Der Mörder im Kopf - Günter Keil - E-Book

Der Mörder im Kopf E-Book

Günter Keil

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Beschreibung

Der Journalist Günter Keil führt seit Jahren Interviews mit den Weltstars der Literatur. In "Der Mörder im Kopf" werden 20 dieser Gespräche mit den bekanntesten Spannungsautoren (Jussi Adler-Olsen, Joy Fielding, Arne Dahl, Simon Beckett, Don Winslow, Tess Gerritsen, Jo Nesbö, Dennis Lehane, John Katzenbach, James Ellroy, Erik Axl Sund, Michael Robotham, Sebastian Fitzek, Martin Suter u. a.) in voller Länge veröffentlicht.

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Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über das Buch:

Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2015 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.comwww.facebook.com/edel.ebooks/twitter.com/edelebooks

Copyright © 2015 by Günter Keilwww.guenterkeil.dewww.facebook.com/gunter.keil.31guenterkeil.wordpress.com

Covergestaltung: Guter Punkt Korrektorat: Martha Wilhelm Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-801-8

Inhaltsverzeichnis

Über das Buch

Vorwort

Jussi Adler-Olsen

Simon Beckett

Gianrico Carofiglio

Arne Dahl

James Ellroy

Joy Fielding

Sebastian Fitzek

Tess Gerritsen

Hallgrímur Helgason

John Katzenbach

Dennis Lehane

Jo Nesbø

Michael Robotham

Karen Rose

James Sallis

Andrea Maria Schenkel

Liad Shoham

Erik Axl Sund

Martin Suter

Don Winslow

Im Gespräch mit dem Autor

Alle Interviews sind aus dem Jahr 2015. Zu James Ellroy, Dennis Lehane, Jo Nesbø und Martin Suter liegt jeweils nur das Interview vor. Bei allen anderen Autoren gibt es zusätzlich noch einen Steckbrief.

VORWORT

200 Millionen Bücher. Das ist die Gesamtauflage der 20 Autoren, die ich für dieses E-Book interviewt habe. 200 Millionen Bücher. Bis jetzt. Weltweit. Nach vorsichtiger Schätzung. Eine schier unvorstellbare Zahl, hinter der ein großer Trend steht: Krimis und Thriller. Dieses Genre ist beliebt wie nie zuvor, und seine erfolgreichsten Autoren werden als Stars gefeiert. Die Fans strömen zu Tausenden zu ihren Lesungen. Ihre Bücher erobern die Bestsellerlisten. Die Autoren in diesem E-Book sind zu einer echten Marke geworden, zu Kultstars.

Wer steckt hinter den Erfolgen? Wer schreibt über Morde, Serienkiller und die Opfer von Gewalt? Wie leben und arbeiten diese Menschen? Welche Leidenschaften, Ängste und Wünsche treiben sie an? Und wie gehen sie mit ihrem Erfolg um?Das frage ich mich, seitdem ich vor vielen Jahren begonnen habe, mich für Krimis und Thriller zu begeistern. Als Journalist und Moderator habe ich das Glück, ganz nah an die Stars heranzukommen. Ich führe Interviews mit ihnen und moderiere ihre Lesungen. Zahlreiche Zeitungen und Magazine drucken diese Gespräche, und ich veröffentliche sie in meinem Literaturblog. Leider fehlt oft der Platz, um sie in voller Länge wiederzugeben. Hinzu kommt: Schon lange wollte ich den Bestsellerautoren neue Fragen stellen, sie überraschen. In diesem E-Book ist es endlich so weit: 20 fesselnde Interviews ohne Zeilen-Limit.

Lernen Sie die wichtigsten Vertreter der Spannungsliteratur von ganz neuen Seiten kennen! Erfahren Sie, warum Jussi Adler-Olsen alle Geheimnisse der Frauen kennt. Weshalb Tess Gerritsen in einen Mörder verliebt war. Wie Don Winslow mit Mafiadrohungen umgeht. Worin für Joy Fielding der Sinn des Lebens besteht. Wie Arne Dahl für ein soziales Europa kämpft. Lesen Sie, welcher Autor ins Visier des BKA geraten ist. Wer beim Joggen eine Leiche fand. Und wer lieber in einen Pub geht als ins Leichenschauhaus. Und noch viel mehr ...

