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Bei seinem Amtsantritt als Trainer beschwor Jürgen Klopp die Fans des FC Liverpool: »Change from doubters to believers!« — »Werdet von Zweiflern zu Gläubigen!« Der englische Traditionsverein, der seit 1990 keine Meisterschaft mehr gewonnen hatte, setzte erstmals auf einen deutschen Trainer. Die Hoffnung war groß, dass der charismatische Coach den lang ersehnten Erfolg wieder an die Anfield Road zurückbringt – er sollte Fans und Funktionäre nicht enttäuschen. Die Journalistin und Liverpool-Expertin Melissa Reddy erzählt die wahre Geschichte von Jürgen Klopps sensationeller Wiederbelebung des FC Liverpool, die im Champions-League-Triumph 2019 und der ersten nationalen Meisterschaft seit 30 Jahren gipfelte. Damit ist sie ein Stück großer Fußballliteratur, mitreißend erzählt und mit einer Fülle unbekannter Details, die die Autorin in direkten Gesprächen mit Spielern, Fans, wichtigen Mitarbeitern und natürlich dem Meistermacher selbst zusammengetragen hat.
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2021
MELISSA REDDY
DER MEISTERMACHER
MELISSA REDDY
Wie Jürgen Klopp in Liverpool unsterblich wurde
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1. Auflage 2021
© 2021 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
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Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Die englische Originalausgabe erschien 2020 bei Harper Collins Publishers Ltd. unter dem Titel Believe Us. © 2020 by Melissa Reddy. All rights reserved.
Melissa Reddy asserts the moral right to be acknowledged as the author of this work.
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Übersetzung: Egbert Baqué
Redaktion: Dr. Ulrich Korn
Umschlaggestaltung: Karina Braun, München
Umschlagabbildung: IMAGO / Sportfoto Rudel
Satz: Andreas Linnemann, München
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-7423-1821-3
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1528-8
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1529-5
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Premier-League-Rekorde, die Liverpool 2019/20 aufstellte oder übertraf
Jürgen Klopps Rekorde
Ein gespaltener Klub
Die perfekte Lösung
Eine Veränderung in der Psychologie
Methode statt Geld
Stärkung abseits des Spielfeldes
Wiedererwecken der Fanbasis
Groß verlieren, um groß zu gewinnen
Mentalitätsmonster
»500 verschiedene Möglichkeiten«, zu gewinnen
Eine beispiellose Saison
Ein Vermächtnis hinterlassen
Danksagungen
Über die Autorin
Meiner Familie, meinen Freunden, Kollegen und Lesern, die an mich glaubten.
Dies ist ein Ergebnis Eurer Unterstützung und Ermutigung.
25-PUNKTE-ABSTAND
Liverpool weist in der Saison 2019/20 einen Vorsprung von 25 Punkten an der Tabellenspitze auf, den größten Abstand in der Geschichte der englischen Topliga.
24 AUFEINANDERFOLGENDE SIEGE
Liverpool hat in der Saison 2019/20 in der Premier League 24 Heimsiege in Folge erzielt und damit den Rekord von Manchester City (20) aus den Jahren 2011 bis 2012 übertroffen.
FRÜHESTER TITELGEWINN
Mit dem Titelgewinn sieben Spiele vor Saisonende übertraf Liverpool den frühesten Titelgewinn von Manchester United in der Saison 2000/01 und den von Manchester City in der Saison 2017/18 – beide gewannen die Liga fünf Spiele vor Saisonende.
110 PUNKTE
Mit dem 1:0-Sieg bei Tottenham Hotspur am 11. Januar 2020 stellte Liverpool einen Rekord von 104 Punkten in 38 aufeinanderfolgenden Premier-League-Spielen auf und übertraf damit die 102 Punkte von Manchester City und Chelsea aus den Jahren 2018 beziehungsweise 2005. Nachdem der Klub im Februar 2020 West Ham United mit 3:2 besiegt hatte, baute Liverpool seinen Rekord auf 110 Punkte aus.
SCHNELLSTES ERREICHEN VON 30 SIEGEN
Der 3:1-Erfolg über Brighton & Hove Albion am 8. Juli war der 30. Sieg der Reds in dieser Saison, und sie erreichten diese Marke in einem Premier-League-Rekord von 34 Spielen.
BESTER SAISONSTART ALLER ZEITEN
Mit 61 Punkten aus den ersten 21 Spielen holte Liverpool die meisten Punkte, die jemals in dieser Phase in einer der fünf Topligen Europas erzielt wurden. Die Liverpooler bauten diesen Rekord weiter aus, gewannen die folgenden sechs Spiele und holten 79 Punkte aus den ersten 27 Partien, bevor sie in Watford verloren.
DIE MEISTEN HEIMSIEGE IN EINER SAISON
Mit dem 5:3-Heimsieg gegen Chelsea hat Liverpool nun wie die Blues, Manchester United und Manchester City 18 Heimspiele in einer Premier-League-Saison gewonnen.
DIE MEISTEN SIEGE IN EINER SAISON
Mit dem 3:1-Sieg im letzten Spiel bei Newcastle United zog Liverpool mit den 32 Siegen von Manchester City in der Saison 2017/18 und 2018/19 gleich.
Er absolvierte 50 Pflichtspiele (in allen Wettbewerben) in weniger Tagen als jeder andere Liverpooler Trainer in der Geschichte (217 Tage).
Klopp gewann 26 seiner ersten 50 Liga-Spiele – nur Kenny Dalglish und Bill Shankly hatten eine bessere Siegquote.
Er blieb in seinen ersten 6 Spielen in allen Wettbewerben ungeschlagen – der längste Lauf ohne Niederlage seit Bob Paisley und der drittlängste aller Trainer, die jemals an der Spitze von Liverpool als Liga-Verein im Fußball standen.
