groteske Summe für einen Mann, der immer noch in der gleichen gusseisernen Pfanne kochte, die er vor 50 Jahren erworben hatte, in einer mit Secondhand-Möbeln vollgestopften Blockhütte in Wyoming lebte und weder ein Handy noch einen Computer besaß. Ihn als Milliardär zu bezeichnen, war für ihn Blasphemie, ein Affront gegen alles, wofür er stand. Und er würde nicht eher ruhen, bis er diesen kosmischen Irrtum korrigiert hätte.
Jahrzehntelang machte sich Chouinard Gedanken darüber, was einmal mit Patagonia geschehen sollte. Wie sollte die Nachfolge in einem Unternehmen geregelt werden, das ohnehin schon gegen alle Regeln verstieß? Wie konnte er sein Vermögen loswerden und gleichzeitig die Kontrolle über sein Unternehmen behalten? Chouinard und sein engster Kreis entwickelten zusammen mit einigen hoch bezahlten Vermögensplanern verschiedene Regelungen, mit denen sich mehrere scheinbar widersprüchliche Ziele gleichzeitig erreichen ließen. Chouinard wollte einen Weg finden, alle Gewinne von Patagonia – etwa 100 Millionen Dollar pro Jahr – in die Bekämpfung der Klimakrise zu stecken. Er wollte auch sicherstellen, dass das Unternehmen unabhängig bleibt und nicht übernommen wird. Und vor allem wollte er ein für alle Mal dafür sorgen, dass ihn niemand mehr als Milliardär bezeichnen konnte.
Auch wenn es Jahre der Arbeit und mehrere gescheiterte Versuche erforderte, fanden sie schließlich eine akzeptable Lösung. Und so kam es, dass Chouinard an einem milden Tag im September 2022 nach monatelanger Vorbereitungszeit seine große Enthüllung machte. Er versammelte seine Mitarbeiter in der Zen trale von Patagonia in dem kalifornischen Ort Ventura, wo der Pazifische Ozean so nah war, dass man das Salz in der Luft riechen konnte, und verkündete seinen kühnen Plan: Er würde das gesamte Unternehmen verschenken.
Mithilfe einer komplexen neuen Struktur aus Treuhandfonds und gemeinnützigen Organisationen verzichteten Chouinard und seine Familie auf ihren Anspruch auf ein Milliardenvermögen, indem sie das Eigenkapital des Unternehmens so absicherten, dass eine feindliche Übernahme nahezu unmöglich wurde und alle zukünftigen Gewinne dem Schutz des Planeten zugutekommen würden. Er selbst zog keinen finanziellen Nutzen daraus. Es würde keinen Börsengang, keinen Verkauf an Private-Equity-Gesellschaften und keine Übernahme durch einen größeren Konkurrenten geben. Patagonia würde mehr oder weniger unverändert weitergeführt werden und hätte nun mehr Geld als je zuvor, um in Naturschutz und Aktivismus zu investieren. Chouinard hatte einen weiteren bahnbrechenden Erfolg erzielt, indem er eine innovative Governance-Struktur entwickelte, um ein höchst ungewöhnliches Unternehmen zu schützen. Und entscheidend war, dass mit der Unterzeichnung einiger Dokumente sein Vermögen drastisch sank. Er war kein Milliardär mehr.
Als die Mitarbeiter von Patagonia die Nachricht erfuhren, war ich gerade in der Redaktion der New York Times und bereitete einen Artikel über genau diesen Eigentümerwechsel vor. Monatelang hatte ich mit Chouinard, seiner Familie und Mitgliedern des Vorstands von Patagonia gesprochen, um die Komplexität der Transaktion sowie ihre Motive und Ziele zu verstehen. Kennengelernt hatte ich Chouinard zehn Jahre zuvor, als ich ihn für mein erstes Buch Mindful Work (Achtsames Arbeiten) dazu befragte, inwieweit der Zen-Buddhismus seine Karriere beeinflusst habe. Als Reporter für die New York Times schrieb ich später über Patagonias Umweltschutzaktivitäten und seine Bemühungen, Wähler an die Urnen zu bringen, und interviewte die Führungskräfte des Unternehmens für eine Kolumne über Leadership.
Die Berichterstattung über Patagonia war eine willkommene Abwechslung zu meiner üblichen Arbeit. Als Wirtschaftsjournalist hatte ich fast 20 Jahre lang schon über zahlreiche unseriöse und kriminelle Geschäftsleute geschrieben, Hochstapler aus dem Silicon Valley entlarvt, untersucht, was bei Boeing nach zwei tödlichen Abstürzen schiefgelaufen war, und den Anlagebetrüger Bernie Madoff im Gefängnis interviewt. Nicht lange bevor ich die Nachricht von Chouinards Schenkung von Patagonia veröffentlichte, war mein Buch The Man Who Broke Capitalism (Der Mann, der den Kapitalismus ruinierte) erschienen. Darin enthüllte ich, wie Jack Welch, der frühere CEO von General Electric, die Grundfesten der amerikanischen Wirtschaft erschütterte, indem er Profite über alles stellte – ungeachtet dessen, was es Mitarbeiter, Kunden oder die Gesellschaft kosten würde. Gerade das machte Chouinards und Patagonias Vorgehen umso außergewöhnlicher. Während sich der Rest der Geschäftswelt im Sog der Aktionärswertmaximierung treiben ließ, stand hier ein Gründer mit seiner Firma, der sich mutig gegen den Strom stemmte.
Zahlreiche Bücher bieten einfache Lektionen und umsetzbare Strategien, um im Geschäftsleben erfolgreich zu sein. Doch diese Geschichte entzieht sich solch geradliniger Analysen. Die Erzählung von Patagonia ist kein Selbsthilferatgeber, sie gleicht vielmehr einem Zen-Kōan. Und im Zentrum dieser Erzählung steht ein Mann, der gleich in dreifacher Hinsicht revolutionär ist: als Sportler, als Unternehmer und als Wohltäter.
Früh in seinem Leben erlangte Chouinard Anerkennung als »Dirtbag«-Kletterer – ein Begriff, der liebevoll für arme, wandernde Outdoor-Enthusiasten verwendet wird, die so wenig Interesse an materiellem Besitz haben, dass sie bereitwillig auf dem nackten Erdboden schlafen. Später wurde er zu einem der besten Bergsteiger seiner Generation, indem er waghalsige Erstbesteigungen an einigen der gefährlichsten Felswände der Welt durchführte und gleichzeitig die Kletterausrüstung neu definierte.
Als Unternehmer schuf er ein Unternehmen, das sich jeder konventionellen Logik widersetzte und ein verantwortungsvolleres Geschäftsmodell entwickelte. Patagonia setzte Maßstäbe mit seinem Engagement für Nachhaltigkeit, großzügige Betreuungsangebote für Kinder, kreative Marketingstrategien und beliebte Outdoor-Bekleidung. Gleichzeitig machte es Chouinard zum Milliardär.
Doch Chouinards kühnster Schachzug kam am Ende seiner Karriere. Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs tat er das Undenkbare: Er verzichtete auf das Eigentum an seinem Unternehmen und gab sein Vermögen auf. Damit fand er eine elegante Antwort auf die Fragen, die ihn sein ganzes Leben lang beschäftigt hatten, und wies anderen sozial engagierten Kapitalisten einen neuen Weg. Chouinard war Abenteurer, Geschäftsmann und Philanthrop – drei Identitäten, die sich bis zum Schluss gegenseitig beeinflussten.