So haben Sie Ihre Stars noch nie erlebt.

Viel Spaß und Spannung beim Lesen!

Günter Keil

JUSSI ADLER-OLSEN

Medizinstudent, Friedensaktivist, Redakteur, Unternehmer, Filmwissenschaftler, Komponist und Verleger: Bevor der Däne Jussi Adler-Olsen 1997 mit dem Schreiben begann, arbeitete er in verschiedensten Berufen. Seit einigen Jahren zählt der 65-Jährige zu den erfolgreichsten Thrillerautoren Europas. Seine Bücher wurden teilweise verfilmt und erscheinen in mehr als 40 Ländern, darunter in den USA und China. Allein in Deutschland hat Adler-Olsen mehr als fünf Millionen Bücher verkauft, vor allem von seiner Serie um eine Sondereinheit der Kopenhagener Polizei und deren Chef Carl Mørck. Jussi Adler-Olsen hat einen erwachsenen Sohn und lebt in der Nähe von Kopenhagen sowie in Barcelona.

Jussi Adler-Olsens Romane erscheinen im dtv Verlag, zuletzt „Takeover“ und „Verheißung“.

STECKBRIEF JUSSI ADLER-OLSEN

Ihre Lieblingsfarbe? Gelb.

Wer oder was bringt Sie zum Lachen? Ich mag alles, was skurril und unerwartet ist.

Ihr Lieblingssong? Joni Mitchell – „A case of you“.

Bei welcher Raumtemperatur schreiben Sie am liebsten? 24 Grad.

Wovor haben Sie Angst? Machtmissbrauch.

Ihr Lieblingsfach in der Schule? Geschichte.

Ihr Lieblings-Stofftier als Kind? Und heute? Als Kind: Märklin. Als Erwachsener: meine Gitarre.

Welches der vier Elemente mögen Sie am meisten? Luft.

Wie viele Stunden schlafen Sie im Durchschnitt? Sechs.

Was ist der Sinn des Lebens? Ein anständiger Mensch zu sein.

Welche Rolle spielt Zeit für Sie? Zeit ist Leben.

Gibt es Unterschiede zwischen Ihrer Rolle als Autor und Privatperson? Nein. Ich bin immer derselbe. Vielleicht gibt es ein paar kleine Unterschiede, aber das sind Facetten meiner Persönlichkeit. Machen wir das nicht alle so?

Wie gehen Sie mit Zweifeln um? Ich bezwinge sie. Das bedeutet eine persönliche Entwicklung für mich.

Welches Toilettenpapier bevorzugen Sie? Drei Lagen!

Schauen Sie lieber vor oder zurück? Keines von beiden. Ich lebe in der Gegenwart.

Ihr Lieblingsbuch als Leser? John Steinbeck – „The Winter of Our Discontent“ („Geld bringt Geld“).

Die Person, die Sie am meisten bewundern?

INTERVIEW MIT JUSSI ADLER-OLSEN

„Ich weiß alles über Frauen!“ Jussi Adler-Olsen über Yoga, seine Kindheit in psychiatrischen Kliniken, Machtmissbrauch, sein Herz für Verrückte und die Prägung durch seine drei Schwestern

Mr. Adler-Olsen, praktizieren Sie Yoga? Zurzeit gehe ich lieber joggen. Aber es gab schon zweimal Phasen in meinem Leben, in denen ich regelmäßig Yoga gemacht habe. Es hat mir geholfen, entspannter und ruhiger zu werden. Dass die Übungen Körper und Geist aufbauen, kann ich also bestätigen.

Betrachten Sie sich als spirituellen Menschen? In gewisser Weise schon. Wir haben doch alle eine spirituelle Seite. Wenn ich eine Sternschnuppe sehe oder einen blinkenden Stern, halte ich natürlich inne und wünsche mir etwas. Ich bin übrigens auch ziemlich abergläubisch.

Wie äußert sich das? Wenn ich Auto fahre und vor mir eine schwarze Katze auftaucht, werde ich unruhig und male mir schreckliche Dinge aus, einen Total-Crash oder so etwas. Ich hasse solche Situationen. Außerdem denke ich immer, dass es schiefläuft, wenn jemand extrem selbstbewusst verkündet, dass er etwas ganz locker schafft.

