Der mit dem Wolf heult - Martin Danders - E-Book

Der mit dem Wolf heult E-Book

Martin Danders

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Beschreibung

Die Kuvasz-Hündin "Tisza" träumt kurz vor ihrem Tod nochmal ihre Lebensgeschichte (1998-2009). Ein sensibler Hund wie sie bekommt zwangsläufig alle Auseinandersetzungen zwischen den Menschen mit. Viele Jahre hat Tisza nicht eine Hauptbezugsperson, sondern unglücklicherweise mehrere. Sie wird in der Stadt herumgereicht, ohne dass sie etwas dagegen tun kann. Sie leidet sehr unter dieser Zerrissenheit und zeigt offen Symptome ihrer Verunsicherung. Als sie schließlich für immer bei ihrem geliebten Rudi wohnt, verbessert sich schlagartig ihre Lebensqualität. Wegen dramatischer Ereignisse bleibt ihr Hundeleben äußerst spannend. Bei einem verbrecherischen Überfall in Moskau gelingt es ihr nicht, ihr Rudel zu verteidigen. Die Folgen sind für Rudi verheerend, weil er seine Ehefrau und seine Tochter ihre Mutter verloren hat. Trotz des schrecklichen Verbrechens geht das Leben für Mensch und Hund weiter. Rudis Trauer ist unermesslich, aber er schafft es doch für seine Tochter ein guter Vater zu sein. Natürlich kann er ihre Mutter nicht ersetzen. Später lernt er eine neue Frau kennen, die allerdings als Ersatzmutter wenig geeignet ist. Im gehobenen Hundealter wird Tisza von ihren Alterskrankheiten wie Arthrose geplagt. Nach Tiszas Tod reinkarniert sie als Wolf. Ihre stattliche Wolfsmutter lebt mit ihrem Rudel in der Lausitz. Ein Jahr später löst sie sich von ihrem Wolfsrudel und trifft bei ihrem Alleingang im Wald auf ihr altes Menschenrudel….

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Martin Danders

Der mit dem Wolf heult

Tisza - eine alte Hündin erzählt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

1. Kapitel (2009)

2. Kapitel (1998)

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel (2000)

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel (2001)

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel (2002)

23. Kapitel (2003)

24. Kapitel (2004)

25. Kapitel

26. Kapitel (2005)

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel (2006)

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel (2007)

37. Kapitel (2009)

38. Kapitel (2010)

Impressum neobooks

Vorwort

Die Geschichte sowie die darin vorkommenden Menschen sind frei erfunden. Die ungarische Kuvasz-Hündin „Tisza“ (Hirtenhund oder auch Herdenschutzhund genannt) gab es tatsächlich. Aufgrund ihres einmaligen Charakters werde ich sie in meinem weiteren Leben wohl niemals vergessen. Dieser Roman ist sicherlich hoch interessant für Hundeliebhaber wie auch andere Tierfreunde. Viel Spaß beim Lesen!

1. Kapitel (2009)

Jetzt bin ich mittlerweile 11 Jahre alt, was für einen Kuvasz ein stolzes Alter ist. Heute fühle ich mich ausgesprochen schwach und denke, dass ich wegen meiner Krankheit nicht mehr lange auf dieser Welt weilen werde. Seit mehreren Jahren habe ich bereits Schmerzen in beiden Hüftgelenken, die der Tierarzt als Altersarthrose diagnostiziert hatte. Aber das damit verbundene Leiden ist gar nichts im Vergleich zu meinem derzeitigen hundsmiserablen Zustand.

Vor einigen Tagen begann meine seltsame Krankheit. Ich hatte nur noch Durst und keinen Appetit mehr. In einer Berliner Parkanlage hatte ich fast den ganzen See leergetrunken. Mein geliebter Freund Rudi hatte mich erstaunt angeschaut und besorgt aus dem Wasser gezogen. Aber mein Durst war nicht gestillt, ganz im Gegenteil, jede Wasserpfütze, die ich unterwegs auf den Wegen angetroffen hatte, wollte ich leertrinken. Rudi zog mich jedesmal an der Leine weiter und brachte mich kopfschüttelnd ziemlich ratlos nach Hause.

„Tisza, hast du dich mit irgendeinem Dreck vergiftet? Was hast du gegessen?“ fragte mich Rudi besorgt und ergänzte: „Immer, wenn du etwas Schlechtes gegessen hast, musst du so viel trinken.“

Traurig schaute ich ihn an und verstand jedes seiner Worte, weil ich die Menschensprache in meinem langen Hundeleben erlernt habe. Aber diesmal lag mein Durst nicht am schlechten Essen vom Wegesrand, sondern an meinem Körper, der wie ein Süchtiger nach Wasser verlangte, um es einzulagern. Rudi ist ein sehr einfühlsames Herrchen, weil er ein Tiermensch ist und sich mit allen Kreaturen wunderbar versteht. Wir lieben uns und sind symbiotisch miteinander verbunden. Leider kann ich nicht sprechen, deswegen versucht er laufend meine Mimik zu verstehen. Rudi ist mittlerweile 45 Jahre alt, ca. 1,84 Meter groß, schlank, meistens locker gekleidet und hat braune Haare mit grauen Strähnen. Er arbeitet als freier Journalist für verschiedene Tageszeitungen. Früher habe ich ihn immer hoch erfreut auf seinen beruflichen Einsätzen begleitet, aber seit ungefähr einem Jahr sind mir diese Ausflüge wegen meiner schlechten gesundheitlichen Konstitution äußerst schwer gefallen.