Unter dem Deutschen benötigte Liverpool 48 Liga-Spiele, um die Marke von 100 Toren zu erreichen. Sie wurde, wie nur einmal – 1986 – unter Kenny Dalglish, mit den wenigsten Spielen in der Topliga erreicht.
Klopps erster Torschütze als Trainer der Reds war ebenfalls ein Deutscher – Emre Can gegen Rubin Kazan in der Europa-League im Oktober 2015.
Er wurde der erste Liverpool-Trainer in der Geschichte, der seine ersten 3 Derby-Spiele als Trainer gewann.
Sein Team brauchte 197 Spiele, um 400 Tore zu erzielen – das war schneller als unter jedem anderen Reds-Boss.
Liverpool sammelte 300 Liga-Punkte in 146 Spielen – die wenigsten Spiele, die je ein Reds-Boss benötigte, um diesen Meilenstein zu erreichen.
Klopp hat in seinen ersten 150 Liga-Spielen mehr Siege (92) errungen als jeder andere Liverpooler Trainer in der Geschichte.
Im Jahr 2019 wurde er nach Dettmar Cramer, Jupp Heynckes, Ottmar Hitzfeld und Udo Lattek der fünfte deutsche Trainer, der den Europapokal der Landesmeister/Champions League gewann.
Er war der erste Trainer überhaupt, der eine englische Mannschaft in seinen ersten drei Spielzeiten im europäischen Wettbewerb in drei europäische Endspiele führte.
Spiele, die Liverpool unter Klopp nach einem Rückstand noch gewinnen konnte (alle Wettbewerbe):
2015/16: 6 von 22 (27 %)
2016/17: 5 von 11 (45 %)
2017/18: 3 von 14 (21 %)
2018/19: 5 von 8 (63 %)
2019/20: 6 von 11 (55 %)
»Wir sind immer noch dabei, die Fehler der früheren Verantwortlichen rückgängig zu machen. Das geht nicht über Nacht.«
JOHN W. HENRY
Fußball machte keinen Spaß mehr und bot auch nicht mehr die erwünschte Ablenkung. Der Liverpool Football Club war einst »das großartigste Team, das die Welt je gesehen hat«, doch das war er schon lange nicht mehr. Fünfundzwanzig Jahre lang sah der Verein zu, wie andere Klubs – vor allem Manchester United – ihn als die Crème de la Crème Englands verdrängten. Der unbedingte Wunsch, den Liga-Titel zu gewinnen, zermürbte Spieler und Mitarbeiter zunehmend, während die Fangemeinde in Enttäuschung versank. Auf knappe Niederlagen folgten komplette Abstürze. Es gab Triumphe in Pokalwettbewerben und Momente, die man ewig auskosten kann, aber es war nie genug. Im September 2015 war Liverpool, so ein langjähriger Mitarbeiter im Melwood-Trainingszentrum des Klubs, auf einen »Haufen von Einzelteilen reduziert, die nicht das Gefühl hatten, zusammenzugehören. Es war alles andere als ein angenehmer Ort. Es war klar, dass die Fans die Schnauze voll hatten, es war erkennbar, dass die Spieler am Absaufen waren, und es gab Streit im Trainerstab. Nichts fühlte sich richtig an.«
Liverpool war in Anfield mit einer demoralisierenden 0:3-Niederlage gegen West Ham in den Monat gestartet, der unmittelbar darauf eine kleinmütige Kapitulation und eine 1:3-Niederlage in Old Trafford gegen Manchester United folgte. Als Trainer Brendan Rodgers gefragt wurde, was nötig sei, um das Schicksal der Mannschaft zu ändern, gab er nur leere Fußballersprüche von sich – »Wir müssen den Ball mehr wollen, wir müssen härter trainieren« –, was die Bedenken von Liverpools Eigentümern noch verstärkte.
Die Fenway Sports Group (FSG) befürchtete, dass der dunkle Schatten der Saison 2014/15, die mit einer miserablen Leistung beim Ausscheiden im FA-Cup-Halbfinale gegen Aston Villa begann und mit einer 1:6-Demütigung bei Stoke City endete, sich bis weit in die neue Saison erstrecken würde. Man betrachtete die Länderspielpause im Oktober als das perfekte Zeitfenster, um das Drehbuch zu zerreißen und neu zu beginnen. Mit Ausnahme des Merseyside-Derbys gegen Everton im Goodison Park, dem letzten Spiel vor der Länderspielpause, stand eine Reihe von durchaus gewinnbaren Spielen an – darunter vier Heimspiele –, mit denen sich Rodgers einen Aufschub seiner Entlassung verdienen konnte.
Aber Liverpool stolperte in der Europa League zu einem 1:1-Unentschieden in Bordeaux, bevor es eine Woche später in Anfield gegen Norwich City in der Ersten Liga das gleiche Ergebnis gab. In der dritten Runde des Liga-Pokals kam das schwache Carlisle United nach Merseyside, und die Gastgeber konnten sich nach einer torreichen Partie nur durch das Elfmeterschießen durchsetzen. Auf den Rängen in Anfield herrschte eine giftige Atmosphäre, und es gab keine Anzeichen, dass sie sich verflüchtigen würde, zumal die Fans einen wenig überzeugenden 3:2-Heimsieg gegen Aston Villa und ein weiteres 1:1 in Europa erlebten, diesmal gegen den wenig bekannten FC Sion.
Während die Geschehnisse auf dem Spielfeld als klare, von Buhrufen aus der Fankurve untermalte Desaster abgehakt werden konnten, wurde in der Vorstandsetage entschieden gehandelt.
