Der Pakt - Raphael Ragucci - E-Book

Der Pakt E-Book

Raphael Ragucci

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Beschreibung

"Hab Angst vor dem Niedergang - ich weiß, dass er kommt, irgendwann. Ich weiß, dass alles hier vorbeigeht, ich hoff, ich nehm es hin wie ein Mann." (Brief - Raf Camora) Reichtum. Luxus. Millionen von Fans - doch auf dem Zenit seiner Karriere beendet der immens erfolgreiche Ausnahmekünstler Raphael "RAF Camora" Ragucci am 11.Januar 2019 seine Karriere, und hinterlässt für Fans ein grosses Fragezeichen über seinen Verbleib in der Musiklandschaft. Doch Raf, schon immer ein sehr in sich gekehrter Künstler, muss sich den Dämonen seiner Vergangenheit stellen... Erwachsen, refklekiert und schonungslos ehrlich berichtet er in seiner selbst geschriebenen Autobiographie von der unglaublichen bisherigen Reise seiner Karriere, die ihn aus einfachen Verhältnissen von West-Wien über Berlin nach Barcelona bis hin ins ferne Tokio bringt. Und erstmals vom Pakt mit dem Raben, der ihm zwar viel gegeben, aber auch extrem viel genommen hat.

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Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2021

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RAPHAEL RAF CAMORA RAGUCCI

DΞR PΛKT

INHALT

Kapitel 1: Code Wien

Prolog: Alles nur Worte

Kapitel 2: Der erste Kontakt

Von Castings

Kapitel 3: Erste Schritte

Kapitel 4: Skandal & Das brennende »B«

Kapitel 5: Neue Welt

Kapitel 6: Camps

Von Vampiren

Kapitel 7: Zitu Zitu mezzo mercatu

Kapitel 8: Die Prophezeiung (Der Pakt I)

Kapitel 9: Selbstfindung & -zerstörung

Kapitel 10: RAF 3.0

Kapitel 11: Indipendenza

Kapitel 12: Die Windmühle

Kapitel 13: Echo

Kapitel 14: Frust

Kapitel 15: Der Rabe (Der Pakt II)

Kapitel 16: Ruhe vor dem Sturm

Kapitel 17: Neue Freundschaft

Kapitel 18: Palmen aus Plastik

Social Media

Kapitel 19: Nie ohne mein Team

Drogen & Trends

Kapitel 20: Eine Treppe in Barcelona

Kapitel 21: Mörder

Kapitel 22: Ecstasy

Kapitel 23: Pass nicht ins Bild

Kapitel 24: Team Platin

Kapitel 25: Wieder solo

Kapitel 26: Tribute

Kapitel 27: Big in Balkan

Kapitel 28: Wir sind wieder da!

Kapitel 29: Kokain

Kapitel 30: Fast Life

Von Konzerten

Kapitel 31: Limit

Kapitel 32: Schwarze Materie

Kapitel 33: Die dunkle Seite der Macht

Kapitel 34: Zenit

Kapitel 35: Stillstand ist der Tod

Kapitel 36: X.II.2020

Kapitel 37: Dunkelheit

Kapitel 38: Dark Zen

Epilog (Der Pakt III)

KAPITEL 1:

CΩDE WIΞN

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22.8.2019.

19.32 Uhr. Ich sitze auf meinem Bett im 17. Stock des Wiener Sofitel, lehne am schwarz gepolsterten Kopfteil und blicke durch die verglaste Panoramafront über die Stadt. Ich beobachte, wie die Abendsonne langsam ihren roten Teppich über Wien ausbreitet, als wüsste sie darüber Bescheid, was heute passieren wird. Um 21.30 Uhr werde ich das Erscheinungsdatum meines letzten Albums verkünden. In 44 mal 25 Metern Größe wird es auf die Vorderseite des Sofitel projiziert werden. Ich habe diese „Zenit“-Kick-off-Aktion Monate zuvor geplant. Um einen Polizeieinsatz zu verhindern, verriet ich den Ort des Geschehens nur Schritt für Schritt. In Tagesabständen gab ich auf Instagram immer mehr Hinweise. Ein roter Kreis symbolisierte den Ort der Aktion. Er schrumpfte jeden Tag. Erst heute Morgen erfuhren die Fans die tatsächliche Location. Ich bin angespannt. Wird das der Coup meines Lebens oder eine groß angekündigte Blamage?

Ziel der Aktion ist, dass meine Stadt es über das Internet mit der ganzen Welt teilen kann. Wien ist meine Heimat – besser gesagt Fünfhaus, ganz West-Wien. Graue Straßen ohne Bäume, Balkan-Lokale, Wettbüros und die Musik von Šaban Šaulić. Die Zeiten, in denen alles anders war, sitzen mir im Nacken. Die Zeiten, als uns alle Labels ablehnten. Die Zeiten, in denen wir Auftritte in allen Clubs der Stadt spielten – und die Leute uns nach fünf Minuten das Gefühl gaben, dass sie keinen Bock auf uns haben. Wir wurden belächelt. Wir waren so lange die Clowns in ihren Augen.

