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Hans Kobsch, der Pommeraner im Herzen, wurde 1928 in Ramelow im Landkreis Kolberg-Körlin geboren. Seine Kinder- und Jugendzeit verlebte er bis zur Vertreibung auf dem großelterlichen Bauernhof in Rabuhn. Als der Krieg die Gebiete Pommerns erreichte gelang ihm die Flucht per Schiff von Kolberg nach Swinemünde, er kam dort zum Militär und gelang durch militärische Einsätze in amerikanische Gefangenschaft in Holstein. Nach seiner Entlassung folgte eine turbulente Zeit im Harz und Norddeutschland sowie bei Angehörigen in Anklam. 1950 heiratete Hans Kobsch, zog nach Stralsund und fünf Jahre später nach Berlin, wo er eine wahre zweite Heimat fand und familiär und beruflich Fuß gefasst hat. Auf dem Anwesen seines Enkels und dessen Familie fühlt sich Hans mit seiner Hannelore wohl. Beide genießen heute ihr Rentnerleben und freuen sich über jeden Zuwachs in der großen Familie, mittlerweile in der vierten Generation. In diesem Buch berichtet der Pommernhans über sein Leben, seine Eindrücke und Erfahrungen. Es enthält auch einen Teil an traurigen und tragischen Ereignissen aus den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs. Das Buch soll so auch ein Appell an alle Leser sein, die in der heutigen, teils turbulenten politischen Zeit orientierungslos sind, auf dass sie eine Zeit der Diktatur und Gewaltverbrechen, wie der Pommernhans sie im Zweiten Weltkrieg erlebt hat, nie wieder die Oberhand gewinnen lassen.
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Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Vorwort
Kapitel I: Pommern – Mein Heimatland
Kapitel II: Meine Kindheit und Jugend
Kapitel III: Flucht und Vertreibung
Kapitel IV: Meine Kriegserlebnisse als Soldat
Kapitel V: Meine wilden Jahre nach dem Zusammenbruch
Kapitel VI: Der Aufbruch in ein neues Leben
Nachwort: Meine Versöhnung mit dem polnischen Volk
Auch Ihnen ist es sicher schon passiert, dass die Kinder und Enkel, wenn sie denn größer und reifer geworden sind, nicht immer nur Märchen hören wollen. Sie wollen aus den Erzählungen und Erfahrungen der älteren Generationen etwas für ihr eigenes Leben mitnehmen. Deshalb sind sie so neugierig.
Eben dieser Neugier meiner Kinder und Enkelkinder ist das Entstehen dieser Biografie geschuldet. Sie kamen mehrmals mit der Bitte zu mir: „Ach Papa, ach Opa, kannst du uns noch einmal dieses oder jenes Erlebnis aus deinem Leben erzählen?“.
Ich tat es immer wieder, bis auf eine Geschichte, wie sie sie Millionen andere Menschen im letzten Weltkrieg ebenso grauenhaft erlebt haben. Die hatte ich bisher für mich behalten.
Dann kam eines Tages der Anstoß: „Du bist doch nun Rentner und gehst nicht mehr arbeiten, kannst du nicht jetzt mal die Geschichten aufschreiben? Dann können wir auch später einmal unseren Kindern etwas davon erzählen und an sie weitergeben.“
Also setzte ich mich eines Tages in einer stillen Ecke unserer kleinen Wohnung hin und sammelte meine Gedanken hierüber. Es dauerte auch nicht lange bis alle meine Erinnerungen wie ein Film vor meinen Augen abliefen. Dann begann ich, zu schreiben. Es hat viele Jahre gedauert und ich spüre jetzt, wo die Zeit im hohen Alter von fast 88 Jahren drängt, dass man nie richtig fertig wird.
Ich merkte schnell, wie schwierig der Anfang war, die ersten Lebensjahre vom Kleinkind bis zur Einschulung, also mein heutiges Erfassen der Phase der Wahrnehmung vieler Dinge und Ereignisse, an die man sich selbst gerade noch so erinnern kann. Alles was davor passierte, kann ich natürlich nur auf Berufung der Erzählungen meiner Oma und anderer Verwandter wiedergeben, eine weitere Quelle oder gar noch lebende Zeitzeugen gibt es leider nicht mehr.
Es ist bedauerlich, dass der Zweite Weltkrieg so viele schöne Erinnerungen zerstört hat, sonst gäbe es auch für mich noch Vieles mehr zu berichten.
Aber beim Schreiben habe ich auch bemerkt, wie wichtig das Niederlegen der Erinnerungen an den Krieg und insbesondere an den Neuanfang für mich war. Bis dahin hatte ich offenbar das gesamte Geschehen noch immer nicht endgültig verarbeitet.
Jetzt geht es mir gut dabei, auch weil ich meiner Familie und meinen Freunden zeigen wollte, wie sehr man an den Frieden glauben kann und wie sehr man dafür eintritt, obwohl man im Innersten doch hasserfüllt sein müsste. Nur so habe ich beispielhaft, wie viele andere Kriegsopfer, Flüchtlinge und Vertriebene, auch meine persönliche Versöhnung mit dem polnischen Volk gefunden.
Weites fruchtbares Land erstreckt sich an der Ostseeküste entlang von der Insel Usedom und der Oder bis nach Osten zur ehemaligen westpreußisch-polnischen Grenze und von der Küste bis in den Süden nach Schneidenmühl und Driesen sowie an die Neumark heran. Das war Hinterpommern mit seinen Regierungsbezirken Stettin und Köslin. Mitten in diesem Territorium lag der Landkreis Kolberg-Körlin, in dessen Zentrum befand sich die wunderschöne Hafenstadt Kolberg.