Das heißt jedoch nicht, dass Chouinard perfekt ist. Als Chef konnte er manchmal ein Mikromanager sein, zu anderen Zeiten distanziert, und er wechselte häufig Führungskräfte aus, was oft Chaos in seinem Unternehmen stiftete. Er konnte unberechenbar, unschlüssig und elitär sein. Er legt sehr viel Wert auf Privatsphäre, hat keine Geduld für Small Talk und ist im Alter eher pessimistisch geworden.
Auch Patagonia ist nicht perfekt. Es ist ein gewinnorientiertes Unternehmen, das Kleidung herstellt, die Menschen vielleicht wollen, aber nicht wirklich brauchen. Es bemüht sich, seine Mitarbeiter gut zu behandeln, beschäftigt jedoch Geringverdiener in Entwicklungsländern, die lange Schichten in lauten, heißen Fabriken arbeiten. Es setzt sich für den Schutz des Planeten ein, nutzt aber fossile Brennstoffe, die zum Klimawandel beitragen, und toxische Materialien, die genau die Umwelt verschmutzen, die es zu schützen versucht. Es feiert extreme sportliche Leistungen, verdient jedoch den Großteil seines Geldes mit dem Verkauf von T-Shirts an Stadtbewohner.
Patagonias eigene Führungskräfte sind sich der Widersprüche ihres Handelns schmerzlich bewusst. Die Tatsache, dass sie zu denselben Problemen beitragen, die sie zu lösen versuchen, treibt sie in den Wahnsinn – und motiviert sie gleichzeitig, Lösungen für scheinbar unlösbare Dilemmata zu finden. Ihre Misserfolge sind sowohl eine Quelle des Schmerzes als auch der Inspiration. Und sie kanalisieren diese Frustration über ihre eigenen Unzulänglichkeiten in einen unermüdlichen Drang zur Verbesserung. Das selbstkritische Unternehmen ist eine seltene Ausnahme. Doch wie wir sehen werden, sind die Widersprüche und der Umgang mit diesen konkurrierenden Prioritäten der Schlüssel zu Patagonias Erfolg.
Trotz aller Inkonsistenzen – und vielleicht gerade wegen ihnen – gelang es Patagonia, mehr als nur ein Unternehmen zu werden: Es ist eine Philosophie, eine Lebensweise, eine Subkultur, die eine alternative Vision davon repräsentiert, was es bedeutet, Teil der modernen Wirtschaft zu sein. Für viele ist es ein Leuchtfeuer der Hoffnung, der Beweis dafür, dass es möglich ist, Gutes zu tun und dabei erfolgreich zu sein. Von den fortschrittlichen Maßnahmen im Personalwesen über die Art, wie die Gewinne genutzt werden, bis hin zu den strengen Kriterien, die es von seinen Zulieferern erwartet, hat Patagonia die Messlatte für die Unternehmenswelt in den USA auf ein außergewöhnlich hohes Niveau gelegt.
Außerdem trug Patagonia zur Entwicklung neuer Standards bei, an denen sich andere Unternehmen orientieren können. Es war an der Gründung fortschrittlicher Unternehmensgruppen beteiligt, darunter die Conservation Alliance, die Textile Exchange, 1% for the Planet, die Sustainable Apparel Coalition, die B-Corp-Bewegung und Time to Vote. Politisch engagiert sich Patagonia ebenfalls: Es mischt sich in lokale, bundesstaatliche und nationale Wahlen ein, spendet Geld, um demokratische Kandidaten zu unterstützen, und hat sogar einen Präsidenten der Vereinigten Staaten verklagt. Während Patagonia in erster Linie ein Bekleidungshersteller ist, liegt das Besondere der Marke in allem, was nichts mit Kleidung zu tun hat.
Dirtbag Billionaire entfaltet sich chronologisch und beginnt mit einem genauen Blick auf Chouinards frühes Leben, seine waghalsigen Abenteuer und seinen zufälligen Einstieg ins Geschäftsleben. Die Perspektive erweitert sich, um die außergewöhnliche Entwicklung von Patagonia zu beleuchten – von den Höhen und Tiefen eines Heimunternehmens bis hin zu einem multinationalen Kraftpaket. Als Chouinard und sein Unternehmen immer einflussreicher werden, entsteht eine neue Form des Kapitalismus, die sich nicht ausschließlich über Gewinne definiert, sondern auch über das Bestreben, die Welt positiv zu beeinflussen. Schließlich erhalten wir einen Einblick hinter die Kulissen, als Chouinard mit seiner bahnbrechenden philanthropischen Entscheidung alles aufgibt.
Um dieses Buch zu schreiben, habe ich zwei Jahre lang Chouinard und das Patagonia-Team begleitet. Ich interviewte aktuelle und ehemalige Mitarbeiter, durchforstete die Unternehmensarchive und die Familienalben der Chouinards in Ventura, Kalifornien. Ich testete die neuesten Skiausrüstungen im Hinterland von Montana und probierte die Neoprenanzüge des Unternehmens an einem legendären Surfspot in Chile aus. Ich durchstreifte mit Patagonias Ernährungsteam Felder mit regenerativen Getreidesorten in Minnesota und besichtigte eine Patagonia-Fabrik in Peru. Ich wanderte einige von Chouinards berühmtesten Touren nach, darunter eine Expedition zu den Gipfeln des Mount Fitz Roy, die das Patagonia-Logo inspirierten. Ich wanderte in abgelegene Täler, die durch Chouinards Naturschutzbemühungen in Nationalparks verwandelt worden waren. Und ich verbrachte Zeit mit Chouinard selbst – beim Kochen in seinem Zuhause in Wyoming, beim Fischen in Argentinien und auf einem Roadtrip entlang einer südamerikanischen Straße, die er 56 Jahre zuvor erstmals befahren hatte.
Das Schreiben dieses Buches war für mich mehr als nur eine akademische Übung. Ich bin kein Kletterer, habe aber viel Zeit in der Wildnis verbracht, und Chouinards Besessenheit, unberührte Natur zu bewahren, leuchtete mir ein. Wenige Dinge berühren die Seele, beruhigen den Geist und wecken Ehrfurcht so sehr wie das Gefühl, Hunderte Kilometer von der Zivilisation entfernt zu sein, umgeben von Bergen, und nichts als den Wind in den Bäumen zu hören. Durch die Reisen mit dem Patagonia-Team vertiefte sich meine eigene Verbindung zur Natur. Und während ich Zeit mit Chouinard verbrachte, verbesserten sich sogar meine Angler-Skills.
Die Recherche zu Patagonia bot mir zudem die Möglichkeit, meine Überzeugung zu hinterfragen und zu festigen, dass Unternehmen eine treibende Kraft für das Gute sein können. Es ist leicht, angesichts unserer zutiefst ungleichen Wirtschaft zynisch zu sein, und es ist wichtig – besonders als Journalist –, kritisch gegenüber profitorientierten Organisationen zu bleiben. Aber es ist ebenso wichtig, aufzuzeigen, was funktioniert. Ohne Geschichten, die einen Hoffnungsschimmer bieten, verlieren wir die Möglichkeit, inspiriert zu werden. Ohne gute Vorbilder fehlt uns eine Anleitung, wie wir positiven Wandel bewirken können. Nicht jedes Unternehmen kann Patagonia sein, und niemand kann Chouinards außergewöhnlich reiches Leben nachahmen. Doch alle Unternehmen und alle, die arbeiten, können viel davon lernen, wie das Patagonia-Team einen neuen Weg durch die Wildnis des Spätkapitalismus eingeschlagen hat.