Heute ist Vendetta.

Ich wurde gestern mit 39 Grad Fieber krank vor Nervosität. Am Telefon sagte mir mein Manager Ronny: „Du bist einer der erfolgreichsten Künstler auf dem deutschen Markt und hast über 7,5 Millionen Platten verkauft. Benimm dich dementsprechend!“ Diesen Satz lasse ich mir wieder und wieder durch den Kopf gehen, in der Hoffnung, den Kampf gegen mich selbst heute zu gewinnen.

Ich versuche die negativen Gedanken und Visionen zu verdrängen. Ein riesiger abgesperrter Platz, aber keiner kommt? Millionen Menschen im Internet, die sich über die ganze Aktion lustig machen. Der größte Flop in der Geschichte des Rap. Woher diese Bilder? Vorhersehung oder unbegründete Paranoia?

20.00 Uhr. Die Dämmerung legt sich über die Stadt. Mir kommt es vor, als wäre die Luft aus Blei. Die Wände scheinen auf mich zuzukommen. Mein Zimmer erdrückt mich. 1710 – hier wohne ich immer, wenn ich in der Stadt bin. Unten scheinen die Lichter der Brücke mit dem Fortschreiten der Dämmerung stärker zu leuchten. Bald geht es los. Heute ist der wichtigste Tag meines Lebens, mein Zenit. Mein Höhepunkt, mein Niedergang – doch zugleich auch meine Erlösung. Erlösung ist das Einzige, woran ich seit dem Erfolg der Alben „Palmen aus Plastik“ und „Anthrazit“ denken kann. Ich will diesem Spiel entkommen, das mich beinahe meinen Verstand gekostet hat.

Wie Ronny mir nach der Diamant-Auszeichnung (die man für eine Million verkaufte Tonträger bekommt) von „Nie ohne mein Team“ bereits sagte: „Ab jetzt geht es bergab. Zwar nur in kleinen Schritten, aber es geht bergab.“ Besser konnten wir einfach nicht werden – davon war er damals überzeugt, denn es war der logische Lauf der Zeit.

2016 waren wir für den größten Hype verantwortlich, den Deutschrap je gesehen hat. Wir brachten ihn von den Wohnzimmern und Parks in die Clubs und Stadien. Man kann sich nicht vorstellen, was bei diesem Prozess in einem passiert. Nach zehn Jahren harter und durch die ständigen Ups and Downs fast zur Depression treibender Arbeit. Es ist wie eine Überdosis an MDMA.

Ausverkaufte Hallen, Awards, Auszeichnungen, Partys – all das beende ich an meinem Höhepunkt. Ich verlasse das Flugzeug per Fallschirm.

„Hab Angst vor dem Niedergang– ich weiß, dass er kommt, irgendwann.Ich weiß, dass alles hier vorbeigeht,ich hoff, ich nehm es hin wie ein Mann.“

(Brief – RAF Camora)

20.18 Uhr. Nun wird es ernst. Die Aktion beginnt. Ich beobachte die ersten Fans, die in die Innenstadt strömen. Es scheint zu funktionieren. Die Brücke vor dem Sofitel füllt sich. Ich beobachte meine Jungs Bonez, Gallo Nero und Pireli auf ihrem schwarzen Militär-Schlauchboot, darüber weht eine Raben-Fahne. Sie feuern mit einer Kanone Shirts in die gierige Menge. Jedes Mal, wenn das Boot am Ufer des Kanals auftaucht, bricht Beifall aus. Er wird von Minute zu Minute lauter. Immer mehr Menschen kommen. Inzwischen klingt es, als wäre der gesamte 1. Bezirk ein Fußballstadion, und wir sind die Spieler des Heimatvereins.

Mein Kopf zerplatzt fast beim Gedanken daran, dass diese Menschen wegen mir kommen. Ich erinnere mich an meine Kindheit. Ich hatte nie Geburtstag gefeiert. Zu groß wäre die Demütigung gewesen, wenn niemand gekommen wäre. 20 Jahre später bin ich erwachsen, doch die Gedanken bleiben dieselben. Meine gesamte Ekipa, die im Nebenzimmer Vodka trinkt und sich das Spektakel von oben ansieht, ist genauso fassungslos wie ich. Doch sie genießen es. Immer wieder rufen sie mir zu: „Bruder, du hast Wien gefickt. Bruder, wir haben Wien gefickt.“

Der Himmel leuchtet inzwischen nicht mehr rot, sondern blau. Die Polizei hat den größtmöglichen Einsatzcode ausgerufen – Code Wien. Dieser Code wird nur bei äußersten Notfällen ausgerufen. Er bedeutet, dass alle zur Verfügung stehenden Einheiten zur Verstärkung angefordert werden. Die Polizei und die Stadtverwaltung hatten uns unterschätzt, als sie uns die Zusage für die Aktion gegeben haben. Unten auf der Brücke gibt es die ersten Rangeleien wegen des Merchandising.

