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Tessa, eine junge Businessfrau, soll auf Wunsch ihres Vaters Kontakt zu einem Mann aufnehmen, der zurückgezogen in der Natur lebt. Der Eigenbrötler hat bisher alle Angebote zum Verkauf seines Waldes abgelehnt. Ein scheinbar leichter Auftrag für die hübsche und an Erfolg gewöhnte Stadtlady, die sich das Vertrauen mit den Waffen einer Frau erschleichen will. Dass sie dabei mitten in ein echtes Märchen gerät, kann sie selbst erst gar nicht glauben. Denn Fin, der Mann in den Wäldern, wie er spöttisch in den Medien genannt wird, stellt schon bald ihre ganze Welt auf den Kopf.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
von Christiane Fischer
Edition Paashaas Verlag
Titel: Der Mann in den Wäldern
Autor: Christiane Fischer
Originalausgabe Januar 2026
Covermotiv: Pixabay - ai-generated-9058690
Covergestaltung: Michael Frädrich
Lektorat: Manuela Klumpjan
© Edition Paashaas Verlag, www.verlag-epv.de
Printausgabe: ISBN: 978-3-96174-283-7
Kontaktdaten gemäß der Verordnung 2023/988 zur allgemeinen Produktsicherheit (General Product Safety Regulation-GPSR):
Edition Paashaas Verlag, M. Klumpjan, Im Lichtenbruch 52, 45527 Hattingen, [email protected]
Produktion: Libri Plureos, Friedensallee 273, 22763 Hamburg
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
https://dnb.d–nb.de abrufbar
Das Sonnenlicht fiel durch die bodentiefen Fenster ihres Penthouses, flutete den Raum. Die Stadt darunter lag noch dunstig im Morgengrauen. Die Dächer glänzten, der Asphalt schimmerte feucht. In der Ferne fuhr ein Zug, kaum hörbar. Alles war gedämpft, wie durch eine Käseglocke.
Tessa öffnete langsam die Augen. Ihre Wange ruhte auf einem Kissen aus weicher Maulbeerseide. Der Duft von Moschus, Alkohol und teurem Parfum hing noch in der Luft. Neben ihr atmete jemand. Vertraut in der Art, wie es Fremde oft sind, wenn sie im Dunkeln zu viel Nähe getauscht haben. Sie hob den Kopf. Der Mann – irgendein Name mit M – lag noch nackt unter der beigefarbenen Kaschmirdecke. Der goldene Morgen malte Schatten über seine Schultern. Er sah gut aus, auf eine harmlose Art. Aber da war nichts. Nichts.
„Guten Morgen“, murmelte er verschlafen und lächelte, als wäre da etwas Besonderes zwischen ihnen beiden gewesen letzte Nacht.
„Morgen“, sagte Tessa, stand auf, ging zum Fenster. Ihre Schritte waren leise auf dem kalten Marmorboden. Über ihr wölbte sich die raumhohe Decke mit eingelassenen Lichtleisten, wie auf dem Deck eines Luxusdampfers. An der Wand hing ein Original von Schneider-Hofer. Die Küche aus dunklem Holz und gebürstetem Stahl glänzte wie ein Ausstellungsstück.
Er kam hinterher, zog sich das Laken um die Hüfte. „Ich könnte Frühstück machen. Ich koche echt gut. Rührei? Oder Pancakes?“
Sie drehte sich nicht um. Die Stille zwischen ihnen war plötzlich messerscharf.
„Nein“, sagte sie ruhig. „Ich esse morgens nie.“
„Okay“, zögerte er. „Kaffee? Ich könnte …“
„Du solltest gehen.“ Ihre Stimme war glatt. Nicht laut. Aber eindeutig.
Einen Moment lang blieb er stehen, als hätte er etwas nicht gehört. Dann nickte er, langsam. „Alles klar. Ja. Klar.“
Sie wartete, bis sich die Tür hinter ihm schloss. Dann ging sie zur Espressomaschine, stellte sie an, beobachtete, wie die dunkle Flüssigkeit tropfte. Das Zischen und Glucksen war das einzige Geräusch im Raum, sonst war es still. Tessa trank einen Schluck, lief zum Fenster, blickte hinaus und sah über ihr die Dächer, wo der Tag langsam erwachte. Sie trat ins Bad. Es war ein gläserner Raum wie aus einem Architekturmagazin. Weißer Stein, messingfarbene Armaturen, Duftkerzen in akkurat gesetzten Gruppen. Sie ließ heißes Wasser über sich laufen, lange, bis Dampf den Spiegel beschlug. Ihre blonden Haare klebten an ihren Schultern, ihr schlanker Körper zeichnete sich hinter dem Glas wie eine Skulptur ab. Traummaße, perfektioniert durch Disziplin, Gesichtsbehandlungen, Pilates und eine Prise Gleichgültigkeit gegenüber allem, was nicht zu kontrollieren war. Sie stieg aus der Duschkabine, ging ins Schlafzimmer. Dort blieb sie eine Weile nackt vor dem riesigen Spiegel stehen. Ihre Haut glänzte, ihre Augen blickten durch sich hindurch. Dann öffnete sie den begehbaren Kleiderschrank. Designerkleider reihten sich farblich sortiert wie in einer Galerie. Sie strich über Seide, über Leder, blieb bei einer Jeans hängen, schob sie wieder weg. Nichts schien zu passen. Es dauerte.
