Der Orientblues - John G. Cardigan - E-Book

Der Orientblues E-Book

John G. Cardigan

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Beschreibung

Alexander Peters, ein Querdenker mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn und recht freizügiger Mundart, übernimmt einen Job bei einem Entwicklungshelfer als Projektberater und Berufschullehrer in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Er lernt dort eine völlig neue Kultur kennen und schätzen, hat jedoch ein Management über sich, das ihm den Einstieg in das Land und dessen Sitten alles andere als positiv gestaltet. Legales verschwimmt mit Illegalem. Der scheinbar ideale Job entwickelt sich zu einem vernebelten Sumpf aus Mobbing, Gleichgültigkeit und Arroganz. Das Management frönt den Verlockungen des Nachtlebens, Gehälter bleiben aus, Ausweispapiere werden eingezogen und alles vorab Zugesagte ist in der Fremde plötzlich ganz anders. Es kommt zu einer Revolte unter den Mitarbeitern. Das Projekt droht zu scheitern. Kurz vor der Rückreise in die schwäbische Heimat erfährt Alexander auch noch völlig unerwartet, dass seine langjährige Lebensgefährtin nicht mehr möchte, dass er nach Hause zurückkehrt. Er durchlebt einen Blues, sieht sich in einer ausweglosen Situation und fällt im Kampf um seine Liebe in ein tiefes geistiges Loch, wobei er sich auch noch um Haaresbreite um den Verstand säuft...

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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Titel

Gesellschaftspolitik und Schweinefleisch

Zehn Dirham, ein Kaffee und zwei Kippen

Der Dieb und seine Hand

Die Krankenversicherung

Afghanistan

Al Noor Hospital

Der Hühnerstall

Das erste Befummeln der kleinen Schwarzen

Personaldaten für alle

Das Klassendenken

Das Telefonat

Die Kopftuchaffäre

In der Oase

Erkannte Kompetenz

Herr Muezzin und der Weckgesang

Green Mubazzarah taxi taxi lot

Gehalt oder nicht Gehalt

Das Beschwerdeschreiben

Kein Oryx im Zoo

Am Rande des Omans

Teile Dein Bett, egal mit wem

Deutsche Qualität und Zuverlässigkeit

Eiszeit

Plagiate sind doof

Action im World Trade Center Dubai

„Wenn Sie Fragen haben...“

Die Wüstensafari

Vom Nichts zum reichsten Land der Welt

Regen in der Wüstenstadt

Das Visum

Tradition ist nicht Tradition

Angst!

Heimat oder Fremde

Erster Werktag zuhause

Ich will nach Hause

Im Kinderzimmer

Erinnerungen

Der Minihitler

Alkohol und Kippen

Holzallergie

Eine E-Mail sagt viel

Messer im Rücken

Reden und Wein

Saskia, der scharfe Schlitten

Eine Erkenntnis

Dumm, idiotisch oder vielleicht gar geisteskrank

„You blamed me in public”

Drei Jahre später

Glossar

Impressum

John G. Cardigan

Der Orientblues

In Erinnerung an Maike Tadsen,Rest In Peace

Gewidmet all jenen, die im nahen Osten ebenfallsihr Glück versucht haben

Gesellschaftspolitik und Schweinefleisch

Meine Anpassungsfähigkeit ist erschreckend. Auch ich, Alexander Peters, bin gestern randvoll aus dem Hilton gewankt, wie so viele westliche Ausländer hier. Bin mit Hilfe eines Toyota No. 1 Taxis und eines völlig unterbezahlten pakistanischen Fahrers, dem ich angetrunkenerweise erfolgreich das Wort „Schlawiner“ in die ausgetrocknete Denkenslücke seines Kopfs quasselte, irgendwie in mein Resort gekommen und grunzend in den Tiefschlaf gefallen. Nun wache ich mit dem wundervollen, ohrenbetäubenden Klang einer Rüttelplatte auf.

„Hier musste Dir einfach das Leben schön saufen, dann wird es auch was mit der sagenumwobenen und mittlerweile zur Traurigkeit neigenden Abendlandstimmung im betonären Eintonblick der ach so tollen Gartenstadt“ war mein erster Gedanke, der zugleich das wohl irgendwo vorhandene Gewissen befriedigen sollte. Fernab von Liebe, Heimat und den hochgewachsenen Wiesen hinter unserem kleinen Bungalow in Bayerisch-Schwaben.

Der Gedanke, die Koffer einfach wieder zu packen, kommt zwar immer wieder, aber das Gefühl und der Drang zu wissen, ob es hier nicht auch doch noch irgendwo Natürlichkeit gibt, erlaubt mir das einfach noch nicht. Eine Erfahrung, die ausgesprochen mehr wie ein fantasievoller Roman, denn als traurige Wirklichkeit wirkt.

Anstatt den Menschen als Menschen zu sehen, wurde uns, der wir hier als Lehrer angestellt werden sollen, schon in der ersten Woche aufgezeigt, dass es hier höhere und niedere menschliche Wesen gibt.

So ist der Emirati die Spitze der gesellschaftspolitischen Leveleinteilung, der allgemeine Araber folgt gleich danach und die Engländer, Amerikaner und Australier auf Level Drei, also Menschen, die durchaus noch angesehen werden. Wir als Westeuropäer oder genauer geschrieben als Deutsche sind hingegen irgendwo im Mittelfeld.