20.46 Uhr. Ich werde von meinem Manager Ronny abgeholt. Er führt mich in die Lobby. Von dort aus geht es durch einen Hintereingang in einen schwarz gebrandeten Brandwagen. In weniger als 45 Minuten wird die Projektion starten, und jeder wird es wissen: Mein letztes Album erscheint am 01.11.2019.

Auch auf dem schwarzen Brandwagen prangt groß mein Rabe. Wir wollen starten, kommen aber kaum voran. Denn die Fans haben längst die komplette Innenstadt übernommen. Ich mache vom Auto aus ein paar Instagram-Storys, bis mein Wagen von allen Seiten belagert wird. Es sind Bilder, die man in Wien nie zuvor gesehen hat. Überall Chaos, Kids, die über die Straße laufen und den Verkehr komplett lahmlegen. Dazwischen, in ihren SUVs, Wiener Schnösel auf dem Heimweg, die ihren kleinen Schweineaugen nicht trauen. Verkehrsregeln zählen heute nicht mehr. Unsere Gesetze. Wir haben die Stadt übernommen. Es ist wie eine Demonstration, aber keiner ist wütend oder unzufrieden. Ich habe Wien endlich auf die Landkarte des Deutsch-Rap gebracht.

Und jeder will ein Teil davon sein!

21.17 Uhr. Wir fahren mit 2 km/h aus der Gefahrenzone zum Ufer des Donaukanals, und ich steige auf das Boot von Bonez, Gallo und Pireli – zum großen Finale um 21.30 Uhr.

Ronny wird von Sekunde zu Sekunde nervöser. Die Stadt quillt über. An den Ufern des Donaukanals wird die Lage gefährlich. Eine unüberlegte Bewegung eines euphorischen Fans kann die ganze Aktion gefährden. Die Folgen sind nicht auszumalen. Sollte jemand vom Kai ins Wasser stürzen und ertrinken, würde ich mir das niemals verzeihen können.

21.28 Uhr. In wenigen Minuten startet die Show. Als wir unter der Brücke vor dem Sofitel ankommen, beginnt es: Rabengeschrei schallt aus 30 Lautsprechern über die Innenstadt. Der Beat von „Zenit“ setzt ein. Handys werden gezückt.

21.30 Uhr. „1.11.“ erscheint über die gesamte Fläche des Sofitel. Überall Jubel, Ekstase. Und ich in der Mitte auf diesem schwarzen Schiff. Diesen Moment zu beschreiben ist fast unmöglich, aber ich fühle mich, als würde die gesamte Stadt mir ihre Liebe zeigen. Es fühlt sich surreal an. Die roten Lichter der Schwedenplatz-Brücke beleuchten die Massen, die mir zujubeln.

Wir fahren auf Anweisung von Ronny weiter flussabwärts, um die innere Zone zu verlassen, denn die Lage eskaliert komplett. Unsere Jungs warten mit einer Autokolonne an der Anlegestation des Bootes. Alles geht so verdammt schnell, wie im Film.

Ich springe in einen Audi meiner Brüder, und wir rasen mit all unseren Autos auf den Kahlenberg. Von dort oben kann man komplett Wien überblicken. Ich kann es nicht fassen. Es war der größte Moment meines Lebens. Ein Triumph – Genugtuung und Stolz erfüllen den Platz in meinem Herzen, der heute so lange voll war mit Nervosität und Angst vor dem Scheitern. Als hätte sich all meine Wut entladen, die ich mein Leben lang gegen einen Teil dieser Stadt in mir hatte. Nicht ich alleine habe das geschafft. Wir von den Außenbezirken haben das Stadtzentrum übernommen und ein Zeichen gesetzt.

Heute war Vendetta.

ΛLLES NUR WORTΞ

15.03.2020

Mein Name ist Raphael Ragucci. Und das hier ist mein Buch. Ich schreibe jede Zeile selbst.

Ich bin Musiker und kann mich nicht mehr erinnern, wie viele Songs ich in den letzten zwölf Jahren tatsächlich geschrieben, gesungen oder produziert habe. Es müssten weit über 1.000 sein. Offiziell sind es 20 Studioalben und sechs EPs, die insgesamt über 7,5 Millionen Mal verkauft wurden. Ich habe über 1.000 Shows gespielt, 53 Videos gedreht, war in über 50 verschiedenen Ländern und habe bestimmt 100-mal meine Handynummer gewechselt. Ich weiß nicht, wieviel Zeit mir in diesen letzten zwölf Jahren wirklich geblieben ist, um zu realisieren, was da eigentlich in meinem Leben und in mir passiert ist. Es kommt mir vor wie eine Wolke voller Eindrücke, Geschichten und Gesichter, an deren Konturen ich mich nicht mehr erinnern kann.

