Der Perser - Kassra Zargaran - E-Book + Hörbuch

Der Perser E-Book und Hörbuch

Kassra Zargaran

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Beschreibung

Als »der Perser« war Kassra Zargaran, Mitglied der berüchtigten »Hells Angels Berlin City«, weit über die Grenzen des Rockermilieus hinaus bekannt. Genauso wie sein Charter, das unter Kadir Padir seit 2010 die Unterwelt der Hauptstadt aufmischte: machthungrig, aggressiv, gewalttätig. Januar 2014 – mehrere Männer stürmen in ein Wettbüro in Reinickendorf. Es fallen acht Schüsse. Das Opfer steht den verfeindeten Bandidos nah und ist sofort tot. Zargaran drückte nicht den Abzug, doch er war dabei. Die Tat löst etwas in ihm aus. Als er verhaftet wird, packt er aus und gibt vor Gericht sein Wissen über die kriminellen Machenschaften seiner Brüder preis. Nach Jahren im Knast erzählt er nun seine Geschichte: Sie handelt von der Straße, von Prostitution, Drogenhandel, korrupten Cops, zwielichtigen Anwälten und mächtigen Clans. Und von der glaubhaften Läuterung eines Mannes, der sich bis zuletzt treu geblieben ist.

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Seitenzahl: 275

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Zeit:6 Std. 55 min

Veröffentlichungsjahr: 2022

Sprecher:K.Dieter Klebsch

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KASSRA ZARGARAN

DER PERSER

KASSRA ZARGARAN

DER PERSER

Wie ich ein Hells Angel wurde, als Kronzeuge vor Gericht auspackte und im Zeugenschutz landete

Unter Mitarbeit von Nils Frenzel

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de/ abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

Wichtiger Hinweis

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

Originalausgabe

6. Auflage 2025

© 2022 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89 80799 München

Tel.: 089 651285-0

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer

Umschlagabbildung: © Nils Schwarz

Satz: abavo GmbH, Buchloe

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-7423-1985-2

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1723-7

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Inhalt

Intro

Frühe Jugend und Iran

Das Rotlicht und der Jugendknast

Kiel und die »Legion 81«

Kadir Padir und der Ruf in die Hauptstadt

Es wird ernst – Umzug nach Berlin

Vom Hangaround zum Prospekt

Das Charterverbot und die Neustrukturierung

Endlich Member

Der innere Kreis. Und eine Entscheidung

Nach der Tat

Festgenommen

§ 46b Abs. 3 StGB – der Perser wird Kronzeuge

Freundliche Richter und fiese V-Männer

Falsche Zeugen und Telefonmitschnitte

Wann endet der Albtraum?

Das Urteil

Family first

Über die Autoren

Intro

Einer meiner Brüder parkte den braunen CL 500 mit dem Frankfurter Kennzeichen in einer Seitenstraße in Berlin-Reinickendorf.[1] Direkt vor dem Wettbüro zu halten kam nicht infrage. Wir stiegen aus dem Wagen und gingen eilig, aber nicht auffallend hastig über die leere Residenzstraße. Ich zog meine Jacke enger und sah mich um. Es war der 10. Januar 2014, kurz vor 23 Uhr, und ich fror in der nach Smog stinkenden Berliner Winternacht.

Als wir vor dem Laden ankamen, standen dort schon die anderen Jungs. Wir nickten uns kurz zu und warteten auf ein paar Nachzügler. Die Stimmung war angespannt. Ich atmete tief durch.

Die Ansage von Kadir war klar gewesen: »Fahrt mal rüber ins Café Expect und schaut, ob Tahir da ist.« Gemeint war für mich: Zeigt Präsenz. Macht dem Jungen eine Ansage. Dieses »Ansage machen«, das war wichtig. Schließlich waren wir nicht irgendein x-beliebiger Rockerclub. Wir waren Hells Angels. Und nicht irgendwelche Hells Angels, keine alten Rockertypen mit grauen Bärten, die sich mit Willi und Harri am Sonntag auf eine Motorradtour verabredeten, sondern das Charter »Hells Angels MC Berlin City«. Das Hells-Angels-Charter, mit dem man es sich nicht verscherzen sollte.

Wir waren viele Kanacken. Stabile Typen, die zuschlagen konnten und vor nichts zurückschreckten. Member unseres Charters kontrollierten Teile der Berliner Unterwelt. Wir waren berüchtigt und gefürchtet. Die Stadt und auch die Staatsgewalt kannten uns. Und der Junge, dem wir jetzt im Expect einen Besuch abstatten sollten, war in der Vergangenheit um keine Provokation verlegen gewesen. Da waren nicht nur die Messerstecherei im Traffic vom Oktober letzten Jahres, sondern auch die neuesten Anfeindungen und Bemerkungen von Tahir gegenüber Kadir und unserem Charter. Mitten in unserem Kiez. Und heute war es endgültig genug.

