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Das Hundebuch ist wesentlich besser, als das von Dodileit! Der Erzähler beschreibt seinen verzweifelten Versuche seinen Hund so zu erziehen, damit er in der Öffentlichkeit wenigsten einigermaßen kompatibel ist. Leider gelingt ihm dieses Vorhaben überhaupt nicht, stattdesssen regiert das blanke Chaos. Super Literatur für Hundefreunde, wie auch für Leute ohne bisherige Fachkenntnisse!
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Seitenzahl: 207
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Martin Danders
Was für ein Hund!
Wenn nichts mehr peinlich ist!
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
Fazit
Impressum neobooks
Titel: „Was für ein Hund!“
Titel: „Wenn nichts mehr peinlich ist“
Die Geschichte und die darin vorkommenden Personen sowie der Hund sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten zu Menschen und Tieren wären rein zufällig. Tachoti liegt friedlich zu meinen Füßen und schläft gerade, was sie täglich ungefähr 20 Stunden tut. Nur 4 Stunden ist sie aktiv, wobei das Wort aktiv etwas untertrieben ist, denn sobald sie auf der Straße ist, legt sich bei ihr ein Schalter um, der sie vom Schlaf- auf den höchsten Aufmerksamkeitsmodus umstellt.
Der Halter von Tachoti bin ich. Bevor sie in meinen Leben trat, war ich ein unauffälliger Bürger, der sich immer gesetzeskonform verhalten hatte. Vor Tachoti hatte ich schon mal eine Kuvasz-Hündin, die Tisza hieß und lange nicht so ein Temperament und Jagdverhalten wie sie hatte. Mit meiner ersten Hündin konnte ich problemlos ohne Leine durch die Stadt laufen. Klar sie hatte auch ihre Macken, zum Beispiel mochte sie keine kleinen Kinder und keine Welpen. Außerdem suchte sie die Auseinandersetzung mit großen Hundeweibchen, um ihre Dominanz im Kiez zu zeigen. Als diese alte Hündin mit 11 Jahren verstarb, hielt ich es, trotz großer Trauer, gerade mal zwei Monate ohne Hund aus. Im Internet schaute ich mir Kuvasz-Welpen an, die zu kaufen oder verschenken waren. Doch dann entdeckte ich im Netz eine interessante Anzeige, die folgenden Text hatte: „Zweijährige Kuvasz-Hündin zu verschenken wegen Haarallergie“. In der Anzeige wurde das Geburtsdatum, Gewicht, die Rasse und eine Adresse sowie Telefonnummer genannt. Die Anzeigenschreiberin wohnte in einem kleinen Dorf in der Nähe von Helmstedt. Beeindruckt war ich von dem Foto, das den Hund geduckt in Büschen zeigte. Dieses Bild überzeugte mich sofort handeln zu müssen. Kurzzeitig dachte ich, dass meine erste Kuvasz-Hündin wieder auferstanden ist. Aufgrund beruflicher Umstände konnte ich zu diesem Zeitpunkt keinen Welpen aufziehen. Deswegen entschied ich mich, diese zweijährige Hündin mal in dem Dorf zu besuchen. Ich wählte die Telefonnummer der Anzeigenschreiberin und telefonierte mit ihr. Nach einem relativ kurzen Gespräch bekam ich einen Besuchstermin bei einer Frau B..