Die tausendjährige Stadt am Meer entstand einmal aus einem kleinen Dorf und war ungefähr vier Kilometer vom Ostseestrand entfernt und auf einer kleinen Anhöhe am rechten Persanteufer gelegen.
Auf dem Gebiet der Altstadt („Alt Kolberg“) gab es bereits im 9. Jahrhundert eine Siedlung, die im Mittelalter zur Stadt werden sollte. Das dort herrschende Mikroklima machte schon damals den Ruhm dieser Stadt als Kurort aus. Seit vielen Jahren kamen die Kurgäste aus allen Gegenden hierher, um sich zu erholen. Natürliche Solequellen und Moorvorkommen sowie die klare Jodluft haben tausenden Menschen wieder zur Heilung verholfen und es entstanden immer wieder neue Kurheime. Der schöne breite weiße Sandstrand, das kleine Flüsschen Persante und die großen Parkanlagen gaben den Kurgästen immer wieder Anlass, sich zu entspannen. Deshalb wird Kolberg auch heute noch zu Recht als Ostseeperle bezeichnet.
In den letzten Jahren entstanden immer wieder neue Kurhotels im Drei- bis Fünf-Sterne-Bereich – diese bieten allen Gästen, egal aus welchen Schichten sie kommen, einen angenehmen Kuraufenthalt. Vom Strand aus konnte man früher in den angrenzenden Schlosspark gehen, um sich zu erholen und zu entspannen. Dabei stieß man als erstes auf das großangelegte Blumenbeet, welches das Kolberger Wappen abbildete und das farbenfroh jedem Gast entgegen strahlte.
Eingebettet in frisches und sattes Grün befand sich der Rosengarten. Palmen und Bananenstauden umrahmten die Fläche und gaben der gesamten Anlage das Gepräge. Den Wandelgang hinunter traf man auf den Konzertplatz mit der im Hintergrund stehenden Konzertmuschel. Leider hat das schöne Strandschloss den Belagerungen des Zweiten Weltkrieges nicht standhalten können. Es wurde zerstört und danach von den Polen weggeräumt. An dieser Stelle befindet sich heute das moderne „Kurhotel Baltic“.
Früher war das Verkehrsnetz noch nicht so ausgeprägt, da kamen sie oft mit Pferdewagen aus den ländlichen Gegenden heran. Ein großer Teil benutzte aber auch damals schon das Eisenbahnnetz, denn vom Hauptbahnhof aus konnte man in vier verschiedene Richtungen fahren: Entweder nach Köslin, Belgard und Treptow oder mit der Kolberger Kleinbahn bis ins entfernte Regenwalde. Diese Bahnlinie verlief über den Netzknotenpunkt Groß Jestin. Dort konnte man nach Stolzenberg oder Körlin weiterfahren. Der „Regenwalder Zug“ fuhr dann weiter über Trinke, Drosedow und Roman bis Mühlenbruch. Hier konnte man dann nach Greifenberg und Plathe umsteigen. Wie man sieht war zur damaligen Zeit ein ausgedehntes Schienennetz vorhanden. Aber diese Kleinbahn war nicht nur zur Personenbeförderung gedacht, sondern auch für die Versorgung der vielen großen landwirtschaftlichen Betriebe und Landgüter. Es mussten Düngemittel, Brennstoffe und Maschinen angeliefert werden. Auch die Produkte der Landwirtschaft mussten der Industrie zur Verarbeitung bereitgestellt werden. So war es auch bei uns, in meinem Heimatdorf Rabuhn.
Schon im 19. Jahrhundert entwickelte sich Rabuhn von einem Rittergut zu einem Bauerndorf. Anfang der 1930er Jahre begann die große Besiedlung auf den um den Ortskern herum abgezweigten Ackerflächen vom ehemaligen Gutsgebäude in Richtung Wartekow und Pobloth. Rabuhn hat sich fortan immer weiter in die Breite ausgedehnt.
Im Ortskern gab es außer einer Molkerei und der Schule noch eine Schuhmacherei, eine Sattlerei, eine Tischlerei, die Schmiede und das Friseurgeschäft. Ferner gab es noch ein großes Lebensmittelgeschäft sowie zwei große Gaststätten der Familien Franz Zimdars und Gustav Knuth mit je einem geräumigen Saal für jegliche Veranstaltungen, dazwischen lag die Kirche. Neben einem großen Landgut der Familie Österreich gab es außerdem noch zahlreiche Altbauern mit viel Vieh und Weideäckern sowie Waldgebiete.
Rabuhn liegt ca. 25 Kilometer von Kolberg entfernt im südlichen Zipfel des Landkreises und hatte damals keinen direkten Bahnanschluss. Unsere nächsten Zustiegsmöglichkeiten waren entweder Mötzlin an der Körliner Strecke oder Eickstedtswalde an der Stolzenberger Strecke. Durch unsere Rabuhner Lage nahmen wir immer die zweite Möglichkeit in Anspruch, da wir sowieso mit dem Fuhrwerk zum Bahnhof gebracht oder von dort abgeholt wurden. Wenn es aber um die Bevorratung von Heizmaterial oder Kunstdünger ging, wurden für alle umliegenden Bauern aus der Gemeinde Sammeltransporte von der Genossenschaft organisiert. Es war dann immer jemand da, der das Ein- und Ausladen überwachte.
Eickstedtswalde war nicht nur unser nächstgelegener Bahnhof, sondern es bedeutete für uns viel mehr. Jedes Jahr zu Himmelfahrt und auch zu Pfingsten war es ein Muss für alle, mit geschmückten Pferdewagen zum Kämitzsee zu fahren. Es war für jedermann immer wieder eine neue Herausforderung, mit dem bestgeschmückten Fuhrwerk dort zu erscheinen und im Seerestaurant zu feiern.