* * *

Die Tür des Wettbüros öffnete sich und der erste meiner Brüder ging hinein. Ich zog mir instinktiv die Kapuze meines Pullis über den Kopf und folgte meinem Vordermann ins Café Expect.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren solche Aktionen in meinem Leben ziemlich normal gewesen. Das war Alltag für mich. Der Club und vor allem die Außenwirkung des Clubs waren mir wichtig. Wobei »wichtig« vielleicht untertrieben ist. In dieser Phase meines Lebens war der Club alles für mich. Der Club bestimmte mein Leben. Er war mein Leben. Und nicht nur mein eigenes Leben, sondern auch das meiner Familie. Für den Club und das Charter, für das ich in einer eiskalten Januarnacht gerade mit einem guten Dutzend schwerer Jungs dieses türkische Wettbüro stürmte, war ich vor etwas über zwei Jahren von Hamburg nach Berlin gezogen und hatte meine Frau und meine kleine Tochter mitgenommen. Auch wenn ich in den letzten Monaten an dem Club zweifelte, weil ich jetzt ein Member war, also ein vollwertiges Mitglied, und viel mehr verstand, worum es eigentlich ging, deutlicher spürte, dass ich mich in eine Illusion, einen Irrglauben verrannt hatte, war ich jetzt bei dieser Aktion dabei.

Ich betrat das Expect etwa an siebter oder achter Stelle. Rechts im Innenraum befanden sich ein kleiner Tresen und ein Getränkeautomat. Links daneben stand ein blinkender Spielautomat, vor dem ein alter Mann saß und spielte, aber genau wie alle anderen, die hier im Raum anwesend waren, erstarrte er nun und rührte sich nicht. Er sah uns einfach nur mit offenem Mund an. Auch der dickliche Kerl, der mit einer Zigarette im Mund hinter dem Tresen stand, sah uns dabei zu, wie wir entschlossen durch den Vorderraum gingen. Allen, die hier waren, musste klar sein, dass wir keine normalen Gäste waren, die einen entspannten Abend verbringen und Karten spielen würden. Wir hatten etwas zu erledigen.

* * *

Ich lief durch den verrauchten Raum und nahm die Geräusche des blinkenden Glücksspielautomaten links neben mir wahr, während ich auf den Rücken meines Vordermanns blickte.

Das Expect war so ein typisches türkisches Café, bei dem die Grenze zwischen Illegalität und Kriminalität fließend verlief. Man konnte hier zwar einen Çay trinken, aber ganz ehrlich, das machten die Wenigsten. Wir wollten in den Hinterraum, denn da sollte der Junge sitzen. Ich lief den schmalen Gang des Cafés entlang, blickte weiter auf den Rücken meines Vordermanns und befand mich kurz vor der Schwelle zum Hinterzimmer, als ich ein lautes Geräusch hörte.

BOOM.

Das war ein Schuss.

Boom.

Ein zweiter Schuss.

Gefolgt von sechs weiteren Schüssen. Abgefeuert in schneller Abfolge.

Boom. Boom. Boom. Boom. Boom. Boom.

Mein Vordermann blieb stehen und ich spürte, wie mein Herz mit einem Mal schneller schlug. Im Raum brach Panik aus. Und eine unverständliche Geräuschkulisse setzte ein. Die Jungs, die vor mir gelaufen waren, drehten sich um und kamen mir mit weit aufgerissenen Augen entgegen. Auch ich drehte mich um und lief durch den Flur zurück in den Eingangsbereich. Ich hörte Schreie. Fenster klirrten, ich vernahm ein Geräusch, das nach einem umgeworfenen Tisch klang, Stimmen riefen durcheinander in einem Mix aus Türkisch, Arabisch und Deutsch. Irgendjemand schrie: »Scheiße, verdammt!«, und ein anderer: »Yallah, weg von hier!« Ein chaotisches Durcheinander, ich rannte zurück zum Eingang des Cafés. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der alte Mann vor dem Spielautomaten gerade dabei war aufzustehen, aber einer der Jungs, der vor mir rannte, schlug ihn zurück.

»Alle raus hier!«, schrie jemand, und das ließ ich mir nicht zweimal sagen.

Adrenalin schoss mir durch den Körper, meine Hände zitterten. Ich musste sofort weg von hier. Am besten nach Hause. Das war eine riesengroße Scheiße alles.

* * *

Ich stand auf der Straße und rannte los. Links um das Wettbüro und dann in Richtung meiner Wohnung. Ich hatte keine Ahnung, was genau passiert war und wer auf wen geschossen hatte. Aber als ich loslief, wusste ich eines ganz sicher: dass wir jetzt alle gefickt waren.

Vom Wettbüro bis zu meiner Wohnung waren es nur fünf Minuten Fußweg, das sollte ich schaffen, bevor die Bullen aufkreuzten. Aber als ich um die Ecke bog, hörte ich das Geräusch von quietschenden Reifen direkt neben mir. Ich schaute nach links und sah den braunen Mercedes, mit dem ich hergekommen war. Aus dem offenen Seitenfenster hörte ich eine Stimme. Es war einer meiner Brüder.

»Alter, Perser, steig ein!«

Ich blieb stehen.

»Nein!«, antwortete ich. »Kein Bock auf die Scheiße, ich lauf nach Hause.«

»Mann, bist du blöd, steig ein, Perser!«, sagte er und riss die hintere Tür auf.

Ich blickte mich um und stieg ein.