Zu dieser Zeit pendelte ich beruflich immer zwischen Bremen und Berlin, sodass es für mich überhaupt kein Problem war in Helmstedt zu halten, da es quasi auf dem Weg lag. Als mir Frau B. die Tür öffnete, führte sie mich die Treppen hoch in ihr Wohnzimmer. Dort gab es zwei Hunde, zwei Katzen, mehrere Kaninchen und Meerschweinchen sowie Wellensittiche. Die Wohnung wirkte etwas dunkel und muffig. Vermutlich verfügte Frau B. nicht über viel Geld, denn ihre Wohnung war bescheiden eingerichtet. Meines Erachtens hatte sie auch ein Alkoholproblem, dafür hatte ich wegen meiner Menschenkenntnisse so ein Gespür. Nach ihrer Aufforderung setzte ich mich auf die Couch und wurde von ihren beiden Hunden bestürmt. Das eine war ein Labrador-Mix-Rüde von ungefähr neun Jahren und die andere war Tachoti, die etwas zu klein geratene zweijährige Kuvasz-Hündin. Frau B. erzählte mir, dass sie Tachoti von ihren Kindern geschenkt bekommen hatte, als ihre alte Hündin vor zwei Jahren verstorben war. Ihre Kinder hatten den Hund nicht beim Züchter erworben, sondern sich mit ungarischen Welpenverkäufern auf dem Autobahnrasthof Helmstedt getroffen und sie für 200 Euro gekauft. Als Tachoti ein Jahr alt war, wurde sie von dem Labrador-Mix-Rüden im eigenen Haus geschwängert und warf drei Mischlingswelpen, die Frau B. in der Region an gute Bekannte verschenkt hatte. Tachoti freute sich über meinen Besuch. Wenn ich sie streicheln wollte, quetschte sich jedes mal der Labrador-Mix-Rüde dazwischen, weil er scheinbar den dominanteren Part bei den beiden Hunden hatte. Nichts desto trotz schaffte ich es Tachoti zu streicheln, die meine Zuwendung sichtlich genoss. Allerdings mochte sie es nicht, wenn ich ihre Ohren streichelte.
„Gehen sie mal mit Tachoti ´ne Runde durch´s Dorf, aber lassen sie sie nicht von der Leine“, sagte Frau B. mit einer versoffenen Stimme. Sie hielt mir Tachotis Hundeleine vor die Nase und grinste voller Vorfreude.
„O.K., mach ich“, antwortete ich und nahm ihre Leine.
Sobald Tachoti innerhalb der Wohnung der Karabiner mit der Leine an ihrem Halsband einrastete, raste sie Treppen hinunter. Nachdem ich die Haustür geöffnete hatte, flitzte sie, wie eine wild gewordene Tarantel, los. Ihre 32 Kilogramm zogen mich, genau wie in einem Zeichentrickfilm, durchs Dorf. Bremsen war für mich kaum mehr möglich. Wasserski war gar nichts dagegen. Tachoti zog mindestens so stark wie ein Haski. Auf dem Weg zum Dorfrand begegneten wir einer Frau mit einem kleinen Hund auf der anderen Straßenseite, der Tachoti böse anbellte. Scheinbar hatte dieser Hund schon schlechte Erfahrung mit ihr gemacht, denn sonst wäre er nicht so ausgerastet. Tachoti und ich erreichten das Dorfende und bogen den ersten Feldweg nach links ab, um nicht auf der Landstraße neben den Autos laufen zu müssen. Dieser Feldweg ging stetig den Berg hinauf. Tachoti zog mich weiter, ohne an Kraft zu verlieren. Bis dahin hatte ich keine Ahnung, was dynamische Hunde für Zugkraft entwickeln können. Wir passierten mehrere kleine Brücken, ohne Zwischenstopp liefen wir weiter. Der Hund zog rücksichtslos weiter. Meine Haltemuskulatur zeigte erste Ermüdungserscheinungen, denn ich bin kein vor Kraft strotzender Muskelmann. Irgendwann musste sie doch schwächer werden, aber dem war nicht so. Erstaunlicherweise pinkelte sie sogar beim Rennen, was ich zuvor bei keinem Hund gesehen hatte. Als sie kacken musste, blieb sie erstaunlicherweise stehen. Allerdings schiss sie im Stehen, solch ein Verhalten kannte ich bisher von keinem Hund. Seltsam war, dass sie sich für Geruchsmarken anderer Hunde nicht interessierte.
Tachoti sah wie meine erste Kuvaszhündin aus, allerdings war sie 8 Kilogramm leichter und vom Verhalten komplett anders.
„Hatte ihr Frau B. Drogen gegeben,“ fragte ich mich.