*
Eines späten Frühlingstages, nach mehreren Tagen einer Angeltour in Argentinien, saß ich am Ufer eines Flusses und beobachtete, wie Chouinard immer wieder seine Angel auswarf. Wir befanden uns in einem Tal, umgeben von den schneebedeckten Anden. Goldene Gräser wogten im Wind, ein Regenbogen spannte sich über den Himmel und rosa Flamingos und Schwarzhalsschwäne trieben in der Nähe. Allein im hüfthohen Wasser stehend, schwang Chouinard seine Angel hinter sich. Dann, mit kaum einer Bewegung, schnippte er den Arm und ließ seine Fliege elegant durch die Luft gleiten, um sie mit absoluter Präzision in eine kleine Schaumtasche zu setzen, wo unsichtbare Strömungen aufeinandertrafen. Der Köder wippte einen Moment lang, dann spannte sich die Schnur, seine Rute bog sich, und er holte eine majestätische Regenbogenforelle ein. Balancierend auf den glatten Flusssteinen, nahm Chouinard, damals 85 Jahre alt, den Fisch, entfernte gekonnt den Haken aus der Wange der Forelle, ließ den Fisch zurück ins Wasser gleiten und warf erneut aus.
Sein ganzes Leben hatte zu diesem Moment geführt. Ein Mann, der alles haben konnte, der auf Milliarden von Dollar verzichtet hatte, der Berge erklommen, Freunde verloren und Imperien aufgebaut hatte, wollte im Abendrot seines Lebens nichts anderes, als allein in einem Fluss zu stehen, mit Rute und Rolle in der Hand, umgeben von der Schönheit der natürlichen Welt.
Lieber ein eigenes Spiel erfinden
Die Wälder rund um Lewiston, Maine, waren 1938 von Wildheidelbeersträuchern und Geißblatt, Balsamtannen und Weißeichen bewachsen und von der Moderne weitgehend unberührt. Stachelschweine und Stinktiere suchten im Unterholz nach Nahrung. Bisamratten und Elche streiften durch den Wald. Wiesenmäuse und Waldmurmeltiere suchten bei den ersten Frösten ihre Winterquartiere auf. Biber zogen sich in ihre Baue zurück und rationierten die Lilien und die Rinde, die sie für den Winter gelagert hatten. Hier, in diesem unscheinbaren Winkel Nordamerikas, verlief das Leben in der Natur weitgehend so wie seit Tausenden von Jahren, und Pflanzen und Tiere konnten sich größtenteils ungestört entfalten. Auf der ganzen Welt, von den Andengipfeln Südamerikas bis zu den wilden Flüssen Osteuropas, war es im Großen und Ganzen dasselbe. Zu dieser Zeit lebten rund 2,3 Milliarden Menschen auf der Erde, nicht einmal ein Drittel der fast 8 Milliarden Menschen, die heute die Ressourcen des Planeten belasten. Zweifellos hat sich die Welt seitdem in rasantem Tempo verändert. Die industrielle Revolution hatte eine Welle technologischer Innovationen angestoßen, die Weltbevölkerung stieg unaufhörlich, und der Zweite Weltkrieg war bereits am Horizont erkennbar. Doch für einen flüchtigen Moment, noch vor der Mitte des 20. Jahrhunderts, waren die globalen Durchschnittstemperaturen seit dem Ende der letzten Eiszeit nahezu unverändert. Die rasche Erwärmung durch das unaufhörliche Verbrennen von Kohle, Öl und Gas hatte noch nicht eingesetzt. Die Ozeane hatten sich noch nicht dramatisch aufgeheizt, Korallen bleichten noch nicht aus, und die Wanderungen von Walen und ihrer Beute folgten noch vertrauten Mustern. Tausende heute ausgestorbener Arten – von der Goldkröte bis zum Javatiger – lebten noch. Das massenhafte Insektensterben, durch das uns eine Zukunft ohne Bestäuber droht, hatte noch nicht begonnen. Mikroplastik war weder in unseren Seen und Wolken noch in unseren Körpern allgegenwärtig. Der Meeresspiegel blieb stabil, da das unaufhaltsame Schmelzen der Gletscher noch ausstand. Dürrebedingte Flächenbrände färbten den Himmel nicht orange und erstickten keine Städte unter ätzendem Rauch. Obwohl weniger als ein Jahrhundert vergangen ist – ein Wimpernschlag in der langen Geschichte unseres Planeten – war es in vielerlei Hinsicht eine andere Welt. Es war eine grünere, stillere Welt, in die Yvon Chouinard hineingeboren wurde.
Chouinards Großvater väterlicherseits, Jacques, war Farmer und ein Nachfahre kanadischer Pelztierjäger. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zogen Jacques und seine Frau Celanire auf der Suche nach einem besseren Leben mit ihrer Familie von Tingwick in Quebec nach Lisbon im US-Bundesstaat Maine. Sie brachten ein paar Habseligkeiten und elf Kinder mit, darunter Gerard Lorenzo Chouinard. Gerard hatte gerade einmal drei Jahre Schule hinter sich, als er auf dem Bauernhof der Familie bei der Feldarbeit eingesetzt wurde.
Die Chouinards hatten wenig Mühe, sich zurechtzufinden. Eine aufgeschlossene Gemeinschaft französischsprachiger kanadischer Einwanderer hieß sie willkommen, und Arbeit war leicht zu finden. Es dauerte nicht lange, bis die Jungen Jobs beim Hauptarbeitgeber von Lisbon, der Worumbo Woolen Mill, annahmen. Die Familie zog in ein geräumiges Haus, das von einem kleinen Bauernhof umgeben war, mit einem Gemüsegarten, einem Hühnerstall, ein paar Kühen, einer Handvoll Schweinen und einer Scheune, die mit Getreide und Heu gefüllt war. Jacques war ein Quell praktischer Weisheit und brachte seinen Kindern, darunter auch Gerard, bei, wie man eine Kuh melkt, eine Sense schärft und die Ställe einer Scheune säubert. Als Gerard heranwuchs, lernte er, die Webstühle in der Stadt zu reparieren. Als Teenager konnte er auch so gut wie alles andere instand setzen. Er arbeitete als Klempner, Handwerker und Zimmermann, entwickelte ein intuitives Gespür für Technik und lernte, wie man Rohre von Verstopfungen befreit, Ventilatoren repariert und Öfen auch im tiefsten Winter warmhält. Es war diese Art praktischen Wissens, das Gerard schließlich an seinen jüngsten Sohn weitergeben sollte.
Als Gerard 23 Jahre alt war, heiratete er in der einzigen katholischen Kirche von Lisbon, St. Anne’s, eine junge Frau namens Yvonne Lizotte. Bald darauf bekamen sie ihr erstes Kind, Gerard, der später Jeff genannt wurde. Vier Jahre später folgte eine Tochter, Rachael, und zwei Jahre später eine weitere Tochter, Doris. Am 9. November 1938 reiste Yvonne dann in das nahe gelegene Lewiston, um dort einen weiteren Sohn zur Welt zu bringen. Der Junge kam ohne Namen aus dem Krankenhaus nach Hause. Es war Jeff, der vorschlug, ihn Yvon zu nennen. Er erklärte, dass der beste Ringer Kanadas zu dieser Zeit Yvon Robert hieß, und verwies auf ein Sportmagazin mit »dem französisch-kanadischen Löwen«, um seinen Standpunkt zu bekräftigen. Die Familie ließ sich überzeugen, und der Junge erhielt den Namen Yvon Vincent Chouinard.
