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Zum 70. Jahrestag – das Standardwerk zum Nürnberger Prozess in neuer Ausstattung Am 20. November 1945 begann in Nürnberg der vielleicht denkwürdigste Prozess der deutschen Geschichte. In 218 Tagen wurden 240 Zeugen gehört und 16.000 Protokoll-Seiten gefüllt. Am Ende dieser großen Abrechnung der Alliierten mit dem Nationalsozialismus stand die Verkündung von 12 Todesurteilen. Aber der Prozess war mehr als nur ein Verfahren gegen die Hauptkriegsverbrecher. Angeklagt war auch ein verbrecherisches System, das international anerkannte Rechtsnormen gänzlich geleugnet hatte. Damit gilt Nürnberg auch als Meilenstein auf dem Weg zu einem internationalen Strafrecht, das Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu ahnden erlaubt. Der Journalist Joe J. Heydecker, einer von wenigen deutschen Berichterstattern in Nürnberg, schrieb zusammen mit Johannes Leeb das 1958 erstmalig veröffentlichte Standardwerk, das die zwölf Jahre der NS-Diktatur im Spiegel dieses Prozesses bilanziert. Zum 70. Jahrestag ist es nun in einer neuen Ausstattung erhältlich.
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Seitenzahl: 1072
Veröffentlichungsjahr: 2015
Joe J. Heydecker / Johannes Leeb
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Titelseite
Über Joe J. Heydecker / Johannes Leeb
Über dieses Buch
Inhaltsverzeichnis
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Joe J. Heydecker (1916–1997) war Journalist und Berichterstatter während des gesamten Nürnberger Prozesses, er lebte bis zu seinem Tod in Wien.
Johannes Leeb, geboren 1932, Journalist. Zuletzt stellvertretender Chefredakteur von Weltbild. Er lebt in München.
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Am 20. November 1945 begann in Nürnberg der vielleicht denkwürdigste Prozess der deutschen Geschichte. In 218 Tagen wurden 240 Zeugen gehört und 16000 Protokollseiten gefüllt. Am Ende dieser großen Abrechnung der Alliierten mit dem Nationalsozialismus stand die Verkündung von zwölf Todesurteilen.
Aber der Prozess war mehr als nur ein Verfahren gegen die Hauptkriegsverbrecher. Angeklagt war auch ein verbrecherisches System, das international anerkannte Rechtsnormen gänzlich geleugnet hatte. Damit gilt Nürnberg auch als Meilenstein auf dem Weg zu einem internationalen Strafrecht, das Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu ahnden erlaubt.
Der Journalist Joe J. Heydecker, einer von wenigen deutschen Berichterstattern in Nürnberg, schrieb zusammen mit Johannes Leeb das 1958 erstmalig veröffentlichte Standardwerk, das die zwölf Jahre der NS-Diktatur im Spiegel dieses Prozesses bilanziert. Zum 70. Jahrestag ist es nun in einer neuen Ausstattung erhältlich.
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Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln
© 1958, 2015, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung: Barbara Thoben, Köln
Covermotiv: Richter: © akg-images / AP; Prozess: © akg-images; Wachposten: © akg-images / Voller Ernst / Chaldej
ISBN978-3-462-31530-1
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Die Bank der Angeklagten in Nürnberg
Vorbemerkung von Eugen Kogon
Robert M.W. Kempner: Der Nürnberger Prozess
Vorwort der Verfasser
Die große Jagd
1 Darf Adolf Hitler erschossen werden?
2 Innenminister Wilhelm Frick wird ›aufgepickt‹ – Rundfunkkommentator Hans Fritzsche bietet die Kapitulation Berlins an – Nicht auf der Anklagebank: Dr. Josef Goebbels
3 Reichsmarschall Hermann Göring, Angeklagter Nr. 1, entrinnt dem Tode und begibt sich in alliierte Gefangenschaft
4 Großadmiral Karl Dönitz übernimmt die Regierung
5 Bedingungslose Kapitulation
6 Das Ende der Herrlichkeit – mit Dönitz gehen in die Gefangenschaft: OKW-Chef Wilhelm Keitel, der Chef des Wehrmachtsführungsstabes Alfred Jodl und der Reichsminister für Bewaffnung und Munition Albert Speer
7 Vizekanzler Franz von Papen fühlt sich zu alt – Generalgouverneur Hans Frank will Selbstmord begehen
8 In alliierter Hand: Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, Reichsprotektor Constantin von Neurath, Reichswirtschaftsminister Walther Funk, Reichssicherheitshauptamtsleiter Ernst Kaltenbrunner, Reichskommissar Arthur Seyss-Inquart, Rüstungsindustrieller Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Arbeitsdiktator Fritz Sauckel
9 Arbeitsfrontführer Robert Ley will Distelmeyer heißen – Parteiphilosoph Alfred Rosenberg liegt im Krankenhaus – Ein harmloser Künstler: Frankenführer Julius Streicher
10 Das Ende des Reichsführers SS Heinrich Himmler
11 Im Bett verhaftet: Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop – Reichsjugendführer Baldur von Schirach stellt sich selbst – Auf einer Moskwa-Insel wartet Großadmiral Erich Raeder
12 Geheimnis und Sensation: Rudolf Heß, Stellvertreter des Führers, fliegt nach Schottland
Der Weg nach Nürnberg
1 Irgendwo in Europa – Fragen, Fragen, Fragen
2 Bis in die entferntesten Schlupfwinkel der Erde …
3 Josef Stalins Trinkspruch – Winston Churchill erhebt Einspruch
4 Napoleon und Robert H. Jackson
5 In den Zellen von Nürnberg
6 Dem Gericht entronnen: Robert Ley, Gustav Krupp und Martin Bormann
Macht und Wahn
1 Der Prozess beginnt
2 Hitler an der Macht
3 Die blutige Saat
4 Wien, 25. Juli 1934
5 Hitler enthüllt seine Pläne
6 Wer nicht mitmacht, muss verschwinden
7 Der Anschluss
8 Friede in unserer Zeit
9 Die Kristallnacht
10 Generalprobe Spanien
Krieg
1 Stalin und die Kannibalen
2 Die letzten Hoffnungen
3 Vier Uhr fünfundvierzig
4 Die Ausgeburt der Hölle
5 Seelöwe, Anfang vom Ende
6 Unternehmen Barbarossa
Hinter der Front
1 Das Programm des Satans
2 Hitlers Manager
3 Die Ehre der Soldaten
4 Der Massenmord von Katyn
5 Die Technik der Entvölkerung
6 Die Ausrottung der Juden
7 Das Ende des Warschauer Gettos
Das letzte Kapitel
1 Schlussworte und Urteil
2 Wie es zu den Urteilssprüchen kam
3 Tod durch den Strang
4 Spandau und danach
5 Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte
Wahnvorstellungen von der Neuordnung Europas
Alle Neger und Juden nach Madagaskar
Germanisches Weltreich bis zum Ural
Hitler als Halbgott in den Bergen
Es genügt, wenn die Slawen bis hundert zählen können
Was den Deutschen geblüht hätte
Kein Scherz: Stutenmilch für blonde Siegfriede
Mittelpunkt der Welt: Himmlers Walhall
Anhang
Entschluss – Anklage – Urteil
Zeittafel
Bibliografie
Foto: Bundesarchiv
1 Die Bank der Angeklagten in Nürnberg.
Hintere Reihe von links: Karl Dönitz, Erich Raeder, Baldur von Schirach, Fritz Sauckel, Alfred Jodl, Franz von Papen, Arthur Seyß-Inquart, Albert Speer, Konstantin von Neurath, Hans Fritsche.
Vordere Reihe von links: Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel, Ernst Kaltenbrunner, Alfred Rosenberg, Hans Frank, Wilhelm Frick, Julius Streicher, Walter Funk und Hjalmar Schacht
Dieses Buch erfüllt eine doppelte Aufgabe.
Es unterrichtet zum einen über den folgenschwersten Abschnitt der neueren deutschen Geschichte, den Nationalsozialismus. Das geschieht auf eine einzigartige Weise: im Berichtrahmen des Prozesses, der die zwölf Jahre »Drittes Reich« gerichtlich abschloss. Was sonst Jahrzehnte, zuweilen erst Jahrhunderte nachher die Geschichtswissenschaft zu leisten hat, ist hier in gewaltiger Szene mit einem ungeheuren Apparat als selbst politischer Akt von weltgeschichtlicher Tragweite sofort erfolgt: Dokumentation der Taten und Beurteilung der Akteure. Eine Million Personen haben die alliierten Mächte, die Hitler und seine Organisationen in einer Gewaltauseinandersetzung ohnegleichen besiegten, aufgrund der Fahndungslisten, die für die Stunde der Kapitulation zusammengestellt waren, gesucht, 21 von ihnen saßen schließlich als die Hauptbeschuldigten, nachdem einige sich dem Prozess durch Selbsthinrichtung hatten entziehen können oder sonst wie nicht mehr zur Verfügung standen, vor den internationalen Richtern.
Man erfährt im ausführlichen und doch zusammengefassten Bericht vom Wesentlichen das Wesentlichste: die Vorgeschichte, die fürchterlichen Abläufe, das Ende. Ich kenne kein Werk, das den jüngeren Deutschen, die lediglich durch den Zusammenhang der nationalen Geschichte beteiligt sind, es aber nicht unmittelbar sein konnten, weder als Opfer noch als Täter, kein Werk, das geeignet wäre, jenes Stück unserer Zeitgeschichte, die nun über dreißig Jahre hinter uns liegt und doch natürlich noch weiterwirkt, lebendiger und eindringlicher zugleich zur Kenntnis und zu Bewusstsein zu bringen. Die Distanz, die die Jüngeren zum Geschehen von damals haben, erlaubt es ihnen, seine Abenteuerlichkeit und in vielem Absonderlichkeit als das politische und moralische Lehrstück aufzunehmen, zu dem es jetzt ja geworden ist. An ihm sieht man, was sonst unglaublich erscheinen müsste: wohin wir geraten können, wenn wir auf die Anfänge nicht achten.