Wir passierten eine mir unbekannte Landstraße und betraten einen Wald. Tachoti zog weiter an der Leine, wie versprochen nahm ich sie nicht von der Leine. Vermutlich würde sie türmen, wenn ich täte. Im Wald wollte ich umdrehen. Dieses Manöver war nicht so einfach, denn das verrückte Vieh wollte weiter geradeaus laufen. Nachdem ich sie von meinem Kurswechsel überzeugt hatte, drehte sie sich und rannte mich hinterher ziehend über den gleichen Weg den Berg hinunter. Bergab musste ich dummerweise viel mehr Abbremsen, denn sie zog weiter wie eine Furie, ohne auf mich Rücksicht zu nehmen. Auf dem halben Rückweg an einer Brücke band ich an am Geländer fest, denn ich musste mal pinkeln. Der Hund war für mich bisher der absolute Wahnsinn, so etwas hatte ich zuvor noch niemals erlebt.
„Was hatte Frau B. bloß mit diesem Hund gemacht?“ fragte ich mich.
Während sie am Geländer angeleint war, zog sie natürlich nicht mehr, aber nachdem ich die Leine gelöst hatte, ging das wilde Schlittenhunderennen weiter. Erschöpft kam ich bei Frau B. an.
„Und wie war´s?“ fragte sie mich, als wir wieder in ihrem Wohnzimmer waren.
„Beeindruckend, ich bin vollkommen fertig von diesem Spaziergang“.
„Haben sie kein Interesse mehr an dem Hund?“, fragte sie besorgt.
„Doch, schon! Sie erinnert mich vom Aussehen sehr an meine alte Hündin, aber die hatte nicht so gezogen!“
Frau B. gab mir zur Stärkung ein Bier, das ich rasch austrank.
„Wollen sie den Hund immer noch?“ fragte sie mich.
„Ich werde mir das Ganze nochmal überlegen.“
Schließlich verabschiedet ich mich von ihr und fuhr weiter nach Berlin. In den nächsten Wochen folgten mehrere Besuche bei Frau B.. Jedes mal ging ich mit Tachoti spazieren. Unsere Ausflüge waren genauso chaotisch, wie der erste. Zunehmend kamen mir in stillen Momenten berechtigte Zweifel, ob Tachoti der richtige Hund für mich war. Allerdings war meine Sehnsucht nach einem Hund, so wie die Vorgänger-Hündin war, immer noch sehr groß. Trotz meiner Zweifel entschloss ich mich Tachoti zu nehmen. Immerhin wollte Frau B. kein Geld, somit gab es keinen finanziellen Aufwand.
Bei der verabredeten Übergabe bei Frau B. wollte sie nun doch 200 Euro. Ich gab ihr das Geld, obwohl sie vorher kein Geld wollte. Wahrscheinlich brauchte sie das Geld für ihren Alkoholkonsum. Sie gab mir eine viel zu dünne Hundeleine, ein Stofftier, eine Hundebürste, keine Steuermarke, keinen Impfpass und keine Belege über Tierarztbesuche. Scheinbar war der Hund noch niemals zuvor beim Tierarzt gewesen und auch nicht steuerlich angemeldet. Damit hatte ich kein Problem, aber mir war wichtig, dass der Hund äußerst gesund wirkte. Meines Erachtens war Frau B. froh diesen Bastard an Hund loszuwerden. Eine Haarallergie hatte sie bestimmt nicht. Meines Erachtens lag der Grund für ihre Hundeabgabe, dass sie das Tier kräftemäßig gar nicht halten konnte.
Frau B. brachte mich mit Tachoti bis zu meinem Auto. Als wir losfuhren, weinte sie dem Hund keine Träne nach. Tachoti benahm sich während der Fahrt nach Berlin vorbildlich. Scheinbar machte ihr das Autofahren keine Probleme. Häufig schaute ich zu ihr und hatte den Eindruck, dass sie die Fahrt hoch interessant fand. Übrigens hatte ich später Frau B. nie angerufen, was sie mir angeboten hatte. Auch sie hatte sich bei mir niemals telefonisch nach dem Hund erkundigt.
