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Ausgebrannt, einsam, verzweifelt: Als der Unternehmer Wolfgang Ködel Insolvenz anmelden muss, verliert er nicht nur seine Firma, sondern auch seine Familie, seine Freunde und sein Haus. Der Weg, den er nach diesem Zusammenbruch wählt, ist extrem: Er steigt aus und findet nur wenige Hundert Meter von seinem Haus entfernt ein neues Zuhause im Wald. Drei Jahre lebt er dort in einem Zelt, im Sommer wie im Winter, ohne Strom, ohne Feuer zu machen, mutterseelenallein, frei. Dann wird er von einem Spaziergänger entdeckt. Ehrlich und berührend erzählt das Buch vom Scheitern, von den Jahren im Wald und seinem Weg zurück in unsere Welt.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
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Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte wurden Namen, Orte und Personen verändert. Handlung und Gespräche beruhen auf wahren Begebenheiten, sind im Detail der Wirklichkeit aber nur nachempfunden und erheben nicht den Anspruch, die alleinige Wahrheit zu sein.
ISBN 978-3-492-97496-7
September 2016
© Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2016
Covergestaltung: Favoritbüro, München
Covermotiv: Bokica/shutterstock und Kenneth Bengtsson/plainpicture
Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell
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Ein Geräusch.
Ein Kratzen.
Ein leises Schleifen.
Tastende Schritte?
Im Haus ist es still. Die Wände schweigen, die Möbel verharren. Kein Atmen, kein Leben. Auch ich atme nicht, mein Puls sinkt, das Blut fließt zäh. Bin starr wie ein Tier im Winterschlaf.
Bin nicht da.
Schon fort.
Wieder ein Kratzen. Ein Scharren auch. Es kommt von draußen. So klang es oft, wenn sie kamen. Natürlich kamen sie tagsüber, meist am späten Nachmittag, nach der Arbeit. Die Männer trugen Sakkos, manchmal Anzüge, die Frauen hübsche Kleider, der Makler war jung und dynamisch, bei jedem Schritt federte er weich in den Knien. Er führte die Leute über den Vorplatz zum Haupthaus, und wenn sie eine Weile später wieder herauskamen, liefen sie erneut über den Platz und hielten auf mein Haus zu. Sie klopften an die Tür. Sie drückten den Klingelknopf; doch die Klingel war tot, der Strom längst abgestellt. Ich stand auf der anderen Seite der Tür und hielt den Atem an. Ich lauschte den Stimmen, energisch die der Männer, ein wenig aufgeregt die der Frauen. Sie klopften wieder, doch ich rührte mich nicht. Sie spähten durchs Fenster neben der Tür, liefen ums Haus herum, drückten ihre Gesichter an die Scheiben. Später, wenn ich die Lamellen der Jalousien vorsichtig auseinanderzog, sah ich die Abdrücke ihrer Nasen, ihrer Fingerkuppen.
Irgendwann gingen sie fort.
Doch ich wusste, sie würden wiederkommen. Sie oder andere. Würden die Tür aufbrechen und mich hinauszerren.
Aber nun habe ich einen Plan.
Das Schleifen auf der Straße wird leiser, entfernt sich, erstirbt schließlich. Die Nacht ist wieder still. Die Starre löst sich, ich atme wieder. Kein schlafloser Nachbar, der seinen Hund ausführt ... Kein weiterer Vorstoß des neuen Besitzers ...
Ich strecke die Hand nach der Säge. Die werde ich brauchen. Die Axt auch, beide Äxte. Ihre Klingen stoßen aneinander und klirren, als ich sie in die Tasche lege. Ich ziehe eine Schublade auf, nehme eine Kombizange heraus. Den Hammer? Ein paar Schraubenzieher? Die Brechstange?
Nein, nur das Nötigste.
Der Rest bleibt hier.
Mein Leben bleibt in diesem Haus zurück.
Vor drei oder vier Tagen hing ein Zettel an der Tür. Ich hatte seine Schritte gehört, hatte im Flur gestanden, als er klopfte, ungeduldig, fordernd. Ich hörte ihn meinen Namen rufen und seine Stimme klang scharf. Das Haus gehörte jetzt ihm. Er forderte sein Recht. Später, in der Nacht, als gegenüber die Lichter hinter den Fenstern erloschen waren, öffnete ich vorsichtig die Tür. Ein helles Rechteck im Dunkel und schiefe Druckbuchstaben: Auszug bis zum 13. Oktober, danach bestelle ich Container und räume. Leise schloss ich die Tür. Ich hatte keine Angst. Ich spürte weder Angst noch Wut noch Freude noch Traurigkeit noch Hoffnung. Ich war ohne Gefühl.