Als wir in unserer Wohnung waren, war ich zusammengebrochen, weil ich keine Kraft mehr in den Beinen hatte. Rudi war so geschockt, dass er mich sofort zum Auto trug und mit mir zur Tierklinik nach Zehlendorf fuhr, um mich untersuchen zu lassen. Nach mehreren Stunden lag die erschütternde Diagnose vor. Der Vorschlag der Ärzte war, mich sofort einschläfern zu lassen, weil ich wegen eines bösartigen Tumors dunkles Blut im Herzbeutel eingelagert hatte. Der Tumor blutete ununterbrochen weiter, deswegen drückte das Blut im Herzbeutel aufs Herz. Dieser Umstand führte zu einer Schwächung der Herzleistung und damit zur Wassereinlagerung im gesamten Körper. Das dunkle Blut wurde mittels einer Punktierung in den Herzbeutel (ein gewagter Eingriff in der Tiermedizin) abgesaugt. Der Eingriff brachte mir kurzzeitig ein wenig Erleichterung, weil mein Herz wieder besser schlagen konnte und das im Körper eingelagerte Wasser abgebaut wurde. Nach Auffassung der Tierärzte wird sich das Blut aber nach ein paar Tagen wieder im Herzbeutel ansammeln. Als Folge wird mein Herz erneut zusammengedrückt werden, sodass die Herzleistung wieder geschwächt und Wasser einlagert wird. Die Veterinäre gaben mir eine maximale Lebenserwartung von höchstens einer Woche. Nach ihrer Auffassung werde ich danach jämmerlich am eingelagerten Wasser ersticken oder ein Organversagen bekommen. Rudi war durch die Diagnose so geschockt, dass er mich sofort vom OP-Tisch gehoben und furchtbar weinend zum Auto getragen hatte. Nachdem er die hohe Rechnung in der Tierklinik bezahlt hatte, fuhren wir nach Hause. Dort angekommen trug er mich die Treppen hinauf, obwohl ich mit meinen 42 Kilogramm inklusive der Wassereinlagerungen nicht gerade leicht bin.

Jetzt liege ich schlaff auf meiner Hundedecke und starre apathisch mit einem gläsernen Blick die Wand an. Rudi ist vollkommen mit den Nerven herunter und leidet mit mir, weil er mir nicht mehr helfen kann. Die Punktierung hat den Druck auf mein Herz vorläufig gelindert, aber ich spüre, dass mein Ende trotzdem naht. Da ich keine Kraft mehr in den Beinen habe, trägt mich Rudi die Treppen herunter, damit ich vor der Haustür mein Geschäft machen kann. Nachdem wir zurück in der Wohnung sind, legt er mich fürsorglich auf die Hundedecke. Es geht mir so schlecht, wie noch niemals zuvor in meinem Leben. Erschöpft schlafe ich ein und in meinen Träumen läuft nochmal mein ganzes Leben wie in einem Film ab. Zwischendurch werde ich manchmal wach, schaue mit trüben Augen nach Rudi, doch ich falle gleich wieder in eine Art Trancezustand, der vermutlich die Grenze zwischen Tod und Leben markiert.

2. Kapitel (1998)

Meine Mutter ist eine ausgemergelte, weiße Kuvasz-Hündin mit großen Zitzen am Bauch. Ich habe 4 Schwestern und 4 Brüder, mit denen ich mich täglich um die Milchrationen schlagen muss, allerdings bin ich dabei meistens erfolgreich. Meinen Vater kenne ich nicht, weil er sich gleich nach dem vergnüglichen Zeugungsakt aus dem Staub gemacht hatte. Ich bin jetzt gerademal 8 Wochen alt und habe von den Mädchen den dicksten Kopf sowie das größte Gewicht. Vermutlich werde ich deswegen später mal eine dominante Alpha-Hündin.

Als meine Geschwister und ich wieder mal eine wilde Spielphase haben, die unsere arme Mutter häufig ziemlich nervt, tauchen plötzlich zwei fremde Menschen auf. Sie schauen zusammen mit unseren Bezugspersonen interessiert in die Wurfkiste. Wir leben auf einem heruntergekommenen Bauernhof im Süden von Ungarn, dicht am Fluss „Tisza“. Unsere Halter sind arme Bauern, die mit Hundezucht und -verkäufen versuchen, ihre schlechte finanzielle Situation etwas aufzubessern.

Die fremde Frau greift nach mir, zieht mich aus der Wurfkiste und drückt mich ungefragt an ihre riesige Brust. Sofort rieche ich an ihrem Körper und versuche mir ihr Geruchsbild einzuprägen. Wenig später reicht sie mich weiter an den fremden Mann, bei dem ich auch spontan eine Geruchsprobe nehme. Beide Fremde riechen ganz sympathisch und sind sehr freundlich mit mir. Sie streicheln mich zärtlich über mein weißes Fell, dabei versuche ich mit meinen Milchzähnen in ihre Finger zu beißen. Die Frau greift erneut nach mir und holt mich von ihrem Begleiter herunter. Sie jauchzt vor Begeisterung, als sie mich an ihr Brustbein drückt, sodass ich fast keine Luft mehr bekomme.

Nachdem mich die fremde Frau vorsichtig zurück in die Wurfkiste gesetzt hat, verschwinden die Unbekannten mit unseren Bezugspersonen im Haus. Wenig später tauchen sie wieder auf. Die fremde Frau greift schon wieder nach mir, hebt mich hoch und steckt mich in ihre Bluse. Sie verabschieden sich höflich von den Bauern, laufen mit mir zu ihrem Auto, steigen ein und fahren davon. Bisher habe ich in meinen Leben noch niemals in einem Auto gesessen, deswegen sind für mich die Geräusche sehr gewöhnungsbedürftig. Leider konnte ich mich weder von meiner Mutter noch von meinen Geschwistern verabschieden. Wie rücksichtslos und wenig einfühlsam Menschen doch sein können!

Nach einer relativ kurzen Fahrt halten wir in einem kleinen Dorf. Die beiden Fremden verlassen das Auto und betreten eine Wohnung über einen separaten Hauseingang. Die Frau holt mich aus ihrer Bluse und setzt mich auf den Boden. Etwas verunsichert erkunde ich das unbekannte Terrain. Vermutlich ist es das Feriendomizil der beiden Menschen. Die Frau stellt mir einen Wassernapf und wenig später einen Teller mit einem seltsamen Welpenbrei einschließlich Brot vor die Nase. Dieser Brei schmeckt wirklich absolut scheußlich. Da war die Milch unserer Mutter viel besser, als dieses furchtbare Zeug. Beide Menschen setzen sich neben mich auf den Boden und beobachten mich fasziniert.

„Ich bin Rudi und das ist meine Freundin Franzi“, sagt der Mann zu mir und deutet auf seine Begleiterin.