Der größte Umschlagplatz für Waren war aber der Kolberger Hafen, denn die Stadt lebte damals schon von See- und Binnenhandel sowie von der Salzsiederei. Vom Hafen aus konnte man schon früher mit einem Passagierschiff zu verschiedenen Zielen fahren. Viele Urlauber nahmen gerne diese Annehmlichkeiten in Anspruch. Auf der Westseite des Hafens war die Maikuhle. Dort hatten wir in der Siedlung am Vogelsang Verwandte wohnen, die einen Fischkutter hatten. Von ihnen bekamen wir stets frischen Fisch von ihrem Fang. Außerdem lagen der Fischereihafen und die Fischfabrik auch dort. Neben dem Leuchtturm auf der rechten Seite befanden sich die Lotsen- und die Seerettungsstation. Die Kolberger mussten in früheren Jahren schon mehrere Unwetterkatastrophen überstehen, bei denen auch Schiffe in Seenot geraten waren.
Vom Strand aus konnte man in den angrenzenden Schlosspark gehen, um sich zu erholen und zu entspannen. Auch die prachtvollen Bürgerhäuser, die kleinen und großen Geschäfte sowie die Restaurants und Cafés an der Münderstraße lockten täglich bis in den späten Abend Urlauber und Gäste an.
Auf den Märkten und den breitangelegten Straßen tummelten sich wochentags viele Menschen. Im Stadtzentrum konnte man den alten Dom aus dem 13. Jahrhundert und seinen 98 Meter hohen Turm bewundern. Dem gegenüber befand sich das Rathaus mit seinen Wehrtürmen und seinem tausendjährigen Ratskeller. Allein die genannten Beispiele gaben der Stadt und dem Landkreis diesen guten Ruf.
Ein Pommer kommt ins Himmelreich
und denkt, vor Gott sind alle gleich.
Doch Petrus schaut Ihn an und spricht:
„Ein Pommer im Himmel brauch ich nicht.
Fahr lieber Du hinab zur Erden,
damit die Menschen wie Pommern werden.“
Und Petrus spricht mit Blitz und Donner:
„Ein glücklicher Mensch ist nur ein Pommer.“
Ein Pommer muß mal einen heben,
sein Leben lang will Er nur streben,
das hat Er immer so getan;
drum fängt Er auf der Erd‘ gleich an.
Er ist zwar still, auch etwas schüchtern;
betrachten tut Er alles nüchtern.
Drum baut Er sich zuerst ein Haus
und schmückt es gleich von innen aus.
Nun fängt Er wieder an zu sparen,
Er will ’ne Frau und Kinder haben.
Damit die Menschen hier auf Erden,
wenn möglich alles Pommern werden.
Jetzt hat Er alles gut bestellt,
den Pommern gibt’s auf der ganzen Welt.
Ein jeder kann es ja doch sehen,
wo seine neuen Häuser stehen.
Der Pommer ist ein Pferdefreund,
den Petrus das besonders freut.
Als Dank dafür läßt er Ihn fahren,
’gen Himmel zu den alten Ahnen.
Nun schaut herab vom Himmel Er,
auf sein geschaffen Pommern-Heer.
Im Himmel ist Er nie allein,
denn Engel können nur Pommern sein.
Rosengarten am Strandschloss Kolberg
Strandschloss Kolberg
Kolberg Ende des 19. Jahrhunderts
Kolberg
Inmitten dieser wunderschönen pommerschen Landschaft wohnten und lebten meine Vorfahren. Die Wurzeln der Familien Pittelkow, Rakow, Raasch und Strehlow sind hier zu finden. Ansässig waren diese vorwiegend in den Orten Ramelow, Rabuhn, Karkow und Wartekow. Ramelow war ein großer und an der Reichsstraße 2 in der Nähe von Körlin gelegener Ort und hatte u.a. zwei große Landgüter. Das Untergut mit seinem wunderschönen Schloss gehörte der Familie Dillner, das Obergut jedoch war der Familie von Knobelsdorff zuzuschreiben. Dieser Ort besaß auch eine Bahnanbindung an die Kolberger Kleinbahnen. Von hieraus konnte man in zwei Richtungen abfahren. Auf dem Friedhof des Ortes wurden schon viele Jahre meine Vorfahren der Familien Raasch und Pittelkow bestattet. Diese Gräber sind in all den Jahren durch unsere Großeltern gepflegt worden.
Meine Großeltern und Eltern lebten schon damals mit ihren Angehörigen in dieser Gegend. Die Großeltern hatten die vier gemeinsamen Kinder Willi, Kurt, Lotte und Gertrud. Onkel Willi und Onkel Kurt waren schon verheiratet, Tante Lotte und meine Mutter Gertrud waren angestellt, um – wie es für junge Frauen üblich war – zunächst das Wirtschaften zu erlernen. Meine Tante Lotte war zu diesem Zeitpunkt bei der Familie von Golz in Groß Vorbeck beschäftigt, während meine Mutter auf dem Rittergut der Familie von Knobelsdorff in Ramelow in Anstellung war.
Aber dann, an einem warmen Sommertag, dem 11. Juli 1928 erblickte ein kleiner Junge in Ramelow das Licht der Welt. Meine Mutter war darüber sehr glücklich und durfte nach meiner Geburt noch eine Weile bei der Familie von Knobelsdorff wohnen bleiben. Sehr rasch zog sie es jedoch vor, wieder in ihr sieben Kilometer entferntes Elternhaus in Karkow zu ziehen. Dort lebte auch mein Vater, der schon seit langer Zeit ein Angestellter meines Großvaters war. Meine Eltern waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht verheiratet, deshalb sollte die Hochzeit am Geburtstag meines Opas stattfinden. Es war der 25. September 1928, an dem ich auch getauft wurde. Sie gaben mir den ehrenwerten Namen Hans-Jürgen und hängten gleich noch die weiteren Vornamen Emil und Horst hintendran. Es war damals üblich, dass von den Vorfahren ein oder zwei Vornamen bei der Namensgebung aufgegriffen wurden.
