Kontamination - Martin Danders - E-Book

Kontamination E-Book

Martin Danders

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Beschreibung

Die Ereignisse in Fukushima zeigen in erschreckender Weise eine weitläufige, radioaktive Verseuchung ganzer Landstriche, sowie die Hillosigkeit der Menschen das Desaster zu beherrschen. Kurz nach der Laufzeitbegrenzung der deutschen AKW durch die Bundesregierung attackieren arabische Terroristen, unterteilt in mehrere Einzelgruppen, 13 deutsche Kernkraftwerke einschließlich Fessenheim im Elsass mit Boden-Boden-Rakten. Der Erzähler beobachtet als Urlauber den Anschlag in Fessenheim und verläßt fluchtartig die Region. Die Anschläge sind für die Terroristen erfolgreich, da mehrere Reaktoren brennen und Kernschmelzen eingetreten sind. Wenig später sind Deutschland und angrenzende Länder radioaktiv kontaminiert. Aufgrund anfänglich kaotisch verstopfter Straßen und der wenig später erfolgten Einstellung sämtlicher Beförderungsmittel muss der Erzähler mit seinem Hund von Freiburg nach Berlin wandern. Dabei lernt er Lisa kennen, die ihn auf der anfänglichen Wanderung und späteren Fahrradtour begleitet. Die beiden Flüchtlinge sind wegen der radioaktiven Belastung stark verunsichert. Sie gelangen heil nach Berlin und beschliessen dort nach Austalien auszuwandern. In Rostock stehlen sie eine Hochseeyacht und segeln über mehrere Etappen unter anderem über die Kanaren und Süd-Afrika nach Perth in West-Australien. Von dort geht es weiter nach Port Hedland im Nordwesten vom fünften Kontinent. Im Outback finden sie letztlich einen großen Diamanten, der ihnen vorerst ein arbeitsfreies Leben in Australien ermöglicht.

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Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Martin Danders

Kontamination

Die Tage danach

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort:

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

Impressum neobooks

Vorwort:

Die Geschichte ist frei erfunden. Manchmal fehlte mir die Phantasie, um so einen fürchterlichen Terroranschlag real darzustellen. Ich bin froh, dass es bisher auf der Welt keinen Anschlag dieser Art gegeben hat und hoffe, dass dies auch in Zukunft niemals eintreten wird. Dieser Roman soll den Menschen die Gefahr verdeutlichen und nicht den Terroristen eine Idee liefern. Schön wäre es, wenn die Verantwortlichen die Atomkraftwerke sofort abschalten würden. Denn eine Absicherung der deutschen Atomkraftwerke gegen Raketenbeschuss und Flugzeugabsturz ist nach Aussagen von Experten nicht möglich, da die vorhandenen Betonwände der Reaktorblöcke den enormen Druck nicht standhalten. Nach solch einem Ereignis kommt es mit großer Sicherheit zu einer Kernschmelze. Ein weiteres Problem ist, dass es weltweit keine sichere Endlagerungs-Möglichkeit für radioaktiven Müll gibt.

1. Kapitel

Mein Hund Tisza ist eine Herdenschutzhündin, auch ungarischer Kuvasz genannt. Sie ist kein einfacher Hund, aber sehr klug und sehr schön. Frauen schmelzen schnell dahin, wenn sie Tisza sehen. Herdenschutzhunde beschützen seit mindestens 3.000 Jahren Schafe, Rinder und Ziegen vor Wölfen oder anderen Beutegreifern. Heute gibt es nur noch wenige Aufgaben für solche Hunde, aber die Rasse ist stolz, klug, selbständig und sehr verteidigungsbereit. Der Kuvasz wird in Ungarn auch Wächter genannt. Herdenschutzhunde faszinieren mich, weil sie ähnlich wie der Wolf eine darwinsche Selektion, das nur das stärkste Tier überlebt, erfahren haben.

„Komm Tisza, wir laufen jetzt los“, befehle ich.

Ihre Blicke sagen „O.K.!“

Nachdem ich meinen alten Passat Kombi auf einem kleinen Parkplatz kurz vor der französischen Grenze nahe dem Rhein abgestellt habe, laufe ich mit Tisza über eine relativ neue Brücke nach Frankreich bzw. ins Elsass. Sie ist relativ klein und für Autos einspurig, hat aber einen großzügigen Fahrradweg. Das ist typisch für Südbaden: Autos sind unerwünscht, aber Fahrräder willkommen. Die Menschen hier sind gegenüber den grünen Ideen sehr aufgeschlossen, deswegen ist es selbstverständlich, schöne Fahrradwege zu haben. In Berlin sieht die Situation der Fahrradfahrer ganz anders aus. Man muss dort froh sein, wenn man sein Ziel überhaupt lebend erreicht hat.