»Was ist passiert, Mann?«, fragte ich und bemerkte ein leichtes Zittern in meiner Stimme.

»Keine Ahnung, Mann!«

Die Augen meines Gegenübers waren so weit aufgerissen, dass ich unnatürlich viel Weißes darin sah.

Der Fahrer trat aufs Gas.

»Wir müssen hier schnell weg!«

Die Stimmung im Auto war aufgewühlt. Uns allen ging mächtig die Pumpe, niemand wusste, was überhaupt passiert war. Wieso die vielen Schüsse? War jemand verletzt? Was war Sache?

Nur der Beifahrer sprach kein Wort. Wie sich später herausstellen würde, hatte er als Einziger im Wagen gewusst, dass Tahir Özbek an diesem Abend sterben sollte.

Der Fahrer lenkte das Auto ins Märkische Viertel. Hinter uns fuhr noch ein anderes Auto mit Jungs, die bei der Aktion dabei gewesen waren. Nach kurzer Zeit parkten wir auf einem von außen schwer einsehbaren, schlecht ausgeleuchteten Parkplatz und stiegen aus. Alle redeten hektisch durcheinander: »Wer hat geschossen?« – »Was ist passiert?« – »Alter, ist einer von euch verletzt?«

So richtig kamen wir nicht weiter und so löste sich unsere Gruppe bald auf. Der Fahrer wollte den Wagen wegbringen und sich umziehen. Wir anderen wollten ins Sahara, um uns dort mit Kadir zu treffen. Jeweils zu zweit nahmen wir uns ein Taxi. Ich blickte aus dem Fenster, sah, wie im Dunkel der Nacht die Umrisse der Gebäude an mir vorbeizogen, und versuchte an gar nichts zu denken. Vor allem versuchte ich mir nicht vorzustellen, was jetzt noch alles passieren würde.

* * *

Nach kurzer Fahrzeit erreichten wir das Café Sahara in Berlin-Wedding. Als wir zu zweit darauf zugingen, waren bereits die Beamten des Landeskriminalamts vor Ort. Sie führten eine offene Observierung durch. Ein Zivilpolizist, gut möglich, dass es Frankie war, lehnte betont lässig an einem blauen VW T5 und beobachtete entspannt, wie wir die Tür zum Café öffneten. »Tach zusammen«, sagte er und grinste, aber wir reagierten nicht. Für diese Scheiße hatte keiner von uns einen Nerv.

Die offenen Observationen des Rockerdezernates, dem sogenannten »RD«, kannten wir zur Genüge. Es war für uns normal geworden, dass immer wieder Zivilpolizisten und Beamte des LKA eben dort auftauchten, wo wir waren. Bei manchen Beamten allerdings war nicht ganz klar, auf welcher Seite sie eigentlich standen. Einige von ihnen, wie Koslow, den wir einfach nur »den Russen« nannten, waren so begeistert von den »Rockern«, dass sie sich wohl nichts sehnlicher wünschten, als ein Teil von uns zu werden. Der Russe genoss es regelrecht, in unserer Nähe zu sein.

Früher waren die Bullen oft an unserem mittlerweile geschlossenen Clubhaus anzutreffen gewesen, jetzt hingen sie eben hier rum, an unserem neuen Treffpunkt. Regelmäßig erstellten sie Foto- und Videomaterial von uns oder protokollierten, wer wann in den Club ging oder ihn verließ. Außerdem schrieben sie sich unsere Autokennzeichen auf – eben eine offene Observierung, wie sie in letzter Zeit, seitdem die Aktionen unseres Charters zahlreicher wurden, immer öfter durchgeführt wurde.

Als wir das Sahara betraten, waren schon einige Leute von uns da. Hangarounds, Prospekte, Member sowie einige Führungsköpfe des inneren Zirkels. Sie alle waren hier. Die Stimmung war aufgeheizt, alle waren verwirrt und aufgebracht – offen über die Aktion sprach aber natürlich niemand.

Ich ließ mich in einen Stuhl fallen und versuchte erst einmal alles sacken zu lassen. Ich atmete tief ein und nahm mir eine Hayat-Wasserflasche aus dem Kühlschrank. Dann zückte ich mein Handy und las den Liveticker der B.Z. Bei solchen Vorfällen war die Presse immer sehr schnell. Ich aktualisierte und las.

+++Schießerei im Wettbüro in Reinickendorf+++

Und weiter.

+++Opfer schwer verletzt+++

Ich nahm einen Schluck Wasser, aktualisierte nach einigen Minuten.

+++Das Opfer, ein türkischer Junge namens Tahir Ö., ist tot+++

Mir stockte der Atem.

Scheiße. Der Junge war tot.

* * *

Wenige Sekunden nach der Meldung kam ein LKA-Beamter ins Sahara gestürmt. Er ging geradewegs zu Yücel, der an der Bar lehnte. Yücel war damals unser Sergeant at Arms und für die Bewaffnung und Verteidigung unseres Charters zuständig. In der Hells-Angels-Hierarchie stand er damit an dritter Stelle, gefolgt vom Präsidenten, damals Kadir Padir, und dem Vizepräsidenten, der eine lange Zeit ein Typ namens Hamza gewesen war. Zum Zeitpunkt der Aktion war er allerdings beim Chef in Ungnade gefallen und hatte im Frühling 2013 gehen müssen. Ein Fakt, der bereits viel über den Zustand unseres Charters aussagte.