Nach den Erzählungen meiner Oma soll es bei meiner Taufe und Namensgebung richtig Streit gegeben haben, wobei es dann in der Kirche von Wartekow sehr „stimmungsvoll“ zugegangen sein muss. Da ich noch vor der Heirat meiner Eltern auf die Welt gekommen bin, stritten sich nun beide „Familienoberhäupter“ um den Familiennamen. Erst als der Pfarrer sein Machtwort gesprochen hatte, kam Einigkeit auf und so bekam ich den Namen meines Vaters.
In der Folgezeit unterstützte meine Mutter tatkräftig meine Oma im Haushalt. Da mein Opa noch drei weitere Angestellte hatte, die ebenfalls im Haus wohnten und auch dort verköstigt wurden, gab es für beide Frauen immer viel zu tun. Zum Haushalt gehörten auch noch ein paar Tiere. Die Versorgung hatte überwiegend meine Mutter übernommen. Sie konnte sich dann aufrichtig darüber freuen, wenn sie ein paar Erfolge aufweisen konnte, wie beispielsweise bei der Aufzucht der kleinen Ferkel. Einmal stellte mein Opa nach ein paar Tagen aber fest, dass das eine kleine Schweinchen im Wachstum doch etwas zurückgeblieben war und setzte es vom Mutterschwein ab. Unsere Hündin Elli hatte damals gerade Junge und hat (wohl aus Mitleid) das kleine Ferkel mit angenommen und „groß“ gezogen. Nach kurzer Zeit schon war es gesünder und viel kräftiger als seine Artgenossen. Nachdem es dann noch größer und erwachsener wurde war es genauso anhänglich wie der Hund. Es durfte mit ins Haus, spielte mit den Hundewelpen und schlief auch mit ihnen zusammen in der Hundehütte. Wenn etwas zu unternehmen war, taten sie es auch gemeinsam. Sie fraßen zusammen aus einem Napf und spielten gemeinsam, so dass alle Bewohner, die das miterleben konnten, riesigen Spaß daran hatten.
Wenn Oma nach Groß Jestin zum Einkaufen oder zu unserem Hausarzt Dr. Tolks wollte, musste sie immer mit der Kleinbahn dorthin fahren. Da der Bahnhof nur ca. 300 Meter von unserem Haus entfernt war, ging sie immer zu Fuß. Bei dieser Gelegenheit durften dann auch das Schweinchen und der Hund Elli mitgehen – am Bahnhof warteten sie dann geduldig auf den Zug, mit dem Oma zurückkam.
In den kommenden Monaten soll ich mich richtig prächtig entwickelt haben, so dass alle mit meinem Wohlbefinden zufrieden waren. Nur mit dem Laufen hatte ich immer noch so meine Probleme, weil ich wohl ein bisschen pummelig war. Aber ich hatte ja meine Tante Lotte (die Schwester meiner Mutter) sowie Tante Marie (die Ehefrau von Onkel Kurt), die sich rührend und liebevoll um mich kümmerten.
Nach einiger Zeit hatte sich weiterer Familienzuwachs bei meinen Eltern „angesagt“, die Freude über dieses Ereignis war groß und am 26. Dezember 1930 wurde dann meine Schwester geboren. Sie sollte fortan Waltraud heißen. Jedoch, die Freude sollte nicht lange andauern, weil meine Mutter plötzlich schwer erkrankte und am 24. Januar 1931 durch die Krankheit verstarb.
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Für meine Großeltern wurde es danach schwierig, neben ihren täglichen Verpflichtungen nun auch noch mit zwei kleinen Kindern fertig zu werden. Mein Vater stand aber in dieser schweren Zeit meiner Oma stets zur Seite und unterstützte sie, soweit er konnte. Nach den Erzählungen meiner Oma hatte er sich in seiner Freizeit rührend um seine beiden Kleinen gekümmert. Aber als er sich dann nach langer Zeit entschied, wieder zu seinen Angehörigen nach Hof-Göhlenau in Schlesien zurückzugehen, brach für meine Oma eine Welt zusammen. Von dieser Zeit an übernahmen nun unsere Großeltern unsere Fürsorge und es war gewiss keine leichte Aufgabe für sie. Da unsere Verwandten, Tante Lotte und ihr Bruder, Onkel Kurt, in der näheren Umgebung wohnten, kamen sie häufig vorbei und trösteten meine Oma und halfen ihr, so gut es ging.
Im darauffolgenden Jahr reifte bei meinem Opa die Idee, mit der ganzen Familie auf einen Bauernhof zu ziehen. Alle meine Tanten und mein Onkel Kurt stimmten freudig zu. Man hatte einfach aus einem Teil der Ackerflächen des großen Landgutes in Rabuhn viele kleine Parzellen geschaffen und auf diesen im Anschluss entsprechende Gebäude errichtet, die nach der Fertigstellung an künftige Bauern im Losverfahren vergeben wurden.
Nachdem alles geregelt und alle Probleme beseitigt waren, konnten wir im Frühjahr 1932 auf den neuerbauten Bauernhof in Rabuhn ziehen, woran ich mich auch noch heute erinnern kann. Zunächst wurde noch gemalert und tapeziert bevor alle Räume eingerichtet waren. Als dann alles unter Dach und Fach war und wir uns alle ein bisschen eingelebt hatten, wurde es richtig gemütlich. Da die Räumlichkeiten aufgeteilt waren, damit jeder einigermaßen behaglich wohnen konnte, bewohnten unsere Großeltern mit uns beiden Kindern den vorderen Trakt des Hauses. Onkel Kurt mit seiner Familie bewohnte das große Zimmer neben der Küche sowie den oberen Teil des Hauses. Sie brachten damals auch schon eine Tochter mit, sie hieß Waltraud und wurde am 26. Juli 1929 in Stralsund geboren.