Eine doppelte Aufgabe, sagte ich. Die zweite, die das Buch erfüllt, ist der Beitrag, den es zu der Erkenntnis leistet, dass der Nürnberger Prozess, obschon von den siegreichen Kriegsgegnern des Nationalsozialismus geführt, ein wichtiger Schritt auf dem welthistorischen Weg zur Bändigung der Gewalt durch das Recht war. Wie im Lauf der Jahrhunderte innerstaatlich, so muss schließlich international Recht werden, dass die Androhung und Anwendung von Willkürgewalt in der Regelung der menschlichen Beziehungen als kriminell gilt und gesetzlich geahndet werden kann. Die Basis der Legitimation aller Politik ist die Förderung der Menschlichkeit, die Sicherung ihrer Bedingungen.
Der historisch gewordene Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg hatte zunächst den Zweck, die Hauptschuldigen einer gerechten Bestrafung zuzuführen. Aber der Sinn und die Ausstrahlungen des Prozesses und der darauf folgenden zwölf Nachfolgeprozesse waren viel weitgehender.
Das düstere Panorama des Dritten Reiches wurde durch Tausende amtliche deutsche Dokumente enthüllt: Die Befehle zum Überfall auf fremde Nationen, zur Ermordung Kriegsgefangener, abgesprungener Flieger, Juden, katholischer Priester, slawischer »Untermenschen«, »nutzloser Esser«, »Minderrassiger« und der wirklichen und angeblichen Gegner des NS-Regimes konnten Deutschland und der Welt präsentiert werden. Das vorliegende Werk gibt dafür zahlreiche Beispiele. Mit diesen Befehlen und Anordnungen, teilweise auch ihren eigenen Tagebüchern – wie zum Beispiel das des Polengouverneurs Hans Frank – hatten sich die Angeklagten ihre eigene Anklage geschrieben.
Die Durchführung des Prozesses zeigte gleichzeitig der Weltöffentlichkeit, wer außer Hitler, Goebbels, Himmler und anderen, die bei Eintritt der Katastrophe Selbstmord begingen, die Hauptschuldigen waren. 199 Angeklagte, von denen 38 in Nürnberg freigesprochen worden waren, hatten in dreizehn Prozessen die Anklagebank gedrückt – der beste Beweis dafür, dass die Alliierten in Nürnberg nicht von einer Kollektivschuld des deutschen Volkes ausgingen. Durch die Bestrafung dieser Angeklagten wurde gleichzeitig den neuen deutschen Parteiführern und Politikern der Rücken von Elementen freigemacht, die sich trotz verbrecherischer Betätigung während des Naziregimes wieder in das politische Leben hineinzuschleichen versucht hatten.
Über diese Erkenntnisse hinaus ist »Nürnberg« auch zu einem Meilenstein auf dem dornigen Wege des Völkerrechts und ein Menetekel für Staatsmänner und Politiker der ganzen Welt geworden. Die Konventionen über die Menschenrechte sowie gegen den Völkermord sind ein beredtes Beispiel für die Ausstrahlungen von Nürnberg, das zu einem völkerrechtlichen Begriff wurde. Worte wie Aggressoren, Angriffskriege, Völkermord (Genocidium) – auch im deutschen Strafrecht neu aufgenommen –, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Menschenwürde, »Euthanasie«, das heißt Vernichtung »nutzloser Esser«, Liquidierung von Minderheiten, gehören heute zum allgemeinen politischen und juristischen Sprachschatz, ebenso wie die »Endlösung der Judenfrage«. Das Protokoll über die Organisierung der Endlösung vom 20. Januar 1942 wurde in den Akten des Ribbentrop’schen Auswärtigen Amtes gefunden. Seit dem Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess will niemand mehr ein Aggressor sein, über dem das Damoklesschwert einer Hinrichtung schwebt.
Das vorliegende Werk, sachlich und objektiv geschrieben, ist gerade im Hinblick auf die heutige Bedeutung des Hauptkriegsverbrecherprozesses für Politik und Völkerrecht wichtig und lehrreich, besonders auch für die Generation, die das Dritte Reich und die Zeit der Nürnberger Prozesse nicht selbst erlebt hat. Sie kann sich nachträglich – und das ist wichtig – durch die Schilderung der beiden Verfasser ein Bild der damaligen Vorgänge machen.
Die Nürnberger Prinzipien sollten, wie das der amerikanische Hauptankläger Robert H. Jackson und sein Nachfolger General Telford Taylor im Gerichtssaal hervorgehoben haben, für alle Kriegsverbrecher gelten, nicht etwa nur für Deutschland. Gewiss sind seit dem Ende der Nürnberger Prozesse andere Kriegsverbrechen begangen worden; wenn auch niemals in solchem Umfange und so geplant und dokumentiert wie die des Dritten Reiches. So tritt die Frage auf, ob das Völkerstrafrecht einen wirklichen Wert hat – ebenso wie das gewöhnliche Strafrecht, das auch nur eine beschränkte Zahl von Verbrechern fassen kann. In Nürnberg hat General Telford Taylor (im Fall 6) dazu Folgendes ausgeführt:
»So traurig und entmutigend die heutigen Zustände auch sein mögen, so beweisen sie doch nicht die Schwäche des Rechts, sondern die Mängel seiner Durchführung. Das ist nichts Neues in der Rechtsgeschichte. Der Landfriede war niemals leicht herzustellen. Durch Jahrhunderte hindurch haben die Raubritter in ihren Schlössern den reisenden Kaufleuten aufgelauert, um sie zu berauben und zu ermorden, spielten mit dem Leben und dem Glück ihrer Sklaven auf dem Schloss und starben ungestraft in ihren Betten. Trotz der Ruhelosigkeit unserer Zeit lässt sich jedoch keine Stimme hören, die Angriffshandlungen in Schutz nimmt und erklärt, dass sie keine Verbrechen seien. Es besteht kein ernsthafter Zweifel mehr über die Existenz eines Rechts, das den kriegerischen Angriff verdammt, ebenso wenig wie zu Bractons Zeiten ein Zweifel über das Bestehen von Rechtssätzen gegen Mord und Raub bestand. Die Richter zu Bractons Zeiten haben oft mit ansehen müssen, dass des Königs Friede nicht beachtet wurde, aber wir können dafür dankbar sein, dass sie niemals verzweifelten und das Recht verwarfen, das den Menschen Hoffnung auf Friede und Sicherheit in der Zukunft gab.«
Dieses vorliegende lehrreiche Buch über den weltgeschichtlichen Nürnberger Prozess sollte in weiter Verbreitung dazu beitragen, dass die Idee der internationalen Strafverfolgung durch die Schaffung eines Internationalen Straftribunals und einer internationalen Polizeiexekutive gefördert wird. Die Verletzung der Menschenrechte muss ebenfalls stärker als bisher international bekämpft werden. In der Zeit der Satelliten, der internationalen Kommunikation, des internationalen Handels ist das Verbot der Einmischung in innere Angelegenheiten fremder Staaten längst veraltet. Die Schaffung einer energischen internationalen Exekutive zum Schutz der Menschenrechte ist dringend geboten.
Dr. Robert M.W. Kempner
fr. Mitglied des Anklagestabes des US-Hauptanklägers Robert H. Jackson
»Wir möchten klarstellen, dass wir nicht beabsichtigen, das deutsche Volk zu beschuldigen. Wenn die breite Masse des deutschen Volkes das nationalsozialistische Parteiprogramm willig angenommen hätte, wäre die SA nicht nötig gewesen, und man hätte auch keine Konzentrationslager und keine Gestapo gebraucht.«
Diese Worte sprach der amerikanische Hauptankläger Robert H. Jackson bei der Eröffnung des Prozesses vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg 1945. Die Verfasser folgen ihm in diesem Punkt. Das vorliegende Buch ist ein Versuch, das Material des Nürnberger Prozesses im Querschnitt und in verständlicher Form einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Allein das wörtliche Protokoll des Gerichtsverfahrens umfasst 42 Bände; dazu kommen Zehntausende von Manuskript- und Druckseiten weiterer Berichte, die während der Verhandlung noch nicht geschrieben oder noch nicht greifbar waren, die aber heute berücksichtigt werden mussten, wenn eine objektive Darstellung der Vorgänge entworfen werden sollte. Schließlich waren die Verfasser bemüht, auch die damalige Zeit und die allgemeinen Zusammenhänge dem Leser lebendig zu machen – besonders für die jüngere Generation, die keine eigene Kenntnis mehr damit verbindet – sowie die Vorgeschichte des Prozesses aufzurollen, die in Deutschland so gut wie unbekannt war.
Die Verfasser glauben, mit dem vorliegenden Werk eine beträchtliche Lücke zu schließen, da hier der Versuch unternommen wird, das Prozessgeschehen selbst anhand der Dokumente, Zeugenaussagen, Protokolle und der geschichtlichen Chronologie in seiner ganzen Vielschichtigkeit darzubieten. Dass dies bisher von anderer Seite nicht geschehen ist, mag tiefer liegende Gründe haben: Der Nürnberger Prozess dräut im Bewusstsein oder Unterbewusstsein des deutschen Volkes vielfach noch als eine unklare, nebelhafte, auf jeden Fall aber unbehagliche Vorstellung. Statt klärend zu wirken, ist er zusammen mit der unliebsamen Vergangenheit verdrängt worden. Dazu haben die äußeren Umstände gewiss viel beigetragen: Zur Zeit des Prozesses bestand in Deutschland eine erhebliche Papierknappheit; die Zeitungen konnten gewöhnlich nur zweimal in der Woche erscheinen und hatten meistens nur einen Umfang von vier Seiten. Die Unterrichtung der Öffentlichkeit über das Geschehen in Nürnberg war daher auf knappsten Raum beschränkt, und schon deshalb höchst trocken und unvollständig. Überdies litt die damalige Berichterstattung unter dem Druck allgemeiner Ressentiments und unter einer gewissen Rücksichtnahme der nominell freien Lizenzpresse auf den herrschenden Standpunkt der Militärregierungen. Spätere Veröffentlichungen sind in das gegenteilige Extrem verfallen, nämlich in mehr oder weniger bedenkenlose Versuche, die Angeklagten rein zu waschen, das Verfahren generell zu diskreditieren und das tatsächliche Beweismaterial beiseitezuschieben. Die umfangreiche Memoirenliteratur der neueren Zeit neigt oft aus verständlichen Gründen zu dem gleichen Fehler. Mit so vielen Vorbelastungen versehen, musste der ganze Komplex schließlich in der Versenkung verschwinden.