Logisch, wir saufen, wir vögeln auch mal die Nachbarin oder die ehelos gehaltene und bereits vom Vorgänger geschwängerte Lebensabschnittsgefährtin und verweigern zu Massen den Glauben an Religion. Es gibt uns sogar alleinstehend ohne Familie und obendrein erfreuen wir uns voller Genuss an dreckigem Schweinefleisch. Ungläubiger Abschaum, der es nicht wirklich wert ist, beachtet zu werden.

Nur gut, dass es nach uns herumfickenden Schweinefleischfressern auch noch übleres Volk gibt. Volk, das nur für Dreckjobs und Sklavenarbeiten eingesetzt werden kann. Der Tiefpunkt der Gesellschaft, dargestellt als Bangladeschi, Pakistanis, Inder oder ähnlichem.

Was habe ich mich immer aufgeregt, wenn ich zuhause die Tageszeitung allmorgendlich durchforstete und wieder eine eigentlich und neutral als rechtsradikal zu bezeichnende Bemerkung eines unserer Politiker las. Kopftuchverbot, halbherzige und kompromisslose Ausländerintegrationsvorschläge oder aber das Verarschen eines Bewohners eines Asylantenwohnheimes durch kahlgeschorene Denkbefreite. Grausam, gefühllos und menschenverächtlich aber immer wieder, dennoch und trotz allem sind wir im Westen die zivilisierte Gesellschaft, wie sie kurz nach 9/11 von einem unserer Obersten so wunderbar geschildert wurde.

Aber gut, Deutschland ist erst mal 4.000 km weit weg, wen interessiert das noch, wenn man im Sand der Wüste oder wahlweise im Zug der Klimaanlage mit Dauerrotzerei beschäftigt ist.

Die Klimaanlagen, des Arabers wichtigste technische Ausrüstung nach einem V8-angetriebenen und mit Supersprit betankten Allradfahrzeug. Es scheint, als steige hier tatsächlich die Potenz parallel mit dem Spritverbrauch des eigenen Automobils. Im Wahnsinn des allabendlichen Einkaufsverkehrs vor einer der so beliebten Shopping Malls wirkt ein Smart wie ein Elektrorollstuhl.

Wenn man sonst nur selten das Bremspedal betätigt, so tut es jeder, wenn ein Kleinwagen versucht, irgendwie zwischen den übergroßen Offroadern und Luxuslimousinen zu entfliehen. Man merkt, man will den armen „Behinderten“ durchlassen, damit man ihm nicht wehtut – wie eine Elefantenherde, die mit größter Vorsicht an einer Maus vorbeitrampelt.

Schon bei der Ankunft in der emiratischen Hauptstadt wird einem bewusst, dass das Gewäsch um hybrid- oder gar elektrisch betriebene Fahrzeuge in Mitteleuropa hier wirklich nur ein Späßchen ist, das noch nicht einmal verstanden werden kann.

Klar! Während die Spritpreise in Europa in gigantische und bis dato unvorstellbare Höhen klettern, gibt es hier kaum etwas, das günstiger zu erwerben ist. Ein Auto muss eben einfach groß sein und mindestens 20 Liter Treibstoff auf 100 km schlucken, ansonsten verliert man wohl das Gesicht. Wieder eine einfache mathematische Rechnung: Je höher der Benzinverbrauch, desto höher der gesellschaftliche Rang. Logisch, oder?

Zehn Dirham, ein Kaffee und zwei Kippen

Wochenende!

Nein, nicht Samstag und Sonntag, sondern Freitag und Samstag.

Auch völlig anders, aber wen wundert es – es ist eben alles anders, als man es als westlich geprägter Mensch gewohnt ist.

Was tun?

Na klar, raus aus dem Wüstenkaff und rein in das Großstadt­leben. Eine Nacht auf der Insel Abu Dhabi, über die Millennium­Bar zur Hilton Bar.

Abu Dhabi, einst eine der Hauptstädte des Perlenhandels. Perlen wurden hier seit Jahrhunderten wegen ihrer Schönheit gehandelt und bis in die 50er Jahre war der Golf an sich eine der fruchtbarsten Gegenden der Welt für die Perlenfischerei.

Die Perlen waren auch der Grund für die zu Massen einströmenden ausländischen Händler in diesem Gebiet. Zu Beginn hauptsächlich portugiesische Eindringlinge im frühen 16. Jahrhundert, später, so ab dem 17. Jahrhundert, indische Händler und danach hauptsächlich Engländer, welche dem Land und den Locals stark zusetzten.

Wie fast überall auf der Welt waren auch hier die Engländer diejenigen, die in ihrem Kolonialwahn das Volk verarschten, ihm sklavenartige Verträge und leere Versprechungen unterjubelten, um selbst die wenigen bis dahin bekannten Reichtümer und Vorteile, wie die Perlen, den wichtigen Handelsweg durch den Golf von Arabien oder später auch das Erdöl für sich beanspruchen zu können.

Über zwei Jahrhunderte, bis nach dem Zweiten Weltkrieg, schikanierten sie die Völker der Golfregion. Hielten sie zu ihrem Vorteil auf einem menschenverächtlichen sozialen Tiefststand und waren wohl einer der Gründe, warum die heutigen Emirate so lange benötigten, um eigene überlebenswichtige Einnahmequellen und Infrastrukturen zu schaffen.