Zunächst musste sich mein Opa noch um das fehlende Vieh auf dem Hof bemühen. Es sollten Pferde, Kühe und Schweine und etwas Federvieh angeschafft werden. Dazu musste für dieses Vieh aber auch die Futtergrundlage geschaffen werden, wie Stroh, Heu, Rüben und diverse andere Futtermittel wie z.B. Getreide. Onkel Kurt bemühte sich in der Körliner Maschinenfabrik um die fehlende Technik für unseren Hof, unter anderem auch um ein großes Rosswerk. Alle Bauern der Region benötigten ein solches Rosswerk, um sämtliche Maschinen und Geräte auf dem Hof anzutreiben, weil es noch keinen Strom gab. In der Folge sollten auch die Felder bestellt werden, denn die Saatkartoffeln und das Saatgetreide mussten in den Boden gebracht werden. Damit war dann das Nötigste erledigt und getan. Als Nächstes hieß es aber: Wir benötigen auch Brennmaterial. Kohlen hatten wir zwar schon eingebunkert, aber Holz fehlte noch. Deshalb sind wir, mein Opa, Onkel Kurt und ich, damals gemeinsam in den drei Kilometer entfernten Wald gefahren, um Holz zu schlagen. Bei dieser Gelegenheit konnte ich erleben, wie sich mein Opa und Onkel Kurt kraftvoll bemühten, mit einer Schrotsäge die Bäume zu fällen und zu zerkleinern. Danach wurde alles fein säuberlich aufgeladen. Bei der abendlichen Heimfahrt hatten die Pferde Mühe, in dem sandigen Weg voranzukommen, so schwer beladen war die Fuhre. Auf dem Hof wurde dann alles sauber aufgestapelt. Nur mit dem Zerkleinern der Hölzer war es damals noch ein Problem. Es gab bei uns ja, wie auch bei den umliegenden Nachbarn, noch keine Elektrizität. Somit musste alles wieder mit der Schrotsäge zerkleinert werden. Es war damals eine mühselige Arbeit, für solch einen großen Haushalt und das Viehzeug den Vorrat anzulegen.
Das Rosswerk, welches zum Antreiben von Maschinen benötigt wurde, hatten viele umliegende Bauern auch schon angeschafft. Für den Betrieb wurde dann ein Pferd davor gespannt und ich durfte, solange es nötig war, das Pferd im Kreis herum antreiben. Dies geschah dann hauptsächlich zur Erntezeit bis in den Winter hinein. Meine Oma stand dazu immer auf dem Dreschkasten und musste die gebündelten Garben locker hineinlegen. Für uns Kinder war es jedes Mal ein riesiger Spaß, wenn Erntezeit war und das Getreide eingefahren wurde. Dann waren auch keine Balken zum Hinauf klettern und Hinunterspringen zu hoch. Aber wir Kinder hatten ja so viele Möglichkeiten zum Rumspielen auf dem Hof, da bekam man keine Langeweile.
Eines Tages wurde es aber auch den älteren Hofbewohnern zu bunt mit uns und sie organisierten drei Kindergartenplätze im Ort. Es wurde auch wirklich notwendig, denn sie konnten bis dahin in keiner Weise in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen. So wurden wir nun täglich früh dort hingebracht und abends wieder abgeholt. Es war wirklich eine schöne und auch bessere Zeit für uns, da sich die Kindergärtnerinnen täglich um das Wohl ihrer anvertrauten Schützlinge bemühten. Nur mit dem Mittagsschlaf hatte ich immer so mein Problem. Das zog sich auch noch ungefähr zwei Jahre so hin, bis wir etwas größer und selbständiger waren, denn dann brauchten wir ja auch nicht mehr in den Kindergarten. Wenn aber am Tage schönes Wetter war, durfte ich auch einmal zu meinen beiden Freunden ins Dorf. Es waren die beiden Söhne unseres Schmiedemeisters, Horst und Siegfried.
Der wichtigste Mensch nach dem Tode meiner Mutter war aber nun einmal meine Oma, die sich neben ihren häuslichen Pflichten auch noch ganz liebevoll um das Wohl ihrer in Pflegschaft angenommenen beiden Enkelkinder kümmerte. In ihrer Freizeit war sie stets mit Handarbeiten wie Waschen, Bügeln oder Nähen und Stopfen beschäftigt. Sogar die Wolle von unseren Schafen hat sie gewaschen und zu Garn gesponnen und letztlich für uns Wollsachen davon gestrickt. Neben ihren häuslichen Aufgaben wie Kochen, Braten oder auch Backen für die vielen Leute auf dem Hof, hatte sie auch noch Zeit für manche Überraschungen, um unsere Kinderherzen höher schlagen zu lassen. Ganz besonders an den Geburtstagen oder an den Feiertagen standen diverse Leckereien auf dem Speiseplan. Das Ausstechen des Gebäcks zu den Feiertagen übernahmen wir Kinder, es wurde dann so viel davon gebacken, dass es noch tagelang zum Naschen reichte. Brot wurde schon lange nicht mehr auf dem Hof gebacken, dafür kam dienstags und freitags der Bäcker Treu aus Groß Jestin mit seinem Planwagen vorbei und lieferte die frischen Backwaren an. Für uns Kinder gab es dann immer eine große Tüte mit Zuckerschnecken. Dafür wollte ich mich dann aber auch eines Tages erkenntlich zeigen und meiner Oma ein bisschen helfen. Darauf sagte sie dann aber: „Lass mal mein Junge, du wirst in deinem Leben noch so viel arbeiten müssen – geh mal lieber mit den anderen Kindern spielen“. Sie hatte so Recht damit, denn die anderen Kinder waren schon voll im Gange mit dem Spielen.