Lange schon.
Ich lege die Kombizange zu den Äxten und der Säge und zurre den Reißverschluss zu, als mein Blick auf das Seil fällt: Ein Kunststoffseil, zu einer Acht geschlungen, mit dem losen Ende zusammengebunden. Es liegt seit Jahren dort, ich kann mich nicht mehr erinnern, wozu ich es einmal gekauft habe. Ich öffne die Tasche und lege es zum Werkzeug.
Für alle Fälle.
Bäume gibt es genug im Wald.
Ich schließe die Kellertür und steige lautlos die Treppe hinauf. Lange schon bewege ich mich, ohne ein Geräusch zu verursachen. Unhörbar. Unsichtbar. Wie ein Dieb.
Nein ... wie ein Geist.
Im Wohnzimmer fallen Lichtstreifen der Straßenlaterne durch die Schlitze der Jalousien. Im Halbdunkel sehen die Möbel wie Fremde aus und der Boden ist voller Schatten, ein Mosaik aus Grautönen, aus runden und rechteckigen Formen. Zeitungen, Hemden, Kartons, Flaschen, ungeöffnete Briefe. Es riecht nach kaltem Rauch. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal gelüftet habe. Ich weiß auch nicht, wann ich das letzte Mal aufgeräumt habe. Lange Zeit trieb ich dahin, nichts berührte mich, nichts interessierte mich. Erst seit ich einen Plan habe, seit mir jener Gedanke kam, ein oder zwei Tage nachdem der Zettel an der Haustür klebte, und ich begonnen habe, Sachen in den Wald zu bringen, strömt eine ungewohnte Energie durch meinen Körper.
Ich gehe den Flur entlang ins Bad, nehme Zahnbürste, Zahnpasta, Duschgel. Den Nagelknipser. Den Handspiegel. Eine Schere. In der Küche zwei Gabeln, Löffel, Messer. Ein Brett, einen Becher, einen Topf. Nein, keinen Topf. Ich werde nicht kochen, Rauch würde mich verraten. Ich stelle ihn zurück.
Auch im Schlafzimmer ist der Boden von Zeitungen übersät. Ich habe sie im Müll gefunden – man findet viele Zeitungen im Müll und es macht keinen Unterschied, ob Nachrichten von heute, gestern oder irgendwann sind, die Welt dreht sich ohnehin ohne mich. Am Fußende des Bettes stapeln sich Kisten, überall liegen Kleiderhaufen, eine ausgebreitete Decke. Sie gehörte Sam. Sie schlief am liebsten in meiner Nähe. Auch das ist lange her.
Ich gehe ums Bett herum. Unter meinen Füßen etwas Weiches – ein Pullover. Ich hebe ihn auf und stopfe ihn in den Beutel. Kissen und Decken habe ich schon fortgebracht; die leere Matratze leuchtet wie eine Insel im dunklen Durcheinander, hell und nackt.
Genug jetzt.
Es reicht.
Ich gehe zurück ins Wohnzimmer. Im Schrank Ordner mit Papieren, Zeugnissen, Verträgen, Policen, Urkunden – bleiben hier. Auf dem Sideboard das Foto vom Vater, das Bild von der Mutter, von Margaretha, von Sam. Bleiben hier. Schachteln voller Fotos von Reisen, mit Peter und Karl in Frankreich, 1977, wir hatten gerade den Führerschein, mit Rainer auf Deutschlandtour, ein paar Jahre später, Bilder von Susanne, von Christine. Vergangenheit.
Altes Leben.
Bleibt hier.
In diesem Haus zurück.