Ich saß direkt neben Yücel, der betont lässig auf einen großen Flatscreen schaute, auf dem irgendein Fußballspiel lief. Er schien sich nicht für das zu interessieren, was der Beamte ihm zu sagen hatte.

»Hör zu, es gab eine tödliche Schussabgabe. Wir machen jetzt eine Gefährderansprache.«

Das tat die Polizei öfter. Sowohl früher in unserem großen Clubhaus in der Residenzstraße als auch jetzt im Sahara. Sie informierte alle Anwesenden, dass seitens der Polizei eine Gefährdungslage festgestellt worden war, die von unserer Gruppe ausging. Im Klartext hieß das: Wir haben euch im Auge.

Spätestens ab diesem Moment war für mich klar: Die Polizei weiß genau Bescheid. Wir saßen tief in der Scheiße.

Nachdem der LKA-Beamte gegangen war, sah ich, wie Yücel von der Bar aufstand und um die Ecke ging. Dort, unter dem dämmrigen Licht einer einfachen Lampe, lehnte Kadir an der Wand. Wie so oft steckten sie die Köpfe zusammen und besprachen das weitere Vorgehen.

Die anderen Jungs im Sahara sprachen nicht. Zumindest nicht über das, was geschehen war. Verkrampft versuchte man sich über irgendetwas zu unterhalten. Über Frauen, den letzten Besuch der Dänen oder den obligatorischen Ausflug ins Artemis. Hauptsache man sprach nicht über das, was gerade passiert war. Über Straftaten wurde sowieso geschwiegen, erst recht in einem offenen, unberechenbaren Raum, mit LKA-Beamten vor der Tür und einer eben vollzogenen Gefährderansprache.

Es war mittlerweile weit nach Mitternacht und ich war unfähig, klar zu denken. Ich starrte weiter wie paralysiert auf mein Handy, schaute immer wieder auf den sich ständig aktualisierenden Liveticker, sah die ersten Bilder vom Tatort und dachte mir: Scheiße. Der Junge ist tot. Jetzt sind wir alle wegen Mordes dran. Wir sind am Arsch. Ich bin am Arsch …

Dann, urplötzlich, stellte sich Kadir mitten in das Café und erhob die Stimme: »So, Jungs.« Er legte beide Hände auf seinen Bauch und schaute in die Runde.

Es wurde ganz still im Raum, alle sahen ihn an. Wollte er jetzt die Situation einordnen? Einen Plan vorstellen?

Kadir unterbrach die Ruhe, indem er ganz einfach fragte: »Wer hat Bock, was zu essen? Lasst mal alle was essen gehen, Jungs, ich hab Bock auf Burger!«

* * *

Wenige Minuten später fuhren wir mit einem guten Dutzend Jungs aus unserem Charter zu Burger King an der nahe gelegenen Schönhauser Allee. Ich wollte in diesem Augenblick viel lieber für mich sein, aber das ging jetzt nicht. Alle bestellten sich etwas zu essen, ich selbst bekam keinen Bissen runter. Apathisch schaute ich auf mein Handy und auf den Liveticker und versuchte zu verstehen, was gerade passiert war.

Kadir tat so, als wäre gar nichts passiert. Wir saßen im ersten Obergeschoss, er lehnte sich am Tischende zurück, das T-Shirt unseres Clubs mit der Aufschrift »Hells Angels Berlin City« spannte sich über seinem voluminösen Bauch. Ein paar Jungs verdrückten einen Burger nach dem anderen.

Mir verging der Appetit jetzt endgültig.

* * *

Nach kurzer Zeit fuhren wir zurück ins Sahara und dann relativ zügig weiter zu einer Shisha-Bar, die einem Member gehörte. Vor dem Sahara war einfach zu viel los. In der Bar angekommen sagte Kadir, alle Member, also alle, die keine Hangarounds oder Prospekte waren, sollten ihre Handys am Eingang liegen lassen und mit ihm nach hinten in den Innenhof der Bar kommen. Ich schloss mich ungefähr einem halben Dutzend Jungs an. Im Innenhof bildeten wir einen Halbkreis und Kadir erhob wieder das Wort.

»Passt mal auf, Jungs.« Er räusperte sich kurz und schaute in die Runde, versuchte jeden einzeln zu fixieren, um seinen Worten noch mehr Nachdruck zu verleihen. »Das ist jetzt das erste und das letzte Mal, dass ich über die Sache sprechen werde. Es ist, wie es ist. Akzeptiert das. Alle, die mit im Expect waren, schreiben jetzt ihren eigenen Namen und den ihrer Anwälte auf einen Zettel und geben diesen Zettel dann Tommek.«

Tommek war damals unser Treasurer. Bei den Hells Angels ist der Treasure so etwas wie eine Art Verwalter für alle Büroangelegenheiten des Clubs. Tommek war Gründungsmitglied unseres Charters und ein langjähriger Vertrauter von Kadir Padir. Vom Typ her war Tommek eher ruhig und introvertiert und deshalb wahrscheinlich auch der Richtige für diesen Job.