Schon an der Einwohnerzahl von Abu Dhabi – um 1950 mit 6.000 (einschließlich der Oasen und Urlaubs- bzw. Rückzugsgebiete Al Ain und Liwa) beziffert, heute rund 1,5 Millionen alleine in Abu Dhabi – ist erkennbar, dass die Entwicklung stark negativ beeinflusst wurde. Erst durch Scheich Shakhbut, der Mitte des letzten Jahrhunderts regierte und durch die jahrzehntelange Veräppelei der Engländer misstrauisch, wachsam und vorsichtig wurde, änderte sich das Verhältnis zu den Engländern langsam. Da er von der Vergangenheit gelernt hatte, dass die Engländer nie daran dachten, auch nur die kleinste Hilfestellung zur Entwicklung des Landes zu leisten, sparte er all sein Geld und bereitete sich wohl insgeheim darauf vor, irgendwann mit dem angesammelten kleinen Reichtum die Engländer endlich abstoßen zu können, um zumindest eine gewisse Unabhängigkeit zu erlangen.

Die Abgaben für die Ölkonzessionen der Engländer waren mittlerweile seit fast einer Dekade bezahlt worden, aber anstatt die Gelder für die Landesentwicklung zu nutzen, häufte der Scheich das Geld bei sich an, um im Notfall die Finanzierung von Truppen finanzieren zu können, falls die Engländer mal wieder mit Bombardierung der Städte drohten, was in den vorgegangenen Jahrzehnten durchaus öfters geschah und auch ausgeführt wurde.

Die tatsächliche Landesentwicklung und der durch das später in großen Mengen gefundene Erdöl entstandene Reichtum kam jedoch erst zur Zeit des Scheichs Zayid bin Sultan Al Nahyan zustande, der von 1966 bis 2004 das Emirat Abu Dhabi regierte und von dem Volk mehr als nur geliebt wurde, was auch heute noch, vier Jahre nach seinem Tod, an zahlreichen Denkmäler erkennbar ist.

Scheich Zayid hat es als einer der wenigen Herrscher des Landes geschafft, sein Volk zu ernähren und sämtliche Grundsteine für eine funktionierende und unabhängige Infrastruktur im Lande gelegt. Eine seiner ersten Taten als Herrscher war die notwendige Umformulierung aller mit England geschlossenen Verträge und zwar so, dass beide Parteien ihren Vorteil davon hatten.

Ohne ihn wäre Abu Dhabi sicherlich nicht das, was es heute darstellt: eine moderne Großstadt, die anderen Metropolen dieser Welt in nichts nachstehen muss.

Heute treffen sich hier die Ausländer, die in den Emiraten entweder die letzte Chance zur positiven Karriere sehen oder einfach nur dicken Schotter verdienen wollen.

Und denken Sie jetzt nicht, dass das dort gesittet zugeht. Man flippt aus, man rutscht auf den Knien der Nutten beim Tanz und säuft bis zum nahen Umfallen und zwar alle – ob Marketingmanager, Schulleiter oder Sekretärin.

Als Neuer kann man leicht auf den Gedanken kommen, dass ein jeder von den Besuchern die letze Chance zur Party vor seinem eigenen Ableben nutzt. Aber das war natürlich nicht genug – man wollte es rockig. Also ab in irgendeine der vielen anderen nächtlich geöffneten Vergnügungsstätten – dieses Mal eine völlig abgefuckte Philipinodisco. Natürlich wieder Livemusik, rockig wie gewollt, aber durchweg gecovert – durchaus gut gecovert.

Am anderen Morgen wieder das gerade erst durchlebte Brummen im Kopf, das Gefühl, sich wieder sinnlos ein paar Gramm Verstand weggesoffen zu haben.

Schnell an das reichlich gefüllte Buffet des Hotels und Kaffee in den recht trockenen Schlund gegossen – widerwillig und der Vernunft wegen. Dazu ein paar Happen Rührei, Brot und ein paar kleine Hühnerbratwürste.

Klar, schon beim Essen begann die Revolution in der Magengegend – Sodbrennen und kein Natron, kein Bullrichsalz oder ähnliche Hausmittelchen zur Hand, um das abzuschalten.

Was tun?

Naja, viele Möglichkeiten gibt es nicht. Am besten mal in eine Shopping Mall!

Die Gelegenheit gleich genutzt, am Protz vorbeigefahren, dem Emirate Palace Hotel. Natürlich mit dem Taxi, mit zum Fenster rausgehaltener Kamera, nicht angehalten, nicht ausgestiegen, es ist einfach viel zu heiß.

Erschwerend kommt dieser Kopf auf meinem Hals hinzu, der einem jegliche unnötige Bewegung verbietet. Aber Bilder müssen sein, so kann man den Lieben zuhause auch Eindrücke vermitteln – egal ob es sie interessiert oder nicht, man drückt es ihnen einfach, während einem gemeinsamen Abend, zwischen dem vierten und fünften Glas Rotwein rein.

Profilieren und den anderen zeigen, wie bereist man ist, wie welterfahren!

Man verschafft sich durch möglichst viele berichtete Reiseerlebnisse ja auch ein Stück – ein großes Stück – Ansehen.

Ergebnislos und leicht gestresst aus der Shopping Mall und endlich, aber nicht ohne Taxi, schließlich haben wir 500 m Abstand zum Ziel, geht es in Richtung Strand: Lulu Island, eine vor Abu Dhabi gelagerte Insel.

Am Fährhafen angekommen wird gleich mal die Vorfreude ein wenig gedämpft: Es ist Betzeit, ergo sind alle Fährmänner in der Moschee.

Wir, drei Kollegen und ich, müssen warten, eine Stunde bei 45°C, ohne Klimaanlage; da wirst mal so richtig durchnässt, dachte und erlebte ich im Anschluss.