Ich öffne eine Schublade, finde einen alten Walkman, stopfe ihn in den Beutel. Als ich mich umdrehe, fällt mein Blick auf den Bilderrahmen neben dem Fenster – das Herzogliche Bräustüberl in Tegernsee, verschwommene Schatten in einem Rechteck, doch ich kann mir jeden Pinselstrich ins Gedächtnis zurückrufen. Das Aquarell hatte mir auf Anhieb gefallen, als ich es zum ersten Mal sah, bei einem Maler im Ort. Wie von fremder Hand gesteuert durchquere ich den Raum, nehme das Bild von der Wand, löse es aus dem Rahmen und rolle es zusammen. Dann öffne ich die Tür des Sideboards und ziehe die Fototasche mit der Spiegelreflexkamera heraus. In der Ferne schlägt die Kirchturmuhr, vier Mal streng und unnachgiebig, dann fünf weitere Schläge, heller, freundlicher. Ich hänge die Fototasche über die Schulter, den Beutel, schlage meinen Kragen hoch und gehe den Flur hinunter zum Schlafzimmer. Ziehe die Vorhänge beiseite und die Jalousie hoch, öffne das Fenster, steige hinaus, ziehe es leise hinter mir zu.
Es ist dunkel, die Straße leer.
Die Welt schläft.
Ich gehe.
Schaue nicht zurück.
Die Luft ist frisch, die Nacht klar. Eine schmale Mondsichel steht am Himmel und es ist vollkommen still. Keine Autos, keine Menschen, selbst die Vögel schlafen noch. Meine Schritte auf dem Asphalt sind nicht zu hören; sogar jetzt, obwohl niemand da ist, der mich bemerken könnte, bin ich totenstill. Das Leise ist mir zur Natur geworden. Die Unsichtbarkeit. Das Sich-Verstecken, das Unter-den-Dingen-Hinwegtauchen.
Am Ende der Straße beginnt der Wald. Der Boden ist weich. Es riecht nach Regen und nassem Holz und ich folge dem Pfad, der leichten Rechtskurve, die er beschreibt, vorbei an der Bank, weiter auf dem asphaltierten Wegstück, ein leichtes Gefälle hinab. Auf halber Höhe verlasse ich den Weg, laufe durchs Unterholz, auf die Landstraße zu. Kein Auto links, kein Auto rechts. Nur ein Tier, das laut und durchdringend ruft. Ich überquere die Straße. Laufe abseits der Wege, unter Fichten und kahlen Buchen hindurch, steige über umgestürzte Bäume, ab und zu knackt ein Zweig, Gräser streifen meine Beine. Mein Atem geht immer langsamer und gleichmäßiger.
Ich fühle mich erleichtert.
Befreit.
Schnell wird das Unterholz dichter, ein beinahe undurchdringliches Dickicht. Ich bleibe stehen, orientiere mich. Mit Sam bin ich hier oft spazieren gegangen, abseits der Wege und Pfade. Sie war ein neugieriges Mädchen und immer für Abenteuer zu haben. Sie war mein bester Freund, doch wenn ich an sie denke, fühle ich nichts. Ich wusste, dass sie gehen würde.
Ein Schrei.
Wütendes Fauchen.
Rascheln im Laub und eine jähe Jagd.
Dann wieder Stille. Die Luft riecht nach Moos und feuchter Erde und ich taste mich vorsichtig weiter. Irgendwo hier, ganz nah, muss das Gefälle sein, die erste Stufe. Der Platz liegt auf halber Höhe eines Hangs, wer ihn nicht kennt, findet ihn nicht. Um mich herum kahle Bäume. Schatten gleiten über ihre Stämme, rutschen herab, fallen zu Boden. Nach einer Weile verschwindet der Mond hinter einer Wolke. Ich bleibe stehen, warte, bis meine Augen sich an die Schwärze gewöhnt haben. Bis sich langsam, wie in einem Traum, Bäume, Büsche, düstere Silhouetten aus der Nacht schälen. Ich spüre meinen Puls, das Klopfen hinter den Schläfen.
Vorsichtig taste ich mit den Schuhspitzen über den Boden, suche nach Unebenheiten. Als ich den Busch erreiche, der wie eine Wand den Zugang zum Platz verdeckt, bücke ich mich, schiebe die Zweige beiseite, krieche durchs Unterholz. Der Boden wird feuchter; der Grundwasserspiegel in den Auen ist hoch. Plötzlich rutsche ich, verliere das Gleichgewicht, greife nach den Zweigen, suche Halt. Reglos verharre ich in der Kälte. Als die Wolken den Mond endlich wieder freigeben, richte ich mich auf. Vor mir liegt ein steiles Gefälle.
Darunter der Platz.