Komischerweise habe ich jedes Wort verstanden, ohne dass die beiden Menschen es bemerkt haben. Als Antwort belle ich dreimal in einer hohen Tonlage und schaue Rudi dabei in die Augen. Er streichelt mir zärtlich übern Kopf und betrachtet mich. Nachdem ich mich auf den Rücken gerollt habe, streichelt er auch noch meinen Bauch. Was für ein angenehmes Gefühl! Scheinbar findet mich dieser Typ ganz toll! Er ist schlank, relativ groß und hat braune Haare mit ein paar grauen Strähnen. Sein Alter schätze ich auf Mitte Dreißig.

„Du bist ja eine Süße“, meint Franzi entzückt zu mir.

Auch ihre Worte habe ich problemlos vollständig verstanden. Plötzlich küsst sie heftig meinen dicken Kopf, sodass ich dadurch platt auf den Boden gedrückt werde. Franzi ist eine schöne, aber etwas herbe Frau. Sie hat dunkle, lange Haare, ein schmales Gesicht und eine schlanke Figur. Sie sieht aus wie eine schöne Italienerin, trotz ihrer stattlichen Größe. Ihr Alter schätze ich auf Anfang Dreißig. Vermutlich hat sie wegen ihrer rasanten Erscheinung eine Menge Verehrer. Aber vielleicht täusche ich mich auch mit meiner Vermutung.

Nachdem ich meinen Brei verspeist habe, lege ich mich in eine geschützte Ecke und falle sofort in einen tiefen Schlaf. Als ich wieder wach werde, sehe ich gepackte Reisetaschen neben mir stehen. Franzi legt mir vorsichtig ein Welpen-Halsband an, befestigt daran eine dünne Leine und geht mit mir vorsichtig vor die Tür. Das Halsband ist für mich sehr gewöhnungsbedürftig, weil ich bisher so etwas noch niemals in meinem kurzen Leben getragen habe. Was für eine schreckliche Erfindung der Menschen, um mich zum Laufen zu zwingen! Etwas störrisch und starrsinnig laufe ich mit Franzi mit. Jedesmal, wenn die Leine straff ist, geht ein heftiger Ruck durch meinen Körper. Auf der Straße laufe ich unkontrolliert an der Leine hin und her. Wie schön wäre es doch, ohne dieses blöde Gerät zu laufen! Wegen der Bewegung spüre ich plötzlich einen unangenehmen Druck in meinem Enddarm, deswegen erleichtere ich mich auf einer Rasenfläche. Allerdings ist mein Stuhlgang noch sehr bescheiden, weil ich noch ein Welpe bin. Die beiden Menschen werde ich bestimmt noch in die Verzweiflung treiben, denn ich pinkele und kacke überall hin, weil ich noch nicht stubenrein bin.

Franzi steckt mich nach dem Spaziergang wieder in ihre Bluse und geht zurück ins Haus. Schnell packen Rudi und Franzi ihre restlichen Sachen ein und schleppen das Gepäck zum Auto. Nachdem alles seinen Platz gefunden hat, steigen sie ein und fahren los. Rudi sitzt am Steuer und schaut häufig zu mir herüber. Die Fahrt dauert sehr lange und führt durch eine für mich fremde Welt. Ich weiß nicht, wie viele Grenzen wir passiert haben. Auf der gesamten Reise befinde ich mich an Franzis Brust. Dort ist es so wunderbar warm und gemütlich. Manchmal stoppen wir, um kurze Rast- und Pinkel-Pausen einzulegen. Jedesmal holt mich dann Franzi aus ihrer Bluse und setzt mich auf verschmutzte Rasenflächen, damit ich mein Geschäft machen kann.

3. Kapitel

Nach unzähligen Stunden im Auto erreichen wir eine große Stadt mit vielen alten Bäumen in den Straßenzügen. Meines Erachtens muss es eine sehr große Ortschaft sein, denn wir passieren ewig lange hohe, alte Häuser. In einer kleinen Nebenstraße an einem kleinen Berg parkt Rudi unser Auto, den er als VW-Bus (Was auch immer das ist?) bezeichnet.

„Wir müssen uns noch für unseren Welpen einen Namen einfallen lassen“, stellt Rudi fest. Franzi antwortet: „Mir gefällt der Name ´Tisza´ sehr gut, weil sie an dem ungarischen Fluss ´Tisza´ geboren wurde.“ „Ich finde den Namen auch gut“, antwortet er und streichelt mir sanft über den Kopf. „Endlich sind wir in Berlin angekommen. Die Fahrt hat ja wirklich ewig gedauert“, meint sie. „Ich bin auch froh, dass wir diese weite Strecke von Südungarn bis nach Berlin ohne Zwischenfall geschafft haben“, entgegnet er.

Meinen neuen Namen finde ich ganz in Ordnung. Vielleicht ist es ein bisschen seltsam, so wie ein Fluss zu heißen, aber egal, wenn meine Halter es gut finden, soll es so sein. Ich kann ihnen sowieso keinen Alternativvorschlag unterbreiten, deswegen bleibt mir keine andere Wahl, meinen neuen Namen zu akzeptieren. Eigentlich hätte ich Lisa, Susi oder Senta besser gefunden.

Nachdem wir aus dem Auto gestiegen sind, trägt ausschließlich der arme Rudi das schwere Gepäck. Franzi denkt nicht daran ihm zu helfen, stattdessen setzt sie mich angeleint auf den harten Boden. Hier gibt es ausschließlich rustikale Steinplatten und Pflastersteine. Nur an den Bäumen befinden sich nicht versiegelte Bodenflächen ohne Vegetation, die aber reichlich mit Hundekot und Urin verschmutzt sind. Neugierig schnuppere ich an den vielen unterschiedlichen Hundemarken, obwohl es bestialisch stinkt. Scheinbar Leben hier eine Vielzahl von anderen Hunden, die aber gerade nicht zu sehen sind. Ist vielleicht auch besser so! Wer weiß, ob die mir gegenüber überhaupt freundlich gesonnen wären. Da ich noch ein Welpe bin, werde ich jeden Konflikt mit meinen Artgenossen vermeiden, denn Welpenschutz gibt es nur im eigenen Rudel, ansonsten nicht. Wegen der Aufregung drückt mein Bauch, deswegen hocke ich mich neben den Baum und erleichtere mich. Jetzt habe ich auch eine Marke am Baum hinterlassen. Franzi läuft mit mir noch ein Stück auf dem Bürgersteig, hebt mich dann aber plötzlich hoch und steckt mich wieder in ihre Bluse. Anschließend betreten meine neuen Bezugspersonen ein riesiges, altes Haus und laufen mehrere Treppen hinauf. Natürlich muss Rudi das Gepäck alleine tragen, während Franzi nur mich trägt.