In Ihrem Roman „Verheißung“ passieren Verbrechen in einer transzendentalen Organisation. Haben Sie sich durch eigene Erfahrungen zu diesem Plot inspirieren lassen? Nein. Meine einzige Verbindung zur esoterischen Szene besteht darin, ihr im Fernsehen zuzugucken.

Wie meinen Sie das? Mehrere Monate pro Jahr lebe ich mit meiner Frau in Barcelona. In unserer dortigen Wohnung können wir keine anspruchsvollen Programme empfangen, vor allem spätabends und nachts nicht. Also gucke ich manchmal schrägen Moderatoren zu, die Tarotkarten legen und ihren Zuschauern voller Überzeugung sofortige Heilung versprechen. Ein Kanal wendet sich direkt an Homosexuelle und bietet ihnen an, sie von ihrem angeblich sündhaften Lebensstil zu erlösen. Auf einem anderen Kanal tut ein sehr schwuler Moderator genau das Gegenteil: Er hilft seinen Zuschauern, homosexuelle Partner zu finden. Auch Schamanen, Pendelexperten und viele andere esoterische Anbieter treten auf. Um 3 Uhr nachts glauben die Leute alles.

Sie nicht? Nein. Aber ich mache mich darüber nicht lustig. Ich respektiere, dass einsame oder kranke Menschen Hilfe und Rat suchen und einen vielleicht sehr speziellen Glauben entwickeln. Wenn dieser ihnen Freude und Entlastung bringt, ist das völlig okay. Mein aktueller Roman soll keinesfalls die spirituelle Szene pauschal in ein schlechtes Licht rücken. Ich beschreibe darin allerdings, wie Sinn suchende Leute mit esoterischen Telefonhotlines abgezockt werden. Seitdem Spiritualität ein so großes Geschäft geworden ist, gibt es natürlich auch dort schwarze Schafe, über die ich schreiben wollte. Besonders perfide am Machtmissbrauch im Esoterikumfeld ist, dass Menschen darunter leiden, die sowieso schon schwach sind. Sie hoffen darauf, dass sich etwas in ihrem Leben ändert, sie suchen Hilfe und vertrauen sich anderen an – und genau dann werden sie auch noch ausgenutzt.

Sehen Sie sich eigentlich als sozialkritischen Autor? Und wie! Ich habe den Drang, darüber zu schreiben, was mich stört, vor allem, wenn es um Menschenrechtsverletzungen oder soziale Ungerechtigkeit geht. Mit meinen Büchern spreche ich zwar bewusst die breite Masse an, aber ich möchte diese Gelegenheit für den Transport wichtiger Themen nutzen. Was in Politik und Gesellschaft falsch läuft, fließt in meine Plots ganz bewusst mit ein. Aber nie mit erhobenem Zeigefinger! Ich nutze Spannung und Humor, um nicht in die Oberlehrer-Falle zu tappen.

Vor Ihrer Karriere als Autor waren Sie Gitarrist, Verleger, Komponist, Redakteur, Friedensaktivist und Filmwissenschaftler. Zuvor haben Sie Medizin, Soziologie und Filmwissenschaft studiert. Wie kam es zu diesem permanenten Jobwechsel? Das liegt daran, dass ich mir schon früh vorgenommen habe, nur das zu tun, was mir Spaß macht. Und auch nur so lange, wie ich Lust dazu hatte.

Haben Ihre Eltern Sie darin unterstützt? Ja, absolut. Als ich 16 war, nahm mich mein Vater zur Seite und meinte: „Junge, du hast so viele fantastische Talente. Versprich mir bitte, dass du sie alle in deinem Leben ausprobierst und immer nur das tust, was dir wirklich Freude bereitet. Folge deinem Herzen!“

In der Generation Ihres Vaters war so eine Einstellung eine große Ausnahme. Allerdings! Aber mein Vater war Psychiater und ein Meister der Empathie. Er erkannte nicht nur bei mir, wo die Fähigkeiten und Talente eines Menschen lagen. Als Leiter mehrerer psychiatrischer Einrichtungen gehörte das zu seinem Job. Er kümmerte sich um die Patienten und wir Kinder der Angestellten haben auf dem Gelände dieser „Irrenanstalten“, wie sie in den 50er- und 60er-Jahren genannt wurden, gespielt. Meist lagen die Kliniken weitab von Städten in wunderschöner Natur, da gab es Fjorde und Wälder, wir hatten viel Platz und jede Menge Spaß.