Noch bevor Chouinard laufen konnte, lernte er zu klettern. Ein Priester, der im Obergeschoss des Hauses wohnte, das seine Eltern gemietet hatten, belohnte ihn jedes Mal mit einem Löffel Honig, wenn er die Stufen hinaufkroch, und das Kleinkind kletterte immer wieder diesen hölzernen »Berg« hinauf. Sobald Chouinard laufen konnte, wagte er sich nach draußen. Er durchstreifte den Wald, lief auf dem lehmigen Boden umher und erkundete die Flussufer, lauschte den Tieren und lernte, die Blätter der Bäume zu erkennen, das Wetter zu verstehen und den nahenden Regen zu riechen. Jeff brachte ihm das Angeln bei, und Chouinard fand Freude daran, kleine Bachforellen aus den schmalen Bächen in der Nähe des Hauses zu ziehen, bis er schließlich dazu überging, Zander aus dem nahe gelegenen Androscoggin River zu ziehen. Es war eine Kindheit ohne Technologie, die Chouinard eine tief verwurzelte Liebe zur Natur mit auf den Weg gab. Ohne die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts in vollem Umfang zu begreifen, träumte er davon, in die Fußstapfen der französisch-kanadischen Vorfahren zu treten und Pelztierjäger zu werden.
Die Familie hatte nicht viel Geld, und Chouinard musste lernen, sparsam und zäh zu sein. Während des Zweiten Weltkriegs trat Chouinards Bruder Jeff der Marine bei und wurde auf einen Stützpunkt in San Diego geschickt. Zu Hause in Maine musste das Essen rationiert werden, und die Familie hatte selbst zu Grundnahrungsmitteln wie Zucker, Rind- und Schweinefleisch keinen Zugang mehr. Stattdessen ernährten sie sich hauptsächlich von der Familienfarm. Als der Proteinmangel zu groß wurde, schlachteten sie ein Pferd. Eine von Chouinards prägendsten Erinnerungen ist, wie sein Vater sich selbst zahnärztlich behandelte, um Geld zu sparen. Gerard saß neben dem Holzofen in der Küche, nahm einen Schluck aus einer Flasche Whiskey, holte seine Elektrikerzange hervor und zog sich einige seiner eigenen Zähne.
Yvonne wollte schon immer aus Lisbon weg. Sie bestellte bei der Handelskammer Informationsbroschüren über andere Bundesstaaten, sammelte Prospekte, in denen die Vorzüge der sonnigen Städte in Arizona angepriesen wurden, und bewahrte alles in einem Schuhkarton unter ihrem Bett auf. Im Januar 1946 fasste sie schließlich den Entschluss, zu handeln, als Jeff der Familie eine Kiste mit frischen Orangen aus Kalifornien schickte. Auf den saftigen Früchten lag eine Notiz, in der Jeff seine Familie ermutigte, in den Westen zu ziehen. Im März entschied Yvonne, dass sie genau das tun würden. Sie war die langen Winter in Maine leid, war überzeugt, dass das warme, trockene Klima besser für Gerards zunehmend problematisches Asthma sein würde, und wollte nicht, dass ihre Kinder Zeit ihres Lebens in der Fabrik arbeiten würden. Auf Yvonnes Drängen hin verkaufte die Familie den Großteil ihres Besitzes, darunter auch Möbel, die Gerard selbst angefertigt hatte, und packte so viele Lebensmittel wie möglich ein. Dann quetschten sie sich in ihren Chrysler und machten sich mit 5000 Dollar in einem Schraubglas und den auf dem Autodach festgezurrten Matratzen auf den Weg zum Pazifischen Ozean.
In den folgenden Wochen fuhr die Familie durch die industriellen Ballungszentren des Ostens, überquerte den Mississippi, durchquerte die Great Plains und gelangte schließlich in den weiten amerikanischen Westen. Obwohl sie nicht viel besaßen, lernte der damals noch nicht einmal zehnjährige Chouinard unterwegs etwas über Nächstenliebe. Als sie auf der Route 66 im Südwesten fuhren, kamen sie an einer Gruppe verarmter Hopi-Kinder am Straßenrand vorbei. Yvonne bat Gerard anzuhalten, und Chouinard sah zu, wie seine Mutter die mitgebrachten Maisvorräte verschenkte. Materielle Besitztümer waren für seine Eltern nie von großer Bedeutung, und auch für Chouinard sollten sie nie eine große Rolle spielen.
Die Familie erreichte schließlich Burbank, Kalifornien, und Chouinard besuchte bereits am nächsten Tag die örtliche Schule. Doch es gab sofort ein Problem: Aufgewachsen unter den Québecois im ländlichen Maine, sprach er kein Englisch. Die Sprachbarriere, gepaart mit der Tatsache, dass er der kleinste Schüler in seiner Klasse war, ließ ihn von Anfang an zum Außenseiter werden. Für Chouinard war es eine traumatische Erfahrung. Nach nur wenigen Tagen lief er davon und verschwand in den Wäldern von Greater Los Angeles. Lange blieb er nicht weg, doch sein Schicksal war besiegelt: Chouinard blieb ein Außenseiter.
Seine Eltern schickten ihn daraufhin auf eine kirchliche Schule, wo er mehr Hilfe beim Englischlernen bekam, aber seine schulischen Leistungen verbesserten sich nicht. In seinem ersten Jahr bekam er nur schlechte Noten. Außerhalb des Klassenzimmers blühte Chouinard jedoch auf. Er fuhr kilometerweit mit dem Fahrrad, schlich sich auf private Golfplätze und saß unter den Weidenbäumen am Ufer des Toluca Lake, wo er mit selbstgeschnitzten Holzködern Barsche fing. Mit den Jahren erweiterte er seine Streifzüge, erkundete den Griffith Park und den Los Angeles River, fing Krebse und jagte gelegentlich mit Pfeil und Bogen Wildkaninchen. Auf der Suche nach einem Badesee in der Stadt ging er manchmal in einen Teich, der aus möglicherweise giftigen Abwässern der Filmlabore der Walt Disney Corporation entstanden war. Obwohl er seine Abneigung gegen die Schule beibehielt, verbesserte sich sein Englisch und er entwickelte eine Vorliebe für Bücher. Noch immer träumte er davon, Pelzhändler zu werden, und durchforstete die örtlichen Bibliotheken nach allen Büchern über das Fallenstellen, die er finden konnte.
In den frühen 1950er-Jahren wurde es immer schwieriger, den bedrohlichen Entwicklungen der modernen Welt zu entkommen. Los Angeles breitete sich um ihn herum aus, und neue Schnellstraßen erstreckten sich wie Tentakel aus Beton über die Hügellandschaft. In der Schule lernte Chouinard, sich unter seinem Schreibpult wegzuducken, für den Fall, dass der Kalte Krieg heiß werden und eine Nuklearbombe in Südkalifornien explodieren sollte. Manchmal, nachts, wenn der Wind drehte und er das Dröhnen der Flugzeuge vom Flughafen Burbank hören konnte, kauerte er sich in seinem Zimmer zusammen, in der Angst, der Dritte Weltkrieg könne begonnen haben. Trotz allem war es die Natur – nicht die Technik –, die ihn in ihrem Bann hielt.
1951 tauchte Chouinard an der felsigen Küste bei La Jolla zum ersten Mal mit einer Taucherbrille unter Wasser. Er war sofort begeistert und begann, nach Hummern und Abalone zu tauchen. Um seine Ausdauer zu verbessern, übte Chouinard während des Mathematikunterrichts das Luftanhalten. Da es damals noch keine Neoprenanzüge gab, trug er einen alten Fliegeranzug aus Wolle, den er in einem Armee-Outlet gekauft hatte, um sich im Wasser warm zu halten. Um seinen Auftrieb zu verringern, bastelte er sich einen provisorischen Bleigurt aus einer alten Munitionstasche, die er mit aus Autobatterien geschmolzenen Bleikugeln füllte.