Im Laufe meiner Geschichte habe ich so einigen Tribut bezahlen müssen, aber einer macht mir besonders zu schaffen: Ich kann nicht mehr schlafen. Das ist der Grund, weshalb ich heute Nacht im 15. Bezirk in Wien auf meine Tastatur eintippe, anstatt im Studio Musik zu produzieren. Ich habe so viel in den vergangenen Jahren erlebt, dass es mich nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Nur die wenigsten verstehen dieses Gefühl. Ein Sänger einer Metal-Band, weit über 50, mit einer Stimme wie aus Blech, fragte mich auf einem Festival, ob es die Flashbacks sind, die mich umtreiben. Er hatte recht: Es sind Bilder und Momente, die nicht real wirken, obwohl ich sie erlebt habe. Ich war zwar da, aber meine Seele war ganz woanders. Eskalationen auf Autogrammstunden mit Tausenden von Selfies. Auf jedem Bild, das ich von mir auf Instagram sehe, erkenne ich eine gewisse Leere in meinen Augen.

Versteht mich nicht falsch – Erfolg ist schön: die finanzielle Sicherheit, die Möglichkeiten, der Reichtum, die Frauen, die Macht, das Ansehen. Doch die verrostete Kehrseite der Medaille erkennt man erst in der Stille.

Ich habe in meinem Leben bisher kein Buch geschrieben und – wenn ich ehrlich bin – auch nicht sehr viele gelesen. Ich bin mir aber der Macht des Wortes bewusst, denn das Wort kann verletzen, inspirieren oder zerstören. Die Millionen Menschen, die mich kennen, verdanke ich meiner Musik. Aber meine Songs wären nichts ohne einen Text. Während sich meine Texte in den letzten Jahren dem Beat unterordnen mussten, ist es für mich nun an der Zeit, dieses Blatt zu wenden. Hier dominiert der Text. Denn sowohl die Verletzungen als auch der materielle Reichtum sind real. Von beiden habe ich einiges angehäuft. Der Ursprung von allem Erreichten waren letztendlich nur Worte.

Ein Song würde nicht reichen, um all das zu erzählen, was mir auf der Seele liegt – auch kein weiteres Album. Also beginne ich in dieser weiteren schlaflosen Nacht, an meinem Buch zu schreiben. Es soll mehr werden als eine einseitige Biografie, geschrieben von einem Ghostwriter. Es soll ein tiefer Einblick sein in eine Welt, von der ich als Jugendlicher geträumt habe, und es soll erklären, warum ich all das beendet habe.

Ich bin mit 22 Jahren nach Berlin gekommen, alleine, und habe mir alles, was ich habe, Stein für Stein aufgebaut. Als mich der Flixbus zum ersten Mal in Berlin ausgespuckt hatte, wohnte ich in einer Abstellkammer in Friedrichshain. Es fühlt sich heute rückwirkend betrachtet für mich an wie ein Zaubertrick: Ein dreckiges Keyboard und ein alter Computer verwandelten sich in zehn Jahren in das größte Rap-Studio Berlins. Ein kleines Büro in einer Hinterkammer wurde zur erfolgreichsten Managementfirma Deutschlands im urbanen Musikbereich. Das alles entstand aus dem Nichts.

Heute habe ich mir meine Wünsche erfüllt. Dennoch balanciere ich auf einem seidenen Faden zwischen Gut und Böse über dem Abgrund. Erfolg verändert den Charakter. Jeder Künstler, der etwas anderes behauptet, ist entweder nicht in der Lage, selbst zu reflektieren, oder noch nicht erfolgreich genug. Es ist logisch, wahrscheinlich auch menschlich: Denn alles um dich herum verändert sich. Fame bringt den anständigsten Musterschüler dazu, sein Hotelzimmer zu zertrümmern. Fame zieht selbst die anständigste Ehefrau in den Tourbus und lässt sie Dinge tun, an die ihr Ehemann nicht einmal in seinen kühnsten Albträumen denken würde. Auch mich hat diese Welt verändert.

Ich hatte nie ein Problem damit, hart zu arbeiten. Ich liebe die Arbeit. Die Arbeit hat mich stark gemacht und motiviert. Was mir die Seele verbrannt hat, ist die Aufmerksamkeit. Es laugt mich aus, wenn ich angestarrt werde in Restaurants, Clubs und Geschäften. Die Art der Menschen, mich anzusehen, zu interpretieren, zu kommentieren, hat einen Teil meiner Seele abgestumpft. Ich wollte auf keinem Podest stehen, aber habe verstanden, dass der Erfolg es von mir verlangt.