Klingt nach einer unbeschwerten Kindheit. Ja, durchaus. Aber Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich in diesen Kliniken alles gesehen habe.

Was denn? Ich sah schreiende und tobende Patienten, verrückt simulierende Mörder und verschlagene Pädophile. Beim Spielen im Wald entdeckte ich Insassen, die sich an Bäumen erhängt hatten. Als gefährlich eingestufte Insassen wurden damals wie Tiere in offenen Käfigen gefangen gehalten. Sie waren kaum bekleidet, Männer und Frauen wurden getrennt eingesperrt. Doch ich war mehr interessiert als schockiert: Manchmal schlich ich mich in die Behandlungszimmer und versteckte mich dort. So konnte ich zusehen, wie mit Elektroschocks behandelt wurde. Durch ein Dachfenster habe ich mit anderen Jungs sogar regelmäßig bei Autopsien zugeschaut.

Das hört sich unglaublich an. Heute wäre es ein Skandal, ja. Aber damals war das ganz normal. Als ich „Einer flog über das Kuckucksnest“ erstmals im Kino sah, lachte ich. Denn es war harmlos gegen das, was ich gesehen hatte und was wirklich passierte.

Hat Ihnen Ihr Vater nicht verboten, in den Kliniken herumzustreunen? Nein, im Gegenteil. Er wollte nie die Wirklichkeit vor mir verstecken und hat mich auf diese Situationen gut vorbereitet. Er schärfte mir auch immer wieder ein, dass die Patienten einmal ein ganz normales Leben geführt hatten und nur durch schlimme Ereignisse so „verrückt“ wurden. Das Verständnis für Menschen abseits der Norm prägt mich bis heute.

Inwiefern? Ich habe ein Herz für Verrückte und Unangepasste. In meinem Freundeskreis befinden sich einige, die ein bisschen schräg sind.

Haben die Klinikerlebnisse Spuren bei Ihnen hinterlassen? Überhaupt nicht. Aber seit dieser Zeit bin ich sehr sensibel gegenüber jeglichem Machtmissbrauch. Schon damals ist mir aufgefallen, wie unmenschlich und autoritär manche Ärzte mit ihren Patienten umgingen. Zwei Mediziner sind mir besonders im Gedächtnis geblieben: Sie rasierten sich Glatzen und tranken demonstrativ rohe Eier – das war eine ganz widerliche Zurschaustellung von Macht und Männlichkeit.

Wollten Sie nie in die Politik gehen, um für Ihre Überzeugungen zu kämpfen? Nein. Das wäre überhaupt nichts für mich. Ich könnte nie ein Parteiprogramm abnicken und mich nach dem Massengeschmack oder Meinungsumfragen richten. Zwar wuchs ich in einer wohlhabenden Familie auf und lernte, wie man sich benimmt, was man anzieht, dass man sich anpasst und stets interessiert sein soll – wenn es danach ginge, wäre ich ein guter Politiker. Aber ich bin eben auch ein Sohn der 68er, ein Hippie, ein Rock ’n’ Roller. Autoritäten und Hierarchien kann ich nicht ausstehen.

Wie gehen Sie mit Ihrer eigenen Macht als Bestsellerautor um? Ich mag Macht, wenn sie gut gehandhabt wird. Macht ist sogar sehr wichtig, um die Welt in einem positiven Sinne zu verändern. Ich selbst genieße den Einfluss, den ich als Autor habe, und gehe sehr verantwortungsvoll damit um. Meinen Lesern und allen, die mit meinen Büchern zu tun haben, versuche ich immer auf Augenhöhe zu begegnen; ich bin nicht besser als sie, und ich bin auch kein Blender. Wer seine Macht dazu nutzt, um Schwächere zu demütigen oder egoistische Ziele zu verfolgen, den verachte ich.

Ihre Protagonisten kommen regelmäßig in gefährliche Situationen und haben Angst. Wovor fürchten Sie sich selbst? Vor gar nichts.