Beim Erklimmen der Treppen schnauft Rudi wegen seiner schweren Last, dagegen folgt ihm Franzi leichtfüßig. Als wir das oberste Stockwerk erreicht haben, schließt Rudi mit einem Schlüssel eine weiße Tür auf und öffnet sie. Sie betreten die Wohnung und schließen die Eingangspforte. Scheinbar soll das mein neues Zuhause sein. Leider gibt es keinen Garten, wo ich überall pinkeln, kacken und spielen könnte. Franzi setzt mich auf den Boden, sodass ich sofort mit der Erkundung des unbekannten Terrains beginnen kann. Es ist eine helle Dachwohnung mit schrägen Decken und Dachfenstern. Hier gibt es Parkettboden sowie flauschige Teppiche. In mehreren Zimmern befinden sich schicke Möbel und alles ist sehr sauber. Scheinbar haben Rudi und Franzi vor ihrer Abreise nach Ungarn alles gründlich geputzt. Auf meiner Erkundungstour entdecke ich ein gefliestes Badezimmer mit Wanne, Duschkabine, Waschbecken und einem Menschenklo, das ich wegen des stehenden Wassers äußerst interessant finde und erstmal ausgiebig beschnüffele. Die offene Küche wird durch einen Tresen vom Wohnzimmer getrennt. Auch hier besteht der Boden aus dunklen Fliesen, die ich etwas hart finde. Meines Erachtens kann man hier schnell ausrutschen, wenn man es eilig hat. Eigentlich bevorzuge ich eher flauschige Teppiche, weil ich dort wesentlich besser schlafen kann, als auf solch einem harten Untergrund. Franzi füllt einen Edelstahlnapf mit Wasser und stellt ihn für mich auf den Küchenboden. Wenig später bekomme ich mein Welpenfutter in einem anderen Napf. Mittlerweile habe ich mich schon an den Welpenbrei gewöhnt. Eigentlich schmeckt er gar nicht so schlecht, wie ich es am Anfang gedacht habe. Rasend schnell verschlinge ich das Futter und lecke anschließend gründlich den Napf aus, wie es unsere Kuvasz-Mutter auch immer getan hat. Ein Kuvasz isst immer sehr schnell und lässt nichts übrig. Sein Motto ist, wer weiß, wann es das nächste Fressen gibt, beziehungsweise, ob es überhaupt noch etwas gibt. Die Wölfe, mit denen wir Kuvasz-Hunde seit über 3000 Jahren unsere Kämpfe zur Verteidigung von Schafsherden austragen, verhalten sich beim Fressen genauso wie wir. Die Auseinandersetzungen mit ihnen haben uns zu extrem wachsamen und verteidigungsbereiten Herdenschutzhunden gemacht.

Nach der Mahlzeit bin ich müde und lege mich in einen Welpenkorb, den Franzi zuvor im Schlafzimmer hergerichtet hat. Danach setzen sie sich beide neben mein Körbchen auf den Boden, streicheln mich vorsichtig und starren mich fasziniert an. Scheinbar finden sie mich hochinteressant. Sehr seltsam, wie Menschen sich verhalten!

„Ist Tisza nicht süß!?“ sagt Franzi. Rudi antwortet: „Ja, mit ihrem weißen Welpenfell sieht sie aus wie ein kleiner Eisbär.“ „Ich könnte sie die ganze Zeit knutschen“, meint sie entzückt. „Lass Tisza jetzt erstmal schlafen, denn wir haben eine anstrengende Fahrt hinter uns. Außerdem muss sie sich zunächst mal an uns und die neue Umgebung gewöhnen“, meint er. „Ja, du hast Recht“, stimmt sie schweren Herzens zu.

Wahrscheinlich hat Franzi mir gegenüber bereits Muttergefühle entwickelt, da sie scheinbar kein eigenes Kind hat. Offensichtlich habe ich mit meinen Ersatzeltern doch großes Glück gehabt, denn sie sind wirklich sehr nett zu mir. Häufig schaut mich Rudi lange prüfend an, als ob ich ein Weltwunder bin, das es zu erforschen gilt. Vermutlich sucht er eher einen Kumpel für spätere gemeinsame Spaziergänge, aber keinen Kinderersatz. Eigentlich ist es mir lieber, kein Kinderersatz zu sein. Stattdessen will ich ein richtiger Hund sein, der auch mal wild ist und seinen eigenen Willen hat. Wegen der vielen Eindrücke schlafe ich schnell ein und träume von meinem neuen Zuhause.

Als ich wieder wach werde, stehe ich auf, gähne ausgiebig und strecke meinen Körper, um meine Gliedmaßen und Wirbelsäule zu dehnen. Dann laufe ich zu den beiden Menschen, die gerade auf einer Couch vor einem Gerät mit einem flackernden Bild sitzen. Aus der Kiste ertönen Geräusche von Menschen und manchmal auch von wilden Tieren, die mich doch ziemlich erschrecken, weil ich gleich einen Angriff auf unser gemütliches Wohnzimmer befürchte, den ich als lächerlicher Welpe wohl kaum abwehren könnte. Nach meiner Auffassung muss ich diese etwas seltsame Welt der Menschen nicht gleich vollständig verstehen. Franzi zieht mich hoch und setzt mich auf ihren Bauch. Danach schauen wir gemeinsam im Fernseher einen Liebesfilm an, den ich furchtbar langweilig finde. Die Dialoge der Menschen verstehe ich nicht. Warum müssen sie alles so kompliziert machen, wo das Leben doch eigentlich viel einfacher ist. Bei meinen Artgenossen wird Liebe gemacht, wenn die Hündin ihre Stehtage hat. An anderen Tagen beißt sie einfach die an ihr interessierten Rüden weg und setzt sich auf ihren Hintern, damit nichts mehr möglich ist. Wenn ein Rüde an den Stehtagen bei einer Hündin eindringen durfte, verdrückt er sich danach schleunigst, ohne an Alimente oder sonstige Verpflichtungen zu denken. So einfach ist das bei uns Hunden!