Wir überqueren einen Altrhein-Arm mit Kiesstrand und relativ geringer Strömung. Der Rhein ist hier zweigeteilt, im Osten der Altrhein und im Westen der Hauptarm mit Schifffahrt und energetischer Nutzung. Am Altrhein stehen überall Warnschilder auf Französisch und Deutsch „Vorsicht, plötzliche Überflutung ist möglich!“ Zwischen den beiden Rhein-Armen befindet sich eine langgezogene Insel. Auf den französischen Straßenschildern ist als nächster Ort Fessenheim angegeben.

Auf der Insel beschließe ich nach links, Richtung Süden zu laufen. Ich befinde mich jetzt in Frankreich. Der gut ausgebaute Weg verläuft nahezu kerzengerade. Keine Fußgänger oder Radfahrer sind zu sehen. Rechts und links vom Weg ist dichter Wald mit vermutlich vielen Zecken im Unterholz. Wahrscheinlich muss ich den Hund am Abend von diversen Blutsaugern befreien. An einem Abhang steige ich hinunter und erreiche ein flaches Flussbett mit Kiesen. Wieder sehe ich ein Warnschild „Vorsicht, plötzliche Überflutung ist möglich“. Wenn der Rhein Hochwasser hat, wird der Altrhein plötzlich geflutet, um den Hauptarm zu entlasten. Tisza läuft unbeholfen über das Flussgeröll zum Wasser, um zu trinken. Im Sommer hat sie, wie wir Menschen, mehr Durst.

Wenig später sind wir zurück auf dem Weg und laufen weiter Richtung Süden. Der Wald ist nach wie vor dicht bewachsen, deswegen kann man nur selten in die Ferne schauen. Nach einigen Kilometern ohne einer Menschenseele zu begegnen, erreichen wir eine Lichtung mit Blick nach Westen. Hinter einer großen Wiese befindet sich das in die Jahre gekommene, alte französische Kernkraftwerk Fessenheim. Um es mit Rheinwasser zu kühlen, wurde es in den 70-zigern direkt am Ufer gebaut.

Ich setze mich auf einen umgekippten Baumstamm und schaue hinüber zum Kraftwerk, das ungefähr 1.000 Meter von mir entfernt ist. In der weiteren Umgebung des Kraftwerkes gibt es keine Absperrungen und auch keinen Wachschutz. Nur hinter einem Sicherheitszaun dicht am Kraftwerksgelände sieht man einige Wachmänner. Somit kann sich jeder dem Reaktorblock unbemerkt nähern und sein Unwesen treiben.

„Warte Tisza, wir machen hier eine Pause“, schlage ich vor.

Sie kommt mit wedelndem Schwanz angerannt und setzt sich vor meine Füße.

Schon seit den 70-ziger Jahren ist man in Südbaden nicht gerade erfreut über das Atomkraftwerk. Bei einer Störung mit einer radioaktiven Wolke wäre Südbaden bei vorherrschenden Südwestwinden voll betroffen gewesen, während das Elsass verschont geblieben wäre. In den 80-ziger Jahren gab es deshalb große Proteste in Freiburg und im Breisgau. Bis heute sind die Leute in der Region nicht begeistert über das Atomkraftwerk, aber sie haben sich mit dessen Existenz abgefunden. Was sollte man auch dagegen tun?