Der Wert des Nürnberger Prozesses bestand nicht zuletzt darin, dass er in einer Zeit mäßigend wirkte, als der Rachegedanke bei den Siegern noch stark vorherrschte. Wer kann es auch den alliierten Soldaten und Reportern, die bei der Befreiung von Auschwitz oder Mauthausen unfassbare Gräuel gesehen hatten, verdenken, dass sie ihrem ohnmächtigen Zorn Luft zu machen versuchten. Der Nürnberger Prozess beschwichtigte diese antideutsche Stimmung; er war eben nicht, wie mancher Autor der letzten Zeit ebenso publikumswirksam wie mühsam zu beweisen versucht, ein »Tribunal der Sieger«. Die Richter boten einen fairen Prozess, den wir Deutsche damals wohl nicht hätten garantieren können. Auch wenn es Fehlurteile gab und einige (Schacht und Papen) zu milde, andere (Sauckel, Rosenberg) zu hart bestraft wurden. Sie vermieden es, die Nazi-Organisation pauschal zu verurteilen und ersparten damit Millionen von deutschen Mitläufern die Verurteilung. Schließlich hüteten sie sich davor, den Begriff der vier Anklagepunkte ausufern zu lassen. Aggressionskriege und Verbrechen gegen die Menschlichkeit konnten durch das Urteil von Nürnberg nicht vermieden werden, aber sie wurden klarer definiert und damit leichter erkennbar. So hat der Nürnberger Prozess der Welt und den Deutschen einen unschätzbaren Dienst erwiesen.
In einer Zeit, da als Folge einer auch kommerziell bedingten Hitlerwelle der ›Führer‹ wieder in den Mittelpunkt des Interesses gerückt ist, kann der Nürnberger Prozess viel dazu beitragen, die ganze monströse Einmaligkeit dieses Charakters aufzuzeigen. Denn wenn Hitler auch in der Liste der Angeklagten fehlte, da er sich durch Selbstmord der Justiz entzogen hatte, tauchte er im Lauf der fast einjährigen Verhandlung immer wieder auf. Er war der Mann, der von Anfang an alles plante und mit rigoroser Brutalität durchsetzte. Es gelang ihm nicht zuletzt deshalb, weil er in den 22 Angeklagten des Nürnberger Prozesses mehr oder weniger willen- und kritiklose Gefolgsleute gefunden hatte. Die Verbrechen, die Hitler an der Welt und an Deutschland beging (das er am Ende bewusst mit sich ins Verderben reißen wollte), werden deutlich durch die Schuld seiner Komplizen, die sich erst im Verlauf des Prozesses – einige wenigstens – von der teuflischen Faszination der Person Hitlers lösen konnten.
Die Verfasser haben bei diesem Bericht nichts der Fantasie oder ihrer Vermutung überlassen, sie haben sich streng von allen romanhaften Ausschmückungen und Zutaten ferngehalten. So ist alles in dieser Darstellung historisch belegt, selbst jede äußerliche Regung der vorkommenden Personen von Augenzeugen überliefert, jeder Umstand nachprüfbar, jedes zitierte Wort tatsächlich gesagt worden. Um diese Genauigkeit und dokumentarische Treue zu erzielen, haben die Verfasser neben dem Studium des Prozessmaterials und der einschlägigen Literatur zahlreiche Reisen im In- und Ausland zu den weit verstreuten Quellen und Archiven unternommen, sie haben Prozessteilnehmer aufgesucht – Anwälte, Zeugen, Gerichts- und Gefängnispersonal –, um Einzelheiten zu erforschen, sie haben alte Tonbänder mit den Stimmen aus der Gerichtsverhandlung aufgetrieben und bisher unveröffentlichte Vernehmungsakten für ihre Arbeit erschlossen. Außerdem konnte einer von ihnen, Heydecker, seine persönlichen Erfahrungen und Milieukenntnisse mitverwerten, da er während der ganzen zehn Monate des Prozesses als Zeitungs- und Rundfunkreporter im Gerichtssaal anwesend war. Neueste Erkenntnisse (Reichstagsbrand und die geheimen Besprechungen der Richter für die Urteilssprüche) wurden berücksichtigt. So sind die Verfasser überzeugt, dass sie alles getan haben, was einer leidenschaftslosen Zusammenstellung nackter Tatsachen dienlich war: soll doch zu dem Urteil des Gerichts am Ende das unbefangene Urteil des Lesers treten können.
Joe J. Heydecker und Johannes Leeb
»Hätte ein britischer Soldat, der Hitler antrifft, die Pflicht ihn zu erschießen oder ihn lebend zu fangen?« Diese Frage wird am 28. März 1945 im britischen Unterhaus von dem Labour-Abgeordneten Ivor Thomas aus Keighley gestellt.
Wenige Minuten vorher hat der damalige Außenminister Anthony Eden bekannt gegeben, dass Adolf Hitler von den Alliierten als Hauptkriegsverbrecher betrachtet wird. Er steht an der Spitze einer Liste, die von der Londoner Kommission für Kriegsverbrechen zusammengestellt worden ist.
»Ich bin absolut geneigt«, beantwortet Eden die Anfrage, »diese Entscheidung völlig dem betreffenden britischen Soldaten zu überlassen.«
Gelächter und Beifall.
Im britischen Unterhaus, in England und auf der ganzen Welt weiß man, dass Deutschlands letzte Stunde geschlagen hat. Der Vormarsch amerikanischer, britischer und sowjetischer Truppen ist nicht mehr aufzuhalten. Mit ihnen rücken die Spezialisten des Geheimdienstes ein, deren Aufgabe es ist, nach den Big Nazis zu suchen und sie dingfest zu machen.
Eine Million Deutsche hat die Kommission für Kriegsverbrechen auf ihre Suchliste gesetzt. Jeder Ruinenkeller, jeder Bauernhof, jedes Gefangenenlager, jeder Flüchtlingszug auf den Landstraßen soll durchkämmt werden.
»Die größte Menschenjagd der Geschichte ist im Gange von Norwegen bis zu den bayerischen Alpen«, verkündet Eden im Unterhaus.
Er weiß, was er sagt. Noch niemals sind eine Million Menschen gleichzeitig gesucht und gejagt worden. Trotzdem werden die Männer, die später auf der Anklagebank von Nürnberg sitzen werden, vorläufig nicht gefunden. Im Chaos des deutschen Zusammenbruchs können sich auch die Kriminalisten in den Stäben General Eisenhowers und Feldmarschall Montgomerys kein klares Bild machen. Niemand weiß im Augenblick, was aus Hitler, Goebbels, Ribbentrop, Bormann oder Göring geworden ist.
Wilhelm Frick, der einstige Reichsinnenminister, ist in der Nähe von München von Offizieren der amerikanischen 7. Armee ›aufgepickt‹ worden, wie es in der ersten Meldung darüber heißt. Von den anderen Gesuchten fehlt jede Spur.
Wie ist die Lage in Berlin?
Um elf Uhr vormittags, am 21. April 1945, fröstelt die Stadt unter einer eisgrauen Wolkendecke aus Trümmerstaub, Qualm und klebrigem Nebel. In den Straßen irren verzweifelte Menschen umher, zehntausend, hunderttausend Flüchtlinge. Der blutige Besen der heranrückenden Russen schiebt sie nach Westen.
Hitlerjungen, Frauen und alte Männer bauen Straßensperren. Drohender Donner kündigt die Front an. Rauch steigt aus den Resten niedergewalzter Stadtteile. Der schwelende, beißende Geruch des Untergangs hängt über Berlin.
Durch die Ritzen der vernagelten Fenster zieht ein kühler Aprilwind in den privaten Filmsalon des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda in der Hermann-Göring-Straße. Durch die Erschütterungen naher Einschläge ist da und dort der Verputz von Decke und Wänden gebröckelt. Die kostbaren Sessel machen einen verstaubten, zerschlissenen Eindruck.
Im Zwielicht des trostlosen Raumes haben sich gut zwei Dutzend Männer versammelt. Fünf Kerzenstümpfe werfen einen flackernden Schein auf die ernsten, eingefallenen Gesichter der Anwesenden; es gibt hier keinen elektrischen Strom mehr.
Das ist die äußere Kulisse der letzten Konferenz, die Dr. Josef Goebbels mit seinen Mitarbeitern abhält. Jede Einzelheit, jedes Wort, das hier gesprochen wurde, ist uns von einem Augenzeugen überliefert worden – von dem späteren Nürnberger Angeklagten Hans Fritzsche.
Der Minister trägt einen peinlich korrekten dunklen Anzug, der blütenweiße Kragen schimmert im Dämmerlicht, und der Rundfunkkommentator Fritzsche empfindet dies als schreienden Kontrast zu dem trübseligen Salon und den grausamen Verwüstungen in der ganzen Stadt. Dr. Goebbels lässt sich in einem Sessel nieder und beginnt zu sprechen. Er hat lässig die Beine übereinandergeschlagen.
Was er sagt, ist weit davon entfernt, Gegenstand einer Mitarbeiterbesprechung zu sein. Er redet eigentlich zu einem anderen Publikum. Er spricht ein Verdammungsurteil über das ganze deutsche Volk, spricht von Verrat, Reaktion, Feigheit.