Der Fernsehabend mit Franzi und Rudi gefällt mir, nicht nur weil es gemütlich ist, sondern weil ich über dieses Medium vieles über die Menschen lernen kann. Nach dem Liebesfilm folgt eine Nachrichtensendung, die für mich allerdings noch viel rätselhafter ist, weil ich die Zusammenhänge überhaupt nicht verstehe. Danach schaltet Rudi auf eine Tiersendung um, die ich ausgesprochen spannend finde, weil ich die verschiedenen Sprachen der Tiere ebenfalls verstehe. Es werden Elefanten, Löwen, Antilopen, Giraffen und Geparden in Afrika gezeigt, die mit ihren täglichen Problemen wie Nahrungssuche, Fortpflanzung und Erziehung von Jungtieren beschäftigt sind. Mein Gott bin ich froh, dass ich mein Futter bequem von meiner Gastfamilie bekomme und nicht, wie diese „armen Schweine“ in Afrika, täglich darum kämpfen muss. Wenn die Löwen im Fernseher aggressiv brüllen, beginne ich aufgeregt zu bellen, auch wenn ich diese Bestien sicherlich nicht durch mein lächerliches Welpengebell beeindrucken kann.

Nachdem ich mich wieder beruhigt habe und mit einem abschließenden Brummen den anderen Tieren im Fernsehen meine Gefährlichkeit gezeigt habe, kann ich leider nicht mehr meinen Urin halten und pinkele Franzi mitten auf den Bauch.

„Tisza, du hast mich angepinkelt!“ schreit sie mich entsetzt an. Rudi meint: „Als Welpe ist sie eben noch nicht stubenrein! Das ist doch nicht so schlimm!“ „Ich gehe sofort mit ihr runter, damit sie ihr Geschäft machen kann“, entgegnet sie. „O.K.! Tu das“, antwortet er.

Eilig läuft Franzi mit mir die Treppe hinunter und drückt mich dabei fest an ihre Brust. Sie ist der Meinung, dass ich alleine keine Treppen laufen darf, weil ich dafür noch zu klein bin und es meiner Orthopädie schaden würde. Diese ständige Rücksichtnahme auf meinen Welpenstatus geht mir jetzt schon auf die Nerven. Als wir unten auf dem Bürgersteig angelangt sind, setzt mich Franzi mit Halsband und Welpenleine auf die harten Pflastersteine. Wie schön wäre es doch, die Welt ohne diese dämliche Leine zu erkunden! Am ersten Baum erleichtere ich mich und beiße anschließend Franzi vor Freude erst in ihren Socken und danach in ihren Lederschuh.

„Nein, nein, nein, du böse Tisza! Das sollst du nicht, weil es mir wehtut!“ schreit sie mich laut an und verhindert weitere Beißattacken, indem sie Abstand von mir hält.

Ihr Schreien belustigt mich. Vermutlich sind meine Welpenzähne doch reichlich scharf, deswegen scheint sie tatsächlich große Schmerzen zu haben. Aufgrund meines Erfolges beiße ich gerade nochmal in ihren Socken. Mit einem strengen Blick nimmt sie mich hoch und schüttelt mich unsanft, damit ich mit dem Blödsinn aufhöre. Aber sie kann mich damit nicht beeindrucken, weil ich von robuster Natur bin. Unsere Kuvasz-Mutter war viel strenger mit mir und meinen Geschwistern, sogar sie haben wir nicht gerade ernst genommen, obwohl sie wirklich eine imposante Erscheinung war. Wie es wohl meinen Geschwistern und meiner Mutti geht?

Nachdem ich mich wieder auf dem Bürgersteig befinde, laufen wir ein kleines Stück weiter. Wenn ein Baum auftaucht, lässt sie mich ausgiebig schnuppern. Plötzlich sehe ich eine große, gepflegte Hundedame auf der anderen Straßenseite. Sofort springe ich in die Leine, weil ich zu der Hündin laufen will, aber Franzi zieht mich energisch zurück und nimmt mich wieder an ihre Brust. Schade! Wie schön wäre es doch, wenn ich mich mal mit der anderen Hündin unterhalten dürfte. Aber Franzi ist offenbar dagegen, vermutlich weil sie der fremden Hündin nicht über den Weg traut und mich als ihr Ersatzbaby beschützen will. Ihr Babygetue geht mir jetzt schon furchtbar auf die Nerven. Dumme Kuh! Ich bin einfach nur neugierig auf die Welt und brauche etwas Abenteuer. Warum werde ich permanent zurückgehalten und warum schafft sich Franzi nicht ein eigenes Menschen-Baby an? Als die andere Hundedame nicht mehr zu sehen ist, setzt mich Franzi wieder auf den gepflasterten Bürgersteig. Wie langweilig!

Wenig später sind wir zurück in der Wohnung. Erfreut begrüße ich Rudi, beiße ihm aber nicht in den Fuß, sondern wackele mit meinem Schwanz. Während Franzi meinen Welpenkorb ins Schlafzimmer bringt, tobe ich aufgekratzt durch die Wohnung. Dabei rutsche ich übers Parkett und knalle mit dem Kopf gegen eine Tür. Rudi untersucht mich kurz und wundert sich über mein lebhaftes Temperament. Jetzt wirft er einen Tennisball durch die Luft, dem ich schnell hinterherlaufe, obwohl ich eigentlich kein Freund von solchen Albernheiten bin. Aber egal, Hauptsache, ich kann noch etwas überschüssige Energie abbauen, bevor ich meine Ruhephase bekomme.

Unsere Spieleinlage endet, weil Rudi sich auf die Couch setzt. Scheinbar hat er keine Lust mehr, deswegen lege ich mich müde im Schlafzimmer in mein Körbchen und schließe meine Augen. Nachdem meine Ersatzeltern im Bad waren, streicheln sie mich erneut und gehen danach gemeinsam ins Bett. Wenig später höre ich seltsame Geräusche, die von den beiden Menschen stammen und mich etwas beunruhigen. Zunächst raschelt es unter der Bettdecke, dann stöhnt Franzi und später beide gleichzeitig. Was geht da vor? Als es wieder ruhig ist, erscheint der Kopf von Franzi über meinem Welpenkorb. Sie streichelt mir kurz über den Kopf, um mich zu beruhigen. Wie sonderbar manchmal das menschliche Verhalten ist! Schnell schlafe ich ein.