Vor einigen Monaten kam es wegen eines heftigen Seebebens östlich von Japan zu mehreren, riesigen Tsunamis, die im Kernkraftwerk Fukushima einen Supergau auslösten. In einigen Reaktorblöcken kam es zu Explosionen und Kernschmelzen. Im Umkreis von 20 Kilometern ist jetzt wegen der hohen Strahlung ein striktes Sperrgebiet. Auch die weitere Umgebung ist radioaktiv belastet. Unabhängige, japanische Wissenschaftler haben nach der Katastrophe eine erhöhte Radioaktivität im ganzen Land nachgewiesen. Die Betreiberfirma kühlt verzweifelt mit Meerwasser die zerstörten Reaktoren. Arbeiter auf dem Gelände werden trotz ihrer Schutzanzüge verstrahlt und sterben ganz sicher vorzeitig. Wegen der Bewässerung fällt enorm viel radioaktives Kühlwasser an, dass in eilig errichtete Tanks gelagert wird. Die Anzahl der Tanks nimmt ständig zu. Anströmendes Grundwasser wird abgepumpt, damit das Gelände nicht durchströmt wird. Spundwände sollen einen Kontakt zwischen dem unbelasteten und belasteten Grundwasser verhindern. Einige Tanks sind bereits undicht, deswegen gelangt radioaktives Wasser ins Meer und bedroht dort die Nahrungskette.

Nach der Katastrophe in Fukushima hat die konservative, deutsche Regierung den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Bis zum Jahr 2019 sollen alle 12 in die Jahre gekommenen deutschen Atomkraftwerke mit insgesamt 17 Einzelreaktoren nacheinander abgeschaltet werden. Die Kosten für den Rückbau und die Entsorgung des radioaktiven Mülls wird Milliarden verschlingen. Natürlich wollen die deutschen Stromkonzerne diese Rechnung nicht bezahlen und versuchen die Kosten dem Staat beziehungsweise dem Steuerzahler unterzujubeln. Übrigens ist das Kernkraftwerk Fessenheim bei der oben genannten Zahl nicht dabei, weil es unter französischer Verwaltung und Kontrolle steht.

2. Kapitel

Sie parken ihren Lieferwagen auf einer Waldlichtung. Mit Hilfe ihres GPS haben sie es zuvor geschafft, einen befahrbaren Waldweg zu finden. Drei arabische Männer in Jeans, unauffällig gekleidet, schlank und schwarze Haare. Der neue deutsche Ausdruck: „Menschen mit Migrationshintergrund“ würde auf sie gut zutreffen. Sie kommen aus unterschiedlichen arabischen Staaten und können sich untereinander gut auf Arabisch verständigen. Den weißen, unauffälligen, nicht mit Werbung beklebten Kasten-Lieferwagen Volkswagen-T5 haben sie gemietet.

Im Vorfeld war die Vorbereitung sehr umfangreich. Ihre Boden-Boden-Rakete ist nicht länger als 2 Meter. Die Technik und Elektronik der Raketensteuerung ist moderne High-Tech aus den USA. Die Steuerung der Rakete erfolgt mit Hilfe eines Laptop. Die drei Männer sind Spezialisten für Rüstungstechnik, wurden in Deutschland ausgebildet und sprechen ein akzentfreies Deutsch. Eigentlich hätten sie gute Chancen in der deutschen Wirtschaft zu arbeiten, denn die sucht aktuell dringend Ingenieure und Facharbeiter. Insbesondere in der deutschen Rüstungsindustrie hätten sie ganz sicher einen guten Job bekommen.

2 Stunden später ist außerhalb des Lieferwagens eine kleine Abschussrampe mit der Boden-Boden-Rakete montiert. Konzentriert gibt ein Mann die Zielkoordinaten in den Laptop ein, jetzt ist das System bereit für den Abschuss. Im Raketenkopf befindet sich eine Lenkeinheit, die vom Computer aus drahtlos gesteuert wird. Die Rakete trägt einen 150 kg-TNT-Sprengkopf. Die drei Araber sind sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Die maximale Reichweite der Rakete beträgt 4 km. Das passt, denn der Reaktorblock mit der Betoneinfassung ist nur ungefähr 2 Kilometer entfernt.

Einer der Männer tippt die Enter-Taste leicht an und schon zündet der Düsenantrieb. Ein Feuerstrahl ist sichtbar, der einen Höllenlärm verursacht. Die Rakete startet fauchend und erreicht schnell eine wahnwitzige Geschwindigkeit. Nach einem leichten Spiralflug trifft sie den Reaktorblock, durchschlägt den Beton und zündet ihre Sprengladung im Innenraum. Die heftige Denotation mit einem kurzen Lichtblitz ist sehr weit zu hören und zu sehen. Eine gigantische Rauchwolke bildet sich über dem beschädigten Reaktorblock. An mehreren Stellen des Geländes laufen gleichzeitig Warnsirenen an, die das Desaster melden.