Schließlich entschied sie sich für einen cremefarbenen Jumpsuit, schlicht, aber makellos. Sie trug Make-up auf. Schmuck? Nur kleine Ohrstecker. Auf den Lippen? Ein Hauch Rosé. Natürlich auch Parfüm, klar. Der Rest war sowieso perfekt.
Sie sah aus wie jemand, der alles im Griff hatte. Und fühlte – nichts.
Der Klang ihrer Absätze halte selbstbewusst durch die marmorgefliesten Flure der Meininger-Group, die Firma ihres Vaters, ihrer Arbeitsstelle. Tessa war wie üblich perfekt dezent geschminkt. Parfüm ging um sie wie ein blumiger Schleier. Mit ihren vierundzwanzig Jahren war sie eine Erscheinung, wie aus einem Modelkatalog gestiegen. Genau so wollte sie auch gesehen werden. Sie hatte sich daran gewöhnt, dass sich Türen öffneten, ihr Blicke folgten und Stimmen verstummten, sobald sie einen Raum betrat. In ihrer Welt bedeutete Schönheit eine Art Macht – und Geld war alles im Leben, was wichtig war.
Selbstsicher drückte Tessa die Türklinke herunter und betrat geradewegs das Büro ihres Vaters. Der Raum war hallenartig. Ein Schreibtisch aus Mahagoni, dahinter ein imposanter Stuhl, der eher an einen Thron erinnerte, war zu ihrer Linken zu erkennen. Mittig war ein kleines Minigolf-Feld aufgebaut. Reichlich helles Tageslicht fiel durch körpergroße Fenster. Schränke, vollgepackt mit Akten, waren am Ende des Raumes zu sehen und wirkten aufgrund der Entfernung nicht wirklich zugehörig. Georg Meininger griff nach einer Fernbedienung und schaltete den Flachbildfernseher hinter sich an der Wand an, rückte mit seinem Schreibtischstuhl ein Stück zur Seite, damit seine Tochter die laufende Sendung mitverfolgen konnte. Ein Dokumentarfilm über ein 300 Hektar großes Stück Land des Thüringer Waldes flimmerte über den Bildschirm. Ein Reporter berichtete über einen außergewöhnlichen Bewohner des Waldes. Der junge Mann lebte schon sein ganzes Leben dort. Er hatte den Wald von seiner Mutter geerbt. Mit einem Mal schaltete Georg den Fernseher aus.
Tessa hob eine Augenbraue. „Und?“
Georg schnaubte. „Und? Der Typ steht mir im Weg.“
Tessa ging nicht auf seine Äußerungen ein und kam zum Punkt. „Das Konzept steht“, verkündete sie mit einem Lächeln, das mehr Glanz als Wärme trug, während sie ihrem Vater die Präsentation auf dem Tablet zeigte – ein futuristischer Freizeitpark, irgendwo in Thüringen. Rollercoaster, Virtual-Reality-Arenen, Designer-Cafés, Spa-Tempel. Alles unter dem Banner: "Zurück zur Natur – aber bitte mit Stil."
Georg rieb sich eine seiner grauen Schläfen und schaute konzentriert auf die Idee seiner Tochter. Er nickte kaum merklich. „Wir brauchen dieses eine Grundstück. Das da, das Waldstück.“ Er wendete sich ab vom Tablet und zeigte auf eine Karte, die mittlerweile ausgebreitet auf seinem Schreibtisch lag. Er deutete auf das Areal darauf, ein grüner Fleck, eingerahmt von Nichts. „Der da drin wohnt, weigert sich zu verkaufen.“
„Der Waldmensch aus dem Video?“, fragte Tessa, amüsiert die Augenbraue hebend.