Das ist nicht Ihr Ernst. Doch. Ich bin ein völlig angstfreier Mensch.

Sie fürchten nicht den Tod? Überhaupt nicht. Kummer bereitet mir nur der Gedanke, dass ein Mensch aus meinem engsten Umfeld stirbt. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Ich ziehe es natürlich vor, zu leben.

Wie ist es mit Spinnen, Schlangen, engen Räumen oder Aufzügen? Fehlanzeige. Das lässt mich alles kalt. Ich war mal im Dschungel – all diese giftigen Tiere konnten mir keinen Schrecken einjagen. Ein Klaustrophobiker bin ich zum Glück auch nicht.

Stellen Sie sich vor, Sie verlieren von heute auf morgen Ihren Erfolg, Ihr Vermögen. Schreckt Sie das nicht ab? Nein. Ich hätte kein Problem damit, ein ganz normales, bescheidenes Leben zu führen. Erst vor Kurzem habe ich mit meiner Frau darüber gesprochen. Wir kamen zu dem Schluss, dass wir uns dann einfach auf eine kleine Insel zurückziehen würden und in der Lage wären, mit sehr wenig auszukommen.

Manche Männer fürchten starke Frauen – Sie auch? Nein. Grundsätzlich würde ich zwar sagen, dass es gefährlich und dumm ist, keine Angst vor Frauen zu haben, aber ich habe trotzdem keine. Vielleicht liegt es daran, dass ich alles über Frauen weiß.

Wie bitte? Ich kenne alle Geheimnisse der Frauen, wirklich alle.

Das müssen Sie erklären. Ich bin mit drei älteren Schwestern aufgewachsen. Die jüngste von ihnen ist vier Jahre älter als ich, die größte 14 Jahre älter. Und genauso unterschiedlich wie ihr Alter waren und sind ihr Aussehen und ihre Interessen. Von klein auf sprangen also drei Mädchen, später drei junge Frauen, um mich herum. Ich habe ihnen dabei zugehört, wie sie sich über ihre Menstruationsprobleme unterhalten haben, und bekam mit, was sie von Zungenküssen und der Missionarsstellung halten. Ich sah zu, wenn sie neue BHs und Slips anprobierten, über das Wachstum ihrer Brüste sprachen oder Parfüms testeten. Manchmal habe ich mehr erfahren, als ich wollte. Und vieles habe ich erst Jahre später verstanden.

Hatten Ihre Schwestern nichts dagegen, belauscht zu werden? Denen war total egal, ob ich mit im Zimmer war. Wen kümmert schon der kleine Bruder? Ich hätte auch eine Fliege an der Wand sein können, so wenig hat sie meine Anwesenheit gestört. Diese totale Nähe hat jedenfalls dazu geführt, dass ich schon früh zum Frauenexperten geworden bin.

Stimmt es, dass Sie 1980 ein Mädchen-Jahrbuch herausgegeben haben? Wie peinlich, ja. Ich habe es unter Pseudonym geschrieben.

Was stand darin? Das war ein Kalender für junge Mädchen mit den gleichen Themen, über die meine Schwestern dauernd redeten: Mode, Make-up, Verliebtsein, Horoskope. Unglaublich, wenn ich heute daran denke. Aber ich brauchte damals dringend Geld und habe damit tatsächlich einiges verdient.

Zu Ihren Lesungen kommen jeweils bis zu 2.000 Menschen, die Sie wie einen Rockstar feiern. Wie finden Sie das? Toll! Aber mir ist bewusst, dass ich diesen Wirbel um meine Person gar nicht verdient habe. Jedes meiner Bücher kann man innerhalb weniger Tage lesen; dann bleiben noch mindestens 360 weitere Tage jedes Jahres, in denen wichtigere Dinge passieren. Es gibt so viele Bücher und so viele Autoren – also versuche ich, auf dem Boden zu bleiben. Ich habe großen Respekt vor meinen Lesern und vor allen, die es überhaupt möglich machen, dass ich so erfolgreich bin. Es gibt Bestsellerautoren, die unter einer luxuriösen Glocke fernab der Realität leben – mir kann das nicht passieren.