Liverpools damaliger Vorstandsvorsitzender traf Mitte September eine Entscheidung, die den Lauf der Liverpooler Geschichte verändern sollte. Er rief Marc Kosicke, den Agenten von Jürgen Klopp, an, was zu einem Skype-Gespräch zwischen den beiden Männern führte. Ein persönliches Treffen zwischen dem Deutschen, der nach seinem Rücktritt bei Borussia Dortmund vier Monate zuvor in Urlaub war, und der Liverpooler Führung wurde für den 1. Oktober 2015 in New York anberaumt – den Tag des lethargischen Auftritts des Vereins gegen den FC Sion. Aber dazu später mehr.
In Melwood konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Brendan Rodgers’ Zeit abgelaufen war. Für einige war es eine Überraschung, dass der Nordire nach dem Horrorauftritt bei Stoke, der mit Steven Gerrards Abschiedsspiel für Liverpool zusammenfiel, noch im Amt war.
Trainer schaffen es selten, sich unbeschadet aus den Trümmern solcher Gräuel zu befreien, erst recht, wenn große Teile jener Saison 2014/15 ohnehin am besten vergessen werden sollten.
Auch die Unterstützer waren schockiert. Neil Atkinson, Organisator des preisgekrönten Fanmedienkollektivs The Anfield Wrap, schrieb: »Wenn Rodgers zu Beginn der Saison 2014/15 kein Mann war, der mit sich selbst kämpfte, so war er es am Ende definitiv – und die Sache mit dem Kampf mit sich selbst ist, dass man dabei immer verliert.
Liverpool hat verloren. Sie verloren und verloren und verloren. Und dann Stoke. Stoke brachte das Fass zum Überlaufen – wie kann man einem Mann vertrauen, der die Verantwortung für eine Niederlage von 1:6 trägt? Für diejenigen, die dabei waren, würde Stoke lange in Erinnerung bleiben. Was soll man da machen? Wie kann man in einem solchen Fall Brücken wieder aufbauen? Ihn über diesen Punkt hinaus behalten zu haben, fühlt sich jetzt für ihn härter an als für uns.«
Eine Entscheidung, ob er nach dem Desaster im Britannia-Stadion bleiben oder sich verziehen sollte, war nicht einfach. Die Besitzer hatten nach dem aufregenden, aber gescheiterten Titelkampf 2013/14, dem der Abgang von Luis Suárez nach Barcelona folgte, mit Anlaufschwierigkeiten gerechnet. Trotz der vielen Kontroversen, die ihn umgaben, war Suárez der Bezugspunkt und der Treibstoff für Liverpools Ambitionen gewesen, und wie Rodgers später meinte, »explodierte die ganze Sache«, als der Uruguayer weiterzog.
Nachdem Liverpool im Sommer zuvor dessen Wechsel zu Arsenal blockiert hatte, wusste man, dass Suárez 2014 gehen würde und kam dem zuvor, indem man ihn an einen neuen Vertrag mit einer höheren Ausstiegsklausel von 75 Millionen Pfund Sterling (£) band. Für einen Spieler mit seinen Fähigkeiten war das immer noch ein Schnäppchen, aber Barça holte ihn sich für 10 Millionen £ weniger als jenen Betrag, nachdem Suárez vier Monate lang für alle fußballerischen Aktivitäten gesperrt war, weil er bei der Weltmeisterschaft den italienischen Verteidiger Giorgio Chiellini in die Schulter gebissen hatte.
Liverpool hatte viel Zeit, sich auf ein Leben ohne seinen Talisman vorzubereiten, hat es aber verpatzt. Es kam zu einem Verlauf, der damit begann, dass der vorrangig begehrte Alexis Sánchez stattdessen zu Manchester United wechselte, worauf der nächste Ausgesuchte folgte, Loïc Rémy von Chelsea, der jedoch die medizinische Untersuchung nicht bestand, bevor die letztmögliche Wahl zwischen einem gealterten Samuel Eto’o und Mario Balotelli getroffen wurde. Rodgers hatte öffentlich gesagt, dass er den Letztgenannten »absolut« nicht wolle, doch der eigenwillige Italiener war der Spieler, den er bekam.
Balotelli war einer der acht Neuzugänge für die erste Mannschaft, die für 107,5 Millionen £ gekauft wurden, um den Verlust von Suárez abzufedern. Es war weder die klügste Herangehensweise noch die beste Verwendung des Geldes, das dem Trainer zur Verfügung gestellt wurde, und andere Mitglieder von Liverpools Transferkomitee waren, wie ein leitender Mitarbeiter es ausdrückte, bei der Gestaltung des Kaders »nicht im selben Buch, geschweige denn auf derselben Seite«.
Bei so vielen Neuzugängen war die FSG der Ansicht, dass es eine Art Neustart geben würde. Adam Lallana – der Mittelfeldspieler aus Southampton kostete 25 Millionen £ – war Teil dieser großangelegten Rekrutierungsaktion während des Sommertransferfensters 2014. Er erinnert sich, wie mühselig seine Debütsaison war. »Es wurden so viele neue Spieler verpflichtet: Viele verschiedene Kulturen, Charaktere, Sprachen und Spielstile kamen da zusammen«, sagt Lallana, der schließlich sechs Jahre in Anfield verbrachte, bevor er im Juli 2020 zu Brighton & Hove Albion wechselte.
»Es war für uns eine große Umstellung, aber auch für die Jungs, die schon im Verein waren. Wir brauchten Zeit, um uns einzuleben, aber die Erwartungshaltung war riesig. Liverpool hatte Suárez verloren und Sturridge war verletzt, also waren die Torjäger praktisch aus dem Team genommen, doch es gab immer noch diesen Druck, noch einen draufzusetzen und die Meisterschaft zu gewinnen. 2014/15 war es ein wirklich schwieriger Verein, und die Dinge fühlten sich zusammenhanglos an.