So geschickt Chouinard in der Wildnis auch war, blieb er im gesellschaftlichen Umgang unsicher, selbst als er die Highschool begann. Er hatte Akne, war nicht besonders groß und interessierte sich nicht für die Schule. Seine Zeit verbrachte er lieber draußen oder er las Bücher über die Natur – oder, besser noch, er las draußen in der Natur Bücher über die Natur. Er konnte nicht tanzen und hatte Angst vor Mädchen. Am Abend seines Highschool-Abschlussballs schwänzte er und verbrachte den Abend damit, durch den Los Angeles River zu waten und Frösche zu fangen.
Obwohl Chouinard nicht zu den typischen Sportlern gehörte, war er ein begabter Athlet. Beim Baseball- und Basketball-Training zählte er zu den besten Spielern auf dem Feld. Doch sobald er vor Publikum stand, versagte er. Gelähmt von dem Druck, abliefern zu müssen, brachte er keinen Spielzug zustande. Es dauerte nicht lange, bis er Mannschaftssportarten gänzlich aufgab. »Ich hasste den direkten Wettbewerb«, erklärte er später.1 Schon in jungen Jahren begann er, seine Stärken und Schwächen zu erkennen. Es war offensichtlich, dass er sich nicht anpassen würde. Doch das bedeutete nicht, dass er keinen Erfolg haben konnte – nur eben zu seinen eigenen Bedingungen. »Anstatt mich dazu zu zwingen, Basketballspieler zu werden, erfinde ich lieber mein eigenes Spiel«, sagte er. »Dann kann ich immer gewinnen. Wer die Regeln aufstellt, hat den Sieg in der Hand.«
Zum Glück kam niemand ums Leben
Auch wenn Mannschaftssportarten nichts für ihn waren, fand Chouinard die richtige Mischung aus Kameradschaft und Sportlichkeit, als er die Falknerei, die alte Kunst der Greifvogelhaltung, für sich entdeckte. Am 2. Mai 1953 nahm Chouinard an der Gründungsversammlung des Southern California Falconry Clubs teil und schloss sich einer Gruppe von Gleichgesinnten an, die sich für diese exotische Aktivität interessierten. Die Gruppe begann, die Hügel außerhalb von Los Angeles nach Nestern zu durchsuchen. Um einige der unzugänglichen Horste zu erreichen, lernte Chouinard, steile Wände hinunterzuklettern, sich an Felsen festzuhalten und sich mit den Zehen auf nur wenige Zentimeter breiten Vorsprüngen zu halten. Als er sich in noch abgelegenere Gebiete vorwagte, begann er, sich beim Klettern mit einem Seil zu sichern. Mit einem dicken Gurt, den er von der örtlichen Telefongesellschaft entwendet hatte, befestigte er das Seil an einem felsigen Vorsprung oben an einer Wand und ließ sich dann Stück für Stück hinunter. Wenn Chouinard Vögel fing, zähmte er sie, indem er die Falken immer wieder auf sein Handgelenk setzte, bis sie einschliefen. Dann trainierte er sie, zu jagen und zu ihm zurückzukehren. Chouinard hatte bereits sein Vertrauen in die Natur gesetzt; nun brachte er die Natur dazu, ihr Vertrauen in ihn zu setzen.
Im Laufe der Zeit übernahmen die Mitglieder des Clubs die Aufgabe, Falken für die Regierung zu markieren. Diese hatte begonnen, die Vogelpopulationen in der Region zu überwachen, da der Lebensraum der Vögel durch die Ausbreitung der Vororte zunehmend beeinträchtigt wurde. Tom Cade, ein Biologiestudent an der University of California in Los Angeles, der später dazu beitrug, den Wanderfalken – das schnellste Tier der Welt – vor dem Aussterben zu bewahren, ging noch einen Schritt weiter und begann, Falken in Gefangenschaft zu züchten. Als Freiwillige für die heikle und gefährliche Aufgabe gesucht wurden, die Eier in die Wildnis zurückzubringen, meldete sich Chouinard bereitwillig.
Von da an war der Weg zum Klettersport vorgezeichnet. Einer der Älteren im Club, Don Prentice, brachte Chouinard das Abseilen bei. Chouinard wickelte das Seil um seine Taille und über seine Schulter und lernte, wie der Abstieg sich mühelos meistern ließ, indem man sich mit den Beinen abdrückt und beim Fallen Seil nachgibt, um sich dann wieder an der Wand abzustützen. Er liebte das Gefühl, an einem Seil zu baumeln und sich immer wieder von einer Felswand abzustoßen – wie eine Slinky-Feder, die eine Treppe hinunterpurzelt.
Chouinard und die anderen stellten bald ihre eigene Abseilausrüstung her, die an neuralgischen Stellen mit Lederpolstern versehen war, sodass sie immer schneller die Wände hinuntergleiten konnten. Einmal wäre Chouinard fast ums Leben gekommen, als sich seine Seile um seinen Hals schlangen. Aber dieser Warnschuss schreckte ihn nicht ab, und er suchte weiter nach größerem Nervenkitzel. Zusammen mit anderen Mitgliedern des Falknervereins sprang er auf Güterzüge, die durch Burbank fuhren, und sprang in Chatsworth, am anderen Ende des San Fernando Valley, wieder ab. Dort, auf 30 Meter hohen Klippen, begann Chouinard, die Grenzen des Abseilens auszuloten. Anstatt sich in 20 Sprüngen von einer Klippe abzuseilen, versuchte er, mit möglichst wenigen Sprüngen hinab zu gelangen, indem er sich von der Wand abstieß und 15 Meter in die Tiefe fiel, bevor er zum Stillstand kam. Chouinard lotete seine körperlichen Grenzen aus – um herauszufinden, wie weit er gehen konnte. »Zum Glück kam niemand ums Leben«, räumte er später ein.2
Eines Tages im Jahr 1954 fuhren Chouinard und Cade nach Lompoc, um nach Nestern zu suchen. Allein in den heißen, trockenen Hügeln stießen sie auf eine Handvoll hauchdünner Eier, die weit vor Ende der Brutzeit in sich zusammengefallen waren. Dies war ein frühes Anzeichen dafür, dass DDT, das damals weit verbreitete giftige Insektizid, die Wanderfalkenpopulation dezimierte. Nach dieser Entdeckung unterstützte der Falknerverein die Kampagne für die ersten kalifornischen Vorschriften zum Schutz der Vögel. Das Gesetz wurde verabschiedet, und in den folgenden Jahren begann sich die Population zu erholen. Obwohl er nur eine untergeordnete Rolle in der Kampagne spielte, war dies Chouinards erster Kontakt mit politischer Arbeit und Aktivismus, und das zeigte ihm, dass selbst kleine Maßnahmen eine große Wirkung haben können.
Nachdem er so viel Zeit damit verbracht hatte, sich an Wänden abzuseilen, begann Chouinard sich zu fragen, wie es wohl wäre, auch einmal den umgekehrten Weg zu nehmen. Mitte der 1950er-Jahre steckte das Sportklettern noch in den Kinderschuhen, aber Chouinards Interesse war geweckt. Zusammen mit einigen anderen Clubmitgliedern begann er, die Tehachapi Mountains zu erkunden, eine Bergkette, die die Grenze zwischen dem San Joaquin Valley und der Mojave-Wüste bildet. Die Klippen machten zwar Spaß, aber Chouinard und seinen Freunden wurden sie schnell langweilig, und sie suchten nach höheren Gipfeln, die sie erklimmen konnten. Um dort hinzugelangen, brauchte Chouinard jedoch ein Auto.