Aber irgendwann hat alles ein Ende und so ist es auch hier geschehen: Die Fähre kam an, mit Fährmännern, versteht sich. Unkompliziert und fast schon üblich würde den westlich aussehenden Inselhungrigen der Vortritt gelassen – ganz in der Reihenfolge der herrschenden Sozial-Levelisierung: Zuerst die westlichen Gesichter, dann der dunkle Rest.

Die Fahrt war problemlos, vielleicht auch, weil sehr kurz. Nach zehn Minuten war es soweit: Ich betrat das erste Mal in meinem Leben eine Insel im Golf von Arabien.

Der erste Eindruck: Wow!

Aber diese erste Freude sollte bald gedämpft werden. Wir fuhren mit dem Bus, der laufend um die Insel fährt, an den uns empfohlenen Strandplatz.

Heiß wie überall.

Nach dem Entblößen der Füße wurde klar, dass auch der Sand am Strand recht heiß ist. Nach dem ersten Sprung ins Wasser habe ich die unvorstellbare Erfahrung gemacht, dass man ohne jegliche Bewegung auch im Meerwasser zum Schwitzen kommt.

Gefühlte Temperatur des Meerwassers:

Heiße Badewanne im Winter

Der Selbstversuch

Was ist heißer, Pisse oder Golfwasser?

bestätigte: Das Wasser in dieser Pfütze war eindeutig wärmer!

Also wieder keine Abkühlung.

G‘schissen ‘drauf!

Ich hocke unter einem Sonnenschutz, dessen Dachaufbau einem Beduinenzelt ähnelt, im Sand und höre und sehe das Meer.

Zunächst war erst mal Ausschlafen angesagt. Der schmerzende Kopf, der revoltierende Magen: alles nicht wirklich gut, um ins Wasser zu springen.

Grunzen im Sand! Das tat gut, zwar nicht so gut wie im heimischen, perwollweichen Bett, aber o.k., man nimmt, was man bekommt und ist nicht drauf erpicht, vom Level 10 Resident auch noch das Federbett an den Strand gebracht zu bekommen.

Die Augen aufgeschlagen, den Durst gelöscht, überwältigte mich die Neugierde. Ich beschloss, mir die Insel auf dem Fußweg genauer anzusehen.

Weg vom Strand ins Inselinnere. Da sind so Sanddünen, die mein Interesse wecken, von der Ferne bildhübsch, von der Nähe…? Na ich werde sehen.

Zunächst vorbei an Gebäuden, die mit der Beschilderung Coffee oder Restaurant einen Namen erhalten haben. Aber bei genauerer Betrachtung wurde schnell klar, hier sollte wohl mal das gebaut werden, was auf der Beschilderung steht, aber irgendwann haben die Bauarbeiter oder gar der Planer wohl die Lust verloren.

Geld kann es hier nicht sein, denn das gibt es ausreichend.

Die Gebäude wurden zwar hochgebaut und bemalt, aber die Sockelfliesen hatten bereits beschlossen, wieder abzufallen. Der Putz war gerissen, die Fensterrahmen aus Metall verrostet und im Inneren war die Geburt mehrerer Lilliput-Sanddünen zu erkennen.

Das Einzige, das hier noch gepflegt wird, sofern man Gießen auch als Pflege erkennen will, sind die kleinen Grünflächen vor den Youngtimer-Ruinen.

Beete mit englischem Rasen, Agaven und ähnlichen widerstandsfähigen Pflänzlein. Nett und wirklich schön angelegt – wohl eine Beschäftigungstherapie für die zum Bau der Anlagen und befristet ins Land geholten Level 10- Arbeiter.

Nun gut, gesehen und gestaunt, es geht weiter.

Die Sonne brennt, der Sand ist backofenerhitzt.

Eine Düne, tatsächlich eine kleine Düne!

Ich habe sie schon von dem Hotelzimmer aus am Morgen gesehen. Das Hotelzimmer, das direkt an der Corniche Road (West) lag, 16. Stockwerk, hervorragender Blick auf die der Hauptstadt vorgelagerten Insel. Dachte jedoch zunächst an einen künstlich aufgeschütteten Sandhaufen.

Nun steh ich davor und komm nicht drum rum, mich bei gefühlten 60°C auf die Spitze der Sanddüne zu begeben. Ich muss da hoch, ich muss sehen, dass ich danach nicht mehr sehe, als ich ohnehin schon erahne.

Oben angekommen. Wie erwartet, ergibt sich mir kein neuer Anblick, aber ich kann zumindest erzählen, dass ich oben war.

Ich wandere den Dünengrat entlang und genieße ein wenig das Gefühl von Freiheit, etwas, das ich in diesem Land noch nicht so richtig wahrnehmen konnte in Anbetracht der vielen gesellschaftlichen Regeln und dem Anpassungszwang in diese doch völlig andere Welt.

Gut eine Stunde ist mittlerweile vorübergezogen, als ich wieder beim Strandbasislager ankomme. Ein leichter Sonnenbrand belegt meine Schultern und ein trockener Mund erinnert mich daran, der Dehydration entgegenwirken zu müssen und endlich ein paar Schluck Wasser zu trinken.

Ein kurzer Sprung in die warme, sandumsäumte Badewanne und dann einfach mal weiter entspannen.

Der Abend sowie der nächste Tag oblagen vollkommen dem Ausruhen.