Der Erfolgsdruck und die Erwartung der anderen hatten mich zermürbt. Ich schöpfe meine Kraft aus Ruhe und analytischer Vorbereitung. Das Bild der Ruhe vor dem Sturm. Irgendwann begann der Sturm auch durch die Zeiten der Ruhe zu wehen ... Mein Körper und mein Geist konnten keine Kraft mehr schöpfen. Wie ein Boxer wollte ich den nächsten Kampf auslassen, um einer sicheren Niederlage zu entrinnen. RAF Camora musste gehen.

Doch um zu verstehen, wie es so weit kam, muss ich meine Geschichte von vorne erzählen.

Kapitel 2:

DER ERSTE KONTAKT

2004. Kaserne Zwölfaxing in Niederösterreich. Panzerbataillon 33. Der Rekrut Raphael Ragucci steht vor seinem Spind, der voller Statuen von Padre Pio ist, und schwört, nichts Schlechtes mehr in seinem Leben zu tun. In den Jahren zuvor hatte er mit Freunden Müllsäcke mit geklauten Handys gefüllt, war eingebrochen und hatte geraubt. Damit sollte jetzt Schluss sein.

Wie jeder andere Österreicher meiner Generation wurde ich zu neun Monaten Bundesheer eingezogen. Das Militär war für mich belastend, weil es mir meine Freiheit nahm und an Bilder meiner Kindheit erinnerte.

Die Kaserne war in zwei Lager aufgeteilt. Im einen waren die „echten“ Österreicher, im anderen die mit Migrationshintergrund, in der Mitte stand ich, mit italienischem Namen, den niemand einer der beiden Gruppen zuordnen konnte. Letztendlich packten sie mich in ein Zimmer mit zwei rumänischen Serben und einem Türken. Welcher Hurensohn aus dem Stab auf unsere Tür „Mauthausen“ geschrieben hatte, weiß ich leider nicht. Eine Einteilung, die keine 16 Jahre her ist – Mauthausen war während des Zweiten Weltkriegs das größte Konzentrationslager in Österreich.

Zum Start bekamen wir gebrauchte Militärkleidung, alte Stahlhelme und noch ältere Kommandanten. Auch wenn ich es kurzzeitig probiert habe, konnte ich mich dort nicht wirklich anpassen. Ich selbst hatte bislang niemals jemandem außerhalb meiner Familie gehorcht. Kein Mann, der nicht mein Vater oder mein Großvater war, sollte mir Befehle geben.

Wenn ich abends in unseren Sechserzimmern auf dem quietschenden Feldbett lag, teleportierte ich mich in Gedanken in meine Heimat, zurück nach Montreux, zum Wasser, zum alten Schloss und zu den Raben.

Dort hatte ich von klein auf meinem Großvater in den Weinbergen geholfen, den Schlosskomplex einer sehr reichen, aber komplett degenerierten französischen Familie zu warten. Mein Großvater konnte nicht lesen und schreiben und nur gebrochen Französisch sprechen. Aber ein französisches Wort verwendete er besonders oft. Denn auch auf Neapolitanisch gab es kein besseres Wort als „débrouillard“. Für ihn gab es nur einen Unterschied zwischen den Menschen. Der lag nicht in der Hautfarbe oder Nationalität, sondern zwischen „débrouillards“ und eben nicht „débrouillards“. Diese Eigenschaft war der Grundpfeiler seines Wesens.

Er war ein Meister darin, für jedes Problem seine eigene Lösung zu finden. Wenn es im Winter zu kalt war, stopfte er sich Zeitungspapier in seine Hosen und hielt so die Kälte ab. Oft schickte er mich abends nach Ladenschluss mit einer Tüte zum Bäcker im Ort, um das Brot zu holen, das sonst auf dem Müll landen würde. So hatten wir ständig kostenloses, fast frisches Gebäck.

Diese kleinen Dinge machten ihn zufrieden und waren ihm wichtig. Ein Mensch definierte sich für ihn nicht nach seinem Schulabschluss, sondern nach dem, was er leisten konnte. Er selbst schuftete von Sonnenauf- bis -untergang, ohne dafür lobende Worte zu erwarten oder sich zu beschweren. Das nannte er „capable“.

Das bedeutet „fähig“. Er fragte mich nie, wie es in der Schule geht oder welche Noten ich schrieb, sondern wollte sehen, was ich mit meinen Händen und meinem Kopf konnte und ob sich damit Geld verdienen ließ.

Mein Großvater sah aus wie Inspektor Columbo. Nicht besonders groß, aufrechter Gang, und er trug auch bei seiner schweren Arbeit ein von der Sonne ausgeblichenes Hemd. Er rauchte Pfeifentabak in Zigarettenpapier – weil er billiger als der normale war. Er war mit seiner Frau und seinen zwölf Geschwistern in den 60er-Jahren aus Süditalien in die Schweiz emigriert, um ein besseres Leben zu finden. Er fand es auf Chateau du Chatelard, 50 km neben der Stadt Vevey, in der ich geboren wurde. Das Schloss lag zwischen Weinbergen auf einem Hügel in Montreux, und man konnte von dort über den Genfer See bis nach Frankreich sehen.