»Und wenn irgendetwas sein oder etwas passieren sollte …«, Kadir blickte uns an, »… dann ist mein Anwalt der Kopf eurer Anwälte und sagt denen, was zu tun ist. Alles klar?«

Dieses »Alles klar?« war natürlich nur rhetorisch gemeint. Kadir wollte nicht wirklich eine zweite Meinung hören.

Wir gingen zurück in die Shisha-Bar. Es war noch dunkel, aber in wenigen Stunden würde die Sonne aufgehen. Dann würde ein neuer Tag anbrechen. Der erste Tag nach dem Mord. Der erste Tag einer neuen Wirklichkeit. Nichts würde mehr sein wie zuvor.

Unsere Versammlung löste sich langsam auf. Ein junger türkischer Prospekt fuhr mich nach Hause. Einer von denen, der auch jetzt noch motiviert war und gar nicht wusste, worauf er sich eingelassen hatte. Er drehte das Radio laut auf, als wir losfuhren. Auf irgendeinem Berliner Radiosender lief Techno-Musik. Der Prospekt nickte zum Beat mit. Unsere Fahrt führte uns am Expect vorbei und bereits von weitem konnte ich aus dem Auto erkennen, dass der vordere Bereich rund um das Café mit weiß-rotem Flatterband abgesperrt war. Mehrere Streifenwagen standen auf der Straße. Das Blaulicht blendete mich. Als wir vorbeifuhren, wagte ich nur einen kurzen Blick aus dem Seitenfenster.

* * *

Es war fast sechs Uhr morgens, als ich meine Wohnungstür aufschloss. Ich schüttelte mich kurz im Hausflur. Mir war klar, dass das LKA bald kommen würde. Ich war erledigt. Wir alle waren erledigt. Ich hatte gedanklich zwar schon vor Monaten mit dem Club abgeschlossen und wollte dieses Leben längst hinter mir lassen, aber jetzt war es endgültig vorbei. Die massive Zunahme der Gewalt und der Willkür in den letzten Monaten. Und das war nun dabei herausgekommen: dass ich mich nach Hause fahren ließ in einer Nacht, in der es ein Todesopfer gegeben hatte. Von einem jungen Typen, einem Neuen, einem Prospekt, der glaubte, das alles hier sei so wahnsinnig erstrebenswert. So wie ich das früher auch gedacht hatte. Aber diese Idee einer loyalen Gemeinschaft, die gab es schon lange nicht mehr. Hatte es nie gegeben. Der Club und die nach außen propagierte Bruderschaft, das war nichts weiter als eine Illusion. Eine dumme Idee. Von Idioten für Idioten. Nichts davon war echt. Es war eine Scheinwelt, der ich mich vollkommen verschrieben hatte.

Und jetzt war ein Junge tot. Für nichts.

Ich musste meine Familie schützen. Wenigstens jetzt. Ich wollte nicht, dass in den nächsten Tagen oder Wochen ein Sondereinsatzkommando bei mir die Tür eintrat und mein Kind das miterleben musste. Ich atmete noch einmal tief durch, ging durch den Hausflur in unsere Wohnung und weckte im Schlafzimmer Lisa und meine Tochter.

»Ihr müsst gehen«, sagte ich mit ruhiger Stimme und gab Lisa etwas Bargeld. »Fahrt zu meinen Eltern. Jetzt sofort.«

Lisa stellte keine Fragen, sie kannte den Tonfall, den ich anschlug.

Nachdem die beiden unsere Wohnung verlassen hatten, stand ich in der Küche und schaute aus dem Fenster. Im Licht der aufgehenden Sonne sah ich, wie der Wagen um die Ecke bog. Ich blickte ihnen noch einige Minuten hinterher.

Von der Küche aus ging ich ins Schlafzimmer und setzte mich auf die Bettkante. Ich starrte an die weiße Wand vor mir. Jetzt war ich allein in dieser Wohnung. Mitten in Berlin. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das LKA uns schnappte. Es war der Anfang vom Ende. Oder war es vielleicht der Anfang eines Neubeginns?

Ich schloss die Augen und ließ mich aufs Bett zurückfallen. Ich schlief ein, bevor mein Rücken die Matratze berührte. Kurz überkam mich noch ein letzter Gedanke: Wie konnte es so weit kommen?

Frühe Jugend und Iran

Dass es kein Klischee ist, dass Psychologen zu Anfang eines Gutachtens erst einmal über die Kindheit und die frühe Jugend sprechen wollen, erfuhr ich während meines eigenen Prozesses einige Jahre später.