Die Art und Weise, wie die Saison mit der 1:6-Niederlage bei Stoke City endete, war demoralisierend. Dann verloren wir auch noch Stevie [Gerrard] und Raheem [Sterling]. Das hat den Druck nur erhöht, und der war erheblich. Es herrschte mehr Angst vor als Freiheit, und das Selbstvertrauen war alles andere als ausgeprägt.«
Als sich die FSG mit Rodgers zusammensetzte, um eine derart erbärmliche Saison zu analysieren, betonte man, dass nicht nur die lustlosen Leistungen ein Problem darstellten, sondern auch die furchtsame Atmosphäre rund um den Verein und die fehlende Richtung. Obwohl die Eigentümer die mildernden Umstände anerkannten – die Umstrukturierung des Teams nach Suárez’ Weggang, die verletzten Spieler, die Neuzugänge, die sich erst einleben mussten –, war man der Ansicht, dass der Trainer nicht das Beste aus der Mannschaft herausgeholt hatte. Zudem nutzte er seine eigenen Möglichkeiten nicht aus, indem er die Spieler, die er eigentlich nicht im Verein haben wollte, nicht vollständig integrierte, ihnen nicht vertraute und ihre Stärken nicht maximierte.
Bei der FSG hatte man das Gefühl, dass nicht genug Ideen und unterschiedliche Standpunkte gefördert wurden, da der Mitarbeiterstab des Trainers im Wesentlichen nur seinen Plan unterstützte, statt Lücken aufzuzeigen oder Vorschläge zu machen.
Rodgers akzeptierte, dass eine Auffrischung des Teams im Hintergrund nötig war, um die Probleme zu lösen. Sein langjähriger Assistent Colin Pascoe wurde entlassen und der Vertrag des Assistenztrainers der ersten Mannschaft, Mike Marsh, nicht verlängert. Im Trainingszentrum war man mit beiden Entscheidungen nicht einverstanden, und die Spieler und Mitarbeiter gaben ihre Ansichten offen kund. Noch schlimmer war die Wahl von Sean O’Driscoll als neuer Assistenztrainer.
»Als sich diese Veränderungen auswirkten, hat sich die Dynamik komplett verschoben«, sagt ein Mitarbeiter, der eng mit dem Team im Hintergrund zusammenarbeitet. »Das hat niemandem gefallen. Sean hatte eine völlig andere Meinung als Brendan und widersprach dessen Philosophie offen und auf sehr schroffe Weise. Er sagte zum Beispiel, ›Warum sollen wir von hinten aus aufbauen, wenn wir nicht die Spieler dafür haben? Schlagt einfach lange Bälle.‹ Er stellte sich gegen die Vorstellungen des Trainers, und das war der Mannschaft sehr unangenehm, da wir uns mit ihm auseinandersetzen mussten.
Wir mussten alle an einem Strang ziehen, wir brauchten Beständigkeit, wir brauchten Wiederholungen, wir mussten von unserem Plan überzeugt sein, aber das alles hatten wir nicht. Sean hat viele Leute auf die falsche Fährte gebracht. Sein Auftreten, seine Persönlichkeit, seine Art, mit Menschen zu reden, entsprach nicht dem, was wir gewohnt waren. Alles war anders, alles war in der Schwebe und fühlte sich nicht richtig an.«
Der ehemalige Liverpool-Spieler Gary McAllister wurde ebenfalls als Co-Trainer der ersten Mannschaft verpflichtet, während der Niederländer Pep Lijnders von der Akademie zum Entwicklungstrainer der Erstliga-Mannschaft befördert wurde.
»Es gab wahrscheinlich zu viel, was neu war, zu viel, was wir in einer Vorsaison, in der wir einfach loslegen mussten, herauszufinden hatten«, so der Mitarbeiter weiter. »Der Umgang mit Sean war die größte Herausforderung, an die man sich gewöhnen musste. Es war offensichtlich, dass es nicht funktionieren würde, und es war offensichtlich, dass es sehr schnell nicht funktionieren würde.«
In jenem Sommer hoffte man bei der FSG noch, dass Rodgers und sein Trainerstab Liverpool wieder auf den richtigen Weg bringen könnten; man musste ihm den Rücken stärken. Jürgen Klopp, ihre ideale Neubesetzung, wollte »nach sieben intensiven und emotionalen Jahren« bei Borussia Dortmund seine Batterien wieder aufladen und »bis auf Weiteres eine Pause einlegen«.
Bei allem Unbehagen der Eigentümer darüber, wie weit sich Liverpool von der erwarteten Richtung entfernte, so wurde dies doch durch die verbliebene Freude an der Saison 2013/14 ausgeglichen, in der der Verein den Premier-League-Titel nur um zwei Punkte verpasste und 101 Tore erzielte. Und trotz all seiner Fehler als junger Trainer war Rodgers ein geschickter Taktiker und leistete auf den Trainingsplätzen ausgezeichnete Arbeit. Obwohl er sich in der Saison 2014/15 eher durchwurstelte, war er noch immer der amtierende Trainer des Jahres der League Managers Association. Talente wie Luis Suárez, Daniel Sturridge, Raheem Sterling und Philippe Coutinho haben sich unter seiner Führung weiterentwickelt und sind zu einer gefürchteten kreativen und offensiven Vierergruppe auf dem Platz geworden.