Es war allerdings ziemlich heruntergekommen. Die alten Steinmauern waren nicht wirklich abgedichtet. Im Winter zog der Wind durch das Gemäuer. Mein Großvater und die anderen Weinarbeiter kamen jeden Tag dorthin, um in den Reben zu arbeiten. Meine Mutter pflegte in der Region alte Menschen. Mein Vater begann gerade sein Studium und verdiente sich in Vevey als Kellner in einem Restaurant namens „La Brasserie“ sein Geld und arbeitete dazu noch auf dem Bau. Manchmal bewohnten wir auf dem Schloss ein Zimmer, das mit einem Holzofen geheizt werden musste, ansonsten wohnten wir im Nachbardorf. Meine Großeltern, meine Mutter, mein Vater, meine Tanten und Cousinen und ich waren in diesem Dorf zuhause.

Wir lebten in der Schweiz, doch in diesem Teil ist die Welt französisch. Französisches Essen, französisches Fernsehen und französische Amtssprache. Allerdings organisierte unsere Familie im Alltag vieles noch genauso wie in Süditalien. Wir hatten unsere eigene Gemeinschaft mit vielen anderen Familien aus unserer Gegend, die es auch an die Riviera verschlagen hatte. Einige meiner Freunde aus dem Dorf kamen ab und zu zum Spielen zu den alten Gemäuern. Wenn ich alleine war, beobachtete ich die Raben. Schon als ich ein Kleinkind war, imitierte ich ihr Krähen.

„Nachtruhe!“ Der Schrei des Offiziers riss mich aus meinen Gedanken.

Der Militärdienst war nach neun Monaten vorbei. Ich war 19 Jahre alt und verließ die Kaserne Zwölfaxing mit dem gefestigten Ziel, als Musiker professionell Karriere zu machen. Denn das war das, was ich wirklich konnte. Ich hatte mit vier Jahren Geige gelernt, die beste Freundin meiner Mutter war Geigenlehrerin, mit sechs Jahren Klavier. Erst bei der Schwester meines Vaters, dann an der Musikschule im 16. Bezirk, und mit zwölf Jahren brachte ich mir selbst das Gitarrespielen bei.

Wenn ich für etwas „capable“ war, dann für die Musik. Als Jugendlicher spielte ich in den 90er-Jahren in zahlreichen Grunge- und Metal-Bands, kam aber 1998 zum Rap. Und von da an gab es für mich nur noch das eine. Die Musik wurde zur ersten und intimsten Liebe meines Lebens, und nichts sollte jemals diese Liebe vom Thron stoßen.

Schon vor der Zeit beim Bundesheer hatte ich mit meiner Gruppe „Family Bizz & Balkan Express“ ein Album released und es 1.000-mal pressen lassen. Es war zum ersten Mal Musik gewesen, die ich auch anderen Menschen zeigen konnte. Die CDs waren für meine Freunde gedacht – für ein bisschen Straßen-Fame.

Meine Crew bestand vor allem aus Balkanern, ein paar Afrikanern sowie ein paar Mischlingen, wie Joshi und ich es waren. Gleich nach dem Militärdienst am STG 77 wohnte ich mit vier anderen Jungs in einem Plattenbau im 16. Bezirk. Es war das erste Mal, dass ich außerhalb von Fünfhaus eine Wohnung bezogen hatte. Es waren wilde Zeiten.

Joshi und ich teilten uns die ausziehbare Couch. Drei andere schliefen auf einem Doppelbett. Die meiste Zeit machten wir Sinnloses: Gras rauchen, Ecstasy verkaufen und stadtbekannte Schlampen in unsere Bruchbude locken. Ohne Social Media war das mit den Mädchen nicht so leicht wie heute. Wir mussten überzeugend sein.

Die restliche Zeit saßen wir in unserem Studio und versuchten uns an unserer Musik. Ein kunstinteressierter Junge aus gutem Haus hatte unserem DJ und Produzenten Mezuian seinen Keller zur Verfügung gestellt. Das klingt so, als wären wir faul gewesen, aber das waren wir nicht. Auch wenn wir jeden Tag kifften, produzierten wir einen Song nach dem anderen.

Freunde meinten, dass es wirklich gut ist, sogar auf amerikanischem Niveau. Aber nicht einmal die kleinen Underground-Labels hatten Lust, uns rauszubringen. Die Zeit in unserem gemeinsamen Plattenbau war zudem auch schnell vorbei. Kein Wunder: Wer keine Miete zahlt, hat auch kein Zuhause. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, fällt mir auf, wie oft ich umgezogen bin. Manchmal räumte ich die Kartons gar nicht erst aus.