4. Kapitel

Mittlerweile ist eine Woche vergangen, in der ich vieles über mein neues Zuhause und meinen neuen Kiez gelernt habe. Außerdem habe ich meine Bezugspersonen besser kennengelernt, die sich weiterhin mit mir große Mühe geben. Leider bin ich immer noch nicht stubenrein, sodass einer von den Beiden alle zwei Stunden mit mir vor die Tür gehen muss. Franzi ist wegen meiner Inkontinenz etwas genervt, weil es für sie furchtbar ist, permanent meine Flecken entfernen zu müssen, denn sie hat einen Sauberkeitstick. In der ganzen Dachwohnung ist keine einzige Staubfluse zu finden. Auch Bad und Küche blitzen wie neu, weil Franzi ständig am Putzen ist. Eigentlich passt ein Hund nicht in solch ein sauberes Ambiente, da er immer etwas Dreck von draußen mit hereinbringt. Rudi hat zum Glück keinen Putzfimmel. Meines Erachtens würde er sich auch in einer weniger sauberen Wohnung wohlfühlen. Wahrscheinlich putzt er erst das Klosett, wenn es anfängt zu stinken. Mir gefällt seine Einstellung zur Reinlichkeit wesentlich besser, als Franzis.

Für Franzi bin ich eindeutig ein Ersatzbaby, das sie beschützt wie ihr eigenes Kind. Gleichzeitig ist sie häufig furchtbar streng mit mir und bestraft mich prompt, wenn ich irgendetwas falsch gemacht habe, indem sie mich am Halsnacken greift und kräftig durchschüttelt. Gleichzeitig sagt sie dann immer: „Nein, nein, nein!“ Manchmal will sie mich auch bestrafen, indem sie mich ignoriert. Aber dieses Verhalten ist mir völlig egal, weil ich dann zu Rudi laufe, der sich immer freut, wenn ich zu ihm komme. In der Regel ist er nicht streng mit mir, stattdessen ist er der ideale Partner, um zu toben.

Manchmal haben meine Bezugspersonen auch Streit miteinander, der meistens äußerst heftig abläuft. Franzi benimmt sich dann wie eine verrückte Kampfhenne, die sich in Rage auf Rudi stürzt, um mit ihm zu kämpfen. Franzis heftige Ausbrüche verstehe ich nicht, weil Hunde innerhalb eines Rudels so etwas niemals machen würden. Dort gibt es ausschließlich Rangordnungsauseinandersetzungen, aber keine ernst gemeinten Angriffe. Bei solchen Tätlichkeiten gewinnt meistens Rudi, weil er körperlich der Stärkere ist. Der Kampf endet meistens, dass Rudi auf Franzis Brust sitzt, während sie auf dem Rücken liegt und hyperventiliert. Nach einigen Minuten erhebt sich danach Rudi vorsichtig, um den Streit zu beenden. Allerdings greift sie ihn häufig danach wie eine verrückte Henne erneut an. Diese Anwandlungen von Franzi verstehe ich überhaupt nicht. Die Auslöser sind meistens harmlose Diskussionen, die in Sticheleien übergehen und im Gebrüll mit tätlichen Auseinandersetzungen enden. Wenn sie sich dann wieder unter Kontrolle hat, schmollt sie viele Tage mit ihm, indem sie kein Wort mehr spricht. Die Menschen sind schon ziemlich seltsam. Für einen Hund sind diese komischen Verhaltensweisen kaum zu verstehen. Wenn Franzi und Rudi solche heftigen Konflikte haben, verziehe ich mich in die letzte Ecke der Wohnung, weil ich nicht auch noch mit Franzi kämpfen will. Nach meiner Auffassung leidet Rudi unter diesen Konflikten enorm. Leider ist er nicht in der Lage, das Problem zu lösen. Armer Rudi, da hast du wirklich ein schwieriges Weib an deiner Seite. Vielleicht wäre es für Rudi besser, wenn er sich ein neues Weibchen suchen würde.

Nach dem gemeinsamen Frühstück laufen wir die Treppen hinunter. Natürlich haben sie mir mein Halsband angelegt, damit mich Franzi führen kann. Als wir auf dem Bürgersteig angekommen sind, laufen wir zielstrebig zum Auto, das nicht weit entfernt geparkt ist. Endlich kann ich pinkeln, was auch schon dringend notwendig war, denn beinah hätte ich ins Treppenhaus gepinkelt. Rudi schließt den VW-Bus auf und öffnet die Schiebetür, damit Franzi und ich einsteigen können.

„Schön, dass wir mal wieder nach Wusterwitz ins Grüne fahren“, meint Franzi erfreut. Rudi antwortet: „Ja, es ist furchtbar, wenn man immer nur in der Stadt ist.“ „Außerdem kann sich Tisza dort prima im Garten austoben“, meint sie. „Ich muss mich heute unbedingt um den Garten kümmern, der ist mittlerweile bestimmt schon völlig zugewachsen“, kündigt er an. „Leider kümmern sich unsere Mieter, Peter und Anna, nur um den vorderen Teil des Bauerhofes, sodass wir den hinteren, nichtvermieteten Garten selbst in Schuss halten müssen“, stellt sie fest. „Ich habe eine Sense dabei, damit wird alles schnell wieder in Ordnung sein“, sagt er. „Wollen wir heute im Bus übernachten?“ fragt sie. „Na, logisch“, antwortet er.

Leider darf ich den riesigen Bus nicht erkunden, weil mich Franzi als Beifahrerin während der Fahrt auf ihren Schoss gesetzt hat und mich erbarmungslos festhält. Somit habe ich keine Chance ihr zu entweichen. Gott sei Dank bin ich groß genug, um wenigstens aus dem rechten Seitenfenster schauen zu können, denn ich bin sehr daran interessiert mein neues Umland kennenzulernen.