»Er hat mir bei meinen Läufen geholfen, zum richtigen Zeitpunkt in den Strafraum zu kommen und dabei von weit her angespielt zu werden, was meinem Selbstvertrauen zugutekam«, erklärte Suárez zwei Jahre später, nachdem er Anfield verlassen hatte. »Wir haben hart daran gearbeitet, Wege zu finden, wie ich Spieler isolieren und dann versuchen kann, sie, Mann gegen Mann, zu schlagen. Das war die einzige Möglichkeit, wie ich in England erfolgreich sein konnte … Ich hatte nicht genügend Erfahrung und musste mich an die Premier League, die Brendan kannte, gewöhnen. Er weiß alles über den englischen Fußball und hat mich dazu angeleitet, erfolgreich zu werden.«
Als Manchester City im Juli 2015 49 Millionen £ für Sterling zahlte – damals eine Rekordsumme für einen englischen Spieler –, lag das vor allem an dem positionellen und taktischen Geschick, das der Stürmer bei Rodgers gelernt hatte.
Als sich Brendan Rodgers im Juni 2012 von Swansea City trennte, um Trainer beim FC Liverpool zu werden, wurde seine Rundumsicht auf das Spiel, die er sich auf Reisen durch Europa erworben hatte, um sich in verschiedenen Ligen, Vereinen und auf Basis der Vorstellungen unterschiedlicher Trainer weiterzubilden, positiv bewertet. Er konnte mit den Spielern in mehreren Sprachen kommunizieren und war bei denen, die er in Liverpool nicht ausgrenzte, sehr beliebt.
Während Rodgers die schmerzliche Angewohnheit hatte, in Oberflächlichkeit zu verfallen und bei jeder Gelegenheit sein eigenes Licht unter den Scheffel zu stellen, erinnern sich die meisten im Verein an ihn als einen herzlichen Menschen, der eine unermüdliche Arbeitsmoral hatte. Seine Jugendjahre in einer Sozialsiedlung in Carnlough im County Antrim in Nordirland – wo ihm sein Vater Malachy beibrachte, welchen Wert die Möglichkeit hat, sich einen Lebensunterhalt zu verdienen und seine Mutter Christina ihm die Bedeutung von Empathie vermittelte –, prägten alles, was er tat. Rodgers hat beide Eltern leider früh verloren: Seine Mutter, die ehrenamtlich für eine Wohltätigkeitsorganisation arbeitete, war 52 Jahre alt, als sie einen plötzlichen Herzinfarkt erlitt. Wenig später erlag sein Vater mit 59 Jahren einer Erkrankung an Kehlkopfkrebs.
Die Familie war für Rodgers ein starkes Element, und er versuchte oft, die Mannschaft zu motivieren, indem er ihre Angehörigen einbezog. In seiner Autobiografie Crossing The Line verriet Luis Suárez, welche besondere Note Rodgers in der Saison 2013/14, als der Klub auf Titeljagd war, bei den Mannschaftsbesprechungen vor dem Spiel einbrachte. »Er hatte, eine nach der anderen, unsere Mütter kontaktiert und sie gebeten, etwas über ihre Söhne zu schreiben«, erklärte der Stürmer. »Vor jedem Spiel, als wir dem Titelgewinn so nahe waren, hat er in den letzten Minuten vor dem Anpfiff in Anwesenheit des ganzen Teams vorgelesen, was eine von ihnen geschrieben hat. Das letzte Wort kam also nicht vom Trainer, sondern von der Mutter eines Spielers.«
Anfang 2014 hatte Rodgers erfahren, dass sich ein Angestellter des Klubs, der in den Büros des Vereins im Stadtzentrum in der Chapel Street arbeitete, einer Nierentransplantation unterziehen musste. Am späten Abend vor der Operation rief ihn der Trainer an, um ihm das Beste zu wünschen. Er ermutigte den Patienten, sich auf die Verbesserung seines Lebens nach dem Eingriff zu besinnen; das hatte eine aufmunternde Wirkung, die nicht vergessen wurde.
Als sich Raheem Sterling in seiner Jugend abseits des Spielfeldes ständig danebenbenahm, half Rodgers ihm, sich von solchen Problemen fernzuhalten und das Spiel zu seinem Lebensinhalt zu machen. »Er hilft mir nicht nur beim Fußball, sondern auch, wenn ich jemanden brauche, mit dem ich außerhalb des Platzes über Dinge reden kann, dann ist er für mich da«, räumt der englische Nationalspieler ein. »Er hat mir sehr geholfen, vor allem auf dem Spielfeld, und so muss ich ihm Anerkennung zollen und bin ihm sehr zu Dank verpflichtet.«
Als Weihnachten 2013 näher rückte, wurde bei Jordan Hendersons Vater Brian Kehlkopfkrebs diagnostiziert. Als der ehemalige Polizist die niederschmetternde Nachricht schließlich seinem Sohn mitteilte, suchte der Mittelfeldspieler bei Rodgers Unterstützung. Der Trainer, dessen Vater ebenfalls an dieser Krankheit litt, hatte also die gleiche Erfahrung gemacht und konnte nachvollziehen, wie schwer es ist, das private Leiden mit den geforderten beruflichen Leistungen in Einklang zu bringen. Henderson wurde von Rodgers extra freigestellt, während sich Brian einer erfolgreichen Behandlung unterzog, bei der Lymphknoten an beiden Seiten seines Halses und ein Tumor an seiner Zunge entfernt wurden.
Rodgers war ein Fels in der Brandung und ermutigte den englischen Nationalspieler, für seinen Vater alles auf dem Platz zu geben. In den nächsten vier oder fünf Spielen, die Henderson bestritt, war er der Mann des Spiels. Diese Zeit ist dem Spieler noch gut in Erinnerung und vielleicht auch ein Grund dafür, dass die Schuldgefühle groß waren, als Rodgers am 4. Oktober 2015 nach dem 1:1-Auswärtsremis gegen Everton endgültig von seinen Aufgaben in Liverpool entbunden wurde.