Mittendrin im Getümmel beim Spiel war auch immer unsere kleine Ziege. Obwohl sie noch keine Hörner hatte, konnte sie richtig zickig werden. Denn so manch sanften Stoß versetzte sie uns doch schon, wenn es ihr zu viel mit uns wurde. Es gab aber auf dem Hof auch viele Möglichkeiten zum Spielen oder zum Verstecken, so dass man richtig intensiv suchen musste! Bei schönem Wetter stand immer etwas Interessantes auf dem Programm. Eines Tages hatten sich die Kleinen beim Versteckspielen etwas ganz Besonderes einfallen lassen und sich nun im Käfig der Junghühner versteckt. Anschließend mussten sie eine böse Überraschung erleben, denn ihre ganzen Körper waren voller Flöhe! Meine Tante Marie, die Ehefrau von Onkel Kurt, und meine Oma schlugen die Hände über den Kopf zusammen und waren voll damit beschäftigt, die Kleinen von den Plagegeistern zu befreien. Da ich der Älteste von allen war, bekam ich die Schuld dafür, da ich besser hätte aufpassen müssen. Ich sagte mir nur noch: „Aus Schaden wird man klug!“ Das war für alle Beteiligten eine Lehre und wir machten in Zukunft einen großen Bogen um den Hühnerkäfig. Am Abend waren wir dann alle so müde vom Rumtollen, so dass wir nach dem Essen sofort ins Bett fielen.
Da meine Großeltern in ihrem Elternhaus sehr christlich erzogen worden sind, wurden ihre Kinder und auch die Enkelkinder natürlich auch in diesem Glauben erzogen. Neben den täglichen Gebeten zu den Mahlzeiten wurde abends etwas aus der Bibel vorgelesen. Jeden Sonntag wurden die Pferde vor den Kutschwagen gespannt und wir fuhren dann gemeinsam zur Kirche nach Wartekow. Hier wurden damals schon meine Mutter und ihre drei Geschwister getauft, konfirmiert und später auch getraut. Da meine Mutter auch auf diesem Friedhof bestattet wurde, verweilten wir oft einen Augenblick an ihrem Grab.
Zum Mittagessen waren wir dann wieder zu Hause und nahmen, nachdem mein Opa die Pferde im Stall untergestellt hatte, am großen Tisch in der Küche unsere Plätze ein. Also, wenn das Essen aufgetragen wurde, war es für unsere Großfamilie schon sehr beengt! Was wird wohl sein, wenn wir Kinder größer werden, dachte ich in diesem Moment.
Inzwischen war wieder etwas Zeit vergangen und meine Tante Lotte hatte ihre Wirtschaftslehre bei der Familie von Golz in Groß Vorbeck mit Erfolg beendet und konnte uns nun öfter besuchen. Meist brachte sie ihren Freund mit. Tante Lotte hatte so ein mütterliches Wesen an sich, so dass es uns immer etwas traurig machte, wenn sie wieder mit ihrem Max nach Hause fuhr. Sie wohnten zu dieser Zeit noch bei seinen Eltern in Trinke. Nach einer Weile hörte man von allen Seiten, dass sie wohl vorhatten, bald zu heiraten. Dabei war auch im Gespräch, dass sie dann gegen Ende des Jahres 1933 bei uns auf dem Bauernhof feiern wollten. Als der Zeitpunkt näherkam, war schon eine helle Aufregung im Hause zu spüren. Zunächst wurde ein Schwein geschlachtet, auch wurde in Mengen gebacken, gekocht und gebraten. Dann war es soweit: Die ersten Kutschwagen trafen schon am Vormittag bei uns auf dem Hof ein und ehe man sich versah, waren alle Räume voller Gäste! Später reihten sich alle Kutschwagen hintereinander ein, um zur Trauung in die Kirche nach Wartekow zu fahren. Ich weiß auch nicht mehr, wie viele Gäste es waren, aber für mich und die anderen Kinder war es das erste große Fest, was wir gemeinsam und bewusst erleben durften.
Nach der Hochzeit zogen Tante Lotte und ihr Max nach Roman, wo dann ihre ersten beiden Kinder, Sieglinde und Eva, geboren wurden. Etwas später zogen sie nach Pinnow, weil mein Onkel Max dort eine bessere Anstellung bekam. Hier in Pinnow wurden dann Sohn Horst und die Zwillinge Klaus und Eberhard geboren. Meine Oma, meine Schwester und ich waren oft bei ihnen und wir fanden es immer toll, wenn wir mit den Kindern spielen konnten. Tante Lotte hatte wirklich viel Arbeit in ihrem Haushalt – schließlich gehörten dazu auch noch vier Angestellte, die ebenso versorgt werden mussten. Trotzdem hat sie stets noch Zeit für uns Kinder finden können. Später bekam sie Unterstützung durch eine Haushaltsgehilfin, sie hieß Anna. Sie war auch nicht mehr so jung, hatte aber ihr Herz am richtigen Fleck, wie man so schön sagt, und sie hatte im Haushalt alles im Griff. Im folgenden Frühjahr kam ein lang ersehnter Zeitpunkt für mich immer näher, es war der 1. April 1934: Mein erster Schultag. Mein Opa hat es sich nicht nehmen lassen, mich zu begleiten. So hat er es auch an den folgenden Tagen immer noch eingerichtet, mich von der Schule abzuholen. Ich hatte bis dahin wirklich eine unbeschwerte Kindheit, aber nun begann auch für mich der Ernst des Lebens. Ich musste ja nun jeden Morgen sehr früh aufstehen und immerhin hatte ich von all den anderen Mitschülern den weitesten Schulweg von fast zwei Kilometern.