Mit etwas Glück schaffte ich es dann aber, eine eigene Wohnung anzumieten, und zwar am Reumannplatz. Die schimmlige Duschkabine stand in der Küche, die keine richtige Küche war, sondern nur ein Herd, der in den schmalen Flur gebaut war. Ich konnte putzen, wie ich wollte, es stank immer nach Kanal. Ich schlief in einem kleinen Wohnzimmer, daneben hatte ich in einer Kammer mein Studio eingerichtet. Im dritten Zimmer wohnte ein Junge namens Karim, der immer neue Cousins aus Tunesien zu Besuch hatte. Der Reumannplatz ist das Zentrum des 10. Bezirks, ein „Ausländerbezirk“ und seit Jahrzehnten Wahlkampfthema der Rechten. Ein Ort, an dem man viele Gründe findet, die dort lebenden Österreicher gegen alle anderen aufzustacheln. „Ghettoisierung“ brüllten schwitzende FPÖ Politiker mit Gelfrisur in ihre Mikrofone. „Daham statt Islam“ stand auf ihren Plakaten. „Wien darf nicht Istanbul werden.“ Das ganze Programm der rechtsradikalen und ausländerfeindlichen FPÖ wurde hier abgefeuert.

Wir waren aber nicht oft dort. Lieber auf der Mariahilfer Straße zum Beispiel. Nach Frauen schauen, Joints rauchen. Eines Tages fiel einem von uns ein rotes Schild mit großen weißen Buchstaben darauf auf.

EMI – die Wiener Dependance des internationalen Major Musiklabels, deren Büro befand sich dort zwischen Starbucks- und H&M-Filialen. Wir hatten immer unsere CDs in der Tasche, also alles, was wir brauchten, um die Leute da drinnen zu überzeugen. Einer von uns sagte: „Lass da rein jetzt.“ Gesagt, getan. Die kühle, verglaste Halle wirkte wie der Empfang einer Krankenkasse. Nur ein lebensgroßer Pappaufsteller von Robbie Williams ließ erahnen, dass es da drinnen um Musik geht. Als der Letzte von uns durch die Drehtüre kam und ich gerade bei der Dame hinter dem Tresen vorsprechen wollte, standen auch schon zwei Securitys vor uns. Einer der beiden aufgequollenen Fettsäcke wollte uns des Gebäudes verweisen. Allerdings hatten wir alle unsere Erfahrungen mit Türstehern und ließen uns nicht abwimmeln. Es wurde sehr schnell sehr laut in der Empfangshalle.

Da öffnete sich eine Tür, und Michaela Jallo, die Chef-A&R von EMI, beruhigte die Situation und erkundigte sich freundlich, weshalb wir eigentlich da waren. Drei kurze Sätze und zehn Sekunden später schlug sie die Tür hinter sich wieder zu. Mit einem kleinen Unterschied: Sie hatte unsere CDs in der Hand. So begann die Geschichte meines ersten Major Deals.

Irgendwie verrückt, dass es damals so geklappt hat – wir waren fünf Jungs verschiedener Hautfarben, die auf fünf verschiedene Sprachen Blödsinn rappten, den wir nicht einmal selbst verstanden. Aber es klang nach Rap, und da in Österreich auch damals schon Integration ein beliebtes politisches Thema war, hielten uns Michaela und der Produzent Georg Luksch, ein sympathisches Urgestein der österreichischen Musikindustrie, ein paar Wochen später tatsächlich einen Vertrag unter die Nase. EMI. Major. Jeder von uns fühlte sich mindestens wie 50 Cent. Wir waren die Könige. Wenn ich jetzt darauf zurückblicke, war der Deal natürlich ein Witz: keinen Cent Vorschuss, keinen Cent für die Lizenzen. Dafür zugesicherte Auftritte in Einkaufszentren und bei Modeschauen. In diesen Tagen entwickelte ich erste Aversionen gegen diese Welt, in der ich nicht sein wollte. Champagner trinkende Musikverwalter – schmierig wie Immobilienmakler –, die Musik nicht lieben, dafür aber umso mehr das Geld. Dann ging es auf die Suche nach dem nächsten schnellen, leicht konsumierbaren Hype.

Ich konnte mich an diese Welt nicht anpassen – auch nicht an die österreichischen Medien: peinliche Moderatoren und Redakteure, die peinliche Fragen stellten – immer auf der Suche nach einer Story, die sie nicht einmal interessierte. Die Leute von der Industrie zerrten uns auf Veranstaltungen von Schnöseln und Schlipsträgern, die unsere Musik nicht feierten und mit verschränkten Armen warteten, bis wir wieder weg waren. Wir waren der Pausen-Act auf Modeschauen, und sie behandelten uns noch schlechter als die Models. Als wir vorne auf dem Laufsteg standen und performten, wollte uns keiner sehen. Die fünf Leute im Publikum kamen nur auf die Modenschauen, um nach den Models zu geiern.