»Das deutsche Volk hat versagt«, bricht es aus Goebbels hervor. »Im Osten läuft es davon, im Westen hindert es die Soldaten am Kampf und empfängt den Feind mit weißen Fahnen.« Seine Stimme gellt, als spräche er im Sportpalast: »Was fange ich mit einem Volk an, dessen Männer nicht einmal mehr kämpfen, wenn ihre Frauen vergewaltigt werden?«
Dann wird er wieder kühl. Ein ironisches Zucken spielt um seine Mundwinkel. »Nun«, sagt er leise, »das deutsche Volk hat sich dieses Schicksal ja selbst gewählt. Denken Sie an die Volksabstimmung vom November 1933 über Deutschlands Austritt aus dem Völkerbund. Damals hat sich das deutsche Volk in freier Wahl gegen eine Politik der Unterwerfung und für eine solche des kühnen Wagnisses entschieden.« Mit einer leichten Handbewegung setzt er hinzu: »Dieses Wagnis ist nun eben missglückt.«
Ein, zwei Mitarbeiter springen auf, wollen Goebbels ins Wort fallen. Der Minister übergeht sie mit eisigem Blick. Ohne auf ihre Demonstration zu achten, fährt er in seiner Rede fort: »Ja, das mag für manche Leute eine Überraschung sein, auch für meine Mitarbeiter. Aber ich habe ja niemanden gezwungen, mein Mitarbeiter zu sein, so wie wir auch das deutsche Volk nicht gezwungen haben. Es hat uns ja selbst beauftragt. Warum haben Sie mit mir gearbeitet? Jetzt wird Ihnen das Hälschen durchgeschnitten.«
Goebbels erhebt sich. Er lächelt unmerklich über die Röte oder Blässe, die seine letzten, zynischen Worte in die Gesichter der Anwesenden getrieben haben. Er hinkt zu der hohen, rotgoldenen Flügeltür des Filmsalons, dreht sich noch einmal um und sagt pathetisch: »Aber wenn wir abtreten, dann soll der Erdkreis erzittern!«
Vorläufig erzittert nur die Tür, die er hinter sich zuwirft. Die Versammelten sind aufgestanden. Niemand sagt etwas. Alle sehen sich betreten an. Allen ist klar, dass das Ende gekommen ist. Sie schlagen ihre Kragen hoch und eilen auf die Straße.
Die russische Artillerie belegt das Regierungsviertel mit schweren Brocken. Fritzsche springt geduckt an den Ruinenwänden entlang, arbeitet sich durch Trümmer und Seitenstraßen vorwärts. Er ist jetzt wie aus einem Traum erwacht. Er hastet durch Berlin, sucht nach irgendwelchen Menschen, die ihm genauen Aufschluss über die Lage geben könnten, kehrt schließlich ratlos zur Villa von Dr. Goebbels zurück.
Hier findet er nur noch fluchende SS-Leute, ein paar verstörte Sekretärinnen, leere Zimmer, durchwühlte Schreibtische und Schränke, zurückgelassene Koffer. Der Leiter des Ministeramtes, Curt Hammel, steht verloren in Hut und Mantel herum. Als er Fritzsche sieht, sagt er tonlos: »Goebbels ist in den Führerbunker gefahren. ›Es ist aus‹, waren seine letzten Worte. Die Russen stehen am Alexanderplatz. Ich versuche jetzt, nach Hamburg durchzukommen. Wollen Sie mit? Ich habe einen Platz im Wagen frei.«
Fritzsche lehnt ab. Er will in Berlin bleiben. Er eilt ins Propagandaministerium und löst die Rundfunkabteilung auf, entlässt seine Mitarbeiter. Dann holt er seinen BMW aus der Garage und fährt zum Alexanderplatz, um nachzusehen, ob die Russen wirklich schon dort sind. Artilleriefeuer und ein Panzergefecht zwischen Danziger Straße und Ringbahn veranlassen ihn zur Umkehr. Im Rundfunkhaus erfährt er, dass die Verteidigung Berlins fortgesetzt werden soll.
Ein paar Tage noch hält sich der Kern der Stadt. Dann hört Fritzsche, das Ohr an einen verglimmenden Batterieempfänger gepresst, über den Sender Hamburg die Nachricht von Hitlers Tod. Mit Staatssekretär Werner Naumann vom Propagandaministerium rennt er hinüber zur Reichskanzlei. Er hat einen festen Plan. Berlin muss sofort kapitulieren. Aber er hütet sich vorerst noch, diesen Gedanken Martin Bormann zu unterbreiten. Fritzsche will von Bormann nur erreichen, dass sinnlose Aktionen unterbleiben. Er spielt mit seinem Kopf, aber es gelingt ihm, Hitlers mächtigsten Gefolgsmann umzustimmen.
Im Garten vor dem Führerbunker, zwischen rauchgeschwärzten Mauern, zwischen Benzinfässern und verbrennenden Geheimakten – oder was ist es sonst? – ruft Bormann einige SS-Leute zusammen und befiehlt ihnen in Fritzsches Anwesenheit: »Der Werwolf ist aufgelöst. Sämtliche Werwolfaktionen sind einzustellen, ebenso die Vollstreckung von Todesurteilen.«
Fritzsche stolpert ins Propagandaministerium zurück. Um 21 Uhr wollen alle, die noch im Bunker der Reichskanzlei sitzen, einen Ausbruchsversuch machen. Danach wird Fritzsche als Ministerialdirektor der letzte hohe Regierungsbeamte sein, der in der Hauptstadt des Deutschen Reiches zurückbleibt. In dieser Eigenschaft will er Marschall Georgi Schukow die Kapitulation Berlins anbieten.
Er verständigt einige Lazarette von seinem Entschluss, einige Befehlsbunker und Wehrmachtseinheiten. Dann schreibt er dem Sowjetmarschall einen Brief. Der Dolmetscher Junius vom Deutschen Nachrichten-Büro übersetzt das Schreiben ins Russische.
Da wird die Tür aufgerissen.
General Wilhelm Burgdorf, Hitlers letzter Adjutant, stürzt mit flackernden Augen in das Kellergelass. »Sie wollen kapitulieren?«, herrscht er Fritzsche an.
»Ja«, antwortet der Ministerialdirektor trocken.
»Dann muss ich Sie niederschießen!«, schreit Burgdorf. »Der Führer hat in seinem Testament jede Kapitulation verboten. Es muss bis zum letzten Mann gekämpft werden!«
»Auch bis zur letzten Frau?«, fragt Fritzsche.
Der General zieht seine Pistole. Doch Fritzsche und ein Rundfunktechniker sind schneller. Sie stürzen sich auf Burgdorf. Der Schuss kracht, sirrt als Querschläger von der Decke zurück. Mit vereinten Kräften bugsieren sie den Adjutanten zur Tür hinaus.
Burgdorf versucht noch, zur Reichskanzlei zurückzukehren. Auf dem Weg dorthin richtet er jedoch die Waffe gegen sich selbst und setzt seinem Leben ein Ende.
Fritzsches Brief gelangt tatsächlich durch die Kampflinie auf die russische Seite. Im Morgengrauen des 2. Mai erscheinen die Parlamentäre im Propagandaministerium: ein sowjetischer Oberstleutnant, mehrere andere russische Offiziere und ein deutscher Oberst als Lotse. Marschall Schukow lässt Fritzsche auffordern, zu ihm zu kommen.
Schweigend marschiert die Gruppe durch ein Berlin, das keine Ähnlichkeit mehr hat mit der einstigen Hauptstadt. Pferdekadaver, Ruinen, ausgebrannte Fahrzeuge, gefallene Soldaten, herabhängende Drähte, tote Hitlerjungen, weggeworfene Panzerfäuste, zerfetzter Hausrat, stinkende Kellerlöcher säumen den Weg der Unterhändler. Am Anhalter Bahnhof überschreiten sie die Frontlinie. Ein russischer Jeep wartet.
Wie sieht es auf der anderen Seite aus, dort, wo die Rote Armee schon eingezogen ist?
»In zwei Weltkriegen habe ich viele Bilder des Kampfes gesehen«, sagt Fritzsche selbst darüber. »Keines ist auch nur in irgendeiner Beziehung dem Bilde vergleichbar, das sich mir auf dem kurzen Weg vom Wilhelmplatz bis Tempelhof bot, der mehrere Stunden in Anspruch nahm. Welche Szenen sich bei der Übergabe einzelner Bunker und Häuser abspielten, vermag ich nicht zu sagen. Ich bin auch nicht in der Lage, die Tragödie einiger Frauen zu schildern, die sich mit ihren Kindern durch einen Sprung aus dem Fenster vor dem Zugriff der Hände hinter ihnen retteten. Aus Trümmern und Bränden, aus Reihen von Leichen und in Gesichtern einzelner Toter sah ich, was sich abgespielt hatte. Übermächtig wurde in mir der Wunsch, eine der vielen noch einschlagenden Granaten möge mich von diesem qualvollen Anblick befreien.«
Gegenüber dem Eingang zum Flughafen Tempelhof wird Fritzsche in eine Villa geführt, in der ein sowjetischer Stab untergebracht ist. Dort erfährt der Ministerialdirektor, dass sich inzwischen auch einer der letzten Kampfkommandanten Berlins, General Helmut Weidling, hier eingefunden hat, um die Stadt zur Kapitulation aufzufordern: »Am 30. April 1945 hat der Führer uns, die wir ihm die Treue geschworen hatten, im Stich gelassen. Auf Befehl des Führers glaubt ihr noch immer, um Berlin kämpfen zu müssen, obwohl der Mangel an schweren Waffen, an Munition und die Gesamtlage den Kampf als sinnlos erscheinen lassen. Jede Stunde, die ihr weiterkämpft, verlängert entsetzlich die Leiden der Zivilbevölkerung und unserer Verwundeten. Im Einvernehmen mit dem Oberkommando der Sowjettruppen fordere ich euch daher auf, sofort den Kampf einzustellen.«
Fritzsches selbst gewählte Mission ist mit diesem Schritt Weidlings erledigt. Die Russen wollten jetzt auch ganz andere Dinge von ihm. Am 4. Mai machen sie eine Autofahrt mit ihm. Ziel ist eine kleine Siedlung zwischen Berlin und Bernau. Fritzsche wird die Stufen zu einem modrigen, feuchten Keller hinuntergeführt. Die begleitenden Offiziere bringen ihn in einen der trüb beleuchteten Räume. Hier bietet sich ein grausiges Bild. Auf dem Fußboden liegt eine fast nackte Leiche. Der Schädel ist stark verkohlt, doch der Körper ist gut erhalten. Von der Kleidung sind nur noch ein brauner Uniformkragen am Hals und ein Revers mit einem goldenen Parteiabzeichen vorhanden. Neben dem Toten liegen die Leichen von fünf Kindern. Alle sind mit Nachthemden bekleidet und sehen aus, als ob sie friedlich schliefen.
Hans Fritzsche weiß und erkennt, wer hier vor ihm liegt: Dr. Josef Goebbels und seine Kinder. Er ist so verstört von dem Anblick, so verbittert über den billigen Ausweg seines Chefs, dass er in der Verwirrung gar nicht den siebten Leichnam bemerkt, eine Frau – wahrscheinlich Magda Goebbels.