Zunächst fahren wir durch die nicht enden wollende riesige Stadt mit den unzähligen, großen Häusern und den vielen Straßenbäumen. Am Stadtrand werden die Häuser etwas kleiner. Waldgebiete tauchen vermehrt auf. Als wir uns auf der Autobahn befinden, rast die Landschaft an mir vorbei, weil Rudi sehr schnell fährt. Jetzt kann ich kaum noch Einzelheiten erkennen und mir wird ein wenig schwindelig. Aus diesem Grund lege ich mich auf Franzis Schoss und rolle mich zusammen. Ein kleines Schläfchen zur Entspannung ist jetzt nicht schlecht.

Unser Bus ächzt in den Achsen wegen der schlechten Straße, sodass ich wach werde. Wir befinden uns nicht mehr auf der Autobahn, sondern passieren auf einer kleinen Landstraße mehrere Dörfer, die zwischendurch von riesigen Feldern und Kieferwäldern unterbrochen werden. Manchmal sehe ich Kühe auf der Weide stehen, die gemütlich ihr Gras fressen. Auf einem Kirchturm sitzen zwei Störche, die sich um ihren Nachwuchs kümmern. Hier sieht es etwas so aus wie in Ungarn, deswegen bekomme ich ein wenig Heimweh nach meinem ungarischen Bauernhof mit meiner Mutter und meinen chaotischen Geschwistern. Aber leider bin ich nicht mehr in Ungarn sondern in der Mark Brandenburg. Letztendlich bin ich mit meinem neuen Rudel ganz zufrieden, denn es geht mir sehr gut bei Franzi und Rudi. Vielleicht geht es mir sogar besser, als meinen Geschwistern. Was aus ihnen wohl geworden ist? Hunde werden in Ungarn häufig nicht so menschlich behandelt wie in Deutschland, somit ist es nicht unwahrscheinlich, wenn ich die Einzige bin, die von unserem Wurf überleben wird.

Nachdem wir durch einen großen Wald gefahren sind, erreichen wir ein größeres Dorf mit dem Namen Wusterwitz, das an einem großen See liegt. Auf dem Gewässer befinden sich einige Motor- und Segelboote, die langsam ihre Bahnen ziehen. Da heute die Temperaturen sehr angenehm warm sind, sind einige Badegäste am Strand zu sehen. Ein paar Mutige wagen es sogar in die Fluten zu steigen. Wenn mein Menschen-Rudel jetzt ins Wasser gehen würde, würde ich ihnen sicherlich aus Neugierde folgen. Aber Rudi denkt nicht daran anzuhalten, sondern lenkt den Bus quer durchs Dorf bis auf einen Sandweg mit großen Schlaglöchern, sodass wir erneut kräftig durchgeschüttelt werden. Am Ende des Weges hält er vor einer Grundstückseinfahrt, weil uns ein verrostetes Tor an der Weiterfahrt hindert. Rudi steigt aus und schließt ein Vorhängeschloss auf, das eine Stahlkette zusammenhält. Anschließend öffnet er das Tor, kommt zurück zum Bus und fährt ihn aufs Grundstück. Im dichten Gras parkt er, steigt aus und läuft zurück zum Tor, um es sorgfältig zu verschließen.

Franzi setzt mich ohne Leine ins Gras. Als erste Handlung pinkele ich erleichtert auf dem Grundstück. Anschließend erkunde ich gründlich hoch interessiert mit meiner Nase das Terrain. Leider ist hier die Vegetation so üppig, deswegen kann ich mich mit meinen kurzen Beinen kaum vorwärts bewegen. Was für eine ungerechte Welt!

„Lass uns erstmal zu Peter und Anna gehen, um sie zu begrüßen“, schlägt Rudi vor. Franzi antwortet: „O.K., machen wir!“

Mein Menschenrudel läuft einen kleinen Weg entlang, der zum vorderen Grundstücksteil führt. Wegen des dichten Bewuchses habe ich ziemlich Schwierigkeiten ihnen zu folgen. Franzi erlöst mich von diesem Albtraum und nimmt mich wieder auf den Arm, während Rudi mein kleines Problem gar nicht mitbekommen hat. Wir betreten einen kleinen Innenhof mit einer halbverfallenen Scheune und einem alten Haus. Der alte, etwas heruntergekommene Bauernhof hat viele Ähnlichkeiten mit dem Gehöft in Ungarn, wo ich vor einigen Wochen das Licht der Welt erblickt habe.

Rudis und Franzis Mieter begrüßen uns im Innenhof. Peter ist ein kleiner Mann um die 50, der immer nur kichert und wie ein Waschweib schwätzt. Rudi hat vor dem Treffen erzählt, dass er früher mal Pferde-Jockey war und heute nur noch von Sozialleistungen lebt. Sein Spitzname ist Indien-Peter, weil er früher jahrelang in Indien gelebt hat. Seine Frau Anna ist ungefähr so alt wie Peter und häufig von ihm genervt. Sie haben ein gemeinsames, zehnjähriges Kind, um das sie sich rührend kümmern. Anna war früher einmal heroinabhängig, aber sie hat dieses Kapitel glücklicherweise abgeschlossen. Franzi und Rudi setzen sich an einen großen, wackligen Tisch mit alten Holzstühlen. Franzi platziert mich erneut auf ihren Schoss, damit ich keinen Blödsinn veranstalte. Die vier erwachsenen Menschen unterhalten sich angeregt bei Kaffee und Kuchen, während das Kind im Garten spielt. Peter bietet Rudi einen Joint an, dessen getrocknetes Gras von den auf dem Grundstück selbst angepflanzten Marihuana-Pflanzen stammt. Rudi lehnt das Angebot nicht ab, auch Franzi zieht wenig später genüsslich am Joint.