„Fin heißt er. Die Medien nennen ihn bloß "Der Mann in den Wäldern", obwohl hier eigentlich die Rede von einem Wald ist. Wahrscheinlich klingt das besser für diese Pressefuzzis.“ Georg entließ ein spöttisches Lachen. „Der Mann in den Wäldern ist eigenbrötlerisch, unberechenbar. Ein Spinner. Ich habe schon drei meiner Angestellten zu ihm in den Wald geschickt. Sie alle haben ihm ein Angebot gemacht, einen fairer Preis für sein Land geboten. Nach jeder Ablehnung habe ich den Angebotspreis erhöht. Doch nichts zu machen." Georg schüttelte nachdenklich den Kopf und steckte sich eine Zigarette an. „Dieser Hinterwäldler ist dickköpfig und stur. Aber du, mein Schatz … du findest sicher einen Weg.“
Sie wusste, was das bedeutete. Ihre Rolle: Charme, Verführung, Raffinesse. Auch ein kleines bisschen Schauspiel. Wie immer würde Tessa ihren Vater nicht enttäuschen. In all den Jahren gab es nur ihn und sie. Sonst niemanden.
„Du wirst diesen Fin einen Besuch in seinem heiligen Wald abstatten und ihm ein bisschen den Kopf verdrehen. Sobald er die Liebe für sich entdeckt hat, wird er Geld brauchen, um seiner Angebeteten etwas bieten zu können. Dann werde ich zuschlagen.“ Unwillkürlich schlug er mit der Faust auf den Tisch, so dass Tessa zusammenzuckte. Georg lachte schelmisch. „Wenn diesen Auftrag irgendjemand bewältigen kann, dann meine Tochter.“ Er grinste breit und siegessicher. Tessa nickte stumm.
***
Als sie im Privatjet Richtung Thüringen flog, dachte sie an teure Schuhe, glitzernde Nägel, Rooftop-Bars mit Seeblick – nicht an Erde unter den Füßen, Mückenstiche oder Männer mit Bärten, die Kräuter sammelten.
Doch es war etwas an der Sache, das ihr Herz ein wenig schneller schlagen ließ. Nicht aus Angst. Ein Flüstern war in ihr, das sie noch nicht kannte.
Etwas, das nach Moos roch und nach Geheimnis schmeckte.
Der Morgen hatte sich langsam aus der Dunkelheit geschält. Feine Nebelschleier hingen zwischen den Bäumen. Fin stand barfuß im feuchten Moos, das kühl gegen seine Sohlen drückte. Seine Hände waren rot gefärbt von den Beeren, die er mit ruhigen, geübten Bewegungen in ein geflochtenes Körbchen legte. Holunder, Waldheidelbeeren, ein paar späte Walderdbeeren. Es war nicht viel, aber genug für Tee und ein wenig Sirup. Der Wald war nicht einfach nur still, er war durchdrungen von Lauten, die nur zu hören waren, wenn man das Hören nicht erzwang: das in der Ferne flötende Rufen eines Pirols, das leise Rascheln von Kleingetier im Unterholz, das regelmäßige Tropfen der Nachtfeuchte von Blättern, die das Licht nur zögerlich hindurchließen. Ein paar Meter entfernt, unter einer umgestürzten Buche, saß ein kleiner Vogel. Die Flügel waren unregelmäßig angewinkelt. Zweifelsohne war er verletzt. Fin hatte ihn gestern am Waldrand gefunden. Seitdem hatte er ihn in eine Moosnische gebettet, mit warmem Wasser versorgt, weiche Insekten gesammelt und kleine Fetzen Apfel hingelegt. Er sprach leise mit dem Tier, beinahe tonlos. Sanft hob er das flatternde Wesen auf, um die Stellung des Flügels zu prüfen. Sein Gesicht war ruhig wie immer – und doch lag darin etwas Abwesendes, ein Schatten, der sich nicht benennen ließ. Er lebte nicht an diesem Ort, weil es romantisch war. Auch nicht, weil er etwas suchte. Er lebte im Wald, weil die Welt draußen zu laut war. Zu grell. Zu schnell. Der Wald war nicht nur sein Zuhause, er war seine Grenze. Er schützte Fin, indem er ihn verbarg. Vor Blicken. Vor Fragen. Vor dem, was in ihm war und für andere nicht greifbar.
Er war einst in der Stadt, nur kurz. Es war Neugierde. Dort hatte er zu viel gespürt. Zu viel gehört, gesehen, gewusst. Das Leben dort war ein Strom, der ihn fortgerissen hätte. Im Wald aber war alles langsamer. Klarer. Echtes Leben. Erde, Blut, Atem.
Ein Reh trat leise aus dem Dickicht, sah ihn lange an. Es zuckte nicht, sondern bewegte sich weiter, als wäre er selbst ein Wildtier oder ein Schatten. Er richtete sich auf, das Körbchen in der einen Hand, der verletzte Vogel in der anderen. Auf dem schmalen Pfad, der sich zwischen Farn und Heidelbeersträuchern hindurchschlängelte, lag das Licht wie zerbrochenes Glas. Er würde später Tee kochen. Vielleicht einen Sud aus Fichtennadeln und schreiben. Wenn der Wind günstig stand, konnte man fast die Stadt riechen. Etwas lag in der Luft, etwas, das er noch nicht einordnen konnte.