Zu meinem 6. Geburtstag, es war der 11. Juli 1934, kam dann mein Vater zu Besuch und brachte mir ein Fahrrad mit. Nun brauchte ich diesen weiten Weg nicht mehr laufen, sondern fuhr mit dem Rad.
In den beiden folgenden Jahren kamen dann meine Cousine Waltraud und danach meine Schwester in die Schule. Nun war der Weg zur Schule nicht mehr so langweilig, denn genug Gesprächsstoff gab es immer. Auf dem Schulweg gesellten sich dann aber immer noch ein paar andere Kinder zu uns. Es waren die Nachbarskinder Willi und Herbert Hoppe, Werner Götting, Walter und Gerda Borkenhagen sowie Gerda Leitzke. Unterrichtet wurden wir alle von Herrn Otto Sieg, der schon so seine Probleme mit uns hatte. Nicht nur in der Schule, auch auf dem Schulweg lief nicht immer alles so glatt mit uns. Einer von uns heckte immer etwas Neues aus. Manchmal musste auch der Lehrer auch zu drastischen Maßnahmen übergehen. Ich selbst konnte mir sowieso nicht so viel erlauben, da er mit unserer Familie sehr gut befreundet war und sie alle Ungezogenheiten immer schneller erfahren hätte, als man es dachte.
Nach der Schule habe ich, soweit es möglich war, meinem Opa beim Füttern der Tiere geholfen, denn ich sah, dass er trotzdem noch genug zu tun hatte. In der ganzen Umgebung hatte er aufgrund seines Bekanntheitsgrades bei vielen die Hausschlachtungen durchgeführt und war dadurch immer viel unterwegs. So habe ich mir dann, wenn die Felder abgeräumt waren, die Pferde vorspannen lassen, um die Stoppelfelder umzuschälen. Der Acker musste ja auch schnell für die Wintereinsaat vorbereitet werden.
Für leichte Aufgaben war ich sowieso immer zu haben. So zum Beispiel auch wenn die Dreschmaschine gebraucht wurde – dann musste ich mit einem Pferd das große Rosswerk antreiben und das ging dann bis zum Abend.
Als dann aber 1936 für alle Höfe, die um den Ortskern herum angesiedelt waren, die Elektrifizierung durchgeführt wurde, kam bei allen betroffenen Bauern große Freude auf. Von da an brauchten wir auch keine Petroleumlampen mehr, obwohl es am Abend damit auch sehr gemütlich sein konnte. Dieser neue Fortschritt brachte allen Bauern große Erleichterung, aber zu dieser Zeit auch enorme Kosten mit sich. Jetzt mussten natürlich auch noch einige alte Geräte und Maschinen durch modernere ersetzt werden. So musste auch das alte Rosswerk weichen und ich brauchte es nicht mehr wie bisher im Kreise mit einem Pferd antreiben. Durch diese Neuerungen bekam aber natürlich auch der ganze Hof insgesamt ein besseres Aussehen.
Unsere Großeltern Anna und Emil Strehlow
Onkel Richard Raasch mit Ehefrau Martha und Tochter aus Berlin-Zehlendorf
Meine Cousins in der Schweiz, ehemals aus Pinnow Kreis Plathe
Hochzeit von Ella Raasch 1934
Tante Marie mit den Kindern Gisela und Christel aus Drosedow Kreis Kolberg/Körlin
Großonkel Herman und Ehefrau Anna Strehlow aus Peterfitz Kreis Kolberg/Körlin mit Schwester Grete und Familie aus Mölln-Ostsee
Mein Vater mit meiner Schwester Waltraud auf dem Schoß, ich stehend, 2 Jahre alt
Die Grundstücke von Rabuhn-Ausbau waren so angelegt, dass sich immer zwei Höfe gegenüberlagen
Karte von Rabuhn, mein Schulweg
Nach all diesen Aufregungen war aber erst einmal wieder eine Feier in Aussicht. Tante Ella, die Tochter von meinem Großonkel Franz in Strippow, wollte unbedingt heiraten. Natürlich durften auch wir Kinder bei so einer Feier nicht fehlen, das war klar! Mein Opa hatte aus diesem Anlass den Kutschwagen hergerichtet. Als dieser dann endlich angespannt war, konnten wir alle Platz nehmen. Es war eine große und lustige Hochzeitsgesellschaft und wir Kinder konnten nach Herzenslust mitmischen. Lange danach haben wir noch von dieser Feier geschwärmt.
Die Zeit verging weiter wie im Fluge und schon war der Sommer da. Die Getreideernte stand wieder vor der Tür. Alle Gerätschaften und Maschinen wurden schon vorher überholt und für ihren Einsatz fertiggemacht, damit das Getreide rechtzeitig gemäht werden konnte. In den folgenden Tagen wurde es dann in die Scheune eingefahren. Für uns Kinder war es immer ein riesiger Spaß, wenn wir in der Scheune auf den vielen Balken herum kraxeln konnten und dann von oben in das frisch eingefahrene Getreide rein springen konnten.
Einige Wochen später mussten wir uns dann schon wieder auf die bevorstehende Kartoffelernte vorbereiten. Dazu hatte sich mein Onkel Kurt der Überprüfung der benötigten Geräte angenommen. Aber trotz seiner Bemühungen waren wir noch auf Hilfe aus der Nachbarschaft angewiesen, denn jede Hand wurde zum Sammeln der Knollen gebraucht. Wenn dann während dieser sehr anstrengenden und harten Zeit der Ernte alle Erntehelfer mit der Familie zu einer kleinen Kaffeepause in einer gemütlichen Runde zusammen kamen, war die ganze Anstrengung des Alltags für kurze Zeit vergessen. Es war eine gute Ernte in diesem Jahr, so dass mein Onkel Kurt nachdem der Wagen beladen war, sofort die Kartoffeln in der Nähe des Gehöfts in einer langen Miete einbrachte. Danach wurde die ganze Kartoffelmiete mit Stroh bedeckt, damit die Kartoffeln vor dem nahenden Winter auch tatsächlich vor Frost geschützt waren.