»So, Herr Zargaran«, hatte der Mann mit der braunen Hornbrille gesagt und mir dabei quer über den metallenen Tisch tief in die Augen gesehen. Wir saßen in einem abgedimmten Verhörzimmer in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Moabit, einige Wochen nach der Verhaftung. »Beschreiben Sie mir bitte Ihre früheste Kindheit. Beispielsweise Ihre Zeit in der Grundschule. Woran erinnern Sie sich da? Was waren schöne oder auch schlimme Erlebnisse? Hatten Sie damals ein unbeschwertes, ein glückliches Leben? Was würden Sie sagen, Herr Zargaran?«

Ich glaube, dass Psychologen an dieser Stelle gern irgendwelche Horrorstorys hören wollen, um ihre eigenen Thesen bestätigt zu sehen. Nämlich, dass ein schlechtes Elternhaus automatisch zu einer Karriere im Verbrechermilieu führt – und umgekehrt. Und dass eine Neigung zur Kriminalität viel unwahrscheinlicher ist, wenn man aus gut situierten bürgerlichen Verhältnissen kommt. Ich habe keine Ahnung, ob an diesen Thesen etwas dran ist, aber ich weiß, dass die Sparte »Kindheit und Jugend« bei uns im Club immer ziemlich egal war. Hier zählte keine Vergangenheit, die nichts mit dem Club oder ähnlichen Strukturen zu tun hatte. Was zählte, war die Gegenwart. Es zählte, ob man bereit war, sich für die Brüder geradezumachen und sich an einem Freitagabend vor eine gezogene Waffe zu stellen. Es war egal, aus welchen Verhältnissen man kam und wer man früher gewesen war. Sobald man ein Hells Angel wurde, gehörte man zur Gemeinschaft. Jedenfalls dachte ich das eine ganze Zeit lang. Aber sei’s drum. Denn auch wenn die Gespräche mit dem Kriminalpsychologen ebenso wie die Geschehnisse im Café Expect und der anschließende Prozess sowie meine gesamte Vergangenheit bei dem gefährlichsten Charter der Hells Angels schon eine ganze Weile zurückliegen, ist es für die Vollständigkeit meiner Geschichte tatsächlich eine gute Idee, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen.

* * *

Geboren bin ich Anfang Dezember 1986 in Norderstedt, einer Kleinstadt nördlich von Hamburg. Ich komme aus einer klassischen Arbeiterfamilie. Mein Vater stammt ursprünglich aus dem Iran und arbeitete viele Jahre in Hamburg als Optiker, meine Mutter hat chilenische Wurzeln und war Erzieherin. Neben ihrem Vollzeitjob in einem Kindergarten arbeitete sie noch in anderen Jobs, zum Beispiel als Putzkraft, einfach damit wir nicht auf Sparflamme leben mussten und uns mal eine Jacke mehr leisten konnten. Als Optiker verdiente mein Vater nicht unbedingt schlecht, aber auch nicht gerade gut. Meine Kindheit verlief zunächst völlig normal, was ich dem Psychologen mit der braunen Hornbrille in diesem abgedimmten Verhörzimmer viele Jahre später auch erzählte. Zunächst wechselte ich nach der vierten Klasse aufs Gymnasium und war anfangs ein richtiger Musterschüler. Aber nach kurzer Zeit fingen die Probleme an. Das hatte nicht unbedingt etwas mit meiner schulischen Leistung zu tun, aber es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren und am Unterricht teilzunehmen.

Außerdem nervte mich das Elitäre, das Gutbürgerliche am Gymnasium. Als Kind von Eltern, die nicht biodeutsch waren und jeden Cent zweimal umdrehen mussten, hatte ich das Gefühl, nicht dazuzugehören. Ich war der einzige Junge an der Schule, der nicht im SUV vorgefahren wurde und beim Aussteigen noch einen gesunden Apfel in die Hand gedrückt bekam. Ich war ein Kanacke und bekam das auch deutlich zu spüren.

Nach kurzer Zeit wechselte ich auf die Realschule. Dieser Abstieg aus der obersten Bildungselite enttäuschte meine Eltern. Aber da sie beide viel beschäftigt und kaum zu Hause waren, gab es kein großes Gespräch darüber, was bei mir wohl »falsch« lief. Es gab keine tiefenpsychologische Aufarbeitung. Es hatte halt nicht geklappt mit der Schule und das war es dann. Zwar war mein Vater immer ein fürsorglicher und verantwortungsvoller Mensch, aber er machte eben sein eigenes Ding und kümmerte sich nicht allzu sehr darum, wie ich mich entwickelte. Auch die Realschule war nichts für mich. Ich störte den Unterricht und entwickelte eine »Juckt mich nicht«-Haltung, sodass es für mich schnell auf die Hauptschule ging.

Hier sah ich das erste Mal fast ausschließlich Jungs, die genau wie ich einen migrantischen Hintergrund hatten. Zu ihnen hatte ich eine viel natürlichere Verbindung als zu den biodeutschen Apfelkindern auf dem Gymnasium. Hier bei den Kanacken-Kids fühlte ich mich schnell wohl, irgendwie passte die Verständigung auf allen Ebenen. Wir hatten von zu Hause aus nicht die coolsten Markenklamotten oder die neuesten Designerschuhe, verspürten infolge des fehlenden Wohlstands aber einen natürlichen Anreiz, etwas an unserer Situation zu ändern. Mit meiner neuen Clique hing ich damals viel in einem Jugendhaus namens »Bunker« rum, mitten in Norderstedt. Dort spielten wir Billard, fuhren, wenn wir Geld übrig hatten, zu McDonalds und versuchten den Tag in der tristen norddeutschen Einöde irgendwie rumzukriegen. Mit zu meiner damaligen Clique gehörte auch ein Junge namens Hassan, der bei uns in der Straße wohnte.