Doch noch gehörte der Tag dem Wald. Und dem, was er in sich barg.
Der Wald hatte seine Farbe gewechselt. Das satte Grün des Tages war dunkler geworden, tiefer, beinahe blauschwarz. In den Wipfeln der Bäume rauschte es leise, doch der Wind reichte kaum bis zum Boden. Dort stand die Luft schwer und harzig. Tessa schlug sich durch feuchtes Unterholz, Zweige kratzten an ihren bloßen Armen. Ihre teure Seidenbluse war an mehreren Stellen zerrissen. Ihre Füße in den hellen Lederslippern waren längst wund gelaufen.
„Verdammter Mist“, fauchte sie, als sie zum wiederholten Male in einen Brombeerstrauch trat, dessen Dornen sich mit gemeinem Vergnügen in ihren Knöchel bohrten. Kein Handy-Empfang. Keine Menschenseele. Nur Vogelrufe, das Surren von Insekten, das Knacken von Ästen unter ihren eigenen, zitternden Schritten. Sie war seit Stunden unterwegs, hatte jede Orientierung verloren. Das Hotel – ein abgelegenes, aber edel restauriertes Jagdhaus – war mindestens eine Stunde Autofahrt entfernt. Ein Fahrer hatte sie gebracht, sie hatte großspurig auf die Wegbeschreibung verzichtet. „Ich finde das schon“, hatte sie gesagt. Inzwischen hasste sie sich dafür. Für ihren Stolz. Für diese ganze verdammte Idee. Für die Vorstellung, sie könnte hier draußen jemanden wie Fin einfach so zufällig begegnen. Sie blieb stehen und stützte die Hände auf die Knie. Ihre Stirn war feucht vom Schweiß, der nicht nur von der Hitze kam. Der Wald war unheimlich schön, ja. Er war wie eine Kathedrale aus uralten Baumriesen und moosbedeckten Stämmen. Licht fiel golden auf den Boden, tanzte geschmeidig auf und ab. Überall war Farn zu sehen. Der Wald war jedoch auch abweisend, groß und gleichgültig. Tessa sog die Luft ein. Waldluft. Schwer roch sie nach Erde, Laub, einem Hauch von Pilzen. Tessa war nicht gemacht für diese Welt, das wurde ihr mit jedem Schritt deutlicher. Dennoch war etwas in ihr, das sich daran festklammerte. Sie wollte ihn sehen. Sofort! Als sie weiterlief, wurde der Boden uneben. Altes Laub lag überall, verbarg Wurzeln und Gruben. Tessa achtete nicht mehr richtig darauf. Sie wollte nur vorwärts. Der Wald dämmerte bereits, wurde schweigsamer, kühler. Dann geschah es: ein falscher Schritt, ein plötzliches Nachgeben. Mit einem erstickten Aufschrei rutschte sie über eine feuchte Wurzel, strauchelte und fiel in einen Graben, den sie im Halbdunkel nicht gesehen hatte. Der Aufprall war hart. Sie spürte sofort den Schmerz. Der rechte Fuß war abgewinkelt, zu steil, zu falsch. „Nein …“, flüsterte sie, unfähig, es zu glauben. Sie wollte aufstehen, aber ein stechender Schmerz durchzuckte ihren Knöchel, heiß und scharf. Sie rollte sich zur Seite und rang nach Luft. Der Waldboden war kühl unter ihrem Rücken. Über ihr zogen sich die Baumkronen zu, ein Gitter aus Schatten und letzter Helligkeit. Die Stille, die eintrat, war mit einem Mal beängstigend. Tessa biss sich auf die Lippen, um nicht laut zu schreien. Sie war allein. Doch irgendwo da draußen war Fin.
Ein kühler Wind streifte durch das Laub, als Fin die schwere Holztür seiner Hütte hinter sich schloss. Auf seiner Schulter saß Kaschu, eine Waldohreule mit sanft gemustertem, braunem Gefieder, das fast nahtlos in das schummrige Licht der Hütte überging. Ihre markanten Federohren wippten leicht, während sie aufmerksam die Umgebung musterte. Drinnen herrschte gedämpftes, flackerndes Licht. Die Einrichtung war schlicht – eine Hütte wie aus dem späten 18. Jahrhundert, aus grob behauenem Holz gebaut, mit nur dem Nötigsten versehen.
Gleich rechts neben der Tür stand eine massive Feuerstelle aus Stein, tiefschwarz vom Ruß vergangener Jahre.