Die Sowjets sind mit der Identifizierung zufrieden. Fritzsche wird wieder ins Freie gebracht – aber nicht in die Freiheit. In einem Keller in Friedrichshagen bleibt er zusammen mit anderen Deutschen gefangen. Es ist ein merkwürdiger Schwebezustand, der erst Tage später in eine juristische Form gebracht wird: Ein sowjetischer Unteroffizier sucht Fritzsche auf, zieht einen zerknitterten Zettel aus der Tasche und liest davon mühsam drei deutsche Wörter ab: »Sie sind verhaftet.«
Es wird lange dauern, bis Fritzsche die Freiheit wiederfindet. Sein Weg führt nach Moskau ins Lubjanka-Gefängnis und dann weiter auf die Anklagebank von Nürnberg.
Die große Menschenjagd läuft auf vollen Touren. In den bayerischen Alpen ist sie besonders intensiv. Auf den Landkarten der alliierten Suchgruppen zeichnen sich zwei Hauptgebiete ab: im Norden der Raum zwischen Hamburg und Flensburg, im Süden die Gegend von München bis Berchtesgaden. Aus dem untergehenden Berlin hat ein Teil der führenden Leute versucht, sich zu Großadmiral Dönitz durchzuschlagen: Himmler, Ribbentrop, Rosenberg und Bormann scheinen zu dieser Gruppe zu gehören. Die anderen werden in Bayern vermutet.
Bei der 36. Division der amerikanischen 7. Armee ist es trotz dieser Erkenntnis eine Überraschung, dass sich bei einem vorgeschobenen Posten am Morgen des 9. Mai ein deutscher Oberst meldet. Man weiß zwar, dass es hier in den Alpen noch von deutschen Truppen wimmelt, die auf eigene Faust operieren wollen, bis sie die Aussichtslosigkeit ihrer Lage einsehen und sich ergeben. In diesem Fall liegen die Dinge aber anders.
Der deutsche Oberst nennt seinen Namen: Bernd von Brauchitsch. Dann fügt er hinzu: »Ich komme als Unterhändler im Auftrag des Reichsmarschalls Hermann Göring.«
Die amerikanischen Posten werden nach dieser Erklärung sofort tätig. Es ist ihnen klar, dass ihrer Division nun der Ruhm vorbehalten sein soll, einen der größten Fische zu fangen. Oberst von Brauchitsch wird in einen Jeep verfrachtet und zum Divisionsstab gebracht.
Dort hat ein Telefongespräch schon die Ankunft des deutschen Parlamentärs gemeldet. Es gibt kein Warten, keine Verzögerung. Der Divisionskommandeur, Generalmajor John E. Dahlquist, und dessen Vertreter, Brigadegeneral Robert J. Stack, stehen augenblicklich zur Verfügung.
Bernd von Brauchitsch erklärt den amerikanischen Generalen, dass er von Hermann Göring beauftragt ist, dessen Übergabe anzubieten. Der Reichsmarschall, so sagt der Oberst, befinde sich in der Nähe von Radstadt bei Zell am See.
Tatsächlich sitzt Göring dort in einer gewissen Klemme. Über seinem Haupt schwebt das Verdammungsschwert Hitlers, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich trotz des allgemeinen Zusammenbruchs noch ein paar fanatische SS-Männer finden würden, die den Erschießungsbefehl vollstrecken.
»Mein Führer«, hatte Göring wenige Tage zuvor in die belagerte Reichskanzlei gefunkt, »sind Sie einverstanden, dass ich nach Ihrem Entschluss, in der Festung Berlin auszuharren, aufgrund des Gesetzes von 29. Juni 1941 nunmehr die Gesamtführung des Reiches mit allen Vollmachten nach innen und außen übernehme? Wenn ich bis 22 Uhr keine Antwort erhalte, nehme ich an, dass Sie Ihrer Handlungsfreiheit beraubt sind, und werde die Bedingungen des Gesetzes als gegeben betrachten.«
Die Antwort traf vor 22 Uhr ein, allerdings bei einem anderen Empfänger. Sie lautete: »Göring ist aus allen Ämtern einschließlich der Nachfolge Hitlers entlassen und sofort wegen Hochverrats zu verhaften.« Ferner wurde befohlen, den »Verräter des 23. April 1945 beim Ableben des Führers zu liquidieren«.
Später erklärte der letzte Generalstabschef der Luftwaffe, General Karl Koller: »Die SS hat sich aber offenbar gescheut, Gewalt gegen den Reichsmarschall anzuwenden.«
»Ich wurde in ein Zimmer gebracht, in dem ein Offizier war«, sagte Göring bei einer Vernehmung in Nürnberg. »Vor der Tür stand eine SS-Wache. Dann nahm man mich mit meiner Familie am 4. oder 5. Mai nach dem Luftangriff auf Berchtesgaden mit nach Österreich. Fliegertruppen marschierten durch die Stadt – sie hieß Mauterndorf – und befreiten mich von der SS.«
General Koller, unter dessen Obhut Göring dann stand, kannte Hitlers Erschießungsbefehl.
»Ich bin aber gegen einen Mord gewesen«, sagte er dem Nürnberger Verteidiger Werner Bross, »wie ich immer gegen die Ermordung politischer Gegner eingestellt gewesen bin. Es ist dann auch nicht zu einer Ausführung dieses Befehls gekommen.«
Der deutsche Luftwaffenfeldwebel Anton Kohnle, der vor dem Mauterndorfer Jagdschloss Wache stand, wo Göring mit Frau, Tochter, Kammerdiener, Zofe und Leibkoch festsaß, bekam den Reichsmarschall bald zu sehen. Er berichtet: »Ich machte ihm Meldung, worauf er erstaunt stehen blieb und mich musterte. Er fragte mich, woher ich komme, und erzählte mir dann ganz undienstlich, dass alles anders gekommen wäre, wenn man auf ihn gehört hätte. Er gab mir zu verstehen, dass Hitler an Größenwahn gelitten habe. Nun aber, mit dem Ende des Krieges, wolle er, der Reichsmarschall, selber die Regierung Deutschlands übernehmen.«
Kohnle fährt fort: »Als sich Göring nach dieser Unterhaltung etwa zwanzig Schritt von mir entfernt hatte, stürzte er plötzlich zu Boden. Es bedurfte großer Mühe, diesen Koloss wieder auf die Beine zu stellen. Göring war morphiumsüchtig, und ich nehme an, dass sein Unwohlsein darauf zurückzuführen war, dass ihm die SS dieses Gift während seiner Gefangenschaft vorenthalten hatte.«
So also stellt sich die Verhaftung und Befreiung Görings in den nüchternen Worten der Beteiligten dar. Immerhin kann der Reichsmarschall zum damaligen Zeitpunkt nicht wissen, wie sich die Dinge weiterentwickeln werden. Kann die SS nicht doch noch zurückschlagen und ihn erneut festnehmen? Unter diesen Umständen schien es wirklich besser, sich in den Schutz der Alliierten zu begeben.
Jetzt ist es so weit. Brigadegeneral Stack fährt persönlich zu dem Treffpunkt, den Oberst von Brauchitsch benannt hat. An der Biegung einer schmalen Landstraße begegnen sich der Jeep des Amerikaners und der kugelsichere Mercedes Görings.
Die Wagen halten in gemessener Entfernung voneinander. Der General springt auf die Straße, Göring klettert etwas mühsamer aus seinem Fahrzeug. Dann hebt er den Marschallstab zur Andeutung eines Grußes und geht dem Amerikaner entgegen. Brigadegeneral Stack legt die Hand an die Mütze und macht ebenfalls einige Schritte. Alles ist überaus korrekt. In der Mitte des Weges treffen die beiden Männer zusammen, stellen sich förmlich vor und geben sich die Hand.
Brigadegeneral Stack wird dieses Händedrucks allerdings nicht froh werden. Die Nachricht darüber löst nämlich überall einen Entrüstungssturm aus: Händeschütteln mit Kriegsverbrechern! Shakehands mit Mördern!
In den Vereinigten Staaten und besonders in Großbritannien steigen die Zeitungen ganz groß in diese Sache ein. Der Lärm wird so laut, dass sich General Eisenhower veranlasst sieht, offiziell seine Missbilligung auszudrücken. Auch die britische Regierung lässt ihren Standpunkt öffentlich erklären, und zwar durch den Wiederaufbauminister Lord Woolton, der im Oberhaus feststellt: »Der Krieg ist kein Spiel, das mit Händeschütteln endet.«
Brigadegeneral Stack weiß freilich nicht, wie schwer ihm das Leben mit dieser Sache noch gemacht werden wird. Vorläufig glaubt er nur, der Form genügt zu haben. Göring wird zum Divisionsstab gebracht, wo sich Generalmajor Dahlquist selbst des prominenten Gefangenen annimmt. Das Hauptquartier der 7. Armee ist verständigt, und der dortige Abwehrchef, Brigadegeneral William W. Quinn, hat versprochen, gleich zur Division zu kommen und den kostbaren Gefangenen persönlich zu übernehmen.
Inzwischen hat der Kommandeur der 36. Division Zeit, ein wenig mit Göring zu plaudern. John E. Dahlquist ist ein alter Soldat, kampferprobt, offen und politisch völlig arglos. Dennoch überrascht ihn, was er von Göring schon in den ersten Minuten ihres Gesprächs zu hören bekommt.
»Hitler war engstirnig«, sagt der Reichsmarschall, »Rudolf Heß exzentrisch und Ribbentrop ein Schurke. Warum war Ribbentrop Außenminister? Mir ist einmal eine Bemerkung Churchills hinterbracht worden, die ungefähr lautete: ›Warum schickt man mir immer diesen Ribbentrop und nicht einen patenten Jungen wie Göring?‹ Nun bin ich also hier. Wann bringen Sie mich ins Hauptquartier von Eisenhower?«
Dahlquist erfährt, dass Göring wirklich glaubt, als Vertreter Deutschlands mit den Alliierten verhandeln zu können. Wie abwegig dieser Gedanke ist, kommt dem Gefangenen gar nicht in den Sinn. Ist sich dieser einst mächtigste Mann nach Hitler nicht klar über die wirkliche Situation?
In langen Ausführungen spricht er über seine gewaltige Luftwaffe und ahnt nicht, dass zur gleichen Stunde sein Amtsnachfolger, Generalfeldmarschall Robert Ritter von Greim, in Kitzbühel gefangen genommen wird und sich mit den Worten zu erkennen gibt: »Ich bin der Chef der deutschen Luftwaffe – aber ich habe keine Luftwaffe.«
»Wann werde ich von Eisenhower empfangen?«, fragt Göring noch einmal.