* * *

Mit Hassan fing ich das erste Mal an so richtig Scheiße zu bauen. Zusammen mit ihm und den anderen fuhr ich regelmäßig nach Hamburg und sammelte meine ersten Strafanzeigen. Was wir so anstellten? Na ja, wir zogen andere Jugendliche ab. Das war einfach. Mit Hassan und zwei oder drei anderen Jungs stellte ich mich abends vor die Spielplätze oder Jugendzentren, wartete auf ein einzelnes Opfer und sagte dann: »Taschenkontrolle.« Die Tasche unseres Opfers wurde »kontrolliert« und wenn Geld darin war, nahmen wir es uns. Als die ersten Anzeigen reinkamen, waren meine Eltern mächtig sauer, aber richtige Konsequenzen blieben aus.

Als ich nach einem Wochenende in Hamburg mit meiner Clique montagmorgens in die Schule ging, staunten wir nicht schlecht – das Schulgelände wurde umgebaut. Unser Unterricht fand ab jetzt in einem Container statt. Der Umbau des Schulgebäudes sollte auf »unbestimmte Zeit« stattfinden, und um ganz ehrlich zu sein, war das auch das Bild, das die Lehrkräfte und die Schulverwaltung uns vermittelten. Bis auf »unbestimmte Zeit« wurden wir in einem Container verwahrt. Wir waren Müll.

Ich war 14 Jahre alt und hatte viel Wut in mir. Der Container war ein frustrierender kalter Ort. Ausgleich für meine Wut fand ich im Sport. Ich spielte schon immer Fußball, aber eines Tages, als ich gerade im »Bunker« lag und irgendein Comic las, kam Hassan auf mich zu und sprach mich an:

»Yo, Kassra. Du bist doch stabil drauf, ne?«

Ich legte den Comic aus den Händen und zuckte mit den Schultern.

Klar war ich stabil drauf, was immer er damit meinte.

»Schau mal, die Sache ist die, ich bin seit ein paar Wochen im Boxclub. Der ist nicht weit von hier. Und irgendwie mangelt es mir an ebenbürtigen Gegnern.« Er grinste. »Meint zumindest der Trainer. Hast du nicht mal Lust mitzukommen? Bisschen kämpfen und so?«

Ich hatte Lust. Und das Training fixte mich schnell an. Als ich das erste Mal mit Hassan im Boxclub war und hart gegen den schwarzen Boxsack schlug, war ich Feuer und Flamme von der Energie und Kraft, die aus meinen Fäusten kam. Nach wenigen Schlägen war ich außer Atem, meine Finger taten mir weh, der Schweiß tropfte mir von der Stirn. Ich tippelte ein wenig auf der Matte und schlug wieder gegen den Boxsack. Mann, war das geil!

Antonio, unser Trainer, der in Wahrheit natürlich niemals behauptet hatte, dass es Hassan an Gegnern fehlte, forderte mich und die anderen richtig hart. Zirkeltraining, Seilspringen, das ganze Programm. Antonio hatte Spaß daran, uns leiden zu sehen. Parallel dazu fing ich an, Gewichte zu stemmen und Krafttraining zu betreiben, um Muskelmasse aufzubauen. Der Sport half mir, meine aufgestaute Energie loszuwerden. Außerdem hatte das Training noch einen anderen Effekt. Ich wurde stärker und kräftiger und bemerkte, wie mir aus meinem Umfeld mehr Respekt entgegengebracht wurde. Kassra, so hieß es schnell auf den Straßen unserer kleinen Siedlung, war jemand, der gut zuschlagen konnte. Jemand mit Power. Dieses Bild gefiel mir besser als das von Kassra aus der beschissenen Container-Klasse. Deutlich besser.

Allerdings erledigte sich die Sache mit dem Unterricht im Container plötzlich von selbst. Als meine Klasse im Matheunterricht gegen Ende des Schuljahres irgendwelche Funktionsgleichungen durchnehmen musste und mein Lehrer mich aufforderte, nach vorn zu gehen, schüttelte ich den Kopf und sagte: »Sorry, aber ich habe keine Ahnung, wie das geht. Fragen Sie bitte jemand anderes.«

»Kassra!«, sagte mein Lehrer. »Ich habe aber dich gefragt. Geh jetzt nach vorn und rechne es vor.«

Ich blieb sitzen und wiederholte mich: »Wie gesagt, ich habe keine Ahnung. Bitte fragen Sie doch wen anderes.«

Der Bastard von Lehrer schüttelte energisch den Kopf. »Nein. Ich habe dich gefragt.« Er schritt in einer ausladenden Bewegung durch den Raum. »Oder kannst du es uns nicht vorrechnen? Ist dir das vielleicht zu schwer?«

Er versuchte seine Machtposition mir gegenüber auszuspielen und sich über mich lustig zu machen, aber ich hatte keine Lust auf solche Spielchen. Ich atmete schwer aus.