Wofür geben Sie Ihr Geld aus? Ich brauche keine dicken Autos oder Designerklamotten. Luxus ist für mich, in meinem Keller ein Tonstudio einrichten zu können oder mit meiner Frau drei Monate pro Jahr in unserer Wohnung in Spanien zu verbringen. Einmal habe ich ganz spontan in einem Gitarrenladen eine Gibson GGC gekauft – die sah fast so aus wie die, mit der ich früher in meiner Band spielte. Mir liegt viel daran, dass mit meinen Einkünften sinnvolle Sachen gefördert werden. Ich habe zum Beispiel viel Geld in eine Firma gesteckt, die kleine, billige Häuser mit eigener Energieversorgung entwickelt. An der Nordküste Dänemarks stehen gerade schon die ersten Prototypen. Ich hoffe, dass diese Häuser auch einmal eine Alternative sein können für Wellblechhütten in Südafrika oder Südamerika.

Versteuern Sie Ihre Buchtantiemen in Dänemark? Selbstverständlich. Und das, obwohl ich einen Steuersatz von 67 Prozent habe.

Sie könnten in die Schweiz ziehen oder nach Monaco. Das wäre nichts für mich. Ich unterstütze mit meinem Anteil gerne unsere sozialen Einrichtungen und das Gesundheitssystem. Wenn jeder nur für sich selbst sorgt und die Wohlhabenden wegziehen, bricht die Gesellschaft zusammen.

Brauchen Sie Bodyguards?

SIMON BECKETT

Mit „Die Chemie des Todes“ schaffte Simon Beckett 2006 den Durchbruch. Der Debütroman der Serie um den Forensiker David Hunter hat sich allein in Deutschland mehr als eine Million Mal verkauft. Drei weitere Bände folgten, alle wurden große Bestseller. Inzwischen werden Becketts Romane in 29 Ländern veröffentlicht und haben eine Gesamtauflage von acht Millionen Exemplaren. Beckett studierte Englisch, unterrichtete Sprachen in Spanien, spielte Schlagzeug in verschiedenen Bands und war freiberuflicher Journalist. Zuletzt erschien „Der Hof“, ein Standalone-Thriller ohne seine Figur David Hunter. Der 55-jährige Beckett lebt mit seiner Frau Hilary in Sheffield.

Simon Becketts Romane erscheinen in den Verlagen Rowohlt und Wunderlich.

STECKBRIEF SIMON BECKETT

Ihre Lieblingsfarbe? Keine – ich bin farbenblind.

Wer oder was bringt Sie zum Lachen? Zurzeit bin ich von einer amerikanischen Sitcom begeistert. Sie heißt „Parks and Recreation“, ist sehr lustig und toll besetzt.

Ihr Lieblingssong? Das wechselt dauernd. Ich höre wirklich sehr unterschiedliche Songs, je nachdem wie ich mich fühle.

Bei welcher Raumtemperatur schreiben Sie am liebsten? Es müssen genau 20.5 Grad sein, sonst ist mein Tag ruiniert. – Ja, das ist ein Scherz.

Wovor haben Sie Angst? Vor einer Schreibblockade.

Welchen Beruf hätten Sie, wenn Sie nicht Autor wären? Wenn es darum ginge, eine möglichst interessante und vielseitige Karriere zu haben, klingt Schauspieler sehr attraktiv. Leider kann ich nicht schauspielern.

Ihr Lieblingsfach in der Schule? Kunst und Englisch.

Ihr Lieblings-Stofftier als Kind? Ich mochte nie Stofftiere. All diese glotzenden Augen ...

Welches der vier Elemente mögen Sie am meisten? Ich mag das Atmen, also: Luft.

Wie viele Stunden schlafen Sie im Durchschnitt? Ungefähr sechs.

Was ist der Sinn des Lebens? Ich melde mich wieder bei Ihnen, wenn ich’s rausgefunden habe.

Gibt es Unterschiede zwischen Ihrer Rolle als Autor und Privatperson? Das Schreiben ist so ein wichtiger Bestandteil meiner Persönlichkeit, dass ich mich schwertue, es von meinem sonstigen Leben zu trennen.

Wie gehen Sie mit Zweifeln um? Ich tue mein Bestes, um sie zu bewältigen.

Welches Toilettenpapier bevorzugen Sie? Ich bin kein Markenfetischist, also alles, was weich ist.