In dieser Hinsicht hatte er Glück. Chouinard wuchs in einer Zeit auf, in der es für junge Männer nicht ungewöhnlich war, das Reparieren von Autos zu lernen. Mechanik war das einzige Fach, das er in der Highschool ernst nahm, und mit 16 hatte er genug Geld zusammen, um sich einen defekten zweitürigen Ford Model A von 1929 zu kaufen, den er nach und nach reparierte. Er flickte die gerissene Benzinleitung, indem er Schnürsenkel mit Seife bestrich und um den Schlauch wickelte. Wenn er eine Reifenpanne hatte, stopfte er den Reifen mit Heu und fuhr weiter. Der Ford hatte eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 60 Kilometern pro Stunde, aber er war sparsamer als ein neuer Cadillac. Er war so unkompliziert, dass man ihn mit Klebeband und Kaugummi reparieren konnte, sagte Chouinard gern. Mit anderen Worten: Er war perfekt.
Mit seinem eigenen Auto machte sich Chouinard im Sommer auf zu einem Roadtrip. Weder hatte er viel Erfahrung im Autofahren, noch darin, ein eigenverantwortliches Leben zu führen. Doch obwohl er noch minderjährig war, ließen ihn seine Eltern gewähren. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war der Westen noch dünn besiedelt, es gab nur endlose Straßen und herumwirbelnde Steppenläufer. Hasen rannten neben seinem Auto her. Insektenschwärme prallten gegen seine Windschutzscheibe. Aber der Ford war zuverlässig und brachte ihn ans Ziel. In der Mojave-Wüste fuhr er an neuen Buicks vorbei, die am Straßenrand mit offenem Motorraum standen und aus deren Kühler Dampf zischte. Nach einer Woche kam er in der Wind River Range an, einem Gebirgszug in Wyoming, wo er sich mit Prentice traf. Sein Freund aus dem Falknereiclub hatte ihm das Abseilen von Klippen gezeigt und wollte nun ihm und ein paar anderen Neulingen das Klettern beibringen.
Chouinard war bis zu diesem Zeitpunkt noch nie ernsthaft geklettert. Nun starrte er den Gannett Peak hinauf: der höchste Berg in Wyoming, ein fast 4270 Meter hoher, uralter Granitfelsen. Chouinard war überwältigt. Während sich die Gruppe auf den Aufstieg vorbereitete, gab Prentice eine kurze Einweisung in die Grundlagen des Kletterns, einschließlich der Verwendung von Karabinern. Für die meisten in der Gruppe, einschließlich Chouinard, war das alles neu, und man einigte sich darauf, den Schluchten zu folgen und eine relativ sichere Route zu nehmen. Aber Chouinard hatte keine Geduld für den scheinbar einfachen Weg nach oben und brach alleine auf. Mit Arbeitsstiefeln von »Sears, Roebuck« und seinem eigenen Seil erreichte Chouinard bei seinem ersten Versuch allein den Gipfel des Gannett Peak – eine bemerkenswerte Leistung für einen Anfänger. Als er den Gipfel erreichte, zogen Gewitter auf, und er sprintete über die Schneefelder hinunter, um dem Unwetter zu entkommen.
Von der Wind River Range fuhr Chouinard zu den Tetons – einer majestätischen Bergkette, die sich durch den Norden von Wyoming zieht. Er tauchte unangemeldet auf Campingplätzen auf und überredete erfahrenere Bergsteiger, ihn auf immer anspruchsvollere Touren mitzunehmen. Er lernte schnell und schloss sich bald einigen der besten Kletterer seiner Zeit an, darunter TM Herbert, Royal Robbins und Tom Frost. Sie schafften weitere Erstbesteigungen in den Tetons. Sie erklommen den Stoney Point und die Tahquitz Rocks, eine Wasserfalllandschaft in der Nähe von Palm Springs. Und sie wagten sich in das Yosemite Valley in Kalifornien vor, wo sich einige der größten Granitwände der Welt befinden.
Da er kaum Geld hatte, lernte Chouinard, mit fast nichts auszukommen. Er verzichtete auf ein Zelt und schlief stattdessen in einem Schlafsack unter freiem Himmel. Wenn es regnete, verkroch er sich unter einem Felsvorsprung oder suchte Schutz in einem dichten Waldstück. Bei mehrtägigen Klettertouren befestigte er seine Hängematte an einer Felswand und schlief tief und fest in einem Leinensack, der Hunderte von Metern über dem Erdboden hing. Bei schlechtem Wetter benutzte er einen alten Duschvorhang als improvisiertes Zelt. Mehrere Sommer lang schlug er sein Lager in den Tetons in einer verlassenen Müllverbrennungsanlage am Ufer des Jenny Lake auf, einer stillgelegten Anlage des Civilian Conservation Corps, einem Programm des New Deal, das arbeitslose Amerikaner zur Erhaltung von Grundstücken im Besitz der Regierung einsetzte. Während ihrer Klettertouren in Kanada warteten Chouinard und seine Mitstreiter, bis die anderen Kletterer aufgebrochen waren, und durchsuchten dann deren Lager nach Essbarem.
In der Wildnis ernährte sich Chouinard von selbst erlegten Stachelschweinen, Moorhühnern und Eichhörnchen. Um sein karges Essen aufzubessern, begann er zu angeln und knüpfte dabei an sein Hobby aus Kindertagen an. Oft kam er mit 50 Cent bis 1 Dollar pro Tag aus und aß kaum mehr als Kartoffeln oder Haferflocken. Einmal kauften er und sein Freund Ken Weeks auf dem Weg in die Rocky Mountains eine Kiste verbeulter Dosen mit Katzenfutter für fünf Cent pro Stück und aßen es über den Sommer hinweg auf. Ein anderes Mal verschwand er für einen Monat nach Mexiko, wo er sich von tropischen Früchten und Fisch ernährte, Skorpione verscheuchte und sein Surfbrett mit Votivkerzen aus der nahe gelegenen Kirche wachste. »Ich war ein Dirtbag-Kletterer«, sagte er. »Ich hatte überhaupt kein Geld, aß Katzenfutter und Erdhörnchen, und ich schlich mich in Gärten, um Obst zu stehlen.«3
Chouinard lebte am Rande der Gesellschaft und liebte es. Er nahm das Leben eines Dirtbags an und genoss es, dass die für ihn erfüllendste Tätigkeit – das Klettern an Granitwänden – keinen sozialen oder wirtschaftlichen Wert hatte. Klettern war für ihn ein Akt der Rebellion gegen ein konventionelles Leben und die Gesellschaft im Allgemeinen. Während andere junge Erwachsene zur Arbeit gingen, beschloss Chouinard, dass er seine Zeit besser in den Wäldern verbringen würde.
Doch selbst als er zu einer festen Größe in den Kreisen hartgesottener Kletterer wurde, blieb Chouinard eine zurückhaltende Persönlichkeit. Mit einer Größe von nur 1,63 Metern hatte er nichts von der imposanten Statur eines Spitzensportlers. Es war nicht einfach, Kontakt mit ihm zu schließen, und er wirkte oft ernst oder mürrisch. Statt sich unter Menschen zu mischen, zog er sich lieber mit seinen Büchern zurück. Chouinard legte sich eine kleine Bibliothek mit Werken von Transzendentalisten und Umweltschützern wie John Muir, Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau an. Er las viel und machte sich mit den Werken des französischen Alpinisten Gaston Rébuffat und des österreichischen Kletterers Hermann Buhl vertraut. Und obwohl er nicht religiös war, fand er in diesem selbst zusammengestellten Lehrplan eine Art einheitliche Weltanschauung: Die Natur sollte verehrt werden. Konventionelles Wissen sollte ignoriert werden. Der modernen Welt sollte man nicht trauen.