Der Major Deal hielt nicht allzu lange. Ich kann jetzt nicht schreiben, dass sie uns grundlos fallen gelassen haben. Daran hatten wir auch eine Mitschuld. Die drei Tage, bevor wir die EP bei EMI abliefern sollten, verbrachten wir auf Ecstasy, anstatt Songs zu produzieren. Zweiter Grund war die österreichische Gesellschaft. Sogar in der Plattenfirma hatten sie erkannt, dass das komplette Land auf Rap scheißt. Egal, wie salontauglich und aalglatt wir die Musik bügelten, Österreich liebt Austropop und Konservenmusik aus den USA.

VON CASTINGS

Ich hatte einen guten Freund im Bezirk, sein Name war Marko. Er war in meiner Schule und kam aus derselben Gegend, Rudolfsheim-Fünfhaus. Dieser Junge war der talentierteste Sänger, den ich jemals kannte, und nebenbei konnte er auch noch tanzen und brachte sich selbst das Klavierspielen bei. Er war ein Junge von der Straße. Ein Junge vom Park. Für Jungs wie ihn gibt es nicht viele Möglichkeiten im Leben, aber eine davon ist die Musik.

Als in Österreich mit Starmania die Antwort zu DSDS gelauncht wurde, wollte sich Marko bewerben. Er hatte gefühlt jeden Tag dasselbe Outfit an, eine Gel-Frisur, Zahnspange und sprach so, wie man in unserem Bezirk so sprach. Ich borgte ihm fürs Casting meine Lederjacke mit dem riesigen Brandloch, aber sie war besser als seine Trainingsjacke, die er jeden Tag trug.

Natürlich kam Marko in die nächste Runde, und natürlich schaffte er es in die Sendung. Wir alle freuten uns für ihn, auch wenn ich Starmania wie alle Talente-Shows richtig peinlich fand. Aber für Marko war es ein Schritt nach vorne.

Die Leute vom Sender schnappten sich Marko und verpassten ihm eine passende Frisur, kleideten ihn ein und ließen ihn ein österreichisches Lied singen, um auch die ausländerfeindliche Masse in Österreich von ihm zu überzeugen.

Marko war so talentiert, dass er es immer weiter schaffte und mit jeder Ausstrahlung bekannter wurde. Nicht so bekannt, wie wir Rapper es in unserer Szene waren, sondern richtig bekannt. Er war in jeder Zeitung.

Irgendwann war es dann so, dass wir mit ihm nicht mal mehr in die U-Bahn steigen konnten, ohne dass sich alle nach ihm umdrehten und ihn erkannten. Denn jeder, der zur Hauptsendezeit ORF guckte, sah Starmania. Und damals gab es weder YouTube noch Netflix. Also schaute sich das ganze Land diese Sendung an. Marko, der Junge vom Park, war ein Superstar geworden.

Und obwohl er sich Mühe gab, sich nicht zu verändern, veränderte er sich um 360 Grad. Ich erkannte ihn in dieser Phase seines Lebens kaum wieder. Er war gefressen worden von der Hype-Blase, und zwar mit Haut und Haaren. Seine Sprache veränderte sich. Er war zu jedem, den er traf, freundlich, aber auch oberflächlich zugleich. Und die kurzen Einblicke in seine neue Welt schienen surreal. Marko hatte es geschafft. Er war jetzt da oben, neben Michael Jackson und all den anderen, dachten wir damals zumindest. Und das dachte er wahrscheinlich auch.

Aber wenig später, nach dem Ende der Staffel, passierte mit Marko das, was mit all diesen „Künstlern“ passiert, die sich auf dieses Spiel einlassen – der komplette Absturz.

Niemand kann sich das Gefühl vorstellen, wie es ist, innerhalb weniger Wochen von einem Straßenjungen zu einem Superstar zu mutieren. Man will, aber kann es sich nicht vorstellen.

Nun schwebte Marko in dieser Blase, 500 Meter über der Erde. Er sah die Welt von oben und fühlte sich wie auf Ecstasy, nur kam er nicht runter.

Er schwebte und konnte sein Glück nicht fassen, benebelt von der Situation. Marko verlor die Sicht für alle seine Probleme. Besser gesagt, es gab sie nicht mehr.

Dieser Casting-Hype ist wie ein Katapult in die Stratosphäre. Ab einer Höhe von 1.000 Metern kommt Höhenangst. Wo ist unten und wo ist oben? Die Orientierung geht verloren. Man atmet die Höhenluft und ist wieder high.

Ab 2.000 Metern bewegt man sich im luftleeren Raum. In dieser Höhe hat man nur noch einen einzigen klaren Gedanken: Lass es nie mehr aufhören. Und dann ist da noch ein anderer: die Angst davor, dass die Blase platzen könnte und der Sturz folgt.

Der Sturz bedeutet, dass innerhalb weniger Monate das Interesse für die eigene Person verloren geht. Schlimmer noch, dass aus den beeindruckten Blicken dieser belustigte „Guck mal, das war doch der, der damals im Fernsehen war“-Blick wird.