Die ersten Spaziergänge in Berlin mit Tachoti gestalteten sich ähnlich chaotisch wie in dem Dorf bei Helmstedt. Nach kurzer Zeit war ihre Hundeleine, die ich von Frau B. geschenkt bekommen hatte, gerissen. Auch die äußerst stabile Lederleine von meiner alten Hündin Tisza war nach kurzer Zeit gerissen. Schließlich kaufte ich ihr eine nagelneue Rottweilerleine aus Leder, die super stabil war. Warum rissen alle Leinen? Weil diese Verrückte die Angewohnheit hatte nicht nur an der Leine zu ziehen, sondern sich mit voller Wucht und ihrem gesamten Körpergewicht in sie zu werfen. Dieser schlagartige Zug von 32 kg hatte nur noch die Rottweilerleine ausgehalten. Allerdings gingen nun regelmäßig die Karabiner zu Bruch, die aus Gusseisen waren. Wenig später kaufte ich mir im Baumarkt Drehhaken aus Edelstahl, die 250 kg Tragkraft aushielten. Diese Spezialhaken hielten in Kombination mit der Rottweilerleine ihre kurzzeitige Zugspannung aus. Allerdings musste ich auf der Straße höllisch auf den Hund aufpassen, damit ich auf ihren nächsten Sprung körperlich eingestellt war. Bei Gesprächen mit anderen Hundehaltern musste ich immer aufmerksam sein, ob Radfahrer Jogger, andere Hunde oder Katzen sich näherten. Ansonsten konnte es passieren, dass ein unvermittelter Sprung von ihr zu einem lauten Klacken in meinem Schultergelenk führte, weil der Gelenkkopf des Oberarms kurzzeitig herausgezogen wurde.
In der Stadt hatte ich den Hund ständig an der Leine, weil mir das Risiko zu groß war. Jederzeit könnte sie in ein Auto rennen, einem Fahrradfahrer oder Jogger hinterher jagen. Problematisch waren insbesondere Radfahrer oder Jogger, wenn die nahezu geräuschlos auf dem Gehweg von hinten kamen. Häufig reagierte ich einfach zu spät mit der Folge, dass sie angeleint hinterher sprang. Natürlich hopste sie auch bei Hundebegegnungen immer wie verrückt in die Leine, egal wie groß der Gegner war. Sogar bei Welpen sprang sie in die Leine und erkannte nicht, dass der Gegner harmlos war. Nach meiner Einschätzung war Tachoti sehr verunsichert und wollte eigentlich nur flüchten.
Ein paar Tage später fuhren meine Freundin S. und ich nach Ihringen am Kaiserstuhl im Breisgau in den Urlaub. Wir hatten eine Ferienwohnung für zwei Wochen gebucht. Natürlich war Tachoti mit dabei. An einem Rastplatz mit Restaurant holte S. zwei Milchkaffee, damit ich nicht am Steuer einschlafe. Zuvor hatte es ewig lange gedauert, bis Tachoti überhaupt kapiert hatte, dass S. dazugehörte. Wenn sie S. ein paar Tage nicht mehr gesehen hatten, hatte sie bei der nächsten Begegnung immer erneut gefremdelt, indem sie S. anknurrte. Mit diesem Verhalten hatte sie sich bei S. zunächst nicht gerade beliebt gemacht. Während der Autofahrt hatte sich Tachoti gerade etwas an S. gewöhnt, doch als sie wegen des Kaffees 10 Minuten fort war, hatte sie inzwischen vergessen, dass sie zu unserem Rudel gehörte. Sie knurrte S. an, als sie auf uns zukam. Auch anderen Leuten gegenüber war Tachoti nicht gerade freundlich. Da sie sehr schön war, wurde sie häufig von Frauen wegen ihrer Schönheit angesprochen. Derartige Aufmerksamkeiten mochte sie überhaupt nicht und wurden stets mit einem bösen, lauten Knurren beantwortet.