Über allem stand für ihn das Klettern. Er erklomm namhafte Gipfel und namenlose Hügel, bei gutem Wetter wie bei schlechtem. Während eines Sommers in den Tetons hatte er seine erste ernsthafte Begegnung mit dem Tod. Es geschah, als er und sein Freund Bob Kamps als Erste versuchten, eine Formation namens Crooked Thumb zu bezwingen. Chouinard war erschöpft. An einer Stelle gestaltete sich der Aufstieg besonders schwierig, aber er beschloss, es trotzdem zu versuchen. Er griff nach einem lose sitzenden Felsstück, das unter seinen Fingerspitzen nachgab. Im nächsten Moment stürzte er 50 Meter in die Tiefe. Das Seil fing ihn auf und dämpfte den Aufprall, aber er zog sich eine Schnittwunde am Bein zu, die bis auf den Knochen ging. Es wurde langsam dunkel, und die beiden Freunde mussten sich aus der Wand abseilen und durch den Wald hinunterklettern, während Chouinards Bein blutete. Am nächsten Tag ging er zum Arzt, der eine Stunde lang Kiefernnadeln, Blätter und Schmutz aus seiner Wunde entfernte.
Einen Monat lang musste Chouinard pausieren. Mehr als die körperlichen Verletzungen quälte ihn seine Fehleinschätzung. Nicht allein die Verletzung machte ihm zu schaffen. Er hatte eine falsche Entscheidung getroffen und wäre beinahe ums Leben gekommen. In den Jahren danach kam Chouinard immer wieder in ähnliche Situationen beim Klettern, und jedes Mal, wenn er kleine Griffe oder Überhänge vorfand, wurde die Erinnerung an den Sturz wach. Seine Beine zitterten und seine Hände verkrampften sich. Aber er konnte sich nicht vom Klettern lösen. Trotz der zerschundenen Fingerspitzen, der schmerzenden Muskeln und der überlasteten Gelenke wollte er das transzendente Erlebnis, an der Wand zu sein, nicht missen. Auch wenn es gut drei Jahre dauerte, bis er sein Selbstvertrauen vollständig zurückgewonnen hatte, wagte er sich schon bald wieder ans Klettern, diesmal sogar in noch gewagteren Höhen. Im Klettern hatte Chouinard nicht nur ein Hobby gefunden, sondern eine Identität. Es war mehr als ein Sport, es war ein Enigma, eine verschworene Gemeinschaft und eine unsagbare körperliche Herausforderung. Es war eine Lebensweise, die schließlich zu seiner Lebensgrundlage werden sollte.
Seine Ausrüstung setzte Maßstäbe
Nach seinem Highschool-Abschluss nahm Chouinard fast jeden Job an, um Geld zu verdienen. Er presste Heu, verdiente ein paar Dollar als Bergführer und half manchmal seinem Bruder Jeff, der als Chef der Leibwache des exzentrischen Luftfahrtingenieurs und Filmproduzenten Howard Hughes arbeitete. Wenn Jeff zusätzliche Manpower brauchte, sprang Chouinard ein. Manchmal bedeutete das, Hughes’ verschiedenen Liebschaften zu beschatten. Eine Zeit lang hatte Chouinard die Aufgabe, eine leere Yacht zu bewachen, die Hughes kaufen wollte. Hughes war ein notorischer Hygienefanatiker und wollte sicherstellen, dass niemand das Boot betrat, bevor er es in Besitz nahm. Also verbrachte Chouinard wochenlang 16 Stunden am Tag dort und schlief meist in seinem Auto. Zwischen seinen Gelegenheitsjobs versuchte Chouinard sich an einer Hochschulausbildung und belegte einige Jahre lang Geografiekurse an einem Junior College im San Fernando Valley, schloss diese jedoch nie ab. Das waren kaum die Voraussetzungen für eine echte Karriere.
Seine Berufung, so stellte sich heraus, lag wortwörtlich in seinen Händen. Mit zunehmender Klettererfahrung begann Chouinard sogenannte Pitons zu verwenden – Metallhaken, die in Spalten einer Wand geschlagen werden, um daran ein Seil zu sichern. Pitons, im Deutschen oft auch Felshaken genannt, sind denkbar einfache Kletterhilfen: Sie bestehen aus einer messerähnlichen Klinge, die zu einer Spitze zuläuft, und einem Ring am anderen Ende. Kletterer schlagen die Pitons mit einem Hammer in Felsspalten, befestigen daran einen Karabiner, sichern das Seil und wiederholen diesen Vorgang, um Stück für Stück immer höhere Wände zu erklimmen. Doch als Chouinard und seine Partner größere Herausforderungen in Angriff nahmen, stießen sie an die Grenzen ihrer Ausrüstung. Zunächst war da das Problem des Gewichts. Für einen mehrtägigen Aufstieg an den massiven Felswänden des Yosemite-Tals benötigte man Dutzende Pitons – eine erhebliche Last, die die ohnehin anstrengenden Touren zusätzlich erschwerte. Kleinere und leichtere Modelle wären ideal, wenn sie verfügbar gewesen wären. Ein weiteres Problem war die Haltbarkeit. Die meisten damals erhältlichen Pitons wurden aus relativ weichen Metallen in Europa hergestellt. Nach wenigen Schlägen in die harten Granitwände Yosemites verbogen sie sich und konnten nicht wiederverwendet werden. Schließlich entschied Chouinard, dass er seine Ausrüstung selbst herstellen musste. Zum einen gab ihm das Kontrolle über das nötige Zubehör, auf das er sich verlassen musste, um sicher zu klettern. Zum anderen sah er die Möglichkeit, damit auch etwas Geld zu verdienen.
Im Jahr 1957, als er noch bei seinen Eltern in Burbank lebte, erwarb Chouinard von einem Schrottplatz einen gebrauchten, 62 Kilogramm schweren Amboss und einen kohlebefeuerten Schmiedeofen. Zu Hause besorgte er das nötige Werkzeug und baute mit Hilfe seines Vaters einen Hühnerstall im Hinterhof zu einer Werkstatt um. »So verrückt es auch schien, seine Eltern haben ihn von Anfang an unterstützt«, erinnert sich Karen Frishman, eine langjährige Freundin der Familie. »Sie verstanden nicht, was er tat, aber sie haben ihm nie das Gefühl gegeben, dass sie sich wünschten, er würde es nicht tun.«4
Chouinard kannte sich durch die Zeit, in der er seinen alten Ford repariert hatte, mit Werkzeugen gut aus. Stahl hatte er jedoch noch nie bearbeitet. Also wandte er sich wieder den Büchern zu. Genau wie damals, als er sich über die Falknerei informiert hatte, ging er in die Bibliothek und lieh sich ein Buch über Schmiedekunst aus. Es dauerte nicht lange, bis Chouinard seine ersten Pitons herstellte. Er heizte den Schmiedeofen auf 200 Grad Celsius und erhitzte darin Stahlsplitter, bis sie wie geschmolzene Lava glühten. Sobald sie nicht mehr heißer werden konnten, holte er sie mit einer Zange aus dem Feuer, legte sie auf den Amboss und hämmerte sie in die gewünschte Form. Bei der Beschaffung der Rohstoffe improvisierte er – seine ersten Pitons fertigte er aus einer alten Stahlklinge, die er aus einer Erntemaschine geborgen hatte. Es war eine Innovation, die aus der Not geboren war, und es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Chouinard einen Gegenstand wiederverwendete. Während seiner gesamten Karriere war er ständig auf der Suche nach ungewöhnlichen Materialien, die sich für einen neuen Zweck eignen könnten.