»Wir werden sehen«, weicht Dahlquist aus.
Nach diesem Gespräch wendet sich Göring einer Platte mit Huhn, Kartoffelpüree und Bohnen zu, die hereingebracht worden ist. Mit einem Appetit, der Generalmajor Dahlquist in Erstaunen setzt, verzehrt der Reichsmarschall die Portion, lässt sich eine Schüssel Fruchtsalat als Nachtisch munden und lobt den amerikanischen Kaffee. »Es handelte sich um eine Mahlzeit, wie sie an diesem Tag alle amerikanischen Soldaten erhalten haben«, wird später aus Eisenhowers Hauptquartier amtlich bekannt gegeben, weil auch die Zusammenstellung des Menüs in der Welt Ärgernis erregte.
Der Abwehroffizier der 7. Armee, Brigadegeneral Quinn, veranlasst nach seinem Eintreffen, dass Göring in einem Privathaus bei Kitzbühel untergebracht wird. Sieben Soldaten aus Texas, alte Haudegen von Salerno und Monte Cassino, führen den Reichsmarschall zu seinem neuen Quartier. Auf dem Weg wendet sich Göring lächelnd an seine Bewachung: »Passt nur gut auf mich auf!«
Er hat es auf Englisch gesagt, aber diese Männer der Kampftruppe verstehen keinen Spaß. »Was sie ihm antworteten, kann nicht überliefert werden«, gesteht ein amerikanischer Reporter, der die Gruppe begleitete.
Natürlich sind die Reporter zur Stelle. Die Nachricht von Görings Gefangennahme hat die Kriegskorrespondenten in weitem Umkreis alarmiert. Nun beeilen sie sich, denn der pressefreundliche Quinn hat ihnen ein Interview mit dem Reichsmarschall versprochen.
Hermann Göring besichtigt inzwischen zufrieden die Räume, die man ihm zur Verfügung gestellt hat. Seine Familie ist ebenfalls eingetroffen. Auch das auf siebzehn Lastwagen verstaute Gepäck wird gebracht. Es ist beinahe wie im Hotel. Der Reichsmarschall nimmt ein ausgedehntes Bad und bekleidet sich anschließend in langwieriger Prozedur mit seiner hellgrauen Lieblingsuniform, deren schwere Goldbesätze es ihm besonders angetan haben.
Wie sehr unterscheidet sich dies alles von den Lagern, in denen zur gleichen Stunde Zehntausende und Hunderttausende deutscher Soldaten zusammengepfercht werden, in Regen und Schlamm, ohne Verpflegung und Trinkwasser, ohne sanitäre Anlagen.
Göring wird kaum an dieses Elend denken. Frisch rasiert, gut gelaunt, mit beinahe federnden Schritten tritt er vor das Haus in die freundliche Nachmittagssonne und winkt lässig den zwei Dutzend Reportern zu.
Die Korrespondenten haben einen Halbkreis gebildet. Ein kleiner, runder Tisch und ein geblümter Ohrensessel stehen an der Hauswand. Hier soll der prominente Gefangene Platz nehmen. Ein Mikrofon wird aufgestellt. Die Verschlüsse der Fotoapparate klicken.
»Hello, Marschall, bitte lächeln!«
»Hierher, den Kopf hierherdrehen!«
»Danke!«
»Noch ein Bild mit Mütze!«
Göring setzt seine Mütze mit dem goldschweren Schild auf. Er ist ungeduldig. »Bitte, beeilen Sie sich«, sagt er zu den Fotografen, »ich habe nämlich Hunger.«
Dann prasseln die Fragen los. Zuerst sind es die üblichen: Wo ist Hitler? Glauben Sie, dass er tot ist? Warum wurde keine Landung in England versucht? Wie stark war die Luftwaffe zu Beginn des Krieges?
»Ich glaube, dass sie die stärkste Luftwaffe der Welt war«, antwortet Göring stolz.
»Wie viele Flugzeuge hatte sie ungefähr?«, will der Reporter genauer wissen.
»Das ist sechs Jahre her«, sagt Göring, »und ich bin auf diese Frage nicht vorbereitet. Ich könnte Ihnen jetzt nicht sagen, wie viele Flugzeuge wir damals hatten.«
»Haben Sie die Bombardierung von Coventry befohlen?«
»Ja. Coventry war ein Industriezentrum, und mir lagen Berichte vor, dass sich dort auch große Flugzeugfabriken befanden.«
»Und Canterbury?«
»Die Bombardierung von Canterbury war von höherer Stelle befohlen als Vergeltung für den Angriff auf eine deutsche Universitätsstadt.«
»Welche deutsche Universitätsstadt war das?«
»Ich kann mich nicht erinnern.«
»Wann dachten Sie das erste Mal, dass der Krieg verloren sei?«
»Sehr bald nach der Invasion und dem Durchbruch der Russen im Osten.«
»Was hat am meisten zu diesem Ende beigetragen?«
»Die ununterbrochenen Luftangriffe.«
»Ist Hitler über die Aussichtslosigkeit des Krieges informiert worden?«
»Ja. Verschiedene Militärs haben ihm auseinandergesetzt, dass der Krieg verloren sein könnte. Hitler hat darauf sehr negativ reagiert, und später waren Gespräche über dieses Thema verboten.«
»Wer hat sie verboten?«
»Hitler selbst. Er weigerte sich, den Gesichtspunkt eines verlorenen Krieges überhaupt zu berücksichtigen.«
»Wann wurde das verboten?«
»Als die Leute zuerst davon zu sprechen anfingen, etwa Mitte 1944.«
»Glauben Sie, dass Hitler Admiral Dönitz zu seinem Nachfolger ernannt hat?«
»Nein! Das Telegramm an Dönitz trägt die Unterschrift von Bormann.«
»Weshalb hatte eine farblose Persönlichkeit wie Bormann so großen Einfluss auf Hitler?«
»Bormann steckte Tag und Nacht mit Hitler zusammen und brachte ihn allmählich so sehr unter seinen Willen, dass er sein ganzes Leben beherrschte.«
»Wer hat den Angriff gegen Russland befohlen?«
»Hitler selbst.«
»Wer war für die Konzentrationslager verantwortlich?«
»Hitler persönlich. Alle Leute, die etwas mit diesen Lagern zu tun hatten, unterstanden Hitler direkt. Die Staatsorgane hatten nichts damit zu tun.«
»Welche Zukunft erwarten Sie für Deutschland?«
»Wenn keine Lebensmöglichkeit für das deutsche Volk gefunden wird, sehe ich eine schwarze Zukunft für Deutschland und die ganze Welt voraus. Alle Menschen wollen Frieden, aber es ist schwer zu sehen, was noch geschehen wird.«
»Hat der Reichsmarschall noch irgendetwas, was er sich von seiner Seele reden möchte?«
»Ich möchte Verständnis dafür wecken, dass dem deutschen Volk geholfen werden sollte, und ich bin diesem Volk sehr dankbar, dass es bei den Waffen geblieben ist, auch als es schon wusste, dass alles aussichtslos geworden war.«
Die Korrespondenten eilen davon. Sie wollen das Interview möglichst schnell ihren Blättern kabeln. Aber sie haben Pech. Der Zensor im alliierten Hauptquartier lässt die Telegramme auf Befehl General Eisenhowers nicht durch. Und dabei bleibt es. Erst neun Jahre später, im Mai 1954, gibt Brigadegeneral Quinn ein geheim gehaltenes Stenogramm dieser Pressekonferenz einem amerikanischen Nachrichtenmagazin zur Veröffentlichung.
Eine Frage allerdings, die noch vor der Pressekonferenz an Göring gerichtet wurde, schlüpfte knapp vor dem Verbot am Zensor vorbei in die amerikanische Presse: »Wissen Sie, dass Sie auf der Liste der Kriegsverbrecher stehen?«
»Nein«, antwortet Göring. »Das überrascht mich sehr, denn ich wüsste nicht, warum.«
Die Nacht bricht herein. Der Reichsmarschall begibt sich zur Ruhe. Es ist das letzte Mal, dass er in einem weichen, gut gefederten Bett schläft. Vor der Tür seines Zimmers hält Leutnant Jerome Shapiro aus New York Wache.
Um 22 Uhr 30 des 1. Mai 1945 überrascht der Reichssender Hamburg Deutschland und die Welt mit folgender Mitteilung: »Aus dem Führerhauptquartier wird gemeldet, dass unser Führer Adolf Hitler heute Nachmittag in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus kämpfend, für Deutschland gefallen ist. Am 30. April hat der Führer den Großadmiral Dönitz zu seinem Nachfolger ernannt.«
Mit dieser Meldung, die Hitlers Selbstmord noch als Heldentod zu tarnen sucht, endet die nationalsozialistische Tragödie des deutschen Volkes. Zur gleichen Zeit beginnt ein neues Stück vor den alten, zerfetzten Kulissen: das kurzfristige Regierungsspiel des »Reichspräsidenten« Karl Dönitz.
Die Tragödie verwandelt sich in eine Tragikomödie.
Vier Männer, die später auf der Anklagebank von Nürnberg sitzen werden, sind an diesem operettenhaften Schlussakt des Großdeutschen Reiches beteiligt: der Oberbefehlshaber der Deutschen Kriegsmarine, Großadmiral Dönitz, ferner der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, der Chef des Wehrmachtsführungsstabes, Generaloberst Alfred Jodl, und der Reichsminister für Bewaffnung und Munition, Albert Speer.
In Deutschland herrscht in jenen Tagen das Chaos. Amerikanische, britische, französische und sowjetische Truppen besetzen die letzten Gebiete des Reichs. Millionen Deutsche sind auf der Flucht vor der Roten Armee. Auf den Landstraßen wälzen sich endlose Ströme entwurzelter Menschen. In den Städten haben Bombenteppiche das Leben erstickt. Aufgelöste Wehrmachtshaufen fluten ziellos nach Westen. Fanatische Exekutionskommandos hängen Deserteure an Alleebäume. Brücken werden in die Luft gesprengt.
Doch in Flensburg wird regiert.