Schauen Sie lieber vor oder zurück? Ich versuche, keines von beiden zu tun und mich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Obwohl das natürlich leichter gesagt als getan ist.

Ihr Lieblingsbuch (als Leser)?

INTERVIEW MIT SIMON BECKETT

„Ich gehe lieber in einen Pub als ins Leichenschauhaus“ Simon Beckett über die Leidenschaft für Leichen, sein Privatleben in Sheffield, seine Hauptfigur David Hunter und den Druck, einen Bestseller schreiben zu müssen

Ihre Hauptfigur, der forensische Anthropologe David Hunter, beschäftigt sich gerne mit Leichen. Teilen Sie diese Leidenschaft? Nein, auf keinen Fall! Ich gehe privat viel lieber in einen Pub als in Leichenschauhäuser oder auf Friedhöfe. Aber als Autor und Journalist finde ich es sehr spannend zu erfahren, was mit uns passiert, nachdem wir gestorben sind. Das ist ein Thema, über das sonst gerne geschwiegen wird – und genau deswegen ist es hochinteressant.

Haben Sie selbst schon einmal eine Leiche gesehen? Sogar mehrere. Das war 2002 auf der Body Farm, einer Forschungseinrichtung der Universität von Tennessee. Dort werden Tote für wissenschaftliche Zwecke vergraben, um die Verwesungsprozesse studieren zu können. Ich war als Beobachter dort, um darüber einen Artikel zu schreiben, und kam so auf die Idee meiner Romanreihe.

Wie haben Sie sich auf diesem Gelände gefühlt? Eigentlich ganz gut. Aber einmal bat mich ein Mitarbeiter, ihm beim Ausgraben einer Leiche zu helfen. Ich zögerte, packte dann aber mit an. Dabei wurde mir schon etwas mulmig.

In „Verwesung“, dem vierten Roman mit David Hunter, schildern Sie zum ersten Mal Details aus seiner Vergangenheit. Warum haben Sie so lange damit gewartet? Das passt zu David: Er ist ein ruhiger, introvertierter Typ, der nicht viel herumerzählt und kaum Privates von sich gibt. Außerdem wollte ich meine Leser neugierig machen und nur eine kleine Fährte auslegen. Bis jetzt wussten sie nur, dass Davids Frau und Tochter vor acht Jahren durch ein schlimmes Unglück starben. Nun erzähle ich im Rückblick, was damals passiert ist.

Wie hat der Verlust seiner Familie den Anthropologen verändert? Vorher war er ein gut gelaunter Familienmensch, danach wurde er zum nachdenklichen Einzelgänger. In „Verwesung“ muss er sich sogar noch einmal mit seiner tragischen Vergangenheit auseinandersetzen, denn ein neuer Fall bringt alle alten Erinnerungen zurück. Das ist natürlich hart für ihn.

David Hunter ist zurückhaltend und zweifelt an sich selbst – das klingt nicht nach einem typischen Thrillerheld. Stimmt. Das war mir auch wichtig. Ein Superheld, der alle Fälle sofort löst, oder ein Außenseiter mit Alkoholproblem und Affären wäre mir wie ein Klischee vorgekommen. Ich wollte einen Mann, der zwar besondere Fähigkeiten hat, aber ganz normal und bescheiden lebt. Das ist realistischer und man kann sich mit ihm viel besser identifizieren.

Ist er Ihnen ähnlich oder Sie ihm? Nein. Das würde meine Frau auch gar nicht zulassen. Natürlich fließen meine Gedanken und Gefühle in David Hunter hinein, aber grundsätzlich sind meine Figuren und Handlungen – von Sachinformationen abgesehen – reine Fiktion.

Jeder Ihrer vier David-Hunter-Thriller spielt an einem anderen Schauplatz: in den Broads, auf der Body Farm, auf der Insel Runa und jetzt in Dartmoor. Welche Rolle spielen diese Orte? Sie sind sehr wichtig, gerade weil der Rest erfunden ist. Diese Schauplätze vermitteln eine bestimmte Stimmung, sie erzeugen Bilder. Das gilt natürlich in „Verwesung“ besonders für die Sümpfe von Dartmoor, in denen Leichen gesucht werden. Reale Orte sorgen für Authentizität und machen einen Roman leichter nachvollziehbar.