Die drei Männer schauen sich nur kurz das Szenario an. Ihre Mienen zeigen eine große Zufriedenheit über das Resultat ihrer wochenlangen Vorbereitung. Die Abschussrampe und andere Kleinteile lassen sie vor Ort liegen. Eilig steigen sie in den VW-Bus, weil sie sich der akuten Strahlengefahr bewusst sind. Sie starten ihr Fahrzeug und nehmen den gleichen Waldweg, den sie zuvor gekommen waren. Sie lassen die Beleuchtung ausgeschaltet, um nicht gesehen zu werden.

Ihre Fahrt geht über die Rheinbrücke nach Deutschland. Wenig später erreichen sie die Rheintal-Autobahn und nehmen die Auffahrt Richtung Frankfurt. Nach 2 Stunden sehen sie den Flugplatz Frankfurt vor sich und stellen ihr Fahrzeug auf einem normalen, gebührenpflichtigen Parkplatz ab. In der Abflughalle holen sie sich ihre zuvor gebuchten Flugtickets ab. Sie kommen problemlos durch die Abfertigung und besteigen danach ein Flugzeug nach Karatschi. Der Jet startet in den Nachthimmel.

3. Kapitel

Den Raketenschweif und den Einschlag in den Reaktorblock habe ich zufällig gesehen. Ich stehe wie angewurzelt da und bin vollkommen geschockt. Meine Nackenhaare stellen sich wie bei einem Hund auf. Was ist passiert? Hat da ein Irrer den Reaktor gesprengt? Wenig später sehe ich Flammen über dem zerstörten Block.

„Lass uns hier abhauen!“, schreie ich Tisza an.

Sie springt auf und wedelt aufgeregt mit ihrem Schwanz.

Eilig laufen wir den Waldweg zurück zu meinem alten Passat. Von Weitem höre ich die charakteristischen Sirenen von französischen Feuerwehrfahrzeugen und Polizeiautos. Nachdem ich endlich mit dem Hund mein Auto erreicht habe, schalte ich sofort einen deutschen Radiosender ein.

„Dringende Durchsage an die Bevölkerung: Im französischen Atomkraftwerk Fessenheim ist vermutlich ein Störfall eingetreten. Bitte bewahren Sie Ruhe. Wir werden sie weiter informieren, wenn wir mehr wissen!“

Momentan haben wir in Südbaden Südwestwind. Somit zieht eine mögliche radioaktive Wolke von Fessenheim direkt Richtung Freiburg über den Schwarzwald und weiter nach Nordosten über Schwaben, Bayern, Franken und Ostdeutschland. Das sieht für die Menschen in Deutschland nicht gut aus. Hoffentlich dreht der Wind irgendwann in eine andere Richtung.

Erstmal bleibe ich mit Tisza im Auto sitzen, um meine Gedanken zu sortieren. Eine halbe Stunde später kommt eine weitere Radio-Durchsage an die Bevölkerung. Ich drehe das Gerät etwas lauter, um auch wirklich alles genau mitzubekommen.

„Im französischen Atomkraftwerk Fessenheim brennt der Reaktorblock und eine vermutlich radioaktive Wolke zieht Richtung Nordosten über Südbaden hinweg. Wahrscheinlich hat kontaminiertes Kühlwasser den Rhein erreicht und strömt Richtung Norden rheinabwärts“, tönt es aus dem Lautsprecher.

Wie gelähmt sitze ich im Auto. Was soll ich nur tun? Meine angemietete Ferienwohnung befindet sich in Ihringen am Kaiserstuhl. Vermutlich haben die radioaktiven Wolken den Ort schon längst erreicht. Vielleicht sind sie auch an ihm vorbei gezogen, keine Ahnung. Trotz meiner Befürchtung beschließe ich, zunächst mit dem Auto zu meiner Ferienwohnung zu fahren, um dann weitere Entscheidungen zu treffen.

Tisza, wir fahren erst einmal in unsere Ferienwohnung“, teile ich ihr mit.

In ihrer Miene zeigt sich nicht die Spur einer Erinnerung an dieses Domizil.

Als wirkliche Fahrt kann man es nur kurzzeitig bezeichnen. Seit den Radiodurchsagen haben scheinbar viele Leute gleichzeitig beschlossen, die Flucht mit dem Auto anzutreten. Blechkarren, so weit das Auge reicht. Innerhalb von wenigen Minuten sind alle Landstraßen absolut verstopft, deswegen ist kein Vorwärtskommen mehr möglich. Das ist das blanke Chaos! Ungefähr 10 Kilometer vor Ihringen bleibe ich im Stau stecken.