Im Dunklen erkenne ich die Umrisse des noch verpackten Zelts. Die Tasche mit den Decken. Den Stuhl.
Ich weiß nicht, was geschehen wird.
Doch ich spüre, dass alles unwiderruflich hinter mir liegt.
Und etwas Neues beginnt.
Es war eine Zeit des Aufbruchs, der tief greifenden Veränderungen. In Moskau propagierte Michail Gorbatschow Glasnost und Perestroika und in Ostberlin erschrak Erich Honecker vor dem Volk der DDR, weil es gegen die Regierung zu rebellieren begann, in Scharen in die bundesdeutschen Botschaften in Prag und Warschau flüchtete oder über Ungarn rübermachte in den Westen. Zu dieser Zeit brach ich mein Studium ab, packte meine Sachen und zog aus der fränkischen Provinz nach München.
Ein Unternehmen, das mithilfe von CO2-Laserschneidanlagen Präzisionsteile für die Automobil- und Elektronikindustrie fertigte, bot mir einen Job an. Die Technologie war Ende der 1980er-Jahre relativ neu – Bleche, Stahl, Aluminium und andere Metalle ließen sich mittels Laserstrahlen präziser, schneller und kostengünstiger zuschneiden als mit herkömmlichen Verfahren. Doch die Anlagen waren teuer, die meisten Firmen scheuten die Investitionen. Mein neuer Chef erwies sich da als Pionier: Ein schmaler Mann um die sechzig, mit schütterem Haar, ein Bastler, der es liebte, in die Tiefen der Physik abzutauchen, über Materie, Energie und Einstein zu philosophieren, quanten-optische Experimente zur Wechselwirkung von Licht und Materie zu diskutieren und immer wieder neue Lösungen für alte Probleme zu suchen. Ums Betriebswirtschaftliche kümmerte sich unterdessen sein Vorarbeiter.
»Die Entdeckung der Weltformel steht noch aus«, raunte er an meinem ersten Tag und zwinkerte mir verschmitzt zu.
»Na ja«, antwortete ich. »Daran ist sogar Einstein gescheitert.«
Er hielt inne. Seine Augen blitzten und etwas sagte mir, dass das nicht nur Schalk war.
»Sie interessieren sich für Einstein?«
»Sehr.«
Er nickte. Dann schlurfte er zurück in sein Labor.
Neben der Liebe zur Physik teilten Dr. Lorenz und ich eine tiefe Begeisterung für hingebungsvolles Gefrickel. Er hatte ein kleines, hoch spezialisiertes Team von Maschinenbauingenieuren um sich versammelt und jeden Tag schrieben wir neue Programme für rechnergestützte Abläufe und arbeiteten mit Hightech-Apparaturen, die keiner von uns je zuvor gesehen hatte. Es war aufregend. An der Fachhochschule hatte ich Semester für Semester graue Theorie gelernt – jetzt konnte ich endlich praktisch arbeiten. Ich tüftelte und probierte, suchte und fand Lösungen, verwarf sie, fand neue, bessere, verwarf auch die, suchte weiter. Ich gab mein Bestes und Dr. Lorenz bemerkte es und gab mir immer kompliziertere und verantwortungsvollere Aufgaben, in die ich mich immer tiefer hineinkniete.
Die Zukunft lag vor mir wie ein ausgerollter Teppich.
Im Frühjahr 1989, meine Probezeit war gerade vorüber, sprach mich ein Kollege an. Mike Mosner war schon länger in der Firma, er arbeitete an der Laserschneidanlage, war erfahren und gut. »Ich will mich selbstständig machen«, sagte er. »Machst du mit?«
Erstaunt sah ich ihn an.
»Du bist einer der Besten hier.«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe noch viel zu wenig Erfahrung.«
»Die Zeit ist günstig«, sagte Mike.
Ich schüttelte den Kopf.
»Warum sollen bloß andere von deiner Arbeit profitieren? Wir verdienen mehr, wenn wir unsere eigene Firma gründen. Ich sage dir, die Kunden werden uns die Bude einrennen.« Sein Ton hatte etwas Drängendes, beinahe Beschwörendes.
Ich zögerte.