In der Ferienwohnung hatte sich Tachoti schnell eingelebt und schlief friedlich in ihrer Ecke. Futterzeiten waren natürlich besonders spannend, wie bei jedem Hund. Der Urlaub diente auch den Hund an mich zu gewöhnen, denn mir war klar, dass das einige Zeit dauern würde, bis so ein Hund einen anderen Halter als Bezugsperson ansah.
In einer menschenleeren Gegend nahm ich Tachoti das erste Mal von der Leine. Zu meiner Erleichterung flüchtete sie nicht, sondern kam immer brav wieder zurück zu mir. Allerdings war sie nicht mehr zu halten, wenn sie andere Tiere wie Katze, Reh, Hase sah. Dann raste sie hinterher mit einer Geschwindigkeit, die ich bei Tisza immer vermisst hatte. Sie hatte ein ausgesprochenes Jagdverhalten, was für die Rasse eher ungewöhnlich war. Wenn sie durch die Gegend flitzte, war sie n Sekunden später meilenweit von uns entfernt. Laute Rufe meinerseits fruchteten wenig. Meiner Meinung nach sollte sie sich ruhig austoben, denn sie hatte einen großen Energieüberschuss. Manchmal war sie bis zu einer halben Stunde vollkommen verschwunden. In solchen Situationen rutschte mir der Schreck regelmäßig in Hose, denn ich befürchtete, dass sie mich nicht mehr wiederfindet. Nach ihrem Gesichtsausdruck zu schließen, fand sie die Lößterrassen im Kaiserstuhl absolut toll.
Die Spaziergänge in Bereichen mit Menschen, anderen Hunden, Fahrradfahren und Joggern waren jedoch eine wahre Herausforderung, die ich anfänglich falsch einschätzte. Bei Fahrrädern und Joggern rannte sie hinterher wegen ihres Jagdtriebes. Je größer der Hund, desto mehr wurde an der Leine gezogen. Menschen sollten ihr nicht nahe kommen. Die ersten Versuche ohne Leine scheiterten unter diesen Umständen, weil sie den Fahrrädern und Joggern hinterher lief und anbellte. Bei Begegnungen mit anderen Hündinnen kam es schnell zu Konflikten. Bei einem Spaziergang am Rhein beschimpfte mich eine Familie wegen meines verrückten Hundes. Schnell begriff ich, dass ich meinen Hund in der Öffentlichkeit nur an der Leine halten konnte, ansonsten würde ich überall Ärger haben.
S. und ich setzten uns in ein Gartenrestaurant mit Blick auf den Rhein und bestellten uns bei der Kellnerin Kaffee und Kuchen. Tachoti saß unterm Tisch und war mit ihrer stabilen Leine an meinem Bein fixiert. Gerade als wir unseren Kuchen aßen, betrat ein Ehepaar mit Hund das Restaurant. Tachoti sprang mit einem Satz in Richtung des anderen Hundes und zog mich mit der Leine ins Verderben. Chancenlos rutschte ich vom Stuhl und landete unterm Tisch, der mitsamt unserem Kaffeegedeck umkippte. Normalerweise wäre diese Szene mehr als peinlich gewesen, aber dazu war schlichtweg keine Zeit, denn ich musste meinen Hund mit einem gewaltigen Kraftakt zurückziehen. Stinksauer und frustriert verließ ich das Restaurant. S. zahlte bei der Kellnerin unsere Rechnung und folgte mir wenig später.