Eine Stunde später ist immer noch kein Fortkommen per Auto möglich. Die Leute haben teilweise ihre Fahrzeuge verlassen und diskutieren am Straßenrand mit anderen Gestrandeten. Sie sehen ratlos und verängstigt aus. Am Nachthimmel ziehen schwarze Wolken über unsere Köpfe hinweg Richtung Nordosten. Im Autoradio höre ich die Durchsage eines neu eingerichteten Krisenstabes mit dem Namen „Südbaden“.

„Hier spricht der Krisenstab Südbaden. Das AKW Fessenheim wurde heute um ca. 20 Uhr durch Terroristen angegriffen. Der Reaktorblock brennt und radioaktive Emissionen überziehen Deutschland in nordöstliche Richtung. Kontaminiertes radioaktives Kühlwasser fließt rheinabwärts nach Norden. Bitte, bewahren Sie Ruhe und verlassen sie nicht ihre Wohnung oder ihr Haus. Lassen sie bitte Radio oder Fernseher eingeschaltet und verfolgen sie weitere Durchsagen.“

Wie soll ich nur meine Ferienwohnung erreichen? Verdammter Mist! Nach wie vor stehe ich ungefähr 10 Kilometer vor Ihringen. Eine Weiterfahrt ist leider nicht möglich. Ich streichele Tisza über den Kopf und furchtbare Gedanken lähmen mich. Wie schnell sich doch der normale Alltag in eine Horrorgeschichte verwandeln kann. Wieso hat man im dicht besiedelten Europa die Atomkraftwerke nicht schon längst stillgelegt? Hier ist jetzt ein französisches Atomkraftwerk betroffen. Die Franzosen haben ihr ganzes Land zugepflastert mit Kernkraftwerken. Man denke nur an Cattenom in Lothringen mit 5 Reaktoren nebeneinander. Ich habe mich schon immer über die Leichtfertigkeit der Franzosen gewundert. Im Radio folgt eine weitere Durchsage:

„Hier spricht der Krisenstab Südbaden. Neben dem Atomkraftwerk Fessenheim im Elsass wurden heute um ca. 20 Uhr von Terroristen zeitgleich 12 weitere in Betrieb befindliche Kernkraftwerke in Deutschland angegriffen. Wir versuchen derzeit ein Bild von der jeweiligen Lage Vorort zu bekommen. Reaktor-Brände werden von den AKW Brunsbüttel, Brokdorf, Krümmel, Unterweser, Emsland, Grohnde, Biblis B, Grafenrheinfeld, Philippsburg 1, Neckarwestheim 2, Grundremmingen C sowie Isar 1 gemeldet. Bei den Standorten mit Doppelreaktoren brennt jeweils nur ein Reaktorblock. Biblis A, Philippsburg 2, Neckarwestheim 1, Grundremmingen B und Isar 2 sind unversehrt. Bitte verfolgen sie weiterhin dringend die wichtigen Durchsagen des Krisenstabes.“

Damit ist der ganze Westen Deutschlands betroffen. Was für eine Horrormeldung! In den neuen Bundesländern wurden bereits nach der Wende alle vorhandenen Atomkraftwerke stillgelegt. Somit muss ich unbedingt zurück in den Osten, um dem hiesigen Chaos zu entkommen. Meines Erachtens ist das alte West-Deutschland verloren.

Meine einzige Rettung ist, wenn ich meine Wohnung im Süden von Berlin erreiche, also weit im Osten der Republik. Aber bei solchen Ereignissen bricht innerhalb von kurzer Zeit der gesamte, öffentliche Nah- und Fernverkehr sowie Straßenverkehr zusammen. Aufgrund dessen werde ich sicherlich weder mit dem Zug noch mit meinem Auto jemals in Berlin ankommen. Deswegen werde ich wohl oder übel zu Fuß die ungefähr 800 Kilometer nach Berlin laufen müssen. Dabei ist es anzuraten, die Gebiete mit den süddeutschen Atomkraftwerken großräumig zu umgehen. Mein Plan sieht vor, eine Route von Ihringen am Kaiserstuhl nach Nordosten über Schwarzwald, Schwäbische Alb, Franken, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg zu nehmen. Wenn ich jeden Tag 20 Kilometer laufe, werde ich Berlin in ungefähr 40 Tagen ankommen. Was sind das für bescheidene Aussichten, insbesondere, wenn man bei der Wanderung womöglich radioaktiv verseucht wird.