Und schüttelte wieder den Kopf. »Ich fürchte, ich bin da nicht der Richtige.«
»Meine Güte, jetzt denk doch mal nach.« Ungeduldig schilderte Mike seinen Plan: Wir würden investieren, eine Halle mieten, ich würde die CNC-Programme schreiben, er die Schneidmaschine bedienen. In ein paar Wochen würden wir anfangen zu produzieren, schon im ersten Jahr könnten wir 300 000 D-Mark Umsatz machen, und wenn das Auftragsvolumen unsere Kapazitäten übersteigen würde, würden wir Leute einstellen, er wüsste auch schon, wen. Er hatte alles x-mal durchgespielt.
»Na ja«, sagte ich und spürte ein diffuses Unbehagen. »Die Idee ist nicht schlecht. Aber der Zeitpunkt ...«
»Der Zeitpunkt könnte gar nicht besser sein. Wir werden uns am Markt etablieren, bevor die Konkurrenz es tut!« Er sah mich an. Seine Augen glänzten und seine Wangen schienen zu glühen. »Überleg’s dir.«
Ich zögerte.
Und schüttelte ein weiteres Mal den Kopf.
»Nein.«
Er sah mich an, als sei ich von Sinnen.
Dann wandte er sich ab und stapfte mit schweren Schritten zurück an seine Maschine.
In den Tagen darauf dachte ich immer wieder an unser Gespräch. Mein Vater hatte daheim einen Hof bewirtschaftet, ich wusste, wie viel Arbeit die Selbstständigkeit machte, aber auch, welche Freiheit und Selbstbestimmtheit sie bot. Ja, vielleicht würde ich mich auch selbstständig machen, irgendwann, in ein paar Jahren. Aber nicht jetzt.
Doch Mike ließ nicht locker. »Mensch, du hast Maschinenbau studiert, du kannst programmieren, du bist geschickt und fleißig. Du wärst genau der richtige Mann.«
»Danke«, sagte ich. »Aber du beherrschst deinen Job auch gut. Warum machst du’s nicht allein?«
Er biss sich auf die Lippe und kurz durchfuhr mich der Gedanke, dass er mich vielleicht nicht nur wegen meiner Programmierkenntnisse ausgesucht hatte. Traute er sich den Schritt in die Selbstständigkeit allein nicht zu? Fürchtete er das finanzielle und unternehmerische Risiko?
»Ich brauch jemanden, der programmieren kann«, sagte er und fuhr sich über die Stirn; ich war gerade dreißig geworden, Mike war sogar noch ein Jahr jünger, trotzdem gingen ihm bereits die Haare aus. »Dafür habe ich jede Menge Kontakte – du wirst sehen, die ersten Aufträge kriegen wir in Nullkommanix!«
Risiko – das Wort hallte wieder und wieder durch meinen Kopf. Eine Laserschneidanlage kostete mindestens 250 000 D-Mark, wahrscheinlich sogar eine halbe Million. Wir würden ein Darlehen aufnehmen müssen. Wir brauchten eine Halle und Mitarbeiter. Wir mussten Material einkaufen, Aufträge vorfinanzieren, Steuern zahlen, Sozialversicherung für die Angestellten, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaubsgeld, Weihnachtsgratifikationen. Was, wenn wir zu früh am Markt waren? Wenn sich die neue Technik erst in ein, zwei Jahren durchsetzte? Oder gar nicht? Was, wenn aus anderen Gründen, an die jetzt niemand dachte, keine oder nicht genügend Aufträge reinkämen? Wir stünden vor einem riesigen Berg von Schulden und laufenden Kosten ...
Mir wurde schwindelig.
»Keine Sorge, mit Betriebswirtschaft kenne ich mich aus«, sagte Mike, als läse er in meinem Gesicht.
»Mhh.«
Er legte seine Hand auf meine Schulter. »Überleg’s dir«, sagte er und sah mich wieder mit diesem beschwörenden Blick an. »So eine Chance hat man nicht oft im Leben.«
Ich spürte, wie etwas in mir ins Rutschen geriet.