Bei einer Kaiserstuhlwanderung einen Tag später hatte ich Tachoti mal wieder von der Leine genommen. Natürlich ging auch diese Leichtfertigkeit vollkommen daneben. Hinter einer nicht einsehbaren Kurve kam uns eine seriöse Dame entgegen, die natürlich von Tachoti gestellt und angebellt wurde. Sofort rannte ich mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck auf die Frau zu und versuchte meinen Hund einzufangen. Eigentlich war meine Aktion vollkommen falsch, denn Tachoti fühlte sich sogar bestätigt, wenn der Chef zu ihr kam. Erwartungsgemäß wurde ihr Bellen und Umspringen des Opfers um so schlimmer, je näher ich kam. Nur mit sportlichen Einsatz schaffte ich es den Hund an die Leine zu bekommen. Die Dame fand den Vorfall bestimmt nicht so gut, schwieg aber höflich. Auch ich kommentierte nichts, da jede Erklärung überflüssig gewesen wäre.
Wir setzten unseren Spaziergang fort. Zunächst lief Tachoti neben uns brav an der Leine. Später ließ ich sie erneut frei herumlaufen, weil ich nochmal einen Versuch mit ihr starten wollte. Sie genoss das Herumstöbern jagte und war glücklich, wie ein Hund nur sein konnte, der seine Freiheit hatte. Als wir kurz vor unserer Unterkunft waren, einem größeren Haus mit mehreren Ferienwohnungen, sah Tachoti einen anderen Hund im Vorgarten der unteren Ferienwohnungen herumlaufen. Sofort rannte sie dorthin, um ihrem Artgenossen einen Besuch abzustatten. Der andere Hund hatte Angst vor ihr und rannte schnell in die Wohnung, wo er zusammen mit seinem Frauchen wohnte. Tachoti folgte dem Flüchtling ins fremde Domizil und war kurz nicht mehr zu sehen. Wenig später kam sie zu meiner Erleichterung heraus und rannte auf uns zu. Als sie bei mir ankam, leinte ich sie vorsichtshalber an. Die Frau von der unteren Ferienwohnung war ziemlich böse mit mir, weil ich meinen Hund nicht unter Kontrolle hatte, womit sie nach meiner Auffassung auch Recht hatte. Die Frau hatte mich für den restlichen Urlaub nur noch wütend angeschaut. Was in dem Zimmer passiert war, wusste ich nicht.
„Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“, kommentierte ich den Vorfall.
„Du kannst unmöglich den Hund im Dorf frei laufen lassen, sonst bekommen wir überall Ärger“, meinte S., die bestimmt besorgt war, dass wir aus unser Ferienwohnung geschmissen werden.
„Da hast du Recht.“
Wegen der diversen Vorfälle beschloss ich Tachoti in Siedlungsgebieten nur noch an der Leine zu halten. Falls wirklich niemand anwesend war und die Örtlichkeiten übersichtlich waren, ließ ich sie herumrennen. Sie erreichte bei der Jagd eine wahnwitzige Geschwindigkeit, die fast so hoch war, wie die der Rehe, die sie verfolgte. Mit dieser erstaunlichen Feststellung hatte ich nicht gerechnet, denn Tisza war dagegen eine lahme Ente. Der Urlaub sollte nach meiner Vorstellung dem gegenseitigen Kennenlernen dienen, allerdings war ich über ihr Verhalten schon sehr überrascht. Sie war auf jeden Fall eine große Herausforderung und eine richtige Flitzpiepe, die nur Chaos anrichtete. Langsam gewöhnte sie sich an ihr neues Herrchen. Insgesamt dauerte der Aufbau einer Bindung mindestens ein Jahr.
Meine Muskeln entwickelten sich, als ob ich täglich im Kraftcenter war. Wegen dem ständigen Bremsen gingen meine Schuhe rasend schnell kaputt. Mein Verbrauch an Socken stieg rapide an, wegen dem vielen Laufen und ständigen Ziehen. Allerdings war ich nicht mehr gefährdet an einem Herzinfarkt zu sterben, weil ich immer in Bewegung war. Abends schlief ich vorm Fernseher erschöpft ein, dabei lag die Hündin neben der Couch an meinen Füßen. Im Urlaub gab es eigentlich mit S. nur noch den Hund als Gesprächsthema.