»Als Brendan ging, fühlte man sich als Spieler dafür verantwortlich, dass wir alle unseren Job nicht gut genug gemacht haben und jemand dadurch den seinen verliert – jemand, den ich für einen sehr guten Trainer und einen sehr guten Teamchef hielt«, sagt Henderson. »Und wenn jemand seinen Job verliert, ist das kein schönes Gefühl, es ist furchtbar. Als Brendan entlassen wurde, war das eine schwer zu verkraftende Nachricht. Ich persönlich war der Meinung, dass ich auf dem Spielfeld mehr hätte tun müssen, um ihm zu helfen.«
In Wahrheit gab es für Henderson keinen Grund, sich so zu fühlen. Die Beziehung zwischen Liverpools Eigentümern und Rodgers war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, da sie auf einem unglücklichen Kompromiss aus dem Jahr 2012 basierte, den keiner von beiden wollte.
Nachdem die FSG die zweite Amtszeit von Klublegende Kenny Dalglish als Liverpool-Trainer beendet hatte, wollte sie den Klub komplett umkrempeln. In der Absicht, dem europäischen Modell zu folgen, wollte man einen Sportdirektor einstellen, der das operative Geschäft, einschließlich der Transfers, managen sollte, um den Verein in seiner Gesamtheit umzugestalten und voranzubringen.
Damals erkundigte sich die FSG, ob Jürgen Klopp von Borussia Dortmund abgeworben werden könne, doch die Antwort war eindeutig negativ. Rodgers kristallisierte sich als erste Wahl heraus, doch er bevorzugte den autokratischen Weg der alten Schule, bei dem der Trainer die alleinige Kontrolle hat. Er weigerte sich, den Job anzunehmen, wenn die Stelle eines Sportdirektors eingerichtet würde.
Was folgte, war ein Flickenteppich aus beiden Präferenzen, der wenig Sinn ergab, da sich keine der beiden Parteien vollständig darauf einließ. Am 31. Mai 2012 hieß es in Liverpools offizieller Erklärung zur Ernennung: »Rodgers Hauptaugenmerk wird auf der ersten Mannschaft liegen, aber er wird sich auch intensiv mit der neuen Fußballbetriebsstruktur auseinandersetzen, da der Klub sich nach dem Sportdirektormodus des kontinentalen Fußballs richtet.«
Doch bei seiner ersten Gelegenheit, sich zu diesem Thema zu äußern, erklärte der neue Trainer: »Eines der Dinge, die nötig sind, ist, sich selbst zu kennen, und ich kenne mich. Ich weiß, was mich gut arbeiten lässt, und das wäre kein Modell gewesen, mit dem ich Erfolg gehabt hätte. Es ist absolut verrückt, wenn du der Trainer des Vereins bist und jemand anderes dir sagt, dass du diesen Spieler haben sollst. Das funktioniert nicht.« Schon jetzt waren sich die Männer in der Chefetage und der Mann auf der Spielerbank in einem entscheidenden Punkt uneinig: wie das Verfahren eigentlich ablaufen sollte.
Liverpool entschied sich, wie der damalige Manager Ian Ayre es formulierte, für »eine partnerschaftlich arbeitende Gruppe von Menschen, die Brendan dabei helfen, das Fußballerische zu liefern«.
Das Transferkomitee entstand mit dem richtigen Grundgedanken, aber unter den falschen Umständen und unter der falschen Führung. Der Geschäftsführer war Teil der Beratergruppe, zu der auch Michael Edwards (damals Direktor für technische Leistungen), der Leiter der Personalbeschaffung Dave Fallows und Barry Hunter, der Chefscout, gehörten. Rodgers war ein wichtiges Mitglied des Gremiums und hatte »das letzte Wort« zu allen Neuankömmlingen und Abgängen bei Liverpool, doch zu seinem Leidwesen wurden die Entscheidungen gemeinschaftlich getroffen.
»Ich wollte sichergehen, dass ich für die Fußballangelegenheiten zuständig bin; dass ich die Kontrolle über die Mannschaft habe«, sagte Rodgers damals. Was er nicht verstand, war, dass er das tun konnte, gleichzeitig aber die Vorschläge einiger sehr kluger Köpfe und die eines führenden Teams, das analysieren sollte, wie man einen ausgewogenen Kader für die Zukunft aufbauen kann, berücksichtigen sollte.
Von Anfang an gab es Probleme. Während des ersten Sommertransferfensters unter Rodgers im Jahr 2012 stand Liverpool kurz davor, Daniel Sturridge von Chelsea zu verpflichten. Der Trainer ließ den Deal jedoch platzen, weil er stattdessen Clint Dempsey von Fulham wollte und bereit war, Henderson im Tausch anzubieten. Der Verein hatte bereits Andy Carroll an West Ham ausgeliehen, und die FSG betonte die Notwendigkeit, einen Stürmer zur Verstärkung des Angriffs zu holen, doch ihr Rat wurde ignoriert.
Rodgers setzte alles auf den US-amerikanischen Nationalspieler Dempsey, dessen damaliger Schätzwert von 7 Millionen £ für einen Spieler in seinen Endzwanzigern, der das letzte Jahr seines Vertrags angeht, nicht angemessen war. Die Eigentümer wollten einen Deal für Dempsey, der geradezu nach Kurzfristigkeit schrie, nicht genehmigen, und sie ärgerten sich insgeheim, dass der Transfer von Sturridge, der schließlich im Januar 2013 nach Anfield wechseln sollte, gescheitert war.