Mike konnte reden. Im Umgang mit Kunden strahlte er eine Selbstsicherheit aus, wie ich sie mir oft wünschte. Er überzeugte alle und wirkte dabei nie unangenehm oder aufdringlich, sondern seriös und sympathisch. Die Leute mochten ihn. Ich mochte ihn auch. Er war ein guter Kumpel, abends oder am Wochenende gingen wir öfter ein Bier trinken. Egal, wo wir hinkamen, Mike kannte überall Leute, und wenn er wirklich einmal niemanden kannte, dauerte es nie lange, bis er jemanden kennenlernte. Das gefiel mir. Ich war eher der ruhige Typ und außerdem fremd in München – durch Mikes lockere Art lernte ich Menschen kennen, die ich nicht kennengelernt hätte, wenn ich allein losgezogen wäre. Auch innerhalb der Metallbranche war Mike gut vernetzt, und vielleicht konnte er die technische Entwicklung auch besser einschätzen, er war ja schon länger dabei. Wobei ... auch mir war klar, dass sich die Lasertechnik durchsetzen musste: Die Zeitersparnis war enorm, die Materialausnutzung effizienter, die Rentabilität auch bei kleinen Stückzahlen höher. Die Produktionskosten ließen sich deutlich senken, die Gewinnmargen stiegen. Alles sprach dafür, dass die Nachfrage bald rasant wachsen würde.
Es war bereits Sommer, als wir an einem Freitagnachmittag nebeneinander über den Firmenparkplatz liefen. »Wir sind jetzt zu zweit«, sagte Mike. »Überleg dir, ob du doch noch einsteigen willst.« Seine Schritte klangen fest auf dem Asphalt; er ging wie einer, der ein klares Ziel hatte.
»Wer ist der Zweite?«, fragte ich.
Mike sah sich um. Wir waren allein, die Letzten, die die Firma verließen.
»Kann ich nicht sagen«, raunte er.
Ich maß ihn mit prüfendem Blick. »Na, das würde ich schon gern wissen.«
Er zog ein Gesicht, das alles Mögliche bedeuten konnte. »Schon klar, aber im Moment kann ich keine Namen nennen. Nur so viel: Es ist ein sehr potenter Kunde.«
Ich blieb stehen.
»Ein Kunde?«
Mike nickte.
»Ein Kunde ... den wir auch beliefern?«
Er zuckte mit den Schultern.
Ich stieß etwas Luft zwischen den Zähnen aus.
Und dann kam mir ein Verdacht. »Also ... wenn es der ist, an den ich denke ...«
Mike zuckte mit den Schultern.
»Ist ja nicht grad die feine Art.«
»Phhh.« Wieder zuckte er mit den Schultern, als wolle er sagen: Was kann ich dafür? »So läuft’s eben in der Branche.«
Ich schob die Hände in die Hosentaschen. »Na ja, also wenn es der ist, an den ich denke, und wenn das so ist ... dann hätten wir tatsächlich bald eine Menge Aufträge.«
»Hör mal.« Mike holte Luft und machte einen Schritt auf mich zu. »Wir können uns eine gol-de-ne Nase verdienen.« Er stand so dicht vor mir, dass ich seinen Zigarettenatem roch.
Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück.
»Überleg’s dir gut.« Seine Stimme bebte beinahe vor Eindringlichkeit.
Dann wandte er sich um, drückte auf die Funktaste seines Autoschlüssels und die Rücklichter seines Autos blinkten aufgeregt. Wie ein Hund, dachte ich, der mit dem Schwanz wedelt, weil er sich freut, sein Herrchen zu sehen.
Ein paar Wochen später – in Berlin sollte bald die Mauer fallen und Helmut Kohl würde von blühenden Landschaften sprechen – hatten wir einen Termin bei einem Unternehmensberater.
»Sie wissen, wie man Preise kalkuliert?«
Mike nickte. »Selbstverständlich.«
»So, dass Sie nicht nur Umsatz machen, sondern auch Gewinn?« Der Mann wirkte nicht unfreundlich, aber sehr korrekt, wogegen nichts einzuwenden war, schließlich ging es um Zahlen, und ein Existenzgründungsberater konnte ruhig etwas Buchhaltermentalität mitbringen. Auf jeden Fall war ich froh, dass er keiner von diesen aalglatten BWLern war, die ich aus dem Studium kannte und vor denen mir immer grauste.
»Keine Sorge, Dr. Graudinger.« Mikes Ton war verbindlich, doch seine Miene schwankte zwischen Beschwichtigung und Amüsement. »Mein Partner und ich kennen den Unterschied zwischen Umsatz und Gewinn.«
Dr. Graudinger schob seine Goldrandbrille zurück. »Entschuldigung, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.«
»Keineswegs.«
»Sie ahnen nicht, wie viele Leute, die ein Unternehmen gründen wollen, den Unterschied nicht kennen.«
Mike nickte verständnisvoll.