Hier gibt es keine Ruinen, hier herrscht keine Weltuntergangsstimmung. Hier herrscht Ordnung. Im Abglanz großer Zeiten marschiert das Wachbataillon Dönitz vor einem unscheinbaren Backsteingebäude auf, das äußerlich an ein kleinstädtisches Schulhaus erinnert. Es beherbergt jetzt die deutsche Reichsregierung und das Oberkommando der Wehrmacht.
Wie ist es zu dieser merkwürdigen Episode der deutschen Geschichte gekommen? Die Geschehnisse sind rasch berichtet.
Am 16. April 1945 ist Dönitz in Berlin. Am Morgen dieses Tages wird die Reichshauptstadt von einem gewaltigen Donnerschlag erschreckt. Auf die Sekunde genau haben bei Küstrin und Frankfurt an der Oder sämtliche russischen Batterien gleichzeitig das Feuer eröffnet: Auf jeden Kilometer der ganzen Frontlänge kommen über sechshundert Geschütze. Das Aufbrüllen der lange erwarteten Offensive kündigt Berlin das nahe Ende an.
Im Führerbunker der Reichskanzlei raschelt Hitlers zitternde Hand ruhelos auf der Lagekarte hin und her. Er sucht nach Auswegen, operiert mit Armeen, die nur noch in seiner Fantasie existieren. Walter Lüdde-Neurath, der Adjutant des Großadmirals Dönitz, kann Hitler in diesen gespenstischen Stunden beobachten und berichtet darüber: »Körperlich macht er den Eindruck eines geschlagenen und gebrochenen Mannes: aufgeschwemmt, gebeugt, kraftlos und nervös.«
Die Lage ist aussichtslos. Eisenhower hat das Ruhrgebiet eingekesselt und zerschmettert die Divisionen der Heeresgruppe B, 325000 Mann gehen hier in die Gefangenschaft. Amerikanische Panzerspitzen stehen vor Magdeburg, Nürnberg und Stuttgart. Britische Truppen stürmen gegen Bremen und Lauenburg vor. Die Zange der Roten Armee greift nach Berlin.
Drei Tage lang zerpflügt die russische Feuerwalze jeden Meter Boden, auf dem sich noch deutscher Widerstand regt. Drei Tage lang halten Flak, Infanterie, Volkssturm, Schreibstubenkräfte, Marinetruppen und Polizisten dem Druck stand. Drei Tage lang – drei lange Tage.
Hitler glaubt schon wieder an Sieg. Mit verächtlichem Unterton in der Stimme gibt er seiner Meinung Ausdruck: »Der Russe ist am Ende seiner Kraft. Er kämpft nur noch mit Beutesoldaten, befreiten Kriegsgefangenen und rekrutierten Bewohnern der eroberten Gebiete, lauter zusammengelesenem Pack. Der letzte Ansturm Asiens wird zerbrechen, wie am Ende auch der Einbruch unserer Gegner im Westen trotz allem scheitern wird …«
Keitel greift den optimistischen Ton Hitlers auf und verkündet zuversichtlich: »Meine Herren, es ist ein alter militärischer Erfahrungsgrundsatz, dass sich ein Angriff festfährt, wenn er nicht bis zum dritten Tag den erfolgreichen Durchbruch erzwungen hat.«
»Mir scheint das nicht so«, murmelt Dönitz und gibt seinem Adjutanten Lüdde-Neurath den Befehl, innerhalb der nächsten sechzig Minuten das Oberkommando der Kriegsmarine aus der Gefahrenzone zu nehmen und an einen anderen Ort zu verlegen.
Tatsächlich hält sich die Rote Armee nicht an Hitlers Prophezeiungen und Keitels Erfahrungsgrundsätze. Sie erzwingt den Durchbruch am vierten Tag. Die letzte deutsche Front hört zu bestehen auf.
Dönitz hat aus seiner Sicht also richtig gehandelt. Für den Fall, dass die russischen und amerikanischen Stoßkeile Deutschland in zwei Teile spalten sollten, ist Dönitz von Hitler mit der Verteidigung des Nordraumes beauftragt worden. Nun rollt die kleine Autokolonne des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine aus Berlin hinaus, durch die Nacht, voran die fünf Tonnen schwere, attentatsichere Panzerlimousine des Großadmirals. Über den Himmel huschen die bleichen Finger von Scheinwerfern. Am Horizont wetterleuchtet die Front mit einem unaufhörlichen Geprassel grollender Abschüsse und Einschläge.
In der Dahlemer Dienstwohnung von Dönitz, in den Gängen des zivilen Luftschutzkellers, zwischen abgestelltem Hausrat, verängstigten Frauen aus den Nachbarhäusern und schreienden Kindern wird die letzte provisorische Befehlsstelle der Obersten Seekriegsleitung eingerichtet.
Dann ist auch dieser Ort nicht mehr sicher. Dönitz verlegt das Oberkommando der Kriegsmarine nach Plön. Zwei Tage später flüchtet auch das OKW aus dem Berliner Raum nach Norden. Keitel und Jodl treffen mit einem Schwarm von Adjutanten, Offizieren, Reichsministern und Staatssekretären in Rheinsberg ein, setzen sich dann weiter nach Flensburg ab. Schleswig-Holstein wird damit zum Schauplatz des letzten Aktes.
Am 30. April 1945, um 18 Uhr 35, empfängt Dönitz in Plön einen überraschenden Funkspruch aus der Berliner Reichskanzlei: »Anstelle des bisherigen Reichsmarschalls Göring setzte der Führer Sie, Herr Großadmiral, als seinen Nachfolger ein. Schriftliche Vollmacht unterwegs. Ab sofort sollen Sie sämtliche Maßnahmen verfügen, die sich aus der gegenwärtigen Lage ergeben.« Gezeichnet ist dieser Funkspruch mit dem Namen Bormann.
Am nächsten Nachmittag, um 15 Uhr 18, kommt eine weitere Funknachricht in Plön an: »FRR Großadmiral Dönitz. Chefsache! Nur durch Offizier! Führer gestern 15.30 verschieden. Testament vom 29.4. überträgt Ihnen das Amt des Reichspräsidenten, Reichsminister Goebbels das Amt des Reichskanzlers, Reichsleiter Bormann das Amt des Parteiministers, Reichsminister Seyss-Inquart das Amt des Reichsaußenministers. Reichsleiter Bormann versucht, noch heute zu Ihnen zu kommen, um Sie über die Lage aufzuklären. Form und Zeitpunkt der Bekanntgabe an Truppe und Öffentlichkeit bleiben Ihnen überlassen.« Unterschriften: Goebbels, Bormann.
Dönitz, der neue, durch Funkspruch ernannte Reichspräsident, macht sich über seine Situation keine Illusionen. Er lässt über Empfang und Wortlaut der Funksprüche ein kriegsgerichtliches Protokoll aufnehmen. Dann befiehlt er, Bormann und Goebbels zu verhaften, sobald sie in seinem Hauptquartier auftauchen sollten. Er kann jetzt keine Parteifunktionäre mehr gebrauchen. Er muss Frieden machen, und er weiß, dass die Alliierten mit keiner Regierung verhandeln werden, in der prominente Nationalsozialisten sitzen.
Der »Löwe«, wie Dönitz als einstiger Befehlshaber der U-Boot-Waffe in der ganzen Kriegsmarine genannt wird, versteht es, seine neue Position augenblicklich zu festigen.
Zivile und militärische Stellen erkennen ihn als Staatsoberhaupt an. Das Oberkommando der Wehrmacht und sogar Heinrich Himmler und die SS beugen sich unter den Befehl des »Funkpräsidenten«. Die Mitglieder der alten Reichsregierung, so weit sie in Schleswig-Holstein sind, treten zurück, um Dönitz freie Hand zu geben – unter ihnen der Parteiphilosoph und Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, Alfred Rosenberg, sowie Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop.
Dönitz bildet ein neues Kabinett. Es soll so unpolitisch wie möglich sein und wird vorsichtig als »Geschäftsführende Reichsregierung« bezeichnet. Den wichtigsten Posten in diesem Gremium nimmt der ehemalige Reichsfinanzminister ein, Lutz Graf Schwerin von Krosigk. Er wird »mit der Gesamtleitung beauftragt« und ist damit eine Art Reichskanzler, dem gleichzeitig die Finanzen und die Geschäfte des Außenministers anvertraut sind. Albert Speer, später einer der Nürnberger Angeklagten, wird mit dem Ressort des Reichswirtschafts- und Produktionsministers bedacht. Diese und alle anderen Posten in der neuen Reichsregierung existieren freilich nur auf dem Papier. Die Schattenministerien des Präsidenten Dönitz haben keinerlei praktische Bedeutung. Auf dem kleinen Gebiet, der noch nicht von alliierten Truppen besetzt ist, in der winzigen Enklave am Rande des deutschen Untergangs, erinnern die großartigen Dienstbezeichnungen der frisch besetzten Ämter an ein fatales Possenspiel: Reichsminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Reichsverkehrsminister, Reichspostminister, Reichskultusminister, Reichsarbeits- und Sozialminister …
Karl Dönitz steht vor schweren Entscheidungen. In seinen Händen befindet sich damals die Fotokopie einer Landkarte. Sie stammt aus dem britischen Geheimbefehl Eclipse, der von der deutschen Abwehr eingesehen wurde, und zeigt eine genaue Eintragung der Demarkationslinie zwischen Ost und West, wie sie von Roosevelt, Churchill und Stalin in der Konferenz von Jalta vereinbart wurde. Sie ist das Grundschema für die spätere Zoneneinteilung Deutschlands.
Das Geheimdokument Eclipse gibt Dönitz und dem Oberkommando der Wehrmacht Auskunft darüber, welche Gebiete endgültig von sowjetischen und welche von amerikanischen, britischen und französischen Truppen besetzt werden. Mit diesem Wissen sollen nun die Kapitulationsmanöver geführt werden.
Bei den internen Besprechungen, die im neuen Hauptquartier von Staats- und Wehrmachtsführung in Flensburg abgehalten werden, treten einige Tatsachen klar hervor:
Im Westen begrüßt die Bevölkerung die angloamerikanischen Truppen als Befreier aus der Not des Krieges und der Bombennächte.
Im Osten dagegen flieht die Bevölkerung aus Furcht vor den Russen. Auch die dort stehenden Wehrmachtteile wollen nicht in die Hände der Sowjets fallen.