„Tisza, heute Nacht schlafen wir im Auto. Morgen machen wir eine große Wanderung. Dann hast du sehr viel Auslauf“, erkläre ich ihr. Die Hündin wackelt mit ihren Ohren. Hat sie mich verstanden?

4. Kapitel

Nach einer nahezu schlaflosen Nacht im Auto fahre ich mit dem Passat über einen kleinen Feldweg zu einem mir unbekannten Bauernhof. Ich biete dem überraschten Bauern mein Auto für einen Spottpreis von 500 Euro an. Der Bauer willigt erfreut ein und gibt mir schnell das Geld. Der Wagen hat sicherlich noch einen viel höheren Wert, aber die äußeren Umstände zwingen mich zu diesem Schritt. Ich schraube die Nummernschilder ab und verstaue sie in meinem Rucksack, um das Gefährt später in Berlin abmelden zu können. Leider muss ich jetzt meinen alten, zuverlässigen Weggefährten im Stich lassen. Ich verabschiede mich von dem hilfsbereiten Bauern, der offensichtlich wegen der Anschläge ziemlich unter Schock steht. Danach wandern Tisza und ich die 10-Kilometer-Strecke nach Ihringen.

Der Verkehrsstau auf der Landstraße hat sich nicht aufgelöst. Verzweifelte Menschen, Eltern mit Kindern, Jugendliche, Erwachsene und Alte, irren zu Fuß in die eine oder andere Richtung. Ihre Gesichter sind von Angst und Panik gezeichnet.

Die gesamte Infrastruktur in Deutschland scheint zusammengebrochen zu sein. Erste Bundeswehrpanzer und Polizeifahrzeuge sind an wichtigen Straßenkreuzungen zu sehen, um den Verkehr zu regeln. Ich nehme mit Tisza den kürzesten Weg über Felder und Feldwege, um nach Ihringen zu gelangen. Erschöpft und hungrig komme ich gegen Mittag in der Ferienwohnung an. Wegen meines Hungers ist mir richtig übel. Scheinbar hat die Hündin auch einen großen Appetit, denn sie schaut mich so fragend an. Zunächst koche ich mir in der Küche ein Essen aus den noch vorhandenen Resten. Viel ist es nicht mehr! Nachdem ich gespeist habe, bekommt Tisza ihr Dosenfleisch gemischt mit Trockenfutter.

„Tisza, dein Essen ist fertig“, sage ich und stelle ihren gefüllten Napf auf den gefliesten Küchenboden. Unruhig hat sie bereits auf diesen Moment gewartet und verschlingt hastig ihr Futter. Niemals lässt sie auch nur einen kleinen Rest übrig.

Einigermaßen gesättigt gehe ich auf die Terrasse der Ferienwohnung und schaue mir den Himmel an. Wir haben immer noch Südwest-Wind und eine Wolkenabdeckung. Das ungefähr 20 Kilometer entfernte Atomkraftwerk Fessenheim kann ich deutlich erkennen. Flammen sind wegen dieser Entfernung nicht auszumachen, aber die aufsteigende Rauchfahne ist gut zu sehen, die von Fessenheim in nordöstliche Richtung direkt über Ihringen und den Kaiserstuhl hinweg zieht. Was soll nur mit der Weinernte geschehen? Was geht dich das an, viel wichtiger ist doch meine eigene Gesundheit und die von den anderen Bewohnern in der Region.

Ich schalte den Fernseher an, um keine wichtigen Nachrichten zu verpassen. Auf allen Programmen laufen Sondersendungen. Was für ein Chaos! Mittlerweile wurden auf Anordnung der Regierung in ganz West-Deutschland sämtliche Straßen für private PKW wie auch für kommerzielle LKW gesperrt, damit Einsatzfahrzeuge freie Fahrt haben. Außerdem wurde von gleicher Stelle bestimmt, den öffentlichen Nah- und Fernverkehr in den alten Bundesländern einzustellen. Der Exekutive wirft man vor, dass die deutschen Atomkraftwerke schon längst hätten abgeschaltet sein müssen, statt sie noch bis 2019 in Betrieb zu lassen.