»Dann kann ich auch davon ausgehen, dass Sie mit den Grundlagen der Gewinn-und-Verlust-Rechnung vertraut sind?«
Mike nickte. »Selbstverständlich.«
Ich nickte ebenfalls.
Der Unternehmensberater lächelte, ein wenig nur, aber doch deutlicher als bisher.
»Debitorenbuchhaltung?«, fragte er. »Cashflow? Controlling?«
Mike lehnte sich zurück. Mit dem Zeigefinger strich er über seine rechte Augenbraue und er sah aus, als denke er über das Gesagte nach. »Wir sind keine BWL-Profis«, sagte er schließlich. »Natürlich werden wir unsere Buchhaltung in kompetente Hände geben. Aber wir wissen schon, worüber wir hier reden.«
Der Unternehmensberater lächelte, nun wirklich, sein schmaler Mund verzog sich zu beiden Seiten. Ich biss mir auf die Lippe – Mike konnte es einfach. An der Fachhochschule hatte ich zwei Semester Betriebswirtschaftslehre belegt, trotzdem trat ich nicht annähernd so sicher auf wie er. Das unterschied uns: Ich beantwortete höflich eine Frage, die man mir stellte – Mike überzeugte. Auch mich hatte er am Ende überzeugt: Nachdem er mir den Namen des potenziellen dritten Partners genannt hatte – ein Großkunde unseres bisherigen Arbeitgebers, der einsteigen würde, wenn wir ihn bevorzugt belieferten –, hatte ich zugestimmt, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. In der CNC-Programmierung fühlte ich mich inzwischen recht sicher und an Dr. Lorenz sah ich, dass eine eigene Firma zu führen kein Hexenwerk war. Wo wir an Grenzen stießen, würden wir uns eben Know-how von außen holen. So wie jetzt.
Mike zog eine Mappe aus seinem Aktenkoffer. »Schauen Sie, Herr Dr. Graudinger, wir haben schon einmal einen ersten Entwurf für einen Businessplan erstellt.«
Dr. Graudinger hob eine Braue, ein spitzes, auf den Kopf gestelltes V ragte über seinen Brillenrand. Dann schlug er die Mappe auf. Er las Seite für Seite, blätterte ab und zu zurück, nickte, blätterte vor, runzelte die Stirn, machte sich Notizen. Er las langsam und gründlich und verströmte dabei den stillen Charme einer bebrillten Büroklammer.
»Ich kenne da jemanden«, hatte Mike gesagt, als wir überlegten, wer uns bei der Existenzgründung helfen könnte.
»Aber nicht so einen BWL-Schnösel!« An der Hochschule hatte ich gelernt, dass fast alle Klischees, die man über Betriebswirtschaftsstudenten hörte – glatt, geldgeil, FDP-Wähler –, stimmten.
»Keine Sorge, der Mann ist grundsolide. Ein Bekannter, der sich vor zwei Jahren als Betongutachter selbstständig gemacht hat, hat ihn mir empfohlen.«
Nun saß ich diesem grundsoliden Mann gegenüber und sah zu, wie er unseren Plan vor sich auf den Tisch legte. Dr. Graudingers grauer Anzug war nur eine Schattierung dunkler als seine Gesichtsfarbe, sein weißes Hemd ordentlich gebügelt und seine Krawatte eine von denen, die man von wohlmeinenden Tanten und Müttern zu Weihnachten bekam: blau, mit kleinen, etwas heller blauen Karos.
»Das ist schon mal eine gute Grundlage«, sagte er. »Ein paar Positionen sollten wir allerdings noch optimieren.«
In den kommenden Wochen erstellten wir eine Finanzplanung, listeten erforderliche Investitionen und voraussichtliche Betriebskosten auf, kalkulierten Fertigungsgemeinkosten und Fertigungseinzelkosten, Abschreibungen, Zinsen, Raumkosten und Maschinenstundensätze, Zuschläge, Preise, Lohnkosten, Umsatz, Gewinn. Auf der Fahrt nach Hause brummte mir jedes Mal der Schädel. Zugleich spürte ich, wie sich eine ungekannte Zufriedenheit in mir ausbreitete: Je konkreter unsere Planungen wurden, desto ungeduldiger sehnte ich den Tag herbei, an dem es endlich losging.