»Ganz ehrlich?«, sagte ich und spürte Wut in mir aufsteigen. »Ich habe jetzt schon zweimal gesagt, dass ich keine Ahnung habe. Nehmen Sie einfach wen anderes ran und gut ist.« Ich spürte, wie meine Hand sich zur Faust ballte, und als er weiter grinste, setzte ich nach: »Sonst fick ich dich!«

Die Miene meines Lehrers verzog sich. »Was hast du gesagt? Halt dein dummes Maul, Junge!«

Und da reichte es mir. Ich nahm das Geodreieck, das vor mir lag, stand auf und warf es meinem Lehrer an den Kopf. Das spitze Ding blieb unter seinem rechten Auge stecken. Dickflüssiges Blut trat aus der Wunde und tropfte auf den Klassenzimmerboden, der Lehrer schrie und die Klasse johlte und applaudierte. Hassan, der eine Reihe vor mir saß, drehte sich um und streckte breit grinsend seinen Daumen hoch. Wortlos schulterte ich meine Tasche und verließ den Container. Ich hatte nicht vor wiederzukommen.

* * *

Die Aktion mit dem Geodreieck brachte mir mächtig Ärger ein und war der negative Höhepunkt meiner noch kurzen Schulkarriere. Für die Lehrer war ich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr tragbar. Auch meine Eltern waren von der Aktion alles andere als begeistert und zogen erstmalig Konsequenzen aus meinem Handeln. Mein Vater hatte das Gefühl, es läge vielleicht auch an meiner Norderstedter Clique, dass es bei mir bergab ging, und beschloss, mich ein halbes Jahr in den Iran zu Verwandten zu schicken.

Und so fand ich mich einige Wochen später mit gerade fünfzehn Jahren in einem Flugzeug in Richtung Teheran wieder. Der Flug dauerte über sieben Stunden. Ich war noch nie geflogen und blickte hinunter auf eine helle, dichte Wolkendecke, während neben mir mein Vater saß, sich in dem breiten Lufthansa-Sessel zurücklehnte und Zeitung las, als wäre das hier die normalste Situation der Welt. Für ihn war es eben eine ganz pragmatische Erziehungsmaßnahme. Die Sache war klar: Sein Sohn hatte ein beschissenes Umfeld. Ein Umfeld, das es 5500 Kilometer südlich von Hamburg so nicht geben würde. Zumindest damit sollte er recht behalten.

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Im Iran erwartete mich ein Kulturschock. Die Luft war staubig, Verkehrsvorschriften gab es scheinbar nicht, überall fuhren Autos, Fahrräder und Motorräder. Die Stadt war laut, war hitzig und stickig, es herrschte überall Chaos. Teheran hatte definitiv nichts mit norddeutscher Gelassenheit zu tun. Mein Vater und ich besuchten eine »Schwester« von ihm, wobei ich den genauen Verwandtschaftsgrad bis heute nicht genau nachvollziehen kann. Jedenfalls wohnten nebenan noch weitere Geschwister, dann noch andere Tanten und weitere Cousinen und Cousins. Ich kannte diese Menschen, die offenbar meine Verwandten waren, überhaupt nicht und hatte sie in meinem Leben vielleicht nur einmal als Kleinkind gesehen. Aber jetzt war ich trotzdem hier. Und sollte es erst mal bleiben. Zumindest war das der Plan meines Vaters.

Nach wenigen Tagen flog er wieder zurück und ich arbeitete im Gemischtwarenladen meines Onkels. Mein Onkel betrieb den Laden mitten in Teheran, ähnlich einem Kiosk oder Späti. Hier konnte man Lebensmittel, Obst, getrocknete Gewürze, aber auch Seifen, Waschmittel und alles Mögliche kaufen. Na super! Jetzt saß ich also allein im Iran fest, und anstatt im Jugendhaus oder im Boxclub abzuhängen, verkaufte ich in einer fremden Sprache Datteln. Nicht gerade meine Traumvorstellung. Dazu kamen die fast fremde Sprache und die fremden Menschen um mich herum. Was für ein Abfuck. Der kulturelle Unterschied zwischen Hamburg und Teheran war ziemlich heftig, aber irgendwann versuchte ich das Ganze als Abenteuer zu begreifen, es vielleicht sogar zu genießen. Über die Wochen stellte ich mir einfach vor, das hier sei ein verlängerter Ausflug – nichts weiter.

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Nach etwa sechs Monaten holte mich mein Vater wieder ab. Urplötzlich stand er im Gemischtwarenladen, in dem ich gerade die Regale einräumte, klopfte mir von hinten auf die Schulter und sagte: »Hey, Kassra. Sieht gut aus, wie du das machst. Übrigens: In fünf Tagen fliegen wir wieder zurück. Du kannst dich schon mal langsam verabschieden.«

Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass mein Vater mir mit diesem Trip klarmachen wollte, was für Möglichkeiten ich in Deutschland hatte, wenn ich mir nur richtig Mühe gab. Was für Chancen es dort gab, während ich im Iran höchstens im Gemischtwarenladen meines Onkels arbeiten konnte. In Deutschland konnte ich die Schule weitermachen, im Zweifel über einen zweiten Bildungsweg, eine solide Ausbildung anfangen und einfach ein ganz normales Leben führen.

Ja, klar, das alles würde ich in Deutschland ganz sicher machen.

Das Rotlicht und der Jugendknast