„Haus und Scheune sind völlig marode“, sagt Peter. Rudi antwortet: „Ich weiß, dass alles am Arsch ist.“ „Eigentlich ist die Miete viel zu hoch“, meint er. „Willst du weniger bezahlen?“ fragt Rudi. „Wir können ja mal darüber diskutieren, weil ich mal wieder pleite bin“, erzählt er. „Du weißt, dass die 300 DM im Monat sowieso schon ein Freundschaftspreis sind“, sagt Rudi. „Ja, ja, aber ich bin trotzdem pleite“, meint er. „Ich kann dich hier nicht gratis wohnen lassen. Alleine schon nicht wegen der Nebenkosten, die monatlich anfallen. Für mich ist es wichtig eine vermietete Immobilie zu haben, um Steuern zu sparen“, sagt Rudi. „Ich kann dir die Rechnungs-Bons fürs Finanzamt auch weiterhin geben, aber bitte ohne die Mietzahlung“, schlägt er vor. „Ich kann auf die 300 DM nicht verzichten. Diese Summe ist gar nichts, ein Fliegenschiss bei diesem großen Grundstück“, entgegnet Rudi. „Du wirst keinen anderen Mieter finden, ohne vorher in das Haus investiert zu haben“, sagt er. „Ja, du hast Recht! Da ich nichts investieren werde, werde ich auch keinen anderen Mieter finden. Aber für dich gibt es diesen Spezialpreis“, erklärt Rudi. „Na, dann muss ich wohl die bittere Pille schlucken“, meint er resigniert. „Es wird einem im Leben eben nichts geschenkt“, kommentiert Rudi.

Die beiden Männer erheben sich vom Kaffeetisch und gehen in die Scheune. Franzi und Anna bleiben sitzen, um sich zu unterhalten. Kurzentschlossen springe ich Franzi vom Schoss und renne ihnen hinterher in die Scheune. Schnell finde ich Rudi und beiße ihm freundschaftlich in den linken Socken.

„Aua, nicht beißen“, sagt Rudi zu mir. Peter meint: „Die Scheune ist kurz vorm zusammenfallen!“ „Sie hat oben im vorderen Giebel ein großes Loch, aber ich glaube nicht, dass sie einstürzt, sonst wäre es bereits passiert“, sagt Rudi. „Du bist ja ein richtiger Optimist“, entgegnet er. „Nee, ich bin ein echter Realist“, stellt Rudi klar.

Die Beiden verlassen die Scheune, laufen über den Innenhof und betreten das Wohnhaus. Natürlich renne ich ihnen hinterher, weil ich den Ausflug äußerst spannend finde. Was ist das hier für eine elendige Hütte! Im Haus ist es äußerst kalt und staubig. Indien-Peter scheint ein ziemlich chaotischer Mensch zu sein. In einem Raum stehen große selbstgemalte Gemälde und Farbtöpfe, wahrscheinlich ist er ein Künstler. Beim Überprüfen der Töpfe tauche ich mit meiner Nase zu tief in einen gelben Farbtopf ein. Natürlich ist sie nun gelb, aber Rudi wischt sie schnell mit seinem Taschentuch sauber. Mein Missgeschick war sehr unangenehm für mich, weil ich an der Nase sehr empfindlich bin. Außerdem stinkt die Farbe so furchtbar, dass ich deswegen nießen muss. So macht man als Junghund seine Lebenserfahrungen! Die ungleichen Herren laufen durch alle Räume und unterhalten sich. Neugierig folge ich ihnen, denn hier ist viel zu entdecken. Peter hat vor unserem Besuch alle Fenster geöffnet, damit frische Luft hereinkommt. Zum Inventar gehören auch zwei Allesbrenneröfen, die nach alter Asche riechen. Im Winter wird es hier wegen der Kälte bestimmt kaum aushaltbar sein.

Nach dem Rundgang durch die untere Etage des Hauses steigen Rudi und Peter eine steile Holztreppe zum Dachboden hinauf. Ich schaffe es nicht ihnen zu folgen und lasse meine kläglichen Miep-Geräusche ab, damit Rudi mich mitnimmt. Tatsächlich dreht er nochmal um, kommt zu mir herunter, nimmt mich auf den Arm und steigt mit mir erneut die Treppe hinauf. Oben angekommen lässt er mich frei laufen, was keine gute Idee war. Hier ist es noch staubiger und dreckiger als unten in der Wohnung, sodass ich nach kurzer Zeit statt einem weißem Fell ein graues habe. Nach der Dachinspektion nimmt mich Rudi auf den Arm und läuft mit Peter wieder die Treppe hinunter. Anschließend verlassen wir das Haus, betreten den Innenhof, gehen ein Stück an der Hauswand entlang und steigen dann eine Außentreppe hinunter bis zum Kellereingang. Vorsichtshalber lässt mich Rudi auf dem Arm, was ich mittlerweile wegen der vielen Unzugänglichkeiten sehr begrüße. Im Keller befindet sich nur eine winzige Lampe an der Decke, die nur wenig Licht spendet. Hier ist es kalt und modrig-feucht. Die Männer kontrollieren einen hauseigenen Brunnen mit Druckbehälter, dann verlassen sie zum Glück das furchtbare Verlies und setzen sich wieder an den Kaffeetisch zu den beiden Frauen, die immer noch angeregt tratschen. Rudi lässt mich weiter auf seinen Schoss sitzen. Angestrengt passe ich auf, dass ich ihm nicht auf die Hose pisse.

„Was hat mich nur geritten, so eine verkeimte Polenkate zu kaufen“, sagt Rudi. Peter meint: „Du kannst froh sein, dass dein Anwesen noch nicht zusammengekracht ist. Schau dir nur mal die Westwand des Hauses zur alten Nachbarin und den Scheunengiebel an.“ „Ich habe aber leider nicht das Geld, um zu investieren! Und die Miete kann ich dir auch nicht erlassen“, sagt Rudi. „Ja, ja, ich hab´s kapiert! Dann machen wir so weiter wie bisher“, antwortet er resigniert. „Ist doch o.k.! Du hast hier einen super Fleck, um deine Kunst zu machen und um Gras anzubauen, weil niemand von den Landeiern im Dorf etwas merkt“, stellt Rudi fest.

Dieses Stichwort beflügelt Peter einen neuen Joint zu bauen. Rudi setzt mich auf den Boden und sagt zu Franzi: „Lass uns noch ein bisschen laufen!“ Sie antwortet: „O.K., machen wir!“ Wenig später erheben sie sich von ihren Stühlen und laufen den kleinen Mittelweg auf dem Grundstück zurück zum Hintereingang. Hocherfreut folge ich ihnen, weil ich Spaziergänge toll finde, fast so gut wie Fressen und Schlafen.