Was sie jedoch wirklich verärgerte, war, als Rodgers gegenüber der Presse erklärte, dass die Entlassung von Andy Carroll »wahrscheinlich zu 99,9 % aus finanziellen Gründen erfolgte. Hätten wir eine Wahl, dann ist er jemand, den man von Zeit zu Zeit gebrauchen kann. Er wäre eine gute Option gewesen.« Rodgers widersprach sich später selbst, als er sagte, dass er den Mut hatte, den Geordie, der zu dieser Zeit Liverpools Rekordverpflichtung war, loszuwerden, weil er nicht zum Ethos des Vereins passte. Als sich das Transferfenster schloss, ging er noch weiter und setzte das Gerücht in die Welt, er werde finanziell nicht von der FSG unterstützt.
»Ich war sehr zuversichtlich, einen Deal in der Tasche zu haben, aber er ist geplatzt und ich kann nichts dagegen tun«, sagte er zu den Verhandlungen um Dempsey, der stattdessen zu Tottenham wechselte. »Es hat keinen Sinn, dass ich deswegen heule oder mir wünsche, wir hätten dies oder jenes getan oder nicht getan.«
Diese öffentlichen Erklärungen veranlassten John W. Henry, den Haupteigentümer der Boston Red Sox und von Liverpool, dazu, einen offenen Brief an die Fans des Klubs zu verfassen, in dem er seine Vorgehensweise erklärte. »Bei der Transferpolitik ging es nicht darum, Kosten zu sparen«, schrieb er. »Es kommt darauf an – und es wird auch in Zukunft darum gehen –, für das, was ausgegeben wird, den maximalen Gegenwert zu bekommen, damit wir Qualität und Tiefe aufbauen können.
Wir sind noch immer dabei, die Fehler früherer Verantwortlicher rückgängig zu machen. So etwas geschieht nicht über Nacht. Hinzu kommen die Fehler, die wir in den schwierigen ersten beiden Jahren der Eigentümerschaft gemacht haben. Es war eine harte Lehre, aber täuschen Sie sich nicht, der Verein ist heute gesünder als zu dem Zeitpunkt, als wir ihn übernommen haben.
Bei den Ausgaben geht es nicht nur um den Kauf von Talenten. Wir werden investieren, um erfolgreich zu sein. Aber wir werden die Zukunft nicht mit riskanten Ausgaben verpfänden. Nach fast zwei Jahren in Anfield sind wir nahe dran, das System zu haben, das wir brauchen. Das Transferfenster mag nicht perfekt gewesen sein, aber wir schauen nicht nur auf die nächsten 16 Wochen, bis wir wieder kaufen können; wir schauen auf die nächsten 16 Jahre und darüber hinaus. Es sind die ersten Schritte, um einen der großartigsten Klubs der Welt wieder auf den angemessenen Stand zu bringen.
Es wird nicht einfach sein, es wird nicht perfekt sein, aber da ist eine klare Vision am Werk.
Wir werden von innen aufbauen und wachsen, umsichtig und klug einkaufen und nie wieder Ressourcen für überhöhte Ablösesummen und unrealistische Gehälter verschwenden. Wir haben keine Angst davor, Geld auszugeben und mit den Allerbesten zu konkurrieren, aber wir werden für Spieler nicht zu viel bezahlen.
Wir werden diesen Verein nie wieder in die prekäre Lage bringen, in der wir ihn vorgefunden haben, als wir Anfield übernahmen. Dieser Verein darf nie wieder Schulden machen, die seine Existenz bedrohen.«
Henrys Worte klingen jetzt noch nach, doch das taten sie während Rodgers’ Amtszeit nicht, denn da war eine doppelte Politik im Spiel, die zu Funktionsstörungen auf dem Platz führte. Edwards, Fallows und Hunter bekamen ihre bevorzugten Zielpersonen wie Emre Can von Bayer Leverkusen und Hoffenheims Roberto Firmino, während der Trainer mit Joe Allen und Christian Benteke seine eigenen Wünsche einbringen konnte.
Der Kauf von Allen von Swansea City war ein weiterer Streitpunkt. Liverpool zögerte, die 15 Millionen £ für den walisischen Nationalspieler zu zahlen, und Rodgers, noch nicht lange im Amt, drohte mit seinem Rücktritt, falls der Deal nicht über die Bühne gehen sollte.
Die Führung hoffte, dass dies ein Fall war, mit dem sich das Beratergremium zurechtfinden konnte und lernte, eine gemeinsame Basis zu finden. Doch das war gegenstandslos. Rodgers’ Verpflichtung von Aston Villas Benteke für 32,5 Millionen £ im Juli 2015 – sein letzter Deal für den Klub – warf ein Schlaglicht darauf, wie chaotisch die Strategie war. Anfang des Monats feierte Liverpool, dass der Verein sich mit dem Einkauf von Firmino für 29 Millionen £ gegen die Konkurrenz durchgesetzt hatte und setzte darauf, dass er langfristig die Nr. 9 des Klubs sein würde. Doch dann gab man, um den Trainer zu besänftigen, noch mehr Geld für einen Spieler aus, der stilistisch nicht zur Mannschaft passte. So konnte es nicht weitergehen. Als Rodgers das erste Mal mit der FSG über den Job in Liverpool sprach, hatte er ein beeindruckendes, 180-seitiges Dossier mit dem Titel »Ein Verein, eine Vision« erstellt, doch während seiner Amtszeit gab es keine klare Vorgehensweise.
Henry hatte Recht. Liverpool war »nahe dran, das System zu haben, das wir brauchen«. Es bedurfte allerdings einer herausragenden Persönlichkeit, die fest daran glaubte und es zum Laufen brachte. Glücklicherweise kannten sie genau den richtigen Mann dafür.