Früh ins Bett, früh raus und wieder an den Strand. Dieses Mal verbrachte ich den Tag mit Lesen. Thomas Raabes „Der Metzger sieht rot“ verhalfen dem Strandgelage einen humorvollen literarischen Beigeschmack.

So gegen vier Uhr nachmittags geht es dann in Richtung Busbahnhof. Zehn Dirham für eine zweistündige Busfahrt von Abu Dhabi nach Al Ain.

Geschenkt!

Rechnet man noch den Kaffee und die beiden Kippen mit, die man sich während der 15-minütigen Fahrpause dazwischen antut, bleibt es immer noch eine fast geschenkte Beförderung.

Busfahren ist bekanntlich gerade mit fremden Mitfahrern eine oft sehr langweilige Sache. Hier wird das noch übertrumpft durch die Eintönigkeit des hinter dem Bankett befindlichen Landschaftsstreifens, der im Grunde immer das gleiche Bild von sich gibt.

Hier und da erkennbare Ansätze der Wüste, fein säuberlich in Reih und Glied gepflanzte Dattelpalmen, ab und an eine kleine Siedlung, nicht was des Berichtens würdig sein würde.

Einzige, aber durchaus erwartbare Überraschung: Der Klimawechsel von heiß und nass zu heiß und trocken. Also vom Landstreifen am Golf, der eine Luftfeuchtigkeit aufweist, die einem türkischen Dampfbad ähnelt, hin zur trockenen Wüstenluft im Landesinneren.

Der Dieb und seine Hand

Zurück im Resort, unserer vorläufigen Unterbringungsstätte, fällt man wieder in die hygienisch reine Welt – dank der fleißigen Putzkolonne, die es tatsächlich immer schafft, dann durch die Wohnräume zu sausen, wenn man gerade mal nicht anwesend ist.

Die Sorge, dass hier irgendjemand der Level 10-Putzmänner auf die Idee kommen könnte, seinen Geldbeutel mithilfe der Gästeportemonnaies zu füllen, scheint völlig unberechtigt. Zumindest in Anbetracht dessen, dass ich gut einen Monatslohn versehentlich offen auf dem im Schlafgemach befindlichen Tischlein liegen gelassen habe und hiervon kein einziger Dirham auch nur einen Millimeter vom gehabten Plätzchen gewichen ist.

Juhu – es scheint zu stimmen, die Emirate sind wohl tatsächlich das sicherste Land auf der Welt. Irgendwo verständlich, denn für viele Muslime ist die größte oder gar einzige Straftat der Diebstahl. Egal, ob es der Diebstahl von Leben durch einen Mord oder das Klauen von Gegenständen ist.

Mein weit gereister Vater berichtete mir oft von seinen Erlebnissen in der arabischen Welt in den 60er Jahren. Zu dieser Zeit war es wohl noch gang und gäbe, dass man einem überführten Dieb, der auf dem zur Gebetszeit völlig menschenlosen Souk etwas entwendete, als gerecht angesehene Strafe eine oder auch beide Hände abhackte.

Noch heute gibt es Strafen in dieser Welt, die für uns Mitteleuropäer seltsam wirken. So kann ein mit Alkohol gesättigter und auffällig sich verhaltender Muslim neben einer empfindlich langen Gefängnisstrafe auch noch mit einer ausreichenden Zahl an Stockhieben belegt werden.

Aber auch Ausländer haben sich hier entsprechend den Regeln zu verhalten. In naher Vergangenheit wurde beispielsweise ein unverheiratetes Philippinenpärchen, welches sich öffentlich im Auto an einer Ampel geküsst hat, umgehend ins Gefängnis gesteckt.

Unverheiratet und verliebt ist hier ein echtes Problem – nicht im Touristenhotel, aber auf der Straße sehr wohl. Eheähnliche Beziehungen sind eine unverständliche Sache und absolut unzüchtig.

Die Krankenversicherung

Die Arbeitstage vergehen zäh und schleichend.

Arbeitstage, so wird hier zunächst das pädagogisch feine Zusammensitzen im Kreis genannt, bei welchem jeder zu einem unsicheren, noch nicht einmal definierten Thema, eine Meinung äußern soll.

Ich erschrecke von Tag zu Tag mehr und merke schon selbst, wie ich in eine innere Emigration wandere.

Ich habe ja schon einiges in meinem Berufsleben durchmachen dürfen, viele unterschiedliche Positionen in meinem Handwerker- und Ingenieursleben – vom Gesellen zum Verkaufs- und Produktmanager bis hin zum Bau- und Planungsunternehmer – aber ein derart inkompetentes Management habe ich selten gesehen, um nicht zu schreiben noch nie. Jeden Tag wird das Gesagte vom Vortag revidiert. Die sogenannten Abteilungsleiter erwecken nach den ersten drei Wochen den Anschein, als ob man sie von der leitenden Position hinter einem Wischmopp einer Reinigungskolonne zum mittleren Management eines Lehrinstitutes erhoben hat. Selbst unter den Lehrerkollegen erkenne ich hier und da wesentlich bessere Führungsqualitäten.

Ich selbst, der ich doch sehr gerne als Fachmann jungen Menschen mein Wissen vermitteln möchte, um ihnen eine echte Chance im Berufsleben zu geben, habe das Gefühl, hier nicht hineinzupassen. Man geht ja gerne mal einen halben Schritt zurück, um danach vier vorwärtsgehen zu können, aber vier zurück, um vielleicht einen halben vorwärtszukommen, das ist doch recht viel verlangt.