Es wurde wieder kälter, die Novembertage waren schon sehr düster und der Wind spielte mit dem am Boden liegenden Laub. Für die ersten Tage der kalten Jahreszeit war auch bereits Frost vorhergesagt, da musste man sogar schon Handschuhe anziehen. Meine Oma hatte jedoch gut vorgesorgt und mir für diese Jahreszeit einen dicken Rollkragenpullover sowie ein paar Strümpfe gestrickt. Die Wolle stammte wie gewohnt von unseren eigenen Schafen, die jedes Jahr geschoren wurden. Dennoch spürte auch ich trotz dieser guten Ausrüstung, wie kalt es draußen geworden war. Mit roten Wangen und einem von Kälte gezeichnetem Gesicht trat ich dann immer ins Haus ein. Dieses Markenzeichen trug ich als einziges Kind der Familie, worüber sich alle amüsierten. Wie so oft war Oma auch in diesen Tagen gerade dabei, die frisch gewaschene Wäsche zu bügeln. Sie hatte dazu ihr Bügelbrett über die Tischkante und eine Stuhllehne gelegt. Mit ihrem großen Dampfbügeleisen fuhr sie dann immer der Länge nach hin und zurück, so als wenn eine zischende Dampfmaschine darauf lang fuhr. Und dann war es wieder – wie an all den anderen Tagen – Zeit ins Bett zu gehen. Meine Schwester hatte sich schon unter der Bettdecke verkrochen und schlief. Draußen pfiff der Wind sein Lied um die Ecken, während uns drinnen der Ofen anlachte. Es war dann immer so gemütlich, wenn man auf der Bank am Ofen sitzen konnte und Oma uns eine Geschichte oder ein Märchen vorgelesen hat. Am nächsten Morgen ging es dann wieder gemeinsam mit den anderen Kindern den weiten Weg zur Schule. Ich hatte wirklich den weitesten Weg, der noch dazu unbefestigt und teils unzugänglich war. Unser Gehöft lag mitten auf weiter Flur, fernab vom Ortskern. Oft kamen wir mit nassen Schuhen in der Schule an. Wir hatten nur ein Nachbargehöft in unmittelbarer Nähe, geführt wurde der Hof von einem freundlichen Geschwisterpaar. Uns Kindern hatten sie erlaubt, Tante und Onkel zu ihnen zu sagen.
Die Siedlungen waren so angelegt worden, dass sich immer zwei Höfe gegenüber lagen – also rechts und links vom Weg.
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Im Winter, noch vor Weihnachten, planten die Großeltern eine Reise. Sie wollten mit uns in den gerade begonnenen Ferien nach Schlesien zu meiner anderen Oma fahren. Es war schon eine helle Aufregung im Haus zu spüren, besonders unter uns Kindern. Ein paar Tage später wurden wir frühmorgens von einem Bekannten meines Opas mit dem Auto abgeholt. Herr Schuhmacher, Musiker aus Schivelbein, brachte uns mitsamt Gepäck zum Bahnhof. Die Fahrt zu den Großeltern dauert sehr lange, war aber auch erlebnisreich. Sie verlief über Stettin, Berlin, Breslau, Waldenburg und Friedland. Dort wurden wir von unserem Onkel abgeholt und nach Hof-Göhlenau gefahren. Für uns Flachländer war das hier Vorgefundene doch sehr beeindruckend: Hohe Berge und Wälder ringsum und alles war schneebedeckt.
Nachdem wir am Ziel waren, wurden wir von allen Verwandten, aber auch von meinem Vater und meiner lieben Oma Berta sowie von meinem Cousin Walter herzlichst begrüßt. Walter konnte es schon gar nicht mehr erwarten, uns die umliegenden Berge zu zeigen und danach mit dem großen Schlitten die hohen Hänge hinab zu fahren. Es wurde an dem Tag schon langsam finster, wir aber sausten immer noch die steilen Hänge hinab. So etwas kannten wir von unserer pommerschen Heimat natürlich nicht.
Es gab wohl jedes Jahr auch bei uns im Norden wieder einen Winter, aber die hohen Berge hatten wir nicht. Auch bei meiner anderen Oma konnte man sich so richtig wohlfühlen. Alle Verwandten waren dort ebenfalls ganz lieb zu uns, obwohl wir keinen Menschen von diesem Familienteil bis dahin kannten.
Meine Oma besaß in Hof-Göhlenau ein kleines Kolonialwarengeschäft, in dem man fast alles kaufen konnte. Ich war stets rundum und besonders zufrieden, wenn ich bei meiner Oma hinter dem Ladentisch stand und ich mich nach Herzenslust bedienen durfte! Der Opa dort in Schlesien besaß früher eine schöne Fleischerei mit einer angeschlossenen Gaststätte und unterhielt nebenbei ein Fuhrgeschäft im Ort. Das Fuhrgeschäft lag gleich an dem Ortseingang, den man von Friedland kommend passiert.
An einem der Tage dort war es nun wieder Abend geworden und wir wurden alle zum Abendessen aufgefordert. Schnell wurden noch ein paar Erlebnisse vom Tage ausgetauscht und dann gingen wir ins Bett. Schließlich waren wir vom Erlebten so müde, dass wir sofort einschliefen.