Schließlich bereiteten wir die Kreditverhandlungen mit der Bank vor. »Ich könnte Ihnen einen Termin arrangieren«, sagte Dr. Graudinger. Wieder trug er einen grauen Anzug, ein weißes Hemd, nur die Krawatte war diesmal braun, mit kleinen, etwas heller braunen Karos. Doch genau dafür schätzte ich ihn inzwischen – für die Berechenbarkeit und Unaufgeregtheit, mit der dieser Mann durchs Leben zu gehen schien und mit der er die Grundlagen unserer Zukunft plante.
»Natürlich nur, wenn Sie das möchten.«
Mike und ich nickten.
Dr. Graudinger nannte den Namen eines Bankhauses.
Mikes Augen leuchteten.
Vier Wochen später quietschten die Gummisohlen unserer Schuhe auf dem Marmorboden, als wir die Bankfiliale in der Münchner Innenstadt betraten. Die Empfangshalle glich einer Hotellobby – eine Rezeption aus poliertem Holz und Messing, mehrere Grünpflanzen – Palmen? Ich kannte mich da nicht aus – und kleine Sitzgruppen, die man zwischen den Blumenkübeln arrangiert hatte. Eine Frau mit kirschrotem Mund bat uns, Platz zu nehmen, sie würde unserem Gesprächspartner mitteilen, dass wir eingetroffen seien. Ihre sorgfältig manikürte Hand deutete auf eine der Sitzgruppen. Ihr Kostüm saß tadellos, ihr Haar war zu einem eleganten Dutt geschlungen. Alles hier verströmte den Geruch von Geld. Von sehr, sehr viel Geld. Ich fühlte mich wie jemand, der eigentlich nur eine Tafel Schokolade kaufen wollte und sich unversehens in einer Chocolaterie zwischen Pralinés und Trüffeln wiederfand.
»Nicht schlecht, Herr Specht.« Mike pfiff leise durch die Zähne, als wir zu den Sesseln hinübergingen. Er gab sich cool, doch er war beeindruckt, sehr beeindruckt. Geld beeindruckte ihn immer. Vorsichtig setzte ich mich in einen Ledersessel.
»Bloß keine falsche Bescheidenheit.« Mike ließ sich in die Polster sinken. »Sie verdienen an uns.« Er machte eine Geste, als gehöre alles ringsherum ihm. »Ohne Leute wie uns könnten die sich das hier gar nicht leisten.«
»Na ja ...« Ich sah mich um und ließ Mikes Worte durch den Raum wehen. Vorsichtig streckte ich die Beine aus. Im nächsten Moment zog ich sie wieder an.
Nach einer Weile lächelte der kirschrote Mund erneut über dem Tresen. »Herr Mosner? Herr Ködel?«
Unsere Sohlen quietschten, als wir das Foyer durchquerten und in den Fahrstuhl stiegen.
»Lasertechnik«, sagte ein smarter Jüngling in der dritten Etage. »Damit lässt sich Geld verdienen?«
»Geld wie Heu.« Rasch glitt Mikes Blick über den gläsernen Schreibtisch, den Chefsessel, ein Laptop, ein Mobiltelefon, die Kunst an den Wänden. Dann bemerkte er den irritierten Blick des Bankberaters.
»Ich meine«, er lächelte, »Lasertechnik ist eine sehr innovative Zukunftstechnologie, die in den kommenden Jahren den Markt umkrempeln wird.« Er neigte den Kopf, wie um etwas abzuwägen – dann erklärte er, dass CO2-Laserschneidanlagen ein thermisches Trennverfahren nutzten, bei dem innerhalb einer Laserquelle ein Strahl erzeugt, über Spiegel in einen Schneidkopf geleitet und dort mittels einer Linse fokussiert wurde, sodass dieser Strahl mit einer extrem hohen Leistung äußerst schnell, sauber und präzise schnitt, sodass CNC-gesteuerte CO2-Laser sogar komplizierteste Formen in kürzester Zeit produzierten, und zwar auf allerhöchstem qualitativem Niveau. Er erklärte, in welchen Bereichen Laser bereits eingesetzt wurden, in welchen man sie in einigen Jahren einsetzen würde und warum sie das Potenzial hatten, eine ganze Branche zu revolutionieren. Sprich, warum ihnen ganz einfach die Zukunft gehörte.
Smarties Gesicht blieb skeptisch.