Neben unsinnigem Vielleicht-, Eventuell- und Möglicherweise-Geschwätz kommt erschwerend hinzu, dass die als Abteilungsleiter Betitelten akut daran arbeiten, die eigenen Aufgabenfelder schön fein an uns Lehrer zu delegieren, um dann, während wir beispielsweise Gruppeneinteilungen der künftigen Schüler berechnen, an der frischen, heißen Luft, an einem schattigen Plätzchen ihr Mittagsmahl einzunehmen. Fein ausgedacht, aber leider sind dann doch Kollegen im Team, die das recht schnell erfasst haben und sich keinesfalls mehr mit solchen Aufgaben beschäftigen. Man hat sich ja als Lehrer mit entsprechender Erfahrung und Know-how beworben und nicht als Helferchen für unerfahrenes Führungspersonal. Die Studienzeiten der Lehrer sind längst vergangen, man schreibt keine Referate mehr, die der Prof. dann unter seinem Namen in Buchform veröffentlicht, man ist mittlerweile selbst der Herausgeber.

Ein weiteres Erstaunen löst die Rhetorikfreiheit der Abteilungsleiter aus. Es scheint hier wirklich Ziel zu sein, jedes rhetorische Rinnsal direkt mit nackten Füssen zu treten. So wurden, nach ewiger Verzögerung und vielzähligen Vertröstungen, nun endlich die Zusatzzahlungen als Vorkassenentschädigung für Reise und Haushalt geleistet. In bar – da ohne gültiges Visum keine offiziellen Löhne ausbezahlt werden können!

Nur dumm, dass auf dem Weg zum Empfänger ein beachtlicher Teil des Geldes verschwunden ist – aber auch kein Problem, man stopft diese Inkompetenz einfach mal dem Lehrerteam in die Schuhe, auch wenn jeder von denen vor den Augen eines „Kontrolleurs“ seine Gage nochmals abzählen und gegenquittieren musste.

Ach ja – Sie haben richtig gelesen! Alle Lehrer, die hier im Moment angekommen sind, haben nichts weiter als ein Touristenvisum, sind ergo überhaupt nicht berechtigt, auch nur annähernd an „Leistung gegen Lohn“ zu denken. Da einige, mitunter ganze Familien, mittlerweile Wohnsitz sowie ihr gesamtes Hab und Gut in Deutschland aufgegeben haben, sind natürlich viele auch nicht krankenversichert.

Locker und fröhlich wurde ganz stolz berichtet – erst zwei Wochen nach Einreise, warum auch sofort darum kümmern? – dass nun eine Gruppenversicherung vorhanden ist. Dummerweise wurden uns auch gleich mal die AGB der Versicherung zugesteckt. Selbstverständlich eine Reisekrankenversicherung, die Arbeitseinsätze im Ausland natürlich nicht versichert und schon gleich gar nicht, wenn man in Deutschland keinen Wohnsitz mehr hat. Eine denkbefreite Beruhigungsaktion in der Hoffnung, dass keiner der Betroffenen das Kleingedruckte lesen kann. Tatsächlich hat so manch einer sich das nicht durchgelesen, jedoch haben die Lesewilligen unter uns schon dafür gesorgt, dass jeder Bescheid weiß.

Es bleibt die Spannung, was da noch alles aufs Tapet kommt, vor allem da zum jetzigen Standpunkt die Schulen sowie auch die angedachten Wohnungen immer noch wunderbare Baustellen sind, die eine Nutzung im angedachten Sinn absolut verweigern!

Afghanistan

Das Wochenende verging recht flott.

Freitag den ganzen Tag im Poolgelände des Hiltons abgehangen. Ein paar – ja gut, ein paar mehr Bier und sich kräftig die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, dazu noch ein gutes Buch, was sollte man denn noch mehr im Leben benötigen?

Zwischendurch immer der Blick in die Runde der Anwesenden. Hauptsächlich Engländer und, so wie es aussah, auch einige Einheimische.

Als ich mir das dritte Bier an der Bar im Hotelinneren bestellte, erblickte ich die unerwartete, aber dennoch erwartete Überraschung. Saßen da doch tatsächlich zwei in lokaler Tracht gekleidete Araber mit, man kann es gar nicht glauben, jeweils einem Bier und einem „Kurzen“, es sah aus wie Whisky, vor sich.

„Ha – von wegen die saufen nicht!“ ging es mir durch den Kopf. In jedem verdammten Reiseführer über das gottverlassene Land hier steht, dass Alkohol für die einheimischen Muslime eine Riesensünde ist – und dann das hier.

Naja, Gott – oder besser Allah – wird auch ein Einsehen haben mit den armen Knöpfen, wird sich auch denken „Geld und Sand alleine macht auch nicht glücklich“, wird sie auch angerauscht zu sich nehmen, wenn‘s denn dann mal Zeit wird – es sind dann am Ende auch nur Menschen, die Emirati vom 1. Level.

Nachdem ich mir meine vordere Körperhälfte ordentlich sonnenverbrannt habe und so langsam aber sicher das Bier in der Birne merke, mache ich mich auf den Heimweg. Richtig Lust zum Laufen entwickelte sich in mir, also trottete ich mal in Richtung Al Jimi los. Al Jimi, das ist der Stadtteil mit der Al Jimi Mall, in dem der große französische Allroundsupermarkt namens Carrefour auch seine Produkte anbietet. Stadtteile beschreibt man hier nämlich am allerbesten, vor allem wenn man einem Taxifahrer mitteilen möchte, wo man denn gerne hin möchte, mithilfe einer Verkehrsinselbeschreibung oder, und das ist wesentlich erfolgversprechender, mit einer Beschreibung der Einkaufsmeile, welche sich in jenem Teil der Stadt befindet.