Die deutschen Truppen im Westen werden einem von oben gegebenen Kapitulationsbefehl Folge leisten. Die Truppen im Osten aber werden diesem Befehl nicht gehorchen und versuchen, sich kämpfend auf die westliche Seite der rettenden Demarkationslinie zurückzuziehen.
Die Bevölkerung im Westen wird die Kapitulation billigen. Die Bevölkerung im Osten wird sie jedoch als Verrat betrachten, als Preisgabe der Millionen Menschen, die sich noch auf der Flucht befinden.
Der Kurs der Regierung Dönitz scheint damit festzustehen. Es soll versucht werden, im Osten weiterzukämpfen, um den Rückzug möglichst vieler Menschen und Truppen hinter die Eclipse-Linie zu bewerkstelligen und sie den Sowjets zu entziehen. Zugleich sind im Westen Kapitulationsverhandlungen zu führen, damit an dieser Front weitere Opfer so schnell wie möglich vermieden werden. Man glaubt in Flensburg, General Eisenhower für diese Lösung gewinnen zu können, obwohl bekannt ist, dass die Alliierten nur eine gleichzeitige Kapitulation aller deutschen Truppen an allen Fronten annehmen wollen. So entscheidet sich Dönitz nach seinen eigenen Worten »gegen den asiatischen Osten« und »für den christlichen Westen«.
Die Ereignisse überstürzen sich. Am Nachmittag des 2. Mai 1945 telefoniert Korvettenkapitän Lüdde-Neurath, der Adjutant des Großadmirals, von Flensburg aus zufällig mit einer Firma in Lübeck. Sein Gesprächspartner dort fordert ihn auf, lauter zu sprechen.
»Ich kann überhaupt nichts verstehen«, brüllt er, »es ist hier ein solcher Lärm auf der Straße, da fährt nämlich ein Panzer nach dem anderen vorbei …«
»Was für Panzer?«, fragt Lüdde-Neurath zurück.
»Lauter englische – wollen Sie mal hören?«
Und dann hält der Mann in Lübeck den Telefonhörer zum offenen Fenster hinaus. Auf diese Weise erfährt die oberste deutsche Wehrmachtsführung vom Durchbruch der Briten.
Es ist Zeit, mit der Kapitulation Ernst zu machen. Dönitz entsendet Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg, General Eberhard Kinzel, Konteradmiral Gerhard Wagner und drei weitere Offiziere ins Hauptquartier Feldmarschalls Montgomery bei Lüneburg.
Montgomery nimmt das Kapitulationsangebot fast wortlos entgegen. Das Abkommen, das von Friedeburg wenig später unterzeichnet, lässt ab 5. Mai, 8.00 Uhr, die Waffen im gesamten Nordraum schweigen.
Friedeburg fliegt weiter nach Frankreich und nimmt in Reims Verhandlungen mit dem Stab Eisenhowers auf.
Bald trifft auch Generaloberst Jodl dort ein. Ein kleines Mädchen, das noch am späten Abend durch die dunklen Straßen von Reims läuft, sieht zufällig die Ankunft Jodls und seiner Begleiter am Gebäude der Gewerbeschule, wo sich das Alliierte Hauptquartier befindet. Schreiend läuft das Kind davon: »Les Allemands! Les Allemands! – Die Deutschen sind da! Die Deutschen sind da!«
Die Nachricht verbreitet sich blitzschnell – viel schneller als die offiziellen Verlautbarungen. Die Deutschen sind da – doch diesmal können sie nur da sein, um ihre Niederlage und den Frieden in Europa zu unterschreiben. Aus dem Mund eines Kindes erfährt die Welt zuerst, dass sechs Jahre Not, Verwüstungen und Tod zu Ende sind …
Zur gleichen Stunde verhandelt Jodl mit Eisenhowers Stabschef Bedell Smith um die Frage der Ostkapitulation. »Uns war klar«, schreibt Eisenhower in seinen Erinnerungen, »dass die Deutschen Zeit gewinnen wollten, um möglichst viele Soldaten, die noch im Felde standen, hinter unsere Linien bringen zu können. Ich trug General Smith auf, er solle Jodl sagen, ich würde den Durchgang weiterer deutscher Flüchtlinge unter Gewaltanwendung verhindern, wenn sie nicht augenblicklich mit ihrer Vorspiegelungs- und Verzögerungstaktik aufhörten. Ich hatte es satt, mich dauernd hinhalten zu lassen.«
Jodl sendet an Dönitz folgenden Funkspruch: »General Eisenhower besteht darauf, dass wir heute noch unterschreiben. Andernfalls werden die alliierten Fronten auch gegenüber denjenigen Personen geschlossen werden, die sich einzeln zu ergeben versuchen, und alle Verhandlungen werden abgebrochen. Ich sehe keinen anderen Ausweg als Chaos oder Unterzeichnung.«
In einem kahlen Schulzimmer von Reims wird die bedingungslose Kapitulation am 7. Mai 1945 nachts unterzeichnet. Der amerikanische Kriegskorrespondent Drew Middleton ist einer der wenigen, die dem historischen Augenblick beiwohnen dürfen. Er berichtet: »In dem Zimmer steht ein langer Holztisch ohne Decke. An jedem Platz liegt ein gespitzter Stift neben einem Aschenbecher, obwohl niemand raucht. Anwesend sind Generalleutnant Walter Bedell Smith für General Eisenhower, Generalmajor François Sevez für General Alphonse-Pierre Juin und Generalmajor Iwan Susloparow für das Sowjetkommando. Jodl trägt das Ritterkreuz. Sein Gesicht ist ausdruckslos und arrogant, seine Augen wirken gläsern. Vor der Unterzeichnung stellt er sich in straffe Haltung und sagt auf Deutsch: ›Ich möchte einige Worte sagen, Herr General! Mit dieser Unterschrift sind das deutsche Volk und die deutsche Wehrmacht auf Gedeih und Verderb in die Hände der Sieger gegeben. In dieser Stunde kann ich nur die Hoffnung ausdrücken, dass der Sieger sie großzügig behandeln wird.‹ General Smith sieht ihn mit müdem Gesicht an. Er gibt keine Antwort. Dann folgt die Unterzeichnung. Es ist 2 Uhr 41 Minuten.«
Anschließend wird Jodl in Eisenhowers Dienstzimmer geführt. Der amerikanische Oberbefehlshaber fragt ihn durch einen Dolmetscher: »Sind Ihnen alle Punkte des Dokuments klar?«
»Ja«, antwortet Jodl.
»Sie werden dienstlich und persönlich zur Verantwortung gezogen«, sagt Eisenhower, »wenn gegen die Punkte dieser Kapitulationsurkunde verstoßen werden sollte, auch gegen die, welche sich auf die offizielle Übergabe an Russland beziehen. Das ist alles.«
Jodl salutiert, macht eine Kehrtwendung und geht.
Der Krieg ist aus.
Was einen Tag später im sowjetischen Hauptquartier in Karlshorst folgt, ist eigentlich nur noch eine Bekräftigung. Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel ist von Flensburg nach Berlin geflogen, um dort das zweite Kapitulationsdokument zu unterschreiben. In seiner Begleitung sind Generaloberst Paul Stumpff für die Luftwaffe und Generaladmiral von Friedeburg für die Kriegsmarine. Zehn Minuten nach Mitternacht, am 9. Mai 1945, werden die Deutschen in das Verhandlungszimmer geführt.
An einem breiten Tisch sitzen Marschall Schukow und der sowjetische Außenminister Andrej Wyschinski; daneben der britische Luftmarschall Sir Arthur Tedder, General Carl Spaatz als Vertreter Eisenhowers und der französische General Jean de Lattre de Tassigny.
Für die deutschen Teilnehmer ist ein separater Tisch am Eingang des Raumes bereitgestellt.
»Keitel kommt stolz und selbstbewusst herein«, schreibt der amerikanische Kriegskorrespondent Joseph W. Grigg. »Er trägt die Uniform eines Feldmarschalls und bewahrt bis zum Ende seine preußische Arroganz. Er schmettert seinen Marschallstab auf den Tisch, nimmt Platz und schaut unbeteiligt geradeaus, während die anwesenden Fotografen ihre Arbeit verrichten. Ein- oder zweimal fingert er an seinem Kragen herum und befeuchtet sich nervös die Lippen.«
Luftmarschall Tedder erhebt sich und richtet das Wort an Keitel: »Ich frage Sie: Haben Sie dieses Dokument der bedingungslosen Kapitulation gelesen und sind Sie bereit, es zu unterschreiben?«
Keitel hört sich die Übersetzung an, nimmt die Kapitulationsurkunde vom Tisch auf und antwortet: »Ja, ich bin bereit.«
Marschall Schukow lässt Keitel nun auffordern, an den großen Tisch zu kommen und die Unterschrift vorzunehmen.
Grigg schildert die Szene: »Keitel nimmt umständlich seine Mütze, seinen Marschallstab, seine Handschuhe, setzt langsam und vorsichtig sein Monokel ins linke Auge, geht zu dem Tisch, setzt sich und schreibt mit langwierigen, kritzelnden Bewegungen den Namen Keitel.«
Dann unterschreiben die anderen. Inzwischen versucht Keitel noch einmal, Zeit für die zurückströmenden Flüchtlinge zu gewinnen. Er winkt den russischen Dolmetscher zu sich und erklärt ihm, dass wegen der schlechten Nachrichtenverbindungen der Befehl zur Feuereinstellung mindestens vierundzwanzig Stunden braucht, bevor er in den Händen der Fronttruppen ist.
Der Dolmetscher weiß nicht, was er tun soll. Er wendet sich ratlos an einen Offizier aus dem Stab Schukows und flüstert ihm Keitels Worte zu.
Eine Antwort erfolgt nicht. Schukow steht vielmehr unwillig von seinem Platz auf und sagt kühl: »Ich ersuche nun die deutsche Delegation, den Raum zu verlassen.«
Die Herren erheben sich. Keitel klappt den Aktendeckel mit der schicksalsschweren Urkunde zu, klemmt ihn unter den Arm, deutet mit leisem Hackenschlagen einen Gruß an und geht zur Tür hinaus. Ein paar Tage später, am 13. Mai, wird er in Flensburg verhaftet.