Chouinard konnte beim Erlernen dieses neuen Handwerks auf gute Ratschläge zurückgreifen. Einige andere Kletterer aus der Gegend stellten ihre Ausrüstung ebenfalls selbst her, darunter John Salathé, ein esoterischer Schweizer Kletterer, der Wände erklomm, um Gott näherzukommen. Salathé hatte mehr oder weniger den wiederverwendbaren Felshaken erfunden und gab einen Teil seines Wissens an Chouinard weiter, der sich als gelehriger Schüler erwies. Nachdem er sich mit dem Amboss vertraut gemacht hatte, konnte Chouinard zwei Pitons pro Stunde herstellen. Und nachdem er seine Ausrüstung bei seinen eigenen Klettertouren an kalifornischen Klippen getestet hatte, begann er, die Haken für 1,50 Dollar pro Stück zu verkaufen. Das war deutlich mehr als die importierten europäischen Haken, die 15 bis 30 Cent pro Stück kosteten und aus Eisen, einem weicheren Metall, hergestellt waren. Aber Chouinard folgte einer Tugend, die er von seinem Vater übernommen hatte: »Er hat mir beigebracht, dass man, wenn man ein Werkzeug kauft, das absolut beste Werkzeug kaufen und es ein Leben lang behalten sollte«, sagte Chouinard. »Das ist viel besser, als ein billiges Werkzeug zu kaufen, das schnell kaputtgeht, und dann ein neues zu kaufen, das auch schnell kaputtgeht.«5
Chouinard überzeugte seine Kletterkollegen davon, dass seine Ausrüstung den Mehrpreis wert sei, und gewann schnell einige Anhänger. Seine Haken waren robuster, sodass sie ohne Verformung entfernt werden konnten. Und da ein Haken viele Male wiederverwendet werden konnte, war eine Anschaffung wirtschaftlich sinnvoll. Außerdem war es bei längeren Klettertouren nicht praktikabel, Dutzende von Haken mitzuschleppen. Die Kletterer erkannten, dass es besser war, nur eine Handvoll Haken mitzunehmen, die man immer wieder verwenden konnte. Als sich seine Haken zu verkaufen begannen, lernte Chouinard eine wichtige Lektion, die seine gesamte Karriere prägen sollte: Wenn er das beste Produkt herstellte, waren die Verbraucher bereit, einen höheren Preis zu zahlen. Anfangs galt dies nur für eine sehr spezielle Zielgruppe: eine kleine Gruppe von Extremkletterern. Sie brauchten die beste Ausrüstung, denn ihr Leben hing davon ab. Doch auch als sich sein Markt von einer Nische zum Mainstream entwickelte, galt weiterhin dasselbe Prinzip: Die Herstellung hochwertiger Jacken, Pullover und Taschen war zwar teurer, aber Kunden, denen Funktionalität und Langlebigkeit wichtig waren, waren bereit, mehr zu bezahlen, wenn die Qualität stimmte.
Um seine Freizeit nicht der Arbeit unterzuordnen, nahm Chouinard die Hakenproduktion einfach mit auf Reisen. Amboss und Material lagen im Kofferraum, und gearbeitet wurde, wo immer es passte – am liebsten an irgendeinem Strand. Mitte der 1950er-Jahre entdeckte Chouinard das Surfen für sich. Wie die Falknerei, das Freitauchen und das Klettern war Surfen damals eine Nischensportart. Doch die Wellen hatten eine berauschende Wirkung, und Chouinard brachte sich das Wellenreiten bei, inklusive aller unvermeidlichen Stürze. Da neue Surfbretter kaum zu bekommen waren, musste er auch für diese Leidenschaft sein eigenes Equipment anfertigen. Also ging er zu General Veneer, ein Bodenbelagsgeschäft in Los Angeles, kaufte für ein paar Dollar ein paar Balsaholzplanken und schnitzte sich zu Hause ein eigenes Surfbrett. Mit dem Brett im Gepäck fuhr er die kalifornische Küste entlang, immer auf der Suche nach guten Wellen. Er schlief in Strandnähe und arbeitete jeden Tag für ein paar Stunden an seinen Werkzeugen. Seine Produktvorräte wuchsen stetig und er lagerte sie über Monate hinweg ein, um sie in der Klettersaison in den Bergen an andere Kletterer zu verkaufen.
Auch wenn Chouinard zunehmend ambitionierter wurde, war es schwer, bei einem Stückpreis für Pirons von 1,50 Dollar seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Glücklicherweise stieß er, als er mit neuem Kletterausrüstungszubehör herumexperimentierte, auf eine neue Marktlücke: Nach dem Felshaken kam der nächste Durchbruch, als Chouinard sich daran machte, einen leichteren Karabiner herzustellen – einen wiederverwendbaren Clip, der aus der Ausrüstung eines Kletterers nicht wegzudenken ist. Die Herstellung von Karabinern war jedoch komplizierter als das Hämmern von Spikes auf dem Amboss. Um die Metallklammern zu gießen, benötigte er eine spezielle Maschine des Industrieunternehmens Alcoa. Mit Vollbart, Sandalen und abgewetzten Levi’s ging er zum Firmensitz in Los Angeles und kaufte eine maßgefertigte Aluminium-Formpresse, die er mit 825, 35 Dollar bezahlte, die er sich von seinen Eltern geliehen hatte. Sein Bruder Jeff stand der Investition skeptisch gegenüber: »Ich dachte: ›Was für ein Geschäft ist denn eine Formpresse, um Himmels willen?‹«6 Doch in Chouinards Händen erwies sich diese Formpresse als rentabel. Mit einer Standbohrmaschine und einer Schleifmaschine machte er sich daran, seine eigenen Karabiner herzustellen, einen nach dem anderen. Sie waren bei anderen Kletterern äußerst beliebt, und schon bald hatte Chouinard ein paar Freunde rekrutiert, die ihm bei der Produktion halfen, und die Karabiner verkauften sich fast schneller, als sie hergestellt werden konnten.
Wider Erwarten war Chouinard auf dem Weg, ein Geschäftsmann zu werden. Dabei hatte er keinerlei Interesse, eine Firma zu leiten. Hätte man ihn gefragt, er hätte sich als Schmied bezeichnet. Die Arbeit war auch nicht besonders lukrativ. Bei einer Gesamtgewinnmarge von nur 1 Prozent pro Jahr verdiente er kaum Geld. Doch Chouinard konnte nicht anders. Er brauchte die Felshaken und Karabiner. Er war ein erfahrener Kletterer, der wusste, wie man die vorhandene Ausrüstung verbessern konnte, und er war handwerklich geschickt genug, um diese Verbesserungen selbst umzusetzen. Es war zwar nur ein kleiner Betrieb, aber Chouinard beeindruckte die Leute. Obwohl es in den Vereinigten Staaten weniger als tausend ambitionierte Kletterer gab, machte Chouinard die meisten von ihnen zu seinen Kunden, einen nach dem anderen. »Chouinards Ausrüstung war einfach so viel besser«, sagte Royal Robbins, der damals beste Kletterer der Welt. »Seine Ausrüstung zeichnete sich durch ihre Innovativität und Qualität aus.«7
Je wagemutiger Chouinard als Bergsteiger wurde, desto innovativer wurde er als Designer. 1960 versuchte Chouinard zusammen mit seinem Kletterpartner Tom Frost den Kat Pinnacle, eine Felsformation im Yosemite-Nationalpark, zu besteigen. Als sie sich nach oben arbeiteten, stellten sie fest, dass die Risse in der Wand zu schmal waren, um herkömmliche Felshaken zu befestigen. Sie brauchten welche, die kleiner, schmaler und stabiler waren als alle, die es auf dem Markt gab. Selbst Chouinards beste Felshaken reichten nicht aus. Nach mehreren Versuchen brachen die beiden ihre Klettertour ab.