Ich schlürfe also langsam und gemächlich los, die 135. Straße hoch. Nach gut einer Stunde, zu sehen gab‘s gar nichts, war ich dann bis auf die Unterhose nassgeschwitzt. Ich beschloss, doch ein Taxi zu nehmen und fuhr mit einem Afghanen in Richtung Resort.

Da ich gerade den „Drachenläufer“ gelesen hatte, empfand ich ein Gefühl von Mitleid, als mir der Taxler berichtete, dass er vor 25 Jahren von Afghanistan in die Emirate kam. Nein, er hat kein Wort über den Krieg und die Nöte in seinem Land gesprochen. Sie werden sich vielleicht erinnern, seit den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts bis heute ist in Afghanistan „Bombenstimmung“. Afghanistan wird auch folgendermaßen beschrieben: „Das Land mit den vielen Söhnen und den wenigen Vätern“ – was der Russe nicht vernichtete, schaffte der Taliban...

Nein, mein afghanischer Freund berichtete nur, dass es in seinem Land sehr, sehr kalt werden würde im Winter, dass er seine Familie zurückgelassen habe und er in zwei Jahren wieder nach Hause gehen wird. Eine Geschichte die mich sehr an meine eigene erinnert, vor allem die Kälte im Winter. Mich zugleich auch wieder an die Frage erinnert: „Was mach‘ ich eigentlich hier und warum bin ich hierher, ausgerechnet hierher, gegangen?“

Eine Antwort wusste ich nicht, aber ich wusste, dass der Kollege auf dem Fahrersitz eine Geschichte hatte, bei welcher meine, und die war für deutsche Verhältnisse sicher auch gar nicht einfach, wie ein Leben im Schlaraffenland war.

Ich komme im Resort an, gehe schnurstracks auf mein Appartement, die Klimaanlage auf die höchste Stufe, dann auf die Couch gefallen und kurz danach muss ich wohl eingeschlafen sein.

Der nächste Tag ist kurz und bündig erklärbar, ich bin irgendwann aufgewacht, habe mir einen 400-seitigen Roman gegriffen und den ganzen Tag, in laufendem Positionswechsel, auf der Couch gelesen.

Al Noor Hospital

Dienstag – nein, Montag.

Ich bringe die Tage immer noch durcheinander. Habe mich noch nicht an die Umstellung gewöhnt, dass hier das Wochenende einen Tag früher beginnt und endet.

Ich wache auf, ein unheimlicher Druck auf meinem Kopf, das Ohr angeschwollen. Eine böse Erinnerung meiner Nachlässigkeit gegenüber der eigenen Gesundheit. Schon seit fünf Monaten drücke ich mich mit einer akuten Ohrenentzündung rum. Gleich nach Beginn der Entzündung war ich in Deutschland bei einem HNO-Arzt – ich kenne die Situation, sechs Jahre Mittelohrentzündungserfahrung, sozusagen profimittelohrentzündungserfahren.

Daher damals auch sofort zum Doc. Der hat mir ganz flott für viele Euro Antibiotika und irgendwelche auf pflanzlicher Basis erstellten Tabletten gegeben. Offensichtlich war die Einnahme der Antibiotika zu kurz eingeplant und die Kräuterpillen haben einfach gar nicht angeschlagen. Naja, in jedem Fall trat nach kurzer Linderung keine weitere Besserung ein und ich war viel zu beschäftigt – ok, zu dumm und zu faul –, gleich nochmal stundenlang in einem Wartezimmer auf eine Folgebehandlung zu warten. Tröstete mich über die Monate, dass in den Emiraten ohnehin alles besser wird, da ist es ja vermutlich warm. Klasse Idee, ich kam hier an und das mit dem feindlich gestimmten Ohr wurde noch viel schlimmer.

Des logischen Denkens fähig, nur eben nicht in der Lage, das zu manchen Zeiten auch zu nutzen, stellte ich schnell fest, Wärme ist genau das, was bei einer Mittelohrentzündung eigentlich gar nicht gut ist. Das Ohr schwillt im Inneren an, die Bakterien sammeln sich und dank der angenehmen Innenohrtemperatur frönen sie lustig und gut gelaunt der Vermehrung.

Da sitz ich also am Bettchen und sinniere, soll ich vielleicht doch in das blöde Krankenhaus. Von Deutschland immer wieder mal schockiert über die opulenten Medikamenten- und Arztkosten und die oft nicht ganz vertrauenswürdigen Herren Doktoren, neige ich von Grund auf dazu, den Arztbesuch bis aufs Äußerste hinaus zu schieben. Aber heute, keine Chance, ich muss, es bleibt mir keine andere Wahl außer die der nicht aufhörenden Schmerzen.

Also gut, ich erkundige mich nach dem Namen des Krankenhauses, wasche und kleide mich, sodass ich nicht das Gesicht verliere, also lange Hose, langes Hemd und steige ins Taxi.

Am sogenannten Al Noor Hospital angekommen, werde ich freundlich in den ersten Stock geschickt. Dort werden meine Personalien mithilfe des Reisepasses aufgenommen und mir ein Platz zum Warten angeboten. Entschuldigt wurde gleich von vornherein, dass der Facharzt nicht vor einer dreiviertel Stunde da sei. Ich nahm es an, was blieb mir übrig, setzte mich in den Gang vor dem Annahmetresen und schaute mir die anderen wartenden Menschen an.