Von den Terroristen gibt es bis jetzt keine Spur. Das radioaktive Wasser aus dem Fessenheim-Reaktor hat rheinabwärts bereits Karlsruhe im Norden erreicht. Ganz Deutschland wird von radioaktiven Emissionen aus dem Fessenheim-Atomkraftwerk und den 12 deutschen Anlagen überzogen. Wenn es regnen sollte, gelangen die radioaktiven Partikel schnell auf die Erdoberfläche, aber auch ohne Regen erreicht der kontaminierte Staub irgendwann den Boden.

Mittlerweile gibt es bereits eine sehr hohe Opferzahl, aber wegen der vielen Strahlenkranken, die in den nächsten Tagen und Wochen noch sterben werden, wird die Zahl mit großer Sicherheit noch rapide ansteigen. Hierbei handelt es sich im Wesentlichen um AKW-Personal, Feuerwehrleute und Sanitäter, die dicht an den brennenden Reaktoren eingesetzt waren. Die Zahl der Verletzten ist bereits jetzt schon so hoch, dass das gesamte Gesundheitssystem im Westen Deutschlands zusammengebrochen ist, weil es viel zu wenig Ärzte, Krankenhauspersonal und Betten gibt. Insbesondere fehlt es an Betten auf den Intensiv-Stationen. Erschwerend ist der Umstand, dass die Mediziner wenig Erfahrung bei der Behandlung von Strahlenkranken haben, da es eine solche Situation in Deutschland bisher nicht gegeben hat. Das amerikanische und russische Militär verfügt über deutlich mehr Erfahrungen im Umgang mit Strahlengeschädigten.

Die Lage ist sehr beängstigend, wie ein Alptraum aus dem man nicht erwacht. Heute Nacht werde ich erst mal in der Ferienwohnung bleiben. Morgen früh werde ich, wie geplant, mit der Wanderung von Ihringen nach Berlin beginnen. Insgesamt sind das jetzt noch ca. 790 Kilometer.

Am Nachmittag packe ich ein großes Paket mit diversen Sachen, die ich auf der Wanderung nach Berlin nicht brauchen werde. Die beiden Nummernschilder von meinem verkauften Auto packe ich auch in die Postsendung. Ich beschrifte das Paket mit meiner Berliner Anschrift und bringe es mit Tisza zur Post. Die Ihringer unterhalten sich auf der Straße aufgeregt über die Ereignisse. Normalerweise sind die Leute hier in Südbaden eher zurückhaltend, aber heute ist das vollkommen anders.

Wieder in der Ferienwohnung lese ich im Internet unter Wikipedia folgende Informationen über Strahlenkrankheiten:

Je höher die Dosis, desto schwerwiegender sind die Auswirkungen, desto schneller treten die Symptome auf, desto länger dauert die Erholungsphase, desto länger bleibt die Krankheit bestehen und desto geringer werden die Überlebenschancen. Die Strahlendosis bzw. Äquivalentdosis wird in Gray (Gy) bzw. Sievert (Sv) angegeben. Die Äquivalentdosis, der ein Mensch durchschnittlich im Jahr durch Umwelteinflüsse sowie durch medizinische Untersuchungen ausgesetzt ist, beträgt etwa 0,001-0,005 Sv/Jahr. Alle folgenden Dosisangaben beziehen sich auf akute Bestrahlung des gesamten Körpers. Akut bedeutet hier kurzdauernd. Bei protrahierter, d.h. zeitlich über Stunden oder länger verteilter Aufnahme der gleichen Dosis ist die Schadwirkung geringer.

0,001-0,005 Sv/Jahr

Übliche Exposition durch Umgebung, Flugreisen, medizinische Untersuchungen etc.

Zusätzlich 0,001-0,006 Sv/Jahr

Noch erlaubte zusätzliche berufliche Exposition für Überwachungskategorie B

Zusätzlich 0,006-0,020 Sv/Jahr

Noch erlaubte zusätzliche berufliche Exposition für Überwachungskategorie A

0,0005-0,2 Gy

Mögliche angenommene Spätfolgen: Krebs, Erbgutveränderung

0,2-0,5 Gy

Keine Symptome, nur Reduzierung der roten Blutkörperchen

0,5-1 Gy

Leichter Strahlenkater mit Kopfschmerzen und erhöhtem Infektionsrisiko. Temporäre Sterilität beim Mann ist möglich.

1-2 Gy Leichte Strahlenkrankheit; 10% Todesfälle nach 30 Tagen