Wanderungen im Schwarzwald waren für Tachoti keine Herausforderung. Allerdings musste ich immer darauf achten, dass uns niemand entgegenkam. Wenn Pferde irgendwo auftauchten mit ihren Reitern, nahm ich sie sofort an die Leine. Sie hatte vor diesen großen Tieren Angst und sprang aufgeregt in die Leine. Mehrfach hatte ich die Hündin zu spät angeleint. In solchen Situation lief sie nicht wie die alte Hündin Tisza ängstlich fort, sondern sprang aufgeregt um die Pferde und bellte dabei. Jedes Mal hatte ich den Hund nur mit Mühen wieder einfangen können. Zum Glück war bislang niemand vom Pferd gefallen oder ein Gaul durchgegangen, was auch nicht sehr spaßig für alle Beteiligten gewesen wäre.
S. und ich besuchten in Freiburg ihren Neffen, der in einem Mehrfamilienhaus in einem einfachen Stadtteil wohnte. Während S. nach oben in die Wohnung ihres Neffen ging, wartete ich vor der Haustür mit Tachoti. Dieses Warten war mit Tisza überhaupt kein Problem, aber mit Tachoti schon. Auf gar keinen Fall wollte sie auf dem Bürgersteig warten und lief stattdessen wie eine Irre um mich herum bis von der Leine gefesselt war. Ich löste mich aus meiner misslichen Lage, da ich jederzeit umkippen konnte.
„Was soll das? Wir warten hier und basta!“ kommandierte ich.
Tachoti war weiter störrisch. Vermutlich wollte sie unbedingt weiterlaufen, weil Warten nicht ihre Paradedisziplin war. Jedes Mal, wenn Passanten an uns vorbei liefen, versuchte sie Nasenschnapper zu verteilen, deswegen musste ich sie ziemlich kurz halten. Die Situation war mir ziemlich peinlich und nervte mich. Außerdem fand ich ihre Nasenschnapper absolut indiskutabel. Schließlich kam S. mit ihrem Neffen auf den Bürgersteig. Während der Begrüssung durch den Neffen musste ich aufpassen, dass Tachoti ihm keinen Nasenschnapper gab, was einige Verrenkungen meinerseits erforderlich machte. Wir liefen durch einen Stadtpark und Tachoti war die ganze Zeit an der Leine. Immer wenn andere Hunde auftauchten, sprang sie in die Leine und bellte aufgeregt. Mehrfach schüttelte der Neffe von S. missbilligend seinen Kopf. Allerdings wagte er es nicht, wegen dem Hund einen Kommentar abzulassen. Leider war er kein Hundefreund, was eine Erklärung der Situation noch schwieriger machte.
Abends lief ich mit Tachoti im Kaiserstuhl eine Gassirunde und löste ihre Leine, weil keine Leute zu sehen waren. In ungefähr 12 Minuten hatte sie blitzschnell alle Lößterrassen in der Umgebung nach Wildtieren und Katzen abgesucht. Dieses Tempo und ihre Energie hatten mich echt beeindruckt, insbesondere im Vergleich mit meiner alten Hündin. Plötzlich stürzte sie beim Rückweg zur Ferienwohnung einen steilen senkrechten Lößabhang hinunter, weil sie die mit Gras bewachsene Hangkante falsch eingeschätzt hatte. Mindestens fünf Meter rutschte sie in die Tiefe und landete auf dem unteren Lößplateau. Zum Glück hatte das Gras am senkrechten Hang ihren Sturz etwa abgebremst. Sichtlich geschockt stand sie rasch auf und rannte zum nächsten Weg, der hinauf zu mir führte. Häufig hatte ich, wenn sie auf mich zu kam, das Gefühl sie würde mich angrinsen. Kopfschüttelnd leinte ich sie an und ging mit ihr zurück zur Ferienwohnung. Dieser Chaos-Hund war eine echte Herausforderung.