Ich saß und dachte nach, schaute und dachte nach. So viele Gesichter, Syrer, Afghanen, Iraner, Araber, Pakistanis, Philippinos und mitten drin ich, der Deutsche.

Ich kann es nicht erklären, noch nicht mal schreiben, zu welchem Zeitpunkt ich in mir einen Schalter spürte, aber irgendwann saß ich da und sah in den vielen alten Gesichtern das Leiden und die harten Zeiten, die sie in ihrer Jugend mitgemacht haben. Ich sah, ich fühlte, ich meinte zu erkennen, wer mal ein armes Beduinenschwein war.

Ich empfand plötzlich ein tiefes Mitgefühl. Ich meinte tatsächlich zu spüren, wie viel Kraft es gekostet hat, mit dem beladenen Kamel durch die Wüste zu schreiten, sich die Sanddünen hoch und runter zu kämpfen. Ich spürte Hitze, Staub und Hunger. Sah vor mir einen Emirati mit sonnengegerbter Haut, grauem Vollbart und müden Augen. Ich erwischte mich dabei, wie ich ihn förmlich anstarrte, meine Augen nicht mehr von seinen bringen konnte.

Ich hörte eine innere Stimme, die mir erzählte, wie es hier in Al Ain vor dreißig Jahren ausgesehen hat: Keine Häuser, keine Straßen und vor allem keine Einkaufsmalls. Welch hartes Leben die Beduinen hatten, die an dieser Oase vorbeizogen. Wie dankbar sie Allah dem Allmächtigen waren, endlich wieder Wasser für sich und ihre treuen Weggefährten, die Kamele, zu haben.

Ich erlebte in meiner Fantasie ein ganz anderes arabisches Leben, völlig anders als das heutige. Ja wahrhaftig, ich wandere mit dem Herrn gegenüber, der mit den sonnengegerbten Gesicht und dem grauen Vollbart, durch die Wüste. Neben mir die in schwarzen Abbayas gekleideten Frauen mit der Burka vor dem Gesicht, eine Art Kotflügel, der Mund, Nase und Stirn verblendet.

In der Zeit, in der ich im Geiste lande, sind diese Gesichtshüllen bei den einfachen Frauen noch aus Leder, heute werden sie in der einfachsten Form aus Blech gefertigt. Getragen von verheirateten Frauen. In der Gegenwart eher von den älteren Damen. Bei den Jüngeren ist erkenntlich, dass das Verhüllen des Gesichtes auf der Straße zwar noch durchaus eine akzeptierte und traditionell verbundene Pflicht ist, welche im Ursprung zum Schutz vor Krankheit dient, jedoch zieht auch hier die Moderne ein. Mehr und mehr junge Damen entblößen auch auf der Straße das bezaubernde Antlitz eines perfekten und faltenlosen Gesichtes.

Ich sehe die Frauen mit ihren Kindern, erkenne, dass es unheimlich schwer ist, einem Kind die zum gesunden Gedeihen nötige Nahrung zu beschaffen. Babynahrung, wie wir sie schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hatten, gibt es nicht. Noch in den 40er- und 50er-Jahren gab es im Emirat Abu Dhabi keinerlei Milchpulver oder andere moderne Hilfsmittel zur Kinderernährung.

Die Nahrung bestand auch in dieser Zeit noch hauptsächlich aus Reis, Fisch, Joghurt und natürlich Datteln. Der Reis wurde aus Indien über Dubai importiert, Fisch wurde im Golf gefangen und der Joghurt wurde selbst gemacht aus Ziegen- oder Kamelmilch. Selbst frisches Wasser war eine absolute Rarität. Der Großteil der Bevölkerung und im Speziellen die Bewohner der Insel Abu Dhabi tranken Brackwasser aus diversen Brunnen, das natürlich immer mehr oder minder versalzen war und keineswegs hygienisch rein. Erst in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden die ersten Entsalzungsanlagen und somit die Produktion von frischem und sauberem Trinkwasser.

Die Menschen außerhalb der Herrscherfamilien lebten in Barasti-Hütten. Behausungen, die aus den Palmwedeln der Dattelpalmen gebastelt wurden. Was wiederum bedeutete, dass durch Funkenflug der als Kochstellen benötigten offenen Feuerstellen immer mal wieder ganze Dörfer im Nu niederbrannten. Lehmhäuser hatten nur die sozial besser gestellten erfolgreichen Handelsleute oder eben die Regierenden und deren Familien. Aber auch hierin war das Leben nicht wirklich angenehm. Zwar wurden hier hohe Windtürme angebaut, die als funktionaler Anbau zum Abkühlen der Innenräume der Häuser angedacht waren, jedoch bringt ein 45°C warmer Windzug nur bedingt die nötige Erfrischung. So musste das Gros der Einwohner die quälende Hitze in Frühjahr, Sommer und Herbst ohne nennbare Erleichterung ertragen. Ich spüre förmlich die extreme Hitze und höre ein Überschwappen des Schweißes bei jeder auch noch so kleinen Bewegung.

Plötzlich ruft eine Mädchenstimme „Mr. Peters!“. Ich schaue hoch, ich bin wieder auf dem Korridor im Krankenhaus, der Mann mit dem grauen Vollbart ist nicht mehr da, die Dame bittet mich in einen Praxisraum.