»Von morgen an werde ich rund um die Uhr für Liverpool da sein.«
JÜRGEN KLOPP
»Wir sind dabei, den Zyklus zu schlagen«, erklärte John W. Henry lächelnd dem FSG-Vorsitzenden Tom Werner und seinem Präsidenten Mike Gordon. Im Baseball bezieht sich diese Fachbezeichnung auf die Leistung eines Schlagmanns, der im selben Spiel ein Single, ein Double, ein Triple sowie einen Homerun schlägt. Das ist ungewöhnlich und eines der schwierigsten Kunststücke, die in diesem Sport vollbracht werden können.
Das Trio blickte von einem 50-stöckigen Wolkenkratzer, in dem die Büros der Anwaltskanzlei Shearman & Sterling untergebracht waren, auf die Skyline von Ost-Manhattan. Alle drei waren bereit, bei einem Treffen, von dem sie glaubten, dass es nicht nur den FC Liverpool, sondern die gesamte Fußballlandschaft umgestalten könnte, groß aufzuspielen.
Henry setzte die Tatsache, kurz vor der Einstellung des perfekten Trainers für den Klub zu stehen – ein unglaublich komplexes Auswahlverfahren, das es zu erfüllen galt –, mit dem Schlagen eines Zyklus gleich. Keine Fangemeinde vergöttert den wichtigsten Mann auf der Trainerbank so lautstark wie die von Liverpool: durch Spruchbänder, in Gesängen und auf die Art und Weise, wie sie aufs Engste mit der Seele des Vereins verbunden ist. Es ist ein Phänomen, das bis zur Berufung von Bill Shankly im Jahr 1959 zurückreicht. Während seiner 15-jährigen Amtszeit verwandelte der Schotte einen Verein aus der Second Division in eine »Bastion der Unbesiegbarkeit«.
Entsprechend stellt keine Fangemeinde so hohe Ansprüche an den Anführer ihres Teams. In Anfield gehen die Anforderungen weit über das hinaus, was in einem Lebenslauf steht oder darüber, taktisch hervorragend zu sein. Man muss gewinnen, eine Verbindung zu den Fans aufbauen und die Essenz von Liverpool auf kultureller, politischer und spiritueller Ebene repräsentieren. Zusammengefasst muss ein Toptrainer auch als Mann des Volkes agieren und zugleich zeigen, dass er größer ist als der Job, größer als die Erwartungen und unerschütterlich in seinem Umgang mit der heftigsten Kritik.
Am 1. Oktober 2015 in New York war die FSG zuversichtlich, genau eine solche Persönlichkeit zu verpflichten. Einen unwiderstehlichen Menschen, der nachweislich in der Lage war, einen Verein zu verjüngen, ihn zu nachhaltigem Erfolg zu führen und gleichzeitig einen prägenden Einfluss auf den Ort und seine Bevölkerung zu haben.
»Es ist der richtige Mann zur richtigen Zeit«, so Gordon. Doch die Eigentümer hatten sich für ihre erste persönliche Begegnung mit Jürgen Klopp den falschen Tag ausgesucht.
Das Treffen fiel mit der jährlichen Generalversammlung der Vereinten Nationen zusammen, die New York lahmlegte. Die Fahrt des Deutschen vom Flughafen JFK zur Lexington Avenue dauerte in stockendem Verkehr sechs Stunden, und obwohl ihm das alles andere als angenehm war, schmälerte es nicht seinen »höchsten Enthusiasmus« für die Gelegenheit, seine Vision für Liverpool zu skizzieren.
Lange bevor Klopp das Gebäude betrat, hatte er den Job sicher. Es war kein Bewerbungsgespräch, sondern eher eine Bestätigung dessen, was die FSG bereits über den zweifachen Gewinner der Bundesliga-Meisterschaft wusste – dank eines Telefonats, eines Skype-Gesprächs und, ganz entscheidend, eines detaillierten, 60-seitigen Dossiers über seine Arbeitsweise.
Das war von Liverpools geschätztem Leiter der Recherche, Ian Graham, und von Michael Edwards, der damals technischer Direktor war, zusammengestellt worden und bewertete alles: die Trainingseinheiten des Coaches, seine Reaktion auf Rückschläge, den Erfolg im Verhältnis zu den ihm gegebenen Möglichkeiten sowie seine Zusammenarbeit mit Mitarbeitern und Spielern, alles durch Aussagen aus erster Hand von Personen seiner ehemaligen Vereine FSV Mainz 05 und Borussia Dortmund. Je mehr sich Liverpool mit Klopps Methodik auseinandersetzte, desto mehr war man davon überzeugt, dass er die Kernbereiche des Vereins einen und aufwerten könnte.
Abgesehen von diesem umfassenden Dokument war der FSG ohnehin klar, dass er ihr Mann war, denn zuvor war sie schon zweimal hinter ihm her gewesen. Jedes Mal, wenn sie einen Trainer suchten, stach er hervor und erwies sich als passend zu ihren langfristigen Plänen. Gegen Ende des Jahres 2010, als Roy Hodgson in Liverpool eine schmerzhafte Zeit durchlebte, in der er nur für 31 Spiele die Verantwortung trug, beauftragte die Gruppe eine dritte Partei, um herauszufinden, ob Klopp in Betracht zöge, Dortmund zu verlassen und nach Anfield zu wechseln. Es war keine Überraschung, dass die Antwort negativ ausfiel, denn er etablierte den BVB erfolgreich als starkes Team in der Bundesliga und in Europa, das einen unwiderstehlichen Fußball mit frühem Pressing spielte.