S. und ich fuhren mit dem Auto von Ihringen nach Freiburg. Von dort ging es weiter zur Schauinslandbahn. Auf einem Parkplatz parkte ich meinen Wagen nicht weit von der Seilbahn entfernt. Mit unseren Rucksäcken liefen wir mit der angeleinten Tachoti zum Schalter und kauften wie verlangt drei Tickets, zweimal Erwachsene und einmal Kind für den Hund. Anschließend stiegen wir in eine Gondel. Wenig später schloss sich die Tür. Zum Glück wurden keine weiteren Gäste in unseren Käfig geschoben. Das Ungetüm setzte sich polternd in Bewegung. Tachoti fand die Fahrt äußerst unheimlich, denn sie schaute nervös zu mir hoch. Herunterschauen konnten nur wir Menschen, aber nicht sie, vielleicht war das auch gut so. Wenn wir einen Zwischenträger überrollten, rumpelte es jedes mal in der Gondel. Mein Hund war äußerst beunruhigt, obwohl sie ruhig blieb, taten wir ihr offensichtlich mit der Fahrt keinen Gefallen. Oben in der Bergstation rumpelte es auch nochmal heftig. Die Gondeltür öffnete sich scheppernd und wir stiegen aus. Ich raste eilig an den Leuten vorbei. Tachoti zog so heftig, weil sie hier schnell weg wollte.
Nachdem wir die Bergstation hinter uns gelassen hatten, liefen wir einen Wanderweg entlang, der durch einen Fichtenwald führte, wie er im Schwarzwald überall anzutreffen war. Von einem Bergkamm hatten wir beste Sicht ins Rheintal wie auch zum Feldberg. Wir wanderten den Bergkamm entlang Richtung Süden. An einer beschilderten Weggabelung gingen wir nach rechts und befanden uns auf einem Pfad, der über neun Kilometer abwärts zur Talstation der Schauinslandbahn führte. Da niemand mehr zu sehen war, ließ ich Tachoti von der Leine. Sie genoss sichtlich ihre Freiheit in vollen Zügen, da sie ungestört herumstöbern konnte. Wahrscheinlich hatte sie die schreckliche Seilbahnfahrt bereits vergessen. Anfänglich waren die Wege im Fichtenwald sehr steil. Ein total bekloppter Mountain-Bikefahrer raste an uns vorbei. Zum Glück hatte ich ihn zuvor bemerkt und konnte den Hund noch im letzten Augenblick anleinen.
Schließlich verließen wir den Wald und gingen über einen sonnigen Weg, der an Wiesen mit Millionen von blühenden Blumen vorbei führte. Wir kamen an einigen Schwarzwaldbauernhöfen vorbei, die aussahen wie auf kitschigen Postkarten. Tachoti flitzte über die Wiese und war voll in ihrem Element. Plötzlich verschwand sie hinter einem Grashügel, sodass sie für uns nicht mehr zu sehen war. Kurze Zeit später hörten wir einen Bauern schreien:
„Jetzt haust du aber ab!“
Vermutlich hatte er Tachoti mit seiner Mistgabel verjagt, als er von ihr angebellt wurde. Mit ihrem typischen Grinsegesicht kam sie zu uns zurück. Leider hatten wir die Szene nicht sehen können. Vorsichtshalber gingen wir mit einem leicht unguten Gefühl den Weg weiter, um keine Scherereien mit dem Bauern zu haben. Bei den nächsten Bauernhöfen ließ ich Tachoti wegen der Kühe angeleint, die auf den steilen Wiesen herumstanden.
Ungefähr ein Kilometer vor der Talstation befand sich eine Ziegenherde auf einem von einem Elektrozaun umzäunten Areal. Natürlich fand Tachoti die Ziegen äußerst interessant und zog mit ihrer Leine in ihre Richtung. Dabei kam sie leider mit ihrer Nase an den Elektrozaun und wimmerte erbärmlich. Diesen Vorfall hatte sie sich sehr gut für ihr weiteres Leben gemerkt, denn sie war seitdem äußerst vorsichtig, wenn Elektrozäune vorhanden waren. Ohne weitere Zwischenfälle erreichten wir mein Auto an der Talstation und fuhren zurück zur Ferienwohnung nach Ihringen.
